Alles hängt an den Frauen
Die Wirtschaftskrise im Senegal entmachtet die Männer.
Dakar. - Mit 700 000 CFA-Fr. (rund 1750 Franken) hatten 20 Frauen 1993 zu sparen begonnen. Immer wieder bezahlten sie minimale Beträge ein: 100 CFA-Fr. (25 Rappen), 200 CFA-Fr., was ihnen halt so blieb nach einem Markttag, an dem sie einiges gehandelt und das Lebensnotwendige für die Familie eingekauft hatten. Die Frauengruppe hatte am Markt einen Schalter für Einzahlungen eingerichtet, damit die Frauen erst gar nicht mit dem Geld nach Hause gingen, wo ein arbeitsloser Mann oder die arbeitslose Jugend nur auf ein paar Münzen warteten. "Wir raten den Frauen, ihr Bankbüchlein unter dem Rock zu verstecken", sagt lachend eine der Initiantinnen.
Unterdessen ist die Zahl der Frauen auf 300 angewachsen - und das Kapital des Sparvereins auf 32 Millionen CFA-Fr., das sind satte 80 000 Franken. Jetzt ist genug Geld vorhanden, damit die Frauen direkt vom Produzenten in grösseren Mengen Reis oder Öl kaufen und damit die Mittelsmänner ausschalten können. Sie gewähren sich reihum Kredite, um kleine Investitionen zu tätigen, vielleicht eine Ziege zu kaufen oder ein paar Päckchen Zigaretten und Kaugummis anzuschaffen, um sie mit minimalem Gewinn unter die Leute zu bringen: wieder 100 CFA-Fr. fürs Bankbüchlein. "Am Anfang waren wir nur Frauen", sagt eine Aktivistin mit ganz neuem Selbstbewusstsein. "Wir hatten Angst, dass die Männer die Kredite nicht zurückzahlen würden." Unter den Frauen ist die Rückzahlungsquote hervorragend, sie schauen schon dazu, dass nach vier Monaten eine andere drankommt und ihre Chance erhält. 20 000 Frauen haben sich in Dakar schon zu solchen Sparvereinen zusammmengetan.
Bisher war es der Wucherer, der das Kapital zur Verfügung stellte. "Wenn du dir am Morgen 5000 CFA-Fr. geliehen hast, warst du schon am Mittag 5500 CFA-Fr. schuldig, und wenn du nicht bezahlen konntest, waren es am andern Tag noch einmal 500 mehr", sagt eine Frau. Jetzt ist kein Zins mehr fällig - der Islam verbietet es eigentlich, Zinsen zu nehmen -, es werden nur Unkosten von fünf Prozent berechnet.
Folgenschwere Abwertung
Die Frauen in der Stadt haben ganz neue Aufgaben übernehmen müssen.
Früher war es die Aufgabe des Mannes, für das nötige Bargeld
aufzukommen, die Frau war für den Haushalt zuständig; auf dem Land
pflanzte sie auch die Nahrungsmittel für den Eigengebrauch.
Aber die Wirtschaftskrise hat diese Aufgabenteilung auf den Kopf gestellt. Mit der "strukturellen Anpassung", die Weltbank und Internationaler Währungsfonds dem Land verpasst haben, sanken die Einkommen massiv; unzählige Arbeitsplätze gingen verloren. Allein die Abwertung des an den französischen Franc gebundenen CFA-Fr. um 50 Prozent verteuerte die Nahrungsmittel um 40 Prozent, reduzierte das ohnehin bescheidene Einkommen der Lohnbezüger um 30 Prozent. Viele Männer - es gehört im islamischen Senegal zum guten Ton, wenigstens zwei Frauen zu haben - können seither nicht mehr für ihre Familien aufkommen.
Die Frauen müssen jetzt auch noch schauen, dass etwas Geld hereinkommt. Das hat zu einer eigentlichen Entmachtung der Männer zugunsten der Frauen geführt.
An den Frauen bleibt jetzt alles hängen, dafür geben sie aber auch immer mehr den Ton an. Das wirkt sich auch auf die Demographie aus. "Natürlich wollten die Frauen schon immer, dass ihre Kinder zur Schule gehen, recht angezogen sind, bequem leben können", sagt eine ehemalige Hebamme. "Es waren die Männer, die möglichst viele Kinder wollten. Jetzt sagen wir: Es reicht."
"Früher wollte
mein Mann nicht, dass ich arbeite", sagt eine Frau in dem schönen
langen Gewand mit dem koketten Kopftuch, "jetzt schon." Aber die Frauen
sind nicht nachtragend. "Mein Mann bleibt mein Mann", sagt Amada.
"Ich bin Muslimin und respektiere ihn. Ich frage ihn um Erlaubnis, wenn
ich das Haus verlassen will." (bä.)
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Münster
Universitäts-Zeitung 01/1998 vom 2. Februar 1998
Verstehen statt pauken
Erziehungswissenschaftler untersuchten Bildungssystem im Senegal
Noch immer ist Französisch die offizielle Nationalsprache in Senegal, noch
immer kann nur der im sozialen Rang aufsteigen, der die Sprache der einstigen
Kolonialmacht beherrscht. Und so ist auch das öffentliche Bildungssystem
in dem afrikanischen Land ganz am französischen Vorbild orientiert. Von
der ersten Klasse an wird in französisch unterrichtet, Religionsunterricht
ist tabu. Alternativen zu dem öffentlichen System sind die privaten - und
teuren - katholischen Schulen, arabische Schulen und Koranschulen. Sie alle
haben unterschiedliche Lehrinhalte und unterschiedliche Formen der Vermittlung.
Eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützte Studie unter
der Leitung von Prof. Jens Naumann vom Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft
hat sie verglichen.
"Im internationalen Vergleich schneiden senegalesische Schüler schlecht
ab", erklärt Ulrike Wiegelmann, Mitarbeiterin an dem Projekt, bei
dem 400 Kinder in der vierten und sechsten Klasse befragt wurden. "Uns
hat es nun interessiert zu erfahren, wie der Leistungsvergleich zwischen den
Schulsystemen aussieht." Die Schulpflicht ist gesetzlich vorgeschrieben,
doch die öffentlichen Schulen können nur die Hälfte aller Kinder
aufnehmen.
