FR,
8.1.02
Per Turnschuh
von Marseille nach Dakar
Generation Boul Fale: Die HipHop-Szene Senegals, dokumentiert von einem Foto
Essay und dem Sampler "Africa Raps"
Von Elke Buhr
Ein paar Typen mit schwarzer Haut und hellen Kappen, über ein Mischpult
gebeugt, neben ihnen die Verstärker, hinter ihnen ein Zaun. Zwei Turnschuhe
auf einer Bühne, die weiten Hosen wischen helle Bewegungsschlieren über
die Schwarz-Weiß-Fotografie. Noch mal zwei Turnschuhe, bunt leuchtet das
grob gepixelte Videobild. Mit dem Medienwechsel von Foto zu Videostill hat Andre
Lützen in dieser Bildfolge gleichzeitig den Kontinent gewechselt: Von Dakar
nach Marseille. Doch das Thema ist immer das Gleiche: HipHop.
Bei den Kindern der afrikanischen Immigranten auf den Straßen Marseiiles,
in den heißen Clubs, in den engen Zimmern der Rapper hat der Fotograf
seine visuelle Recherche begonnen; in Senegals Hauptstadt Dakar fand er die
geschickten Hände an den Plattentellern wieder, die expressiven Gesten,
dazu staubige Straßen und die nächtliche Hitze im Stadion, wo die
Konzerte stattfinden.
Rap ist ein Bastard: Einer seiner Urahnen ist der monotone Sprechgesang der
Griots, der Geschichtenerzähler und Magier Afrikas. Mit den Sklavenschiffen
kam dieser Gesang nach Amerika, schlief im Blues und kam schließlich in
den Wortkaskaden der HipHopper in den Städten wieder ans Licht und weltweit
in die Charts; von dort reiste er in Afrikas Städte zurück. Andre
Lützen hat in seinem Foto-Essay über den HipHop in Marseille und Dakar,
der zur Zeit im Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld und in einem schönen Bildband
zu sehen ist, diese Bewegung nachvollzogen: Ansatzlos mischt er die Bilder aus
dem Senegal mit denen aus dem Midi, bis ein einziger Bilderfluss entsteht, ein
Zwischenort.
Generation Boul Falé hat Andre Lützen seine fotografische Bestandsaufnahme
genannt. "Boul Falé", zu übersetzen mit: "Tu das,
was du selbst für richtig hältst", hieß der erste Hit von
Positive Black Soul, der ersten erfolgreichen HipHop-Band von Dakar. Heute hat
Dakar die lebendigste Hip-Hop-Szene Afrikas: Über 2000 Bands proben in
der Metropole, produzieren ihre Musik und verbreiten sie über Cassetten,
immer noch dem wichtigsten Medium dort!
Andre Lützens Blick auf die Szene dort und in Marseille ist extrem subjektiv:
Keine Reportage, sondern eine Folge von Momentaufnahmen, aus der Hand geschossen,
beiläufig, mit Unschärfen spielend. Meist nutzt er die harte Kontraste
des Schwarz-Weiß, manchmal greift er auf farbiges Videomaterial zurück,
immer aber sind die Perspektiven schräg. Die Bilder sollen zu einem Rhythmus
finden - und wenn man sie betrachtet, wünscht man sich manchmal, sie würden
wirklich zu laufen beginnen - oder wenigstens den Beat verraten, von dem sie
sprechen.
Zum Glück gibt es jetzt auch den Soundtrack zu Andre Lützens Generation
Boul Fale: Das Plattenlabel Trikont hat die Cassetten der besten Rapper aus
Senegal, Mali und Gambia zu einer CD zusamemmgefasst. "Africa Raps"
heißt das Werk, und dort findet sich zum Beispiel Positive Black Soul
mit dem aktuellen Track Boul Ma Mine, der den Sound senegalesischer Pop-Musik,
wie sie unter anderem durch Youssou N'Dour in Europa bekannt wur-de, mit routiniertem
Rap verbindet. Oder ein Stück von Pee Froiss, die mehr auf schwere Bässe
und maschinengewehrartig abgeschossene Sprechchöre setzen.
Das Vorbild der afrikanischen Gruppen, die teils Französisch, teils Englisch,
meist aber in den Landessprachen singen und nippen, sind dem ausführlichen
Booklet zufolge die schweren Beats der US-Rapper à la Wu-Tang-Clan. Doch
meist klingen sie unendlich viel melodischer, mit mehrstimmigem Gesang und dem
weichen Sound der afrikanischen Trommel. Auch wenn sie kämpferisch von
der "Generation sacrifié" und dem "Africa Child"
singen: Diese Turnschuhe tanzen, leicht und schön.
Andre Lützen: Generation Boul Falé, Wunderhorni Verlag; Ausstellung
Kaiser Wilhelm Museum Krefeld noch bis zum 17. Februar; Africa Raps, Trikont
(Indigo). FR,
8.1.02, S.19 Feuilleton
dpa
16.6.2002
Ein
Kontinent brüllt mit den Löwen: «Senegal gewinnt für Afrika»
Dakar/Nairobi (dpa) - «Das ist der Sieg für Afrika», brüllten
Fußballfans auf dem ganzen Kontinent zusammen mit den «Terenga Lions»,
den gastfreundlichen Löwen aus Senegal. «Zum ersten Mal seit zwölf
Jahren hat es ein afrikanisches Team ins Viertelfinale der Fußball-WM
gebracht», strahlte ein Taxifahrer am anderen Ende Afrikas in Kenias Hauptstadt
Nairobi.
Und ein Student in der eritreischen Hauptstadt Asmara meinte: «Ganz gleich
in welchem Land - überall auf dem Kontinent jubeln die Fans jetzt für
das Team aus Senegal.» Das westafrikanische Land kommt seit dem ersten
WM-Sieg gegen Frankreich vor zwei Wochen aus dem Feiern nicht mehr raus.
Dort hatten sich schon vor Sonnenaufgang Tausende siegesgewisser Fans vor den
Großbildleinwänden in mehreren Orten und vor allem in der Hauptstadt
Dakar versammelt. «Als Camara das Tor schoss, dröhnten uns nur noch
die Trommelfelle und der Boden bebte unter unseren Füßen»,
strahlte Aliy Ndaw. In seinem Hotel Ganale hatten sich Gäste und Anwohner
vor einem Fernseher zusammengequetscht, um das Spiel zu sehen. «Das ist
nicht nur ein Sieg für Senegal, das ist ein Sieg für ganz Afrika»,
strahlte Ndaw.
«Wir kämpfen für den Rest des Kontinents und der Rest hält
zu uns», meinte ein anderer Fan vor der Leinwand an der Küstenstraße
Corniche, die bereits zum nationalen Denkmal erklärt worden ist. Alles
wurde dort von den Nationalfarben rot, grün und gold beherrscht. Im Gewühl
der tanzenden Fans stachen Kopftücher, Fahnen, Ohrringen und Spruchbänder
in den Farben Senegals hervor. «Wir werden für Afrika siegen»,
strahlte Automechaniker Aliu Kamara. «Die Löwen wissen schwierige
Situationen zu meistern.»
Im Hupkonzert der Autoschlangen reckten viele die Hälse, um Ausschau nach
Präsident Abdoulaye Wade zu halten. Der hatte sich nach dem Sieg gegen
den ehemaligen Kolonialherrn Frankreich und den Einzug ins Achtelfinale in einem
offenen Wagen durch die Innenstadt kutschieren lassen und dabei einen Fußball
in die Höhe gereckt. Wade, seit dessen Amtsantritt vor knapp zwei Jahren
die Fußballmannschaft erfolgreicher wurde, profitiert vom Siegeszug seiner
Löwen.
In den letzten Monaten war die neue Regierung in der Beliebtheitsskala stark
gesunken. Bei den Kommunalwahlen vor einigen Wochen verlor die Regierungspartei
Bürgermeisterposten an Oppositionsparteien. Doch solange die senegalesische
Nationalmannschaft im Wettkampf steht, treten die alltäglichen Probleme
der Menschen des westafrikanischen Landes in den Hintergrund. Senegals Landwirtschaft
- Arbeitgeber für die meisten Menschen des gut neun Millionen-Einwohner-Landes
- leidet unter anhaltend schlechten Preisen, hauptsächlich für Erdnüsse.
«Doch daran», sagt Senegalese Ndaw, «denkt derzeit keiner.
Hier dreht sich nur noch alles um die Löwen.» Präsident Wades
Entscheidungen stehen daher auch im Zeichen des Fußballs. Den Tag des
1:0 gegen Frankreich hat er bereits zum nationalen Feiertag erklärt. «Für
die nächsten Spiele», sagt ein Fan, «kann er sich das sparen:
da läuft im ganzen Land außer Fußball gucken sowieso nichts
mehr.»
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FR
25.6.2002
Musterland mit
Schattenseiten
Senegals Bauern klagen, und in der Casamance herrscht Krieg
Von Christoph Link (Nairobi)
Der Fußball und die Feiern während der Weltmeisterschaft haben Senegal gelähmt. Und vor dem Fußball war es ein Wahlmarathon. Vor zwei Jahren die Präsidentschaftswahl, dann eine Volksbefragung zur Verfassung, dann Parlamentswahlen und jetzt im Mai die Stadtratsund Bürgermeisterwahlen - Senegal war ein Land im Dauerwahlkampf.
Erst jetzt, sagen Beobachter, habe die Regierung Zeit für Reformen. Spätestens seit Abdou Diouf im Jahr 2000 nach 40 Jahren Herrschaft das Feld räumte für seinen Nachfolger Abdoulaye Wade, gilt Senegal als Musterschule der Demokratie in Westafrika. Und die parteipolitischen Fronten brechen auf: Erstmals sind bei den Kommunalwahlen im Mai zwei "Grüne"-Bürgermeister gewählt worden, für die Inselgemeinden Goree und Ngor im Atlantik. Man sei die "dritte Kraft" zwischen der Opposition und der Regierungspartei, freuen sich die Vertreter der Versammlung der Okologisten Senegals". Im Nepad-Entwurf ist die Pflicht der afrikanischen Länder zum Mehrparteiensystem und zur transparenten Demokratie verankert; zumindest die zehn Millionen Senegalesen haben das Demokratieprinzip längst verinnerlicht. Schlechtes Regieren wird vom Wähler bestraft, und so konnte sich Wades Präsidentenpartei "GAP 21" bei den Kommunalwahlen zwar in den Ballungszentren behaupten, doch sie erlitt herbe Verluste in den ländlichen Regionen. Hunderttausende von enttäuschten Bauern, wählten wieder die Opposition. Denn das Wort von der Erdnuss-Krise geht um. Der Handel mit "Peanuts" ist nach dem Fischexport der größte Devisenbringer des Landes. Früher hatten zwei Staatsfirmen die Vermarktung der Erdnüsse geregelt, die "Sonagrai-nes" als Transporteur und die "Sonacos" als Verarbeiter und Aufkäufer. Auf Druck der Weltbank und der EU hatte Wade die "Sonagraines" aufgelöst und privaten Unternehmen oder Kooperativen das Geschäft überlassen. Doch Genossenschaften fehlte Kapital für die Transportmittel, private Unternehmer waren nicht genügend da, und die Ernte wurde zum Teil nicht abgeholt. Am Ende kaufte die "Sonacos" nur ein Drittel der Rekordernte von 1,2 Millionen Tonnen auf. Manche Bauern gaben ihre Produkte weit unter dem staatlich festgesetzten Erzeugerpreis ab oder gar nicht. "Wir warten auf Geld", klagte Mbaye Faye, Manager einer Kooperative in der Erdnuss-Hochburg Kaolack dem Sender BBC. "Du arbeitest ein Jahr, und am Ende der Ernte willst du dir ein neues Bett kaufen oder ein Radiogerät. Und dann kauft keiner die Ernte, das ist ein Rückschlag."
Nachdem Südafrikas Präsident Thabo Mbeki Anfang 2001 ein "Millennium Africa Renaissance Programme" (MAP) in Dakar vorgestellt hatte, zog Wade bei einem Treffen der UN-Wirtschaftskommission einen eigenen Plan aus der Tasche, den "Omega-Plan", der weitgehend auf eine Verbesserung der Infrastruktur des Kontinents abzielte. MAP und Omega-Plan wurden nach langen Diskussionen zum Programm der "Neuen Partnerschaft zur Entwicklung Afrikas" verschmolzen.
Gemessen an den Zielvorgaben der Nepad schneidet Senegal nicht so schlecht ab. Die Inflationsrate liegt bei drei Prozent. Das Wirtschaftswachstum liegt bei fünf Prozent, wo Nepad auf eine "sieben" zur Überwindung der Armut abzielt. Investoren aus China, Indien und Taiwan geben sich ein StellIdichein in Dakar, ihre Anlaufstelle ist Apix, eine "Agentur zur Förderung der Investitionen und der Infrastruktur in Senegal". Gerade ist in Kayar ein von Japan finanzierter, Fisch verarbeitender Betrieb - Kosten fünf Millionen Euro - eröffnet worden. Ende April hat die Regierung für 1900 senegalesische Produkte, die unter das Agoa-Freihandelsabkommen fallen, Export-Visa ausgestellt. Agoa sei für Senegal die Chance, zollfrei in die USA zu exportieren, schwärmt Aicha Ag-ne Pouye, die Ministerin für den Mittelstand, es werde die Produktion ankurbeln.
"Makroökonomisch steht Senegal nicht schlecht da", urteilt ein westlicher Diplomat in Dakar. Aber bisher hat die unter dem Slogan "Sopi" (Wandel) angetretene Regierung Wades keinen großen Elan für Reformen gezeigt, wie sie Nepad empfiehlt. "Die Privatisierung von Staatsbetrieben war noch kein -Erfolg", sagt Ibrahima Diouf vom Verband der Händler und Industriellen in Senegal. Und die Liberalisierung in der Erdnussbranche sei "zu rasch" erfolgt. Immer noch lässt die Privatisierung der nationalen Elektrizitätsgesellschaft Senelec auf sich warten, der hoch verschuldete Stromriese schafft es nicht, die lückenlose Versorgung Dakars zu garantieren, und viele Firmen haben sich Generatoren angeschafft. Verkaufsgespräche mit dem französischen Energiekonzern Vivendi waren im Februar abgebrochen worden. Eine korruptionsfreie Verwaltung haben die Nepad-Begründer ihren Partnern im Westen versprochen. Auch Wade hat sich den Kampf gegen die Korruption auf die Fahnen geschrieben. Da ließ es aufhorchen, dass er ausgerechnet seiner Tochter Syndiily einen Posten als Referentin in der Nepad-Geschäftsstelle zuschanzte. Das sei keine Schlüsselposition, wiegeln Freunde der Regierung ab. Dennoch hat Wade es nicht vermocht, landesweit die Korruption einzudämmen. Das Forum Civile, eine Nichtregierungsorganisation, hat einen Bericht vorgelegt, wonach 72 Prozent der Verkehrspolizisten, 64 Prozent der Zollbeamten und 54 Prozent der Verwaltungsbeamte für Bestechung anfällig seien. Grund dafür seien die geringen Gehälter und die wirtschaftliche Krise.
