St. Galler Tagblatt, 10.2.2001
14 Uhr, Lämmlisbrunnenstrasse

«Wohin des Weges?», frage ich den jungen Mann, dessen feine Haarschnürchen bei jedem Schritt lustig mitwippen. Er antwortet in fliessendem Deutsch und sagt, er wolle in den Elektro-Occasionsladen hier in der Nähe. Sein alter Plattenspieler habe den Geist endgültig aufgegeben. Jetzt hoffe er, dort einen Ersatz zu finden. Denn ohne Musik könne er nicht sein, das gehe wirklich nicht. Musik sei ein wichtiger Bestandteil in seinem Leben. Heute habe er einen freien Tag, deshalb sei er von seinem Wohnort in Herisau nach St. Gallen gekommen und habe auch Zeit für ein Gespräch.
Kaum sitzen wir uns gegenüber verfinstert sich der eben noch lachende Blick Gueye Elhadjis. Die Situation, in welcher er sich zurzeit befinde, sei «sehr unangenehm», beginnt er. Denn eigentlich sollte er schon gar nicht mehr hier sein. Aber das sei eine lange Geschichte. Mit siebzehn Jahren habe er seine Heimat Senegal verlassen, um in Frankreich zu studieren. Er habe in Dakar, der Hauptstadt Senegals, die Schulen bis und mit Hochschulreife abgeschlossen. Seine Mutter und der Onkel, welcher nach der Scheidung der Eltern eine Art Vaterersatz für ihn war, wollten ihm die besten Weiterbildungsmöglichkeiten bieten und schickten ihn deshalb ins Ausland. «Wegen einer Frau» sei er schliesslich nach Italien gegangen und habe dort eine Hotelfachschule absolviert. Nach sechs Jahren in Florenz und Mailand, unter anderem während drei Jahren als DJ in einer Disco tätig, habe er sich wohl gefühlt in diesem Land. Wieder «wegen einer Frau» habe er - anfänglich fast widerwillig - Italien Richtung Schweiz verlassen und auf eine Erneuerung des Visums verzichtet. «Ich habe nie jemanden so geliebt wie sie, ich wollte ihre Wünsche erfüllen und war deshalb einverstanden, hierher zu kommen. Sie ist Schweizerin, Sekretärin von Beruf und malte damals in Florenz hobbymässig diese Bilder von Sehenswürdigkeiten, die man beispielsweise auf dem Ponte Vecchio kaufen kann.»
Als er mit seiner Freundin nach Senegal gereist sei, um den Verwandten seine Braut vorzustellen, habe der Onkel schon eine andere Frau für ihn ausgesucht gehabt. Aber er habe ihnen den Segen gegeben «und zurück in St. Gallen, haben wir geheiratet».
Drei Jahre später erreichte das sich langsam anschleichende Zerwürfnis seinen Höhepunkt. Er habe den Abend wie oft in St. Gallen im «African-Club» verbracht, sei mit dem letzten Bus nach Herisau gefahren und vor geschlossener Türe gestanden. «Sie wollte nicht akzeptieren, dass ich als Afrikaner Leute um mich brauche, dass ich gerne tanze. Sie wollte mich ganz für sich und damit hatte ich wiederum Mühe.» *
Seit diesem Vorfall, drei Jahre ist es her, lebt Gueye Elhadji allein. Vor bald zwei Jahren fand er eine Arbeit als Hilfspfleger in der Psychiatrischen Klinik in Herisau. Er sei aus allen Wolken gefallen, als er im Juli letzten Jahres einen Brief von der Fremdenpolizei erhalten habe mit der Aufforderung, die Schweiz bis zum 31. Dezember zu verlassen. Nach der Trennung von seiner Frau, die bereits wieder im Ausland lebe, habe er gemäss den Behörden seine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz verwirkt. «Ich dachte, das müsse ein Irrtum sein, ging zu einem Anwalt, der für mich einen Rekurs einreichte.» Auch die Klinikleitung habe sich für ihn eingesetzt beim Arbeitsamt, denn man sei sehr zufrieden mit seiner Arbeit auf der Abteilung für pflegebedürftige Demenzkranke und wolle ihn unbedingt behalten. «Dieser Antrag ist abgelehnt worden mit der Begründung, es dürften nur Leute aus EU-Staaten berücksichtigt werden.» Sechzig Prozent der Angestellten in der Klinik seien Ausländer, wie er auch, aber offensichtlich sei er ein anderer Ausländer. Nur ein Afrikaner. Nach sechs Jahren in diesem Land, nach dreizehn Jahren in Europa und mittlerweile dreissig Jahre alt werde er plötzlich weggewiesen. Doch er habe immer alle Rechnungen bezahlt und nie etwas mit Drogen zu tun gehabt. Er wisse schlicht und einfach nicht mehr weiter.
«Wohin soll ich denn? Nach dreizehn Jahren zurück nach Senegal? Was soll ich dort? Meine Eltern sind beide gestorben, beide Geschwister leben im Ausland. Zurück nach Italien? Ich werde kaum ein neues Visum erhalten. Ich bin ein Niemand. Das tut sehr weh. Ich schäme mich zu gestehen, dass ich das erste Mal in meinem Leben den Wunsch hatte, am liebsten tot zu sein. Das passt nicht zu mir; ich bin ein optimistischer Mensch, der gerne lacht und fröhlich ist.»
Brigitte Schmid-Gugler, 10.2.2001 St. Galler Tagblatt
[zurück]


taz 16.3.2001
ENTWICKLUNGSKOOPERATION AUF UNGEWOHNTEN WEGEN
Im Senegal hilft der Süden dem Süden
Seit zehn Jahren reduzieren die Industriestaaten ihre Programme der internationalen Entwicklungshilfe, private Investitionen können diesen Rückgang nicht ausgleichen. Nun hat der Süden zur Selbsthilfe gegriffen und Projekte der bilateralen Zusammenarbeit begonnen, die mitunter überraschend erfolgreich sind und von Geberländern und der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) unterstützt werden.
Von ROLAND-PIERRE PARINGAUX Journalist