Getestet wurden einfache Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen. "Dabei haben wir uns daran orientiert, was die Kinder im Alltag tatsächlich brauchen", erklärt Wiegelmann. Schüler arabischer Schulen schnitten im Lesen und Schreiben besser ab als die öffentlichen Schulen im ländlichen Millieu, während beim Rechnen die Schüler französischer Schulen die Nase vorn hatten. Bei den Koranschülern war ein standardisierter Gruppen-Test nicht möglich. Bei individuellen Übungen stellte sich heraus, daß sie zwar schreiben können, aber nicht verstehen, was sie schreiben.
Die unterschiedlichen Fähigkeiten sind für Wiegelmann vor allem auf die Sprache zurückzuführen, in der unterrichtet wird. An den staatlichen Schulen ist Französisch von der ersten Klasse an Unterrichtssprache, einheimische Sprachen spielen keine Rolle. Die Kinder, die aus rund 20 Sprachstämmen - die wichtigste Verkehrssprache ist das Wolof - kommen, werden unvorbereitet mit einer fremden Sprache konfrontiert und lernen sie, ohne daß der Stoff in eine senegalesische Sprache übersetzt wird.
Rigider noch ist das System in den Koranschulen. Sie waren lange Zeit die einzigen Schulen, die die Lehre des Islam vermittelten. Rund 90 Prozent aller Senegalesen sind Anhänger des sufistischen Islam. "Die Eltern erwarten, daß den Kindern Grundlagen ihrer Religion vermittelt werden", erklärt Wiegelmann. Fast alle Kinder besuchen eine Koranschule, für viele ist es die einzige Schule, die sie je besuchen. Hier wird in Gruppen gelernt, in denen Schüler unterschiedlichen Alters sitzen, das Tempo bestimmt jeder selbst. Wichtigste Aufgabe ist das Auswendiglernen des Koran, der in Arabisch abgefaßt ist, einer Fremdsprache für die Kinder. Dabei ist es - zumindest in der ersten Ausbildungsphase - gleichgültig, ob die Kleinen verstehen, was sie auswendig gelernt haben.
Modernisierungsbewegungen innerhalb des Islams haben eine weitere Schulform ins Leben gerufen: private arabische Schulen, die häufig auf Initiative der Bevölkerung entstanden, lehren gleich von der ersten Klasse an Arabisch als Fremdsprache. So verstehen die Kinder, was sie lernen, doch sie lernen eine Sprache, die in Senegal nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung tatsächlich gesprochen wird: "Ein Abschluß arabischer Schulen ist nichts wert, denn er ermöglicht nur in wenigen Fällen den Übergang in das öffentliche höhere Bildungssystem."
Die deutschen Forscher richteten ihr Augenmerk auch auf den sozialen Hintergrund der Kinder. Dabei zeigte sich ein "immenser" Unterschied zwischen Stadt und Land: "Kinder auf dem Land bräuchten eigentlich ein intensiveres Training, doch sie werden eher noch benachteiligt", meint Wiegelmann. Die fortschreitende Armut auf dem Land zwinge viele Eltern, die Kinder auf Koranschulen zu schicken, wo sie in internatsähnlichen Gemeinschaften leben. Gerade in den Städten werden sie dort schlecht versorgt und müssen für ihren Lebensunterhalt betteln.
Damit die Kinder auf dem Land in der Nähe ihrer Eltern leben können, unterstützt UNICEF Koranschulen im ländlichen Raum. "Aber es gibt Vorbehalte in den islamischen Kreisen gegen ein Programm, das aus dem Westen kommt", sagt Wiegelmann. "Immerhin passiert etwas, vor zehn Jahren konnte man noch nicht einmal über die katastrophalen Lebensbedingungen und die schlechte Ausbildung in vielen Koranschulen sprechen."
Ein weiteres Problem ist ebenfalls zum Thema geworden: Durch den zunehmenden internationalen Druck und den teilweisen Rückzug Frankreichs aus der Verantwortung für die ehemaligen Kolonien wird seit Beginn der 90er Jahre die Alphabetisierung im non-formellen Bereich stärker gefördert. Und auch über die Integration der Nationalsprachen in die öffentliche Grundbildung als Ausweg aus der Bildungskrise wird diskutiert.
http://www.universes-in-universe.de/car/dakar/1998/d-vogel.htm
Africa Light
Rezension von Sabine Vogel
»Pinkeln verboten. S'il vous plait« steht an der sandfarbenen Mauer gegenüber des Kulturhauses. Im Garten wird Saft ausgeschenkt. Er schmeckt wie von der Mutter des Premierministers selbst ausgepresst, und wie es heißt, hat sie auch das Monopol dafür. Bezahlt wird über Coupons, die man bei einer Gruppe biertrinkender Männer an einem anderen Tisch unter einer der zerzausten Palmen erhält.
Bis vor einem Jahr diente das Maison de Culture noch als Domizil für einen in Ungnade gefallenen Politiker, der hier seinen langjährigen Hausarrest nobel absaß. Noch sind die meisten Büros der zukünftigen Abteilungen unmöbliert, aber Baba Ibnou, der Präsident der neuen Kulturinstitution und sein Propagandabeauftragter sind umso erfüllter von ihrer Mission: Kommunikation, Kultur, Kontakte. Es gibt noch kein Faxgerät, aber immerhin eine repräsentative Couchgarnitur im Chefzimmer. Der große Versammlungsraum, in dem die Konferenzen der Biennale abgehalten werden, ist airconditioned und hat eine funktionierende Simultanübersetzungsanlage.
Die Dakar Biennale ist international. Künstler aus ganz Afrika können sich bewerben und eine fünfköpfige Jury aus Kuratoren entscheidet über die Einladungen an die Teilnehmer. Ausnahmen werden gemacht. Nicht ausschließlich alle der in diesem Jahr beteiligten Künstler wohnen wirklich in Afrika. Und nicht alle wußten von ihrer Bewerbung. Gewisse Entscheidungsfreiheiten billigte man den Kuratoren zu, denn viele der mittlerweile erfolgreichen afrikanischen Künstler würden sich vermutlich nie selbst bewerben. Affirmative Zuwendungen der EU ermöglichten diese dritte panafrikanische Kunstbiennale mit rund 40 bildenden Künstlern in der Hauptausstellung, fünf Einzelselektionen und einem breiten Rahmenprogramm. Die ganze Veranstaltung ist kostengünstig auf eine Woche komprimiert. Danach versinken Dakar und seine berühmte Sklaveninsel Gorée wieder in die lasziv verschlafene Apathie des afrikanischen Alltags.