Verglichen mit Guinea und Mali liegt das Pro-Kopf-Einkommen in Senegal mit 500 US-Dollar im Jahr zwei- beziehungsweise dreimal höher. Dennoch wächst die Armut. Die Landflucht nimmt zu. In den Randbezirken von Dakar wächst die Bevölkerung jährlich um vier Prozent. Jegliches Wirtschaftswachstum wird so neutralisiert. Bettler sind in der Hauptstadt oder in Touba allgegenwärtig. Kürzlich nahm eine Schar von Straßenkindern Reißaus, als Präsident Wade bei seiner Residenz spazieren ging. Er habe schon gehört, dass in der Nachbarschaft Straßenkinder lebten und Drogen nehmen, sagte Wade später im Fernsehen. Er rief die Kindern zurück und führte mit ihnen ein Gespräch, bei dem sie Wade um Arbeit baten.
Wade ist rhetorisch
gut im Ausmalen einer besseren Zukunft. Doch nirgends ist der Kontrast zwischen
Worten und Taten augenscheinlicher als im südsenegalesischen Kriegsgebiet
der Casamance. Während Wade sich um die Beilegung der Madagaskar-Krise
bemühte, hat er es nicht vermocht, im eigenen Hause Frieden zu stiften.
Der Konflikt in der Casamance, wo Rebellen seit 20 Jahren um Autonomie kämpfen,
ist virulent wie zu Dioufs Zeiten. Im Frühjahr starben sieben Menschen
bei Rebellenangriffen, die senegalesische Armee durchkämmte daraufhin die
Dörfer. Nepad schlägt auch für regionale Konflikte Mechanismen
der Vorbeugung und Lösung vor. Doch bisher steht dieser Marshall-Plan für
Afrika nur auf dem Papier.
Frankfurter
Rundschau 25.6.2002
FR
13.8.02
Aus Besetzern werden Besitzer
In der senegalesischen Satellitenstadt Pikine normalisieren sich mit deutscher
Hilfe die illegalen Wohnverhältnisse
Von Thomas Veser (Dakar)
Gegen
Mittag erreicht das Markttreiben zwischen den halbfertigen Wohnhäusern
im Stadtteil Pikine seinen Höhepunkt. Hunderte farbenfroh gekleidete Frauen
hocken schwatzend und lachend vor Bergen von Hirse, Räucherfischen und
Gemüse. Plötzlich ertönen lang gezogene Pfeiftöne, die einen
Teil der Marktfrauen zum Aufbruch veranlassen. Wenn sie ihre Verkaufsstände
weggetragen haben, erkennt man, dass sie ihr Quartier auf den Geleisen der Vorortbahn
aufgeschlagen hatten. Nachdem der Zug vorüber gefahren ist, bringen die
Frauen Stände und Waren auf die Bahntrasse zurück, weil es in Pikine
so gut wie keine Freiflächen mehr gibt.
In Pikine, einer Satellitenstadt mit einer Million Einwohnern im
Großraum der senegalesischen Hauptstadt Dakar, richtet sich das Marktgeschehen
nach dem Zugfahrplan. Pikine gehört zu den am schnellsten wachsenden Siedlungen
Senegals. Bis 2015 rechnen die Behörden mit einer Bevölkerungszunahme
um 6,7 Prozent, schon heute leben 30 Prozent der rund zehn Millionen Senegalesen
im Großraum Dakar. Als Pikine 1952 gegründet wurde, sollten hier
Bewohner aus städtischen Slumgebieten angesiedelt werden. Längst jedoch
ist die Stadtentwicklung aus dem Ruder gelaufen. Pikine zieht heute immer mehr
Menschen vom Land an. Wegen der topographischen Lage auf der Halbinsel Cap-Vert
kann die überbevölkerte Hauptstadt nicht mehr in die Breite wachsen.
Jahr für Jahr reißt der Atlantik Stücke aus den Uferzonen heraus.
Die Bauflächen werden zunehmend knapper.
Die Neuankömmlinge können sich keine Grundstücke
kaufen. Daher nehmen sie freie Flächen in Beschlag und beginnen mit dem
Bau ihrer Behausungen. Diese Entwicklung hat während der vergangenen Jahre
in ganz Afrika stark zugenommen. Meist verdingen sie sich als Tagelöhner
in den Fabriken der Hauptstadt, die Frauen ergänzen die kargen Einkünfte
durch den Erlös aus dem Marktverkauf. Bis die aus Steinen und Zement errichteten
Häuser fertig sind, vergehen oft Jahre. Werden keine Löhne mehr erwirtschaftet,
dann ruhen auch die Baustellen.
Wer nach Pikine zieht, muss mit Risiken und Unannehmlichkeiten leben. Kaum jemand
verfügt über einen Besitztitel für sein besetztes, nicht parzelliertes
Gelände, das überwiegend dem Staat gehört. Das Katasteramt führt
die Siedlungen, in denen mittlerweile 60 Prozent der Einwohner Dakars leben,
offiziell nicht als Wohngebiete. Folglich findet man hier nur in den seltensten
Fällen Zufahrtsstraßen, auch Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung
sind nicht vorgesehen. Besonders nachts ist es in den kaum beleuchteten Quartieren
um die Sicherheit schlecht bestellt. Kein Polizist traut sich da hinein.
Früher ordneten die Behörden ab und an den Einsatz der
Gendarmerie an. Sie vertrieb die Bewohner aus ihren Unterkünften, die dann
von Bulldozern zerstört wurden. Wie sinnlos diese Vorgehensweise war, zeigte
sich darin, dass die Grundstücke umgehend wieder besiedelt waren.
Als Staatspräsident Abdoulaye Wade nach den Wahlen seinen langjährigen
Vorgänger Abdou Diouf ablöste, versprach er einen grundsätzlichen
Wandel. Wade erhob die "Prävention und Sanierung von Spontan-siedlungen"
im Gebiet der Hauptstadt zur Priorität. Als Partner gewann das Staatsoberhaupt
die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), die zunächst
in einem kleinen Teil Pikines tätig wurde und sich jetzt anschickt, das
Modell flächendeckend zu übertragen.
Von allen GTZ-Vorschlägen hatten sich die senegalesischen Partner
für die ungewöhnlichste Variante entschieden. Erstmals sollte eine
gemeinnützige Stiftung in einer afrikanischen Großstadt Sanierung
und Zugang zu Wohnraum steuern und sichern. Die Höhe des überwiegend
staatlichen Stiftungskapitals wurde auf umgerechnet 1,4 Millionen Euro festgesetzt.
Obwohl Stiftungen in Afrika keinen guten Ruf genießen, verlief
die Gründung der "Fondation droit a la ville" (FDV) reibungslos.
Inzwischen erhielt sie ihr Stiftungskapital zuzüglich Sachleistungen. Bis
zu 75 Prozent der Zinseinnahmen aus dem angelegten Kapital darf sie für
Personallöhne, neue urbanistische Studien und Werbung verwenden. Dass die
angepeilte Unterstützung durch private Investoren angesichts der Wirtschaftsmisere
Senegals kaum mehr als Zukunftsmusik ist, räumen die Mitarbeiter illusionslos
ein.
Als die Stiftung im Frühjahr 2001 ihre Arbeit aufnahm, zeigte
sich schnell, dass alle Befürchtungen grundlos waren. Wie in den Statuten
verankert, hält der Staat in Form von Zentralregierung und drei Gemeinden
ein Drittel der Stiftungsratssitze. Die übrigen Posten teilen sich öffentliche
und private Unternehmen sowie Nichtregierungsorganisationen, die sich in Dakar
mit Stadtentwicklung beschäftigen, Zunächst erhielt die FDV von der
deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ein Darlehen von umgerechnet
5,25 Millionen Euro. Mit diesem Betrag müssen in den nächsten fünf
Jahren Erschließungsprojekte finanziert werden. Einzelne Kredittranchen
werden erst dann überwiesen, wenn vorgesehene Infrastruktur-Projekte "nachweislich
erfolgreich" umgesetzt sind. Insgesamt vier Prozent des KfW-Betrages erhält
die Stiftung dafür, dass sie als Sanierungsträger fungiert.
Inzwischen ist die FDV in die Rolle eines Dienstleisters hineingewachsen.
Ihre wesentliche Aufgabe darin besteht darin, das angespannte Verhältnis
zwischen Staat und Grundstücksbesitzern zu entschärfen. Als neutrale
Vermittlungsinstanz versucht die FDV, den Besitzanspruch des Staates mit dem
Recht der Menschen auf Wohnraum in Einklang zu bringen. So übertrugen die
Kommunen der Stiftung den Verkauf staatlich subventionierter Grundstückstitel
an Bewohner, die auf diese Weise ihren Status legalisieren können. Da niemand
den Gesamtbetrag sofort aufbringen kann, ist eine fünfjährige Ratenzahlung
vorgesehen.
Damit übernahm die Stiftung eine Funktion, die nach dem 1997
verabschiedeten Gesetz zur Dezentralisierung der Verwaltung eigentlich in die
Zuständigkeit der Kommunen fällt, die dieser Herkules-Aufgabe jedoch
weder finanziell noch personell gewachsen sind. Anstatt des Staates kassiert
die Stiftung dieses Geld ein. Es fließt in einen Nationalen Fonds für
Investitionen in neue Wohnraumvorhaben.
Inzwischen wollen immer mehr Besetzer ihr Verhältnis zum Staat
normalisieren. Magatte Diaw, Haushaltsvorstand in Pikine, konnte nach einigen
Jahren eisernen Sparens die ersehnte Wohnrechtsurkunde für ein Grundstück
von 304 Quadratmetern Wohnfläche entgegennehmen. Nachdem der einstige Besetzer
damit begonnen hatte, den Kaufpreis abzuzahlen, behandelten ihn die Banken plötzlich
als kreditwürdigen Kunden. Während der Rückzahlung war er von
der Steuer befreit. Inzwischen ist das Wohnhaus auf seinem Grundstück zwei
Etagen gewachsen.
Thomas Veser
(Dakar) Frankfurter Rundschau 13.8.02 Nr. 186
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Le
Monde 11.10.2002
Wade, Senegals
eitler Abendstern
Trotz des jüngsten Putschversuches im Norden der Elfenbeinküste hat
es den Anschein, als ließen sich die Konflikte in Afrika langsam unter
Kontrolle bringen. In Angola ist der jahrzehntelange Bürgerkrieg zu Ende
gegangen. Und Optimisten glauben, daß auch der Krieg im Osten der Demokratischen
Republik Kongo, in den ein Dutzend anderer Staaten direkt oder indirekt involviert
sind, bis Ende des Jahres beendet sein wird. In Burundi dagegen sind die Vermittlungsbemühungen
Tansanias bislang vergeblich geblieben. Doch unverkennbar ist, daß der
Wille der Afrikaner wächst, Konflikte auf ihrem Kontinent selbst beizulegen.
Damit wächst auch die Rolle der innerafrikanischen Diplomatie. Besonders
aktiv haben sich auf dieser Ebene Südafrika und der Senegal engagiert,
mit unterschiedlichem Erfolg.
Am 1. April 2000 wurde der damals schon über siebzigjährige Abdoulaye Wade als Präsident der Republik Senegal vereidigt. Nach Jahrzehnten in der Opposition hatte der Kandidat der Demokratischen Partei Senegals (PDS) in einer Stichwahl gegen den langjährigen Präsidenten Abdou Diouf die Oberhand behalten (bei einer Wahlbeteiligung von immerhin 61 Prozent). Seitdem hat sich immer wieder gezeigt, daß der neue Präsident der Meinung ist, für sein politisches Gewicht und sein Renommee seien die Grenzen des Senegal, ja des gesamten französischsprachigen Raums viel zu eng. Als angemessene Bühne wähnt er offenbar nichts weniger als die ganze Welt.
"Es ist wie die Geburt eines Sterns im Abend des Alters", dichtet ein senelagesischer Journalist über den betagten Präsidenten. Alter steht in Afrika gemeinhin für Weisheit und Tugend. Doch Abdoulaye Wade hat, seitdem er Abdou Diouf abgelöst hat, eigentlich keine nennenswerten innenpolitischen Erfolge vorzuweisen. Deshalb will er sich vor allem auf dem Gebiet der Außenpolitik auszeichnen. Hier versucht er, die Vision von Größe auszuleben, die er sich im Klub der afrikanischen Staatschefs beimisst.
Von Letzteren sind die meisten außerhalb ihrer Länder gänzlich ohne Einfluss und auch weitgehend unbekannt. Präsident Wade führt mit Vorliebe jenen Mythos im Munde, dem zufolge der Senegal das "älteste Schaufenster der Demokratie in Afrika" ist. Also bläst er zum "Kreuzzug für die Demokratie". Das ist neben dem Loblied auf den Wirtschaftsliberalismus das Hauptthema seiner diplomatischen Aktivitäten.
Seine Gefolgsleute sehen in seiner Außenpolitik eine "mutige, neue afrikanische Diplomatie ohne Komplexe" am Werke. Staatsminister und Präsidialamtsleiter Idrissa Seck rühmte im September 2001 die "außerordentliche Aufwertung des diplomatischen Profils der Republik Senegal und eine klarere Ausrichtung ihrer Politik auf die Probleme des Kontinents und der Welt". Seine Kritiker dagegen rügen eine "Mediendiplomatie, die unter westlicher Regie betrieben" werde, und zeigen sich besorgt über die häufigen außenpolitischen Alleingänge des Präsidenten.
Die stärkste Kontroverse löste der senegalesische Präsident im Zusammenhang mit der politischen Krise aus, die durch die Präsidentschaftswahlen auf Madagaskar am 16. Dezember 2001 in Gang gesetzt wurde und bis heute andauert. Wades Plädoyer für eine Anerkennung des gewählten madegassischen Präsidenten Marc Ravalomanana, vorgetragen auf dem letzten Gipfeltreffen der Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU) im Juli 2002 in Durban, wurde von seinen Amtskollegen öffentlich missbilligt. Bei einem Gespräch der Staatschefs hinter verschlossenen Türen kam es zu einem heftigen Disput zwischen dem senegalesischen Präsidenten und Nigerias Staatsoberhaupt Obasanjo. Unter Hinweis auf die Unterstützung, die Ravalomanana durch Länder wie die USA, Japan, Norwegen und Frankreich erfahren habe, forderte Wade dessen Anerkennung durch die Afrikanische Union, die in Dakar gerade gegründet worden war.
In schneidendem Ton stellte ihm Obasanjo daraufhin die Frage, "welches uneingestandene Interesse an Madagaskar" ihn veranlasse, den Beschluss des Exekutivorgans der OAU vom 21. Juni 2002 in Addis Abeba zu missachten, das beiden Präsidentschaftskandidaten, Marc Ravalomanana und Didier Ratsiraka, die Anerkennung verweigerte und Neuwahlen verlangte. Selbst Omar Bongo, der sonst so besonnene und zurückhaltende Präsident Gabuns, der seit langem enge Beziehungen zu seinem senegalesischen Amtskollegen pflegt, sah sich genötigt, die Resolution der OAU gegen Wade zu unterstützen.