Vom Deich eines Reisfelds aus beobachten zwei Vietnamesen, die den grünen Helm der vietnamesischen Armee tragen, eine Gruppe von Frauen, die unter glühender Sonne mit großer Sorgfalt Reisschößlinge in die Erde einsetzen. Ein vertrautes Bild - wenn man einmal davon absieht, dass die Szene sich tausende Kilometer entfernt von den Deltas des Mekong und des Roten Flusses abspielt.
Wir befinden uns bei einem Pilotprojekt für bewässerten Reisanbau im Senegal, die Anbaufläche beträgt 18 Hektar und liegt im äußersten Norden des Landes, im Dorf Dado am Ufer des Flusses Senegal. Hier hat man mit vietnamesischem Know-how, entsprechendem Saatgut und neu erworbenen Kenntnissen der Wasserregulierung den Ertrag innerhalb von zwei Jahren nahezu verdoppelt: Erzielte man bislang auf den dörflichen Parzellen vier bis fünf Tonnen pro Hektar, so sind es auf den Reisfeldern des Pilotprojekts sieben bis acht. Die Spitzenerträge liegen gar bei neun Tonnen.(1) Da das Dorf mit seinen 600 Einwohnern zweimal im Jahr erntet und über 95 Hektar potenzielles Anbaugebiet verfügt, scheint hier der Wohlstand in greifbare Nähe zu rücken.
Einige hundert Kilometer entfernt, in der Region Fatik, liegt das Dorf N'Diémou, in einem Talkessel, der vier Monate im Jahr von Brackwasser überflutet ist und das bei weitem größte Anbaugebiet für Sumpfreis im Senegal bildet. Dort arbeiten zwei vietnamesische Experten mit den Dorfbewohnern, aufgeteilt in drei Gruppen (Männer, Frauen und Jugendliche), an der Einrichtung von einfachen Wasserbecken. Insgesamt geht es um die Bewässerung von fünf Hektar Bodenfläche, die von Kanälen und Deichen durchzogen ist.
Die Ausbildung ist einfach, die Techniken sind elementar. Man lernt das Wasser zu regulieren, das richtige Saatgut unter Dutzenden Sorten auszuwählen und zu lagern; des Weiteren, wie man die Aussaat effektiver gestalten und in den gefluteten Becken eine gelungene Kombination von Reisanbau und Fischzucht bewerkstelligen kann - eine ganze Palette unverzichtbarer und kostengünstiger Techniken, von denen die Dorfbewohner noch vor zwei Jahren keine Ahnung hatten. Und das, obwohl es im Senegal schon seit Jahrzehnten massive Entwicklungshilfe gibt! Die kollektiv realisierten Projekte - Deiche, Kanäle und Schleusentore - sind unaufwendig und billig, und sie kommen ohne hoch entwickelte Technik aus. Kein Vergleich jedenfalls mit den 5 Millionen CFA-Francs (17 000 Mark), die ein Privatunternehmen für das Ausheben eines einfachen Kanals mit dem Schaufelbagger verlangte.
Das Ergebnis: 1999 erntete N'Diémou 25 Tonnen Rohreis, das bedeutete 5 Tonnen pro Hektar. Ein absoluter Rekord! "Früher schafften wir in guten Jahren 700 bis 800 Kilo pro Hektar", sagt Hassan, der Vorsitzende des Dorfverbands. "Heute sind wir fast autark." Zur Lagerung der Ernte hat das Dorf Silos aus Zinkblech angeschafft, Ergebnis einer Kooperation mit bolivianischen Experten. Die Speicher werden in einheimischer Fertigung hergestellt und kosten je nach Fassungsvermögen zwischen 300 und 600 Francs (100 bis 200 Mark). Der Vorsitzende ist zuversichtlich. Die Dorfbewohner, sagt er, haben die Unterweisung durch die Vietnamesen sehr gut angenommen. Sie denken nun sogar daran, etwa zehn Hektar zusätzlich zu bepflanzen und einen Teil der Produktion zu verkaufen. Im Augenblick jedenfalls will die Bevölkerung von N'Diémou auf keinen Fall, dass die Experten aus Hanoi wieder abziehen. Und das ist durchaus nicht nur in diesem Dorf so.
Die Präsenz von Vietnamesen in senegalesischen Dörfern dokumentiert beispielhaft die Möglichkeiten einer Kooperation zwischen Ländern des Südens, wie sie von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) im Rahmen ihres Sonderprogramms für Ernährungssicherheit (SPFS) empfohlen und gefördert wird. Dieses 1994 gestartete Programm räumt den "800 Millionen Bewohnern der Entwicklungsländer, [die] nicht über ausreichend Nahrungsmittel verfügen, um ein gesundes und aktives Leben zu führen", absolute Priorität ein. Es ist für einkommensschwache Länder mit starkem Ernährungsdefizit bestimmt und will die Bedürfnisse der Bevölkerungen mit Hilfe einer umweltverträglichen Agrarentwicklung und einer Verbesserung der Nahrungsmittelkulturen befriedigen; technisch angemessen und ökonomisch lebensfähig sollen sie sein. Das Sonderprogramm legt besonderen Wert auf eine maßgerechte Kooperation: kleine, kostengünstige Projekte, einfache Techniken und Förderung der dörflichen Ökonomie.
Bescheidene, aber konstruktive Ansätze
Der Senegal war eines der ersten Länder, die vom SPFS und seiner Süd-Süd-Komponente profitierten, einer Form der Zusammenarbeit, die heute in etwa 40 Ländern praktiziert wird, darunter in 23 afrikanischen. Denn der Senegal war, wenn man so sagen kann, ein idealer Kandidat: Nicht nur weil FAO-Generaldirektor Jacques Diouf, Agrarökonom und ehemaliger Minister, selbst Senegalese ist, sondern auch weil ein Drittel der Bevölkerung - das heißt 2,5 Millionen Menschen - unterhalb der Armutsgrenze leben und der Senegal jedes Jahr drei Viertel seines Reisbedarfs - mehr als 500 000 Tonnen - importiert, obwohl das Land seit Jahren autark sein müsste.
Jahrzehntelang war es der Staat, der die Grundzüge einer stark subventionierten Agrarpolitik definierte und dabei ganz auf kostspielige infrastrukturelle Investitionen und auf hydrotechnische Agrarprojekte im Flusstal des Senegal und in der Casamance setzte. Eine Strategie, die nicht nur scheiterte, sondern auch Ungerechtigkeit zur Folge hatte. "Der bewässerte Sektor des Senegal-Tales und der Casamance", erklärt Makane Guissé, einer der SPFS-Koordinatoren im Senegal, "hat bis zu 80 Prozent der Kredite für den Reisanbau verschlungen, dabei repräsentiert er nur knapp 16 Prozent der Bevölkerung. Aber die erwarteten Resultate hat er nie erbracht. Gleichzeitig wurde der Regensektor vernachlässigt, der doch den Großteil der Bevölkerung und der Agrarproduktion ausmacht."
Angesichts der wiederholten Misserfolge der Agrarpolitik ist es in den letzten Jahren vordringlich geworden, die Prioritäten umzukehren, zumal die Strukturanpassungsforderungen von Weltbank und anderen Kreditgebern dem Agrarsektor 1994 drakonische Liberalisierungsmaßnahmen aufzwangen. Die Zeiten der ruinösen Projekte und der "weißen Elefanten" - jener aufwendigen und häufig undurchführbaren Vorhaben, die von oben diktiert werden - sind vorbei. Andere Kriterien haben jetzt Vorrang: ein minimalistischer Ansatz, preiswerte Anbauflächen und bezahlbare Experten.
"Wir wissen aus Erfahrung, dass das, was von oben kommt, nur selten bis nach unten gelangt, und wenn, so ist es dem Niveau und den Bedürfnissen der Dörfer auf jeden Fall nicht oder nicht ausreichend angemessen", sagt der FAO-Direktor. Aus seiner Sicht "geht es in der Süd-Süd-Kooperation vor allem darum, mit möglichst wenig Kostenaufwand die Richtung der Prozesse umzukehren. Die Basis muss die Entscheidungen auf höheren Ebenen beeinflussen und auch in anderen Bereichen Folgereaktionen auslösen."
