UNICEF
- Mitteilung 1/99
Senegal
verbietet die Beschneidung von Frauen
UNICEF
beglückwünscht die afrikanische Frauenbewegung „Grassroots“
New York, 14.
Jänner 1999 – UNICEF beglückwünschte das Parlament von
Senegal für die Genehmigung eines
Gesetzes zur Abschaffung der Beschneidung von Frauen (Female Genital Mutilation
– FGM). Bei dieser
schmerzvollen, traumatischen und gefährlichen Prozedur werden die weiblichen
Geschlechtsorgane teilweise
oder sogar zur Gänze entfernt.
„Dieser
Schritt Senegals ist von großer Bedeutung, da es den Entschluß der
afrikanischen Frauen
reflektiert, dieser grausamen und inakzeptablen Praktik ein Ende zu bereiten,
durch die das Recht aller
Mädchen auf ein freies, sicheres und gesundes Leben verletzt wird,“
sagte UNICEF-Direktorin Carol
Bellamy.
Die Weltgesundheitsorganisation
(WHO) schätzt, daß 130 Millionen Frauen und Mädchen –
der Großteil von
ihnen in 28 Ländern Afrikas – Opfer der FGM wurden. Mehr als 2 Millionen
werden jedes Jahr durch FGM
verstümmelt – die Betroffenen sind oft nur wenige Tage alt. Ägypten,
Äthiopien, Kenia, Nigeria, Somalia und
der Sudan sind für 75 Prozent der Fälle verantwortlich. In Djibouti
und Somalia sind 98 Prozent der Mädchen
beschnitten.
Gemeinsam mit
WHO und dem Weltbevölkerungsprogramm (UNFPA) unterstützt UNICEF weltweit
die
drastische Reduzierung von FGM in den nächsten zehn Jahren und die völlige
Abschaffung dieser Praktik im
Zeitrahmen von drei Generationen. In Senegal unterstützte UNICEF eine lokale
NGO, die die Bewegung gegen
FGM initiierte.
Bellamy betonte,
daß dieses neue Gesetz ein Beweis für den Mut der senegalesischen
Frauen im Dorf
Malicounda sei, die die Bewegung zur Abschaffung von FGM starteten. (Den UNICEF-Bericht
anläßlich des
Starts dieser Kampagne finden Sie hier.) FGM ist ein Brauch, der in vielen traditionellen
Gesellschaften tief
verwurzelt ist. Doch dank der Entschlossenheit dieser Frauen konnten die Ehemänner
und die männlichen
Dorfältesten überzeugt werden, einen Eid für die Beendigung von
FGM zu leisten. Die Kampagne dehnte sich
auch auf andere Dörfer aus – besonders nachdem Präsident Abdou
Diouf der Bewegung seine volle
Unterstützung zugesagt hatte.
Senegals Gesetzgebung,
die harte Geld- und Haftstrafen für Straftäter vorsieht, wurde genehmigt,
nachdem
Frauen aus diesen Dörfern im Parlament für die Abschaffung von FGM
geworben hatten. Heute ist FGM in
Burkina Faso, der Zentralafrikanischen Republik, Djibouti, Ghana, Guinea-Conakry
und Togo verboten.
„Senegals
Beispiel ist eine wichtige Botschaft, daß Frauen in ihren Gemeinden eine
starke Kraft bei der
Änderung von gewaltsamen und verabscheuungswürdigen Bräuchen
sind, die ihnen ihre Rechte und die
ihrer Kinder versagen“, sagte Bellamy.
FGM, eine qualvolle,
schmerzhafte Operation, die oft mit primitiven, unsterilen Instrumenten durchgeführt
wird,
soll die Keuschheit erhalten und die Aussichten eines Mädchens für
eine Heirat verbessern. FGM führt zu einer
drastischen Beeinträchtigung der normalen Körperfunktionen und macht
normales sexuelles Empfinden
unmöglich. FGM kann zu Vernarbungen, Infektionen sowie langen physischen
und psychologischen
Komplikationen führen.
Um diese progressiven
Änderungen dauerhaft zu sichern und um bei der Abschaffung von FGM in Senegal
und
in anderen Ländern erfolgreich zu sein, betonte Carol Bellamy die Notwendigkeit,
Frauen und Mädchen mit
Unterrichtsmaterial auszustatten, das hilft Haltungen und kulturelle Normen
zu verändern.
„Frauen
aus der ganzen Welt, die den Mut haben gegen FGM Stellung zu beziehen, brauchen
anhaltend
internationale Unterstützung bei der Überzeugung ihrer Gesellschaften
zur Abkehr von dieser
schrecklichen Praktik,“ meinte Bellamy. „Senegals Maßnahme
zeigt die enorme Wirkung, die Investitionen
in Bildung und Aufmerksamkeit für die Rechte von Frauen und Mädchen
haben können, um eine positive
Änderung herbeizuführen und zu helfen das Leiden von Millionen Frauen
weltweit zu beenden.“
http://www.unicef.or.at/news/artikel.asp?id=112
Südwind
1-2/99
Umstrittene
Kinderpatenschaften
World Visions Methoden waren der "Szene" von Anfang an suspekt
Lange vor Auffliegen der Unterschlagungsaffäre kritisierten entwicklungspolitische
Organisationen World Visions Kinderpatenschaften und auch die aggressiven Marketingmethoden
des 1950 in den USA gegründeten Hilfswerks. Nicht die Patenschaften an sich,
doch den individualistischen Ansatz von World Vision, der das soziale Umfeld
der Kinder zuwenig berücksichtigt und auch ihre Befähigung, später einmal selbständig
das Leben zu bewältigen. (SOS Kinderdorf z.B. vertritt den genau gegenteiligen
Ansatz.) Ein Antrag von World Vision um Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft
Entwicklungszusammenarbeit (AGEZ) wurde 1996 ablehnend beschieden. "World Vision
Österreich erfüllt weder unsere Kriterien von Transparenz und Offenlegung der
Einnahmen noch entspricht ihre Arbeit unseren Anforderungen an Entwicklungszusammenarbeit",
lautete damals die Begründung. Und im SÜDWIND-Magazin setzten wir uns zuletzt
im Oktober 1996 kritisch mit der Arbeit von World Vision und dem Plan zur Errichtung
einer Fachschule für Entwicklungs- und Katastrophenhilfe auseinander.
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Neue
Presse Hannover, 27. Januar 1999
Zwei kleine Lampen aus Hannover leisten Großes im Senegal
Wenn viele Menschen kleine Dinge tun, kann Großes entstehen. Diesem afrikanischen
Sprichwort folgt eine Initiative aus Hannover, die seit acht Jahren Hilfe für
eine Stadt im Senegal organisiert. Von Rainer Butenschön
Zwei kleine Energissparlampen aus Hannover leisten Großes. Seit Anfang des Jahres
leuchten sie in der Grundschule "Sada Maka Sy" in Tambacounda, einer 70.000-Einwohner-Stadt
am Rande der Sahel-Zone im Senegal. Dort ersetzen die solarstromgespeisten Glühbirnen
teure Kerzen und Petroleumlampen. Erstmals in Tambacounda können die 1.000 Jungen
und Mädchen, die in "Sada Maka Sy" lernen, nun auch in Abendkursen unterrichtet
werden Und auch die Alphabetisierung der Erwachsenen kommt so voran.
"Tambacounda ist für uns, was für die Russen Sibirien ist, nur viel heißer",
erläutert Abdou Karim Sané. Den Senegalesen hat es 1986 nach Hannover
verschlagen. Seit 1991 organisiert er mit dem hiesigen "Freundeskreis Tambacounda"
eine kontinuierliche Solidaritätsarbeit für seine Heimatstadt. Die liegt 460
Kilometer östlich von Senegals pulsierender Hauptstadt Dakar entfernt und gehört
zu den eher vergessenen Gebieten des Landes.