Daraufhin leistete sich Wade im Auditorium des Konferenzzentrums von Durban vor einer völlig perplexen Zuhörerschaft einen beispiellosen Wutausbruch, nicht ohne nebenbei, "mehrere Telefongespräche mit dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush" zu erwähnen. Am Schluss seines Redebeitrags ließ er sich zu der wenig diplomatischen Bemerkung hinreißen: "Ich behaupte, daß ich einer der wenigen Staatspräsidenten Afrikas bin, der nach Recht und Gesetz und in einem nachprüfbaren Verfahren gewählt wurde, während sich nicht wenige hier im Saal die Macht in ihrem Land durch einen Putsch verschafft haben." Damit schien Wade sich unter seinen Amtskollegen endgültig ins Abseits geredet zu haben. Mit einer letzten Wortmeldung entschuldigte er sich bei den Versammelten für seine Entgleisung. Ohne das Ende des Gipfels abzuwarten, verließ er Durban am nächsten Morgen um sechs Uhr.
An seiner Position hält Wade allerdings fest, indem er behauptet: "In Sachen Madagaskar ist ganz Afrika im Irrtum, aus welchen Gründen auch immer. Die zahlreichen Freunde des früheren Präsidenten von Madagaskar wollten mit ihrer Fehlinterpretation der Erklärung von Algier den Ausschluss von Ravalomanana durchsetzen."
Auch wenn bis dato eine sehr breite Mehrheit unter den afrikanischen Staaten die Rechtmäßigkeit der Amtsübernahme durch Ravalomanana noch nicht anerkannt habe, so seien doch "die Ereignisse uns zuvorgekommen", schließlich sei der neu gewählte Präsident von UN-Generalsekretär Annan zum Weltgipfel von Johannesburg im August 2002 eingeladen worden.
Dennoch wurde Madagaskar von der neu geschaffenen Afrikanischen Union, die am 9. Juli 2002 in Durban zu ihrer konstituierenden Versammlung zusammentrat, nicht als Vollmitglied aufgenommen. Die Union war der Ansicht, daß die Umstände der Wahl Ravalomananas zum neuen Staatschef keinesfalls demokratischen Regeln entsprachen, und verlangte eine Wiederholung der Präsidentschaftswahlen. Präsident Wade wie auch der Staatschef von Burkina Faso, Blaise Compaoré, reagierten auf diesen Beschluss mit Verärgerung und bestanden gegenüber Gastgeber Mbeki, dem amtierenden Vorsitzenden der Union, auf der umgehenden Aufnahme Madagaskars in die Gemeinschaft.
"Robert Mugabe, der gegenwärtige Staatschef Simbabwes, sowie einige andere, noch amtierende Staatsoberhäupter, die er wegen ihrer langen Machtausübung Brontokraten zu titulieren beliebt, sind die bevorzugte Zielscheibe für die Urteile und Belehrungen, die Herr Rechtsanwalt Wade in Sachen Demokratie von sich gibt", spottet ein westafrikanischer Minister.
Tatsächlich war Wade der einzige afrikanische Präsident, der offen den korrekten Ablauf der Wiederwahl des impulsiven und jähzornigen Robert Mugabe 2001 angezweifelt hatte; und die Wahlen in Simbabwe fanden in der Tat unter höchst zweifelhaften Bedingungen statt. Aber weder der Südafrikaner Mbeki noch der Nigerianer Obasanjo, die beide offiziell Beobachter zu den Wahlen nach Harare entsandt hatten, zogen das Wahlergebnis in Zweifel. "Das Problem unseres Rechtsgelehrten", so der erwähnte Minister, "besteht darin, dass er sich als Erbe von Montesquieu und dessen Geist der Gesetze begreift und sich gleichzeitig wie ein Abgesandter von Downing Street und Weißem Haus für Afrika aufführt."
Der letzte
Marxist
Am Rande des G-8-Treffens im Juli 2002 ist Wade sogar so weit gegangen, Mugabe
einen Diktator zu nennen. Zu diesen Beschuldigungen erklärte der Au§enminister
von Simbabwe, Stanislas Mudenge: "Die Position des senegalesischen Präsidenten
ist vor allem durch die westlichen Medien beeinflusst, die Simbabwe feindselig
gegenüberstehen, weil sie die Partei der weißen englischen Farmer
ergreifen." Mit zehn weiteren afrikanischen Ländern habe man auch
Dakar aufgefordert, Beobachter nach Simbabwe zu entsenden, der Senegal sei dazu
allerdings nicht bereit gewesen. Daraus zieht Mudenge den Schluss, daß
"der Präsident des Senegal eine sehr einseitige Position vertritt.
Er will das Wohlwollen westlicher Länder, allen voran der Vereinigten Staaten,
in Form finanzieller Hilfen erlangen und in Afrika die Ideologie des Wirtschaftsliberalismus
verbreiten, die unseren Ländern seit über zehn Jahren nichts als eine
Verschärfung ihrer Probleme gebracht hat."
Präsident Wade weist die von Mudenge vorgebrachten Beschuldigungen zurück, er stehe in Kontakt mit dem simbabwischen Oppositionsführer Morgan Tsvangirai: "Meine Einstellung in dieser Frage beruht nicht auf Ideologie, auch wenn ich mich im Gegensatz zu Mugabes ideologischen Optionen befinde, der bekanntlich der letzte Marxist in Afrika ist."
Allein steht Wade auch mit einer anderen Äußerung, die in afrikanischen Führungskreisen für Aufruhr sorgte. Auf dem Weltgipfel gegen den Rassismus in Durban im September 2001 war er der Einzige, der sich öffentlich gegen jegliche Entschädigungsforderung an westliche Länder als Verantwortliche für Sklavenhandel und Kolonialismus aussprach.
Nicht wenige Beobachter sind der Ansicht, daß die damals angerichteten Verheerungen nach wie vor das Schicksal Afrikas bestimmen, auch wenn die handelnden Personen, Weiße wie Schwarze, längst nicht mehr leben. "Ich bin dagegen", empört sich demgegenüber der senegalesische Präsident. "Wenn andere Entschädigungen verlangen, ist das ihr gutes Recht. Für mich wäre es aber beleidigend, wenn man mich auch nur fragte, wie viel man mir geben müsse, damit ich die Sklaverei vergesse."
Diese Entschädigungsdiskussion und der arabische Resolutionsentwurf, in dem Israel als "zionistischer Staat" bezeichnet wurde, veranlasste bekanntlich die Vereinigten Staaten, den Gipfel von Durban zu boykottieren.
Daß der Senegal nach der Pfeife der Amerikaner tanzt, ist in Afrika gängige Meinung. "Wade spielt lieber im Hof des Weißen Hauses als im Hof des Elysée-Palasts. Das französische Präsidialamt ist ihm nicht wählerisch genug mit seinen Gästen aus Afrika", sagt dazu der bereits zitierte Minister. Ob man dies nun als Botmäßigkeit gegenüber dem US-Präsidenten bezeichnet oder nicht, jedenfalls decken sich die politischen Positionen des Senegal häufig mit denen Washingtons.
Auf derlei Kritik antwortet der senegalesische Präsident schlicht und einfach, daß ihm seine politische Macht vor allem aus der Legitimität seines Amtes erwachse. "Mein politischer Werdegang steht einzig da, weil ich niemandem etwas schuldig bin. Mein Volk hat mich aus freien Stücken und ohne Druck von außen ins Amt gebracht. Daß manch einer, der durch offensichtliche Verfälschung des Volkswillens Präsident geworden ist, das Interesse hat, den Großmächten schöne Augen zu machen, ist durchaus möglich. Aber auf mich trifft das überhaupt nicht zu."
Präsident Wade scheint besessen von dem Wunsch, seinem Land auf der internationalen Bühne spektakuläre Auftritte zu verschaffen und vielleicht auch, sich selbst mit Ruhm zu bedecken. Das Ansehen Senegals in der Welt ist nicht ganz unbegründet. Es basiert vielmehr, wie uns der Präsident versichert, auf "der Mühelosigkeit, mit der sich unser Land harmonisch in internationale Beziehungen einfügt". Zum Beweis führt er an, daß er seit seinem Amtsantritt "in kurzer Zeit dreimal von Jacques Chirac empfangen wurde, und zweimal von Präsident Bush, der mich und meine Delegation beim zweiten Besuch im Weißen Haus nicht einfach in ein Büro, sondern in einen intimeren Salon gebeten hat, wo seine engsten Mitarbeiter zugegen waren, darunter auch Colin Powell".
Aus der engeren
Umgebung des senegalesischen Staatsoberhaupts hört man aber Kritik an den
Scharen politischer Berater, die ein angesehener Journalist einer in Paris erscheinenden
panafrikanischen Zeitung als "Schranzen" bezeichnet. Ansonsten aber
tragen Presse und internationale Medien eher zu Wades Isolation unter seinen
Amtskollegen bei, wenn sie sich über seine offenherzige Redeweise in Lob
ergehen.
Von ASSANE FALL-DIOP Journalist bei Radio France International, Paris, Le Monde
11.10.2002 dt. Rolf Schubert
zurück
taz
16.10.2002
Bauer
Bessane hat nichts zu essen
Warum breitet sich in ländlichen Gebieten Afrikas Hunger aus, wo doch
die Leute ihre Felder bestellen? In Senegal lebten die Bauern lange vom Erdnussanbau.
Jetzt treiben EU-Exporthürden und die Privatisierung der Erdnusswirtschaft
sie in den Ruin. Von HAKEEM JIMO
Madiaina Bessane lebt mit seiner Familie in dem Dorf Diamaren. Es liegt in der
Erdnussregion des Senegal. Die meisten Häuser sind einfache Hütten
aus Lehm, bedeckt mit Stroh. Nur wenige haben Wände aus Beton oder Stein.
Das sind die Häuser der reicheren Dorfbewohner. Selbst die Bauern in Diamaren
leben in unterschiedlichen Welten. Wenn Madiaina Bessane morgens aufsteht, dann
weiß er schon, dass seine Familie am Abend wieder nicht satt werden wird.
Dagegen besitzen die reicheren Bauern sogar Fernseher.
Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten unter den Bauern von Diamaren. Jeder der rund 300 Einwohner des Dorfes lebt vom Ackerbau. Auch geht jeder noch selbst aufs Feld. Großgrundbesitzer gibt es hier nicht. Und für alle im Dorf ist die Erdnuss die Haupteinkommensquelle.
Erdnüsse sind das wichtigste Agrarprodukt Senegals. Eine Million der 2,4 Millionen landwirtschaftlich genutzten Hektar des Landes sind dafür reserviert. Vor der französischen Kolonisation kannte man in dieser Region die Erdnuss nicht, aber dann wuchs ihr Anbau schnell zu einer Monokultur an. In den Jahren nach der Unabhängigkeit hat der Staat den Erdnussanbau weiter forciert. Bis zu 1,2 Millionen Tonnen wurden pro Jahr geerntet. Als die Preise auf dem Weltmarkt einbrachen, ging zwar die Produktion zurück, sie liegt heute bei etwa einer halben Millionen Tonnen pro Jahr, aber Senegals Regierung hielt die zwei Drittel der Bevölkerung, die von der Landwirtschaft abhängig sind, mit subventionierten Erdnusspreisen über Wasser.
Seit diesem Jahr ist das vorbei. Nun bläst den Bauern der kalte Wind der Liberalisierung entgegen. Die staatliche Gesellschaft Sonagraines, die für die Abgabe neuen Erdnuss-Saatguts gegen Kredit verantwortlich war, ist privatisert worden. Die Sonacos, deren Fabriken die Erdnüsse weiterverarbeiten, zum Beispiel in Öl, bleiben nur noch ein Jahr unter staatlicher Kontrolle. Sonacos kaufte dieses Jahr noch Erdnüsse zum garantierten Preis, aber dann ist auch das vorbei. Dieses Jahr schon herrschte solche Verwirrung, daß viele Bauern zum Schleuderpreis an schnellschaltende Händler verkauften. Auch Madiaina Bessane.
Früher war Madiaina Bessane sogar mal Angestellter bei einer Landwirtschaftsorganisation. Dann wurde er entlassen und musste seine ererbten Felder bestellen. "Jedes Jahr habe ich Erdnüsse geerntet. Aber in diesem Jahr habe ich keine Erdnüsse mehr zum Säen", erzählt der achtfache Familienvater Anfang vierzig. "Und ich habe kein Geld, mir Saatgut zu kaufen. Ich habe nichts zu essen. Meine Kinder haben nichts mehr zu essen. Und mein Pferd auch nicht."
Das Pferd bekommt das Stroh von der Erdnuss. Auch deshalb fällt es vielen Bauern schwer, von der Erdnuss zu lassen. Denn dann müssen sie Futterersatz kaufen. Die Augen von Bessane sind matt, während er das Pferd beschirrt.
Bessane hat noch ein paar Kilo Hirse. Die will er heute aussäen. Erdnusssamen hat er keine mehr. Madiaina Bessane musste alle Erdnüsse verkaufen, um Reis kaufen zu können. Zwei Kilo Reis braucht die Familie am Tag. Ein 50-Kilogramm-Sack kostet fast 10.000 CFA-Francs (rund 15 Euro). Die letzte Erdnussjahresernte brachte ihm den Gegenwert von vier Sack Reis.
Kredit oder Samen im Vorschuss bekommt der Bauer bei den privaten Erdnusskonzernen nicht. Die haben eigene Sorgen. Zwar dürfen seit einiger Zeit landwirtschaftliche Produkte aus armen Ländern zollfrei in die EU eingeführt werden. Das sollte Senegal mit seinem Erdnussöl helfen. Aber aus Verbraucherschutzgründen senkte die EU den Grenzwert für Aflatoxin, das Gift des Schimmelpilzes auf der Erdnuss. Der findet sich im Rückstand der Erdnuss, nachdem das Öl aus ihr herausgepresst worden ist. Dieser Rückstand war für Europas Kühe als Futter gedacht. Aber über dieses Futter kommt das Aflatoxin wieder zurück in den Nahrungsmittelkreislauf der Menschen. Viele Labors der privaten Erdnussindustrie können nun die von der EU geforderten teuren Aflatoxin-Untersuchungen nicht garantieren. Als Folge schaffen es viele Tonnen Erdnussprodukte gar nicht mehr nach Europa.
Zudem will Europa immer weniger Erdnussöl aus Senegal. Andere Öle sind billiger. Mit den Milliarden an Agrarsubventionen, die die Entwicklungshilfe für Afrika um ein Vielfaches übertrifft, können es Senegals Bauern nicht aufnehmen.
Madiaina Bessane
weiß nicht, was passieren wird, wenn er auch noch die Landwirtschaft verliert.