Doch die kostspieligen eingefahrenen Gleise sind schwer zu verlassen. In dieser Frage äußert sich Jacques Diouf sehr bestimmt. "Auf der ganzen Welt", sagt er, "ist die Struktur der Projekte so beschaffen, dass 10 bis 20 Prozent der Gelder regelmäßig in Studien fließen. Und nicht selten kommt es vor, dass in einem einzelnen Land Dutzende von Projekten laufen, die jeweils mehrere Millionen Dollar kosten. Aber das Ergebnis sehen wir ja: Es funktioniert nicht. Die Wirklichkeit sieht so aus, dass die Bevölkerungen noch immer für die Fehler der Vergangenheit zahlen müssen. Der Senegal zum Beispiel importiert nach wie vor jedes Jahr 500 000 Tonnen Reis, obwohl ungeheure Summen in zahlreiche Projekte geflossen sind. Ich jedenfalls", fährt er fort, "weigere mich, das wenige Geld, über das unsere Organisation verfügt, in Gutachten und teure Projekte zu stecken." Als Beispiel zitiert er jene - "wer weiß wie vielte" - acht Millionen Dollar teure Studie über die senegalesische Landwirtschaft und bemerkt ironisch: "In unserem Programm kostet ein Hühnerstall 15 Dollar."
Ebenso sieht Diouf das Problem der Personalkosten. Ein Experte aus dem Süden, erklärt er, erhält im Rahmen des SPFS etwa 600 Dollar monatlich, während ein internationaler - meistens westlicher - Fachmann 15 000 bis 30 000 Dollar kostet. "Und für diesen Preis, Reisekosten nicht gerechnet, bleibt dieser Experte kaum mehr als einige Tage vor Ort und schläft jede Nacht in einem Hotel mit Klimaanlage. Die Vietnamesen dagegen leben zwei volle Jahre lang in den senegalesischen Dörfern."
1997, nach der Unterzeichnung eines Dreierabkommens zwischen Vietnam, dem Senegal und der FAO, kamen etwa vierzig vietnamesische Experten nach Senegal, um im Rahmen eines SPFS-Pilotprojekts zu arbeiten, in das etwa sechzig bäuerliche Gemeinschaften in der unteren Casamance und im Flusstal des Senegal eingebunden sind. Vorrangiges Ziel ist die Steigerung der Erträge und der Produktivität im Reisanbau. Darüber hinaus haben die Entwicklungshelfer aus Hanoi diverse unspektakuläre, aber wirkungsvolle Projekte zur Verbesserung des Lebensstandards und zur Erhöhung der Autarkie der ländlichen Haushalte ins Leben gerufen. Dass sie bei ihrer Ankunft kein Französisch sprechen, ist nicht so wichtig: "Die Techniken lassen sich sehr gut durch Gesten und durch eigenes Vorführen verständlich machen", betont Nguyen Duc Thao, Leiter der vietnamesischen Delegation in Thiès.
So hat in Bandia, in der Region M'Bour, Dang Van Thang einen bankrotten Imkereibetrieb mit Hilfe einer Gruppe von Frauen wieder ins Geschäft gebracht. 1998 produzierten sie 230 Kilo Honig, 1999 eine ganze Tonne. Hatte der ehemalige Besitzer, ein Europäer, einmal im Jahr geerntet, so werden jetzt vier Honigernten eingebracht. Die Frauen loben die "einfachen Techniken" und die "Pädagogik" des vietnamesischen Entwicklungshelfers. Auf dem Markt bringt ihr Eukalyptushonig, der in der Herstellung 1 000 CFA-Francs pro Kilo kostet, zwischen 3 500 und 4 000 CFA-Francs. In Kayar, an der Atlantikküste, hat ein Team von Frauen unter Anleitung eines Experten ein typisch vietnamesisches Projekt begonnen, die Herstellung von Fischsoße. Das Verfahren ist einfach, und in einem Land, in dem die tägliche Nahrung, wie in Vietnam, aus Reis und Fisch besteht, kann man damit viel Geld machen.
In Diambo Soubal, am Ufer des Senegal, hat ein vietnamesischer Fischereiberater zwei Boote aus Zinkblech anfertigen lassen, die eine wesentlich längere Lebensdauer haben als die traditionellen Holzpirogen. Damit die Fischer die Hände frei haben und Arbeiten, zu denen normalerweise zwei Mann nötig sind, allein bewältigen können, hat er ihnen die vietnamesische Art des Ruderns beigebracht - mit dem Fuß. So fangen sie täglich fünf bis zwanzig Kilo Fisch. Ganz in der Nähe, in Guia, macht ein anderer Berater die Dorfbewohner mit den Geheimnissen der Enten- und Fischzucht vertraut. In einem weiteren Projekt unterweist ein Experte neun Familien im Gemüseanbau.
Diese Experten, deren Zahl innerhalb von zwei Jahren von 40 auf über 100 gestiegen ist, werden überall geschätzt. "Wir leben wie die senegalesischen Bauern", meint Nguyen Dinh Hiep, Gartenbauingenieur aus Hanoi. Jeder der Entwicklungshelfer hat Anspruch auf ein Motorrad und einen Ventilator, nicht aber auf eine Klimaanlage, auch wenn sich manche über die Hitze beklagen. Die senegalesischen Bauern, die sie frühmorgens kommen und erst bei Anbruch der Nacht wieder weggehen sehen, machen aus ihrer Bewunderung keinen Hehl.
Die Ergebnisse sind überzeugend. Die Erträge, die man - nach einer zweijährigen Pilotphase, bei der verschiedene Reispflanzen aus Vietnam getestet wurden - im Flusstal des Senegal erzielt, sprechen für sich. Auf den Pilot-Reisfeldern des bewässerten Sektors wurde die Produktion von 1997 bis 1998 um 70 Prozent gesteigert, mit einem Durchschnitt von sieben Tonnen pro Hektar, im Regensektor um 190 Prozent, mit sechs Tonnen pro Hektar. Dasselbe gilt für die Bienenzucht, den Gemüseanbau und alle anderen Bereiche.(2) Bestärkt durch diesen Erfolg dürfte der Senegal in den kommenden Jahren die Ausbauphase des SPSF-Programms in Angriff nehmen und einen nationalen Aktionsplan für das gesamte Staatsgebiet entwickeln.
Erfolge und Hindernisse auf dem Weg zur Autarkie
FREILICH, zahlreiche Ungewissheiten und Einschränkungen bleiben. Werden die Senegalesen nach dem Abzug der Vietnamesen die Energie und die erforderlichen Mittel aufbringen, um diese Tätigkeiten weiterzuführen, ihre eigenen Experten auszubilden und die Entwicklungsdynamik zu erhalten? Werden sich die Bauernorganisationen stärker in ihrer angestammten Rolle als Produzenten engagieren? Vor allem aber: Werden der Staat und seine technischen Dienste sich mit dem - schwachen - Part abfinden, der ihnen noch bleibt, nachdem sie den Großteil ihrer Vorrechte und Verantwortlichkeiten an ebendiese Bauernorganisationen und den Privatsektor abgetreten haben?
In Dado ist, wie wir sahen, das Potenzial groß, und die Autarkie scheint greifbar nahe. Doch zur Erschließung der neu bewässerten Anbauflächen fehlt es immer noch an kollektiven Einrichtungen und Infrastrukturen, für die der Staat zuständig bleibt. "Es geht nicht weiter, weil das Geld fehlt. Der Staat hat seit 1995 nichts mehr unternommen", konstatiert Abdou Sall verbittert, ein Agrarökonom, der zur Beratung der Bauernorganisationen von Podor abgestellt wurde. In Fatik fürchtet man den Mangel an Versorgung mit Material und Kapital durch die Behörden ebenso wie das Ausbleiben des Regens.
"Die Bauernorganisationen", erklärt Makane Guissé, "haben vom Staat Einrichtungen übernommen, die sie nicht angefordert hatten und deren Funktionieren sie ohne Hilfe nicht gewährleisten können." Der Privatsektor, der ebenfalls an die Stelle der staatlichen Institutionen treten müsste, ist nicht stark und nicht interessiert genug, um die Erschließung zehntausender Hektar bewässerter Anbauflächen zu übernehmen. Deshalb lassen die positiven Ergebnisse auf sich warten: Die Produktion stagniert nach wie vor. Nach den Angaben eines Abschlussberichts vom Juni 1999 über die Durchführung des Programms zur Strukturanpassung des Agrarsektors (PASA) ist die Reisproduktion seit Einführung der Reformen sogar erheblich zurückgegangen, vor allem im Flusstal des Senegal. Insgesamt, so das Resümee dieses Dokuments, "hat die Liberalisierung keine nachhaltige Wirkung auf das Angebot an Agrarprodukten gezeitigt, da die begleitenden Maßnahmen, mit denen die bäuerlichen Betriebe entwickelt und das Umfeld des Produzenten (Kommerzialisierung, Kredit) verbessert werden sollen, noch ausbleiben. Letztlich bestehen die Zwänge fort, die die Steigerung der Agrarproduktion trotz der Liberalisierung des Sektors behindern." Berücksichtigt man zudem, dass die große Mehrheit der Landwirte auf den Regen angewiesen ist, um zu überleben, so versteht man, warum der Senegal und andere Länder des Südens den Notprogrammen in Form des SPFS und der Süd-Süd-Kooperation eine so große Bedeutung beimessen. dt. Mathias Wolf

