Isch se
schwarz
Beulleurs statt Brôt: Wie ein brésilien in Senegal international
gans normal Silvester feiert
von Ze do Rock
In Dakar, Senegal,
faingt der 31. decembre gans normal an. Vormittags nur ein raubversuch. Martin
der tirolais, meine Princesse, die allemande, und ich der bresilien ybersideln
grade in ein andres hotel, da kommt einer von links und bitet ein armband an,
einer von rechts eine Sonnenbrille und gleichzeitig will ein dritter wissen
wo wir herkommen und wie wir heissen. Man nennt Dakar das Paris von Afrique,
und wenn schon kein Eifelturm dann zumindest sovil criminalité. Von verkeufern
umzingelt werden wir zwar stendig, aber die 3 harn verdechtig wenig anzubiten.
Wir sind alarmées und lassen sie nich an unsere taschen.
Varum grade Dakar? Tja, ich vollte verend der Jartausendvende nich friren, sondern
hemdsermelig spaziren. Also varen Europe und sonstige nordpolnae kontinente
ausgeschlossen. Asiatiques und australiens ham vom feiern keine anung, in Sudamerique
var ich als bresilien schon zu oft. In Schwarzafrique gibt es noch ein pair
weisse fleken fyr meine laindercollection. So kann ich den l. l. 00 mit meim
110. land, Senegal, feiern.
Alle leute in Dakar, la capitale, parlent francais, sowol die negres wie die
blancs. Und francais koennen vir dôch. Leider stellen vir hier fest, das
das fest vegen Ramadan nich so richtig mit vollem vapeur celebré vird.
80 % der senegalais sind musulmans. Koennen sie disen Ramadan nich exceptionellement
fairschiben? Odaire ein monat lang zum Christenturn conveter? Danach koennen
sie ja zuryck zum Islam, venn sie unbedingt meinen. Goût, die einheimischen
behaupten trotzdem felsenfest, das es ein fest zou silfesta gibt, veil der Ramadan
om 12 our nachts nix zou melden hat. Ja ound vie celebrez ir denn? Mit danser,
vas sonst. Ja, so sind sie, die africains. Danser zoum carneval, danser zou
ostern, danser zou weinachten ound in der zwischenzeit dansent sie auch ound
jammern dann, das sie nich imstande sind, spitzentechnologie zou produire. Dabei
moecht ich in der nacht zoum neuen millennium spitzentechnologiefeuerverk erleben.
Die africains teilen mienne fascination für die magic nummero 2000 uberhaupt
nich, fur sie commt da forn nix anders als ein gevoenliches neues jar.
Normalerveise essen vir cain mittagessen, âbère heute ist nich
normalerveise. Vir gen chez Loutcha, vo's eine 30-seitige speise-carte gibt,
mit specialités aoûs Brésil, Mexique, USA und 20 andre lainder,
sauercroût inclusive. Aoûf dem veg dorthin verden vir vider umzingel.
Ploetzlich vollent sie fulèn, aoûs velchem stoffe unsere hosen
sind. Vir fairteilen ein pair fousstrittes, schimpfen laoût und sie gèn
vidère.
Orn 17 hour commên Isolde, die allemande, und Sami, der zairois, rnit
dem schnellbôt aus Garnbie. Aouf dem veg zoum afen verden vir ein drittes
male umcingelt, dismâle châffen sie's, dem Martin sein passport
zou claoûn. Da vird der tirolais âbère boese und hôlt
ien sich zouruc.
Dâs schnèllebôt est zwar schnèlle, âbère
venn es 2 stondes zou spait losfairt, comt es halte 2 stondes zou spait Anne.
Da nutst alle schnèlligcait nix, venn sie aoûf eine kafkaeske bureaucratie
steusst. Alle gépec-stucs verden auf ein 100 qm-areal fairteilt, ountersoucht,
ound dann vird der eigentumère musam in dère menchenmenge airmittelt.
Im schnitt comt alle 12 minutes ein passager raoûs. Venn unsere freunds
zou den letzten passagers géheurènn, verden sie bei disem tempot
die millennium-passage in disem gefangenen-depot fairbringen und airst nach
4800 minutes, das heisst am 3. janvier 2000 frei-commên. Draoûssen
est es total obscure, und eine moite taxi-chauffeurs prugelent sich om die raire
passagers. Vir quitter den afen om 21 heures mit eim schlêchten gévissen.
Im hôtel est der plaisir umso greusseur, Isolde und Sami sind schôn
gemutlisch installées. Im bot var cain place mère, desvegen sind
sie mit dem bus gecommen. Dort var zwar aouch cain place mère, âbère
dâ est es nich nour normal sondern die be- dingoung dâs air losfairt.
Normalement fairlangent die chauffeurs de taxi 10 marc für eine fart ins
centre-ville. Yets mousse unser zairois arbeiten. Sami est zwar im Senegal genaoûseaux
ein auslaindeur vie in Allemagne, âbère daire chauffeur veiss das
nisch und fairlangt fur die fart eine marc. Dann commên vir angérante.
Le dinner est international vie le neue millennium sein soll: 2 allemandes,
1 tirolaiss, 1 zairois und ein brésilien gên in Senegal zoum corean.
Das essen est goût, vir verden nisch aoûsgeraoûbt und draoûssen
heurt man nix. Om 23 heures vird es doch noch laoût in le centre. Vir
begeben uns zour Place de l'Independance und nisch nour vir: die ganse population
de Dakar rennt chône hin. Dort vird es noch laoûtair und bountair.
Die menchenmasse beveegt sisch fil und pleutslisch, om den crachêrs und
den in l'horizontale losgélassenen feuervercs zou entcom. Irgendvie est
dâ eine zimlisch bedrôlische atmosphaire. Es chaoût eer aoûs
vie in Belgrad vairend dere NATO-visite. Venn dâ eine panique aoûsbricht,
bleibt nisch fil ubric.
Alseau dôch file beulleurs statt brôt. Les allemands caufent venigere
beulleurs om la monnaie stattdessen nach Afrique zou chic, âbère
les africains caufent mit dise geld cain brôt sondern beulleurs.
Ya goût, Dakar est nisch rischtic Afrique, âbère beulleurs
sind auch nisch rischtic brôt. Seit une stonde chône cnallt es heftic,
âbère nisch cheune, veil privé. Om mitternuit commên
dann les statliches feuvercs, und das est doch impressionant, obvôl nisch
seaux bombastic vie fairmoutlisch in Paris ôdère New York.
Comic: bis eute hâm vir gedâcht, es gibt cain feuverc âbère
fil danse, yets est es le contraire: fil feuverc und cain danse. Caines umârmes,
caines ausflippes, cain Champagne. Dagegen hâm les allemands une menge
temperament. Om 0:16 heures trift une raquete unseren ami Martin, und zwâr
nour cnâp neben (2 cm) l'epicentre von Seine hintertel. Isch chetse dâs
es une raquete privée var.
Seau seau. Seaux sit le neue millennium aoûs. Caine magnetbân, caine
fligende autos ôdere alles per tastedruc, chône nisch im Goldenen
Ouest, geschweige denn in Afrique. Stattdessen fil lairme und le gerouch pénétrant
nach chisse-pulver. Venn isch misch dâ seau umschaoû, mousse isch
chône sagen, isch se schwarz fur Afrique. Es gibt zwâr une laser-spectacle
und musique fom band, âbère rischtic goûte atmosphaire est
es nisch. Filaicht felen dôch les getrencs?
Om l heure vollen vir endlisch le nouveau jar begiessen. Mit bière, vail
der africain Champagne seau goût est vie die africaine Rolex. Danâch
gên les dames schlafen und vir mainner zin doursch la nite-life fon Dakar.
Unsere gemeinsame sprache est allemand, obvol vir alle 3 in Allemagne génaoûseaux
auslaindeurs sind vie hier.
Les discoteques sint maissig besoucht, drinnen sitsênt meistens dames
d'animation. Gedansé vird chône, âere nour fon les dames
d'animation. Vir bleiben nisch lânge, veil la bière sauteur est,
saux das vir les dames caine bière spendiren coennen. Vaer aoûch
anti-africain, hier erneren les fraus les mainners und non le contraire.
Om 6:30 heures est alles fini. Vir nem un taxi und Sami discute mit le chauffeur.
Air meint, venn mân 9 stondes fur les 200 kilometres fon Gambie nach Dakar
braûcht, veil les routes seau catastrophales und police-fairseuchr sont,
dann Cannes le gouvernement nisch goût sein. Le zairois, daire inzwichaine
bavarois mit links Cannes, behauptet felsenfest, dâs aoûs disem
continent nix vird, venigstens nisch in den nexte 20 yars. Isch bin nisch d'accord.
In diser nâcht hab isch zoum ersten mâle un mullvagen in Schwarzafrique
géséen. Venn das cain goûtes omen est.
Zuruc im hôtel, nem isch une Aspirine, leg misch hin und die sache mit
dem yartausend est gégéssen.
Ze do Rock is
vor langer zeit in Brasilien geboren, hat nix studiert und zuletzt das buch
"Ufo in der Küche" (Gustav Kiepenheuer) veröffentlicht und
lebt noch heute, meistens in Mynchen
aus der ZEIT, Januar 2000
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Neue
Zürcher Zeitung 25.03.2000
Wahr
ist nur das gesprochene Wort
Erfahrungen mit senegalesischer Grammatik von Ania Faas (Text) und André
Lützen (Bilder)
Wortarten. Ein ehemaliges Luxushotel, abrupt verlassen wie von Flüchtenden, schlafend zwischen zwei tosenden Schnellstrassen, die sich um den Paradiesgarten herum kreuzen. Kein Autofahrer nimmt Notiz von dem Gebäude. Die bröckelnde Majestät ist auf einer anstrengenden Fahrt nicht beachtenswerter als die Airport-Landebahn, die Maggi-Reklametafeln oder die meterlangen und tückisch tiefen Schlaglöcher der Nationalstraße zwischen Dakar und der Provinz. Im Swimmingpool betreiben hagere Bäume explosives Blühen, als würden es stündlich mehr rote und giftgelbe Kelche, die sich tief auf die türkisfarbenen Fliesen neigen. In den früheren «Gesellschaftsräumen» hat man alles stehen und liegen gelassen, wie es in den sechziger Jahren war. Sandverschüttete Gläser und Tassen, verrotteter Stoff, an der Wand neben dem Türrahmen bleiche Bilder von stolzen Mohren in Kellner-Livree. Amadou liebt diesen Ort. Mehr noch, er ist sein Zuhause. Zuhause ist da, wo die Familie nicht ist. Denn hier, wo es nach Abgasen stinkt und die Trockenheit Vergangenes konserviert, muss keiner lächeln oder reden, der nicht will. Schlaksig steigt Amadou über die zerbrochene Holztür in die Disco ein und hängt seine zwei Meter lichte Höhe über die Lehne eines grünen Klubsessels. Zwei, drei Freunde werden kommen, wenn überhaupt. Jedenfalls weniger als die drei Dutzend Angehörigen zu Hause, Vater, Mütter, Geschwister. Die besten Ideen hat er hier gehabt, den Titel für ein Lied zum Beispiel, «Ku weet xam sa bop - Wenn du nachdenken willst, musst du allein sein». Selbst im Halbdunkel leuchtet der Schöpferstolz aus seinen Augen. - Lamin hat sich angeschlichen wie eine Katze und springt ihm, unter Andeutung diffuser Kung-Fu-Schritte, direkt in den Nacken. «Ça va? Ça va bien? Cool, mon frère?» Drohend rollt sein R, er lässt sich in den Nachbarsitz fallen und hebt das Cellulaire ans Ohr. «Ecoute, morgen wird das nichts mit unserem Treffen. Bei uns ist heute abend Taufe, glaube kaum, dass ich vor nachmittags auf den Beinen bin.» Nachdem er die Aus-Taste gedrückt hat, macht Lamin ein zuckersüßes, breitmäuliges Gesicht und flüstert mit Fistelstimme: «Und schöne Grüße an Amadou, ja?» Amadou boxt ihn in den Bauch, und beide brechen in ein Lachen aus, das Tote zum Leben erwecken könnte. Amadou und Lamin warten auf bessere Zeiten und fühlen sich derweil ganz wohl. Bis Mitte Dreissig ist es nicht mehr weit, sie sind bereits auf dem Weg ins hohe Alter, zwei Musiker ohne Instrumente, oder, wie Amadou es gerne ausdrückt: «Je ne suis qu'un individu de bonne volonté.» Die Zukunft lebt im Grand-Hotel, weit weg von allen Menschen, die lächeln und reden und ihr Leben in fremde Hände geben.
Aussagen. Dunkel. Lockend. Jenseits. Roots, der Himmel, Tam-tam. In diesem großen, nach links ausgebeulten Kontinent liegt Senegal mit seinen Flussgrenzen zu Mauretanien, Mali, Guinea und Guinea-Bissau ganz außen, genau gegenüber der Karibik. Von hier aus wurden Sklaven verschifft, von hier kam der erste schwarze Literaturnobelpreisträger, hier begann die Karriere von Youssou N'dour. Fünf Sprachen, eine Religion, Reste von europäischer culture. Französisch Amtssprache und Pflichtfach ab sechs Jahren, die Bettler können recht gut «Bonjour, Kleenex!» sagen und «Donne moi de l'argent!» Regenzeit von Mai bis September, ansonsten Malaria, Analphabeten, Inflation. Historiker, wenn sie einen Regierungswechsel verzeichnet haben, schließen ihre Bücher wieder für ein paar Jahrzehnte. Nennenswerte Kriege gab es in letzter Zeit nicht. - In durchschnittlicher Sprechgeschwindigkeit würde man für diese einhundertacht Wörter etwa fünfzig Sekunden brauchen. Knapp eine Minute für die Skyline, an der Amadous Traumschiff vor Anker liegt. «La chaîne, c'est l'éducation, l'islam, la société. Was du tun solltest, tun andere für dich. Propheten, Scharlatane oder eben Politiker.» Er öffnet die Augen und lacht. «Wenn was schief geht, sagen wir Graw - c'est pas grave und lassen uns in das Leben nach dem Tod treiben. Grave . . . »
Privatgespräche.