Jobs warten anderswo im Senegal nicht auf ihn. Aber sein Sohn ist bereits aus
Diamaren weggegangen. HAKEEM
JIMO taz (16.10.2002)
dpa
Fundament für Senegals Erfolge legte ein Deutscher
Osaka/Rabat (dpa)
- Sein Faxgerät steht nicht mehr still, der Briefkasten quillt über,
die E-Mails lassen sich nicht zählen - Peter Schnittger kann sich vor Glückwünschen
kaum noch retten, seit Senegal bei der WM einen Überraschungscoup nach
dem anderen landet.
«Sie müssten sehen, was hier los ist. Es ist gigantisch», sagt
der derzeit in der marokkanischen Hauptstadt Rabat lebende deutsche Trainer
nicht ohne Stolz. «Eine schönere Befriedigung für meine Arbeit,
als die vielen Gratulationen, kann es nicht geben», ergänzt der 61-Jährige,
dessen Namen im Senegal jeder Kicker-Interessierte kennt. Denn die Erfolgsstory
der Profis von der westafrikanischen Küste hat der Fußball-Globetrotter
aus Niedersachsen entscheidend mitgeschrieben.
«Die Geburtsstunde der heutigen Mannschaft schlug vor zwei Jahren beim
Afrika-Cup», erzählt Schnittger. Unter seiner Ägide hatten die
«Löwen von Teranga» nach acht Jahren erstmals die Qualifikation
für die kontinentale Prestige-Meisterschaft geschafft. Sie scheiterten
dort zwar im Viertelfinale unglücklich durch ein «Golden Goal»
mit 1:2 an Gastgeber Nigeria, «doch das Team ist seitdem organisch gewachsen,
hat sich kontinuierlich weiter entwickelt», so Schnittger. Deshalb seien
die WM-Auftritte keine Sensation für ihn.
17 Profis von damals stehen in der jetzigen Equipe, die nach Weltmeister Frankreich
und Achtelfinal-Gegner Schweden in Osaka auch die Türkei ausschalten will,
um als erste Mannschaft Afrikas in ein WM-Halbfinale einzuziehen. «Der
Sieg gegen Frankreich war die Initialzündung. Den Burschen ist alles zuzutrauen.
Niemand sollte sich wundern, wenn sie Weltmeister werden», sagt Schnittger,
der alle Schlüsselspieler entdeckte und lange trainierte.
Zum noch unvorstellbaren Happy End könne es seiner Meinung nach aber nur
kommen, wenn die «Spieler weiter unter der Glocke in einem Vakuum gehalten
werden. Sie dürfen sich von der Euphorie, die in ihrem Umfeld herrscht,
nicht anstecken lassen. Sie müssen sich ihre Konzentration bewahren und
nicht dem Irrglauben verfallen, dass sie weiter so problemlos durchs Championat
spazieren können».
Der in Hannoversch Münden geborene Diplom-Sportlehrer, der in einem Seminar
mit Udo Lattek den Trainerschein erwarb, kennt deren Mentalität bestens.
1968 zog es ihn im Auftrag der Bundesregierung nach Afrika und Asien, um als
Entwicklungshelfer für die Trainer-Ausbildung und Nachwuchsförderung
im Fußball zu wirken. Über die Elfenbeinküste, Äthiopien,
Thailand, Madagaskar, Marokko, Benin und Kamerun, wo er auch Roger Milla entdeckte,
führte es den einstigen Oberliga-Spieler 1994 nach Senegal, wo er seinen
festen Wohnsitz hat.
zurück
Goethe-Institut
2002
"On
va battre la France"
"On va battre la France!" ("Wir werden Frankreich besiegen!")
sagt jeder Senegalese mit einem siegesgewissen Blitzen in den Augen, wenn man
ihn auf die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft anspricht. Nicht genug,
dass es dem Vizemeister des "Coup d'Afrique 2002" zum ersten Mal in
seiner Fußballgeschichte gelungen ist, sich für die Weltmeisterschaft
zu qualifizieren - nun treten die "Lions" auch noch in dem Eröffnungsspiel
gegen die ehemalige Kolonialmacht Frankreich an.
Nach dem "lutte africaine", dem traditionellen Ringkampf, bei dem zwei mit Glücksamuletten behängte Ringer darum bemüht sind, sich gegenseitig zu Boden zu bringen, ist Fußball im Senegal der Nationalsport Nummer 1. Kein Junge im Senegal, dem das runde Leder nicht vertraut ist. Als Spielfeld dient vorzugsweise die Straße oder Sandplätze, für die offiziellen Spiele gibt es auch große Stadien. Genau wie die meisten Deutschen ganz Afrika lediglich als einen einzigen krisengeplagten Fleck Erde auf der Weltkarte wahrnehmen, so ist für den Senegalesen jeder Europäer zunächst ein Franzose. Hat er aber erst einmal herausgefunden, dass man aus Deutschland kommt, ist die Bundesliga als Gesprächsthema unausweichlich. Durch Fernsehübertragungen sind die Mannschaften von München bis Hamburg bestens bekannt - Jungs, die stolz die Trikots ihrer deutschen Lieblingsspieler tragen, sind im Straßenbild keine Seltenheit. Erstaunlich ist dabei, mit welchem Vertrauen in die Fähigkeiten der Spieler sich die Senegalesen über den deutschen Fußball ereifern - eine Begeisterung, die den einheimischen Fans spätestens seit der WM '98 abhanden gekommen ist. Doch schließlich war es ein Deutscher, Peter Schnittger, der die senegalesische Nationalmannschaft vor dem jetzigen französischen Trainer betreute und nach Meinung vieler mit Fleiß und Disziplin wieder auf die Beine gebracht hat.
In eben diesen Eigenschaften sehen die Senegalesen auch den Grund für den wirtschaftlichen Erfolg und die moderne Technik Deutschlands, welche sich ihnen vor allem durch die großen deutschen Automarken präsentierten. Zu diesem weltweit häufigen Klischee fügte Lépold Sedar Senghor, Staatsgründer und Dichter von Weltrang, der 1968 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, dem Deutschlandbild eine weitere Komponente zu: Deutschland als ein Land, das mit der Deutschen Romantik und einem Genie wie Goethe eine Kultur hervorgebracht hatte die er bewunderte, selbst dann noch, als er sich 1941 in deutscher Kriegsgefangenschaft befand. So ist es unter anderem seinem Leitsatz "Kultur ist die beste Politik und der daraus resultierenden umfassenden Kulturpolitik zu verdanken, dass das Goethe-Institut in Dakar 1978 als eines der letzte Institute in Westafrika seine Arbeit aufnehmen konnte.
Es ist klar, dass es bei der Begegnung mit dem ehemaligen Kolonialland auf dem Spielfeld um mehr als nur den sportlichen Ehrgeiz gehen wird. Auch heute noch, über 40 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung, befindet sich der Senegal in einem Übergangsprozess, gekennzeichnet durch die Suche nach einer eigenen Identität und der gleichzeitigen wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit von Frankreich. Das Ringen um eine Abgrenzung von den Franzosen prägt auch die Kultur- und Kunstszene. Das wohl prominenteste Beispiel für einen senegalesischen Künstler, der sich auch über Afrikas Grenzen hinaus einen Namen gemacht hat, ist der Superstar Youssou N'Dour. Seine aktuellen Songs erklingen nicht nur rund um die Uhr aus den Transistorradios und Kassettenrecordern, er sang auch 1998 im Duett mit der belgischen Axelle Red den WM-Hit und hat mit seiner Kombination aus traditionellem "Mbalakh" und westlicher Popmusik ebenso den europäischen Musikmarkt erobert.
In der Internationalen Modebranche hat in jüngster Zeit vor allem die in Dakar ansässige Modedesignerin Oumou Sy auf sich aufmerksam gemacht. Ihre Kreationen - eine raffinierte Mischung aus herkömmlichen afrikanischen Stoffen und Fundstücken wie Perlen, Federn und ungewöhnlichen Materialien von der Fischgräte bis zur CD - erinnern unweigerlich an die Fülle und Farben eines senegalesischen Marktes. Auch im Bereich der bildenden Kunst macht die Hauptstadt von sich reden: Galeristen und landesweit bekannte Maler und Bildhauer haben sich hier niedergelassen. Wie alle zwei Jahre findet auch dieses Jahr wieder die Biennale zur zeitgenössischen afrikanischen Kunst "Dak'art" statt, die Künstler und Kunstfreunde aus aller Welt anzieht. Dakar wird dann für einige Wochen zum internationalen Zentrum afrikanischer Kunst - ganz egal, wie die WM für die Senegalesen ausgehen sollte. Inger Petersen
Hörschädigung
und Hörgeschädigte im Senegal - Traditionelle Betrachtungsweisen
und soziale Rollen in der Gesellschaft
Im Senegal, als einem Land, in dem sich traditionelle Lebensweisen mit islamischen
aber auch westlichen
Einflüssen vermischen, werden immer stärker westliche Erklärungsmodelle
für Ursachen von Behinderungen
transferiert und moderne Behandlungs- und Heilungsmethoden angewandt. Dennoch
spielen traditionelle
Erklärungen und Behandlungsarten nach wie vor eine wichtige Rolle und bilden
die Basis für die Reaktionen auf
Menschen mit einer Behinderung und letztlich auch für deren soziale Integration.
Um diese traditionelle
Sichtweise sowie die Rollen, die Menschen mit einer Hörbehinderung in der
senegalesischen Gesellschaft
einnehmen, soll es im folgenden Artikel gehen.
Wege der Informationsbeschaffung
Der Artikel entstand auf der Grundlage meiner Zulassungsarbeit für das
erste Staatsexamen für das
Lehramt an Sonderschulen. Für die Recherchen dieser Zulassungsarbeit habe
ich verschiedene
Zugangsweisen kombiniert: Einerseits habe ich Informationen über Literaturrecherchen
erhalten,
andererseits habe ich während meines mehrwöchigen Aufenthaltes im
Land die Form der
teilnehmenden Beobachtung angewandt, die dadurch begünstigt wurde, dass
ich in einer Familie in
einem rein senegalesischen Viertel untergebracht war. Ich habe meine Informationen
durch Interviews
und Gespräche mit Betroffenen, deren Angehörigen sowie Beschäftigen
am Centre verbo-tonal1,
durch Dokumentenanalysen sowie durch direkte Teilnahme und Beobachtung zusammengestellt.
Es
ist daher unumgänglich, dass die Informationen, die ich zusammentragen
konnte, nur einen Ausschnitt
bzw. ein subjektiv von mir gezeichnetes Bild wiederspiegeln, so dass davon ausgegangen
werden
kann, dass noch andere Erklärungen und Deutungsmodelle von Hörbehinderungen
sowie Reaktionen
auf und Rollenzuteilungen für Menschen mit einer Hörbehinderung vorliegen.
Senegal
Die älteste französische Kolonie in Westafrika war der Senegal. Schon
1659 gründeten die Franzosen
einen ersten Handelsstützpunkt am Senegal-Delta und führten anschließend
Eroberungsfeldzüge gegen
die Mauren und Wolof durch. Bis weit ins 20. Jahrhundert lag die wirtschaftliche
Kontrolle in den
Händen großer internationaler Handelshäuser aus Frankreich,
die vor allem im Wolof- und Serer-Land
den Erdnussanbau forcierten. Die regional ungleiche Entwicklung der kolonialen
Gebiete führte zu
einer Binnenwanderung der Arbeitskräfte, deren Folgen bis in die heutige
Zeit zu spüren sind (vgl.
Krings 1990: 98ff).
Auch heute, gut 40 Jahre nach der Unabhängigkeit von 1960, dominiert im
Senegal neben der
Fischerei der Erdnussanbau. Diese einseitige Erdnussökonomie stellt bis
heute ein
gesamtwirtschaftliches Problem dar und macht das Land extrem abhängig von
den Weltmarktpreisen.
Neben diesen Produkten hat des weiteren der Abbau verschiedener Phosphate für
die Exportwirtschaft
eine große Bedeutung, deren Hauptabnehmer asiatische Länder sind.
In den letzten Jahren hat sich
aber auch, begünstigt durch die klimatische und geographische Lage, der
Tourismus zu einer der
wichtigsten Devisenbringer entwickelt ( Statistisches Bundesamt 1993: 72ff).
Das Fundament der
senegalesischen Volkswirtschaft bildet allerdings das sogenannte bana-bana.
Darunter versteht man
die Geschäfte des informellen Sektors, die sich des statistischen Zugriffs
entziehen und die kein
Bruttoinlandsprodukt erfassen kann. Se débrouiller, sich durchwurschteln,
so Buchholz (1999: 22) ist
zum Schlagwort der späten 90er geworden.
Die Gesamtbevölkerung Senegals wird für das Jahr 1998 von UNICEF (2000:
134 ff) mit 9,0 Mio.
Einwohner angegeben und das jährliche Wachstum der Bevölkerung im
Zeitraum von 1990-1998 liegt
im Mittel bei 2,6%. Die Altersstruktur Senegals ist gekennzeichnet durch einen
hohen Anteil an
jungen Menschen; etwa die Hälfte der Bevölkerung ist unter 18 Jahre
(Statistisches Bundesamt 1993:
25).
Bei steigenden Schülerzahlen, bedingt durch dieses rasche Bevölkerungswachstum,
verschlechtert sich
die schulische Situation in nahezu allen Bildungszweigen bei sinkenden Haushaltsausgaben
im
Bildungsbereich. Es besteht zwar Schulpflicht für alle Kinder zwischen
dem 7. und 12. Lebensjahr,
doch im Zeitraum von 1990-1998 besuchten nur 48% der Jungen und 42% der Mädchen
im
schulpflichtigen Alter die 6-jährige Primarschule (UNICEF 2000: 164ff).
Neben dem formellen
Bildungswesen, das vorrangig durch französische Traditionen beeinflusst
wurde, existiert noch ein
weitgehend informeller Sektor, der im wesentlichen durch die Tradition der Koranschulen
geprägt ist
und deren Ursprung bis ins 11. Jahrhundert zurückreicht (Fuchs 1996: 36).
Diese Schulen tauchen in
keiner Statistik auf, sind bis heute allerdings wegen ihrer Rolle als Ort des
geistigen Widerstands
gegen die westliche Überfremdung sehr stark verbreitet (Asdonk 1995: 77)
und übernehmen vor allem
auf dem Land, wo der reguläre Schulbesuch wegen fehlender schulischer Infrastruktur,
Mangel an
Ausstattungsmaterialien und qualifiziertem Personal noch schwieriger als in
den
Agglomerationszentren ist, die Bildungsaufgabe einer breiten Bevölkerungsmasse
(Wiese 1995: 55).
Auch der medizinische Bereich weist einige strukturelle Mängel auf. Wie
in den meisten anderen
afrikanischen Ländern orientiert sich die staatliche Gesundheitspolitik
an der Strategie der WHO, die
eine zufriedenstellende Basisgesundheitsversorgung der Bevölkerung bis
zum Jahr 2000 vorsah
(Wiese 1995: 159). Ein wesentliches Problem, dieses Ziel bis heute nicht erreicht
zu haben, stellten
und stellen die begrenzten finanziellen Ressourcen des Haushaltes dar. Somit
hängt die Qualität der
Gesundheitsdienste von finanziellen Mitteln, wie die der NGO´s, oder bi-
und multilateraler
Entwicklungshilfeorganisationen entscheidend ab. Prinzipiell sind die Gesundheitsstationen,
die über
das ganze Land verteilt sind, mit Krankenschwestern besetzt, nur in sporadischen
Abständen kann dort
eine ärztliche Konsultation stattfinden. Zwar nahm die Zahl der Ärzte
in den letzten 30 Jahren stetig
zu, durch das rasche Bevölkerungswachstum verschlechterte sich jedoch die
ärztliche Versorgung
erheblich (Statistisches Bundesamt 1993: 34ff).