Fußnoten:
(1) "Programme spécial pour la sécurité alimentaire. Etat de mise en Oeuvre", Landwirtschaftsministerium Senegals/FAO, Dakar, November 1999.
(2) Ebenda.
Le Monde diplomatique Nr. 6398 vom 16.3.2001, Seite 11, 399 Dokumentation ROLAND-PIERRE PARINGAUX

zurück

taz 31.08.2001
"Wir sind das Salz eurer Kultur"

Das weiße Europa will vom schwarzen Afrika längst nichts mehr wissen. Aber die gemeinsame Geschichte lässt sich nicht so einfach abschütteln.
Ich beginne mit einer Anekdote:
Als mein Sohn zusammen mit fünf weiteren Senegalesen von seiner Oberschule ausgewählt wurde, im Rahmen des Schulpartnerschaftsprogramms der Unesco am "Rencontre international de la fraternité" in Frankreich vom 12. bis 17. Juni 2001 teilzunehmen, war ich erstaunt festzustellen, mit welchem Eifer die französischen Konsulardienste bis zur letzten Minute versuchten, ihnen Visa zu verweigern. Trotz des offiziellen Einladungsschreibens des französischen Unesco-Komitees, trotz Telefonanrufen und Faxen der zuständigen französischen Behörden vervielfachte die französische Botschaft in Dakar ihre Schikanen, so dass die Delegation erst drei Tage nach Eröffnung der Veranstaltung eintraf, zwei Tage vor ihrem Schluss. Ist es akzeptabel, dass die erste Lehre Frankreichs an diese Kinder, die zu einem Treffen über Brüderlichkeit, in das Land der Brüderlichkeit geladen wurden, in Xenophobie, Intoleranz und Misstrauen besteht?