Zu Hause serviert Amadou noch einen Tee. Der dritte Aufguss ist ausgetrunken,
es wird Abend, aber der Besuch klebt seit Stunden am Sofa fest. Niemals würde
der Gastgeber zeigen, dass er ihn gerne los wäre, sich räuspern etwa
oder Arbeit vorschützen. «Il te fait chier, mais tu ne dis rien.
Sonst heißt es, du bist ja wie die Toubabs geworden, wie die Weißen.
Und ein schlimmeres Schimpfwort gibt es nicht.» Statt dessen lädt
er mit freundlicher Geste zum Abendessen ein. Im Haus herrscht gereizte Stimmung,
denn vor ein paar Tagen hat der Vater eine neue Frau mitgebracht. Vater: «Setz
dich, ich muss mit dir reden.» Mutter: «Ich höre.»Vater:
«Ich will eine neue Frau nehmen.» Mutter: «Was? Noch eine
Frau? Was willst du mit ihr?» Vater: «Sie kann dir im Haushalt helfen.
Das tut deiner Stellung keinen Abbruch. Du nimmst trotzdem denselben Platz in
meinem Herzen ein.» Mutter: «Hattest du mir nicht versprochen, dass
du niemals eine neue Frau nehmen wirst?» Vater: «Ach, vergiss es.
Das war die Armut, die mich solche Dummheiten sagen ließ. Wenn ich eine
Frau dazunehme, Cica, so ist das nur zu deinem Besten.»
Cica kocht das Empfangsdiner für die Neue,
drei Tage lang. Der Besucher schaut sie mitleidig an. «Graw. C'est pas
grave», strahlt Cica. Der Vater arbeitet im Ministerium. Kurz vor Beginn
des Wahlkampfs scheint der Präsidentenpalast noch staubfreier als sonst.
Am Gittertor steht ein roter Turban mit Schärpe und blauen Pluderhosen.
Er merkt selbst, dass sein Gewehr weitaus beeindruckender ist als sein französischer
Wortschatz, und lächelt, auf das unscheinbare Wachhäuschen weisend,
fast schüchtern. Dort werden zwei Uniformierte mit hängenden Schultern
für das Neinsagen bezahlt. Keiner hat schärfere Augen und ein selektiveres
Gehör als sie. Warten. An der Treppe hält ein Händler auf meterlangen
Tischen wenige Zeitungen und viele Illustrierte bereit. Zögert ein Käufer
bei der Auswahl der Lektüre, bietet ihm der Weißgekleidete grinsend
ein Pornoblättchen an. «Made in Senegal», verspricht er und
schlägt dem tiefschwarzen Titel-Pinup zur Bekräftigung seine Gebetsperlen
auf den eingeölten Hintern.
Vaters Bürosessel riecht noch nach Fabrik. Der Anzug kann nicht älter
sein als das Möbel. Kein Fussel, keine Falte. Sorgfältig legt er,
ganz Funktionär, die Fingerspitzen beider Hände aneinander. «Uns
geht es um harte Arbeit, Arbeit für den Fortschritt. Hier glaubt niemand
an Zauberei.» Zum Abschied erhebt er sich, der Anzug verfängt sich
an der Armlehne, und so gibt der verrutschte hellblaue Button-down-Kragen ein
Stück schwarzes Lederband frei. Fetische zieht man niemals aus, das bringt
Unglück.
Die Mutter ist verrückt geworden. Seit Tagen
spricht sie kein Wort mehr. Wenn sie alleine ist, singt sie, zusammengekauert
vor dem Waschbecken. Seit Tagen kann Amadou nicht ins Hotel. Seine Sehnsucht
verschwindet beim Putzen. Er nimmt den grauen Lappen, einen Eimer, geht ins
Bad, wischt den Boden, zieht sich einen Pullover über, putzt dann den Flur
vor dem Hof, das Handy ans Ohr geklemmt. «Wir sehen uns heute abend, Inschallah,
ich kann jetzt nicht weg.»
Bedeutung.
Brackwasser spiegelt die Sterne wider. Der Griot, ein professioneller Erzähler,
braucht die ganze Nacht zum Singen. Eine Nacht für: Geburt, Tod, etwas
dazwischen. Die Geschichte des Kindes, das getauft werden soll, des Mannes,
der gestorben ist, des Helden, der siegen will, der Mutter, die dem Wahn verfallen
ist. Die Geschichte der Väter, der Großväter, ihrer Vorfahren,
der ganzen Familie. Große Ereignisse, Zeiten, zu denen Gutenberg den Buchdruck
noch nicht erfunden und die Weißen weder Afrika noch Amerika entdeckt
hatten. Den Text hat der Griot im Kopf. Sein Vater hat ihn ihm beigebracht,
und er spricht ihn nur gegen Bezahlung, begleitet von Trommeln und Saiteninstrumenten.
Amadou ist dabei unbemerkt ein großer schwarzbrauner Käfer ins Hosenbein
geklettert. Erst als sich das harte Insekt unter dem Stoff am Knie entlang seinen
Weg bahnt, fährt ihm der heiße Schreck durch den Körper, er
springt auf, sein Herz rast, wie besessen hüpft er durch den klebrigen
Sand, um das Tier abzuschütteln. Es drückt sich fester in die Haut
seines Beins, er zieht die Hose bis übers Knie hoch, packt den Panzer so
knapp wie möglich mit den Fingerspitzen und schleudert ihn hoch in das
gleissende Licht der nackten Glühbirnen, die an einem Draht quer über
den Platz hängen. Im Gegenlicht verdichten sich kleine Fliegen zu bedrohlichen
Wolken, spatzengroße Heuschrecken torkeln irritiert gegen die halbnackten
Menschenkörper, die einander umkreisen und anspringen und wieder zurückweichen.
Die Dunkelheit verschluckt Schwarz und lässt Weiß leuchten: Ein verzweigter
Fluss von Milch, der an einem Rücken herunterrinnt, ein helles Tuch, das
wie eine willkürliche Grenze im Gelände liegt, Plastikplanen im Rücken
der Zuschauer, die den Platz begrenzen. Nach oben verdrehte Augen. In der Nacht
lässt sich der Tanz nur mühsam entziffern. Gesichter und Körper
tauchen schemenhaft in den Lichtkegeln auf und blitzartig wieder unter. Bellend,
grell, monoton singt der Griot sein langes Lied. Die hohen Trommeln sind so
laut, dass man sie unter den Füßen spürt.
Griots sind teuer, Griots lügen nie, Griots
trinken Blut. Sie heiraten nur Frauen aus Griot-Familien, sie kennen kein Tabu
und keine Scham. Grundsätzlich laden sie sich selbst ein. Griot ist ein
Beruf, und «Griot» ist ein Schimpfwort wie «Schmarotzer».
Ohne die Griots hielten Historiker nur rätselhafte Bruchstücke in
den Händen. Der Mann aber, der von ihnen heimgesucht wird, muss vielleicht
Haus und Hof verkaufen, um ihre Forderungen zu erfüllen. «Allah est
grand, mais l'Afrique, c'est complexe.» Der Griot kennt alle Geheimnisse,
und nur er darf sie offenbaren. Er spricht aus, was andere denken. Er zeigt
dem verlorenen Individuum, woher es kommt und wohin es geht.
Übersetzung.
Amadou muss seine Mutter ins Krankenhaus bringen. Aus dem Dorf in die Stadt.
Mit dem Taxi nach Fann, einem Stadtteil von Dakar, in dem die Reichen leben,
die Studenten und die Irren. Über die Place de l'Indépendance, quer
durch den Sandaga-Markt, auf den vertikal kreuzenden Boulevard. Im Café
Paris verbellt ein Dackel jeden, der dunkle Haut hat. Sobald die Sonne aufgeht,
sondert die tosende, heiße, schmutzige Metropole eine schwarzweiße
Mischung ab, ein hauptstädtisches Sekret. Secret? Das Geheimnis von Dakar
erneuert sich täglich aus einer endlosen Reihe von Widersprüchen.
Schwarze Limousinen kreuzen die Route. Polizisten machen der Delegation den
Weg frei. Hinter den getönten Scheiben sitzen kichernde Chinesen. Staatsbesuch
bei Abdou Diouf, dem «Mann aus dem Volke». Noch ist er Präsident.
Die Wahlen, die nicht er gewinnen wird, stehen erst bevor. In den vergangenen
19 Jahren, unter seiner Regierung, hat die Republik den Übergang aus einer
Drittwelt-Gesellschaft in eine moderne Nation geschafft. Sagt Diouf auf einer
Konferenz. Er ist ein Mann der Versöhnung, er ist Muslim, seine Frau Christin,
er bringt diese Dinge unter einen Hut. Schwieriger schon sei die Vermittlung
zwischen der Elite, die sich an Europa orientiert, und dem Volk, sagt sein Pressesprecher
später. Bei «Elite» kreist seine Rechte über dem Kopf,
wie um einen Heiligenschein zu markieren, bei «Volk» streckt er
den Arm aus, die Handflächen nach unten.
An Fann erinnert sich Amadou nur ungern. Wenn
er dort vor den Toren des Hospitals im Cybercafé saß und wartete,
schaute er sich Kataloge an. Turnschuhe von Nike, Adidas oder Camper waren doppelt
so teuer wie in Paris. Importware, die die Studenten an den Füßen
trugen. Wenn er einem von ihnen die Schuhe klauen würde, jetzt, ihn niederschlagen
und die Treter von den Füßen reißen, dann hätte der schon
morgen wieder dieselben an. Also los - pourquoi pas? Alles dreht sich ums Geld.
Der Bettler, der jeden Morgen durch die schwebende Glastür kam, hatte keine
Hände. Die Arme waren unterhalb der Ellbogen nur noch spitz zulaufende
Stümpfe, wo sollte man die Münzen also ablegen? Ein 100-CFA-Stück
passte genau auf den äußersten flachen Knorpel, den er dann, in der
Vertikale, über seine Brusttasche balancierte. Mit dem anderen Arm kickte
er die Beute hinein. Nie sah man, wie er das Geld wieder herausholte. Sein Lächeln
war bezaubernd. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: «No job, no girl,
no money.»
Fann ist ein Krankenhaus mitten in der Stadt.
Manchmal kommen die Irren selbst nach Fann. Die Psychotischen allerdings werden
von ihrer Familie gebracht, denn sie sehen nicht ein, was an ihnen krank sein
soll. Oft reisen sie von weither an, aus entlegenen Dörfern oder den Nachbarländern,
meist in Begleitung eines Verwandten, der während der gesamten Behandlung
bei ihnen bleibt. «Chaque homme est le gardien de son frère»,
heißt es auf einer Tafel am Eingang. Das Krankenhausgelände erstreckt
sich in die Ferne wie eine Savanne. Ziegen mit braun-weißen Batikmustern
knabbern an verstaubten Sträuchern. Weite Flächen, auf denen hohes
Gras wächst, Abfall liegt herum, am Wegesrand Männer, die im Sitzen
pinkeln. Die spitzen Knie schräg auswärts gedreht, das Hemd hängt
hinten aus dem Hosenbund in den Staub. Auf diese Weise braucht man keinen begrenzenden
Baum und keine Mauer, jeder kann zusehen, wie das abgeschlagene Wasser im trockenen
Boden versickert. Nach einigem Schütteln aus der Hüfte wird der Reissverschluss,
noch in der Hocke, wieder zugezogen. Die verstreuten Buschhütten sehen
gemütlich aus, die Steinhäuser dazwischen eher wie Vollzugsanstalten.
Schmale Fenster über Augenhöhe, schwache Neonröhren, gelbliche
Kacheln, Gitter, Linoleumböden. - Ein ohrenbetäubendes Brüllen,
ein unmenschliches Fiepen, ein verzweifeltes Röcheln erhebt sich draußen
auf dem Flur, für zwei, drei Minuten, dann wieder Stille. Docteur Seck
verzieht keine Miene. Der kleine Metallriegel ist von innen vor seine Bürotür
geschoben, durch die blumenbedruckten Vorhänge fällt mehr Hitze als
Licht. Amadou schaut sich zaghaft nach dem rätselhaften Lärm um, wagt
aber nicht, die Ausführungen des Arztes zu unterbrechen.
Wenn jemand den Weg hierher findet, hat die traditionelle
Heilkunst versagt. Vielleicht war der guérisseur des Dorfes nicht gut
genug. Vielleicht passt die Krankheit auch nicht in eines der vier Grundmuster,
aus denen die Volksheilkunde ihre Methoden abgeleitet hat: Entweder ist der
Kranke von Dschinns besessen. Das kann passieren, wenn man das Haus beispielsweise
um die Mittagszeit verlässt, zu der die Dschinns überall lauern. Wilde
Geister sind das, im Gegensatz zu den (zweitens) Geistern der Vorfahren, die
im Haus arbeiten und nachts erscheinen. Oder es handelt sich um Maraboutage.
Ein Feind könnte zu einem Marabout gegangen sein, ein Nachbar, der dir
Böses will. Il vous maraboute pour vous faire malade. Schlimmer ist die
vierte Variante, der Kannibalismus. «Manche Menschen haben die Macht,
dich sterben zu lassen, und wenn du wiederauferstanden bist, fressen sie dich.
Manchmal können sie dich nicht verschlingen, also machen sie dich krank.»
Amadou glaubt, dass die neue Frau seine Mutter verzaubert hat. Seine Beine hat
er unter dem Holzstuhl verschränkt, er lauscht, den Blick starr ins Halbdunkel
gerichtet.
Docteur Seck hat Medikamente gegeben. Jeden Mittwoch soll Cica jetzt am «Pinth»
teilnehmen: Auf dem Balkon treffen sich die eingewiesenen Frauen, um mit den
Ärzten und Pflegern über ihre Krankheit zu reden. Die Doktoren geben
sich hier den Scherzen ihrer Patientinnen preis, es wird viel gelacht. Angeblich
hat der Pfleger der Alten bei der Einweisung zugezwinkert, angeblich hat Docteur
Seck Tabletten verwechselt. Trotzdem, in der Anstalt ist es besser als draußen,
denn dies ist ein Land des Scheins, Hauptsache, die Äußerlichkeiten
passen ins Bild. «Hier kann man wenigstens über sich selbst bestimmen,
ohne gleich für verrückt erklärt zu werden.»
Sagen wir es mal so, meint der Vater, das Volk
geht zuerst zu den Heilern und dann zum Arzt, die Funktionäre gehen in
die Klinik, und wenn die Besserung nach zwei Tagen nicht eintritt, wenden sie
sich an den guérisseur. Die Ärzte erklären zuviel. Das macht
die Leute misstrauisch. «Toute science véritable doit être
un secret.»