Die (nicht gerade üppigen) Gelder, die der "Freundeskreis" bisher für die westafrikanische
Stadt mobilisieren konnte, sind vor allem zur Sanierung der Schule "Sada Maka
Sy" eine wertvolle Hilfe. Unter anderen konnte so eine Mauer gezogen werden,
um den Schulhof von einer Straße abzuschotten. Für den Betrieb der Energiesparlampen
spendete jetzt die hannoversche Firma "Corona Solar" eine Photovoltaikanlage
im Wert von 1,600 Mark. Der Betrieb für ökologische Anlagentechnik übernahm
zudem die Reisekosten, damit ihr Ingenieur Gerd Pommerien die Lehrer in die
Handhabung der Solaranlage einführen konnte.
Mit Pommerien und Sane reisten Ende 1998 auch zwei Architekten nach Tambacounda:
Ekkehard Stückemann aus Hannover und der in Nigeria geborene Experte für Bauen
in der Dritten Welt, Dr. Emmanuel I. Edé, aus Göttingen. Sie arbeiten
mit am bislang ehrgeizigsten Vorhaben des "Freundeskreises", dem Projekt "Habitat
Tambacounda", einem Plan zur Stadtentwicklung. Die Idee dazu wurde geboren,
als im Juli eine Überschwemmungskatastrophe 200 Großfamilien in Tamba- counda
obdachlos machte. Der Fluß Mamacounda, der durch die Stadt fließt, war über
die Ufer getreten und hatte zahlreiche Häuser zerstört. Mit Geld für Zement
leistete der "Freundeskreis" Soforthilfe. Dabei soll es nicht bleiben.
Stadtentwicklung
In Tambacounda, dessen Bürgermeister über einen Jahresetat von umgerechnet nur
9.000 Mark verfügt, ist die gesamte Infrastruktur notleidend. Unbefestigte Straßen,
mangelhafte Trinkwasserversorgung, fehlende Kanalisation, wilde Müllbeseitigung
im (seit einigen Jahren häufig trockenfallenden) Fluß sind die drängendsten
städtischen Probleme. Nach Gesprächen mit der senegalesischen Botschaft in Bonn,
der Verwaltung von Tambacounda und vor allem mit den Oberhäuptern der Großfamilien
vor Ort arbeiten die Architekten nun an einem Stadtentwicklungsplan. " Wir wollen
ein Leitbild erarbeiten, realistische Maßnahmen im Sinne einer nachhaltigen
Siedlungsentwicklung und Strategien für ihre Umsetzung in den nächsten zehn
bis 15 Jahren vorschlagen", erläutert Stückemann. Dabei will der "Freundeskreis"
wie bisher Eigeninitiative ermöglichen. Denn: "Menschen können nicht entwickelt
werden; sie können sich lediglich selbst entwickeln."
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mbogi/Informationen
der Aktion Canchanabury 2/99)
Leben im Abseits: Hirsestampferinnen in Dakar
Neues Projekt hilft Randgruppe im Senegal
Sie stampfen Hirse für Geld, denn in ihren Dörfern im Sine-Saloum-Gebiet finden
sie keine Arbeit. Jedes Jahr kommen sie mit ihren Kindern nach Dakar, weil sie
auf ihre Chance hoffen. Doch die Träume zerbrechen schnell in der Realität des
Alltags. Von Haus zu Haus ziehend bieten sie ihre Dienste als Stampferinnen
an. Dabei ist die Konkurrenz groß. Angebot und Nachfrage bestimmen auch hier
den Preis. Und so fällt der Lohn sehr bescheiden aus.
Miserable Lebensbedingungen
Eine Wohnung können sie sich nicht leisten. So leben sie mit ihren Kindern auf
den Straßen von Dakar. Mangelernährung, katastrophale hygienische Bedingungen
sowie andere Faktoren führen häufig zu schweren Erkrankungen. Atemwegs-, Hautkrankheiten,
Tuberkulose, Lepra und auch HIV/Aids sind in dieser Randgruppe weit verbreitet.
Die medizinische Versorgung für diese Frauen und Kinder ist - soweit überhaupt
vorhanden - miserabel. Hier setzt nun das Projekt der "Action Sociale et Medicale
au Senegal" (ASM) an. "Anfangs war es schwierig eine Beziehung zu den Frauen
aufzubauen", berichtet Dr. Sibomana, der Leiter der ASM. "Doch nach und nach
legte sich das Mißtrauen, weil sie merkten, dass wir uns ernsthaft für ihre
Sorgen interessierten." Inzwischen hat das Team um Dr. Sibomana Kontakt zu ca.
700 Frauen und deren Kindern. Diese kommen zu den Sprechstunden, die regelmäßig
in den Außenbezirken Dakars angeboten werden.
Echte "Hilfe zur Selbsthilfe"
Doch dies ist nur der erste Schritt. Weitere Ziele benennt Dr. Sibomana: "Wir
wollen die Eigeninitiative der Frauen stärken, ihnen die Möglichkeit geben,
sich zu organisieren. Sie sollen über ihre Probleme sprechen und Ideen entwickeln,
wie sie mehr Geld verdienen können. Wir von der ASM beraten sie dabei und stellen
einen Fonds für Kleinkredite bereit, damit sie ihre Ideen auch umsetzen können."
Mehr noch, es sollen einzelne Frauen zu Beraterinnen ausgebildet werden, die
anderen Frauen im Notfall helfen. Dr. Sibomana und sein Team versuchen die gesamte
Lebenswirklichkeit der Frauen in die Arbeit einzubeziehen. Durch gezielte Maßnahmen
in den Bereichen Gesundheit und Ausbildung sowie durch finanzielle Starthilfen
sollen die Frauen in die Lage versetzt werden, ihre Lebensbedingungen langfristig
selbst zu verbessern. Die Aktion unterstützt diesen integrierten Ansatz, denn
hier werden keine Almosen verteilt, sondern hier wird echte "Hilfe zur Selbsthilfe"
geleistet.
Norbert Bruchhausen
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Südwind
5/99
Stipendienaktion
für Lehrer
Das Projekt "Ausbildungshilfen für Lehrer aus der Dritten Welt" feierte im März
sein
20-Jahr-Jubiläum in Dakar. Seit 1979 erhalten jährlich zwei bis vier StudentInnen
der Universität Dakar ein neunmonatiges Stipendium, um in Graz ihre Diplomarbeit
zu schreiben.
In Zusammenarbeit mit dem Institut für Germanistik der Universität Graz und
dem Departement de Langues et Civilisations Germaniques der Universität Dakar
sowie dem Deutschlehrerverband in Senegal führt das Land Steiermark diese Stipendienaktion
durch. Ziel ist, die Deutschkenntnisse der DeutschlehrerInnen Westafrikas zu
fördern und durch ihre persönliche Kenntnis der österreichischen Bevölkerung
und des Landes eine Verbesserung des Unterrichts zu erreichen.
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Le
Monde Libertaire 8/1999
SENEGAL. VOM ÜBERLEBEN... ZUR SOZIALEN ALTERNATIVE
Während des Freinet Kongresses, der vom 22. bis zum 24. August 1999 in
Lyon stattfand, trafen wir uns im Auftrag von Le Monde Libertaire mit Moussa
Diop. Moussa Diop ist Straßenaktivist in den Armenvierteln von Dakar in
Senegal. Er ist außerdem im Rahmen der AUPEJ (Nützliche Aktion für
Kinder und Jugendliche) in verschiedenen senegalesischen Bezirksvereinigungen,
insbesondere in Tivaouan (eine Stadt in der Region von Thiès, 92km von
Dakar) aktiv. Diese Vereinigungen konzentrieren sich auf soziale Alternativen
und allgemeine Bildung. Darüber hinaus arbeitet er in den Gewerkschaften.
Gerade von diesen verschiedenen Aktivitäten angekommen, spricht er mit
uns über die Lebensverhältnisse in der Region, über die Kämpfe
die dort stattfinden, aber vor allem über die zahlreichen Initiativen,
die sich auf die Idee der Selbstverwaltung beziehen und als Antwort auf die
materielle wie kulturelle Armut und Erniedrigung im Land entstanden sind.
LML: Kannst Du uns etwas über Deine Aktivitäten erzählen?