Wir wissen, daß Sie uns nicht in Ihrem Land wollen. Das ist eine Konstante in Paris seit über zwei Jahrzehnten. Nicht nur aus dem hassverzerrten Mund eines Le Pen, sondern vor allem im Lager der Rose, wenn der Sozialist Michel Rocard erklärt: "Frankreich kann nicht das Elend der Welt aufnehmen" und vergisst, dass dieses gleiche Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg fast dreißig Jahre lang karawanenweise Arbeitskräfte aus all seinen Besitztümern hereinholte, von den Berbern der Kabylei bis zu den Bamileke Kameruns, um seine Fabriken zu bauen, seine Straßen, seine Sozialwohnungen, seine Reichtümer, die es sich heute zu teilen weigert. Jetzt wachsen an den Grenzen Mauern, Migrantenheime werden geräumt, in Charterflügen sitzen gefesselte Neger wie zu Zeiten der Sklaverei, Reisende werden in Konsulaten und Flughäfen erniedrigt und misshandelt.

Während Sie die Tore ihres Landes schließen, igelt sich die französische Gemeinschaft in Senegal ein und findet zu den Mechanismen von Rudelbildung zurück, die die Kolonialgesellschaft prägten. Wenn es auch in Dakar keine "europäische Stadt" mehr gibt, wie man einst die von Weißen bewohnten Viertel nannte, haben Sie doch Ihre Ferienanlagen, Ihre Sonderbusse und Kliniken. Und Ihre Schulen, für Senegalesen praktisch unzugänglich, während die beiden frankosenegalesischen Schulen von Dakar, wo der kleine Mamadou die Geschichte von Karl dem Großen lernte und die kleine Stéphanie Erdnussanbau paukte, als Sparmaßnahme geschlossen werden, die letzten Orte, an denen man noch weiße und schwarze Kinder zusammen spielen sah. Im Süden unseres Kontinents hieß dies "getrennte Entwicklung", weltweit bekannt als Apartheid.

Wer will auf den Spuren der Buren wandeln? Was wäre Frankreich ohne uns? Uns, also Senegal im Besonderen, Afrika im Allgemeinen und alle Länder im Universalen, von den Fischbänken Neufundlands bis zum Mururoa-Atoll, all die Orte, die irgendwann Frankreich ermöglichten, sein Imperium zu begründen. Haben wir nicht genug gezahlt? Frankreich hat zusammen mit Portugiesen und Holländern unseren Kontinent ausgeplündert, über 300 Jahre lang millionenweise unsere Frauen und Männer in der Blüte ihres Lebens auf die Zuckerfelder der Antillen, die Baumwollplantagen von Virginia, die Kaffeeplantagen von São Paulo und die Goldminen von Belo Horizonte gebracht. Wer das Amerika von heute mit seinen Spitzensportlern betrachtet, sieht, daß die besten Elemente unseres Kontinents gestohlen wurden. Welches Volk kann sich von einer solchen Ausblutung erholen?

Neben dem Sklavenhandel haben Sie all Ihre Energie in die Eroberung neuer Räume gelegt und Kolonien gegründet. Der Legende zufolge war es zu Weihnachten 1364, dass die Seeleute von Dieppe zum ersten Mal in unserer Bucht von Rio Fresco, heute Rufisque, Anker warfen. Dann kamen die Normannen, Basken und Bretonen. 1659 wurde Fort St. Louis gegründet, 1672 die Senegal-Gesellschaft, die Handelsprivilegien bis hinunter zum Kap der Guten Hoffnung hatte und das Monopol auf den Sklavenhandel in die Antillen.

Also: Von wo kam vor der Abschaffung der Sklaverei am 27. April 1848 der Reichtum Frankreichs, wenn nicht aus dem Handel mit den "Ebenhölzern", die wie Wälder gerodet und in Schiffsbäuchen in eine Neue Welt gebracht wurden? Worauf begründeten Nantes, Bordeaux, Le Havre, La Rochelle, Rouen ihren Wohlstand, wenn nicht auf dem Blut der Neger? Wie viele Abenteurer und Habenichtse bauten an unseren Küsten Handelsimperien? Wie viele Seiten der Geschichtsbücher hat unser Land mit Frankreich gemeinsam geprägt, bis hin zur Erteilung des Stadtrechts an unsere Städte Saint Louis und Gorée nach der Revolution von 1848, die ihre Bewohner zu französischen Bürgern mit Wahlrecht machte?

Das alles ist lange her, nicht wahr. Wenn man heute von der Balkanisierung Afrikas spricht, von künstlichen Grenzen und ethnischen Kriegen, wieso vergisst man, daß dies die unmittelbare Folge der systematischen Aufteilung Afrikas zwischen den europäischen Mächten war, auf der Berliner Konferenz, die am 26. Februar 1885 "im Namen des Allmächtigen Gottes" eröffnet wurde, um "im Geiste der Verständigung die besten Bedingungen zur Entwicklung des Handels und der Zivilisation in gewissen Regionen Afrikas herzustellen"?

So habt ihr euch die blutigen Reste eines toten Giganten geteilt. Von Tunis nach Benin und von der Sahara bis an den Kongo waren wir daraufhin Franzosen. Weiter südlich und östlich waren wir Engländer. In Tripolitanien sollten wir Italiener sein, im Kongo Belgier, am Wendekreis des Steinbocks Portugiesen und an ein paar Ecken in der Mitte Deutsche. Welches Volk soll das überleben? Und weil, wie Ihr exzellenter Theoretiker Duc de Choiseul erkannte, "die von den verschiedenen europäischen Mächten gegründeten Kolonien alle zum Nutzen der Metropolen geschaffen" wurden, blühte eure Zivilisation dank der Ölpalmen von Senegal, des Goldes von Sudan, des Bauxits von Guinea, des Holzes von Gabun, des Eisens von Mauretanien, und dank der verrottenden Kadaver, die die Zwangsarbeit zu Tausenden säte. Seht ihr nicht, dass eure Größe der Grund ist für unsere Katastrophe? Oder denken Sie immer noch, dass es eine "zivilisatorische Mission" des Westens war? Schließlich haben einige Ihrer größten Theoretiker so argumentiert, etwa Graf Gobineau in seinem Aufsatz "Von der Ungleichheit der menschlichen Rassen", in dem er die Neger am unteren Ende der menschlichen Rangfolge ansiedelte. Was Sie allerdings nicht daran hinderte, uns in den düstersten Zeiten Ihrer Geschichte zu Hilfe zu holen. Wir wurden wieder in Schiffe gesteckt, um eure blutigen Konflikte zu lösen. Wir lagen mit euch in den Schützengräben an der Marne, wir standen an vorderster Front auf den Todesfeldern von Verdun. Und als viele Ihrer Mitbürger sich mit Vichy zufrieden gaben, sangen wir in unserem farbigen Savannenakzent "Franchie, nous woilà" und kamen wieder, bis zum Triumphbogen im befreiten Paris am 26. August 1944.