Feststellung.
Die Mutter wurde zum Ende des Ramadan entlassen. Amadou ist froh, nicht mehr
vor Sonnenaufgang aufstehen zu müssen, und die Kleinsten sind geschwächt
vom Hunger und von der Schlaflosigkeit. Die kleine Wellblechsiedlung hat sich
verändert. Direkt neben den rostbraunen und grauen, buckligen Hütten
ist ein weißes Steinhaus herangewachsen. Kurz vor dem Einzug haben die
Besitzer Bäume pflanzen lassen, die ein Gärtner auf Linie schneiden
muss. Oben flach, die Seiten ein elegantes Oval. Hier wohnen nur vier Menschen?
Auf der Straße spielen die Kinder der Armen Fußball mit alten Felgen
und wundern sich. Die Väter machen ihrem Zorn zu Hause Luft.
Amadou kann nicht mehr telefonieren, die Karte
ist abgelaufen, er muss ein neues Handy «organisieren». Er besteigt
den Car Rapide, den Bus, auf dem in bunter Schrift «Alhamdoulillah»
geschrieben steht. Auf halbem Weg hält der Fahrer plötzlich das lose
Lenkrad in der Hand, und während er versucht, es wieder auf den Vierkantstahl
des Lenkgestänges zu klemmen, schleift der überfüllte Wagen schräg
über die sandige Piste. «Mat'la, graw, c'est pas grave.» Reifenquietschen,
Lachen, nur die Kinder schreien. Die meisten Männer steigen vor der Moschee
aus. Lamin ist da, auch einige Nachbarn. Der aus dem weißen Haus kommt
im eigenen Wagen. Vor Gott sind alle gleich. Im kühlen Schatten sieht man
womöglich die schöneren Gewänder, aber das Megaphon trifft die
hinteren Reihen ebenso hart wie die Knienden unter dem Turm. Die Propheten haben
nichts aufgeschrieben. Ihre Lehre ging von Mund zu Mund, von Deutung zu Deutung,
und senkt sich nun in schnarrenden, zerstückelten Versen über den
rechteckigen Vorhof. Amadou zieht die Schuhe aus, legt seine Matte hin, Schweigen
senkt sich über die Menge. Eine kurze, anheimelnde Trance. Der kleine Junge
neben ihm spielt hinter dem Rücken mit einem Würfel. Keine Weißen
in Sicht. Unter den Worten, die der heilige Sänger auswendig deklamiert,
nur schwarze Hände und schwarze gesenkte Augenlider. Alles, was schwarz
ist, wird in den Wörterbüchern assoziiert mit finster, schmutzig,
traurig oder düster. Schwarzmarkt, schwarze Katze, schwarzer Freitag, Schwarze
Magie. Zum Nachdenken hat Amadou viel Zeit. Im Lauf der Jahre ist er zu dem
Schluss gekommen, dass, wenn Schwarz das Licht absorbiert, das Schwarze selbst
das Licht sein muss.
Das Gebet endet nach einer Viertelstunde. In den
kleinen Grüppchen, die Teppiche rollend und Kleider abstaubend nach draußen
drängen, gibt es nur ein Gesprächsthema. Seit der Gründung der
«Commission d'observation du croissant lunaire» trat zum erstenmal
der Fall auf, dass das Ende des Ramadans an drei verschiedenen Tagen gefeiert
wurde. Mohammed sagt, das Fasten endet, wenn drei Glaubensbrüder zugleich
den Mond erscheinen sehen. Aber dieses Jahr macht jeder, was er will. Die ersten
haben den weißen Schein eben Samstag erblickt, die letzten erst am Montag.
So erklärte die Regierung den Montag, als Cica aus dem Krankenhaus kam,
zum Feiertag. «Ein unermesslicher Schaden für unser Bruttosozialprodukt»,
geifert Lamin mit aufgerissenen Augen und Fistelstimme. So, dass nur Amadou
ihn hören kann, natürlich. Der schnappt ihm die Zigarette aus der
Hand und rennt mit langen Schritten zum Car Rapide. Bettler umlagern den Wagen,
schließlich muss heute jeder sein Pflichtopfer an die Armen loswerden,
das der Koran vorschreibt.
Dialog.
Alleinsein. Das Hotel liegt im rosafarbenen Abend und hält den Atem an,
selbst die Straßen scheinen stiller vor diesem kurzen, unvergleichlichen
und immer gleichen Sturz der Sonne in die Nacht. Auf dem Gepäckträger
des alten Fahrrads balanciert Amadou eine Schale Reis und Fisch. Ein Tuch liegt
zum Schutz darüber, aber es duftet unverkennbar nach der Erdnusssauce,
die seine Mutter kocht. Die Regeln gebieten, dass alle aus derselben Schüssel
essen, aber jeder nur auf seiner Seite. Und dass man den Blick nicht hebt beim
Essen. Lamin und Amadou löffeln schweigend, die Augen in die Emailschale
gerichtet, deren blaues Blumenmuster sichtbar wird.
Die Zeit vergeht schnell. Nirgends wird so viel
nachgedacht wie im «Volk» unter der herabgesenkten Hand. Nirgends
wird so viel geschwiegen und stillgesessen. Was Lärm macht, sind Trommeln
und Sänger und Worte aus privilegierten Kehlen. Alle anderen sind friedliche
Menschen, die allenfalls die Zeit totschlagen. Amadou erzählt Lamin, dass
er sich ein Lied ausgedacht hat. Amadou: «Gestern habe ich mir ein Lied
ausgedacht.» Lamin: «Wozu?» Amadou: «Tradition bedeutet
nicht mehr als Überlieferung.» Lamin: «Das Showbiz kannst du
dir abschminken. Da haben nur Frauen eine Chance.» Amadou: «Eigentlich
ein neutraler Begriff.» Lamin: «Das siehst du ja an den Spice Girls.
Sehen aus wie Miss Universe, mais chantent comme des casseroles.»
© Neue Zürcher Zeitung ZEITBILDER Samstag, 25.03.2000 Nr.72, S. 119
SENEGAL
NACH DEM ENDE DES STAATSSOZIALISMUS
Jetzt sind Mut und Einfallsreichtum gefragt
Anfang April hat Senegals neuer Präsident Abdoulaye Wade sein Amt übernommen.
Nachdem die sozialistische "Staatspartei" in dem Schlüsselland
des einstigen "Französisch-Afrika" vierzig Jahre lang an der
Macht gewesen ist, ging nun ein Wechsel vonstatten, ohne daß die Armee
und die mächtigen religiösen Bruderschaften auf den Plan getreten
sind. Der neu gewählte Präsident will den Senat abschaffen, das Parlament
auflösen und einen "bescheidenen Staat" durchsetzen, der den
Gegebenheiten des Landes entspricht. Auch strebt er eine baldige Lösung
für die Casamance an, wo ein sezessionistischer Guerillakrieg schwelt.
Doch seine Zeit ist knapp bemessen, denn die Erwartungen der Öffentlichkeit
sind hoch und wurden in der Vergangenheit vielfach enttäuscht. Wider alle
Erwartung sind in Senegal die beiden Durchgänge der Präsidentschaftswahl
ohne Zwischenfälle verlaufen, und so kam es in den letzten Wochen zum ersten
Mal in der Geschichte des Landes seit der Unabhängigkeit zu einem Machtwechsel.
Abdoulaye Wade hat Abdou Diouf abgelöst.
Dabei wird das Land von schlimmen Krisen geschüttelt. Die seit 1960 herrschende sozialistische Partei (der PS), deren Führer zum Teil mehr die persönliche Bereicherung als das Allgemeinwohl im Auge hatten, und eine internationale "Hilfe", die eher auf Abhängigkeit als auf Entwicklung abzielte, haben eine regelrechte Auflösung der Gesellschaft bewirkt. Die vom PS durchgepaukte Verfassungsänderung, die ihrem Chef Abdou Diouf unbegrenzte Mandatsverlängerungen ermöglichte, und die Gefahr von Unregelmäßigkeiten, wie sie der Opposition zufolge bei früheren Wahlgängen vorkamen, ließen das Schlimmste befürchten. Manipulationen und Verfälschungen der demokratischen Mechanismen hätten bei den Massen, für die der Wechsel gleichbedeutend mit Hoffnung war, unberechenbare Reaktionen ausgelöst. Vor dieser Hauptsorge traten grundsätzliche Fragen in den Hintergrund, alles drehte sich nur noch darum, wie zuverlässig die Maßnahmen waren, die einen fairen Wahlgang sichern sollten. Um die Tragweite des Wahlsiegs von Abdoulaye Wade zu beurteilen, muß man sich die Ergebnisse des ersten Wahlgangs ansehen, bei dem der damals amtierende Präsident 41,33 Prozent erhielt, die Oppositionskoalition jedoch nur 30,97 Prozent. Anders gesagt, daß Abdou Diouf sich einer Stichwahl gegen Abdoulaye Wade stellen musste, hatte er vor allem der Uneinigkeit seiner eigenen Partei zu verdanken. Die beiden PS-Abweichler Moustapha Niasse (16,76 Prozent) und Djibo Ka (7,09 Prozent) entzogen ihm zusammen fast ein Viertel der Stimmen. Im Übrigen zeigt die Wahl klar, dass die Bevölkerung einerseits Diouf weg haben wollte, andererseits aber auch nicht ganz überzeugt ist von Wades Koalition, deren Glaubwürdigkeit darunter leidet, dass drei ihrer Mitglieder mit dem alten Regime kollaborierten. Deutlich wird auch die Desillusion gegenüber den Marabut-Dynastien, die sich für ihren Geldgeber Abdou Diouf ausgesprochen hatten. Die Niederlage des Präsidenten fällt auf sie zurück.
Konsequenterweise müsste nun Abdoulaye Wade die vom PS dominierte Nationalversammlung auflösen. Eine baldige Neuwahl des Parlaments böte die Gelegenheit, über die Probleme des Landes und entsprechende Lösungsmöglichkeiten zu debattieren. Dies könnte für Senegal eine Übergangsphase einleiten. Dasß der neue Präsident Moustapha Niasse zum Ministerpräsidenten bestellt hat, lässt hoffen, denn dieser einflussreiche Mann genießt den Respekt aller politischen Lager. Eine Exekutive à la française, gebildet aus einem liberalen Präsidenten und einem sozialistischen Ministerpräsidenten, stellt die politische Konstellation dar, mit der sich die Mehrheit der Senegalesen identifizieren könnte. Die Bevölkerung hat sich deutlich für den Wechsel ausgesprochen.
Nun gilt es, die Bilanz der fast zwanzigjährigen Diouf-Ära zu bereinigen. Ein Jahr nach seinem Regierungsantritt (1981) hatte er als Antwort auf den Staatsstreich von Kukoi Samba Sagna ein "Senegambia" improvisiert und die senegalesische Armee in Gambia einmarschieren lassen, um Dawda Jawara wieder an die Macht zu bringen. Dieser verschob allerdings die geplante Vereinigung der beiden Staaten auf den Sankt-Nimmerleins-Tag, nachdem er wieder fest im Sattel saß. Die Erinnerung an die Toten ist immer noch wach. Schmerzhaft in Erinnerung bleiben auch die Massaker, die 1989 in Mauretanien an Senegalesen verübt wurden. Die Senegalesen antworteten mit Repressalien gegenüber den im Lande lebenden Mauretaniern. Der Konflikt ist bis heute ungelöst.
Eine weitere offene Wunde ist der Bürgerkrieg in der Provinz Casamance, in den auch das angrenzende Guinea-Bissau hineingezogen wird. Die senegalesische Wirtschaft war zu lange abhängig vom Erdnussanbau, der die Ackerflächen auslaugt. Auf der Suche nach neuen, nährstoffreicheren Böden wanderten die Wolof-Bauern in die fruchtbare Casamance aus, wo sie den Rhythmus der traditionellen Anbauweisen durcheinander brachten und schwere politische Probleme und Spannungen verursachten. Die alteingesessene Bevölkerung fühlt sich ungerecht behandelt.
Der privatwirtschaftliche
Sektor befindet sich praktisch ganz in der Hand französischer Firmen (Bolloré,
Bouygues, Mimran, France Télécom u.a.). Einige von ihnen nutzten
die Abwertung des CFA-Franc um 50 Prozent im Januar 1994, um sich für wenig
Geld öffentlichen Besitz in wirtschaftlichen Schlüsselbereichen anzueignen
(Wasser, Telekommunikation, Hotellerie). Der Zucker-Monopolist Mimran, der den
Zuckeranbau und Zuckerhandel landesweit kontrolliert, erhielt zusätzlich
die örtliche Niederlassung der ehemaligen westafrikanischen Bank BIAO (Banque
internationale pour l'Afrique occidentale) angeboten. Diese Bank hätte
man auch so sanieren können, dass man die Sparguthaben im Lande mobilisiert
und im Ausland befindliches Kapital von Landsleuten angelockt hätte.
Zusätzlich zum Verlust ihres Besitzes mussten die Opfer der Abwertung eine
Verteuerung der Lebenshaltungskosten hinnehmen. Die schon vorher abschreckenden
Darlehenszinsen kletterten in Schwindel erregende Höhen, um dem Preisanstieg
entgegenzuwirken, der bei Lebensmitteln und Importwaren um die 60 Prozent lag.
Die mit Spekulationsgeldern überschwemmten Niederlassungen der französischen
Banken dachten nicht etwa daran, Arbeitskräfte einzustellen. Sie finanzierten
lieber mit kurzfristigen Krediten den Import von Verbrauchsgütern.
Seit den Ländern nach
der Unabhängigkeit der CFA-Franc als Einheitswährung aufgezwungen
wurde, obwohl sie gar nicht mehr in das von Frankreich begründete gemeinsame
Marktbündnis eingebunden waren, sitzen die betroffenen Länder in einer
tödlichen Falle. Durch den massiven Kapitalabfluss ins ehemalige Mutterland
blutet ihre Wirtschaft völlig aus, und die Handelsbeziehungen zwischen
den einstigen Kolonien verkümmern.
