FR, 10.01.2003
Aus dem Dornröschenschlaf erwacht
Saint-Louis, die ehemalige Hauptstadt Französisch-Westafrikas entdeckt seine Vergangenheit
Von Thomas Veser

Zu den herausragenden Baudenkmälern von Saint-Louis zählen die zwei ausgedienten Wassertürme gewiss nicht. Für die Bewohner freilich gehören auch die nüchtern gestalteten Zweckbauten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert wie Kathedrale, Gouverneurspalast und Stahlbrücke zum vertrauten Erscheinungsbild des historischen Kerns. Auf Schachbrettgrundriss erbaut, erstreckt sich die erste Hauptstadt von Senegal auf einer Insel zwischen zwei Armen des Senegalflusses im Norden des Landes nahe der Grenze zu Mauretanien.
Als die Reservoirs vor einigen Monaten hinter Gerüsten und Planen verschwunden waren, wusste jeder, dass wieder einmal Abrisse bevorstanden. Dass die nationale Wasserversorgungsgesellschaft in der Hauptstadt Dakar den Abbruch ihrer gut erhaltenen Türme mit drohender Einsturzgefahr begründete, trieb die Menschen allerdings auf die Barrikaden. Erbost protestierte der überwiegende Teil der 150000 Einwohner gegen dieses fadenscheinige Argument, das ihrer Ansicht nach nur die eigentliche Absicht, moderne und gewinnbringende Gebäude zu erstellen, verschleiern sollte.
Aber auch aus einem anderen Grund entwickelte sich der Abbruchversuch zum nationalen Politikum. Seit einem Jahr steht die Altstadt auf der Unesco-Welterbeliste. Folglich ist die Republik Senegal verpflichtet, dieses Kulturerbe nach besten Kräften zu bewahren. Daraufhin wurden die Abbrucharbeiten umgehend eingestellt. Jetzt sollen die Türme originalgetreu rekonstruiert werden.
Seit der Unesco-Beschluss publik geworden war, scheint ein Ruck durch die Stadt gegangen zu sein. Presslufthämmer und Betonmischmaschinen auf den Trottoirs liefern neuerdings eine nervenaufreibende Geräuschkulisse, die in den Ohren vieler Bewohner wie Zukunftsmusik klingt. Überall werden Häuser renoviert, "den Menschen ist endlich bewusst geworden, dass auch sie an der Rettung ihrer Stadt mitwirken können", versichert Amadou Cisse, Leiter des städtischen Tourismusamtes.
Das sind in der Tat ganz neue Töne in diesem Ort, der Hauptstadt von Französisch-Westafrika, Mauretanien und Senegal war. Nachdem Dakar Saint-Louis 1958 abgelöst hatte, fiel die Stadt am Delta des Senegal in Lethargie. Nur offizielle Gebäude wurden renoviert, private Wohnhäuser blieben meist ihrem Schicksal überlassen.
Vom Kontinent aus betrachtet, wirkt die Kolonialstadt mit ihren weißen und ockergelben Fassaden frühmorgens noch immer wie auf Darstellungen des 19. Jahrhundert. Pierre Loti, der dort seinen Roman eines Spahi verfasst hat, verglich die Stadt nahe der Mündung des Senegalflusses in den Atlantik mit einer trägen Schönheit, die hinter den Stadtmauern in einen Domröschenschlaf gesunken war.
Zwei Jahrhunderte zuvor begann der Aufstieg der Stadt zum wichtigsten Handelsort und Verwaltungssitz des Kolonialreiches. Geschäfte mit Kautschuk, Baumwolle, Kaffee und Kakao, später Sklavenhandel, ließen die Stadt reich werden. Mitarbeiter im Dienst der Compagnie verpflichteten sich für zwei Jahre und bezogen Quartier in zwei- bis dreistöckigen Wohnpalästen, die mit Ziegeln gedeckt waren. Balkone aus Holz oder Schmiedeeisen zierten die oberen Etagen der mit kühlen Innenhöfen versehenen Gebäude, hölzerne Fensterjalousien schützten vor der Sonne. Im Erdgeschoss waren Geschäfte untergebracht. Kaufleute, vor allem aus der Region Bordeaux, drängten seit Mitte des 19. Jahrhunderts vom Brückenkopf Saint-Louis aus in den Kontinent hinein. Ihr Interesse galt Kautschuk, Bodenschätzen und Erdnüssen, für die weiter im Süden riesige Plantagen nötig waren.
Damals durfte sich Saint-Louis als kultureller und geistiger Mittelpunkt betrachten. Bis heute sind die Intellektuellen stolz auf ihre Museen und das Kulturangebot, darunter Jazzkonzerte. Das ist jedoch eher ein schwacher Trost für den politischen Bedeutungsverlust: Noch vor der Unabhängigkeit 1960 war der Beschluss gefallen, Dakar zur neuen Hauptstadt zu erheben. Nach und nach zogen die Behörden um. Dass es so kommen musste, war jedem Saint-Louisien bewusst und dennoch erlebte die Stadt 1958 einen Aufstand. Autos brannten, Einwohner schwenkten die französische Trikolore und forderten den Anschluss an Frankreich. Zum simplen Provinzhauptort degradiert, büßte Saint-Louis auch bei den eigenen Bewohnern alle Attraktivität ein. Wer es sich leisten konnte, zog nach Dakar, verkaufte zuvor sein Elternhaus oder ließ es leer stehen. Schon wenige Jahre nach der Unabhängigkeit schlug die Denkmalpflege Alarm: Der historische Kern war überbevölkert, zu viele Menschen lebten in den noch bewohnbaren Teilen von Gebäuden, die eher Ruinen glichen.

Gemäß der 1997 gesetzlich beschlossenen Dezentralisierung fällt auch die Denkmalpflege der eigenen Stadt in die Zuständigkeit der Kommunen. Diese Regelung steht allerdings nur auf dem Papier. Es fallt der nach französischem Vorbild geschaffenen Zentralverwaltung in Dakar noch immer schwer, die nötigen Vollmachten und Finanzen abzutreten.                                        FR, 10.01.2003

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Exodus der Hochschullehrer
Lukrativere Jobs locken jährlich rund 23 000 afrikanische Wissenschaftler nach Übersee

Afrika verliert Jahr für Jahr viele tausend Hochschullehrer, weil ihnen europäische und US-Universitäten bessere Forschungsbedingungen und lukrativere Jobs bieten. Auf dem UN-Weltgipfel in Johannesburg hatte der Südafrikaner Chris Buckley von der Universität in Natal von rund 23000 afrikanischen Dozenten und Wissenschaftlern gesprochen, die alljährlich ihre Heimatländer verlassen.
Allein den beiden Universitäten im westafrikanischen Senegal gingen in den vergangenen Jahren durch den Exodus der akademischen Elite mehr als 105 Hochschullehrer verloren. "Wir können es unseren Kollegen nicht verübeln, dass sie sich nach lukrativeren Pfründen umsehen. Wir beneiden sie allmählich, denn sie finden im Ausland bessere Forschungsmöglichkeiten und bessere Lebensbedingungen", sagt der Generalsekretär des in Dakar ansässigen Unabhängigen Verbandes der Hochschullehrer, Ibra Diene. "Afrikanische Staaten liefern den Universitäten reicher Länder ihre gut ausgebildeten, erfahrenen Dozenten praktisch frei Haus." Auch der senegalesische Bildungsexperte Sadibou Marone will den emigrierten Hochschullehrern nicht mangelnden Patriotismus vorwerfen. "Ihre Länder haben ihnen weder gute Forschungsmöglichkeiten noch finanzielle Sicherheit geboten."
Nach Berechnungen der regionalen UN-Wirtschaftskommission (ECA) hat Afrika in weniger als zwei Jahrzehnten ein Drittel seiner Geistesarbeiter verloren. Betroffen sind vor allem Ägypten, Südafrika, Nigeria, Kenia und Ghana. Vier Milliarden Dollar müssen alljährlich aufgebracht werden, um die frei werdenden Stellen mit rund 100000 angeworbenen Ausländern zu besetzen. "Wir schaffen es aber nicht, mit einer entsprechenden Summe die 250000 ausgewanderten Afrikaner zurückzuholen", kritisierte der Nigerianer Philip Emeagwali, der in den USA lebt, in einem Interview. "Bei gleicher Qualifizierung werden die von uns angeworbenen ausländischen Fachkräfte weit besser bezahlt als ihre einheimische Kollegen."
Laut Verbandssprecher Diene gehören Senegals Hochschullehrer zu den am schlechtesten bezahlten der ganzen Region. Die monatlichen Anfangsgehälter senegalesischer Dozenten liegen zwischen umgerechnet 246 und 261 Dollar. Das Spitzengehalt eines Professors kann bis zu 923 Dollar betragen. In Europa oder den USA verdienen Professoren das Drei- bis Fünffache. "In Senegal wie in ganz Afrika wird der Mangel an Hochschullehrern immer problematischer", warnt Diene. Alarmiert durch einen Dozentenstreik, der den Betrieb an den Universitäten von Dakar und Saint-Louis zwei Wochen lahm legte, setzte die senegalesische Regierung nun eine Sonderkommission ein. Sie soll Vorschläge erarbeiten, wie sich die abgewanderten Forscher ins Land zurückholen lassen.                                       Von Abdou Faye (Dakar/ips)