Kennen Sie Ihre Geschichte? Kennen Sie unsere gemeinsame Geschichte? Wie viel kostete das schwarze Blut auf weißer Erde? Wir wollen keinen Platz am Grab des Unbekannten Soldaten, auch kein Kriegerdenkmal. Wir folgten euch ja weiter, in die Folterkeller von Algerien und die Hölle von Dien Bien Phu, oder nach Madagaskar, wo man kleine Kinder bis heute nicht mit dem Wolf erschreckt, sondern mit "dem Senegalesen". Und als Sie überall verjagt waren, stellten Sie Ihre Truppen neu auf, in Dakar, Bangui, Ndjamena, Port Gentil, auf Dschibutis Felsen. In Afrika habt ihr den Dritten Weltkrieg gewonnen, den man den Kalten Krieg nennt, indem ihr den Appetit der Sowjets und ihrer bärtigen Hilfssoldaten zurückdrängtet, auch wenn es dafür nötig war, blutrünstige Diktaturen zu schützen. Seitdem ist die Berliner Mauer gefallen, das so genannte freie Europa hat sich erinnert, dass es an der blauen Donau Brüder hat, die ihm viel ähnlicher sehen als die Toubous von Tibesti. Auch die Diamanten, der Kaffee und das Edelholz verkaufen sich nicht mehr so gut, und Eurodisney ersetzt Safarifotos.

Nun sind wir also unter uns. Aber wenn Frankreich durch seine Geschichte, seine Kultur, seine Wirtschaft, seine Armeen ein sehr großes Land ist, so ist es doch nur ein kleiner Fleck auf der Weltkarte. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs hatte es ein Reich von 12 Millionen Quadratkilometern. Ist das nicht viel für ein Land kaum doppelt so groß wie Senegal? Fast 200 Millionen Menschen auf allen Kontinenten sprechen Französisch. Ist das nicht viel für ein Volk von 57 Millionen Seelen? Und denken Sie nicht, das läge nur daran, daß wir unsere eigenen Sprachen nicht entwickeln. Ihr habt doch in dem Moment, wo das Englische auf der Welt zur Regel wird, dieser Mode auch nachgegeben und die außergewöhnlichen Reichtümer eurer Schriftsteller und Enzyklopädisten hinter euch gelassen. Was wäre eure Sprache, jenseits des Atlantiks immer isolierter und im Maghreb vom Arabischen überholt, wenn es keinen harten Kern gäbe, der sie in seinen Verfassungen, seinen Ministerien, Schulen und Literaturen ständig verjüngte? Von Dakar bis Dschibuti, von Brazzaville bis Moroni lassen wir eure Worte tanzen, so daß sich Victor Hugo im Grabe umdrehen würde. Wir sind das Salz Ihrer Sprache, und manchmal fügen wir unseren roten Pfeffer hinzu, um dem subtilen, delikaten Geist einen kräftigen Körper zu geben.

Es stimmt, wir haben uns das Französische nicht ausgesucht, sondern die Geschichte hat es uns aufgezwungen. Erst mit Waffengewalt, dann mit strengen Lehrern, die jeden Fehler als Blasphemie betrachteten und die komplexen Regeln eurer Rechtschreibung und Grammatik mit Schlägen in unsere Seelen hieben wie Bildhauer. Das vergisst man nie, und das verwandelt das Fremde in einen Teil unserer Natur. Bis heute fühlen wir uns persönlich verletzt, wenn einer eurer Journalisten im Radio die Präpositionen durcheinander bringt wie wir als Grundschüler. Unsere Beziehung zu eurer Sprache ist die Geschichte eines Lebens. Rabelais konnte uns nicht schrecken. Wir genossen die Ironie von Voltaire, wir litten mit Madame Bovary, wir rebellierten mit Sartre, Camus und Malraux.

Haben eure Bürgersöhne von Neuilly und Saint Germain mehr geleistet als unsere barfüßigen Bauernsöhne von Djolof und Nguelaw? Haben sie die unnachahmlichen Erzählungen von Ahmadou Kourouma gelesen oder das ergreifende Spiegelbild unseres Schicksals, das uns Cheikh Hamidou Kane in seinem "Aventure ambigue" vorhält? Was wissen sie von Senghors königlicher Poesie, und haben sie jemals den Namen Tchicaya U TamSi gehört? Lernt man in den Sonderschulen eurer Problemvorstädte die Berbergesänge von Jean Amrouche, die Romane Marokkos und Libanons?

Und es ist nicht nur Frankreich zu uns gekommen. Auch wir sind nach Frankreich gegangen. Wir haben eines unsicheren Morgens unsere sonnenverbrannte Erde für das neblige Ufer der Seine verlassen. Wir haben unser Bett in den prestigeträchtigen Schulen aufgeschlagen, Cicero und Seneca übersetzt, Homer und Thukydides. Wir haben die Reptilien eurer Philosophie furchtlos überwunden, wir haben die nicht weniger gefährlichen Abhänge der Ingenieursschulen gemeistert, um Brücken und Kathedralen zu bauen. Wir haben im Louvre David und Renoir bewundert, wir haben die fremden Rhythmen von Debussy lieben gelernt. Wir haben das Quartier Latin bis zum Morgengrauen durchwandert und die Internationale gesungen. Wir haben Sartre auf den Friedhof von Montparnasse begleitet, wir haben 1981 François Mitterrand zugejubelt. Wir kennen euch genauso gut wie ihr, oft besser, eure Geschichte, eure Literatur, eure Künste, eure Musik, eure Küche, eure Frauen.