Die zwischen Frankreich und den Ländern der Franc-Zone ausgehandelten Verträge,
mit denen die Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion (Ecomac)
sowie die Zentralafrikanische Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft (Cemac)
begründet wurden, sind lediglich ein Notbehelf. Eine Wirtschaftsunion mit
einer Währungsunion zu beginnen ist das Verkehrteste, was man tun kann.
Die fehlende Konvertierbarkeit der CFA-Währungen der beiden Wirtschaftsräume
beweist dies überdeutlich. Unter den gegebenen Verhältnissen ist nicht
auszuschließen, dass die Entwicklung von Parallelmärkten zu immer
neuen Abwertungen des CFA-Franc und irgendwann zu seiner Auflösung führt.
Für die wirtschaftliche Entwicklung ist dieses Klima der Unsicherheit alles andere als günstig, dafür gedeihen Schattenwirtschaft und Spekulation um so prächtiger. Ein wahrer Albtraum ist auch die Verschuldung. Schon 1994 betrug sie 3 678 Milliarden Dollar und entsprach 272,7 Prozent der Exporte und 99,1 Prozent des Bruttosozialprodukts. Die Fischgründe des Landes wurden an die Mitgliedsländer der EU verschachert, die sie ausplünderten, was die Bevölkerung noch mehr verelenden ließ. Hinzu kommt der Skandal einer zum Regierungssystem erhobenen Korruption.
Wird die neue Regierungsmannschaft genug Mut und Einfallsreichtum aufbringen, um diese verfahrene, die Gesellschaft völlig lähmende Situation anzugehen? Für die Problembereiche Casamance, Gambia und Guinea-Bissau gilt gleichermaßen: Die Unsummen, die dieser lange, kostspielige Krieg verschlingt, könnten dazu genutzt werden, die in der Casamance begangenen Ungerechtigkeiten wieder gutzumachen. Zusätzlich könnte der Regierungssitz nach Ziguinchor (Casamance) verlegt werden, wobei Dakar wirtschaftlich die Hauptstadt bliebe. Dies hätte außerdem den Vorteil, dass große Bauvorhaben eine Dynamik der Entwicklung und der wirtschaftlichen Integration erzeugen. Man könnte eine Brücke über den Gambia-Fluss, Straßen, eine Universität bauen. Dieselbe Strategie der Nachfrage-Ankurbelung keynesianischen Typs könnte auch in den übrigen Landesteilen angewandt werden, indem die Pläne für den Cayor-Kanal, die Urwelt-Täler, die "grünen Lungen" usw. reaktiviert werden.
Was die Privatisierungen betrifft, auf die eher der Begriff Liquidation zuträfe, müsste der Staat mit entsprechenden Gesetzen für die Kapitalaufstockung der betroffenen Unternehmen sorgen. Nur Inlands- oder Auslands-Senegalesen sollten als Anteilseigner zeichnen dürfen. Eine solche Maßnahme würde einen Teil des ins Ausland transferierten Kapitals zurückfließen lassen und den Landsleuten eine gewisse Kontrolle der fraglichen Gesellschaften verschaffen. Und von der Westafrikanischen Zentralbank (BCEAO) müsste verlangt werden, dass sie die Handelsbanken durch Direktiven dazu verpflichtet, den kleinen und mittleren Unternehmen mittel- und langfristige Kredite zu gewähren.
Senegal hat sich den Programmen zur Liberalisierung der Wirtschaft gebeugt. Da die Länder des Westens sich nicht an die Vereinbarungen von 1993 zur Öffnung ihrer Märkte für afrikanische Exporte gehalten haben, müsste Senegal gemeinsam mit den anderen Ländern des Kontinents bei der Welthandelsorganisation WTO ein Moratorium aushandeln, das den afrikanischen Markt vor jenen Importen schützt, die seine landwirtschaftliche Lebensmittelproduktion und die Ansätze eigener Industrialisierung zerstören. Vorrangiges Ziel einer energischen Politik und aktiven Diplomatie müssten die wirtschaftliche Integration der Subregion und die Belebung des Handels innerhalb der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (Ecowas) sein.
Heutzutage spricht man vielfach vornehm von Schuldenerlaß, womit Afrika wieder einmal in der Rolle des Bittstellers ist. Man vergisst dabei, dass Schwarzafrika, da es keinen Zugang zu den Kapitalmärkten hat, wie ein Subunternehmer seine Entwicklung an die Institutionen von Bretton Woods ankoppeln musste. Dies wurde nicht honoriert. Bewertungsberichte über die von den multinationalen Banken finanzierten Projekte bestätigen es. Die meisten dieser Projekte erfüllten ihre Zielsetzung nicht. Kredite beruhen auf einer Geldtransaktion zwischen zwei oder mehreren Parteien. Wenn diese Transaktion einer der Parteien zum Nachteil gereicht, kann und soll die geschädigte Partei ein Schiedsgericht anrufen, um Schadenersatz zu erhalten. Senegal ist es sich schuldig, sich zum Anwalt und Protagonisten eines solchen Vorstoßes zu machen, um eine Lösung für das Schuldenproblem zu finden.
Und was ist eigentlich mit der Entschädigung, die der schwarzen Bevölkerung wegen der Sklaverei zusteht? Portugal, Spanien, Frankreich, Holland, England, die USA und Dänemark haben von der Zwangsarbeit der Schwarzen profitiert, und Unternehmen wie Lloyds, NatWest usw. haben dabei riesige Gewinne erzielt. Senegal ist es sich schuldig, an vorderster Stelle den juristischen Entschädigungskampf zu führen, damit die Kinder Afrikas in derselben Weise entschädigt werden wie die Kinder Israels. Mit den einzutreibenden Summen könnte ein panafrikanischer Entwicklungsfonds gegründet werden, dessen vordringliches Ziel darin bestünde, die Armut der schwarzen Gemeinschaft in der Welt auszurotten.
Das zwischen der Europäischen Gemeinschaft und Senegal 1997 vereinbarte Fischerei-Abkommen muß neu ausgehandelt werden. Es bedarf einer Schonzeit, damit sich die Fischbestände wieder regenerieren können. Fangquoten, zu fischende Arten, Kontrollmaßnahmen und die Menge der in Senegal selbst zu verarbeitenden Fänge müssen neu ausgehandelt werden.
Auch die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen zu Frankreich müssen einer Revision unterzogen werden. Es ist im Prinzip sinnvoll, dass ein Land seine Währung an die seines wichtigsten Handelspartners koppelt, doch die Konstruktion des CFA-Franc widerspricht den Interessen der ehemaligen französischen Kolonien in Afrika. Differenzierte Umtauschkurse müssen die Regel sein. Die Einbehaltung von 65 Prozent der Wechselkursreserven auf Konten der französischen Zentralbank ist ungerechtfertigt. Die Kapitalflucht muß eingedämmt werden. Die französischen Investitionen im Lande müssen den Interessen beider Seiten dienen, und nicht nur den französischen. Im militärischen Bereich muß Frankreich eine Pacht für die Militärbasis in Dakar bezahlen. Die strategische Bedeutung der Basis rechtfertigt dies. Wenn Paris nicht bereit ist, diese Notwendigkeit anzuerkennen, muß Senegal mit anderen Militärmächten der Welt verhandeln, um deren Angebote zu prüfen, und sich danach für das entscheiden, was im Interesse des Landes ist.
Was die Außenpolitik betrifft, so muß Senegal die geschlossenen Botschaften in Südafrika, Brasilien und Moskau wieder öffnen und die zugunsten von Taiwan vernachlässigten Beziehungen zu China reaktivieren.
Das senegalesische
Volk ist von Natur aus unternehmerisch, kreativ, innovativ, risikofreudig und
geschäftstüchtig. Es sind genau die Eigenschaften, die im Zeitalter
der Globalisierung den Nationen zum Wohlstand verhelfen. Doch die Sitten, Machenschaften
und Praktiken der vergangenen dreißig Jahre haben diese Qualitäten
verdorben. Nötig ist nun ein radikaler Wandel der Politik und der Mentalitäten,
damit Senegal der Gefahr der Implosion entgeht und sich regenerieren kann.
Von SANOU M'BAYE (dt. Josef Winiger)
NZZ
09.06.2000
Schärferer Ton Dakars gegenüber Mauretanien
Wassernutzung nicht der Grund des Zwists?
Die senegalesische Regierung hat ihre Lands-leute in Mauretanien in einem am
Mittwochabend veröffentlichten Communiqué zum sofortigen Verlassen
des Gastlands aufgefordert. Der Aufruf erfolgte, nachdem eine Reise des Premier-ministers
Niasse nach Nouakchott zu Beginn der Woche offensichtlich keine Entspannung
im ab-rupt verschlechterten Verhältnis zwischen den beiden Nachbarstaaten
herbeigeführt hatte. Mauretanien hatte zuvor alle Senegalesen aufgefordert,
das Land innert zweier Wochen zu verlassen, und auch die in Senegal lebenden
Mauretanier zur Rückkehr aufgerufen. Laut Agenturberichten folgten bisher
weit mehr Senegalesen als Mauretanier den Anweisungen aus Nouakchott.
Dakar hatte seinerseits an die in Senegal lebenden Mauretanier appelliert, ganz
normal ihren Geschäften nachzugehen, da sie nichts zu befürchten hätten.
Nach mauretanischen Angaben geht es bei dem Zwist um Pläne Dakars, Wasser
aus dem Senegal-Fluss für neue Landwirtschaftsprojekte abzuzweigen, was
eine Verletzung von Abkommen über die Flusswassernutzung zwischen Senegal,
Mau-retanien mund Mali darstelle. Dakar dagegen erklärte, die drakonischen
Massnahmen Nouakchotts seien in Tat und Wahrheit eine Reaktion auf angeblich
«feindselige» senegalesische Presseberichte über das mauretanische
Regime unter
Präsident Taya. Die private Zeitung «Le Témoin» hatte
kürzlich darüber berichtet, der neue Präsident Wade habe seinen
mauretanischen Kollegen Taya am Telefon angebrüllt. Im Communiqué
Dakars heisst es dazu, die senegalesische Regierung
habe in Nouakchott darzulegen versucht, dass es in Senegal eine freie Presse
gebe und dass sie keine Kontrollgewalt über die privaten Medien habe. Die
BBC berichtete demgegenüber, Nouakchott sei über regierungsfeindliche
Äusse-rungen von schwarzhäutigen Mauretaniern erzürnt, die seit
ihrer gewaltsamen Deportation aus
Mauretanien während der ethnisch-nationalistischen Unruhen von 1989 in
Senegal lebten. Dakar unterstrich erneut, es verfolge zurzeit keine Pläne,
die den Status quo bei der Wassernutzung durch die drei Staaten in Frage stellten.
2000 Neue Zürcher Zeitung Nr.133
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FR 21.8.2000
Minen bei der
Mangoernte
Angst herrscht in Senegals Rebellenregion, der Casamance
Von Christoph Link (Ziguinchor)
Eine beklemmende Atmosphäre. Man spricht mit dem Gouverneur, man interviewt
den Chefarzt im Krankenhaus, man spricht mit Geschäftsleuten und Geistlichen
in der Provinzstadt Ziguinchor. Und alle bitten, nicht namentlich zitiert zu
werden. Aber alle sagen das Gleiche: "Es herrscht Krieg in der Casamance."
Die Casamance ist ein Landzipfel am südlichen Ende Senegals, eingeklemmt zwischen
Gambia und Guinea-Bissau, ein grünes Territorium mit weitverzweigten Wasserarmen,
Reisfeldern und weißen Sandstränden. 800000 Menschen leben hier, vorwiegend
christlich-animistische Diola, die sich von der islamischen Bevölkerung im Norden,
den Wolof, abheben. Eigentlich ist die "grüne Waldzone" der Casamance ein Touristenziel,
doch bis auf wenige spanische Reisegruppen verirren sich kaum noch Fremde ins
Land. Vor fünf Jahren verschwanden fünf Franzosen spurlos, seitdem liegt der
Tourismus darnieder. Auch die Fischfabriken sind geschlossen, die Märkte in
Dakar sind zu weit entfernt.
Es ist ein kalter Krieg, der immer wieder mal in eine heiße Phase tritt. Jeden
Monat zählt das Hospital in Ziguinchor im Durchschnitt fünf bis zehn Verwundete.
Das jüngste Scharmützel mit tödlichem Ausgang fand Mitte Juli in Babonda, einige
Dutzend Kilometer südlich von Ziguinchor, statt: ein Soldat wurde beim Schusswechsel
mit Rebellen getötet, mehrere andere verletzt. Für Ausländer, so warnen offizielle
Stellen, ist ein Herumfahren in der südlichen Casamance tabu. Einige Dörfer
sind verlassen, andere in der Hand der Rebellen, allenfalls nach Nyassia könne
man, dort sei starke Truppenpräsenz.
Das Taxi bringt uns von Ziguinchor ins 15 Kilometer entfernte Nyassia. Dort
ist unter dem Gewicht eines Lastwagens eine Brücke eingedrückt worden, nur noch
Fußgänger können passieren. Im Konvoi mit Schützenpanzern fahren Militärlastwagen
zur Reparatur. Nyassia ist eine Soldatenstadt, einige Häuserruinen, Sandbarrikaden,
Unter-stände, Kioske. "Seit zwei oder drei Monaten ist es ruhig", sagt ein Soldat.
"Nur nachts kommen manchmal die Rebellen ins Dorf, um sich Bier zu holen, dann
hören wir Schüsse." Ab 18 Uhr ist die Straße zwischen Ziguinchor und Nyassia
verwaist, dann hat die Armee Feierabend. Die Nacht gehört den Rebellen.
Alle sechs Monate werden die Soldaten der Armee der "Zone Süd" ausgewechselt,
heißt es, die Ablösung kommt aus dem Norden, es soll keine Verbrüderung mit
den Einheimischen in der Casamance stattfinden. Vor drei Jahren noch hat Amnesty
International der senegalesischen Armee in der Casamance schwere Menschenrechtsverletzungen
vorgeworfen, das Verschwindenlassen von Personen und extralegale Hinrichtungen.
Wie wirkt sich heute die massive Militärpräsenz auf das Zivilleben aus? Besuch
beim katholischen Priester von Nyassia, der Mann könnte die Frage vielleicht
beantworten. Der Geistliche bittet in sein Wohnzimmer, die Türen stehen offen,
er sagt, er wolle eine Landkarte holen, um die Lage zu erklären, er kommt mit
einem Zettel zurück, darauf steht handschriftlich: "Ich habe Angst zu sprechen,
wegen der Soldaten draußen."