MD: In erster Linie arbeite ich als Straßenlehrer unter jenen jungen Leuten sowohl in städtischen wie ländlichen Gebieten, die man die Ausgeschlossenen, die Marginalisierten nennen könnte. Aber ich bin hauptsächlich in den Armenvierteln von Dakar aktiv, zum Beispiel in Arafat, Guèbaye und auch Parcelles Assainies. In diesen Bezirken hat sich die Verstädterung weit ausgedehnt und wesentliche Teile der Bevölkerung müssen sich elementaren Fragen des Überlebens stellen. Also organisiere ich Aktivitäten, die ein ökonomisches Überleben ermöglichen sollen. Kleine Jobs, die vom Kleinhandel bis zum Sammeln und Recycling von Müll reichen und auch solche Sachen wie Autowäsche und Hausarbeit einschließen. In dem Bezirk, in dem ich Arbeite, werden die einzigen jungen Leute, die Arbeit haben, auf täglicher Basis von Industriefirmen angestellt und müssen ihre Wohnungen sehr früh am Tag verlassen. Das bringt seine eigenen Probleme mit sich, da sie gezwungen sind, ihre Kinder den ganzen Tag über zurückzulassen. Diese wiederum fühlen sich verlassen und sind häufig auf der falschen Seite des Gesetzes anzutreffen. Deshalb befinden sich so viele Kinder in Sonderschulen oder in Gefängnissen verschiedener Art. In den Armenvierteln gibt es ein wirkliches Problem bezüglich Verhalten und Bildung.
Vor diesem Hintergrund und weil es sowohl auf der Ebene der Initiativen wie der Organisationen zu einer wahren Abkopplung des Staates vom Bildungsbereich gekommen ist, sind wir dazu übergegangen, allgemeine Bildungsinitiativen aufzubauen. Mein Ziel ist es, mich unter die Leute in den ärmeren Vierteln zu begeben, um Aktivitäten zu entwickeln, die den vorhandenen Bedürfnissen entsprechen und so das Überleben ermöglichen. Ich versuche die Leute dazu zu ermutigen, daß sie sich selbst organisieren bzw. verwalten, so daß sie Kontrolle über die Aktivitäten erlangen, die sie initiieren. Die Initiativen, die wir ins Leben gerufen haben, reichen von Bildung über Ausbildung bis hin zur Befassung mit Gesundheitsproblemen. Wir versuchen eine wirklich soziale, alternative Bildung zu organisieren, die auf die Zentren aufbaut, die im Herzen der Armenviertel kollektiv verwaltet werden.
ML: Wie kam es zu der Abkopplung des Staates aus all dem?
MD: Während sich der Staat in Frankreich im Herzen solcher Projekte befindet, löste sich der Staat aufgrund der von IWF und Weltbank diktierten Strukturanpassungsprogramme von allen Diensten, die als sozial betrachtet werden können. Der Bildungs- und Gesundheitsetat wurde drastisch gekürzt. Dieser Prozeß hat sich langsam seit 1979 vollzogen, als der senegalesische Staat sich bankrott erklärte. Durch diesen Bankrott haben wir in allen Bereichen einen Prozeß des Verlustes erlebt... keine Sozialversicherung mehr, keine garantierten Jobs mehr nach der Lehre, kein Recht auf Gesundheitspflege... alles ist sehr teuer geworden. Dann brachte der Staat die Idee auf, all diese Bereiche zu privatisieren. Von da an entstand eine wahre Bewegung auf der Ebene der Gewerkschaften, politischen Parteien und Vereinigungen, um dieser Entwicklung zur Privatisierung entgegenzutreten und andere Initiativen zu erschaffen. Wir, die ArbeiterInnen im Bildungsbereich, gingen zu den Menschen in den Armenvierteln, sprachen zu ihnen, teilten unsere Gedanken mit, hielten alle Bedürfnisse des Viertels fest und beschlossen, die Struktur in anderer Weise als über ein Stadtteilzentrum zu erhalten, während wir zugleich die bestehenden Gebäude nutzten. Wenn ich 'in anderer Weise' sage, meine ich damit das, wovon ich zuvor sprach, also eine kollektive Form der Selbstverwaltung. Jede/r BewohnerIn, der/die sich dem Zentrum anschließt, bringt seine oder ihre eigenen Talente mit. Wir haben Workshops für Mechanik, Tischlerei und auch Elektrizität aufgebaut, um den Bedürfnissen der Leute gerecht zu werden. Von Anfang an waren es jene, die von den Workshops Gebrauch machten, die auch die Ausbildung der Kinder auf diesen Gebieten übernahmen. Unser Ziel ist es, einen Prozeß ins Leben zu rufen, durch den die lokal Ansässigen wirkliche Kontrolle über ihr Leben gewinnen, so daß sie nicht länger nur Objekte eines politischen und ökonomischen Programms sind, sondern BürgerInnen ihrer Stadt. Wir arbeiten für eine Situation, in der die Leute ihre Viertel verwalten, indem sie für alle in ihnen entstehenden sozialen Fragen die Verantwortung übernehmen.
ML: Kannst Du uns etwas über die 'Frauen Bank' berichten?
MD: Die 'Frauen Bank' wurde in Dakar auf dem Prinzip der Tontine (1) aufgebaut. Es dauerte zwei Jahre, bis das Projekt lief, aber heute bestehen 40 Schalter im ganzen Land und der Hauptsitz in Dakar. Alle Frauen in den Armenvierteln von Senegal, die solche Initiativen aufbauen - mit Hilfe von Ersparnissen oder Krediten - föderieren sich in dieser Bank. Sie ist zu einem Werkzeug für alle anderen Initiativen geworden. Außerdem impfen die Leute mit der Bank im Rücken der Gegend etwas Dynamik ein. Sie errichten nun sogenannte Lokale Entwicklungs Komitees (LDC), welche wir miteinander vernetzten wollen. Wir haben erkannt, daß wir eine Machtbasis brauchen, welche die Menschen unterstützt.
Wir würden es auch gerne sehen, wenn neben dem Aufbau von Formen der Selbstfinanzierung die Fähigkeit der Menschen zur Kritik und zur Analyse gestärkt würde, um ihr Bewußtsein zu steigern. Durch Erfahrungen wie die mit der 'Frauen Bank' erkennen die Leute, daß die mit der Armut verbundenen Probleme und die Armut selbst nicht unumgänglich, sondern aus der praktizierten Politik hervorgegangen sind. Es ist die Regierung, die in Senegal seit 50 Jahren an der Macht ist, welche die Verantwortung trägt. Die Dinge entwickeln sich langsam, weil nicht alle in der Bewegung das selbe Maß an Bewußtsein haben und die Leute nicht immer einer Meinung sind. Deshalb brauchen wir eine langfristige Strategie.
Um auf die Erfahrung der 'Frauen Bank' zurückzukommen. Der Anfang kam durch alles, was Repräsentation im Herzen der Gesellschaft betrifft. Diese Kreditbanken waren ursprünglich aufgebaut worden, um traditionelle und religiöse Feiern zu finanzieren. Seitdem haben sie sich entwickelt und übernehmen Verantwortung für eine weitaus größeren Zahl an Aktivitäten und vor allem alltäglichen Angelegenheiten. Zusätzlich zu den Banken wurden nun kommerzielle Kooperativen gegründet, um den Leuten Zugang zu Waren zu ermöglichen. Vor allem zu solchen, die aufgrund von Spekulation nicht leicht erhältlich sind. Auf den Märkten werden Waren von den HändlerInnen oftmals gelagert, um Druck auf die Preise auszuüben. Deshalb haben die Kooperativen notwendige Güter in großen Mengen zurückgekauft, um Spekulation zu verhindern. Zusätzlich wurden Frauen auf diese Weise von den viel zu zahlreichen Haien befreit, die ihren Opfern auf den Märkten am Tag Kredite zu hohen Zinsen andrehen. Die Kreditschalter dienen auch der Finanzierung von Projekten, die von Frauen initiiert wurden. Und, was sehr wichtig ist, wenn das Projekt einer Frau scheitert und das Verwaltungskomitee (also die kollektive Verwaltung, die den Schalter betreibt) bestätigt, daß die betreffende Person nicht für dieses Scheitern verantwortlich ist, sondern die ökonomische Situation, dann hat sie der Bank gegenüber keine Schulden. Der finanzielle Verlust wird vom Kollektiv getragen. Es gibt dort wirkliche Selbstdisziplin. In ähnlicher Weise haben wir ein gegenseitiges Gesundheitssystem errichtet, das auch auf diesem Modell basiert. Bei einem Mitgliedsbeitrag von 100 CFA im Monat (ungefähr 7USD) erhalten die Frauen das Recht auf Gesundheitspflege in den medizinischen Zentren, mit denen wir Vereinbarungen getroffen haben.