Wie groß unser Elend jetzt auch sein mag, wir hören lieber den Puls Afrikas im Nebel verlorener Dörfer als die rauschenden Feste von Versailles; die betäubende Geschäftigkeit des Sandaga-Großmarktes begeistert uns mehr als die ziselierten Gärten des Jardin du Luxembourg. Aber niemand kann uns unser kosmopolitisches Erbe stehlen. Ihr seid der Fluss, aber wir haben an euren Ufern unsichtbare Tempel errichtet. Und wenn eines Tages Frankreich nur noch ein Punkt auf einem Sternenbanner ist, kommen Sie zu uns. Sie werden dort, weitab von der Seine, die Wurzeln Ihrer Größe vorfinden. Von OUSSEYNOU KANE
zurück

 

FR 12/2001
Der kleine afrikanische Bruder
Franc-CFA-Zone hat künftig feste Wechselkurse zu Europa
Von Christoph Link (Nairobi)

Mit Spannung warten die Exporteure von Kakao, Kaffee und Öl in West- und Zentralafrika auf die Währungsumstellung am Jahresende. 15 afrikanische Länder haben einen starren Wechselkurs mit dem Französischen Franc. Das soll auch unter dem Euro der Fall bleiben, denn Frankreich hält an seiner Währungsgarantie fest.
Der kleine Bruder des französischen Franc lebt in Afrika, und bald wird er mit dem Büro verwandt sein. 14 Staaten West-und Zentralafrikas sowie der Inselstaat Komoren gehören zur Währungszone des Franc CFA (Communauté financière africaine), der Afrikanischen Finanzgemeinschaft. Frankreich hatte bereits 1945 seinen ehemaligen Kolonien ein Währungsab-kommen angeboten, mit einem starren Kurs des Franc CFA zum Franc. Das Mo-dell hat überdauert, und bis auf eine spektakuläre Abwertung des Franc CFA um die Hälfte im Jahre 1994 war das Währungssystem von Turbulenzen verschont. Drei Zentralbanken, in Dakar, Douala und Moroni, geben für ihre Währungszonen eigene Banknoten heraus, doch die Garantie für den Wert der CFA-Währung über-nimmt das Finanzministerium in Paris.
Das wird auch künftig unter dem Büro der Fall sein, und wer bei der Europäi-schen Zentralbank in Frankfurt wegen des Franc CFA anfragt, der wird abgewie-sen: "Bitte rufen Sie Paris an." Im Finanzministerium Frankreichs weist man mögli-che Sorgen der Afrikaner weit von sich: Es werde sich überhaupt nichts ändern, be-tont die Sprecherin des Ministeriums. Der Wert des Franc CFA sei an den französischen Franc angebunden und werde künftig also an den Büro geknüpft. Ein Büro ist 655,957 Francs CFA wert. Über eine Abwertung der afrikanischen Gemein-schaftswährung werde seit drei Jahren nicht mehr geredet, die Währung sei sta-bil, betont die Sprecherin im Ministerium.
Damit erübrigt sich auch die Frage, was bei einem Abwertungsdruck gegen den Franc CFA passieren wird. Denn die afri-kanischen Währungshüter besitzen einen Anspruch auf Stützungshilfen durch das Pariser Finanzministerium. Als Gegenleis-tung müssen sie 65 Prozent ihrer ausländi-schen Forderungen in Paris halten, was mit einem marktüblichen Zinssatz entlohnt wird. Dass ein weich werdender Franc CFA in Afrika einmal den harten Euro aushöhlen könnte, ist wohl nicht zu erwarten. Die Zahlen sprechen für sich: In der CFA-Zone leben 80 Millionen Men-schen, und Mitte der 90er Jahre bezifferte das Pariser Finanzministerium das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der CFA-Länder auf 52 Milliarden Mark, was drei Prozent des französischen BIP entsprach.
Weniger die Ängste der Europäer, als die eigenen Sorgen beschäftigen die Gewerbetreibenden in Afrika. "Wie werden sich die afrikanischen Währungsbehörden verhalten?", fragt beispielsweise Donald Baron vom Industrieverband in Senegal. "Werden sie ihre strengen Devisenkontrollen gegen europäische Länder auf Frankreich ausdehnen, oder werden sie die liberale Haltung gegenüber dem französischen Franc auf den Euro übertragen?" Weil eine konkrete Perspektive bisher fehle, hätten viele Unternehmen mit Blick auf den Euro noch mit Investitionen gezögert, sagt Baron. Und er spricht sich für eine weite Liberalisierung des Devisenhandels aus, denn 70 Prozent des senegalesischen Handels finde mit Europa statt und beileibe nicht nur mit Frankreich.
Gefragt nach einer Antwort sind die beiden großen Währungsverbände der CFA-Region, doch beide halten sich mit Stellungnahmen zurück: Da ist die Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion (UEMOA), zu der Benin, Burkina-Faso, Elfenbeinküste, Guinea-Bissau, Mali, Niger, Senegal und Togo gehören. Und da ist die Gemeinschaft Zentralafrikanischer Staaten (BEAC), zu der Kamerun, die Zentralafrikanische Republik, Kongo-Brazzaville, Gabun, Äquatorial-Guinea und Tschad zählen. Gerade die BEAC könnte ein Vorbild für Euroland sein: Dort existieren Banknoten mit afrikanischen, aber nicht mit nationalen Motiven. Auf den Scheinen sind Bauern bei der Baumwollernte, Ölarbeiter und Wildtiere im Busch l abgebildet - die Motive kann man überall finden, sei es aus Tschad oder aus Gabun.
Die Vorteile und Risiken des festen Verhältnisses zum Euro halten sich für die CFA-Länder in etwa die Waage. Einerseits hoffen Ökonomen in Afrika, dass ein stärkeres Wachstum im Euroland auch die Nachfrage nach afrikanischen Produkten belebt und der Handel wegen des geringe-ren Währungsrisikos profitiert. Wahrscheinlich ist auch, wie eine Studie des Internationalen Währungsfonds unterstreicht, dass der Kapitalfluss von Europa in die 15 CFA-Länder künftig nicht mehr hauptsächlich aus Frankreich kommt, sondern aus anderen EU-Staaten zunehmen wird. Der in Simbabwe ansässige Ökonom Tony Hawkins weist dagegen auf die Gefahren eines starken Büros für die CFA-Länder hin: Exporte werden teurer, und im Wettbewerb halten sie mit asiatischen Exporteuren nicht mehr mit. Hawkins be-zeichnet es geradezu als einen Luxus für unterentwickelte Länder, sich feste Währungsparitäten zu leisten. "Ein starker Euro wird die Wettbewerbsfähigkeit der CFA-Exportländer aushöhlen", meint er.
Und die Ausfuhren nach Europa machen immerhin 60 Prozent aller CFA-Exporte aus. Kostenreduzierungen für eine stärkere Wettbewerbsfähigkeit sind nur bedingt möglich, denn das Gros der Ausfuhren aus der CFA-Zone sind Rohstoffe oder Agrarprodukte: Öl, Kaffee, Kakao und Baumwolle. Desto härter der Euro, desto größer ist die Gefahr, dass das Währungsband zwischen Afrika und Europa wieder reißt, vermutet Hawkins.
Eine historische Parallele hat es schon gegeben. Als der Franc CFA gemeinsam mit dem französischen Franc zwischen 1986 und 1993 zum Höhenflug gegenüber dem Dollar ansetzte, brachte das vielen CFA-Ländern wirtschaftliche Probleme: Die Exporterlöse waren zu schwach. Es kam zu politischen Unruhen wegen der ökonomischen Misere. Eine drastische Abwertung des Franc-CFA folgte 1994.