Einer, der keine Angst hat, sitzt im gelbgetünchten Haus des Katholizismus in
Ziguinchor unter Arrest: der 72-jährige Pater Augustine Diamacoune. Er gilt
als geistiger Vater der Rebellengruppe "Mouvement des Forces Democratiques de
Casamance" (MFDC). Vor seiner Haustür lungern ein halbes Dutzend junger Soldaten
im Unterhemd und Jogginghose herum, mit ihren Dolchen schälen sie Obst, einige
spielen Karten. Um den Pater zu sprechen, sagen sie, brauche man eine Erlaubnis,
und die gebe es für Journalisten nicht.
Immerhin per Telefon ist Diamacoune zu erreichen: "Ich sitze hier wie im Gefängnis",
sagt der Pater. Seit dem Präsidentenwechsel im März in Dakar habe sich überhaupt
nichts geändert. Die MDFC warte immer noch auf direkte Verhandlungen mit Präsident
Abdoulaye Wade, der der Casamance eigentlich Priorität einräumen wollte. "Wir
sind keine Rebellen, wir sind Patrioten, Nationalisten und Widerständler", sagt
der Pfarrer. Die Regierung in Dakar möge ihm ein einziges Dokument der französischen
Kolonial Verwaltung zeigen, wonach die Casamance in Senegal integriert worden
sei, so etwas gebe es nicht.
Opfer des Krieges sind in einem kleinen Lager am Rande von Ziguinchor zu sehen.
Auf Matratzen und in selbstgebauten Rollstühlen sitzen elf junge Minenopfer.
Den meisten hat die Explosion ein Bein in Oberschenkelhöhe abgerissen. Am tückischsten
ist die Mangoernte. Anfang Juli fuhr ein mit Ernte-helferinnen vollbesetzter
Lastwagen in einem Mangohain auf eine Mine, drei Frauen starben, 20 Frauen wurden
verletzt.
Seit 1997 hat die Hilfsorganisation Handicap 433 Minenopfer in der Casamance
gezählt, die meisten wurden schwer verletzt, 95 starben. "Eine Mine ist nie
alleine", sagt Doudou Fall von Handicap, "diese Botschaft versuchen wir den
Leuten zu vermitteln." Nach einer Minenexplosion eilten häufig andere Bauern
dem Verletzten zur Hilfe, die Folge sei, dass sie selbst auf Minen treten, die
in der Nähe liegen. Wer diese tödlichen Fallen gelegt hat, ist umstritten. Pater
Senghor behauptet, die MFDC habe 1992 Minen abgeschworen.
Spricht man mit Marktfrauen, Taxifahrern und Ladenbesitzem in Ziguinchor, gewinnt
man den Eindruck, dass weder die Separatisten noch die Armee viel Sympathie
genießen. "Die Leute warten ungeduldig auf Frieden", sagt Yoro Oumar Diallo,
Chef des Radios Ziguinchor. Der Sender versuche, die Menschen "moralisch wieder
aufzurichten".
Da die Diola ganz verschiedene Sprachen sprächen, sendet das Radio in mehreren
Dialekten: für jeden Stamm ist etwas dabei. Doch die große Konkurrenz seien
die Diola-Radios aus Guinea und Guinea-Bissau. Auch dort leben Diola, und dort
haben nach Ansicht der senegalesischen Regierung auch die Rebellen der MDFC
ihre Rückzugsgebiete.
In den vergangenen Wochen gab es bei Kolda an der Grenze zwischen Senegal und
Guinea-Bissau schwere Spannungen. Senegalesiche Dorfbewohner warfen dem Nachbarland
vor, es lasse Viehdiebe und Plünderer nach Senegal einsickern, darunter seien
"Elemente der MDFC". Zwei Wochen lang wurde die Grenze von Anwohnern blockiert,
40 Lastwagen mit Ziel Guinea-Bissau saßen fest, in Bissau drohte Öl- und Lebensmittelknappheit.
Der senegalesische Innenminister musste anreisen, um im Grenzort Sélékenie die
Krise mit seinem Amtskollegen aus Guinea-Bissau zu lösen, die Rückgabe gestohlener
Güter wurde versprochen, die Grenze wieder geöffnet. Die Casamance hat sich
in Dakar wieder einmal Gehör verschafft, mit einer eigenwilligen Aktion.
Frankfurter Rundschau 21.8.2000
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Afrique Souveraine,
08/2000
Gemischte
Ehen: Schwarze und Weiße
(Übersetzung: R. Lienemann)
Wer sucht, der findet" sagt die Bibel. Aber der Mensch sucht oft auf falschem Terrain oder in der falschen Richtung. Ergebnis: seine Suche bringen ihn oft in eine noch größere Misere. Eine Hochzeit in Ulm: Peter Nkwameh freut sich an diesem Tag im Sommer1998. Ein Traum wurde Wirklichkeit. Er und Uschi, eine groß gewachsene vollschlanke Deutsche, haben gerade geheiratet. Mehr als 80 Personen sind zur Hochzeit gekommen: es waren Deutsche, Ghanaer, Nigerianer, Gambier, Kongolesen, Angolaner etc. Musik aus Ghana wurde ständig gespielt. Reggae war ebenfalls dabei. Und die Werke von Koffi Olomidé Die Fröhlichkeit war unübersehbar bei diesem Treffen. Selbst der Vater von Schi, der sich zuerst mit aller Kraft der Hochzeit seiner Tochter mit einem "Neger" entgegengestellt hatte, schien erleichtert. Er lachte, unterhielt sich mit den eingeladenen Afrikanern und hatte in einer kleinen Ansprache zu seinem Schwiegersohn gesagt, dass dieser künftig Teil der Familie sei. In einer anderen Ecke erzählt ein Gambier, dass auch er demnächst heiraten werde: "me also, I am going to marry.... Peter is now a happy man. He has no more paper problems... Police won't disturb him again." Glücklich? Das ist jedenfalls nicht das passende Adjektiv, denn das Eheleben von Peter und Uschi hat nur neun Monate gedauert.
Die Liebe hat keine Farbe
Wie der Ghanaer Peter Nkwameh heiraten hunderte von Afrikanern europäische Frauen
in der Absicht Aufenthaltspapiere für Europa zu bekommen und so garantierten
Zugang zu bestimmten Rechten und sozialen Vorteilen zu erlangen. Andere haben
sich auf eine Mischehe eingelassen, um ihre Neigung zum Exotismus zu befriedigen.
Was die weißen Frauen angeht, haben einige von ihnen Schwarze geheiratet, weil
sie meinen, dass ihre Chancen einen weißen Mann zu bekommen gleich Null sind,
sei es dass sie schon älter sind, sei es dass sie an Übergewicht leiden.Im Bewußtsein,
dass ihr Heiratswert bei weißen Männern sehr gering ist, versuchen sie der Einsamkeit
zu entkommen, indem sie sich exotischen Partnern anbieten, vor allem Afrikanern.
Partnern, die darüber hinaus starke sexuelle Kraft mit sich bringen sollen.
"Für die weiße Frau ist der Afrikaner nur eine sexuelle Maschine... Bei diesen
Frauen geht es in erster Linie um die Sexualität. Das ist es, was sie am meisten
zu den Schwarzen zieht", erzählt ein kongolesischer Musiker. Und ein Freund
aus Nigeria spricht offen aus, was zahlreiche Schwarze denken und unter sich
erzählen: "Einige weiße Frauen können nicht mehr aufhören mit Schwarzen zu schlafen,
wenn sie einmal damit begonnen haben. Sie wandern von einem Afrikaner zum nächsten..."
Tatsächlich zeigt die Wirklichkeit, dass diese Ehen im allgemeinen Schiffbruch erleiden. Nur ein winziger Prozentsatz schafft es, die Unterschiede zu managen. Und die Liebe herrschen zu lassen um zwei Seiten eines Schicksals zu werden oder zwei Flügel eines Schicksals. Nach der Meinung der Menschen, die wir befragt hatten, bezieht sich die erste Ursache auf den Kulturkonflikt. Die eine Seite versucht sich als die bessere aufzuspielen, als die Norm und die einzig lebenswerte, während die andere sich dagegen wehrt, um auch ihr "Bürgerrecht" zu wahren. Beispiel: Matondo ist Kongolese, Ehemann von Andrea, einer Deutschen. Matondo hat einen Brief aus Kinshasa erhalten mit dem Inhalt, dass seine Mutter schwer krank ist, sie muss ins Krankenhaus, hat aber kein Geld um sich behandeln zu lassen. Matondo spricht mit Andrea darüber und schlägt vor, etwas Geld vom Haushaltsgeld abzuzweigen und es der Mutter zu schicken. Seine Frau erwidert, dass kein Pfennig für diese Hilfeleistung übrig sei. Der Mann ist unglücklich und kann die egoistische Haltung seiner Frau nicht verstehen... Für Matondo umfasst seine Familie natürlich seine Frau und seine Kinder, aber auch die Eltern, Onkel, Cousins und Cousinen usw., denen man im Notfall zu Hilfe kommen muss. Das zur Schau getragene Unverständnis von Andrea dieser kulturellen Anforderung gegenüber bildet den Grund ständiger Konflikte, die den Hausfrieden zerrütten. Für den Soziologen Jacques Iboundou aus Congo-Brazaville "fällt es vielen Afrikanern schwer, sich von der Großfamilie zu trennen, sich aus dem traditionellen Denkweg zu lösen, weil sie nicht wirklich lange Zeit in Europa zu leben vorhaben. Dies ist nur eine Stufe auf dem Weg zum ökonomischen Erfolg; sie ist gewiss wichtig, aber die Afrikaner beabsichtigen eines Tages zurückzukehren. Konsequenterweise können die Bindungen, die sie hier eingehen, nicht von Dauer sein."
Die exotischen
Partner aus Afrika
In Afrika ist der Mann der Chef des Hauses. Es gibt eine Menge Aufgaben, die
er nicht machen kann, so wie kochen, Geschirr abwaschen und anderes. Eine normale
Angelegenheit, denken viele Afrikaner. Ousman, ein Sudanese, gehört zu ihnen.
Obwohl er in Europa lebt, gelingt es ihm nicht sich von bestimmten Angewohnheiten
zu trennen, die er im Sudan verinnerlicht hat. Nahezu jeden Tag gibt's Krach
in der Beziehung zwischen ihm und seiner Frau Tanja, einer Deutschen. Und einer
der Gründe für das tägliche Aneinandergeraten: seine Frau habe die schlechte
Angewohnheit ihn aufzufordern zu kochen, sogar wenn Ousman müde ist. "Ich
stehe jeden Tag um 4 Uhr morgens auf um arbeiten zu gehen und wenn ich nach
Hause zurückkomme, soll ich noch Essen machen. Das ist Sklaverei", beklagt er
sich. Antwort von Tanja: "Ousman versteht nichts von der Gleichberechtigung
der Geschlechter. Der Arme glaubt, er sei noch in Afrika... Er will sich nicht
ändern."
Zum Zusammenstoß der Kulturen kommen noch eine Menge anderer Ursachen hinzu,
wie Lügengespinste und die Suche nach persönlichen Vorteilen. Eine weitere Quelle
für Spannungen sind die Eltern, Freunde oder Freundinnen, die eine Antipathie
gegen die andere Rasse oder Kultur zeigen. Christine Eicher, eine Deutsche,
hat ihre Freunde verloren und jeglichen Kontakt zur Familie, weil letztere ihren
"schwarzen Mann" nicht mochte. "In den Augen der Familie bin ich ein "Negerflittchen",
eine Hure für die Schwarzen." Nun ist alles in Bewegung gesetzt, dass Christine
auf den rechten Weg zurückkommt und einen Deutschen heiratet.
Zwei Enden
eines Schicksals oder zwei Seiten eines Schicksals
Es gibt aber auch erfolgreiche Ehen. Pedro ist ein Angolaner von 30 Jahren;
er ist Ingenieur und lebt in Harmonie mit seiner Frau Christiane. Sie sind beide
Christen und sehr aktiv in einer Pfingstgemeinde in Frankfurt. Für Pedro liegt
das Geheimnis der Harmonie zwischen ihm und seiner Frau in den selben Werten,
die sie teilen. "Zuerst kommt die Liebe; ich habe gelernt meine Frau zu lieben
wie meinen eigenen Körper. Dann kommt die Ehrlichkeit und das Verzeihen." Auf
solcher Basis hat auch Georges (40) aus Benin mit Caroline ein glückliches Eheleben
aufgebaut."Es gibt auch Konflikte in unserer Gemeinschaft, aber wir haben aufrichtig
vor Gott die Wahl getroffen zusammenzuleben. Ich liebe Caroline. Sie ist eine
Frau voller Ideen. Sie hilft mir weiter zu sehen... Viele Afrikaner haben diese
Chance nicht bekommen. Sie leben vielmehr mit Frauen, die sie kaum ermutigen,
Frauen, die irgendwie beschränkt sind." Und die schöne Caroline, 33 Jahre, fügt
hinzu: "Am Anfang war es nicht leicht, meine Eltern wollten Georges nicht. Aber
mit der Zeit haben sie eingesehen, dass wir für einander gemacht sind... Unsere
Liebe ist unerschütterlich wie ein Baobab. Neben der Liebe sind es auch die
gemeinsamen Projekte, die unsere Ehe stärken. Wir machen fast alles zusammen.
Zwei Firmen, die Autos nach Afrika exportieren, haben wir zusammen gegründet
und leiten sie zusammen. Ich bin oft mit meinem Mann in Afrika."
Die Ehe ist eine Institution, in der sich Mann und Frau frei und in Liebe zusammenfinden um gemeinsam zu leben. Die Bibel sagt, dass der Mann und auch die Frau ihre Familien verlassen und ein Fleisch werden; eins und eins macht eins, sozusagen. Die Ehe hat die wahre Liebe als Grundlage, absichtslos, im Guten wie im Schlechten. Sie bleibt die Quelle, aus der die Gesellschaft entsteht, und sie garantiert das Überleben der menschlichen Rasse. Die Liebe, Grundlage der Ehe, hat keine Farbe, sie hat kein Alter. Und in ihrem Namen verbinden sich auch die Partner in den gemischten Ehen, die manchmal ihr ganzes Leben in Harmonie verbringen.