Der Preis der Jury ging an Viye Diba, einen renommierten Künstler aus Senegal, für seine wüstenfarb-monochromen Leinwände, auf denen an Fetische erinnernde Säckchen hängen. »Das ist doch genauso gut wie Polke«, begeistert sich der europäische Kurator Alfons Hug, Ex-Bereichsleiter des Hauses der Kulturen der Welt. »Hier ist alles immer so dekorativ«, bemängelt hingegen die Züricher Kunstkritikerin Kojo aus Kamerun. Im Gegensatz zur Agressivität der Johannesburg Biennale, die sich im letzten Jahr mit einer völlig an New Yorker Kunstmarktkriterien orientierten Internationalität und der Ignoranz des Lokalen ins höchstwahrscheinliche Aus katapultiert hat, dominiert in Dakar die friedlich bunte Harmlosigkeit und eine heitere Freundlichkeit. In aller Bescheidenheit und Unaufgeregtheit beweisen die afrikanischen Kunstwerke in Dakar selbstbewußt das Versagen des kolonialen Blickes. Defense D'Uriner S.V.P
Die »Question d'Identité« (Identitätsfrage) von Dominique Zinkpe aus Benin, ein opulenter Voodoo-Altar, erinnert so auch eher an Nougatpralinen denn an geronnenes Opferblut. Die bleichen Knöchlein der typisch modern-afrikanischen Assemblagen zitieren das gleißende Sonnenlicht der Sanddünen und den badewannenwarmen salzigen Ozean mehr als den Tod. Statt der Kabakov'schen Slumhütte des Südafrikaners Pat Mautloa, der zwar eingeladen aber irgendwie doch nicht da war, hängen nun die Türblätter von Tiébéna Dagnogo als malerisch aufbereitete Kompositionen an der Wand. Der in Paris und darüberhinaus längst begehrte Maler Chérie Samba malt nun Chérie Samba beim Geldzählen angesichts des Preisverfalls seiner Bilder. Senegal, das ist »Africa light«, bringt der Goethe-Institutsleiter Franke die Stimmung auf den Punkt. In Dakar gibt es Baguettes, doppellagiges Clopapier, ein paar bettelnde großäugige Kinder und den sportlichen Stress um die Taxigebühren.
Afrika? Wer ist
das? Antonio Olé, der Künstler aus Luanda, hat neben seiner Arbeit
auch die Installation des Kubaners Kcho auf Gorée aufgebaut, weil jener
wie üblich verhindert war. Für Afrika will und kann er nicht sprechen.
Er lacht. Angola und seine Geschichte machen ihm schon genug zu schaffen. Er
hofft, dieses Kapitel bis zur Jahrtausendwende abzuschließen. Außerdem
bearbeitet er nebenbei noch seine jüdische Herkunft. Letztes Jahr hat er
im Rahmen von »Remote Connection« in Jerusalem ausgestellt. Afrika?
Eine Autostunde von Dakar entfernt lebt eine Künstlerkommune im Niemandsland
der ozeannahen Wüste und versucht, sich in Sozialprojekten mit den Einwohnern
der umliegenden Dörfer nützlich zu machen. Sie laden uns zum Essen
ein. »Wir nehmen kein Geld«.
Evangelischer
Pressedienst 20/21/ 1998
Entwicklungshilfe für die Fischer des Nordens
Kleinfischer in Afrika sind die Verlierer der EU-Fischereiabkommen von Katja
Hansen
"Die entwicklungspolitische Kohärenz mit anderen Ressorts sicherstellen"
will die neue Regierungskoalition in Bonn. Diesem Ziel sah sich auch die alte
Regierung verpflichtet - an der Umsetzung haperte es bekanntlich. "Kohärenz
bedeutet, daß sich die verschiedenen Politiken unterschiedlicher Akteure
in ihrer Wirkung auf die Entwicklungsländer im Sinne der entwicklungspolitischen
Ziele ergänzen und verstärken, zumindest aber nicht neutralisieren
oder behindern", so die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung in
einer Studie. Die Nord-Süd-Initiative Germanwatch hat kurz nach der Wahl
auf einer Fachtagung die Dringlichkeit der "Nord-Süd-Kohärenz
der deutschen Politik" unterstrichen und Fallbeispiele inkohärenter
Politik vorgelegt.
Ein eklatantes Beispiel ist die Fischereipolitik der Europäischen Union,
die Katja Hansen in einer von Brot für die Welt finanzierten Studie untersucht
hat: Die Europäische Union (EU) konterkariert mit ihrem Fischereiabkommen
mit den Ländern Afrikas, der Karibik und des Pazifik (AKP-Staaten) ihre
Entwicklungsmaßnahmen für den Fischereisektor der Partnerländer.
Regionaler Schwerpunkt der Unterstützung des Fischereisektors ist Westafrika.
Entwicklungsgelder fließen in die handwerkliche Fischerei, während
EU-Flotten gleichzeitig Fanggründe zerstören, die bisher die Existenz
lokaler Küstenbevölkerungen sicherten. Kleinfischer der AKP-Länder
gehen als Verlierer aus diesem ungleichen Konkurrenzkampf hervor.
Redaktion
Fischereiabkommen öffnen Fanggründe
Die EU besitzt derzeit Zugang zu Hoheitsgewässern (200 Seemeilen) von 15
Staaten Afrikas, der Karibik und des Pazifik (AKP-Staaten). Die Fischereiabkommen
mit diesen Ländern sind keine Gegenseitigkeitsabkommen ("Fisch gegen
Fisch") wie etwa die mit Norwegen oder Island, es handelt sich vielmehr
um Abkommen gegen finanzielle Ausgleichszahlungen ("Fisch gegen Geld").
Die EU-Fischereipolitik ist von rein wirtschaftlichen Motiven bestimmt. Europäische
Flotten sollen den steigenden Fischkonsum der EU-Bevölkerung decken, die
mindestens 40prozentige Flottenüberkapazität der EU auslasten und
die Bestände in den eigenen Gewässern schützen. Außerdem
sollen die Fischverarbeitungsindustrien beliefert und Arbeitsplätze vor
allem in Südeuropa erhalten werden.