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Bei der Abschiebung von Afrikanern nutzt die Schweiz Senegals Hilfe
Herkunft abgelehnter Asylbewerber soll laut Abkommen in Dakar ermittelt werden / Amnesty: Bern delegiert "Drecksarbeit"
von Christof Link

Die Schweiz hat mit Senegal einen Vertrag abgeschlossen, mit dem die Abschiebung abgelehnter westafrikanischer Asylbewerber erleichtert werden soll. In Senegals Hauptstadt Dakar soll innerhalb von 72 Stunden die Herkunft von afrikanischen Flüchtlingen ermittelt werden, die Angaben über ihre Nationalität verweigern. Scheitert das, will die Schweiz den jeweiligen Asylbewerber zurücknehmen.

NAIROBI, 9. Januar. Abgelehnte Asylbewerber, die ihre Herkunft verschweigen und darum nicht abgeschoben werden können, stellen auch die Schweiz vor Probleme. Im Fall von Westafrikanem will die Schweiz die Flüchtlinge nun auf den afrikanischen Kontinent, nach Senegal, schicken, wo ihre Identität geklärt werden soll. Die Schweiz klagt vor allem über mutmaßliche Wirtschaftsflüchtlinge aus Angola, der Demokratischen Republik Kongo, Nigeria, Sierra Leone und Guinea. Laut Statistik stieg in der Schweiz die Zahl der Asylsuchenden aus Afrika von 3500 im Jahr 2000 auf 4700 im Jahr 2001.
Am Mittwochabend unterzeichnete die für Justiz und Polizei zuständige Bundesrätin Ruth Metzler in Dakar ein "Basisabkommen", dem zufolge Senegal eine Schlüsselrolle bei der Rückführung von Afrikanern zukommt. Details müssen aber noch geklärt werden. Gemäß dem Abkommen darf die Schweiz abgelehnte Asylbewerber aus Westafrika zeitweise nach Senegal schicken, um dort deren Identität zu prüfen und die Heimreise zu organisieren. Die Prüfung muss binnen 72 Stunden erfolgen, gelingt sie nicht, muss die Schweiz die Menschen unbekannter Herkunft wieder aufnehmen.
Senegals Außenminister Tidiane Gadio sagte im Privatradio "Walfadjri", Senegal habe kein Geld von der Schweiz verlangt.
Der Vertrag entspreche der Philosophie von Präsident Abdoulaye Wade, wonach Jeder Flüchtling in Senegal zu Hause" sei. Senegal ist Drehscheibe für Westafrika mit guten Verkehrsverbindungen in die Region. Wade hat schon häufig in afrikanischen Konflikten vermittelt.
Über die Art der Ermittlungsarbeit in Senegal ist noch wenig bekannt. Geplant ist dem Vernehmen nach, dass sich die Flüchtlinge in einem Transitbereich auf dem Flughafen von Dakar 72 Stunden lang aufhalten. Wie die Zusammenarbeit mit den afrikanischen Botschaften aussieht, bleibt offen. Viele dieser Vertretungen in Dakar haben organisatorische Mängel, Computer fehlen, und Telefonleitungen sind überlastet.
Die Botschaft Guineas etwa ist im Wohnhaus des Botschafters untergebracht und unterbesetzt. Auf dem Boden stapeln sich Visaanträge einen halben Meter hoch. Wer hier vorstellig wird, muss stundenlang warten. Beobachter zweifeln, ob eine Identitätsprüfung wirklich in drei Tagen erfolgen kann. Auch Metzler räumte ein, dass die Frist "sehr kurz" sei. Die Schweizer Behörden wollten aber versuchen, alle Fragen in dieser Zeit zu klären. Metzler reiste nach Nigeria weiter, um dort ebenfalls über Rückführungen zu verhandeln.
Die Schweizer Sektion von Amnesty International kritisierte die Transitvereinbarung. Die Schweiz wolle sich des Asylproblems entledigen, indem sie die "Drecksarbeit" an die senegalesischen Behörden delegiere. Amnesty Deutschland wies darauf hin, dass ein solches Modell von den EU-Innenministern schon länger erwogen werde. Asylreferent Wolfgang Grenz bezweifelte auf Anfrage der FR, dass in Senegal ein rechtsstaatlich einwandfreies Verfahren garantiert werden könne. Flüchtlinge, deren Herkunft nicht geklärt sei, dürften nicht in irgendein Land geschickt werden, warnte Grenz.
http://www.madagasikara.de/2003/Januar/0301-1d/030110frasylschweiz.htm

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Berliner Morgenpost 12.3.2003   
Passage ohne Wiederkehr
Über Jahrhunderte war Gorée ein Ort der Tränen: Die Insel vor der Küste des Senegal bildete die letzte Station für afrikanische Sklaven auf dem Weg nach Amerika - heute lebt man vom Tourismus    
Von Dorothee Baer-Bogenschütz