N.Kalala und
R.Goma
Afrique Souveraine N 4 - 08/2000 S. 6f
http://www.afrique-souveraine.de/so_ar_cu/text_soarcu/soarcu00012.htm
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taz 26.9.2000
Hilfe, wir werden gerettet! Teil 4: Senegal
Seit 1984 befindet sich Senegal in der Strukturanpassung. Das Ergebnis sind
laut IWF "fragile Wirtschaft und weit verbreitete Armut"
BERLIN taz Eigentlich müsste Senegal ein IWF-Musterland sein. Das westafrikanische
Land befindet sich seit 1984 in Strukturanpassung, länger als die meisten
Entwicklungsländer. Die immer neuen Strukturanpassungsprogramme haben im
Bewusstsein des Landes inzwischen den Status von Fünfjahresplänen
im Sozialismus.
Leider gilt dieser Vergleich auch für den Erfolg dieser Politik. Als der
neue Chef des Internationalen Währungsfonds, Horst Köhler, im Juli
seinen Antrittsbesuch in der senegalesischen Hauptstadt Dakar machte, erklärte
der IWF sich selbstkritisch "besorgt, dass die guten makroökonomischen
Leistungen sich noch nicht in einer merkbaren Verbesserung der sozialen Indikatoren
und einer Verringerung der Armut niedergeschlagen haben". Dabei hat das
Land in 16 Jahren Strukturanpassung ja erst umgerechnet 1,38 Milliarden Mark
vom IWF erhalten. Allerdings hat es in derselben Zeit 1,42 Milliarden zurückgezahlt
und hat trotzdem mehr Schulden als vorher.
Kein Wunder, dass Senegal jetzt ärmer dasteht als zu Beginn der IWF-Intervention,
die an der verkrusteten Vetternwirtschaft der von 1960 bis 2000 herrschenden
senegalesischen Sozialisten nichts Grundlegendes änderte. "Die Wirtschaft
ist noch immer fragil, und Armut bleibt weit verbreitet", heißt das
im jüngsten IWF-Länderbericht zu Senegal vom vergangenen Monat. Wie
das zu ändern ist, weiß der IWF auch schon: durch Einführung
einer Mehrwertsteuer, Zurückhaltung bei den Gehältern im öffentlichen
Dienst, das Ende des Zollschutzes für "ineffiziente heimatliche Produktion"
und "verdoppelte Anstrengungen bei Privatisierungen".
Wie das die Armut verringern soll - 58 Prozent der Senegalesen sind laut Regierung
mangelernährt -, bleibt das Geheimnis der Geldgeber. Für den neu gewählten
Staatspräsidenten Abdoulaye Wade, der mit seinem Wahlsieg im vergangenen
März der Herrschaft der senegalesischen Sozialisten ein Ende setzte, sind
die Ratschläge der Geldgeber nicht leicht umzusetzen, war er doch im Wahlkampf
angetreten, Arbeitsplätze zu schaffen und die hohe Jugendarbeitslosigkeit
und das Wuchern verarmter und explosiver Slums am Rande der Hauptstadt Dakar
zu beenden. Wade nennt sich selbst einen Liberalen und kritisierte an den 16
Jahren Strukturanpassung vor allem die fehlerhafte und korrupte Umsetzung.
Da die internationalen Geldgeber nun in Afrika ihre soziale Ader in den Vordergrund
stellen, haben sie jetzt Senegals Regierung angewiesen, bis Ende 2001 ein umfassendes
Armutsbekämpfungsprogramm zu erarbeiten. Wenn es hier "akzeptable
Gesamtfortschritte" gebe, dann könne Senegal auch in den Genuss eines
umfassenden Schuldenerlasses kommen.
DOMINIC JOHNSON
taz Nr. 6255 vom 26.9.2000, Seite 4, 92 Zeilen (TAZ-Bericht), DOMINIC JOHNSON
http://www.taz.de/pt/2000/09/26/a0085.nf/text
SUD
22.5.2000
Am Strand von Mbour
Die Klagen der Händler
Früh am
Morgen oder spät am Abend ist der Strand von Mbour, der zwischen dem Weg
der Fischer und dem verfallenen Wharf liegt, äußerst belebt. Man
trifft dort Händler mit Waren aller Art.
Die Szene ist pittoresque: schon von weitem dringen unangenehme Gerüche
in die Nase, Fischer, die hinausfahren oder zurückkommen versorgen sich
mit Lebensmitteln oder mit dem notwendigen logistischen Material. Zahlreiche
Fondé-Verkäuferinnen (Soße auf Hirsebasis) und Händler
mit Alltagswaren, wie zum Beispiel Verkäufer von Plastikbeuteln, verdienen
sich hier ihren Lebensunterhalt. Zumindest wenn man ihnen glaubt, auch wenn
sie ihren Umsatz nicht nennen. Sie reden gern über die Zukunft und über
die Fertigstellung des Fischerkais.
Banna, 32 Jahre alt, die Kalebasse mit Fondé auf dem Kopf, geht um 6
Uhr morgens zum Strand, sie braucht etwa 30 Minuten, um sich dort einzurichten.
Ihren Platz bereitet sie mit hygienischer Umsicht vor und beginnt mit dem Ausfegen
ihres Verkaufsbereiches. Vor ihr, um die Kalebasse herum, stehen ungefähr
10 Schalen, daneben ein Eimer mit gesäuerter Milch und ein anderer mit
Puderzucker. "Ich komme seit 20 Jahren hierher. Mit 12 bin ich meiner Tante
durch das Tefess-Viertel hierher gefolgt. Die Fischer kennen mich gut und vertrauen
auf die Qualität meiner Ware. Für mich ist die Sauberkeit äußerst
wichtig. Darum muss man sich kümmern. Ich glaube, das ist es, was die Kundschaft
herbringt. Sie sehen es selbst", betont sie, "meine Schalen sind ganz
sauber", und fährt fort: "Nachdem ein Kunde gegangen ist, wasche
ich das Gefäß mit sauberem Wasser. Es kommt vor, dass ich am Ende
eines Tages heimkomme mit Einnahmen, die zwischen 3000 und 5000 FF liegen.
Mit meinem Beruf als Fondé-Verkäuferin helfe ich meinem Mann die
Tagesausgaben zu bestreiten. Die Einnahmen erlauben es mir auch, einige persönliche
Bedürfnisse zu erfüllen. Darüber hinaus sind meine Beziehungen
zu den Fischern sehr gut. Wenn ich wegbleibe, leide ich genauso wie meine Kundschaft...
Ich komme nur schwer ohne sie aus. Die anderen Frauen, die hier am Strand den
gleichen Handel betreiben, haben etwas die gleichen Einnahmen wie ich. Oft geht
man nach 9 Uhr los, geht einkaufen und nach Hause um das Mittagessen zu machen."
Während die Fondé-Verkäuferinnen in aller Ruhe ihrer Beschäftigung
nachgehen, ist es bei den Gemüsehändlern anders. Badou Ndoye, Vorsitzender
der Vereinigung "Battou Tefess", erklärt, dass der Strand eigentlich
reserviert ist für Fischer, Fischhändler und die Fisch verarbeitenden
Frauen. Alle anderen Händlerinnen haben ihren Platz auf dem Markt.
Auf diesem Ohr ist Marie.F. taub: "Der Strand ist lang genug. Jeder kommt
auf seine Kosten. Man fordert uns immer wieder auf, den Standort zu wechseln.
Der Fischerstrand war zum großen Teil besetzt von jeder Art Händlern.
Jeder sollte für den anderen Verständnis haben. Die Frauen möchten
am Strand Gemüse kaufen, wenn sie Fisch besorgt haben. Das enthebt sie
der Mühe, auf den Zentralmarkt zu gehen. Wir zahlen jeden Tag die Gebühren.
Der Zentralmarkt ist sehr eng, die Stände sind in der Straße. Wenn
sie uns von Strand vertreiben, wissen wir nicht wo wir den Verkaufsstand aufstellen
können."
Frau F. hat einen Tisch an einem Strandabschnitt, wo die Hausfrau alle Lebensmittel,
die sie braucht, finden kann, Zwiebeln, Piment, Pfeffer, Tomaten...
Sie meint, "Mbour ist eine großzügige Stadt. Ich verkaufe am
Strand. Ich kann nicht sagen, wieviel ich am Tage verdiene, aber ich ernähre
eine Familie von 8 Personen. Die Leute sollen uns am Strand akzeptieren, wir
suchen mit keinem Streit, aber unser Abzug vom Strand würde Probleme verursachen.
Der Strand kann viele ernähren."
Fischer und Fischhändler beurteilen die Markthändler unterschiedlich.
Cheikh Mbacké meint, "die Leute meckern viel. Am Tag, an dem die
Verkäufer nicht mehr am Strand sein werden, werden es viele bedauern. Sie
gehen aus dem Haus und verbringen den ganzen Tag hier. Viele die hier arbeiten
sind an sie gewöhnt. Die Fischkäufer haben keine exakte Arbeitszeit,
sie richten sich nach der Ankunft der Fischer, die jeden Moment ankommen können.
Was ich jedenfalls beklage, das sind die mit Wasser gefüllten Plastikbeutel,
die nach Gebrauch weggeworfen werden. Sie bilden Dreckhaufen und verursachen
in kurzer Zeit wirkliche Umweltprobleme."
Samba Niébé Ba
Sud 22.5.2000
Plage de MBOUR Les complaintes des vendeurs
Tôt le matin ou tard dans la soirée, la plage de Mbour sise entre
le chantier du quai de pêche et l'ancien wharf en ruines, connaît
une intense animation. On y rencontre des vendeurs d'articles en tous genres.
Le décor est pittoresque. De loin, des odeurs fétides titillent
les narines. Malgré tout, les pêcheurs de retour ou en partance
pour la mer s'y livrent à des achats pour leur alimentions ou pour se
procurer d'autres matériels nécessaires à leur logistique.
Plusieurs vendeuses de "fondé" (bouillie à base de mil)
et des commerçants d'objets usuels, à l'instar des vendeurs de
sachets en plastique, y gagnent correctement leur vie. Du moins, à les
en croire même s'ils ne disent pas leurs chiffres d'affaires, eux, qui
aiment à s'interroger sur l'avenir et sur les travaux de finition du
quai de pêche.
Agé de 32 ans, la calebasse de fondé sur la tête, Banna
débarque à la plage à 6 heures du matin. La mise en place
lui prend en moyenne une trentaine de minutes.
Elle s'installe avec toutes les précautions d'hygiène et commence par balayer l'endroit où elle s'installe. Puis, elle asperge de l'eau aux quatre coins de son étal, histoire d'attirer la clientèle. Devant elle, une dizaine de bols autour de sa calebasse, un seau rempli de lait caillé et un autre de sucre en poudre complètent le décor."Je fréquente les lieux depuis 20 ans. A l'âge de 12 ans, je suivais ma tante à travers le quartier de Tefess. Les pêcheurs me connaissent bien et ne doutent pas de la qualité de mon produit. Pour moi, l'hygiène est primordiale. On doit en prendre soin. Je pense que c'est ce qui attire le plus la clientèle. Vous le voyez vous-même, mes bols sont bien nettoyés", fait-elle remarquer. Et de poursuivre : "Après le passage d'un client, je lave le récipient avec de l'eau propre. Il m'arrive de rentrer en fin de journée avec des recettes qui tournent autour de 3 000 à 5000 Frs cfa.
Avec mon métier de
vendeuse de fondé ,j'assiste mon mari pour la dépense quotidienne.
Le produit de mes ventes me permettent aussi de régler certains de mes
besoins personnels. En outre, mes rapports avec les pêcheurs sont excellents.
Aussi, quand je m'absente, je souffre en même temps que ma clientèle.
. Je me passe d'eux difficilement. Les autres femmes qui font le même
commerce le long de la plage font aussi quasiment les mêmes recettes que
moi. Souvent, à partir de 9 heures du matin, on décampe pour faire
le marché et rentrer à la maison pour préparer le repas
de midi".
Si les vendeuses de "fondé" vaquent à leurs occupations
en toute quiétude, tel n'est pas le cas des vendeurs de légumes.
Badou Ndoye, président de l'association "Battou Tefess", explique
la plage est réservée aux pêcheurs, aux femmes transformatrices
et aux marchands de poisson. Les autres femmes commerçantes, elles, ont
leur place au marché.
M.F. ne l'entend pas de cette oreille : "la plage est assez large. Chacune trouve son compte. On nous demande tout le temps de changer de lieux de vente. Le quai de pêche était occupé en grande partie par les vendeurs d'effets de toutes sortes. Il faut une compréhension des uns et des autres. Les femmes préfèrent acheter des légumes à la plage après s'être approvisionnées en poisson. Cela les dispense de la corvée du marché central. Nous payons la taxe municipale chaque jour. Le marché central est très exigu. Les étals sont dans la rue. Si on nous déguerpit de la plage, on se demande où allons-nous nous installer".
Dame F. tient une table dans un coin de la plage où la ménagère peut trouver toutes les denrées alimentaires (oignons, piments, poivre, tomate...), dont elle a besoin. Selon lui,"Mbour est une ville généreuse. Je fais mon commerce à la plage. Je ne peux pas dire combien je gagne par jour, mais j'entretiens une famille de 8 personnes. Les gens doivent nous accepter sur la plage, on ne fait du tort à personne d'autant plus que notre départ posera beaucoup de problèmes. La plage fait vivre beaucoup de personnes".
Pour leur part,
pêcheurs et mareyeurs jugent différemment les marchands. Selon
Cheikh Mbacké, "les gens rouspètent beaucoup. Le jour où
les vendeurs ne seront plus sur la plage. Certains le regretteront. Ils quittent
leur maison et passent toute la journée ici. Beaucoup de personnes qui
travaillent ici sont habitués à eux. Les mareyeurs n'ont pas d'heure
de travail, ils comptent sur l'arrivée des pêcheurs qui viennent
à tout moment. Pour ma part ce que je déplore, ce sont les sachets
en plastique remplis d'eau et jetés après usage. Avec les tas
d'ordures qu'ils créent, ils vont poser de véritables problèmes
d'environnement à court terme".