ML: Wie funktionieren diese Kreditschalter?
MD: An der Verwaltung der Kreditschalter sind nur Frauen beteiligt. Frauen, die von anderen Frauen gewählt werden. Dazu muß gesagt werden, daß es in Senegal hauptsächlich Frauen sind, die sich darum kümmern, daß alles für das tägliche Überleben Notwendige vorhanden ist. Deshalb ist es so wichtig, das, was sie tun wollen, zu finanzieren. Dank der Kreditschalter haben wir uns in zwei Jahren von Initiativen zum ökonomischen Überleben zu wirklichen ökonomischen Initiativen entwickelt. Deshalb ist finanzielle Hilfe für Projekte wie die Stadtteilzentren so wichtig. Wenn ein Leder- oder Nähworkshop in einem Viertelzentrum im Rahmen der Ausbildung von Kindern Produkte herstellt, werden diese in allen Kooperativen verkauft, die vom Schalter unterstützt werden. Auf diese Weise können wir beispielsweise allgemeine Ketten zur Verteilung von Leder- und Holzgütern aufbauen. Das ist ein wirkliches politisches Ereignis. Die Errichtung der Kreditschalter ist eine Antwort auf die Globalisierung der Reichen und der Bourgeoisie, die eine Globalisierung der Menschen anbietet. Es ist wichtig, daß wir die Viertel zu wahren ökonomischen Räumen verwandeln und nicht zu Gebieten der Marginalisierung und des Konfliktes.
LML: Du hast uns eine dramatische soziale Situation geschildert, von der zahlreiche junge Menschen betroffen sind, die sich auf der Straße befinden, neben StraßenlehrerInnen, welche die soziale Situation begreifen, die durch die ökonomische Situation und das politische Regime hervorgerufen wird und die zahlreiche allgemeine Initiativen auf den Gebieten der Bildung, der Gesundheit und des Alltagslebens auf der Basis der Selbstverwaltung und eines gesteigerten sozialen Bewußtseins anstoßen. Aber existiert hinter dieser Bewegungfür eine soziale Alternative Seitens der Gewerkschaften und politischer Organisationen das Bemühen, all diese Initiativen zu einer Art Netzwerk zusammenzubringen?
MD: Nein, in Wirklichkeit beteiligen sich die Gewerkschaften und die politischen Gruppierungen überhaupt nicht an all den Strukturen, die wir beschrieben haben (Stadtteilbildungszentren, 'Frauen Bank', Essenskooperativen, Recyclingworkshops ...). Die Menschen beteiligen sich als Personen, vor allem als 'BürgerInnen', als Bewohner eines Viertels, selbst wenn sie oftmals auch Mitglied einer Partei oder einer gewerkschaftlichen Organisation sind. Man muß sich bewusst machen, daß es in Senegal '73 eine Art Mai '68 gab, der für viele Leute zum Ausgangspunkt einer Bewußtseinssteigerung und zum Beginn eines Engagements im politischen Prozeß wurde. Die Mehrzahl der Personen, die heute die treibende Kraft in den beschriebenenInitiativen bilden, kommen aus dieser Bewegung. Es sind MuslimInnen,TrotzkistInnen, GewerkschafterInnen, ex-MaoistInnen, die an der Basis aktiv sind, weil ihre politischen Organisation es nicht sind. Manchmal, in Notfallsituation politischer Repression, wie bei Verhaftungen, sind wir gezwungen, uns an die progressiven politischen Parteien zu wenden, damitsie Fragen an die Nationalversammlung stellen. In Senegal gibt esgegenüber den Menschenrechten eine bourgeoise Haltung. Gruppen, dies ich um Menschenrechte kümmern, funktionieren nur, wenn eine demokratische politische Partei von Repression betroffen ist. Wenn Kinder vor Hunger sterben oder ins Gefängnis kommen, scheint niemand um ihr Schicksal besorgt zu sein. Ich habe noch nie erlebt, daß eine Menschenrechtsorganisation ein senegalesisches Gefängnis begutachtet hätte, um die Haftbedingungen anzuprangern. Wir stehen beim Versuch, eine Verbindung zwischen dem Politischen und dem Gewerkschaftlichen und der sozialen Alternative herzustellen, erheblichen Problemen gegenüber. Eines meiner Ziele ist es, die beteiligten Personen zu ermutigen, sich ein besseres Bild der gesamten Situation zu verschaffen und ihnen dabei zu helfen, die Verbindung zwischen all den Aktivitäten zu sehen, in denen sie involviert sind. Es ist jetzt notwendig, daß die Leute in der Lage sind, die Situation zu analysieren, die Probleme, vor denen sie stehen zu studieren und ihre Antwort zu globalisieren. Es ist wirklich nötig, die Menschen zu motivieren. Aber viele haben sich verändert und entwickelt und eine menge kommen regelmäßig zu uns. Es ist uns gelungen, viele Menschen anzuziehen, die mit Bildung zu tun haben. Es ist uns auch gelungen, ihre Beteiligung an den verschiedenen Aktivitäten auf Stadtteilebene zu fördern. Wenn ich gefragt werde, wo Bildung endet, sage ich, daß es nicht an den Türen unserer institutionellen Strukturen ist. Ich habe kein Territorium, ich bin einsenegalesischer Mensch, ein Mensch der Welt. Wenn ich eingreifen muß, habe ich kein Bedürfnis, mich in geistige Territorien einzusperren. Das bedeutet es, politisches Bewußtsein zu haben und zu schaffen.
ML: Genau. Du sprichst von politischem Bewußtsein, es zuschaffen, dem Staat gegenüberzutreten. Ich würde gerne noch etwas über die sozialen Bewegungen in Senegal hören. Was ist in letzter Zeit geschehen?
MD: In Senegal haben wir nun seit einiger Zeit die so genannte Politik der strukturellen Verwaltung am Werk gesehen. Diese Politik wird vom IWF und der Weltbank verhängt. Sie zwingen uns arbeiterfeindliche und sozialfeindliche Gesetze auf, die ernste Auswirkungen nach sich ziehen. Diese Politik ist in einer Welle von Privatisierungen kulminiert. Die SDE (Wasserwerke) und die Eisenbahnen wurden privatisiert. Seither gibt es in vielen Regionen keine Eisenbahn. Das führt zu ernstzunehmenden Transportproblemen in den Gebieten, die in hohem Maße auf Landwirtschaft angewiesen sind. Zusätzlich hat die Privatisierung der SDE zu einer Steigerung der Wasserpreise um 3%geführt. Wenn sich dies fortsetzt, wird es in 5 Jahren schwer sein, sich Zugang zu Trinkwasser zu verschaffen. Wenn die Elektrizität ebenfalls privatisiert wird, werden wir dort die selben Probleme haben. Heute gibt es einen wichtigen Kampf, der dieses Thema betrifft. Während der Staat versprach, nicht mehr als 33% der nationalen Elektrizitätswerke zu verkaufen, wurde den privaten Firmen im letzten Augenblick alles angeboten. Dadurch wurde ein Streik provoziert. Interessanterweise hat die CNTS (Nationale Konföderation der Senegalesischen Arbeiter), die mit der sozialistischen Regierung verbunden ist, nur einen geringen Einfluß auf die Bewegung. Die Gewerkschaft,die am stärksten an der Kampagne beteiligt war, ist die SUTELEC(Elektrizitätsarbeiter-Gewerkschaft), die einer unabhängigen Gewerkschaft angehört und mit keiner Partei verbunden ist.