Die Tür zu ebener Erde öffnet sich unvermittelt aufs Meer. Der schmale, schwärzliche Küstenstreifen mit seinen Basaltkuppen ist außer Sicht. Auch der Horizont ist nicht zu erblicken im hellen Geviert, nur unendliches Blau. Uferlos erscheint von hier aus der Ozean. Segel setzen und ab, fantasiert der Besucher.
Ein paar Angler balancieren über den zackigen Fels, richten sich ein mit ihren Ködern und Kühlboxen - und schwupp, schon erwischt einer einen Fisch. Heftig zuckt der breitschuppige Fang in der Luft. Die Atlantikwellen klatschen an die Küste. Da draußen - vormals eine Zweimonatsreise entfernt - liegt Amerika. Hier drinnen stand einst senkrecht die Angst.
Das "Maison des Esclaves" auf der Insel Gorée ist das einzige verbliebene Beispiel eines ehedem verbreiteten Gebäudetypus, der speziell entwickelt wurde, um Sklaven in Massengewahrsam zu nehmen. Um 1780 erbaut, ist das Sklavenhaus, inzwischen Museum und Mahnmal, ein äußerlich schmucker Zeuge der hässlichsten Epoche in der Inselhistorie.
Hinter ochsenblutfarbenen Mauern, die in der Sonne Senegals vieldeutig glühen, flossen Schweiß und Tränen. Oben, in der Beletage, in die man über eine elegant geschwungene Freitreppe gelangt, ließ es sich dagegen leben. Dieses Stockwerk ist solide, strahlt Wohlstand, ja Anstand aus: Holzbalkendecke, große Fenster zur See, ein Balkon mit Aussicht. Hier thronte die Herrschaft. Zu ihren Füßen herrschte nackte Not. Nachts klemmten die Sklaven in ihren Ketten wie Vieh. Der Tag brachte noch eine Verschlimmerung der Lage. Auf Geheiß ihrer Schinder mussten die Schwarzen schuften bis zum Umfallen. Ein Vorgeschmack auf das, was sie am Ende ihrer Verschleppung erwartete.
Ihrem Joch zu Grunde lag von Anbeginn ein perfide perfektioniertes System. Vor Antritt ihrer Fahrt in die lebenslange Unfreiheit, in jenen grässlichen Warteperioden, die vergingen, bis der nächste Kutter kam, hatten die Leibeigenen die Ladungen der einlaufenden Handelsschiffe zu löschen: darunter auch die Güter, gegen die ihr eigenes Leben aufgerechnet wurde. Glasperlen, Textilien, Tand. Danach war neue Ware auf die Frachter zu packen. Ankerten gerade mal keine, was selten vorkam - um 1850 nahmen jährlich mehr als 1200 Schiffe Kurs auf Gorée - , zwang man die Entrechteten, aus dem blanken Basalt Baumaterial zu schlagen. Ihr Werkzeug: Kanonenkugeln.
Besucher der fensterlosen 15 Quadratmeter großen Zellen des Maison des Esclaves brachten Gorée mit Auschwitz und Dachau in Verbindung. Nach Monaten in stickiger und lichtloser Enge traten die Gefangenen ihre Reise ohne Wiederkehr an. Die kleine Öffnung ins Blaue besiegelte ihre ewige Gefangenschaft.
Über eine Laufplanke wurden sie in die Schiffsbäuche geprügelt. Kranke und Schwache kamen gar nicht erst an Bord. Ihre Peiniger stießen sie - verärgert über das entgangene Kapital - mitleidlos in die Wogen. Noch heute inspizieren Haie die Buchten. Ihre Gier auf Menschenfleisch stand der Unersättlichkeit der Plantagenbesitzer im Kaffeeland Brasilien, der vom Zucker korrumpierten Karibik und den Baumwoll- und Tabakregionen Nordamerikas nicht nach. Um "drüben" alles, was süchtig macht - Süßes, Nikotin und Hochprozentiges - produzieren zu können, benötigte man permanent Nachschub an hitzeresistenten und unterwürfigen Erntemannschaften. Schätzungen zufolge sind vom 16. bis 19. Jahrhundert an die 20 Millionen Westafrikaner in die Neue Welt verkauft worden.
Von den Portugiesen 1444 dem natürlichen Gedeihen entrissen und auf Verderb in die Geschichte eingeschrieben, wurde die damals unbewohnte Atlantikinsel für tauglich befunden, um sie zum Handelsstützpunkt hochzurüsten. Bald wechselte sie ihre europäischen Oberbefehlshaber wie der Ozean seine Farbe im Wandel des Lichteinfalls.
Die Holländer, die der Schönen 1588 zu definitiver Bekanntheit verhalfen, indem sie sie wegen ihrer windgeschützten Bucht Goede Reede (guter Hafen) tauften, führten das Regiment ebenso wie Schweden, Franzosen und Briten, denen der hübsche Name Cape Coast Castle einfiel. Wenn Senegal in diesem Jahr den 40. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feiert, zeigen sich indes einmal mehr die engen Bande der Republik zu Frankreich. Amtssprache ist französisch. Der Gast auf Gorée isst Entrecote und süffelt Chocolat liegeois.
Die ehemalige Sklaveninsel, die nurmehr 700 Einwohner zählt, ernährt sich vom Fremdenverkehr. Zu entdecken sind auf dem Unesco-beschützten Inselchen mehrere Museen, aufgefrischte Kolonialpaläste, Hinweise auf geschäftstüchtige Kurtisanen und aufrechte Poeten wie Monsieur le Gouverneur Jean-Stanislas de Boufflers, der 1785 Gorée zur Residenz wählte, Ästhet sowie Mitglied der Académie française war und eine Schwäche für das gewöhnlich so bezeichnete Geschlecht hatte.
Es gibt keine Autos, dafür jede Menge Tiere. Irgendwo blökt immer ein Schaf. Einige laufen frei herum. Anstelle von Straßen führen Sandwege und kopfsteingepflasterte Holperpfade in alle Inselwinkel und zurück. Die Hektik des modernen Lebens schwappt nicht über Dakar hinaus. Dort nehmen Besucher und Insulaner die nach dem Schutzgeist Gorées benannte Fähre "Coumba Castel" und erreichen binnen einer halben Stunde bequem ihr Ziel.
Lustig geht es zu auf der "Chaloupe". Fröhliche Frauen mit bunten Kopfbedeckungen und langen bauschigen Röcken kehren gegen Mittag vom Lebensmitteleinkauf auf dem Kermel, Dakars europäischstem Mark, zurück. Säcke voller goldener Zwiebeln, platzraubende Eierkartons und sogar lebendige Hühner werden transportiert, ein Dutzend Klappstühle und kistenweise Coca Cola. Junge Kerle verplaudern den Tag in Straßencafés.
Die Mädchen dagegen schlendern durch die handtuchbreiten Gassen, nähern sich keck, aber keineswegs dreist den Neuankömmlingen, nötigen sie schmeichelnd in ihre Lädchen. So abgelenkt empfinden Urlauber die Atmosphäre als unbeschwert, heiter und friedvoll. Der Ort wirkt wie aus guter alter Zeit. Die Kirchenfenster von Saint Charles Borromee stehen weit offen und lassen die klare Meeresluft herein.
Nun, mit etwas Abstand, bemerkt man das kaputte Kulturerbe sehr wohl. Durch die leeren Fensterhöhlen von Prachtbauten mit Loggien und Giebelschmuck schimmert das Meer. Verlassen steht das Hotel Relais de L'Espadon. Der Neorenaissance-Bau verfällt seit Jahrzehnten, soll restauriert werden. Keiner weiß wann. Bis dahin scheuert sich ein Esel am sonnenwarmen Sims der Fassade.
In Schuss ist dagegen das zartgelbe Postgebäude mit neuen grünen Balkonen und Fensterläden, das die Schiffspassagiere als erstes begrüßt. Großzügiger Kolonial-Charme weht die Näherkommenden an. Gorée, gärende 300 Jahre lang der Vorposten zur Hölle für die westafrikanischen Sklaven, erscheint anderthalb Jahrhunderte nach Beendigung der bestialischen Handlungen wie eine Insel der Seligen.