Samba Niébé BA
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Panafrican News Agency 14.9.2000
La Sénégalaise et le Portable
Assises derrière
un car de voyageurs, deux jeunes femmes débattent sans concession et
les éclats de voix finissent par attirer l'attention des voyageurs. L'objet
de cette chaude empoignade? ... Les performances techniques de leur téléphone
portable respectif! Cette scène de la vie dakaroise, pourrait aussi bien
avoir pour théâtre Conakry, Abidjan, ou
Bamako ... Ces deux dernières années, la fièvre du portable
s'est emparée du Sénégal après avoir englouti d'autres
capitales et en attendant de susciter des émules jusque dans les dernières
zones de résistance les plus réfractaires du continent.
Que les interférences aient ou non des répercussions sur la santé
publique, ne préoccupe guère une clientèle qui ne se fait
point prjer pour s'offrir, quel que soit le prix, son premier portable, de préférence
le plus léger et le plus miniaturisé.
Sous peu, redoute un célibataire dans son air le plus sérieux,
"le portable sera la première preuve d'amour réclamée
au prétendant, s'il ne fait partie de la dot exigée des futurs
maris".
"Le Sénégalais, plus particulièrement la jeune femme,
est littéralement à merci du téléphone portable",
soupjrent une journaliste d'une radio privée, ravie de pouvoir joindre,
au besoin, connecter en direct, sans la moindre difficulté, la moins
accessible de ses sources habituelles.
Elle partage cette satisfaction avec bien des jeunes, désormais libérés
des contraintes du téléphone fixe familial qui imposait bien souvent,
de passer par les intermédiaires peu désires du cercle familial,
pour atteindre l'oreille bien aimée.
"Le portable offre bien plus de liberté, au commerçant de
l'import-export ou ä la prostituée qui en a vite fait un véritable
outil de travail", explique un de ces nouveaux réparateurs-décodeurs
improvisés sur Pack Lambaye, un des poumons de l'informel dakarois.
Les deux Opérateurs concurrents, qui se partagent le juteux marché,
auraient respectivement 100.000 et 25.000 abonnés.
A son arrivée au Sénégal dans les années 1990, le
portable était considéré comme un simple objet de luxe,
hors de prix. Le coût gravitait autour de 300.000 FCFA (700 F CFA=1 dollar
des Etats-Unis). Un prix inaccessible à la plupart des Sénégalais.
Aujourd'hui, la publicité et la concurrence aidant, le téléphone
portable s'est beaucoup démocratisé. II ne se passe pas un mois
sans qu'un opérateur ne propose de nouveaux produits qui tentent encore
plus le consommateur. Grâce à la concurrence, les prix ont considérablement
baissé. Les moins sophistiques, proposes aujourd'hui selon des formules
de package à l'occasion d'opérations commerciales
ponctuelles, gravitent autour de 50.000 FCFA. Outil de travail pour certains,
le téléphone portable est devenu aussi objet de frime pour les
femmes. II vient de plus en plus en complément à la toilette de
jeunes femmes qui l'emportent partout, le tiennent ostensiblement dans la main
laissée libre par le sac qui aurait pourtant pu le contenir avec discrétion.
En somme, le portable est devenu un signe distinctif de la femme "branchée".
"Pas un pas sans mon téléphone portable", pourrait être
le slogan des inconditionnelles du cellulaire. Se rendre à une cérémonie
familiale, un mariage, un baptême et même dans les décès
sans
avoir ä la main son téléphone portable, même les femmes
d'un certain âge n'y pensent plus. Le résultat est peu accommodant
pour certains, déçus qu'il ne soit plus possible de soutenir un
entretien avec les femmes au portable. "Le portable sonne tout le temps",
fait-on observer.
La police a démantelé récemment plusieurs réseaux
de malfaiteurs. II suffit de faire un tour au marche de Colobane, à l'intersection
de la gare routière et de l'autoroute, pour se rendre compte de l'essor
du trafic de portables, proposes ensuite ä des prix défiant toute
concurrence.
II est vrai qu'il se perd de plus en plus de portables dans la capitale et les
nombreuses annonces passées à la radio ont rarement les suites
escomptées.
Copyright © 2000 Panafrican News Agency septembre 14, 2000 Dakar, Sénégal
Die Senegalesin und das Handy
Hinten im Buschtaxi
debattieren gnadenlos zwei junge Frauen, und ihre lauten Stimmen ziehen schließlich
die Aufmerksamkeit der Mitreisenden auf sich. Der Gegenstand der heftigen Auseinandersetzung
ist die jeweilige technische Ausstattung ihrer Handys. Diese Szene aus dem Leben
in Dakar könnte auch in Conakry, Abidjan oder Bamako stattfinden.
In den vergangenen zwei Jahren hat das Handyfieber auch von Senegal Besitz ergriffen,
nachdem es andere Hauptstädte überfallen hatte und nun wartet auch
in den entlegendsten und widerständigsten Ecken des Kontinents Anhänger
zu finden.
Ob die Funkwellen Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben oder
nicht, beschäftigt eine Klientel kaum, die nicht lange wartet, sich das
erste Handy zu gönnen, möglichst das leichteste und kleinste, wie
teuer auch immer.
"Bald", befürchtet ein Junggeselle mit ernster Miene, "wird
das Handy der erste Liebesbeweis sein, der vom Liebhaber gefordert wird, wenn
es nicht Teil der verlangten Mitgift des zukünftigen Gatten ist."
"Die Senegalesen, ganz besonders die jungen Frauen, sind buchstäblich
dem Handy ausgeliefert", seufzt die Journalistin eines privaten Radiosenders,
"sie freuen sich, teilnehmen zu können und direkte Verbindung zu haben,
ohne die geringsten Schwierigkeiten". Sie teilt diese Zufriedenheit mit
vielen Jugendlichen, die nun von den Beschränkungen des einzigen Familienanschlusses
befreit sind. Dieser verlangte oft die wenig erwünschte Vermittlung durch
Familienangehörige, um das Ohr der geliebten Person zu erreichen.
"Das Handy bietet viel mehr Freiheiten für den Import-Export-Kaufmann
oder für die Prostituierte, die schnell daraus ein echtes Jobwerkzeug gemacht
hat", erklärt einer der neuen Reparatur- und Entschlüsslungs-Anbieter,
die sich in Pack Lambaye installiert haben, einem Zentrum des informellen Marktes
in Dakar.
Die zwei konkurrierenden Anbieter, die sich den einträglichen Markt teilen,
haben 100.000 bzw. 25.000 Abonnenten. Als das Handy in den 90ern in Senegal
auftauchte, wurde es zunächst als unerschwingliches Luxusobjekt betrachtet.
Die Kosten dafür lagen um 300.000 CFA, ein unerreichbarer Preis für
die meisten.
Heute haben Werbung und Konkurrenz dazu beigetragen, das Handy zu "demokratisieren".
Es vergeht kein Monat, ohne dass nicht ein Anbieter neue Produkte auf den Markt
bringt, die den Verbraucher noch mehr in Versuchung führen.
Dank der Konkurrenz sind die Preise beträchtlich gesunken. Diejenigen der
einfachsten Geräte, laut Packungsaufschrift empfohlen für terminsichere
Geschäftsabläufe, bewegen sich um 50.000 CFA.
Neben einem Arbeitswerkzeug für die einen, ist das Handy für die Frauen
ein Vorzeigeobjekt geworden. Es ergänzt mehr und mehr die Garderobe der
jungen Frauen, die es überall mitnehmen, es auffällig in jener Hand
tragen, die nicht die Tasche hält, in der es auch, ungesehen, hätte
getragen werden können.
Kurz, das Handy ist ein Kennzeichen der jungen Frau, die "in" ist.
"Kein Schritt ohne mein Handy", könnte das Motto der bedingungslosen
Handyisten sein. Zu einer Familienfeier gehen, einer Hochzeit, einer Taufe oder
sogar zu einem Begräbnis ohne sein Handy bei der Hand zu haben, daran denken
selbst die reiferen Frauen nicht.
Das Ergebnis ist für jene weniger angenehm, die enttäuscht darüber
sind, dass es nicht mehr möglich ist, eine Unterhaltung mit Handy-Frauen
zu führen. "Das Handy klingelt ständig", lässt sich
beobachten. -
Die Polizei hat kürzlich mehrere Diebes- und Hehlergruppen auffliegen lassen.
Es reicht, eine Runde auf dem Markt von Colobane zu drehen, an der Kreuzung
von Busbahnhof und Autobahn, um sich über den schwunghaften Handyhandel
zu informieren, dessen Preise jeden Konkurrenten misstrauisch machen.
Es stimmt, dass mehr und mehr Handys in der Hauptstadt verschwinden und die
zahlreichen Verlustmeldungen im Radio selten die erhofften Folgen haben...
dt. R.Lienemann
"Sopi"
- Der Einfluss der senegalesischen Medien auf die Präsidentschaftswahl
2000
von Frank Wittmann (http://pages.unibas.ch/afrika/papers/fw.sopi.pdf)
Die liberalisierten Medien des westafrikanischen Landes Senegal haben einen
beträchtlichen Anteil an dem Ausgang der Präsidentschaftswahl, die
von der Opposition gewonnen wurde. Ein halbes Jahr vor der Wahl konnte niemand
damit rechnen, dass der seit zwanzig Jahren regierende Präsident Abdou
Diouf in den Präsidentschaftswahlen im März 2000 abgewählt werden
würde: zu sehr haftete ihm der Nimbus des Unbesiegbaren an, zu konzeptlos
präsentierten sich die Oppositionsparteien. Obwohl der Senegal seit der
Unabhängigkeit 1960 eine demokratische Republik ist, kannte das Volk nur
die Parti Socialiste (PS) als Regierungspartei. Seit Mitte der neunziger Jahre
wurde der Medienmarkt durch die Aufgabe des
staatlichen Informationsmonopols liberalisiert. Es wurde nicht nur eine Vielzahl
von privaten Radiostationen und Tageszeitungen eingeführt, sondern auch
das Fernsehangebot, das bisher aus den Programmen des staatlichen Senders Télé
Sénégal und der aus dem Ausland einstrahlenden Sendern bestand,
durch eine private Fernsehstation1 ergänzt. Zurückzuführen ist
diese Liberalisierung auf die Globalisierung und den damit verbundenen Druck
zu «good governance», denn die Pluralisierung des Medienangebots
erlaubte es der Regierung, ihre Demokratiefortschritte gegenüber der internationalen
Staatengemeinschaft nachzuweisen. Doch scheint sich die Regierung Diouf der
Gefahren ihrer Medienpolitik für ihre eigene Rolle nur unzureichend bewusst
gewesen zu sein. Im Allgemeinen werden die Gründe für die Wahl Abdoulaye
Wades in der Lethargie des Regierungsstils, in der Korruption der Verwaltung,
in der Langsamkeit der wirtschaftlichen Reformen, im Wahlsystem oder in der
demokratischen Tradition gesehen. „The reason lies in the determination
of the Senegalese people and their level of political sophistication“
(Doyle 2000), schreibt beispielsweise ein BBC-Korrespondent. Im Folgenden möchte
ich dagegen die Rolle der Medien beleuchten und anhand von drei interdependenten
Faktoren ihren entscheidenden Einfluss anführen.
Erster Faktor Informationsfunktion: Im Gegensatz zu den Präsidentschaftswahlen
von 1993 verfügten die Präsidentschaftskandidaten mit der privaten
Presse und den privaten Radiostationen über eine ausreichend breite Plattform,
um in der Öffentlichkeit ihre politischen Standpunkte und Images zu vermitteln.
Mit dieser Präsenz konnte die Nichtbeachtung durch die staatlich kontrollierten
Medien, zu nennen sind Télé Senegal, die Radiosender RTS Nationale
und Dakar FM sowie die Tageszeitung Le Soleil, ausgeglichen werden.
Zweiter Faktor Agenda-Setting: Die Opposition verfügte in den
privaten Medien über eine ausreichende Präsenz, um eine öffentliche
Diskussion über die Notwendigkeit eines politischen Wechsels auslösen
zu können. Am Beispiel des Rundfunks und seiner Forumsfunktion lässt
sich
dies verfolgen. Im Gegensatz zu den Printmedien und dem Fernsehen, die sich
konzeptuell weitgehend an europäischen Vorbildern orientieren, hat der
private Rundfunkt eigene Sendegefässe und Moderationstechniken so entwickelt,
dass er Medienfunktionen auf eine Weise erfüllt, die einer Gesellschaft
mit ausgeprägten oralen Bedürfnissen weitaus mehr entsprechen als
dies noch zu Zeiten des staatlichen Radiomonopols der Fall war. Durch dieVerwendung
der Umgangssprache Wolof als Sprache des Massenmediums Radio wird der Bevölkerungsmehrheit
nicht nur ein umfassender Zugang zu Informationen, sondern auch die Möglichkeit
gegeben, sich mittels massenkommunikativen Feedbacks einzubringen. Auf diese
Weise nimmt das Radio eine Forumsfunktion wahr, indem es eine Plattform zur
freien politischen Meinungsäusserung und – bildung bereitstellt.
Diese Strategie äussert sich in interaktiven Sendungen, in denen ein Grossteil
der Sendezeit auf Gespräche mit HörerInnen entfällt, die ihre
Meinung zu einem von der Moderation vorgegebenen Thema kundtun oder ihren Beitrag
zu einer aktuellen Diskussion liefern. Auf die Wahlen bezogen bedeutet dies,
dass die RezipientInnen über die Leistungen der alten Regierung kontrovers
diskutiert und ihre Hoffnungen gegenüber einer neuen Regierung, deren Wahlslogan
„ Sopi“ (Wechsel) omnipräsent war, artikuliert haben.