Frankfurter Rundschau 12/2001

[zurück]

 

 FR 21.12.2001
Weltbürger und autoritärer Führer
Senegals früherer Prosident Léopold Sédar Senghor gestorben
Wolfgang Kunath

"Wir alle - Rassen, Nationen und Kulturen - sitzen in einem Boot": So ein Satz lief den Regeln der political correctness zuwider, die der panafrikanische Nationalismus in den 60er Jahren dekretiert hatte. Und so wurde der jetzt verstorbene Léopold Sédar Senghor von den radikalen Antiimperialisten als Verräter an der Sache Schwarzafrikas , als Handlanger des Neokolonialismus; als senegalesischer Onkel Tom beschimpft. Merkwürdig: Damals galt die Idee einer Weltkultur, die Senghor vertrat, als reaktionär. Heute wünschte man sich manchmal nichts mehr als den Brückenschlag über die Klüfte zwischen den Kulturen und Kontinenten hinweg.

Der hoch begabte, 1906 im senegalesischen Küstenstädtchen Joal geborene Sohn wohlhabender Eltern genoss eine höchst gediegene Erziehung. Frankreichs späterer Staatspräsident Georges Pompidou war sein Mitschüler am Lyzeum Louis-le-Grand in Paris und blieb zeitlebens sein enger Freund. Als erster Afrikaner bestand Senghor mit Auszeichnung das Staatsexamen für den höheren Lehrfach, als erstem Afrikaner verlieh die Sorbonne ihm den Doktortitel, als erster Afrikaner wurde er in die Académie Française aufgenommen.

"Europa, dem wir verbunden sind durch den Nabel", formulierte Senghor einmal - auf seine Vita traf das zu. Er führte in seinem Leben zu einer harmonischen Einheit zusammen, was andere als lebenslangen Zwiespalt empfunden haben: Zwei Kulturen, zwei Kontinente, zwei Gedanken- und Gefühlswelten. Als Staatspräsident seines Landes eröffnete er 1977 die Salzburger Festspiele mit einer eleganten Betrachtung über Mozart, Rilke und Hundertwasser, und mit der gleichen intellektuellen Souveränität nannte er auf die Frage nach den größten Kunstwerken - neben Chagall-Bildern, den Tempeln von Luxor und gregorianischen Kirchengesängen - "die Maske aus Elfenbeinküste, die in meiner Bibliothek an der Wand hängt, weil es nicht Schöneres auf der Welt gibt und weil darin alles steckt."

Natürlich gründe die Verschmelzung zweier, vieler Weltkulturen auf der Überzeugung, dass Zivilisationen nicht hierarchisierbar seien, dass also keine der anderen über- oder unterlegen sei. Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein, so befand Senghor einmal, sei eine Reihe von Entfaltungsmöglichkeiten des menschlichen Geistes schlichtweg übersehen worden: "So ergab sich ein entstelltes Bild des Menschen, nur eine Zivilisation. Das klassische Europa zeigte uns eine Zivilisation der diskursiven Vernunft, das klassische Afrika dagegen eine Zivilisation der intuitiven Vernunft." Der zentrale Begriff, der sich heute geistesgeschichtlich mit dem Namen Léopold Sédar Senghor verbindet, heißt "négritude" - die stolze, selbstbewusste Verbindung von modernen und traditionellen afrikanische Werten. Senghor, ein 1962 für den Literaturnobelpreis vorgeschlagener Lyriker, hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht, die im deutschen Sprachraum nie große Beachtung fanden.
Wahrgenommen wurde er hier zu Lande als Philosoph und als freilich umstrittener Politiker und Staatsmann. Die "schwersten Zusammenstöße seit den Osterunruhen" registrierte die Frankfurter Rundschau 1968, als Senghor in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt. Tatsächlich war die Politik des senegalesischen Staatspräsidenten mitunter alles andere als friedenswürdig. Obwohl theoretisch dem afrikanischen Sozialismus und dem europäischen Demokratie-Ideal anhängend, praktizierte Senghor einen harsch-autoritären Führungsstil.

Er ließ murrende Arbeiter und demonstrierende Studenten verhaften, die Oppositionsparteien verbieten und sich dreimal ohne Gegenkandidaten wiederwählen. Über zwanzig Jahre lang hatte er in Senegal das höchste Amt inne, bis er 1980 als einer der ganz wenigen afrikanischen Staatsoberhäupter freiwillig von der Macht ließ und sich auf das Anwesen seiner französischen Ehefrau Colette in der Normandie zurückzog. In Frankreich starb Senghor nun im Alter von 95 Jahren.

Ist Senghors Vision on Senegal Wirklichkeit geworden? Dakar ist sicher die europäischste, die französischste Hauptstadt Afrikas; dort pflegen Intellektuelle mit entschuldigendem Unterton zu erwähnen, dass sie "nur in Bordeaux" oder anderswo in Frankreich, bloß eben nicht an der Sorbonne studiert hätten. Aber wenn man Dakar mit dem Auto verlässt, ist man nach einer halben Stunde in Afrika.

Wolfgang Kunath                  Frankfurter Rundschau 21.12.2001

[zurück]