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FR 27.3.03
Noch einmal würde Adama nicht als Fischer anheuern
Im Senegal sehen sich die Fänger der Meeresfrüchte einer mitunter rücksichtslosen Konkurrenz aus Europa ausgesetzt
Von Christina Krätzig
Fünf Männer holen das Ringnetz ein. Nach einem halben Meter fassen sie nach. Rechte Hand, linke Hand. Ziehen wieder ein Stück Netz ein, fassen wieder nach. Sie singen, pressen die Musik heraus im Rhythmus der Arbeit. Wie ein schlaffer nasser Sack kommt das Netzende nach einer halbe Stunde hoch. Nur etwa 60 Kilo sind darin, nur winzige Sardinchen. Die Männer sind enttäuscht, dieser Fang bringt wenig Geld.
"Als mein Großvater noch fischte war jeder Tag ein guter Tag", sagt Amadou Fall. "Aber heute musst du am richtigen Tag am richtigen Ort sein, sonst bleibt dein Netz leer." Als Bootsbesitzer bekommt Amadou die Hälfte des Fangs. Dafür stellt er das Boot, die Ausrüstung und das Benzin für den Motor. Seine elfköpfige Mannschaft teilt sich den Rest: Heute verdient jeder den Gegenwert von drei Kilo Fisch. "An einem normalen Tag verdiene ich vielleicht acht Euro", sagt der 25-jährige Adama Sour: "Davon kann ich leben und meine Familie unterstützen. Aber an einem ganz schlechten Tag bekomme ich vielleicht gar nichts."
Langsam tuckert die Piroge von Amadou Fall Richtung Markt; ein offenes Holzboot, etwa 14 Meter lang. Die erschöpften Fischer strecken sich auf dem leeren Netz aus, kochen Tee auf dem Spiritusbrenner. Angeschlagene Gläser gehen von Hand zu Hand. Seit dem frühen Morgen haben die Männer nichts mehr getrunken. Am Strand von Kayar warten bereits ein paar hundert Menschen auf ihre Rückkehr. Dutzende von Pirogen laufen nachmittags gleichzeitig ein. Aus den Menschentrauben am Ufer lösen sich Kolonnen von Trägern. Sie bringen den Fang zum Strand und kippen ihn den Händlerinnen vor die Füße. Im Sand glitzert Fisch auf silbrigen Halden. In Kayar gibt es weder ein Hafenbecken, noch befestigte Piers oder Verkaufsstände. Der Strand ist Markt und zugleich Anlandeplatz, der drittgrößte im Senegal. Jeden Nachmittag bringen die Träger 100 Tonnen Fisch an Land. Das Gewühl ist bestens organisiert, und mitgezählt wird auch. "Jetzt, mitten in der Hauptsaison, operieren hier 517 Pirogen", sagt Saidou Kande, Chef der örtlichen Fischereiaufsicht. "In der Nebensaison sinkt die Zahl der Boote auf 156, die Einwohnerzahl des Ortes von 30 000 auf 15 000."
Die Fischer von Kayar kommen aus dem gesamten Senegal und sogar aus den Nachbarländern. Angehörige aller Eth-nien fliehen vor den jahrzehntelangen Dürren im Hinterland. Schon längst ist der Beruf nicht mehr das Privileg der traditionellen Fischer-Ethnie der Lebou, sondern die Einkommensquelle von fast 100000 Menschen. "Das sind viel zu viele Kleinfischer", sagt Saidou Kande; sagt jeder, sogar die Fischer selbst. Auch Amadou Fall und Adama Sour nicken. Von Überfischung haben sie schon mal gehört, aber bislang war das hier, in einem der fischreichsten Gewässer der Welt, kein Thema. Doch jetzt schlagen einheimische Wissenschaftler Alarm: Auch vor Westafrika sind die ersten Arten überfischt. Zackenbarsche und Seebrassen sind bereits so selten geworden, dass sich ihr Bestand möglicherweise nie mehr erholt.
Wie alle gefährdeten Arten leben diese Tiere auf dem Meeresboden und gehören nicht zur normalen Beute der Kleinfischer. Denn die fangen überwiegend Schwarmfische: frei im Wasser schwim mende Arten wie Sardinen oder Makrelen. Jeder Fang wird verwertet, Beifänge gibt es nicht. "Aussuchen konnte man vielleicht früher einmal, aber das ist lange vorbei", sagt Amadou.
Auf den großen Trawlern ist das anders. Dort wird industriell gefischt: Nur das, was auf dem Weltmarkt Geld bringt. Nicht die Schwarmfische, sondern die Bodenbewohner, die in 200 bis 800 Meter Tiefe bunt durcheinander kriechen und den gezielten Fang einzelner Arten unmöglich machen. Ein Gamelenfischer hat bei jedem Hiev 85 Prozent Beifang im engmaschigen Netz, muss die wertvollen Garnelen mühsam zwischen den Grundfischen herausklauben. Von denen kann er nur die Hälfte gebrauchen. Die andere Hälfte besteht aus Fischen, die kleiner sind als eine Kinderhand. Sie fliegen zurück ins Wasser - längst verendet in der Hitze.
Tiefgefroren und in Kartons verpackt landen die Garnelen im Hafen von Dakar, dem einzigen industriellen Hafen des Senegal. Gerade ist ein einheimischer Trawler eingelaufen. Auf der Pier warten schon die Lastwagen, ein Förderband holt die Garnelen aus dem Schiffsbauch. Der Trawler gehört zur senegalesischen "Adrian-Gruppe", deren Geschäftsführer das Geschehen von seinem Bürofenster aus beobachtet. "Von unseren 19 Trawlern fangen die meisten Garnelen", sagt Jacques Ma-sec, "allerdings jedes Jahr weniger. Wir verlieren jährlich 300 Tonnen." Er schüttelt den Kopf: "Warum die europäischen Schiffe noch hierher kommen, verstehe ich nicht. Hier ist nichts mehr zu holen."
Gleich um die Ecke seines Büros liegen einige jener 125 europäischen Trawler vor Anker: Vier Spanier und ein Italiener. Sie sind im Hafen seltene Gäste, denn die meisten Kollegen bleiben auf See. Dort übergeben sie ihren Fang an riesige Frostschiffe, die ihn direkt in die europäischen Häfen bringen. Nur 12 000 Tonnen werden jährlich in Dakar angelandet, und nur diese Menge Fisch taucht in den Statistiken auf. Wie viel die Europäer wirklich fangen, kann niemand nachvollziehen. "Etwa 90000 Tonnen", schätzt Jacques Masec, der viele Jahre selbst auf europäischen Trawlern gearbeitet hat. Das wären 20 Prozent aller senegalesischen Fänge.
Quoten oder Fanglimits wie in Europa gibt es im Senegal nicht. Europäische Schiffe werden wenig kontrolliert, einheimische gar nicht. Deshalb liegen im Hafen von Dakar auch Rostlauben, die eine senegalesische Flagge haben und einen spanischen Namen. "Von den 162 senegalesischen Trawlern gehören 38 in Wirklichkeit Europäern", sagt ein Kontrolleur. "Es ist merkwürdig, es gibt hier Leute, denen fehlte gestern das Geld für eine lange Hose und heute besitzen sie vier Trawler."
In Kayar, 50 Kilometer südlich von Dakar, haben die Kleinfischer andere Sorgen. Mit kostenpflichtigen Lizenzen will die Regierung ihre Zahl eindämmen. "Aber das Geld für eine Lizenz habe ich nicht", klagt Amadou. Noch kann jeder Senegalese sich eine Piroge kaufen und fischen, was immer ihm ins Netz geht. Oder er kann wie Adama Sour auf einem Boot anheuern, gegen einen Anteil am Fang. Kann in der Saison von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten und im September und Oktober zu seiner Familie zurückkehren.
In diesen Monaten laichen die Fische. Auch die Europäer sollen sie dann in Ruhe lassen und Schonzeiten einfuhren, schlugen senegalesische Meeresbiologen der EU im vergangenen Jahr vor. Nach langen Verhandlungen wurden Schonzeiten festgelegt - allerdings für die meisten Arten außerhalb der Laichzeit. "Die Vertreter der EU haben ganz klar gesagt, dass sie gegen den Rat unserer Wissenschaftler für alle Arten andere Schonzeiten wollen," empört sich die senegalesische Juristin Khady Sane, die für den WWF an den Verhandlungen teilgenommen hat.
Die Fischer berichten von weiteren Problemen. Tagsüber sehen sie die großen Trawlern nur aus der Feme, "denn für die Kleinfischer ist ein sechs Seemeilen breiter Streifen entlang der Küste reserviert", sagt der Fischereiaufseher Saidou Kande über die Rechtslage. "Aber nachts kommen die Trawler viel näher an die Küste heran", berichten Amadou und Adama. "Unsere kleinen Pirogen sehen die gar nicht, die fahren uns einfach über den Haufen." Ihre Kollegen nicken - jeder kennt diese Geschichten, auch wenn keiner von ihnen das bisher selbst erlebt hat. Aber die letzte Piroge sank erst vor wenigen Wochen.
In Kayar ist das nächtliche Fischen mittlerweile verboten, weil es zu gefährlich ist. Spätestens jetzt, bei Sonnenuntergang, sind alle Pirogen zurück am Strand. Hier liegen immer noch Berge von Fisch und beginnen allmählich, etwas strenger zu riechen. Bis der letzte verkauft und verladen ist, wird es noch ein paar Stunden dauern.
Anderswo stechen die Pirogen um diese Zeit erst in See. Manche laden sogar Eis und bleiben eine ganze Woche auf dem Wasser. Die Fischer fahren dann bis hinunter nach Gambia: in offenen Booten, die nicht für die Hochsee gebaut wurden. Auch so passieren viele Unfälle, und immer mehr Fischer ertrinken. Ihre Familien bleiben normalerweise völlig mittellos zurück. Nur in Kayar gibt es Genossenschaften, die den Witwen im Unglücksfall eine kleine Rente zahlen.
Adama hat eine ähnliche Tragödie selbst erlebt. Sein Vater war kein Fischer, aber er starb, als sein Sohn noch zur Schule ging. Adama musste die Ausbildung abbrechen und Geld verdienen. Nur deshalb arbeitet er heute als Fischer. "Es ist kein guter Job", sagt Adama am Ende des Tages. "Wenn ich die Wahl hätte, würde ich etwas anderes machen."