Dritter Faktor Kritik- und Kontrollfunktion: Die Ergebnisse ihres investigativen
Journalismus veröffentlichten die unabhängigen Medien gezielt in der
Schlussphase des Wahlkampfes sowie in der Zeitspanne zwischen der ersten Wahlrunde
und der Stichwahl. Mit der Aufdeckung von Wahlbetrugsversuchen – wie zum
Beispiel die Fälschung von Wahlkarten in Israel 2 – versuchten sie
gezielt, den Wunsch nach einem politischen Wechsel in der Bevölkerung zu
verstärken. Am Wahltag schickten die Radiostationen schliesslich JournalistInnen
zu den Wahlbüros, um den Ablauf der Wahlen zu kontrollieren und erste Ergebnisse
zu verbreiten. Diese Strategie wird seit den Kommunalwahlen von 1996 angewendet
und trägt dazu bei, dass „die Möglichkeiten der Manipulation
sehr eingeschränkt“ ( Heering 1999 : 5) sind. Unter diesen Umständen
sah die Regierung keine Möglichkeit, das Wahlresultat nachträglich
zu beeinflussen und erkannte zu spät, dass die eigene Medienpolitik die
politische Macht untergraben hatte. Unter diesen Umständen blieb Abdou
Diouf nichts anderes übrig, als die Wahl anzuerkennen und seinem politischen
Gegner zum Sieg zu gratulieren. Die im Vorfeld der Stichwahl geäusserten
Befürchtung, dass Diouf die Wahlen nicht anerkennen würde, erwies
sich damit als gegenstandslos. “Some people have also argued that the
democratic change depended ultimately on the goodwill of President Abdou Diouf,
who graciously conceded defeat when it was clear that he had lost“ (Doyle
2000). Der politische Journalismus hat mit seiner Rolle untermauert, dass er
nicht nur Terminjournalismus betreibt. Denn die Determinierungsversuche durch
Staatsverwaltung, Parteien, internationale Organisationen, diplomatische Vertretungen
und Wirtschaftsunternehmen, die täglich eine grosse Anzahl von mediatisierten
Ereignissen wie Staatsempfänge, Gebäudeeinweihungen, Ausstellungs-
und Kongresseröffnungen, Vorträge oder Pressekonferenzen veranstalten,
stellen nach Heike Heering (1999 : 8f) eine grosse Versuchung für den Journalimus
dar. Die Rolle der Journalisten und Journalistinnen pflegt sich in diesen Fällen
weitgehend auf die wörtliche Wiedergabe der verlautbarten Informationen
zu beschränken.
Abschliessend möchte ich einen Blick auf das Verhältnis zwischen den
Medien und der neuen Regierung werfen. Die Medien haben bereits wenige Wochen
nach der Wahl klar gemacht, dass sie auch gegenüber der neuen Regierung
eine Kritik- und Kontrollfunktion wahrnehmen werden: Sie kritisierten nicht
nur Abdoulaye Wades Aufgabe von Wahlversprechen, sondern sprachen sie sich auch
vehement gegen sein Vorhaben aus, das Erscheinen der von der ehemaligen Regierung
kontrollierten Zeitung Le Soleil vorerst einzustellen. „Mr Wade [...]
suggested that the state-owned newspaper, Le Soleil, which he has accused of
partisanship, should be suspended while a new role for it was thought out“
(BBC 2000c). Diese Tageszeitung hat sich mittlerweile unter einem neuen Direktor
in der politischen Mitte positioniert und findet mit ihrer neuen Service-public-Funktion
eine breite Anerkennung unter der lesenden Bevölkerung.
Darüber hinaus gab es in der Zwischenzeit bereits erste Konflikte mit der
Pressefreiheit. Die Tageszeitung Le Matin sowie die Wochenzeitung Le Témoin
sind wegen Beleidigungen des Staatschefs und Verbreitung falscher Informationen
angeklagt und verhört worden. Dieses Kräftemessen, bei dem allerdings
die grundsätzliche Kritik- und Kontrollfunktion der Medien nicht in Frage
gestellt wird, fand in der Bereitschaft der Regierung, die Klagen zurückzuziehen,
ein vorläufiges Ende. Vom 29. September bis 1. Oktober 2000 wurde eine
Konferenz mit Teilnehmern aus Medien, Politik, Gewerkschaft, Konsumentenorganisationen
und Armee abgehalten, um über die Situation im Allgemeinen und eine Reform
des Medienrechts im Besonderen zu diskutieren. «Les recommandations faites
au cours de ces assises tendent vers une profonde réforme de la loi sur
la presse» (Diouf 2000 : 2). Es bleibt zu hoffen, dass das bei der Konferenz
gegründete Komitee zu einer Entspannung des Verhältnisses führt
und seinen Beitrag zur noch nicht vollzogenen Liberalisierung des privaten Fernsehens
leisten wird.
1 Es handelt sich dabei um eine konzessionierte senegalesische Filiale des frazösischen Privatsenders Canal Horinzons.
2 Neben dem Versuch „to massage the results through the use of doctored voting cards“ (BBC 2000a) wurde der Regierung auch vorgeworfen, dass sie „the country’s voting register“ (BBC 2000b) manipuliere.
Bibliographie
BBC 2000a, Senegal launches campaign for presidency,
http://www.news.bbc.co.uk/hi/english/world/africa/newsid_633000/633157.stm (06.02.2000).
BBC 2000b, Senegalese Government, rigging election
http://www.news.bbc.co.uk/hi/english/world/africa/newsid_649000/649088.stm (19.02.2000).
BBC 2000c, Senegalese president attacked by press
http://www.news.bbc.co.uk/hi/english/world/africa/newsid_704000/704326.stm (06.04.2000).
DIOUF, Mansour 2000,
La Presse plaide pour les changements en profondeur, cité in: MédiActu,
http://www.panos.sn/actus/index.html (7.10.2000).
DOYLE, Mark 2000, Senegal: Where democracy was the winner,
http://www.news.bbc.co.uk/hi/english/world/africa/newsid_686000/686001.stm (21.03.2000).
HEERING, Heike 1999, Neue Sender - Neue Meinungsvielfalt? Senegal vom 5.1. bis
2.4.1999 (unveröffentlichter
Bericht zu Händen der Heinz-Kühn-Stiftung).
Der Start-up-Kommunist
Frankreichs neuester Internet-Millionär ist ein illegaler Einwanderer aus
dem Senegal
Auf Abubacer Diop könnte selbst Gustav Gans neidisch werden: wird über
Nacht zum Millionär, weil sich ein Großunternehmen einen Fauxpas
leistet. Jetzt verteilt der Senegalese mit dem Geld Geschenke an die illegalen
Einwanderer in Frankreich. Schließlich war er noch vor kurzem ihr Sprecher.
Seiner Partei, dem Parti Communiste, spendete er 20 000 Franc. Das ist in Anbetracht
der acht Millionen, die dem 31-Jährigen aus heiterem Himmel in den Schoß
fielen, nicht besonders viel. Die kommunistische Tageszeitung L'Humanité
hält seine Geschichte nichtsdestoweniger für ein "Märchen",
für zu schön, um wahr zu sein.
Für den Mediengiganten Vivendi ist die Geschichte eher ein Albtraum. Insgesamt
24 Millionen Franc musste der Konzern an Abubacer und seine beiden Kompagnons
zahlen. Denn die Firmenmanager hatten sich nach langem Tüfteln auf den
Namen Vizzavi für ihr neues, hypermodernes Interface aus TV, Handy und
Internet versteift.
Dagegen wäre nichts einzuwenden gewesen, hätte Abubacer nicht kurz
zuvor ein "Cyber-Café der Menschenrechte" namens vis@vis gegründet.
Da sich beide Internet-Firmen im Französischen gleich aussprechen, trat
das französische Patentamt auf den Plan und verbot Vivendi, den Namen Vizzavi
zu tragen, es sei denn, man einigte sich mit vis@vis.
So klingelte am 13. Mai dieses Jahres im Cyber-Café des senegalesischen
Jungunternehmers das Telefon. Ein Tag, den Abubacer nicht so schnell vergessen
wird. "Erst haben die uns nach langem Hin und Her eine Million Franc angeboten",
erinnert er sich. Mit freundlicher Bestimmtheit steigerte er den Preis dann
auf 7, 16, schließlich auf 24 Millionen Franc, etwa 8 Millionen Mark.
"Eine Art Revolutionssteuer" nennt Abubacar das Geld heute und grinst.
Ein zweites Mal hatte er Glück gehabt. Denn Vivendi stand unter enormem
Zeitdruck. Die Werbetrommel für die brandneue Technik sollte in wenigen
Tagen in der ganzen Welt anlaufen. Schnell mussten klare Verhältnisse geschaffen
werden. Das nutzte Abubacer aus. Verkauft hat er natürlich nicht. Man einigte
sich auf einen "Koexistenzvertrag". Erst Anfang kommenden Jahres will
er die Marke für mindestens 100 Millionen Franc im Internet versteigern.
Noch Ende vergangenen Jahres hatte er einen Antrag auf Sozialhilfe gestellt.
Bis heute hat er keine Antwort darauf erhalten. Stattdessen wird er wohl als
erster ehemaliger Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung Vermögenssteuer
zahlen müssen.
Rein äußerlich ist ihm sein plötzlicher Reichtum nicht anzusehen.
Er trägt eine Jeans und ein blaues T-Shirt. Nur die silberne Uhr, die ihm
am Armgelenk schlackert, und die Mokassins scheinen neueren Datums zu sein.
Ein Auto, eine eigene Wohnung hat er nicht, sagt er. Nicht einmal eine Sekretärin.
Deswegen beantwortet er alle Anrufe selbst, und das sind einige. Sein Handy
scheint ihm wie ans Ohr gewachsen. Geht er zur Toilette, kommt er telefonierend
zurück. Gerade melden sich Schüler aus einem Pariser Vorort, die von
ihm einen Basketballplatz spendiert bekommen wollen. "Das ist ein bisschen
teuer. Ich will ja nicht den guten Samariter spielen", kommentiert er.
Armut ist schwierig, aber reich sein ist auch nicht leicht
Zurück am Schreibtisch, spricht er dann gleichzeitig übers Mobil-
und Festnetz, notiert währenddessen Zahlen auf herumliegenden Papierschnipseln,
rechnet nach und korrigiert. Derweil läuft das Fax voll. Nur unwillig spuckt
es die gespeicherten Blätter wieder aus. Wenn mal einen Augenblick Ruhe
herrscht, sagt Abubacer Sätze wie: "Millionär und Kommunist zu
sein bedeutet nicht, sich auf die faule Haut legen zu können." Oder:
"Ohne Geld war es schwierig, aber welches zu haben ist auch nicht leicht."
Wieder klingelt das Telefon. Diesmal ist das Fernsehen dran. Ob er nicht mit
Julio Iglesias und einigen französischen Stars nächste Woche in eine
Talkshow kommen wolle? Erst gestern war er auf France 3 zu sehen. Daraufhin
beglückwünschte ihn heute Morgen im Bus eine Frau, als er von der
Nationalratssitzung der PCF zurückfuhr. Er habe "viele neue Freunde"
gewonnen,erzählt er. Zu Hause im Senegal, wo er gerade zwei Wochen verbrachte,
luden ihn auf einmal Leute ein, die ihn früher gemieden hätten. Denn
er will dort einiges investieren. In Dakar plant er, ein Gästehaus zu eröffnen,
in dem man für 15 Mark übernachten kann. Das soll Franzosen dazu bringen,
seine Heimat zu besuchen. Außerdem hat er vor, preiswerte "Freundschaftsflüge"
zwischen Frankreich und dem Senegal zu organisieren.
Abubacer hatte bisher kaum Zeit, darüber nachzudenken, ob ihm das Ganze
nun märchenhaft vorkommen soll oder eher unheimlich. "Ich fühle
mich schon wohler", sagt er. Aber irgend etwas wurmt ihn. Was ist los?
"Meine beiden ehemaligen Geschäftspartner haben sich nicht an den
Vertrag gehalten. Jetzt gehe ich gerichtlich gegen sie vor", erzählt
er schließlich. Anfangs habe er die beiden Journalisten nur gebeten, sich
an seinem Geschäft zu beteiligen, weil er es mit seiner auf ein Jahr begrenzten
Aufenthaltsgenehmigung nicht allein aufziehen durfte. "Doch jetzt machen
die mir mit meiner eigenen Idee Konkurrenz." Sie gründen eigene Cyber-Cafés,
in denen man per Bildschirm kostengünstig übers Internet telefonieren
kann. Ursprünglich dachte Abubacer dabei vor allem an Einwanderer. Sie
können auf diese Weise ihre daheim gebliebenen Kinder, Eltern, Verwandte
oder Freunde nicht nur sprechen, sondern auch sehen. Man sitzt sich ja gewissermaßen
gegenüber, daher der Name vis@vis.
Wie der Zufall es wollte, fand er einen Platz für sein Cyber-Café
direkt gegenüber der Saint-Bernard-Kirche im 18. Pariser Arrondissement.
Diese Kirche gilt den illegalen Einwanderern in Frankreich noch heute als Symbol.
Denn im August 1996 hatten sich viele von ihnen in den heiligen Gemäuern
verschanzt, um sich vor einer Abschiebung zu schützen, bis die Polizei
das Gebäude evakuierte.
Abubacer war damals dabei. Ein Jahr später bekam er, wie es in Frankreich
schubweise üblich ist, mit vielen anderen eine Aufenthaltserlaubnis und
veröffentlichte danach das Buch In der Haut eines illegalen Einwanderers.
Was er damals als Wunsch formulierte, kann er jetzt verwirklichen. Gerade kaufte
er 25 Wohnungen im Pariser Norden, die er günstig an die so genannten sans-papiers
vermietet. "Ohne Papiere" haben die Einwanderer in der Regel keine
Chance, ein Zimmer zu bekommen. Von den Mieteinnahmen führt Abubacer zudem
zehn Prozent an eine Hilfsorganisation ab. In 10, 20 Jahren will er die Immobilien
wieder verkaufen. Außerdem plant er, Kleinkredite an jene zu vergeben,
die ein Unternehmen gründen wollen. Anfang kommenden Jahres will er dazu
eine "Bank für sans-papiers" ins Leben rufen. Auf die
Genehmigung dafür wartet er noch.
Dort, wo jetzt sein Büro ist, entsteht gerade sein zweites "Cyber-Café
der Menschenrechte". Im Moment sieht es noch aus wie eine Baustelle. Wenn
alles fertig ist, sollen seine Freunde von hier aus mehr als nur Videokonferenzen
wie an der Saint-Bernard-Kirche abhalten können. Abubacer will zusätzlich
Gerichte zu fünf bis sechs Mark anbieten, Computerschulungen durchführen
und Rat zu Rechts- und Gesundheitsfragen geben. Auch Mitbringsel aus dem Senegal
will er im Internet versteigern.
Der Erlös soll der Getränkekasse der Polizei des Viertels zugute kommen.
"Damit die sehen, dass wir ganz normale Typen sind", erklärt
Abubacer. Normal? Michael
Kläsgen