Senegal, als ein Land in der Übergangszone zwischen Sahara und halbimmergrünen
Regenwäldern, ist
ein Kontaktgebiet unterschiedlicher Völker und Kulturen. Mehr als 20 Ethnien
mit eigener Geschichte,
Sprache und Tradition leben auf dem heutigen Staatsgebiet (Statistisches Bundesamt
1993: 33). Zwar
wird in den Städten, vor allem in Dakar, die Volkszugehörigkeit allmählich
unbedeutend,
stammeseigene Traditionen und Rituale spielen dennoch eine große Rolle
(Wiese 1995: 150).
Um der individuellen Tradition und somit auch der eigenen Auffassung von Behinderung
und
Umgang mit Menschen mit Behinderung gerecht zu werden, habe ich mich auf eine
Ethnie
konzentriert und werde im folgenden das Phänomen (Hör-)Behinderung
aus der traditionellen
Sichtweise der Wolof sowie die Rollen von Menschen mit einer Hörbehinderung
innerhalb der
senegalesischen Gesellschaft beschreiben.
Die Ethnie der Wolof
Die Ethnie der Wolof stellt mit einem Anteil von 35% an der Gesamtbevölkerung
und ihrem
ökonomisch-politischen Einfluss die bedeutendste sprachlich-kulturelle
Gruppe dar. Ihre traditionelle
Wirtschaftsform beruht auf sesshaftem Ackerbau in den Savannengebieten; daneben
ist die Haltung
von Tieren verbreitet (Sallah 1996: 11 und 16ff).
Durch die starke Urbanisierung im Senegal wird inzwischen in ländliche
Bevölkerung, die noch sehr
traditionell lebt, und in städtische Bevölkerung, die sich tendenziell
an den westlichen Einflüssen
orientiert, unterschieden. Sind die in den ruralen Gebieten lebenden Wolof meistens
noch in
Landwirtschaft und Viehzucht tätig, besetzen viele Stadt-Wolof, als traditionelle
Führer-Klasse hohe
Ämter in Wirtschaft und Politik und üben somit einen erheblichen Einfluss
auf den gesamten Staat aus
(Gespräch mit Saliou Sene2). Trotz der unterschiedlichen Lebensorte und
den damit verbundenen
Einflüssen von Stadt und Land finden sich im religiösen Glauben, im
Wertesystem sowie in Ritualen
und Gebräuchen nach wie vor viele Übereinstimmungen und Parallelen.
Zwar sind die Wolof seit dem letzten Jahrhundert vollständig islamisiert,
dennoch spielen traditionelle
Riten, Zeremonien und Glaubensvorstellungen eine beachtliche Rolle und vermischen
sich sogar mit
der angenommenen Religion. Einige traditionelle Vorstellungen wurden der islamischen
Lehre
angepasst und entsprechend modifiziert, so dass heute von einem synkretistischen
Glauben gesprochen
werden kann (Krings 1990: 47). Vor allem die Kraft der Magie wird weder in den
Naturreligionen
noch im Islam oder Christentum im Senegal in Zweifel gezogen. Nur scheinbar
widersprüchlich ist
deshalb die aufgestellte Statistik, derzufolge es im Senegal etwa 90% Muslime,
20% Christen und fast
100% Animisten gibt (Steger 1989: 312).
Der traditionelle Glaube der Wolof
Bevor ich die traditionelle Sichtweise schildere, ist es mir wichtig darauf
hinzuweisen, dass im Zuge
der Verwestlichung, besonders in den Küstenregionen und in den Städten,
weitere und wiederum
andere Richtlinien, Normen und Werte in den Senegal transferiert wurden und
noch immer werden.
Ngor Ndour3 beschrieb mir die Situation der Senegalesen als dreigleisigen Weg
mit den Komponenten
Tradition, Islam bzw. importierter Religion und Moderne: Je nach Bildungsgrad,
Situation, Wohnort,
Umfeld und Alter werde einer dieser Teile gewählt und ihm zufolge gehandelt.
Es könne nicht
behauptet werden, dass zum jetzigen Zeitpunkt einem dieser Wege Vorrang gegeben
werde. Dennoch
werde ich mich auf die traditionelle Sichtweise als die älteste beschränken,
die sicherlich auch heute
noch die Basis, auch für das Verständnis von Behinderung darstellt
und somit angemessener
Betrachtung bedarf.
Schon vor der Übernahme des Islam war der Glaube der Wolof ein monotheistischer.
Gott (Yàlla) ist
omnipräsent, gutgesinnt und entscheidet nur zum Wohl des Menschen. Geschieht
doch ein Unglück,
so wurde dies zugelassen, um größere Katastrophen zu verhindern (Sylla
1994: 44ff). Eine bedeutende
Rolle spielt die Ahnenverehrung mit ihren Gebeten und Opfern. Die Geisterwelt
besteht im Diesseits.
Unter Geistern werden grundsätzlich die nicht mehr lebenden Mitglieder
einer Gruppe verstanden, die
sich als lebende Tote unter ihre Nachkommen mischen und in der Regel unsichtbar
sind. Dieser
Geisterkult hat nichts mit dem animistischen Glauben im Sinne von Naturanbetung
zu tun. Die Wolof
beten weder zur Sonne noch zum Mond oder zur Erde; gewisse Naturphänomene
werden höchstens als
Zeichen Gottes oder der Geister gedeutet (Sylla 1994: 56ff).
Das Verhältnis der Lebenden zu den rab, den Geistern, beruht auf dem Prinzip
des Tausches. Die
Wolof bringen Opfergaben in Form von Tieren und Essen sowie Ehrungen durch Gebete
und Gesänge
dar; als Gegenleistung spenden diese ihnen Fruchtbarkeit, Gesundheit, Weisheit
und Ertragsfähigkeit
in der Landwirtschaft. Des weiteren schützt der rab vor Schicksalsschlägen,
fördert die Heilkraft von
Pflanzen und kann die Zukunft vorhersagen (Sylla 1994: 56). Vergessen oder vernachlässigen
die
Lebenden ihre Pflichten, kann der rab schmerzhafte Unfälle, Krankheiten
oder Misserfolge im
Berufsleben über einzelne Familienmitglieder bzw. Dorfbewohner verhängen.
Um das Gleichgewicht
wiederherzustellen, müssen angemessene Opfergaben gebracht oder, in besonders
schweren Fällen,
traditionelle Zeremonien durchgeführt werden. Zwar besteht der traditionelle
Glaube in seiner
Reinform heute nicht mehr, aber vor allem bei Unglücken, Krankheiten und
Behinderungen werden
traditionelle Wahrsager und Heiler bezüglich Ursachenerklärung und
Heilmethoden zu Rate gezogen
(Sylla 1994: 53ff).
Die Konzeption des Menschen bei den Wolof
Um auf die traditionelle Sicht der Wolof von Behinderung und Menschen mit Behinderung
eingehen
zu können, möchte ich zunächst ihr grundlegendes Verständnis
von einer Person darlegen. Diese
Darstellung aus emischer Sicht trägt meines Erachtens wesentlich zum Verstehen
der im folgenden
beschriebenen traditionellen Ursachenzuschreibungen von Behinderung bzw. Hörbehinderung
bei. Ich
beziehe mich dabei, sofern ich keine andere Quellen nenne, auf Sylla (1994:
195ff). Das Wort nit hat
mehrere Bedeutungen und kann unter anderem mit Person aber auch mit menschlichem
Sein übersetzt
werden. Im Denken der Wolof sind drei grundlegende Prinzipien für das nit
von Bedeutung: ruu, fit
und yaram.
Ruu repräsentiert das Leben an sich. Die Präsenz des ruu hält
das Leben aufrecht, die Abwesenheit
führt zum Tod des Menschen. Demgegenüber wird das fit als lebensnotwendige
Komponente nicht
gebraucht. Es kann den Körper verlassen, ohne dass der Tod des jeweiligen
Menschen erfolgt. Fehlt
diese Komponente, so mangelt es an physikalischem und mentalem Gleichgewicht,
und der Betroffene
wird krank. Das fit wird in der Vorstellung der Wolof mütterlicherseits
gegeben bzw. vererbt (Rabain
1994: 227). Als yaram wird der materielle Träger der beiden unsichtbaren
Komponenten, also der
Körper, bezeichnet. Diese drei Komponenten, die das nit definieren, machen
in ihrem engen Verbund
die Existenz des menschlichen Seins aus. Die Komplexität dieser Triade
kann durch Zauberer, Magier
und Heiler erschlossen werden, die dazu z.B. Kleidung, Schuhe oder Haare der
betroffenen Person
verwenden. Einige Krankheiten resultieren aus der Auflockerung dieses Bundes,
z.B. durch das Fehlen
des fit. Der Tod ist als komplettes Auflösen des Bundes definiert, bei
dem jede Komponente an ihren
Platz zurückkehrt: yaram zur Erde, ruu zu Gott und fit wird an den Ahnenstamm
gebunden oder kann
durch Geister gefangen werden. Grundsätzlich ist das fit zur Reinkarnation
fähig.
Diese drei Komponenten machen zwar das menschliche Sein aus, aber noch nicht
die Person. Hier
wird also nochmals eine Unterscheidung zwischen dem Menschen an sich und dem
Menschen in
seiner Umwelt getroffen. Vollständig und zu einer Person wird man erst
durch die Erziehung und das
gesellschaftliche Leben. Sylla (1994) geht sogar soweit zu sagen, dass sich
die Person erst in und
durch ihre soziale Position und Funktion entfaltet. Die gesellschaftliche Komponente
wird nochmals
dadurch unterstrichen, dass das ich im Sinne eines Individuums nur innerhalb
des wir, also der
Gesellschaft, reifen kann. Wie wichtig das Kollektiv bzw. die anderen Menschen
sind, wird in einem
Sprichwort der Wolof deutlich: nit, nitay garabam, der Mensch hat kein anderes
Heilmittel als den
Menschen (198).
Darüber hinaus wird jeder Person nicht nur ein Platz unter den Lebenden,
sondern auch ein Platz
innerhalb der Lineage zugewiesen. Für ein neugeborenes Individuum ist seine
Zuordnung zur
Abstammungslinie entscheidend. Enkel werden hoch geschätzt, da sie die
Gewissheit der Fortsetzung
einer genealogischen Linie und des Ahnenkultes geben. Ein Kind wird also nicht
individuell für seine
Eltern, sondern für die Kontinuität des Klans geboren (Grohs 1990:
24). Oftmals ist diese Zuordnung
mit dem Glauben an Reinkarnation verbunden; das fit wird in der Regel über
eine Generation hinweg
wiedergeboren (Rabain 1994: 162).
Klassifikation von Hörschädigung im Senegal
Wenn man sich mit der Sonderpädagogik und dem Phänomen Behinderung
in einem fremdem Land
beschäftigt, ist es nicht nur wichtig zu klären, welche Konzeption
des Behinderungsbegriffes dem
zugrunde liegt; interessant ist auch die inhaltliche Festlegung der einzelnen
Behinderungskategorien.
Es ist nicht zwangsläufig davon auszugehen, dass unter dem gleichen Begriff
auch gleich Phänomene
beschrieben werden. Um einen Vergleich herstellen zu können, habe ich hierzu
die in der westlichen
Welt übliche Klassifikation von Hörschädigung herangezogen.
Faty (1996/97: 10) spricht in ihrer Hausarbeit von etwa 70.000 gehörlosen
Menschen im Senegal und
von rund 600.000 Menschen mit einer Schwerhörigkeit. Diese Zahlen sind
Schätzungen der HNO Abteilung des Krankenhauses Aristide le Dentec, eine
offizielle Statistik existiert nicht. Ob diese
Zahlen haltbar sind, ist nicht möglich zu belegen.
Die Klassifikation von Hörschädigung unterscheidet Gomis (1994/95:
10) in 4 Stufen:
0-20 dB Hörverlust: normal
20-40 dB Hörverlust: leichter Hörverlust
40-70 dB Hörverlust: schwerhörig
ab 70 dB Hörverlust: gehörlos
Die einzelnen Abstufungen sind sehr niedrig angesetzt, was insofern Sinn macht,
da im Senegal eine
individuelle apparative Versorgung zum jetzigen Zeitpunkt so gut wie ausgeschlossen
ist, also die
Personen mit einem geringen Hörverlust schon gehörlos sind.
Diese Einteilung ist allerdings eine vom Staat gemachte, d.h. also nicht, dass
im Volksmund ebenfalls
eine solche Einteilung vorgenommen wird. Deshalb habe ich mir die Bezeichnungen
auf Wolof sagen
lassen, um festzustellen, über welches Vokabular und somit über welche
Klassifikation eine der
Landessprachen verfügt. In der Sprache der Wolof kann man Gehörlosigkeit
mit tëx übersetzen.
Allerdings wird das Wort muma (Stummheit) auch für Menschen mit einer Hörschädigung
verwendet.
Er ist stumm kann also auch heißen, dass derjenige aufgrund seiner Hörschädigung
nicht sprechen
kann. Personen mit einer postlingualen Ertaubung hingegen werden ausschließlich
als tëx bezeichnet
(Gespräch mit Saliou Sene).
Erklärung und Deutung einer Hörschädigung aus traditioneller
Sicht
Explizite Hinweise bezüglich der Interpretation einer Hörschädigung
habe ich in der Literatur nicht
gefunden. Möglich ist, dass Hörschädigungen bei den Wolof keine
Stimulusqualität haben, was aber
recht unwahrscheinlich wäre. Für Cloerkes/Neubert (1987: 98) zählt
auch der Funktionsverlust von
Sinnen und somit auch eine Hörschädigung zu den Abweichungen von gattungsspezifischen
Eigenschaften, die in der Regel Stimulusqualität haben und somit zu den
universell manifesten
Andersartigkeiten gehören.
Ein Grund, warum sich in der Literatur keine Hinweise finden, könnte auch
daran liegen, dass
Hörschädigungen im Vergleich zu anderen Schädigungen im geistigen
oder körperlichen Bereich
weniger häufig auftreten und somit im Bewusstsein der Bevölkerung
wenig verankert sind. Dies
scheinen die Zahlen von der letzten Volkszählung zu bestätigen: Dort
wurde die Zahl der Menschen
mit Behinderungen und die Art der jeweiligen Behinderungen unter Berücksichtigung
verschiedener
Kriterien gestaffelt. Menschen mit Körperbehinderungen, Sehschädigungen,
geistigen Behinderungen
und Lepröse sind getrennt aufgezählt, alle anderen Schädigungen,
darunter auch Hörschädigungen,
finden sich demzufolge in der Kategorie autres, andere, oder non préciser,
nicht präzisiert (Handicap
International Senegal o.J.). Solch eine Beachtung am Rande könnte wiederum
an der starken
Unauffälligkeit einer Hörschädigung liegen.