Info: Fanglizenzen
Europas Meere sind leer gefischt, die Flotte ist auch durch hohe Subventionen viel zu groß. Deshalb kauft die EU in fischreichen "Drittländern" zusätzliche Fanglizenzen. Zurzeit gibt es 24 solche Abkommen, 13 davon mit afrikanischen Ländern. Im Jahr 2000 hat die EU dafür 137 Millionen Euro ausgegeben. Das Abkommen mit dem Senegal wurde vor einem Jahr neu ausgehandelt. Es gilt von 2002 bis 2006 und kostet die EU 64 Millionen Euro. Dafür dürfen rund 125 Schiffe im Senegal fischen: Ohne Fanglimit, mit kleineren Maschen als in Europa. Sie kommen aus Spanien, Portugal, Frankreich, Italien und Griechenland.
Offiziell schöpfen die EU-Schiffe nur Überschüsse ab; nur das, was einheimische Fischer nicht selber fangen können. Doch selbst die reichen west-afrikanischen Fischgründe sind nun erschöpft, die ersten Arten überfischt. Organisationen wie der WWF weisen daraufhin, dass es keine Überschüsse mehr gibt.
FR 27.3.03


ZEIT 30/2003
Der Weg aus der Armut führt über Familienplanung und die Stärkung der Frauen
Von Wolfhard Hammer, GTZ

Senegal gehört zu den Ländern Westafrikas, in denen sich in den letzten Jahren eine stabile Demokratie entwickelt hat. Viele Vorzeichen für die weitere Entwicklung des Landes sind positiv. Eine Provinz jedoch, die Casamance, bereitet schwere Probleme: Sie ist vom Rest Senegals teilweise durch das Land Gambia getrennt, so dass der Landweg von der Hauptstadt mühselig ist und viele die Fährverbindung über das Meer vorziehen. In der Casamance gibt es seit langem Bestrebungen, sich vom Rest des Landes loszulösen, was zu einem schwelenden bürgerkriegsähnlichen Zustand geführt hat. Dadurch wird der wirtschaftliche Austausch behindert, die Region verarmt. Schulen und Gesundheitseinrichtungen funktionieren nicht richtig, da das Personal lieber in sicheren Provinzen arbeitet. Verständlicherweise erzeugt dies bei der Bevölkerung den Eindruck, gegenüber anderen Regionen vernachlässigt zu werden.
Die Regierung Senegals möchte diesen Teufelskreis, der nichts als Armut und Unsicherheit hervorbringt, durchbrechen. Mit Hilfe der GTZ versucht sie, der ländlichen Bevölkerung in der Casamance soziale Grunddienste im Bereich Erziehung und Gesundheit zur Verfügung zu stellen. Der modernen Familienplanung kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Sie stärkt die Rolle der Frauen, auf denen die Hauptlast der Sorge für ihre Familien ruht. Nur wenn die Frauen selbst bestimmen können, wann und in welchen Abständen sie schwanger werden, wird ihr Leben planbar. Sie können dann überlegt investieren: in den weit verbreiteten Kleinhandel, in ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten oder auch in die Erziehung der Kinder. Nur so ergibt sich für sie ein Weg aus der Armut.
Wie aber kann man die Frauen erreichen und ihnen moderne Methoden der Familienplanung näher bringen, wenn die Gesundheitseinrichtungen leer stehen? Hier bewährt sich der Projektansatz der Gemeindegestützten Dienste. Die Grundidee ist einfach: Die Gemeinden warten nicht mehr auf das, was die Regierung und die staatlichen Gesundheitsdienste tun. Sie nehmen ihre Gesundheit in die eigenen Hände. Sie wählen Männer und Frauen aus ihren Reihen, die Bildung und Lebenserfahrung haben und bereit sind, sich das notwendige Wissen anzueignen, um ihre Nachbarn zu beraten und die wichtigsten Medikamente im Dorf bereitzuhalten. Die Gesundheits-dienste organisieren Kurse, um die Gemeindehelfer auf diese Arbeit vorzubereiten, liefern Medikamente und Materialien und fachliche Unterstützung. Die Spielmacher aber bleiben die Gemeinden.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Verhütungsmittel und Medikamente sind immer verfügbar. Auch dann, wenn – was in der Casamance häufig vorkommt - das Dorf aufgrund der Sicherheitslage von einem Ort zum anderen verlegt werden muss. Die Dienste werden stark in Anspruch genommen. Teilweise mehr als doppelt so viele Frauen nutzen moderne Methoden der Familienplanung. Das Wissen über Familienplanung, aber auch über AIDS hat sich nachweislich verbessert, deutlich mehr Frauen entbinden jetzt mit medizinischer Unterstützung. Dabei sind die Kosten vergleichsweise gering: Etwa 1.000 Euro kostet es, eine Frau oder einen Mann auszubilden und die Erstausstattung zur Verfügung zu stellen. Später anfallende Ausgaben, etwa für neue Medikamente, werden aus den Einnahmen beglichen.
Vielleicht ebenso wichtig wie die gesundheitliche Wirkung ist die Tatsache, dass die Selbstverantwortung in der Gemeinde gestärkt wird. Gesundheit wird zu dem, was es eigentlich immer und überall sein sollte: Ein Gut, das den Menschen gehört, nicht allein den Fachleuten.
(c) DIE ZEIT 30/2003

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"Pour une poignée de dollars
Von Ousseynou Kane, Professor für Philosophie an der Universität Dakar

(Kurze deutsche Zusammenfassung:
Der Besuch des US-Präsidenten Bush im Senegal - und insbesondere auf der Sklaveninsel Goré - hat die kritischen und oppositionellen Geister des Landes (und der Nachbarländer) empört. Für eine Handvoll Dollars habe die Regierung und die herrschende Klasse des Landes Geschichte und Stolz verkauft.
Mit dieser Meinung steht Prof. Kane bei weitem nicht allein - auch wenn die senegalesischen Medien zumeist noch serviler waren als die Regierung. Die Tageszeitung "Le Soleil" feierte Bush als "Sämann des Friedens" - wogegen Kane die Erfahrungen der Sklaven, Vietnams und des Irak hält. In seinem Begleitschreiben zu diesem Bericht verweist er ausserdem darauf, dass mehrere Hüttensiedlungen niedergewalzt wurden, um die Sicherheit dieses "Gastes" nach seinen eigenen Vorstellungen zu garantieren. Mehrere Hundert Festnahmen in Dakar und das Verbot jeder Demonstration rundeten das Bild der "grossen Freundschaft" ab.
Am intensivsten jedoch befasst sich Kane in diesem Beitrag mit der Bedeutung der Insel Gore für alle Westafrikaner und mit Bushs Weigerung, sich für den Sklavenhandel zu entschuldigen und stattdessen nur Phrasen über "schlimme Schicksale" von sich zu geben, wobei er auch auf die Lage der Afroamerikaner in den USA verweist...)

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Pour une poignée de dollars promise, j'ai vu la République se prostituer des jours durant dans les rues et les palais de la capitale, offrant impudemment ses charmes les plus secrets au maître yankee et à sa valetaille arrogante. J'ai vu un chef d'Etat réputé intraitable se faire dicter par l'hôte du jour les règles du protocole, les membres de son gouvernement ainsi que les représentants du peuple forcés de marcher à la queue leu leu comme des écoliers débutants pour accéder aux tribunes officielles, tandis que le ministre de l'Intérieur en personne devait bander les muscles pour ne pas se faire fouiller comme un vulgaire malfrat, en terre sénégalaise, par des agents de police étrangers emmurés derrière leurs lunettes noires, inscrivant par ce «geste héroïque» son nom sur toutes les lèvres. J'ai vu des hommes blancs en noir, dressés pour tuer, prendre d'assaut le palais présidentiel symbole de notre souveraineté, piétiner ses pelouses et ses toits, leurs armes meurtrières pointées sur des passants inoffensifs, six chefs d'Etat assignés à résidence dans un hôtel de seconde catégorie et des journalistes de la presse nationale publique et privée, pour une fois compagnons d'infortune, entassés comme du bétail dans un «enclos» (le terme insultant est du directeur du Centre culturel américain en personne), empêchés de faire simplement leur métier au profit de la meute des cow-boys chasseurs d'images à la solde des services de propagande de l'administration républicaine.

J'ai vu, comme dans un horrible cauchemar, l'île mémoire de Gorée dont les rochers du côté de la porte sans retour renvoient certains soirs en écho les hurlements de ceux qu'on arrachait à leur terre et à leur chair renouer le temps d'une matinée avec les chaînées humiliantes d'antan, les enfants et les vieillards terrorisés parqués au soleil implacable de juillet, et des chiens farouches tenus en laisse par des garde-chiourmes hideux troubler le repos des ancêtres en souillant les autels sacrés. Que leurs aboiements hargneux ne rappellent-ils la chasse funeste aux nègres marrons rougissant de leur sang insoumis les cotonneraies de Virginie ! J'ai vu, bien après le départ des maîtres honnis, un convoi d'officiers de l'armée et de la gendarmerie fendant à la hauteur de Soumbédioune la circulation à coups de sirènes, que la foule regardait avec une colère à peine contenue, pour avoir laissé sans sourciller leurs tenues d'apparat servir de serpillière à de vulgaires troupiers Us. J'ai vu encore, mais peut-être n'était-ce qu'une hallucination née de la douleur, pour quelques billets verts incertains, j'ai vu saigner le coeur fier d'un peuple dont on vendait à la criée l'honneur et la dignité et emporter les enchères un bourreau à moitié frappé de débilité venu du Texas, descendant direct des négriers sans foi ni loi qui ont saigné pendant quatre cents ans notre mère Afrique. Et j'ai alors pensé en mon for intérieur que je ne pourrai jamais pardonner aux bouffons à qui nous avons si imprudemment confié notre destin de nous avoir imposé ce western répugnant où l'on voit une nation qui n'a jamais courbé l'échine marquée au fer rouge d'une si infamante flétrissure.