Es ist diese unabhängige Gewerkschaft, die in erster Linie die Forderungen der ArbeiterInnen vertritt. Aber mit dem Erstarken der Streikbewegung beschloß die Regierung, diese Gewerkschaft zuliquidieren. Eine Entscheidung, die zusätzlich durch die Tatsache bestärkt wurde, daß die Weltbank und der IWF vor kurzem eine Periode sozialen Friedens in Senegal forderten, damit Investitionen fortgesetzt werden können. Auf diese Weise wurde eine Politik der Säuberung der sozialen Bewegung begründet. Als die SUTELEC nachder Weltmeisterschaft die Elektrizität abschaltete (hätte sie es vorher getan, wäre die Bewegung sehr unpopulär gewesen),eröffnete die staatliche Presse zusammen mit der privaten – die tatsächlich eine freie Presse ist, die sich häufig an der vordersten Front einer beachtlichen Anzahl von Themen befindet - das Feuer auf die Bewegung. Es kam zu einem konzertierten Versuch der Medien, die Menschen gegen den Streik aufzubringen. Der Sekretär der senegalesischen CNT, die der sozialistischen Partei nahe steht, schloß sich dem Angriff gegen die Bewegung an und rief zu Sanktionen auf, weil der Streik Ausschußmitglieder an ihrer Arbeit hindere und unter den Menschen im Allgemeinen zu viel Not hervorrufe. Der Staat nutzte all die saus, um eine Repressionswelle zu entfesseln, bei der er sich auf angebliche Sabotagehandlungen berief, um die Führer der unabhängigen Gewerkschaft zu verhaften. Die UNSAS (Nationale Union Unabhängiger Senegalesischer GewerkschafterInnen), der die SUTELEC angehörte, begann mit einer Solidaritätskampagne, mit der sie einerseits die Menschen über die wahren Themen informierte, um die es ging, die Gründe für den Streik und seine Ziele und zugleich die Freilassung der verhafteten Militanten forderte. Der Streik war äußerst populär in dem Sinne, daß ArbeiterInnen für den demokratischen Zugang zur Elektrizität kämpfen, für das Recht aller, Zugang dazu zu haben, selbst in den entlegensten Gemeinden, was in Senegal bei weitem nicht der Fall ist. Als ich Senegal verließ, wurde eine große Demonstration von Frauen der Arbeiter auf die selbe Weise aufgelöst, wie nahezu alle Solidaritätsmärsche. Rund 40 Frauen wurden verhaftet. Bei jeder Demonstration kam es zu Verhaftungen. 27 Gewerkschaftsführer wurden nicht nur verhaftet, sondern auch entlassen. Normalerweise muß ein bestimmter Verfahrensweg eingehalten werden, wenn Leute die verhaftet wurden, ihren Job verlieren. Nun, da der Streik vorüber ist, werden zahlreiche ungesetzliche Gründe behauptet, um die Mehrheit der Militanten zu entlassen.
ML: Kannst Du uns zum Abschluß noch etwas mehr über die gewerkschaftlichen Gruppierungen, die UNSAS und die CNTS erzählen,die Du erwähnt hast?
MD: UNSAS ist eine Vereinigung jener radikalen linken Gewerkschaften, die sich in erster Linie auf den Klassenkampf beziehen. Im Herzen dieser Gruppierung ist die bedeutendste Mitgliedsgruppe die der LehrerInnen. Die unabhängige LehrerInnengewerkschaft war an einigen ziemlich schweren Kämpfen beteiligt. Vor einem Jahr kam es zu einem langen Kampf um Rentenfragen, der von der Mehrheit in der Berufsgruppe unterstützt wurde. Vor einigen Jahren repräsentierte diese Gewerkschaft ungefähr 25% der staatsangestellten GewerkschafterInnen und heute erhält sie die Unterstützung der meisten ihrer Mitglieder, wenn sie zu einer Aktion aufruft. Die CNTS andererseits, die mit dem Regime verbunden ist, repräsentiert die illusionäre Beteiligung der ArbeiterInnen. Sie bedient sich einer radikalen, ArbeiterInnenmäßigen Sprache, sehr links, verfolgt aber eine Politik, die schlimmer ist als die der Rechten. Der Gewerkschaftsführer ist ein ehemaliger Exilant von 1958, der seine Rückkehr ins Land durch einen Haufen Konzessionen erkaufte. Er ist ein Streikbrecher und der führende Kopf hinter den Bemühungen, die unabhängigen Gewerkschaften zu liquidieren. Die wirkliche Schwäche der demokratischen Bewegung in Senegal, der Menschen diefür wahre Bürgerrechte, wahren Respekt, aber auch im Namen aller Menschen der Welt kämpfen, ist, daß es den verschiedenen beteiligten Personen schwer fällt, die unterschiedlichen Fäden zusammenzubringen. Wenn sie sich zusammenschließen, sich koordinieren, ihre gemeinsamen Ziele definieren könnten, so wäre es uns möglich, eine kraftvolle soziale Bewegung aufzubauen. Was mich angeht, so versuche ich mit den Leuten in den Städten genau das zu tun.
Gruppe Durruti
- Lyon
Le Monde Libertaire 8/1999
Übersetzung: R. Wogatzke http://www.ecn.org/communitas/de/de004.html
Die Welt 12.8.99
Für die große Liebe eine Filmrolle abgesagt
Künstlerin aus dem Senegal folgt einem Bundeswehroffizier nach Hamburg
- Wilhelm Wieben als Kaiser Franz Joseph
Es war Liebe auf den ersten Blick - allerdings zunächst nur zur Kunst.
Der Hamburger Bundeswehroffizier Reinhard Linz war im Februar 1998 in Marokko
stationiert und unternahm eine längere Dienstreise in die senegalesischen
Hauptstadt Dakar. In der Nationalgalerie besuchte er eine Ausstellung der Künstlerin
Fatim M'Bengue. "Ich war beeindruckt von den Farben und der Komposition
der Bilder", erzählt der Offizier. Er hatte von der Absolventin der
Nationalen Hochschule für Bildende Künste in Dakar noch nichts gehört.
Am Rande der Ausstellung kamen die beiden dann ins Gespräch und tauschten
die Adressen und Telefonnummern aus. Zum Ende seiner Dienstreise im Juni wollte
Linz ein Bild der in Afrika bereits sehr bekannten Künstlerin kaufen, als
Erinnerungsstück. "Doch ich hatte ihre Adresse verloren, konnte nur
die Telefonnummer herausfinden." Doch als er anrief, war Fatim M'Bengue
nicht zu Hause, die Hausmeisterin nahm den Anruf entgegen. Fatim sei unterwegs
zu einer Beerdigung in einen anderen Teil des Landes und erst in zehn Tagen
wieder zurück. "Dann werde ich sie wohl nicht wiedersehen", dachte
Linz. Doch das Schicksal wollte es anders. "Ich spürte plötzlich,
dass ich dringend nach Dakar zurück müsse", erinnert sich Fatim
M'Bengue. Kurzentschlossen machte sie sich auf den Rückweg und entdeckte
in ihrer Wohung einen Zettel: "Der deutsche ,Colonel' hat angerufen."
Die Künstlerin und der Soldat verabredeten sich: "Und da hat es gefunkt."
Am Dienstag lud Fatim M'Bengue zu ihrer ersten Vernissage in den Hamburger Showroom
Home Edition (Zippelhaus 2). "Ich habe mein Herz in Deutschland verloren",
gesteht sie. Ein Stipendium in den USA lehnte sie ab, ebenso eine Filmrolle
im Senegal. Denn Reinhard Linz ist mittlerweile an der Führungsakademie
in Blankenese tätig - das Paar will heiraten. Und Fatim M'Bengue will nun
auch "jenseits von Afrika" ihre künstlerische Karriere fortsetzen.
"Ich interessiere mich sehr für die Zusammenarbeit mit deutschen Künstlern.
Durch die Einflüsse der verschiedenen Kulturen kann etwas ganz Neues entstehen."
Unterdessen hat der Hamburger ArteVita Verlag eine limitierte Auflage handsignierter
Ausstellungsplakate herausgegeben. Der Preis pro Exemplar liegt bei 90 Mark.
Der Erlös soll mittellosen Studenten der Kunsthochschule Dakar zur Verfügung
gestellt werden.