Im Centre verbo-tonal wurden mir allerdings mündlich einige Deutungen und
Erklärungen aus
traditioneller Sicht genannt: Ein Vater (Wolof) glaubt, dass die Hörschädigung
seines Sohnes die
Vergeltung der tuur, also der Hausgeister, sei, da er ihnen nach der Geburt
keine Opfer gebracht habe.
Ein anderer Wolof, der am Flughafen als Zollbeamter arbeitet und ebenfalls einen
Sohn mit einer
Hörschädigung am Centre hat, glaubt, dass die rab anderer Leute daran
schuld seien. Am Flughafen
habe er in den Koffern und somit in den Kleidern und Gegenständen anderer
Leute gewühlt, in denen
die Geister saßen.
Wie stark aber auch der importierte Glaube Einfluss auf Erklärungsmodelle
hat, zeigen folgende
Beispiele: Eine Mutter erklärte mir, dass sie die Hörschädigung
ihrer Tochter als Wille und Prüfung
Allahs auffasse, der ihr und ihrer Familie diese Aufgabe auferlege. Oftmals
würden, so Ngor Ndour,
gläubige Moslems aber auch den Willen Allahs als oberste Instanz darstellen
und ihren Kindern mit
Schädigungen Hilfe verweigern.
Auch der Sohn eines Marabouts wurde am Zentrum unterrichtet, was den Reaktionen
des
Lehrerkollegiums zufolge etwas Besonderes war. Mir konnten dafür keine
Gründe genannt werden,
und es schien fast unerklärlich, dass ein Mittler Gottes, der für
andere Deutungen vornimmt, selbst ein
Kind mit einer Behinderung hat. Auf Gründe, die auf ein Fehlverhalten des
Marabouts
zurückzuführen seien, wollte sich keiner festlegen.
Heilungs- und Behandlungsversuche
Spezielle Riten oder Behandlungsmethoden, die eine Hörschädigung lindern
oder heilen sollen, sind
mir nicht bekannt. Wie mir Ngor Ndour erklärte, haben viele Eltern beim
Bemerken der
Hörschädigung und der Sprachschwierigkeiten ihrer Kinder zuerst einen
traditionellen Heiler
konsultiert. Welche Behandlungsmethoden diese praktiziert haben, war ihm nicht
bekannt. Meistens
verabreichen sie traditionelle Heilmittel oder sprechen Psalmen, die Inszenierung
eines ndeup4 ist eher
unwahrscheinlich. Auch werden, je nach Glaube, Marabouts, also islamische Führer,
aufgesucht, die
ebenfalls rituelle Handlungen praktizieren oder gris-gris, schützende Amulette
mit eingearbeiteten
Koranversen aushändigen.
Präventionsmaßnahmen
Auch bei der Prävention von Hörschädigungen müssen insgesamt
die allgemeinen
Präventionsmaßnahmen wie Opfergaben an die rab oder das Vermeiden
bestimmter Geisterstunden5
eingehalten werden. Dies sind allerdings Vorkehrungen, die sich nicht speziell
auf das Vermeiden
einer Hörschädigung sondern auf jegliche Art von Krankheit oder Behinderung
beziehen. Ebenso
müssen moralische Fehler und Vergehen vermieden werden, da sie immer Gründe
für eine Schädigung
sein können. Darüber hinaus muss darauf geachtet werden, dass keine
Muttermilch in das Ohr kommt,
da dies als Ursache für Mittelohrentzündungen angesehen wird (Gespräch
mit Ngor Ndour).
Berücksichtigt man die Bezeichnung muma, bei den Personen mit Hörschädigungen,
so gibt es gegen
Stummheit ebenfalls einige Präventionsmaßnahmen: So wird bspw. um
den Mund des Neugeborenen,
bevor es das erste Mal gestillt wird, Salz geschmiert, damit das Kind schnell
fähig sein wird zu
sprechen (Games/Amble 1989: 143).
Zur Bedeutung traditioneller Erklärungsmodelle, Therapieformen und
Präventionsmaßnahmen von Behinderungen in der heutigen Gesellschaft
Senegals
Traditionelle Erklärungsmodelle und Therapieformen sind in der heutigen
Gesellschaft Senegals und
hier durchaus auch in den Agglomerationszentren wie Dakar, nicht nur bei den
Wolof, nach wie vor
fester Bestandteil des alltäglichen Lebens. Im ganzen Land gibt es traditionelle
Heiler und Marabouts,
die für wenig Geld eine Diagnose stellen und verschiedene Behandlungen
durchführen; Ärzte oder
westliche Mediziner hingegen sind oftmals, aufgrund fehlender Krankenversicherungen,
unbezahlbar
und außerhalb großer städtischer Zentren auch fast nicht zu
erreichen. Traditionelle Erklärungsmodelle
und Therapieformen werden in der Regel bei den westlichen Medizinern im Senegal
nicht
berücksichtigt oder sogar abgelehnt, was eine weitere Abwendung und Skepsis
der einheimischen
Bevölkerung gegenüber diesem Sektor nach sich zieht. Dadurch, dass
Krankheiten nicht mehr als
Angelegenheit der Gruppe, sondern als individuelle Angelegenheit mit Ausrichtung
der Behandlung
am einzelnen angesehen werden, drohen die gemeinschaftlichen sozialen Strukturen,
die durch rituelle
Zeremonien wie z.B. das ndeup immer wieder gefestigt werden, zu zerbrechen.
Es gibt jedoch einige Beispiele, die die Integration traditioneller Heiler in
die städtischen Kliniken
belegen. Schon seit Jahrzehnten praktizieren traditionelle Heiler in der Klinik
Fann, wie Berichte
belegen, mit beachtlichen Erfolgen (vgl. Collomb 1978).
Da diese Strukturen und traditionellen Glaubensvorstellungen nach wie vor präsent
sind, dürfen sie bei
angemessenen Hilfestellungen gegenüber Menschen mit Behinderung und ihren
Familien nicht
ignoriert werden, sondern müssen vielmehr als Grundlage zur Erstellung
angepasster Maßnahmen
dienen. Letztlich basieren die sozialen Reaktionen gegenüber Menschen mit
einer Schädigung auf
diesen Deutungsmustern.
Zur Rolle von Menschen mit einer Hörbehinderung bei den Wolof
Soziale Reaktionen auf Menschen mit einer Behinderung treten sowohl inter- als
auch intrakulturell in
einer erheblichen Bandbreite auf, wobei das Reaktionsspektrum kulturspezifisch
eingeschränkt ist
(Cloerkes 1997: 101ff). Die jeweiligen Rollen der Menschen mit Behinderung und
ihre Stellung in der
Gesellschaft ergeben sich zum größten Teil direkt aus der ihnen gegenüber
ausgeübten Reaktionen
(Cloerkes/Neubert 1987: 54).
Cloerkes/Neubert (1987: 56) weisen darauf hin, dass man zwischen nicht funktional
bedingten
Restriktionen und den funktionalen Einschränkungen unterscheiden müsse.
Diese Grenzen sind in der
Realität allerdings sehr schwer zu ziehen, da oftmals die Übernahme
zentraler Rollen, beispielsweise
als Ehemann und Ernährer einer Familie, an bestimmte Leistungen gebunden
sind, so dass als
indirekte Folge der Funktionseinschränkung bestimmte Möglichkeiten,
beispielsweise Heiratschancen,
deutlich vermindert werden können. Dieser Hinweis scheint mir bei der Beschreibung
von sozialen
Reaktionen auf Menschen mit Hörschädigungen besonders wichtig zu sein.
Vor allem die
Einschränkung der Kommunikationsfähigkeit ist als indirekte Folge
des Schädigung des Ohres und der
damit verbundenen Erschwernis des natürlichen Spracherwerbs eine Funktionseinschränkung
mit
weitreichenden Folgen. Trägt ein Hörgeschädigter im Senegal keine
Hörgeräte, was den Regelfall
darstellt, so ist seine Schädigung zunächst in keiner Weise visibel.
Erst durch das Bemerken der
kommunikativen Einschränkung, bspw. durch Interaktion, wird die Behinderung
über die
Einschränkung der Kommunikationsfähigkeit visibel. Diese Vermutung
scheint auch durch die
Bezeichnung für Hörgeschädigte im Senegal Bestätigung zu
finden: Wie bereits erwähnt werden prä-
oder perilingual ertaubte Menschen auch als muma, als Stumme, bezeichnet. Die
Stimulusqualität liegt
meiner Meinung nach also eher bei der Funktionsbeeinträchtigung als bei
der Schädigung an sich.
Um auf die Rollenausübung zurückzukommen, scheint mir bei Menschen
mit einer Hörschädigung im
Senegal vor allem eine Einschränkung der Partizipation vorzuliegen. Inwieweit
diese Einschränkung
besteht und in welchem Umfang diese Menschen am Leben in der Gesellschaft teilnehmen,
hängt
jedoch stark vom Einzelfall ab.
Ngor Ndour ist der Auffassung, dass Mädchen und Frauen mit einer Hörschädigung
eher die von
ihnen erwartete soziale Rolle erfüllen können. Sowohl die Rolle als
Frau , Ehefrau, Hausfrau und
Mutter sei durch die Hörschädigung nur mit einem leichten mais...,
aber...., betroffen. Skepsis
bezüglich einer Eheschließung bestehe vor allen Dingen bei der Angst
um eine Vererbung der
Schädigung. Allerdings werden hörgeschädigte Mädchen selten
als erste Frau, sondern als Zweit-,
Dritt- oder Viertfrau verheiratet, so Ngor Ndour. Demgegenüber, so Ngor,
haben es Jungen und
Männer schwieriger, da ihnen als ökonomischer Versorger der Familie
eine wichtige soziale Aufgabe
zukomme, die sie aufgrund der Sekundärfolgen der Hörschädigung,
wie beispielsweise fehlende
Schulbildung und fehlende Berufsausbildung, schlechter erfüllen können.
Gomis (1994/95) hat in
einer Umfrage, an der ehemalige Schüler der beiden Schulen für Hörgeschädigte
in Dakar
teilgenommen haben, festgehalten, dass einige der ehemaligen Schüler verheiratet
sind, und zwar
ausschließlich mit Partnern mit einer Hörschädigung. Allerdings
leben diese Paare immer bei der
Familie des Mannes und führen keinen eigenen Hausstand. Denjenigen, die
gerne heiraten würden,
fehlt es aufgrund ihres geringen Verdienstes im Beruf an materieller Ausstattung.
Eine volle
Partizipation scheint hier also nicht möglich zu sein.
Bei Menschen mit einer Hörschädigung habe ich keine Hinweise bezüglich
einer Modifikation der
Partizipation in Richtung Sonderrolle eines Heilers oder Magiers gefunden; diese
Rolle nehmen eher
psychisch Kranke nach ihrer Heilung ein (Collomb 1978: 474). Auch die Sonderrolle
als Bettler
übernehmen Menschen mit einer Hörschädigung nicht, die traditionell
von Blinden und Menschen mit
einer Körperbehinderung ausgeübt wird.
Demgegenüber kommen Schutzfunktionen und Laissez-faire-Handlungen im Senegal
vor: In Ouakam,
einem Viertel am Rande von Dakar, lebt eine etwa 17-jährige gehörlose
Jugendliche bei ihrer Tante.
Eigentlich verbringt sie die ganze Zeit im Haus, im Hof oder auf dem Vorplatz,
wie übrigens viele
Mädchen im Senegal. Die Tante möchte sie nicht auf den Markt oder
in die Stadt, und somit auch
nicht in die Schule, lassen, da sie befürchtet, dass sie verloren gehe
und den Weg nicht mehr
heimfinde bzw. ihr etwas zustoßen könne. Außerdem sind sprachliche
Kompetenzen nicht im
ausreichenden Maße gegeben, wie z.B. beim geschickten Verhandeln auf dem
Markt hilfreich, so dass
die Tante befürchtet, dass ihre Nichte mit den Preisen betrogen werde.
Sobald wichtige Rollen in der senegalesischen Gesellschaft übernommen werden
können, wie z.B. die
des Ehemanns, Vater und Ernährer einer Familie kann von einer Quasi-Normalität
gesprochen werden.
Modiène Fall7 erzählte mir von einem hörgeschädigten Schreiner,
der mit einer hörenden Frau
verheiratet sei. Er habe genügend Arbeit und könne sich und seine
Familie ernähren. Auf die Frage,
wie sich der Schreiner mit seiner Kundschaft verständige, sagte mir Modiène,
dass dies kein Problem
sei, da er mit den Augen spreche und gestikuliere. Gebe es Probleme, übersetze
sein hörender Bruder.
Bei Menschen mit einer geringfügigeren Hörschädigung, die in
der Lage sind, lautsprachlich zu
kommunizieren, scheint die Schädigung und vor allem die Funktionsbeeinträchtigung
zu keinen
nennenswerten Reaktionen zu führen.
Abschließende Bemerkung
Das Reaktionsspektrum auf Menschen mit einer Hörbehinderung scheint im
Senegal, sofern man hier
überhaupt anhand der wenigen Beispiele ein Fazit ziehen kann, variabel
zu sein. Extremreaktionen
kommen aufgrund der fehlenden Stimulusqualität des Merkmals innerhalb der
ersten Monate nicht
vor, Einschränkung der Partizipation scheint als Rollenzuweisung zu überwiegen.
Menschen mit
Hörschädigungen scheint somit eine Teilhabe am gesellschaftlichen
Leben in einem gewissen Umfang
möglich zu sein, wobei die Rollenausübung und -zuschreibung individuell
betrachtet werden muss.
Jedoch reichen die Gehälter bei der Ausübung beruflicher Tätigkeiten
nicht aus, so dass schon durch
die materielle Einschränkung wichtige Rollen, wie die des Ehepartner oder
des Vaters bzw. der Mutter
oftmals nicht übernommen werden können (Gomis 1994/95: 52). Aber gerade
die Mutter- bzw.
Vaterrolle spielt im Senegal eine wichtige Rolle. Soziale Anerkennung scheint
unter anderem auch
von der Möglichkeit der Übernahme dieser Rollen abzuhängen. Könnten
die Einkommensverhältnisse
der hörgeschädigten Menschen durch eine qualifizierte Berufsausbildung
verbessert werden, so wäre
die Wahrscheinlichkeit einer angemessenen Besoldung höher und wichtige
Voraussetzungen zur
Heirat und Gründung einer Familie gegeben.
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CLOERKES, G.: Soziologie der Behinderten. Eine Einführung. Heidelberg 1997.