Qu'avons-nous réellement à attendre de cette Amérique-là ? «Bush, l'Africain», «Un indomptable semeur de paix», titrait le quotidien Le Soleil dans son édition spéciale du lundi 7 juillet 2003. Dans quelle encre corrompue faut-il donc avoir trempé sa plume pour écrire pareilles inepties ? Quelle sensibilité vis-à-vis de notre continent peut avoir un homme d'une telle inculture politique et historique, élu par défaut dans ce qui passe pour la plus grande démocratie du monde, et dont l'éducation, l'idéologie ultra-conservatrice et les élucubrations sur une Amérique blanche, protestante et élue de Dieu ne dépareraient point dans les rangs du Ku Klux Klan ? Un «partenariat sur le socle des libertés», indiquait encore en première page le même organe au lendemain du départ du président américain ! De quelles libertés donc s'agit-il ? Commençons par les Etats-Unis ou Bush gouverneur s'est sinistrement illustré par l'application systématique de la peine de mort, «solution finale» pour abréger la déchéance des couches les plus pauvres du pays, noirs et hispaniques notamment, plutôt que de travailler par une politique sociale hardie à les sortir du ghetto économique, politique et culturel dans lequel pourrissent la plupart d'entre eux. Et entre mille autres attentats inacceptables aux droits élémentaires des gens, qui ne se souvient pas du guinéen Amadou Diallo, au corps pulvérisé de 41 coups de feu dans un immeuble de New York par quatre policiers assoiffés de sang, pour un simple portefeuille qu'il tirait de sa poche ? Comme aux pires heures de l'esclavage et de la ségrégation raciale, quand il n'est pas attelé à la charrue ou aux petits soins du maître, au pays de la Statue de la Liberté, «un bon Nègre est forcément un Nègre mort».

Et que dire, à l'extérieur des Etats-Unis, de la guerre coloniale entreprise contre l'Irak et de l'occupation d'un pays souverain au mépris de toutes les lois internationales et des résolutions répétées de l'Organisation des Nations-Unies, justifié par ce qui s'est révélé aujourd'hui comme le plus odieux mensonge de l'histoire moderne : la présence d'«armes de destruction massives», qui n'a été attestée nulle part trois mois après la chute de Bagdad et de Saddam Hussein, dût-on assécher le Tigre et l'Euphrate ?

Poétiquement pour continuer la saga des Bush, inaugurée par le père lors de la première guerre du Golfe, plus prosaïquement pour s'emparer des puits de pétrole de Bassora et de Kirkouk, prendre pied dans une région où depuis la désagrégation de l'Union soviétique et la chute du Mur de Berlin se joue l'avenir géopolitique de l'humanité, on a déversé des milliers de tonnes de bombes sur une population innocente déjà éprouvée par trente ans de dictature implacable, laissé des snipers se croyant dans des salles de jeu vidéo tirer comme des lapins des femmes, des enfants et des vieillards, organisé le pillage puis l'incendie de la bibliothèque de Bagdad avec ses cent mille pièces uniques et foulé aux pieds partout ailleurs, en même temps que les terres sacrées de Nadjaf et de Karbala, les richesses culturelles inestimables d'un pays qui est véritablement le berceau de notre civilisation. Mais que signifie pour un Gi's américain semi-analphabète, négro des bas-fonds de Harlem ou latino frais naturalisé rescapé des barbelés de la frontière mexicaine (certains ont reçu la nationalité américaine «à titre posthume», sur leur cercueil rapatrié d'Irak), incapable de faire la différence entre un vase sumérien multimillénaire et un pot à jeter de milk-shake, que signifie vraiment le nom de la Mésopotamie, «Pays des Deux-Fleuves», creuset des civilisations sumérienne, babylonienne, assyrienne, perse, grecque, parthe, sassanide et islamique ? Comment lui faire comprendre que ce pays qu'il piétine de ses bottes aveugles a vu la naissance de l'agriculture et de l'écriture pictographique il y a treize mille ans, inventé la céramique au Ve millénaire avant notre ère, comment lui parler des premières ziggourats (tours dédiées au dieu-lune) de la dynastie d'Our, des fastueux palais royaux de Nemrod et de Nabuchodonosor, du taureau ailé de Khorsabad et des stèles du code d'Hammourabi.

Qu'est-ce donc qu'un américain, dont le plus lointain sentiment d'appartenance à ce qui ne pouvait même pas être encore appelé une nation remonte au mieux à l'épopée des Pilgrim's Fathers du Mayflower (1620), autant dire cinquante siècles après les premières cités de l'époque d'Ourouk, peut-il apporter à ce peuple-là ? Des canettes de Coke et du corned-beef survitaminé ? La destruction et le pillage des biens culturels, aussi terrifiants que le massacre planifié d'une population sans défense, parce qu'ils portent sur un patrimoine irremplaçable de l'humanité, commis par-dessus le marché au nom de «la liberté pour l'Irak», ne sont pas plus insoutenables pour l'esprit que le dynamitage des Bouddhas géants de Bâmyân par les Talibans fous de Kaboul.

Est-ce donc pour ces crimes de guerre aussi abominables que ceux commis naguère au Vietnam rasé sous les flots de napalm et de défoliants, les assassinats commandités à Panama et au Nicaragua et en prévision de tous les forfaits prochains que commande inévitablement un impérialisme triomphant que l'Amérique insolente tord la main à ses «partenaires» les plus faibles pour leur faire renier leurs engagements sur la Cour Pénale Internationale ? Pour une poignée de dollars maculés du sang de tant de peuples, on achète ainsi à l'avance le droit de renier le droit et il se trouve, chez nous, des dealers de la liberté des nations tout disposés à vendre au diable ce qui leur reste d'âme ! Et qu'on ne me parle surtout pas de soutien au Nepad, de préférence commerciale, de «Digital Freedom Initiative», de lutte contre la pauvreté et le sida.

J'ai d'ailleurs très peu goûté la blague présidentielle du «grand gaillard» sénégalais dépannant Amstrong sur la lune, parce que j'estime que nous en avons assez d'être les «mécaniciens» et les éboueurs du monde et que plutôt que de mendier la régularisation de nos sans-papiers terrés dans les trous à rats du Bronx, il est temps pour nous de réclamer la place qui nous revient de droit à la Silicon Valley. Georges Bush, de toute façon, n'est pas venu en Afrique ni pour nos personnes vivant avec le Vih, contre lesquels il a défendu à Pretoria les droits des multinationales pharmaceutiques au monopole sur les brevets des médicaments, au moment même où le Sénat américain rognait sur l'enveloppe destinée à lutter contre l'épidémie, ni pour secourir le coton malien contre les scandaleuses subventions fédérales qui l'étouffent. Il était là pour un one man show et avait juste besoin d'un plateau prestigieux, Gorée, et de figurants triés sur le volet pour «faire les Nègres» (on avait parqué dans un autre «enclos» les enfants de l'île, mais fait venir des élèves d'un lycée de Dakar conduits par une enseignante... américaine), le tout à l'intention de l'électorat noir américain qui lui-même, marasme intellectuel et lobotomie culturelle aidant, se fiche royalement des affaires d'un continent dont il ne revendique les racines que pour le folklore et que la majorité d'entre eux croient encore habité majoritairement par des singes. On ne perdrait vraiment rien, sauf à chagriner inutilement Joseph Ndiaye, à murer une fois pour toutes «la porte du voyage sans retour».