Ein Mann kehrt zurück ins Rampenlicht: Ex-Tagesschausprecher Wilhelm Wieben
gibt bei der Lübecker Sommeroperette den Kaiser Franz Joseph von Österreich
und steht in der Erfolgsoperette "Im Weißen Rößl"
vom 14. bis zum 28. August auf der Freilichtbühne an den Wallanlagen. "Die
Rolle ist ihm wie auf den Leib geschrieben", sagt Regisseur Michael P.
Schulz. Zumal dem Nachrichtenmann die kaiserliche Uniform mit Goldtressen schon
einmal gut gestanden hat. Bereits im Sommer 1996 hatte Wieben die Rolle bei
der "Rößl"-Inszenierung im Schmidts Tivoli übernommen.
"Ich mag die Rolle", sagt Wieben selbst. "Wer gibt nicht gern
einen Kaiser?"
euroMagazin
10/99
Die CFA-Zone
Afrika und der Euro
CFA-Franc, so heißt der Franc der Communauté Financière d´Afrique. Die gemeinsame
Währung der 14 überwiegend frankophonen Länder der west- und zentralafrikanischen
Währungsunion ist durch einen festen Wechselkurs an den französischen Franc
gekoppelt. Die monetäre Anbindung der CFA-Staaten wird voraussichtlich mit der
Einführung des Euro auf Europas Einheitsgeld übertragen, soll also ebenfalls
durch einen festen Wechselkurs an den Euro gebunden werden. Strittig ist, wer
künftig über die Anpassung der CFA-Franc-Parität oder über die Aufnahme neuer
CFA-Mitglieder entscheidet: Frankreich oder die Europäische Union. Ein Vorschlag
der EU-Kommission lautet darauf, daß das französische Finanzministerium weiter
den Umtauschkurs garantiert, die französischen Behörden aber über jede Veränderung
der Paritäten informieren müssen. Die CFA-Länder, das sind: Senegal, Guinea-Bissau,
Mali, die Elfenbeinküste, Burkina Faso, Togo, Benin, Niger, der Tschad, Kamerun,
Zentralafrika, Äquatorial-Guinea, Gabun und der Kongo. Die Regeln von Geld-
und Fiskalpolitik dieser Staaten werden von Paris diktiert. Frankreich bürgt
mit einer Konvertibilitätsgarantie des afrikanischen Franc und gleicht eventuelle
Zahlungsbilanzdefizite der Afrikaner aus. Dies allerdings nur dann, wenn die
Überschüsse reicher CFA-Staaten, wie der Elfenbeinküste oder Gabuns die Verluste
armer Staaten wie des Tschad oder Malis nicht mehr abdecken. Die Beträge, mit
denen Paris bisher aushelfen mußte, sind eher gering. Dennoch ist die Sorge
vor allem bei den Deutschen groß, die Inflation in der Franc-Zone könnte durch
den fixen Wechselkurs auf den Euro übergreifen. Einige Experten, wie Mamadou
Koulibaly, Ökonomieprofessor an der Universität von Abidjan, halten eine baldige
Auflösung des CFA-Systems für sehr wahrscheinlich.
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Der Widerspruch
zwischen Entwicklungspolitik und Fischereipolitik der EU
Europäische
Fischereipolitik: Entwicklungshilfe für die Fischer des Nordens
Die zentralen Motive der EU für den Abschluß von Fischereiabkommen
mit westafrikanischen Ländern sind die Deckung ihres steigenden Fischbedarfs,
die Erhaltung von Arbeitsplätze, die Auslastung der 40%igen Flottenüberkapazität
der EU sowie der Schutz der Bestände in eigenen Gewässern. Um diese
Ziele zu erreichen, betreibt die EU eine Politik, die auf Kosten der westafrikanischen
Bevölkerung und im Widerspruch zu den eigenen hehren entwicklungspolitischen
Grundsätzen, gnadenlos die Ressourcen der westafrikanischen Küsten
plündert.
von Martina Schaub
Die Prinzipien
der EU-Entwicklungspolitik
Der seit 1993 geltende Maastrichter Vertrag enthält in Artikel 130 auch
die Grundprinzipien der EU-Entwicklungspolitik. Diese sind neben der Kohärenz
Komplementarität und Koordination. Komplementarität bezieht sich darauf,
daß die Entwicklungspolitik der EU die Entwicklungspolitik der Mitgliedstaaten
nur "ergänzen" soll. Obwohl es in der Vergangenheit erste Ansätze
für eine verbesserte operationelle Koordinierung gab, existieren in Europa
real noch 16 unterschiedliche Entwicklungspolitiken (15 Mitgliedstaaten plus
Kommission), die sich in der Projektarbeit vor Ort teilweise sogar Konkurrenz
machen.
Das Kohärenzgebot verpflichtet die EU, bei allen politischen Entscheidungen,
die Entwicklungsländer betreffen können, entwicklungspolitische Ziele
(z.B. Armuts-bekämpfung, Förderung einer nachhaltigen Entwicklung)
zu berücksichtigen.
Dieser Grundsatz steht allerdings oft im Widerspruch zur praktischen Politik
der EU, wie das Fallbeispiel der Fischereipolitik der Europäischen Union
zeigt. Die EU konterkariert mit ihren Fischereiabkommen mit den Ländern
Afrikas, der Karibik und des Pazifik (AKP-Staaten) ihre Entwicklungsmaßnahmen
für den Fischereisektor der Partnerländer.
Die EU
und ihr Fischereiproblem
Die Fischereiflotte der Europäischen Union ist in Bezug auf die zur Verfügung
stehende Fischmenge, die in europäischen Gewässern gefangen werden
kann, zu groß. Die Flottenkapazität liegt um ca. 40% höher als
es eine nachhaltige Ressourcen-bewirtschaftung erlauben würde; die Folge
ist eine Überfischung der europäischen Gewässer. Die Abrüstung
der Flotte erfolgt entgegen den Selbstverpflichtungen der EU nicht in vollem
Umfang, weil damit viele Arbeitsplätze von Fischern, insbesondere in Spanien,
Frankreich und Italien verloren gehen würden. Die Alternative
ist der Kauf von Fangquoten in ausländischen Gewässern, ca. 1000 EU-Trawler
fischen regelmäßig in den Gewässern des Indischen und Atlantischen
Ozeans und vor den Küsten Afrikas.
Die EU verfolgt mit ihrer Gemeinsamen Fischereipolitik1 den Grundsatz der Schaffung
einer modernen, wettbewerbsfähigen Flotte. Dies soll theoretisch durch
eine "rationelle, verantwortungsvolle und dauerhafte Nutzung der Fischereibestände,
Gleichgewicht zwischen Fischereiaufwand und verfügbaren sowie zugänglichen
Ressourcen, strenger kontrollierter Zugang zu den Beständen...." erreicht
werden2. Der Lebensunterhalt der Fischer und die Arbeitsplätze in der Verarbeitungsindustrie
sollen für die Zukunft gesichert und den europäischen Verbrauchern
Fisch zu angemessenen Preisen geboten werden. In der Praxis lag der Schwerpunkt,
besonders nach dem EU-Beitritt von Spanien und Portugal 1986, stark auf der
Modernisierung und Industrialisierung der Fischerei.
Nach deren Beitritt nahmen die Fangkapazität um 75%, die Tonnage um 65%,
die Fischereierzeugung und der Verbrauch um jeweils 45% zu. In Spanien ankert
die größte europäische Fischereiflotte. 70% aller europäischen
Fischer und Besatzungsmitglieder kommen von dort, ca. 300.000 Spanier leben
direkt oder indirekt von der Fischerei3.
Fischereiabkommen
öffnen Fanggründe
Die zentralen Motive der EU für den Abschluß von Fischereiabkommen
sind die Deckung ihres steigenden Fischbedarfs, die Erhaltung der Arbeitsplätze
in der Fischindustrie und derjenigen der betroffenen Fischer, die Auslastung
der 40%igen Flottenüberkapazität der EU sowie der Schutz der Bestände
in eigenen Gewässern.
Zur Zeit hat die EU Zugang zu den Hoheitsgewässern von 16 AKP-Staaten.