Hervorzuheben ist die Praxis, daß beim Fischereiabkommen mit den AKP-Staaten
die Fangrechte für Trawler in Bruttoregistertonnen (BRT) definiert werden
und nicht, wie ansonsten üblich, in Fangmengen, gemessen in Tonnen. Dies
erlaubt der EU eine zunehmende Erhöhung ihres Fischereiaufwandes bei gleicher
BRT-Zahl durch erhöhte Ausnutzung der Schiffe. Die Fischereiabkommen mit
AKP-Ländern enthalten damit bereits die Möglichkeit zur höheren
Auslastung der vereinbarten Fangmengen. Nachzahlungen für zusätzliche
Fänge sind an der Tagesordnung.
Rückgang der Fischbestände
Der FAO zufolge sind 70 Prozent - anderen Angaben zufolge sogar bis zu 90 Prozent
- der Bestände in westafrikanischen Gewässern bereits völlig
ausgebeutet oder überfischt. Die großen Industrieschiffe der EU saugen
mit ihren Grundschleppnetzen staubsaugerartig das Meer leer. Sie nehmen damit
den lokalen Kleinfischern und der Küstenbevölkerung die Existenzbasis.
Anstatt ihren Fangaufwand angesichts der gefährdeten Ressourcen zu reduzieren,
erwägt die EU den Abschluß stets neuer Abkommen in Entwicklungsländern
- trotz Eingeständnissen, daß die EU-AKP-Fischereiabkommen problembehaftet
seien. So wurde EU-Schiffen im neuen Abkommen mit dem Senegal zum ersten Mal
die Möglichkeit zur Fischerei von Schwarmfischen eingeräumt. Etwa
85 Prozent der Fangmengen im handwerklichen Fischereisektor sind Schwarmfische
(Sardinen, Makrelen u.ä.), während die höherwertigen Bodenfische
einen geringeren Anteil ausmachen.
In Mauretanien sind nun im Rahmen des neuen Fischereiabkommens 240 im Vergleich
zu vorher 165 EU-Schiffen zugelassen. In sämtlichen Abkommen wurde die
Zahl der zugelassenen Schiffe drastisch erhöht. Diese Fischereiabkommen
mit AKP-Ländern zerstören die Basis der marinen Ressourcen und somit
die Versorgung der Bevölkerung mit ihrem Grundnahrungsmittel Fisch.
Die tatsächlichen Fangmengen der EU sind nicht transparent. Die geschätzten
tatsächlichen Fangmengen betragen oft ein Vielfaches der offiziellen Angaben,
z.B. das Vierfache in der Elfenbeinküste oder das Dreifache in Mauritius.
Ein Indikator für die Überfischung mauretanischer Gewässer ist
die Tatsache, daß sich der zeitliche Aufwand bei der Kopffüßer-Fischerei
zwischen 1992 und 1994 vervierfachte. Der EU-Markt nimmt etwa 30-40 Prozent
der mauretanischen Kopffüßerexporte auf. EU-Flotten haben auch Fangrechte
für diese Arten vor Mauretanien.
Die Rolle der deutschen Flotte
Die EU-Schiffe bilden mit Abstand die wichtigste ausländische Flotte in
Westafrika. Ausländische Flotten fangen in der Region des östlichen
Zentralatlantiks 35 Prozent der gesamten marinen Fänge. Insgesamt geht
dort die Hälfte der ausländischen Fänge auf das Konto der EU.
1995-96 erhielt die EU knapp 300 Fanglizenzen für den Fischfang im Senegal,
in Mauretanien, Guinea- Bissau und Gambia. In Mauretanien konnte die EU 1996
einen Anteil von 63 Prozent aller ausländischen Schiffe auf sich vereinen.
Es sind insbesondere die spanischen, französischen und portugiesischen
Schiffe, die von dem Abkommen profitieren, wobei Spanien an erster Stelle steht:
Das Land verbuchte 1992 fast 70 Prozent der EU-Fänge im östlichen
Zentralatlantik. Die Spanier landen dabei nicht selten ihre Fänge illegal
in Las Palmas an, um sie als EU-Fänge zu deklarieren.
Aber auch Deutschland spielt eine entscheidende Rolle: Deutsche Flotten sind
am Fang kleiner Schwarmfische in mauretanischen Gewässern erheblich beteiligt;
22 Prozent der deutschen Hochseefänge werden vor Mauretanien getätigt.
Doch gerade die Schwarmfische sind das unentbehrliche Grundnahrungsmittel für
die dortige Küstenbevölkerung.
Kosten und Nutzen von Fischereiabkommen
Ausgleichszahlungen, sonstige Kosten und Folgesubventionen kommen die EU teuer
zu stehen. Allein im Jahr 1996 wandte sie 95 Mio. ECU (etwa 185 Mio. DM) für
Kompensationsleistungen für AKP-Staaten auf. Dies entspricht etwa 13 Prozent
des gesamten Budgets der gemeinsamen Fischereipolitik der EU. Allein für
das Abkommen mit Mauretanien gibt die EU 60 Prozent der Ausgleichszahlungen
für AKP- Länder aus. Nachzahlungen und Beifänge werden nicht
in die Kostenrechnung einbezogen. Zum Beispiel entsprach der Wert der rückgeworfenen
Fänge durch EU- Flotten in senegalesischen Gewässern 1992-94 achtzehn
Prozent der finanziellen Ausgleichszahlungen. Die zusätzlichen Subventionen
der EU für die Garnelenfänger in Guinea-Bissau machen 46 Prozent des
Profits aus. Die Kompensationsleistungen bzw. zusätzlichen direkten und
indirekten Subventionen für die AKP- Fischereiabkommen übersteigen
deren Wert um ein Vielfaches. Doch damit nicht genug: Europäische Reeder
schließen zusätzlich zu den Abkommen private Lizenz- und Charterverträge
mit AKP-Staaten ab.
Diese EU-AKP-Fischereiabkommen sind, was die wirtschaftliche und ökologische
Rentabilität anbelangt, veraltete und völlig unangepaßte Instrumente
der Ressourcenbewirtschaftung.
Trotz der zweifelsfreien Notwendigkeit zum Abbau des Fischereiaufwandes der
EU erhält etwa Spanien zwischen 1994 und 1999 allein für seine "Erneuerung
und Modernisierung der Fischereiflotte" Zuwendungen von über 334 Mio.