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Analyse ethnologischer Studien. Heidelberg 2. Aufl. 1987.
und ihre Anwendungen. Sonderdruck aus Heft 5/6 1978, 5/6, 463-482
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WIESE, B.: Senegal. Gambia. Länder der Sahel-Sudan-Zone. Gotha 1995
1) Das Centre verbo-tonal in Dakar ist die einzig staatliche Schule für
Hörgeschädigte im Senegal. Sie arbeitet
mir der verbo-tonalen Methode von Petar Guberina, ein Ansatz, der in Deutschland
keine Verbreitung gefunden
hat.
2) Saliou Sene ist Lehrer am Centre verbo-tonal in Dakar.
3) Ngor Ndour ist Psychologe am Centre verbo-tonal. Da er für die Eingangstests
zuständig sowie einer der
Kontaktmänner zu und Ansprechpartner für die Familien und Pflegefamilien
der hörgeschädigten Schüler ist, hat
er Einblicke in zahlreiche Lebenssituationen und Glaubensvorstellungen senegalesischer
Familien.
4) Ndeup ist eine, über mehrere Tage dauernde Zeremonie, in die sowohl
der Kranke als auch das Dorf oder die
Gemeinschaft einbezogen wird. Einerseits soll der rab aus dem Besessenen getrieben
werden, andererseits das
soziale Gleichgewicht in der Gruppe wiederhergestellt werden. Solche rituellen
Praktiken werden auch heute
noch angewandt, bspw. jeden Donnerstag in Grand Yoff bei Dakar.
5) Im Senegal glaubt man, dass in der Dämmerung die rab in den Straßen
unterwegs sind. Zu diesen Stunden
versuchen die Geister verstärkt, von den Seelen Besitz zu ergreifen, so
dass viele Senegalesen zu dieser Zeit in
ihren Häusern bleiben. Des weiteren sieht man im Senegal fast niemanden
in der Öffentlichkeit essen oder
trinken. Man glaubt, dass mit der Nahrungsaufnahme den Geistern eine Gelegenheit
geboten wird, in den Körper
zu schlüpfen und Schaden anzurichten.
6) Ich beziehe mich bei meiner Beschreibung auf die Klassifikation von Cloerkes/Neubert
(1987), die Idealtypen
der Reaktion auf Menschen mit einer Behinderung beschrieben haben.
7) Modiène war ein junger Senegalese aus der Nachbarschaft. Da ich es
vorzog, in einer Gastfamilie in einem
rein senegalesischen Viertel zu wohnen, konnte ich durch viele informelle Gespräche
und das alltägliche Leben
unmittelbar Einblicke in die Lebenswirklichkeit der senegalesischen Bevölkerung
erhalten.
Abstract: Senegal, a country where traditional values are not only influenced
by Islam, but more and more from
western ideas, there is an increasing trend to accept western explanations for
the causes of disability with the
use of modern treatment and intervention. However, the traditional explanations
and treatments still maintain an
important role and form the basis for the reaction to people with disabilities
and, eventually, their social
integration. The article shows these traditional attitudes in relation to the
situation of people with a hearing
impairment in Senegal.
Resumé: Au Sénégal, un pays où les modes de vie
traditionnels sont mêlés d'influences islamiques mais aussi
occidentales, a lieu un transfert de plus en plus fort des modèles de
représentation des causes de handicaps ainsi
que des méthodes de traitement et de soin d'origine occidentale. Malgré
tout, les représentations et les
traitements traditionnels jouent encore toujours un rôle important et
sont à la base des réactions par rapport
aux personnes en situation de handicap mais aussi de leur intégration
sociale. L'article ci-après traite de cette
approche traditionnelle ainsi que des rôles que les malentendants assument
dans la société sénégalaise.
Regina Magin,
Zeitschrift Behinderung und Dritte Welt
Ausgabe 1/2002
Quelle: http://www.uni-kassel.de/fb4/zeitschriften/beh3w/ausgaben/2002_1.pdf
Le
Monde 13.12.2002
Was mit
der "Joola" unterging
BRIEF AUS DEM SENEGAL
Lieber Diadié, seit der Schiffskatastrophe Ende September 2002 erreichen
uns von überall her Botschaften des Mitgefühls. Ich bekam welche aus
nächster Nähe, wie von dir, aber auch aus Trinidad und Athen. Über
dich, Diadié, möchte ich zugleich Freunden wie Yanne und Beata,
Louis, Noémie und Zohra antworten. Du hast in deinem Brief bewegende
Worte zu unserer Tragödie gefunden. Dennoch frage ich mich, was eigentlich
Wochen später im Kopf eines Fremden haften geblieben sein mag. So ist das
in unserer Zeit: Da wir unbekannte Menschen in weiter Ferne unter Häusertrümmern
stöhnen hören können, halten wir uns damit kaum mehr auf. Erinnere
dich: Das Fährschiff "Joola", das für 550 Passagiere ausgelegt
war und zwischen Ziguinchor und Dakar verkehrte, hatte 1.220 Menschen an Bord.
Nach nicht dementierten Pressemeldungen vielleicht sogar 2.000. Es gab 65 Überlebende.
Mit Hilfe dieser Angaben ist die Rechnung leicht aufzumachen, aber niemand wagt
es. Die genaue Zahl der Opfer ist mehr als ein Staatsgeheimnis, sie ist tabu.
Nun gibt es in deinem Brief einen kurzen Satz, über den ich beschämt und verärgert lächeln musste. Du schreibst: "Ich war der Ansicht, so etwas hätte überall in Afrika passieren können, nur nicht im Senegal." Ohne es zu ahnen, hast du das Messer in unserer Wunde gedreht. Auch wir haben gedacht, solche Dinge könnten nur anderen zustoßen. Übertriebene Bescheidenheit ist nie unser Fehler gewesen. Wenn es dieses böse Erwachen gab, dann weil wir uns in unserem Größenwahn zu lange sicher fühlten.
Von unserem ehemaligen Präsidenten Abdou Diouf haben wir verlangt, daß er sich bei den Wahlen am 19. März 2000 bereitwillig schlagen lässt und obendrein in der Niederlage auch noch Größe beweist. Wir wollten zweifach gewinnen, aufseiten des Siegers und aufseiten des Besiegten. Diouf hat sich großmütig auf dieses grausame Spiel eingelassen. Sein berühmter Telefonanruf bei Abdoulaye Wade, dem Wahlsieger, war weniger seines Inhalts als seiner klaren demokratischen Haltung wegen bedeutsam. Uns gab er die Möglichkeit, der Welt zu sagen: Seht her, sind wir nicht großartig, wir Senegalesen?
Ein knappes Jahr später hat das Begräbnis von Léopold Sédar Senghor die Aufmerksamkeit wieder in sehr schmeichelhafter Weise auf uns gelenkt: Jeder erinnerte sich, daß unser entschieden unkonventionelles Land als ersten Präsidenten einen ausgezeichneten Intellektuellen hatte, obwohl sein politisches Handeln bis heute umstritten ist. Auch sein freiwilliger Abschied von der Macht hat ihm Respekt eingetragen. Du erinnerst dich sicher.
Nichts hat uns so sehr den Kopf verdreht wie unsere sportlichen Meisterleistungen in Asien im Juni 2002. Das Eröffnungsspiel einer Fußballweltmeisterschaft hat etwas Besonderes. Es steht in gewissem Sinne noch außerhalb des Turniers und ist doch dessen Essenz. Es ist vor allem ein Duell, ein einmaliger Zweikampf. Vor den Augen der ganzen Welt haben wir uns an unserem ehemaligen Kolonialherrn revanchiert. Und während unserer Siegesserie stießen wir an jedem neuen Morgen lange Freudenschreie aus. Der neue Präsident hatte uns das Glück versprochen. Und da winkte sie uns schon, die glückliche Zukunft. Tatsächlich war es eine Zeit für Chimären aller Art. Nie war ein armes Land so reich an Flughäfen, transkontinentalen Autobahnen, Zukunftskonferenzen und anderen kalifornischen Ranches.
Es gab nur ein kleines Problem: All diese Dinge waren imaginär. Mit der erfolgreichen Fußballweltmeisterschaft im Rücken sollte nichts mehr unseren Vorwärtsdrang bremsen können. Als die ewigen Miesmacher anfingen, von Hungersnot zu reden, kamen Experten aus Marokko und sorgten dafür, daß sie den Schnabel hielten. Man hat uns, mit Hilfe wissenschaftlicher Tabellen, von künstlichem Regen träumen lassen. Und da das wirkliche Land an Wassermangel litt, zeigte das Fernsehen Archivbilder von tosenden, tropischen Wolkenbrüchen.
Niemand wurde getäuscht, und doch funktionierte das System blendend. Wir haben stets geglaubt, auf mehr oder weniger wundersame Weise dem Schlimmsten entrinnen zu können. Der Untergang der "Joola" hat diesen absurden Träumereien ein böses Erwachen beschert. Wir begannen uns zu fragen, lieber Diadié, ob wir nicht aus purer Lust an der Abwechslung die Macht in gefährlich unerfahrene Hände gelegt hatten. Anstelle der versprochenen Baustellen begann das Regime von Wade, zwischen Dakar, Ziguinchor und Banjul insgeheim Notfriedhöfe anzulegen. Bestürzt sahen wir mit an, wie es, statt für neue Arbeitsplätze zu sorgen, hunderte von Leichen achtlos in Container werfen ließ. Nie war uns die Kluft zwischen unseren Wunschvorstellungen und der Realität so erniedrigend und unerträglich vorgekommen.
Und was soll man zu den Pannen sagen, die die Rettung unzähliger Menschen verhindert haben? Der Schiffbruch ereignete sich um 23 Uhr in einem Gebiet, wo seit zwanzig Jahren der Aufstand der "Bewegung der Demokratischen Kräfte von Casamance" (MFDC) wütet. Bis acht Uhr morgens konnte keine zivile oder militärische Stelle kontaktiert werden. Es stimmt zwar, daß der Minister für Fischereiwesen noch in der Nacht informiert wurde. Er hat aber später arglos beteuert, daß er nichts habe tun können, weil er die Handynummer des Verkehrsministers nicht kannte. Er hat es so nicht gesagt, aber es war klar, daß er sich wieder schlafen gelegt hat, was ja durchaus menschlich ist. Für eine Situation, die so wenig zum Lachen reizt, ist man oft nah an der Lächerlichkeit gewesen.
Die Armee wurde von der Öffentlichkeit wegen ihres außerordentlich brutalen Vorgehens kritisiert, was für den Senegal etwas so Neues ist, daß es einen nachdenklich machen darf. Wir haben immer den größten Respekt für eine Armee gehegt, die niemals versucht hat, den Zivilisten die Macht streitig zu machen. Die Katastrophe brachte beunruhigende Defizite dieser Institution zum Vorschein. Sie hat vor allem das Bild der Professionalität getrübt, das ihr die Beteiligung an allen Friedensmissionen der Vereinten Nationen und der Organisation der Afrikanischen Einheit eingetragen hat. In einer einzigen Nacht hat der Schlendrian mehr Menschenleben gekostet als in den Jahren der Rebellion. Die Angehörigen der Opfer fordern übrigens, ein unerhörter Vorgang, die Absetzung des Generalstabschefs der Armee.
Präsident Abdoulaye Wade hat sehr schnell eingeräumt, dass der Schiffbruch kein Unfall war. Anstatt alles auf die Naturgewalten zu schieben, beschloss er, hart mit uns ins Gericht zu gehen. Du wirst mir erlauben, seine Aussagen frei wiederzugeben, ohne die geringste Furcht, sie zu entstellen. "Habgierig seid ihr und leichtfertig", warf er uns an den Kopf, "ihr habt keinen Respekt vor dem Leben eurer Mitmenschen, schämt euch, die ihr das Betrügen so sehr liebt!"
Und ob du es glaubst oder nicht, alter Freund, trotz unserer Wut und unseres Schmerzes bebten wir innerlich vor Freude. Keine Ahnung, ob der Begriff einen Sinn ergibt, aber ich würde das Populismus mit umgekehrtem Vorzeichen nennen. Wir wollten gescholten werden, und ein Präsident mit einem offenen Ohr für unsere geheimsten Wünsche mochte sich da nicht kleinlich zeigen. Unser Volk, immer zum Prahlen aufgelegt, hat am 26. September die Vorzüge der kollektiven Selbstgeißelung kennen gelernt und sich ihr überschwänglich, doch nicht ohne Ernst hingegeben. In Wirklichkeit aber war das vorherrschende Gefühl nach der Schiffskatastrophe die Scham. Wenn man sich kurz vor dem Gipfel wähnt, fällt es schwer zuzugeben, daß man, wie so viele andere, am Rand des Abgrunds steht. Hinter ihrem großspurigen Gehabe verbirgt unsere Demokratie so manchen traurig banalen Mangel.
Die "Joola" hat nicht nur das Bild von uns zerstört, das durch tatsächliche Erfolge entstanden war. Sie hat bewirkt, daß wir nicht mehr stolz auf sie sind und daß sie sogar einen bitteren Beigeschmack haben. Als wir den Slogan "Der Senegal gewinnt" über Gebühr strapazierten, waren wir nicht darauf gefasst, daß er auf uns zurückfallen könnte. Dann ging uns auf, daß wir drauf und dran waren, eine weitere Glanzleistung zu vollbringen: mit unserem einzigen Schiff sollten wir den Rekord der "Titanic" brechen.
Das Bild der beiden Flugzeuge, die sich in die Twin Towers bohren, wird für immer das Sinnbild des 11. Septembers sein. Unser Drama wird untrennbar mit dem Bild der Pirogen verbunden bleiben, die man auf der Insel Karabane um das schon gefährlich krängende Schiff hat kreisen sehen, um ihm noch mehr Waren und Passagiere aufzuladen. Auf Karabane regnet es, und die Bilder des Amateurvideos wirken umso ergreifender, als sie unscharf und verwackelt sind. Wir befinden uns immerhin beinahe im Herzen der Finsternis. Eine Frau im blauen Kleid, vom Regen durchweicht, geht über eine Veranda, die seltsamerweise an irgendeinen fernen Dschungel erinnert. Die junge Frau verschwindet sodann in einem Blitz, noch ehe man versteht, was sie dort tut. Wenn der Tod auf diese Weise nahe kommt, gibt es nichts zu verstehen; nur so viel, daß das Desaster, von dem die Zeichen künden, mit Sicherheit eine neue afrikanische Tragödie sein wird. Letztlich heißt das, eine gewaltige, durch die Dummheit der Menschen verursachte Naturkatastrophe. Keine Politikerrede wird diese Gewissheit aus dem Gedächtnis tilgen: Das, was passiert ist, Diadié, haben wir der ungeheuren Inkompetenz unserer Regierenden zu verdanken.
Fast 1.500 Tote,
ein Schiff mit seiner Ladung und hunderten verwesender Leichen auf dem Grund
des Atlantiks, das ist eine teuflische Bürde für unser Gedächtnis.
Unsere Würde liegt darin, sie zu tragen. Der Untergang der "Joola"
mag vor allem Demut lehren; wir können daraus Nutzen ziehen, vorausgesetzt,
daß er unseren Präsidenten auf den Boden der Wirklichkeit zurückholt.