In diesen sogenannten "gemischten" Fischereiabkommen werden der Thunfischfang
ebenso wie der Fang von anderen Fischen geregelt. Fischereiabkommen mit AKP-Ländern
sind keine Gegenseitigkeitsabkommen, d.h. "Fisch gegen Fisch" wie
z.B. mit Norwegen und Island, sondern es sind Fischereiabkommen gegen finanzielle
Ausgleichszahlungen,
also "Fisch gegen Euro".
Die Fangrechte für Trawler werden in Brutto-Register-Tonnen (BRT) definiert
und nicht, wie sonst üblich, in Fangmengen, also Tonnen. Dies erlaubt der
EU die zunehmende Erhöhung ihres Fischereiaufwandes bei gleicher BRT-Zahl,
wie es durch technische Neuerungen möglich ist.
Die Fischereiabkommen mit AKP-Ländern enthalten bereits die Möglichkeit
zur höheren Auslastung der vereinbarten Fangmengen. Nachzahlungen für
"zusätzliche" Fänge sind an der Tagesordnung. Fischereiabkommen
werden zudem immer im Vorgriff angewendet, d.h. vor der Ministerrats-Entscheidung.
Die geforderte Schutzzone von 12 Seemeilen für Kleinfischer wird nicht
in allen Protokollen vorgeschrieben. In Äquatorialguinea beispielsweise
existiert nur eine Schutzzone von vier Seemeilen. Von den in den Fischereiabkommen
vorgeschriebenen örtlichen Fanganlandungen der EU-Flotten im Senegal profitieren
anstatt der örtlichen insbesondere französische Verarbeitungsfirmen.
In Guinea sind die EUSchiffe im Rahmen des neuen Abkommens sogar zur kostenlosen
Anlandung von Fisch vor Ort verpflichtet, was den Markt der einheimischen Fischer
erheblich stört.
Rückgang
der Fischbestände
Die FAO stellt fest, daß sich 70% der Bestände in westafrikanischen
Gewässern in einem kritischen Zustand befinden - anderen Quellen zufolge
sind bis zu 90% der Bestände in westafrikanischen Gewässern bereits
überfischt. Trotzdem schafft es die EU, dank ihrer starken Verhandlungsposition,
ihre Fangmöglichkeiten in jedem neuen Fischereiabkommen mit einem AKP-Land
zu erhöhen. Sie setzt sich regelmäßig
über wissenschaftlich empfohlene Fangquoten hinweg. So wurde EU-Schiffen
im neuen Abkommen mit dem Senegal zum ersten Mal Möglichkeiten zur "pelagischen
Fischerei" eingeräumt. Diese Schwarmfische machen 85% der Fänge
der lokalen Fischer des handwerklichen Sektors aus. In Mauretanien sind nun
im Rahmen des neuen Fischereiabkommens 240 im Vergleich zu zuvor 165 EU-Schiffe
zugelassen. In sämtlichen Abkommen hat sich vor allem auch die Zahl der
zugelassenen Thunfischfänger drastisch erhöht.
Diese Fischereiabkommen mit AKP-Ländern zerstören die Basis der marinen
Ressourcen und damit die Versorgung der Bevölkerung mit ihrem Grundnahrungsmittel
Fisch. Trotz Eingeständnissen, daß die EU-AKP-Fischereiabkommen problembehaftet
seien, hält die EU stets am Abschluß neuer Abkommen in AKP-Ländern
fest.
Den Angaben über tatsächliche Fangmengen der EU fehlt es an Transparenz.
Die geschätzten tatsächlichen Fangmengen betragen oft ein Vielfaches
der offiziellen Schätzungen, z.B. das Vierfache in der Elfenbeinküste
oder das Dreifache in Mauritius. Ein zweifelloser Indikator für die Überfischung
mauretanischer Gewässer ist die Tatsache, daß sich der zeitliche
Aufwand (in Std/Tonne Fisch) bei der Zephalopoden-Fischerei (Kopffüßler,
also Tintenfisch) zwischen 1992 und 1994 vervierfachte. EU-Flotten haben auch
Fangrechte für diese Arten vor Mauretanien. Während der eingeführten
Schonzeit in Mauretanien fischen EU-Flotten einfach einige Seemeilen weiter
im Senegal oder in Guinea-Bissau. Zusätzlich schließen Europäische
Reeder private Lizenz- und Charterverträge mit AKP-Staaten ab, wie z.B.
in der pelagischen Fischerei in Mauretanien.
Die Subventionierung
der EU-Fischerei
Allein im Jahr 1996 hat die EU 95 Mio. ECU für Fischerei- Ausgleichszahlungen
an AKP-Staaten aufgewendet. Dies entspricht etwa 12% des gesamten Budgets der
gemeinsamen Fischereipolitik der EU. Innerhalb eines Jahrzehnts (1985 bis 1996)
haben sich die Ausgaben für Fischereiabkommen verachtfacht. Dabei übersteigen
die Kompensationsleistungen einschließlich sämtlicher Subventionen
deren Wert erheblich.
Allein für das Fischereiabkommen mit Mauretanien gibt die EU über
mehrere Jahre 60% (266,8 Mio. ECU) ihrer Ausgleichszahlungen für AKP-Staaten
aus. Senegal (48 Mio. ECU) und Guinea-Bissau (36 Mio. ECU) folgen mit großem
Abstand. Die EU verpflichtet die Partnerstaaten in keinem Fall zu einer Mittelbindung,
obwohl z.B. 16 Mio. ECU für das Senegal-Abkommen aus dem EDF (European
Development Found) stammen.
Die eigentlich für die Entwicklung des handwerklichen Fischereisektors
bestimmten Gelder kommen so mit Sicherheit nicht bei den Kleinfischern an.
Außer den oben angesprochenen Nachzahlungen für höhere Fänge
werden auch die enormen Beifänge nicht als Kosten gewichtet. Der Wert der
rückgeworfenen Fänge durch EU-Flotten in senegalesischen Gewässern
entsprachen 1992-94 18% der finanziellen Ausgleichszahlungen. Auch werden sonstige
Kosten wie für Anlandung, Lagerung, Schiffsreparaturen, Verhandlung, Verwaltung,
Kontrollmaßnahmen, Infrastruktur und Monitoring nicht miteingerechnet.
Trotz der zweifelsfreien Notwendigkeit zum Abbau des Fischereiaufwands erhält
Spanien zwischen 1994 und 1999 allein für seine "Erneuerung und Modernisierung
der Fischereiflotte" über 334 Mio. ECU; Subventionen in gleicher Höhe
erhält das Land für die "Anpassung des Fischereiaufwands".
Man erkennt, daß diese Subventionen der EU einen Neutralisierungseffekt
besitzen. Demnach ist es kein Wunder, daß sich die Anzahl der EU-Schiffe
allgemein zwar leicht verringert hat, die Tonnage bzw. Fangkapazität hingegen
gleichgeblieben ist. Frankreich erhält sogar mehr als doppelt soviel für
die Modernisierung seiner Flotte als für deren Anpassung. Diese Subventionsbeispiele
belegen, daß sich das Problem der Überkapazität auch weiterhin
verschärfen wird.
Negative Auswirkungen auf die Länder Westafrikas
Fisch deckt in Westafrika 50 bis 80% des Gesamtbedarfs an tierischem Eiweiß.
Der Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch in Afrika südlich der Sahara ist von 9
kg (1990) auf 7 kg (1994) zurückgegangen. Anfang der 80er Jahre betrug
dieser noch 15 kg. Insgesamt stammen 77% der Fänge aus dem handwerklichen
Fischereisektor. Dieser ist zugleich die wichtigste Einkommens- und Beschäftigungsquelle.
Die Fänge der Kleinfischer sind jedoch zwischen 1992 und 1994 um 8% zurückgegangen.
Die EU-Fänge besitzen also negative Auswirkungen auf die einheimischen
Fänge. Die AKP-Regierungen verkaufen die wichtigste Nahrungsgrundlage ihrer
Bevölkerung gegen Devisen, um ihren Schuldenberg abzutragen oder zum Teil
um wiederum Fisch zu importieren. In Mauretanien wird Kraftstoff in erster Linie
an ausländische Schiffe ausgegeben. Es wurde berechnet, daß dadurch
den einheimischen industriellen Flotten jährlich etwa 20 Mio. US$ in Form
"verlorener Fischfangzeit" aufgrund von Wartezeiten verloren gehen.