ECU (etwa 651 Mio. DM); für die "Anpassung des Fischereiaufwandes"
ist in etwa die gleiche Summe veranschlagt worden. Dieser "Neutralisierungseffekt"
wird auch bei der Reduzierung der EU-Schiffe allgemein deutlich, deren Anzahl
sich zwar leicht verringert hat, wobei die Fangkapazität jedoch gleichgeblieben
ist.
Ungleiche Ressourcenverteilung
Die westafrikanischen Fischer sind nicht nur beim Kampf um Fischressourcen die
Verlierer. Durch die Präsenz ausländischer Flotten wird auch die Entwicklung
des einheimischen industriellen Fischereisektors gehemmt, insbesondere durch
den Kampf um Ressourcen. In Mauretanien zum Beispiel wird Kraftstoff in erster
Linie an ausländische Schiffe vergeben. Dadurch gehen der einheimischen
Flotte jährlich etwa 20 Mio. US-Dollar durch erzwungene Wartezeiten verloren,
in denen nicht gefischt werden kann. Außerdem müssen lokale Fischer
erheblich höhere Preise für den Unterhalt ihrer Schiffe bezahlen (z.B.
Kraftstoff).
In Westafrika teilen sich im Durchschnitt vier Kleinfischer ein Boot, das belegt
das enorme ungenutzte Entwicklungspotential des handwerklichen Fischereisektors.
Exportgut Fisch
Für die westafrikanische Küstenbevölkerung ist Fisch das Essen
der Armen. Fisch deckt in Westafrika 50 bis 80 Prozent des Gesamtbedarfs an
tierischem Eiweiß. Insgesamt stammen dabei nahezu 80 Prozent der Fänge
aus dem traditionellen Fischereisektor. Dieser ist zugleich die wichtigste Einkommens-
und Beschäftigungsquelle für die Küstenbevölkerung. Fisch,
der auf deutschen Tellern landet, wird zu drei Vierteln importiert. Im Vergleich
zu nur zwei Prozent der Reisproduktion gehen 40 Prozent der weltweiten Fischproduktion
in den internationalen Handel.
Fisch ist damit zu einem der wichtigsten Exportartikel der Entwicklungsländer
avanciert, wobei die EU der weltweit größte Markt für Fischerzeugnisse
ist. Über die Hälfte ihres Fischangebots stammt aus den Fanggründen
von Drittländern. Die Differenz zwischen Nachfrage und Eigenproduktion
der EU wächst jährlich um 15-20 Prozent. 80 Prozent des Fisches, der
aus AKP-Ländern in die EU importiert wird, kommen aus dem Senegal.
Deutschland ist nach Spanien der wichtigste Fischproduzent in der EU. Auch wir
finden Fisch aus Westafrika in den Ladenregalen: Dieser kann z.B. frisch per
Luftfracht aus dem Senegal eingeflogen werden oder verschlungenen Pfaden - verarbeitet,
per LKW-Transport aus Südeuropa - folgen.
In Westafrika selbst wird ein drastischer Rückgang der einheimischen Fischversorgung
verzeichnet. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch in Afrika südlich der Sahara
ist von neun Kilo (1990) auf sieben Kilo (1994) zurückgegangen. Anfang
der Achtziger betrug dieser noch 15 Kilo.
Hinzu kommt die wirtschaftliche Krise in vielen Ländern, wodurch die Fischimporte
zurückgingen. Im Gegensatz dazu ist der Fischkonsum im Senegal und in Mauretanien
im letzten Jahrzehnt erheblich angestiegen. In Mauretanien haben sich Ernährungsgewohnheiten,
auch infolge zunehmender Dürre und Desertifikation, stark gewandelt. Gleichzeitig
klagen Kleinfischer, vor allem im Senegal, über stark abnehmende Fänge
in ihren ehemals fischreichen Gewässern.
Einerseits sind die westafrikanischen Länder vom Export ihrer Meeresprodukte
in EU-Länder abhängig, andererseits sind sie häufig zum Import
ihres Grundnahrungsmittels Fisch gezwungen, ebenfalls zu einem wesentlichen
Teil aus der EU. Nur Senegal und Mauretanien weisen eindeutig positive Handelsbilanzen
an Fisch auf; zahlreiche andere AKP-Länder besitzen große Handelsdefizite
an Fisch. Auch die kleinen Schwarmfische, eine erschwingliche Eiweißquelle,
müssen häufig aus europäischen Ländern importiert werden,
auch aus Deutschland. Die Nahrungsversorgung mit Fisch ist immer weniger gewährleistet.
Fast paradox ist, daß inzwischen von EU-Schiffen gefangener Fisch auch
als Nahrungsmittelhilfe nach Westafrika geliefert wird. Mauretanien erhielt
z.B. zwischen 1988 und 1990 pro Kopf 33 Kilo Nahrungsmittelhilfe von der EU.
Legt man nun die Bevölkerungsprognose der FAO für das Jahr 2010 zugrunde,
so müssen in Westafrika zwischen 1997 und 2010 etwa 90 Mio. Menschen zusätzlich
ernährt werden. Allein von den Fängen der Europäer in westafrikanischen
Gewässern könnten 25 bis 50 Mio. Menschen zusätzlich ihren Eiweißbedarf
decken. Nur von den kleinen Schwarmfischen, die die EU in Westafrika fängt,
könnten zusätzlich etwa 8 Mio. Menschen ernährt werden.
Widerspruch zwischen Fischerei- und Entwicklungspolitik der EU
Die EU verfolgt mit ihren Fischereiabkommen mit AKP-Ländern eine entwicklungspolitisch
inkohärente Politik. Sie hält sich nicht an die zentrale Forderung
der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED) nach einer nachhaltigen
Ressourcenbewirtschaftung. Die auf der UNCLOS beschlossene UN- Seerechtskonvention
verpflichtet die EU außerdem dazu, nur Überschüsse zu befischen.
Doch europäische Flotten nutzen die fehlenden Kontrollen und unzureichende
Grundlagenforschung in AKP-Ländern aus, um deren Ressourcen rücksichtslos
auszubeuten. Die EU setzt sich dabei ohne Skrupel über wissenschaftlich
empfohlene Fangquoten hinweg.