Que l'on se rassure, je n'ai nullement la tentation de refaire l'histoire, mais je ne veux pas non plus qu'elle se répète. Des dizaines de millions de nègres transportés à fond de cale, morts dans les razzias ou jetés aux requins pour faire la prospérité de l'Amérique, cela suffit ! Des générations de sénégalais, pour ne considérer que notre histoire récente, se sont battues avec acharnement pour ne pas baisser la tête devant l'ancienne puissance coloniale, jusqu'au martyre à plus d'un titre symbolique de Oumar Blondin Diop dans les geôles de Gorée. En souvenir de toutes les souffrances de ma race et tous ses sacrifices, je proclame qu'il eût été préférable de laisser le peuple sénégalais mourir mille fois de faim plutôt que de lui réapprendre la servilité sous la baguette tordu du fantôme putréfié de l'oncle Tom.
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https://www.kas.de/publikationen/2003/3256_dokument.html
Halbzeit für Präsident Wade, Bilanz halbwegs positiv?
Das Erwachen der Opposition, Meinungsfreiheit von Ute Gierczynski-Bocandé

Vor dreieinhalb Jahren wurde der heute siebenundsiebzigjährige senegalesische Staatschef Abdoulaye Wade zum Präsidenten gewählt, und dreieinhalb Jahre bleiben ihm noch, um seine hochgesteckten Wahlversprechen, Projekte, Pläne und Visionen in die Tat umzusetzen. Nach der Euphorie, die der politischen Wende „Alternance“ folgte, ging das Leben im Sahelstaat Senegal wieder etwas gemächlicher auf die erhoffte Verbesserung der Lebensbedingungen zu.
Vierzig Jahre war das Land von der Parti Socialiste regiert worden, über ein Vierteljahrhundert kämpfte Abdoulaye Wade in der Opposition für mehr Demokratie, und nun wird ihm von seinen politischen Gegnern eine Liste vorgehalten, auf der ein Mangel an demokratischen Verhalten und an tatkräftigem Handeln ganz oben steht. Eine überraschende Entwicklung? Eher nicht.
Das Ende der Wende-Euphorie
Was kann ''Wade und seiner Regierung vorgeworfen werden? Vielleicht, dass er zu optimistisch war hinsichtlich der Zeitspanne, in der er seine hochfliegenden Pläne würde realisieren können. Vielleicht, dass er zu idealistisch war und die jahrzehntelang praktizierten Fehlverhalten der senegalesischen Beamten, Politiker und Bevölkerung (wie Korruption, Nepotismus, Disziplinlosigkeit) völlig unterschätzt hat. Vielleicht, dass er nicht selten wenig Verständnis für konstruktive Kritik zeigt.
Die Zeit der Euphorie ist tatsächlich vorbei, das bittere Erwachen kam mit der Schiffskatastrophe im letzten September, als beinahe 2000 Passagiere mit der Fähre Joola vor der gambischen Küste versanken. Mit ihnen versank auch die Hoffnung auf die schnelle Realisierung der wadeschen Wahlversprechen und auf eine grundlegende Verbesserung der Lage in Senegal. Trotz eines Wirtschaftswachstums von 5 Prozent gehört Senegal immer noch zu den 20 ärmsten Ländern der Welt und nicht zu den „aufsteigenden Nationen“, wie so häufig von Wade heraufbeschworen. Die Probleme der Jugendarbeitslosigkeit, der wachsenden Umweltzerstörung, der ineffizienten Landwirtschaft und der fehlenden Investoren konnten nicht oder nur in Ansätzen gelöst werden. So kann global nach dreieinhalb Jahren „Alternance“ wenn nicht von einer Stagnation, so doch von einer desillusionierenden Langsamkeit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung gesprochen werden.
Die Ungeduld des alten Mannes
Wenn man allerdings bedenkt, dass die Parti Socialiste in 40 Jahren diese Probleme nicht lösen konnte, wäre es vermessen zu fordern, die Koalitionsregierung um Präsident Wade müsse in der ersten Hälfte ihrer Amtszeit überragende Fortschritte erzielen. Gewiss kann man Wade Fehler vorwerfen, beispielsweise die Tatsache, dass er schon die vierte Regierungsumbildung vorgenommen und den dritten Premier-minister in drei Jahren ernannt hat. Aber diese relative institutionelle Instabilität ist sicher auch ein Zeichen für den wahrscheinlich unrealisierbaren Willen Wades, der eine ideale Regierung, die Befriedigung aller Koalitionspartner und zu alledem eine hohe Effizienz erreichen will.
Wades Ungeduld ist legendär, seine Intoleranz mit zu langsam arbeitenden oder zu kritisch gestimmten Ministern ebenfalls. Der Eindruck entsteht, dass er nichts verlieren will von der wenigen Zeit, die ihm noch bleibt. Sein Leben hat er in der Opposition verbracht in der ständigen Hoffnung, eines Tages die Regierung dieses Land stellen zu können. Sein Wunsch hat sich teilweise erfüllt, aber sein Streben wird von so vielen Faktoren blockiert, dass man geneigt ist, für die Ungeduld des alten Mannes Verständnis aufzubringen. Aktive, dynamische und effiziente Mitarbeiter fördert er, wenn sie ihm in grundlegenden Überzeugungen nicht widersprechen, dies ist aber wiederum der politischen Kommunikation nicht zuträglich.
Gefahr durch gewaltbereite Kräfte
Gravierender ist jedoch die Tatsache, dass sich im unüberschaubaren Konglomerat der Regierungsparteien und insbesondere der PDS (Parti Démocratique Sénégalais) des Präsidenten Wade Kräfte gebildet haben, die der demokratischen Entwicklung des Landes widerstreben. Die Fälle politischer Gewalt in den letzten Jahren gehen darauf zurück, dass innerhalb der PDS sich kleine Gruppen von Extremisten gebildet haben, die ihr Idol Wade und den Ruf der PDS mit allen Mitteln verteidigen, auch mit Gewalt.
Bei näherem Hinschauen ist festzustellen, dass es sich hierbei vor allem um frustrierte junge Männer handelt, die aktiv bei den Wahlkampfkampagnen Wades vor drei Jahren dabei waren, junge Arbeitslose, Enttäuschte, Frustrierte, die alle Hoffnung auf Wade gesetzt haben. Zwar hat sich ihre Lage nicht verbessert, aber die Hoffnung ist noch wach und alle, die an ihrem Idol kratzen, werden angefeindet und bekämpft.
Die Fälle politischer Gewalt, die hier angeführt werden können, bestätigen diese These. Vor zwei Jahren brannte die Gewerkschaftszentrale der CNTS ab, die sich mit der Parti Socialiste verbunden fühlt; angeklagt wurden Mitglieder der CNTS-Abspaltung, die der PDS nahe steht. Der Prozess führte zu Verurteilungen, jedoch nicht wegen Mordes, sondern wegen fahrlässiger Tötung (ein Mann war zu Tode gekommen und zwei Personen schwer verletzt). Im gleichen Jahr wurde bei gewaltsamen Studentenstreiks ein Student erschossen, bis heute ist unklar, ob er von staatlichen Ordnungskräften oder von Mitstudenten getötet wurde. Jedoch wird dieser Fall immer wieder zitiert, um die Gewalttätigkeit des Wade-Regimes zu belegen. Dabei sind in Senegal gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Studentengruppen und brutale Ausschreitungen bei Streiks häufig und werden meistens von den Studenten selber ausgeübt.
Der letzte Fall politischer Gewalt betraf den ehemaligen Mitstreiter Wades, Talla Sylla, der tatkräftig an der politischen Wende mitgearbeitet, sich dann aber von der Regierung distanziert hatte. Als sprudelnder Oppositionspolitiker machte er letztlich mit einer Musikkassette von sich reden, in der er Wade herzlich verspottete. Diese Spottlieder wurden jedoch von den radikalen Wade-Anhängern als Affront gewertet, die Sylla bei einem Überfall beinahe totschlugen. Der Anschlag wurde von allen Politikern und Parteien verurteilt, allerdings traten bei der Untersuchung Verdachtsmomente auf, nach denen Männer aus dem direkten Umfeld Wades die Drahtzieher gewesen sein sollen, und zwar Mitglieder seiner Leibwache.
Angesichts der Tatsache, dass die Enquête schleppend vorankommt, erscheint diese Vermutung manchen Beobachtern plausibel. Natürlich wäre es extrem kompromittierend für das Wade-Regime, wenn eine Beteiligung einiger seiner Leibwächter bewiesen würde. Selbstredend kann er nicht für das Handeln von extremistischen Parteianhängern verantwortlich gemacht werden, wohl aber könnte sein polarisierendes Verhalten eine Rolle bei der Herausbildung solcher Gruppen gespielt haben.