Einheimische Fischer müssen zudem erheblich höhere Kosten für
den Betrieb ihrer Schiffe aufwenden (z.B. Kraftstoff u. Ersatzteile).
Etliche AKP-Länder sind sogar zum Import ihres Grundnahrungsmittels Fisch
gezwungen, zu einem wesentlichen Teil aus der EU, und weisen dadurch negative
Handelsbilanzen an Fischprodukten auf. Die Handelsdefizite an Fischprodukten
beliefen sich in der westafrikanischen Region im Jahr 1993 auf 600.000 t. Dabei
gingen die Importe innerhalb einer Dekade um 37% zurück. Die Verfügbarkeit
von Fisch auf den einheimischen Märkten nimmt im Durchschnitt stetig ab,
da die niedrigeren Importe nicht mit einem entsprechenden Anstieg der Fischproduktion
wettgemacht werden können. Die Nahrungssicherheit ist dadurch immer stärker
gefährdet.
Obgleich der Senegal beispielsweise eine positive Handelsbilanz an Fischprodukten
aufweist, importierte das Land 1993 für 24 Mio. US$ Fisch, vor allem aus
nicht-afrikanischen Ländern. Die Importe an frischem Fisch in die Elfenbeinküste
haben sich zwischen 1988 und 1992 sogar verzwölffacht!
Eine Reihe westafrikanischer Länder importiert auch gerade die kleinen
pelagischen Fische, die wichtigste Proteinquelle der Bevölkerung.
Nigeria importiert Schwarmfische auch aus Deutschland, den Niederlanden und
anderen europäischen Ländern. Die Bedeutung dieser Schwarmfische wird
daraus ersichtlich, daß dort der Preis von gefrorenem pelagischen Fisch
im Jahr 1994 11% desjenigen für Hühnerfleisch betrug.
Zieht man ein durchschnittliches Bevölkerungswachstum von 3% in Westafrika
heran, so könnten allein von den Fängen der europäischen Flotten
in westafrikanischen Gewässern 25 bis 50 Mio. Menschen zusätzlich
ihren Fisch- bzw. Eiweißbedarf decken. Nimmt man nun die Bevölkerungsprognose
der FAO für das Jahr 2010, so müssen zwischen 1997 und 2010 etwa 90
Mio. Menschen zusätzlich ernährt werden. Allein von den kleinen pelagischen
Fischen, die von der EU vor Westafrika gefischt werden(160.000 t), könnten
bei einem Pro-Kopf-Bedarf von 20 kg zusätzlich 8 Mio. Menschen ernährt
werden.
Westafrikanische Küstenbevölkerungen sind demnach im Hinblick auf
ihre Nahrungssicherung dreifach bestraft: Erstens erschweren Umweltprobleme
wie Desertifikation in den Trockenregionen die Produktionssteigerung von Nahrungsmitteln,
was bereits zu einem drastischen Anstieg des Fischkonsums geführt hat.
Zweitens sind diese Länder mit einem unaufhaltsamen Bevölkerungsanstieg
konfrontiert und drittens verlagert die EU ihre Flottenüberkapazitäten
einfach in deren Gewässer und beutet diese aus, obgleich sie bereits überfischt
sind.
Die Rolle
der EU in westafrikanischen Gewässern
Im Durchschnitt stammen über die Hälfte der EU-Fänge aus den
Fanggründen von Drittländern. Die EU ist die wichtigste ausländische
Flotte in Westafrika. Insgesamt gehen die Hälfte der ausländischen
Fänge auf das Konto der EU. Von den 422 Lizenzen in den westafrikanischen
Staaten Senegal, Mauretanien, Guinea-Bissau und Gambia gingen 1995-96 294 an
die EU. Von den Fangrechten profitieren vor allem die Spanier,
Franzosen und Portugiesen. Spanien verbuchte 1992 fast 70% der EU-Fänge
im östlichen Zentralatlantik. Die Spanier landen dabei nicht selten ihre
Fänge illegal in Las Palmas an und können diese dann als EU-Fänge
deklarieren. Bei der Ausbeutung von Fischressourcen nutzen EU-Flotten insbesondere
fehlende Kontrollen.
Von EU-Schiffen gefangener Fisch wird auch als Nahrungsmittelhilfe nach Westafrika
gebracht. Dies sind insbesondere getrocknete pelagische Fische. Mauretanien
erhielt zwischen 1988 und 1990 pro Kopf 33 kg Nahrungsmittelhilfe von der EU.
Sao Tomé importiert im Rahmen des Welternährungsprogrammes der UN
etwa 200 t getrockneten Fisch pro Jahr aus skandinavischen Ländern.
Der Widerspruch
zwischen Fischereiabkommen und Entwicklungspolitik
Die EU verfolgt mit ihren Fischereiabkommen mit AKP-Ländern einerseits
und ihrer Entwicklungspolitik andererseits eine völlig inkohärente
Politik. Im Rahmen des Lomé-Abkommens4 liegt der Schwerpunkt der EU im
handwerklichen Fischereisektor in der Region Westafrika. Sämtliche Fischereiprojekte
im Rahmen von Lomé werden aus dem European Development Fonds (EDF) finanziert.
Zwischen 1959 und 1989 gingen somit 42% der gesamten EDF-Unterstützung
in den westafrikanischen Fischereisektor.
Zwischen 1981 und 1993 erhielt die Region Westafrika für regionale Projekte
im Rahmen von Lomé 22,5 Mio. ECU. Zudem können AKP-Länder Gelder
aus anderen EU-Fonds für Entwicklungsprojekte erhalten. Unterstützung
erfährt vor allem der handwerkliche Fischereisektor in Westafrika, welcher
am stärksten von der Konkurrenz durch EU-Flotten betroffen ist. Allein
im Senegal gibt es 21 Entwicklungsprojekte der EU im Fischereisektor. Die GTZ
betreibt z.B. ein Projekt zur Fischereikontrolle in Mauretanien. Im Zeitraum
von 1977 bis 1991 beliefen sich die Entwicklungshilfegelder der EU für
die gesamte afrikanische Region auf etwa 40% der Ausgaben für Fischereiabkommen.
Die finanziellen Ausgleichszahlungen für Fischereiabkommen mit dem Senegal
übertreffen seit 1990 die Zahlungen im Rahmen von Lomé IV erheblich.
Die Fischereiabkommen der EU mit AKP-Ländern machen all diese Entwicklungmaßnahmen
der EU zunichte. Entwicklungsgelder für den handwerklichen Fischereisektor
fließen in ein Faß ohne Boden, da Fanggründe, welche die Existenz
lokaler Küstenbevölkerungen sichern, von den EU-Flotten selbst zerstört
werden und diese die Kleinfischer als Verlierer im Konkurrenzkampf zurücklassen.
Martina Schaub,
Agraringenieurin, Handelsreferentin bei GERMANWATCH, Budapester Straße
11, 53111 Bonn, Tel.: 0228- 60492-13, Fax: 0228-60492-19
1) GFP, seit 1983 definiert, reformiert 1993
2) Europäische Kommission, Generaldirektion Fischerei: Die neue gemeinsame
Fischereipolitik. Amt für amtliche Veröffentlichungen der EG. Luxemburg.1994,
S.10
3) Katja Hansen ‚Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen von EU-AKP
Fischereiabkommen' (1998) im Auftrag von GERMANWATCH und Brot für die Welt.
Bezugsadresse GERMANWATCH, Budapester Straße 11, 53111 Bonn, Tel.: 0228-
60492-13, Fax: 0228-60492-19
4)
Das Lomé-Abkommen als Kernstück europäischer Entwicklungszusammenarbeit
regelt seit 25 Jahren die Beziehungen zwischen der EU und 71 AKP-Staaten; das
gegenwärtig gültige Abkommen läuft im Jahr 2000 aus, seine Zukunft
wird momentan neu verhandelt.