Während UNCED und auch der "FAO-Code of Conduct for Responsible Fisheries"
lediglich eine moralische Verpflichtung darstellen, sind Lomé und Maastricht
gesetzlich bindend. Die EU mißachtet die grundlegenden Ziele der Armutsbekämpfung
sowie der sozialen und nachhaltigen Entwicklung, wie sie im Maastricht-Vertrag
(Artikel 130u) gefordert werden. Auch das Kohärenzgebot in Artikel 130v
wird ignoriert, das die Übereinstimmung zwischen Fischerei- und Entwicklungspolitik
gebietet. Die AKP-Länder haben mit der EU außerdem das Lomé-
Abkommen unterzeichnet, das bisher einen zentralen Stellenwert in der europäischen
Entwicklungszusammenarbeit eingenommen hat. In der Fischereiförderung im
Rahmen von Lomé liegt der Schwerpunkt der EU-Maßnahmen im handwerklichen
Fischereisektor in der Region Westafrika.
Unterstützt wird vor allem der handwerkliche Fischereisektor in Westafrika,
der am stärksten von der Konkurrenz durch EU-Flotten betroffen ist. Sämtliche
Fischereiprojekte im Rahmen von Lomé werden aus dem European Development
Fonds (EDF) finanziert. Zwischen 1959 und 1989 gingen somit 42 Prozent der gesamten
EDF-Unterstützung für den Fischereisektor in die Region Westafrika.
Im Rahmen von Lomé III wurden 49,2 Mio. ECU (etwa 96 Mio. DM) für
den Fischereisektor in AKP-Ländern bewilligt. Im Rahmen des vierten EDF
wurden 32,3 Mio. ECU (etwa 63 Mio. DM) für Entwicklungsvorhaben in Westafrika
ausgegeben.
Zudem können AKP-Länder Gelder aus anderen EU-Fonds für Entwicklungsprojekte
erhalten. Allein im Senegal gibt es 21 Entwicklungsprojekte der EU im Fischereisektor.
Zusätzlich laufen auf bilateraler Ebene Projekte, so betreibt etwa die
Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) ein Projekt zur
Fischereikontrolle in Mauretanien. Im Zeitraum von 1977 bis 1991 beliefen sich
die Entwicklungshilfegelder der EU für die gesamte afrikanische Region
auf etwa 40 Prozent der Ausgaben für Fischereiabkommen. Für das neue
Abkommen mit dem Senegal werden nun ein Viertel der Kompensationsleistungen
(4 Mio. ECU, das entspricht rund 7,8 Mio. DM) aus dem Entwicklungsfonds der
EU fließen.
Die EU entzieht sich dabei ihrer Verantwortung, eine Zweckbindung der Mittel
durchzusetzen, hier etwa für die Entwicklung des handwerklichen Fischereisektors.
Die EU finanziert damit ihre eigene Fischerei unter anderem mit europäischen
Entwicklungsgeldern. Die AKP-Regierungen versuchen, ihre Schuldenberge durch
einen Ausverkauf ihrer restlichen Fischbestände an die EU abzutragen. Die
EU nutzt die wirtschaftlich ungünstige Situation dieser Entwicklungsländer
sowie ihre eigene starke Verhandlungsposition erbarmungslos aus, indem sie Devisen
gegen Fisch eintauscht. Dabei kommt von diesen Geldern so gut wie nichts bei
den betroffenen Kleinfischern an.
Katja Hansen, Germanwatch, Dipl. Geographin, ist Autorin der Studie "Fischfang
und Ernährungssicherung in Westafrika: Widersprüche in der europäischen
Fischereipolitik. Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen von EU-AKP-
Fischereiabkommen auf Westafrika und EU-Länder" (Auftraggeber: Germanwatch
und Brot für die Welt. Bezug: Germanwatch, Budapester Straße 11,
53111 Bonn, Fax: 0228/6049219)
© Evangelischer Pressedienst (epd) Redaktion: epd-Entwicklungspolitik Verantwortlicher
Redakteur: K. Friedrich Schade E-Mail: epdep@epd.de
Agendazeitung
Nr. 07/1998
Ein globales Thema wird zu einer Aktion für die lokale Agenda 21: Sonnenergienutzung
in Afrika
von Dr. Ernst Kürsten
Eine Tagung zu den "Möglichkeiten der direkten Solarenergienutzung in Afrika" veranstaltete der hannoversche "Freundeskreis Tambacounda - Verein zur Vermittlung afrikanischen Kulturgutes und zur Förderung von Entwicklungsprojekten" zusammen mit dem studentischen "Arbeitskreis Regenerative Energien" der Universität Hannover im November 1997. Das Agenda-Büro unterstützte diese Veranstaltung, weil hier in vorbildlicher Weise demonstriert werden konnte, wie durch eine Aktivität in Hannover ein Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung in entfernten Regionen geleistet wereden kann: durch die Vermittlung von Technischem Wissen an die Afrikaner auf der einen und von kulturellen Informationen über Afrika an deutsche Solarenergiespezialisten auf der anderen Seite.
Einen praktischen Beitrag für den notwendigen "Know-how-Transfer" hat der Freundeskreis im Anschluss an die Tagung gleich selbst geliefert. Er vermittelte einem in Hannover lebenden Gambier einen Ausbildungsplatz als Installateur und Heizungsbauer bei einer Firma, die auch Solaranlagen baut.
Auch bei der Vermittlung der Tagungsergebnisse hat der Verein Neuland betreten: Sie wurden von der neu gegründeten Firma CONGRESS-REPORT GmbH auf eine CD-ROM gebracht und werden in dieser Form (in französischer Übersetzung) auch in Westafrika verbreitet.
Die
CD-Rom ist erhältlich beim Freundeskreis Tambacounda e.V.
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junge
Welt 19.08.1998
Senegal wandelt am Abgrund
Dramatische Krise angesichts von Dürre, Hunger und Krieg
Noch im Mai erlebte Senegal die fairsten Wahlen seiner Geschichte. Seither aber
geht es dem westafrikanischen Land so schlecht wie nie, und eine Krise folgt
der anderen. Streiks und Proteste, Wasser- und Stromknappheit sowie Dürre und
Hunger im Landesinneren sorgen für mehr als schlechte Stimmung.
Im Osten, an der Grenze zu Mali, bekämpfen sich Einheimische und Flüchtlinge aus Mauretanien. Im Süden, angefeuert vom Eingreifen der Regierung in den seit Juni tobenden Konflikt im Nachbarland Guinea-Bissau, sind die seit 1988 um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Rebellen der Casamance so aktiv wie schon lange nicht mehr. In der letzten Woche haben die Aufständischen zuletzt auf der Straße zwischen der Provinzhauptstadt Ziguinchor und Gambia eine Autobombe gezündet. 13 Zivilisten kamen ums Leben.