Ein Land kann nicht wie im Atemstillstand am Tropf des vermeintlichen oder tatsächlichen
Wissens eines einzigen Menschen hängen. Das macht uns unselbstständig
und birgt die Gefahr, daß wir uns eines Tages gefesselt und geknebelt
den übelsten Abenteuern ausliefern.
Von BOUBACAR BORIS DIOP, Senegalesischer Schriftsteller, 1946 geboren, studierte
Literatur und Philosophie, schreibt Theaterstücke, Erzählungen, Romane
und Essays. Er erhielt u. a. den "Grand Prix de la République du
Sénégal pour les Lettres" und war einer von zehn Teilnehmern
am Literaturprojekt "Rwanda: écrire par devoir de mémoire".
Sein Buch "Murambi. Le livre des ossements" (2000) ist in Paris bei
Stock erschienen. Le
Monde 13.12.2002 dt.
Christian Hansen
ZEIT
42/2002
MUSIK-SPEZIAL
Ein Mix aus Afrika, Arabien und Kuba - das senegalesische Orchestra Baobab mit
seinem legendären Sound der Freiheit ist wieder da Mießgang
Lamine Gueye ist eine der Hauptverkehrsadern in der von Autos, Passanten und
Straßenhändlern verstopften Innenstadt Dakars. Hier mischt sich ein
Hauch von Pariser Élégance mit dem geselligen Leben des dörflichen
Hinterlandes. Männer in europäischen Business-Anzügen hasten
an Frauen in bunten Boubous vorbei, die sich auf dem Trottoir niedergelassen
haben und mit einem Stößel Körner zermahlen. Globalkolorit in
lokalen Zusammenhängen. An der Ecke Lamine Gueye und Place de la République
steht ein heruntergekommenes Gebäude im kolonialen Art déco mit
zierlichen Säulen und überdachten Wandelgängen. Bis vor kurzem
gab es hier ein Lokal, in dem Abend für Abend eine kleine Combo mit kubanischer
Musik aufspielte. Ein Feuer hat den Ort verwüstet, die Musik ist verstummt.
Auch an einem Gebäude auf der gegenüber liegenden Straßenseite
sind die Fenster verbarrikadiert, und die Eingangstür ist mit gekreuzten
Balken zugenagelt. "Das hier", sagt Moussa "Balla" Sidibe,
einer der Sänger des Orchestra Baobab, "war einmal der Club Baobab.
Hier spielte unsere Gruppe in den siebziger Jahren als Hausorchester, hier haben
wir unseren Stil gefunden und verfeinert. Doch das ist Geschichte, Erinnerung,
eine verwischte Spur am Horizont."
Auf der gerade veröffentlichten CD Specialist In All Styles, die die Band
nach 15 Jahren Pause wieder zusammengeführt hat, wird dieser klassische
Sound von einst minuziös rekonstruiert: ein behäbig schleifender kubanischer
Pachanga-Rhythmus, der sich manchmal so weit zurücklehnt, dass er fast
zum Offbeat-Reggae wird. Straffe Chöre in Terzenschichtungen, aus denen
sich die irisierenden Gesangslinien der Solisten herauswinden: arabische Mikrotonalitäten,
der Ruf des Muezzin ins Säkulare übersetzt. Und dazu als Jolly Jokers
zwei Instrumentalisten mit ganz eigenem Temperament: der Gitarrist Barthélemy
Attisso, aus Togo zugewandert, der seine Soli mit perlenden Arpeggien beginnt,
um sie am Höhepunkt in psychedelischen Klangsplittern explodieren zu lassen,
und der Saxofonspieler Issa Cissokho mit fröhlich trötenden, zirkusartigen
Kapriolen.
"Vergesst eure eigenen Klänge nicht", fordert der Staatspräsident
Dakar in den siebziger Jahren. Seit einer Dekade regiert Präsident Léopold
Sédar Senghor, Katholik, Poet, Mitglied der französischen Akademie,
Freund von Jean-Paul Sartre und vor allem Mitbegründer der Philosophie
der Négritude, die als antikoloniale Protestbewegung die Fundamente für
ein neues afrikanisches Selbstbewusstsein legen wollte. Der cadavre encerclé,
der "umzingelte Leichnam" der Kultur unter Kolonialbedingungen, wie
es Frantz Fanon - kein Anhänger der Négritude - genannt hat, sollte
neu beseelt werden. Während Fanon vor allem an dynamischen "Kulturen
in Bewegung" interessiert war, ging es Senghor um kulturellen Nationalismus
und die Mythen des Ursprungs. "Unser Präsident sagte: Okay, ihr könnt
französische und kubanische Musik spielen. Aber vergesst auch eure eigenen
Klänge nicht", erzählt Rudy Gomis, Gründungsmitglied und
bis heute Sänger des Orchestra. "Nehmt die Klänge der Wolof und
der Serer, der Jola und der Tukuleur und spielt sie auf europäischen Instrumenten.
Das Orchestra Baobab war ursprünglich eine konventionelle Tanzcombo gewesen:
Man spielte Son und Bolero, Tango und Pasodoble - die Klänge aus den imaginären
Provinzen eines universalen Exotismus. Nach dem Appell des Präsidenten
Senghor, der in ganz Senegal kulturellen Erneuerungsschwung brachte, nahm Baobab
Griot-Sänger wie den charismatischen Laye Mboup an Bord und imitierte den
Klang der senegalesischen Sabar-Trommel auf den Timbales. Der Sound "afrikanisierte"
sich, ohne jedoch seinen Pastiche-Charakter zu verlieren. Die Musik des Orchestra
Baobab blieb bis heute ein eigenwilliges Amalgam aus vermeintlich Unvereinbarem,
eine Kunst, die leichtfüßig kulturelle Barrieren übersprang.
Das Publikum im Club Baobab in den späten siebziger Jahren hatte für
solcherlei Idiosynkrasien wohl kein Ohr. Es handelte sich um jene postkolonialen
Eliten, vor denen schon Frantz Fanon gewarnt hatte, als er kurz vor seinem Tod
Die Verdammten dieser Erde veröffentlichte: Ministerialbeamte und politische
Sekretäre, Import-Export-Händler und Journalisten, die nach dem Abgang
der Franzosen in Administration und Geschäftsleben nachgerückt waren
und innerhalb weniger Jahre die panafrikanische Aufbruchsstimmung in das bleierne
Gefühl einer korrupten Oligarchie verwandelt hatten. Der Club Baobab war
ihre Spielwiese und Lasterzone, wo sie den Rauch dicker kubanischer Zigarren
in die Luft bliesen und sich mit ihren Freundinnen in den Separées vergnügten.
Rudy Gomis gibt sich keinen Illusionen über die Rolle hin, die sein Orchester
in den Zeiten einer erodierenden Staatsstruktur gespielt hat: "Wir sahen
nicht, was rund um uns herum passierte. Wir machten Musik für den Präsidenten,
aber nicht für sein Volk."
Eine Zeit lang leuchtete der Stern des Orchestra Baobab trotz seiner delikaten
Rolle am Hofe der postkolonialen Aristokratie in ganz Westafrika: Lieder wie
Coumba, ein wehmütiger Abschiedsgesang von Gomis für seine erste Frau,
wurden zu Gassenhauern, und die Phrase On verra ça - man wird sehen -
aus dem gleichnamigen Song infiltrierte den Gossenjargon in den Straßen
von Dakar. Doch der Ruhm des Orchesters hatte ein Ablaufdatum. Kurz bevor Präsident
Senghor im Jahr 1981 freiwillig zurücktrat und die Macht an Abdou Diouf
übergab, hatte sich ziviler Ungehorsam ausgebreitet. Es kam zwar in Dakar
nie zur offenen Revolte - man hatte 1968 erlebt, wie Senghor einen Studentenaufstand
mit Waffengewalt niederzwang -, aber in den Kneipen und auf den Plätzen
ärmerer Stadtviertel brodelte Veränderungslust. Der Geist des Widerstandes
verlangte nach neuen kulturellen Ausdrucksformen - vor allem in der Musik, die
in einem Land mit hoher Analphabetenrate Gemeinschaft stiftet und knappe Verständigungsformeln
prägt. Mbalax, der neue Klang, der in den folgenden Jahren ganz Senegal
erobern sollte, war keineswegs politisch. Die Unrast im Volk artikulierte sich
nicht über Texte, sondern über die hammerharten Grooves der Sabar-
und Tama-Trommeln. Besonders die Frauen reagierten ekstatisch: Sie kreierten
einen hüftschwingenden Tanz, der unter dem Namen Ventilateur bekannt wurde
und von den Würdenträgern der islamischen Mouriden-Sekte als gotteslästerlich
empfunden wurde. Mbalax war so etwas wie die senegalesische Punkbewegung, und
ihr Held wurde der junge Youssou N'Dour. Für das Orchestra Baobab aber
begann die Stunde der Dämmerung: Die Konversion des Ensembles zu einer
Mbalax-Gruppe misslang, zudem wurde ihr Club im Jahr 1979 geschlossen. Man machte
noch ein paar Jahre in anderen Etablissements weiter, doch was gestern noch
als neu und heiß gegolten hatte, war jetzt ein alter Hut.
Ein paar zerkratzte Platten, die am Sandaga-Markt in den hinteren Regalen der
Straßenhändler vor sich hin stauben - das wäre es fast gewesen,
wenn nicht der englische Produzent und Label-Eigner Nick Gold die weltweiten
Verwertungsrechte an einer Baobab-Session aus der Zeit des Zerfalls erworben
hätte. Das Material wurde unter dem Titel Pirate's Choice veröffentlicht
und enthält mit Utrus Horas den größten "Hit" des
Orchesters - ein bitter melancholisches Lied, in dem Rudy Gomis in dichten Metaphern
den Bürgerkrieg in der Casamance beschreibt, bei dem ein Teil seiner Familie
ausgerottet wurde. Pirate's Choice erhielt dem Orchestra Baobab lange nach seiner
Auflösung die Präsenz in der World-Music-Ecke. So gewaltig war die
Nachfrage über die Jahre, dass die Band im vergangenen Jahr beinahe in
Originalbesetzung wieder zusammenfand und das große archäologische
Projekt in Angriff nahm, den Klang aus der Frühphase der Unabhängigkeit
zu rekonstruieren. Barthélemy Attisso war längst wieder nach Togo
zurückgekehrt, um dort seinem erlernten Beruf als Anwalt nachzugehen. Er
musste erst einige Monate die klammen Finger trainieren, um die Gitarre wieder
zum Sprechen zu bringen. Andere Baobabs wurden in Kneipen und Hotelbars eingesammelt,
wo sie sich schlecht und recht über Wasser gehalten hatten. In einer Aufwärmphase
fanden 2001 gut besuchte Konzerte in ganz Europa statt, danach mietete man sich
für die Aufnahmen zu Specialist In All Styles im Xippi-Studio von Youssou
N'Dour ein. Die Zeit hat die ehemaligen Rivalitäten abgeschliffen: Der
Mbalax-Gott kann heute generös die Baobab-Musiker als legendäre Vorväter
anerkennen und ließ es sich nicht nehmen, selbst die Chöre zu dirigieren.
Mit der Stimme von Ibrahim Ferrer aus Havanna wurde noch ein wenig internationaler
Sternenstaub über das Klangbouquet gestreut - man muss den Millionen Fans
des Buena Vista Social Club ja Alternativen anbieten, nachdem das karibische
Fieber abgeflaut ist.
Produzent Nick Gold, der 1997 das Comeback der greisen Buena-Vista-Helden orchestriert
und administriert hat, arbeitete nach einem präzisen Masterplan, der um
jeden Preis zum Erfolg führen soll. Das ist der einzige Vorwurf, den man
dem ambitionierten Projekt machen kann: Wer neue Kompositionen des Orchestra
Baobab erwartet hat oder gar eine ästhetische Reflexion der 25 Jahre, die
seit der Blütezeit verstrichen, der wird enttäuscht: Die Spezialisten
in allen Stilen liefern neben kubanischen Evergreens aus der Pachanga-Phase
vor allem frisch geföhnte Versionen ihrer eigenen großen Erfolge.
Rudy Gomis rechtfertigt das damit, dass die meisten dieser Kompositionen längst
vergriffen oder verschollen seien. Das weltweite Publikum könne sie somit
hier zum ersten Mal hören. Und zwar zu den Bedingungen der Schöpfer
dieser Klänge.
So erlebt die Musik aus Senegals postkolonialer Aufbruchszeit ihre Wiedergeburt
zu einem Zeitpunkt, da der Mbalax, der sie einst hinweggefegt hat, selbst um
seine Vorherrschaft kämpft. Im so genannten Sene-Rap, der Dakar-Variante
des HipHop, ist ihm eine ernst zu nehmende Konkurrenz erwachsen. Während
der Mbalax die Übel im Lande nur indirekt adressierte und sich eher als
sinnenfrohe Variante zum Elend eines politisch gelähmten Alltags verstand,
war Sene-Rap von Beginn an bissig und angriffslustig: Die HipHopper beschimpften
korrupte Bürokraten und Politiker, die in dicken Autos durchs Plateau-Viertel
fuhren, beklagten die schlechten Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche
und den langen Arm der Franzosen, die aus den Kulissen immer noch ins Land hineinregierten.
Die Kompilation Politichien fasst den Geist des Sene-Rap am besten zusammen:
Der Politiker ist ein Hund. Die Wortschleuderer aus Dakar waren auch maßgeblich
daran beteiligt, dass sich eine starke Jugendbewegung formierte, die vor zwei
Jahren mithalf, den Langzeitpräsidenten Abdou Diouf aus dem Amt zu fegen.
Dass es sein Nachfolger Abdoulaye Wade bislang auch nicht geschafft hat, die
zahlreichen Forderungen nach mehr Schulen, Computervernetzung und einer transparenten
Administration zu erfüllen, steht auf einem anderen Blatt.
Es ist ein Akt der ausgleichenden Ironie, dass im Milieu der finsteren jungen
Männer mit Baseballkappen die fein ziselierte Baobab-Musik wieder höher
im Kurs steht als zu Zeiten der Mbalax-Hausse. Wenn etwa Positive Black Soul,
die Könige des Sene-Rap, über das klassische Riff des Baobab-Songs
Boul Ma Miin ihre Wortkaskaden abfeuern und Respekt zwischen den Generationen
einfordern, dann spürt man eine tiefe Verbundenheit mit den Gründervätern
einer senegalesischen Musikidentität. Daraus allerdings zu schließen,
dass sich die Baobab-Musiker bereits als Frühpensionisten sehen, die das
Terrain den nachfolgenden Generationen überlassen, wäre grundfalsch.
"Die Leute sollen nicht glauben, dass wir Museumsstücke sind",
meint Rudy Gomis schmunzelnd. "Wir haben eben sehr früh mit der Musik
begonnen. Viele glauben, dass wir schon 70 oder 80 Jahre alt sind, aber das
ist Unsinn. Wir sind mit 16 auf die Bühne gestiegen. Wir akzeptieren, wenn
man uns als Männer in einem gewissen Alter bezeichnet, aber wir sind keine
Greise."
Orchestra Baobab: Specialist In All Styles