Der Anschlag wird als Reaktion der Casamance-Rebellen auf die Entsendung von 2 500 senegalesischen Soldaten nach Guinea-Bissau gedeutet. Die Rebellen unter Pater Augustin Diamacoune Senghor, die eng mit den Rebellen in Guinea-Bissau zusammenarbeiten, rächen sich auf eigenem Territorium, meinen Beobachter. Ihnen zufolge hat sich die Situation in der südlichen Provinz merklich verschärft, seit Senegal wie auch Guinea-Conakry im Juni Truppen zur Unterstützung der Regierung von Staatspräsident Joao Bernardo Vieira nach Guinea-Bissau geschickt haben.
Offenbar hat der senegalesische Staatspräsident Abdou Diouf die Komplexität der Lage verkannt, als er seinem Kollegen aus Bissau am 7. Juni seine Unterstützung zusicherte. Anfang der 80er Jahre war es ihm gelungen, einen Putschversuch im benachbarten Gambia in wenigen Tagen mit entsandten Truppen auszubremsen. Die Situation in Guinea-Bissau aber ist eine gänzlich andere: Zum einen haben viele Guinea-Bissauer große Sympathien für die senegalesischen Rebellen, die ihnen im Unabhängigkeitskrieg gegen Portugal zur Seite gestanden haben, zum anderen hat sich der größte Teil der Armee gegen Vieira verschworen, was eine weitere Eskalation des Konflikts befürchten läßt. So ist trotz eines relativ verläßlich eingehaltenen Waffenstillstands in der letzten Woche Marinechef Feliciao Gomez ermordet worden.
Die Lage wird
weiter durch die Tatsache kompliziert, daß sich sowohl Senegal als auch Guinea-Conakry
auf seiten der Regierung in die Auseinandersetzungen eingeschaltet haben. Dies
erschwert Friedensverhandlungen unter der Ägide der Gemeinschaft der portugiesischsprachigen
Staaten und der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) sowie die
geplante Entsendung der westafrikanischen Friedenstruppe ECOMOG. Denn diese
kann nur als neutraler Helfer in das Krisengebiet geschickt werden.
David Hecht
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Südwind
9/98- Das Magazin für Entwicklugspolitik
Biobaumwolle
Asche, Knochen und Urin
Baumwollgarn ist die beliebteste - und umweltschädlichste -Textilfaser der Welt.
In Senegal steigen immer mehr Kleinbauern auf alternative Anbaumethoden um,
berichten David Hecht und Georges Badiane.
Jeden Tag sammelt Dass Sangare den Urin seiner sieben Kühe. "Es ist nicht gerade die angenehmste Arbeit", räumt er ein. "Normalerweise verrichten sie ihr Geschäft früh morgens vor dem Melken. Wenn dann kein Eimer darunter steht, geht das meiste verloren."
Den Urin läßt Sangare dann einige Tage fermentieren, verdünnt ihn mit Wasser und spritzt ihn über seine Baumwollpflanzen, die er auf eineinhalb Hektar Land rund um seine Hütte anbaut. Der Aufwand zahlt sich aus: "Der Urin ist eines der besten Insektizide, die es gibt", schwärmt Sangere. "Er wirkt auch als Herbizid und als Dünger, und er kostet nichts."
Vor allem vertreibt
er Weiße Fliegen (Bemissia tabaci), eine Art von Mottenschildläusen, die 1997
mehr als ein Drittel der Baumwollproduktion in Senegal vernichteten. Die meisten
senegalesischen Bauern spritzen ihre Baumwolle mit Substanzen wie Politrine
N, Tamaron 400 CE, Sherpa Monochrotophos, Nivacron und Asodrin.
Nichts davon half. "Sie sollten bloß einmal pro Woche Kuhurin spritzen", meint
Sangare. "Dann wären sie ihre Weißen Fliegen los."
Bio-Baumwollbauern
erzielten in der vergangenen Saison einen Ertrag von bis zu 1,8 Tonnen pro Hektar,
fast das Doppelte des nationalen Durchschnitts. Unterstützt von Enda-Pronat,
einer privaten Organisation, verzichteten im Vorjahr mehr als 500 Baumwollbauern
rund um das Dorf Koussanar in der Region Tambacounda im Südosten Senegals auf
jeden Chemieeinsatz beim Pflanzenschutz. Weit mehr Bäuerinnen und Bauern wollen
umsteigen, versichert Mohamedoun Ag Mohamed Abba, ein Agronom von Enda-Pronat.
Die Organisation habe bloß zuwenig Ressourcen,um ihnen dabei zu helfen. Es geht
nicht nur darum, keine Chemikalien mehr zu verwenden, erklärt Abba. Ein völlig
neuer Zugang müßte entwickelt werden: "Bei konventionellen, chemisch unterstützten
Verfahren wird versucht, Felder in kontrollierte Umgebungen zu verwandeln und
alles auszuschalten, was das Wachstum einer Pflanze nicht maximiert.
Bei biologisch-organischen Methoden dagegen werden vor allem Bestandteile aus
der Umgebung eingesetzt, die die natürliche Gesundheit der Pflanze fördern,
sodass sie sich selbst gegen Insekten, Unkraut und Krankheitsbefall wehren kann."
Kuhurin, beispielsweise. Seine mineralischen Bestandteile wie Eisen, Kalium und Magnesium wirken als Dünger, während die enthaltenen Säuren aufkeimendes Unkraut ausmerzen. Warum Urin gegen Weiße Fliegen wirkt, läßt sich laut Abba bisher noch nicht mit Sicherheit sagen: "Es sieht so aus, als ob ein im Urin enthaltenes Hormon dafür verantwortlich wäre". Wie die Agronomen herausfanden, hat auch Urin weiblicher Ziegen und Schafe und sogar der von Frauen eine vergleichbare Wirkung.
Der Erfolg in Koussanar beruht nicht nur auf Urin. Es werden auch andere Gemische eingesetzt, die aus zahlreichen Zutaten bestehen, etwa aus Tierknochen- und Holzasche, Chilipulver, Knoblauch und aus den Blättern, Wurzeln und Früchten Dutzender lokaler Pflanzen. Teilweise beruhen diese Mischungen auf jahrhundertealten afrikanischen Traditionen, die nach 1945 großteils in Vergessenheit gerieten, als selbst arme Kleinbauern Zugang zu modernen Chemikalien erhielten. Jahrzehntelang versorgte etwa die staatliche Vermarktungsagentur SODEFITEX Bauern mit moderner Agrochemie, sofern sie sich verpflichteten, ihre Ernte exklusiv an die Agentur zu verkaufen. Die Kosten der Chemieprodukte wurden vom Abnahmepreis abgezogen, weshalb viele Bauern unter dem Strich kaum Gewinne erzielten.
Erst 1993 begann man sich in Afrika wieder an Methoden zu erinnern, Baumwolle auch ohne Chemie anzubauen, erzählt Abba. Heute wird auch in Benin, Tansania, Mosambik, Uganda und Simbabwe Bio-Baumwolle produziert, entsprechende Pläne bestehen auch in Ghana und Mali. Diese Art der Baumwolle macht zwar erst 0,08% der Weltproduktion aus, aber ihr Anteil nimmt zu, versichert N'Gone Toure, ein Mitarbeiter von Enda Pronat. Nach wie vor werden allerdings jedes Jahr Schädlingsbekämpfungsmittel im Wert von etwa 7 Milliarden US-Dollar auf Baumwollfelder gesprüht, etwa ein Viertel der weltweit eingesetzten Insektizide. Am raschesten wächst der Absatz in den ärmsten Ländern. Laut Ousmane Boye vom Landwirtschaftsministerium in Dakar sind einige der im vergangenen Jahr aus Europa und den USA importierten Pestizide und Düngemittel im Ursprungsland aus Gesundheitsgründen verboten oder dürfen dort nur beschränkt verwendet werden.
Aber auch in reichen Ländern zugelassene Chemikalien sind gesundheitsgefährlich. Die US-Umweltbehörde EPA stuft 107 in Pestiziden vorkommende Substanzen als krebserregend ein, 14 weitere beeinträchtigen die Fortpflanzungsfähigkeit von Tieren. "In Afrika sind diese Pestizide noch weit gefährlicher, weil sie unsachgemäß verwendet werden", betont Boye - die meisten afrikanischen Bauern seien Analphabeten und könnten die Hinweise auf den Flaschen nicht lesen. Das Risiko ist in Afrika laut Boye auch aus einem anderen Grund weit größer: Die Bäuerinnen und Bauern in Afrika leben meistens auch dort, wo sie die Chemikalien einsetzen. LandarbeiterInnen in den USA etwa wohnen selten mitten in den Feldern, sind aber laut offiziellen Statistiken die Berufsgruppe mit dem höchsten Risiko einer Chemikalienvergiftung.
Alternativen zur Chemiebombe sind nur wenigen Baumwollbauern in Senegal bekannt, auch eine Folge mangelnder Information durch Chemieindustrie und Regierung. Der Erfolg biologisch-organischer Anbaumethoden sei wissenschaftlich nicht belegt, so das Argument. Auch Boye ist nicht überzeugt, obwohl er weiß, wie gefährlich Pestizide sein können. "Senegal muß auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben", argumentiert Boye. "Da können wir nicht auf lokale Verfahren zurückgreifen, die nicht gründlich erforscht sind." Daß hier noch viel zu tun ist, wird auch von Befürwortern nicht bestritten. Für jeden US-Dollar, der für die Erforschung alternativer Anbaumethoden ausgegeben wird, gehen 4.000 in die Entwicklung neuer chemischer Produkte, errechnete etwa Simple Life, eine Bio-Baumwoll-Lobby in den USA.
Es existieren aber auch grundsätzliche Probleme, vor allem mit der Dosierung. Die Wirksamkeit organischer Substanzen ist je nach lokalen Umständen verschieden. Ein anderes Problem sind Gesundheitsrisiken, etwa beim Spritzen von Urin und besonders seiner menschlichen Variante. Andere Substanzen sind zumindest für Fische tödlich, wie sich in einem gescheiterten Experiment herausstellte. "Aber aus Fehlern wird man klug", meint Abba. Schließlich sei es manchmal am besten, die Insekten einfach in Ruhe zu lassen. "In einem Baumwollfeld fressen sie sich normalerweise gegenseitig. Solange die Pflanzen gesund sind, halten sie einiges aus."
Die mit den Bio-Experimenten verbundenen Risiken nehmen die Bäuerinnen und Bauern von Koussanar offenbar gerne in Kauf. Vielleicht, weil die Umstellung nur wenige Investitionen erfordert. Der größte Teil entfällt auf die gemeinsam benutzten Spritzgeräte sowie auf die Baumwollsamen, die weniger als zwei Dollar pro Hektar kosten. Für chemische Pestizide ist dagegen mit 20 Dollar pro Hektar zu rechnen, und sie müssen mindestens sechsmal pro Saison, ab und zu sogar dreißigmal auf die Felder gesprüht werden. Für biologisch gezogene Baumwolle wird außerdem um bis zu 30% mehr bezahlt als für gewöhnliche Baumwolle.
Hier wirkt sich bereits die wachsende Nachfrage gesundheitsbewußter KonsumentInnen in Europa und den USA aus. Konventionelle Baumwolle, so zeigten Untersuchungen, enthält im allgemeinen Reste potentiell gefährlicher Chemikalien. Sich ablösende Fasern könnten Lungenkrebs, der physische Kontakt mit Chemikalien Hautprobleme oder sogar Hautkrebs verursachen. "Die Hersteller von Bio-Baumwollprodukten in Europa können gar nicht genug davon kriegen", schwärmt Jacques Deffour, Chef von "Cotonnière Cap Vert", dem bedeutendsten Exporteur biologisch-organischer Baumwolle in Senegal. "Das wird vielleicht ein wichtiger Devisenbringer für Senegal." Gewisse Chancen bestehen. Zwar sind die USA bislang der größte Produzent von Bio-Baumwolle. Kleinbauern könnten aber am Weltmarkt durch geringere Fixkosten einen Konkurrenzvorteil haben: Alle organischen Rohmaterialien gibt's praktisch vor ihrer Nase, und noch dazu kostenlos.
David Hecht
ist Korrespondent für den US-Sender National Public Radio, für BBC, Newsweek,
Christian Science Monitor, The Economist und New Republic mit Sitz in Dakar,
Senegal. Georges Badiane ist sein Rechercheassistent.
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