Freie Meinungsäußerung und politische Gewalt?
Die Meinungs- und Pressefreiheit in Senegal ist intakt, sie wird durch die Verfassung garantiert und im täglichen Leben angewendet. Die Medien kritisieren herzhaft und ohne Vorbehalte – aber kann man nach dem Vorfall „Talla Sylla“ noch so optimistisch von Meinungsfreiheit sprechen? Der Journalist Abdou Latif Coulibaly erhielt Morddrohungen, als er im Juli sein Buch „Die gescheiterte Wende“ veröffentlichte, eine Brandschrift, in der er Wade und seiner Familie die Verantwortung für das Scheitern der politischen Wende vorwarf,. Wade stellte ihm sofort eine persönliche Leibgarde zur Verfügung, die immer noch über Coulibalys Unversehrtheit wacht. Aber wie steht es um die Pressefreiheit in Senegal, wenn kritische, in diesem Fall extrem kritische, Meinungsvertreter mit dem Tod bedroht werden?
Der Staat kann sie schützen, wie geschehen, aber er kann die Extremisten nicht knebeln und fesseln. Hier liegt die wahre Herausforderung für die Regierung der Alternance: Es geht darum, den Bürger und besonders den Presseorganen einen maximalen Schutz zu gewähren, und gleichzeitig das Gewaltpotential in den politischen Parteien zu reduzieren. Letzteres ist die schwierigste Aufgabe, aber die Regierung muss sie angehen, denn die politische Gewalt schwebt wie ein Damoklesschwert über der Alternance.
Wenn in den Nachbarländern Oppositionspolitiker eingesperrt werden wie in Guinea und in Mauretanien, wo der Herausforderer des Präsidenten vor und nach der Wahl verhaftet, vernommen und eingekerkert wurde, wenn in anderen afrikanischen Ländern Opposition von vornherein als suspekt gilt, wie in Gabun oder in Äquatorialguinea, ist es gewiss übertrieben, Senegal einen Rückfall in vordemokratische Zeiten vorzuwerfen. Die Existenz von 73 politischen Parteien, eine Koalitionsregierung aus 40 Parteien, die Präsenz von 10 Oppositionsparteien im Parlament, das Florieren einer geschriebenen Presse, die häufig sehr kritisch ist, und die unzählbaren nationalen und lokalen Radiosender widerlegen diese Vermutungen deutlich.
Es wäre vorschnell ge- bzw. verurteilt, wenn die aufgetretenen Fälle politischer Gewalt als Beweis für eine gewaltbereite Intoleranz der Regierungsparteien gewertet würde. Sie kommen allerdings der Opposition sehr gelegen, die mittlerweile aus ihrem Winterschlaf erwacht ist. Nach der politischen Wende bluteten die einstigen Regierungsparteien und ihre Abspaltungen erst einmal aus, viele ihrer Mitglieder wanderten zur vielversprechenderen PDS ab und die restlichen Parteimitglieder leckten ihre Wunden. Mittlerweile hat sich die Parteilandschaft aber wieder normalisiert: die Parti Socialiste bewährt sich jetzt hervorragend in ihrer Oppositionsrolle und ist dabei, Oppositionsführerin zu werden. Auch die Parteien der ehemaligen Mitstreiter Wades, die nun in der Opposition sind, haben ihre neue Rolle akzeptiert und ihre Chancen erkannt.
Die neue Dynamik der Opposition
Ein Beweis für die neue Dynamik der senegalesischen Opposition war der Demonstrationszug gegen politische Gewalt Anfang November. Das Kollektiv der wichtigsten Oppositionsparteien CPC (Cadre permanent de concertation) hatte zu einer Anti-Gewalt-Demonstration aufgerufen und am 6. November marschierten zwischen 2.500 (nach Angaben der Polizei) und 10.000 (nach Angaben der Organisatoren) Demonstranten von der nationalen Rundfunk- und Fernsehanstalt durch die belebtesten Straßen der Dakarer Innenstadt bis zum Regierungsviertel.
Einträchtig gingen die Parteiführer Niasse (AFP), Tanor Dieng (PS), Madior Diouf (RND), Djibo Ka (URD) und der wortgewaltige Ahmat Dansokho (PIT) nebeneinander her zum Innenministerium, wo dem Innenminister Macky Sall ein Memorandum übergeben wurde. Darin wurde der Staat aufgerufen, mehr und wirksamere Maßnahmen gegen politische Gewalt zu ergreifen, und Macky Sall versicherte den Demonstranten, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um ihren Forderungen nachzukommen.
Die Demonstration war gleichzeitig auch ein Beweis für die Kompetenz des vor einigen Wochen neu ernannten Innenministers. Nachdem seit den letzten Regierungsjahren der PS und in den ersten Jahren unter Wade Armeegeneräle diese Funktion eingenommen und zu aller Zufriedenheit weitgehend unparteiisch ausgeübt hatten, ernannte Wade nun einen engen PDS-Mitarbeiter. Sall ist gleichzeitig Minister für Gebietskörperschaften und Bürgermeister der Regionalhauptstadt Fatick, jung, ehrgeizig und ein ehrlicher Demokrat, was er durch sein ruhiges und ausgleichendes Verhalten unterstreicht.
Die in- und ausländische Presse wertete diese Demonstration aber vor allem als ein Zeichen der wieder auflebenden Opposition, als ein Kräftebeweis und ein Versuch, die verschiedenen Oppositionsparteien zu einigen. So stellten die Fälle politischer Gewalt den Anlass, den Auslöser dar, der zu der ersten Machtdemonstration der Oppositions-parteien führte. Dieser Protestmarsch war das Zeichen einer wiedererwachenden, einer sehr dynamischen Opposition, ohne die eine wahre Demokratie nicht denkbar ist.
Es ist ein positives und hoffnungsvolles Zeichen, dass die Opposition aus ihrer Lethargie erwacht ist, und es ist zu vermuten, dass die nächsten Wahlen wesentlich nuanciertere Ergebnisse zeitigen werden. Wer befürchtete, die PDS würde - wie vormals die Parti Socialiste - ihr System zu einer Parteihegemonie ausbauen und politisch widerstrebende Kräfte in den Hintergrund drängen, hat sich getäuscht. Die senegalesische Bevölkerung ist politisch reifer geworden, sie lässt sich nicht mehr bevormunden und nicht nur die politischen Parteien, auch die Zivilgesellschaft und der einfache Bürger treten immer mehr und immer aktiver für ihre demokratischen Rechte ein.
Pressefreiheit und diplomatische Verwicklungen: der Fall RFI
Was hinsichtlich der Meinungsfreiheit senegalesischer Medien wahr ist, gilt aber offenbar nicht für ausländische Presseorgane, wie die kürzlich vorgenommene Ausweisung der RFI-Journalistin Sophie Malibeaux zu belegen scheint. Was hat den senegalesischen Innenminister bewogen, diese Journalistin auszuweisen, hat er die diplomatischen Folgen bedacht, ist man geneigt, sich zu fragen. Ohne einen Exkurs auf die Rolle des französischen Senders RFI im frankophonen Afrika vornehmen zu wollen, sei angemerkt, dass ihm nicht nur objektive und unparteiische Berichterstattung nachgesagt wird, sondern teilweise ungerechtfertigte Einmischung in nationale Angelegenheiten. Ebenfalls die französische Diplomatie ist nicht frei von einer gewissen Parteinahme, wenn es um die Verteidigung der Interessen der ehemaligen Kolonialmacht in Afrika geht.
Sophie Malibeaux wurde wegen tendenziöser Berichterstattung im Rahmen des Casamance-Konflikts ausgewiesen, und eine genaue Betrachtung der Vorgänge kann vielleicht Verständnis für die Reaktion der senegalesischen Regierung wecken - wenn diese auch genau den gegenteiligen Effekt ausgelöst hat und als Beleg für Intoleranz und eine Beschneidung der Meinungsfreiheit ausgelegt wird.
Es ist bekannt, dass in dem südlichen Landesteil Senegals, der durch die Enklave Gambia vom Rest des Landes abgetrennten Casamance, seit 20 Jahren ein Separatistenkonflikt herrscht. Es ist der Regierung Wade zugute zu halten, dass sie in den letzten drei Jahren durch häufige und zähe Verhandlungen mit den Separatisten-führern maßgebliche Fortschritte errei-chen konnte. Nicht nur mit den moderaten Separatisten wurden Einigungsmöglichkeiten erkundet, auch die im Untergrund agierenden militärischen Kämpfer wurden peu à peu auf die Friedenslinie eingestimmt. Mitte Oktober gelang schließlich der Durchbruch bei Friedens-verhandlungen, an denen beinahe alle Separatistenführer teilnahmen und einen Vertrag unterzeichneten, in dem sie ausdrücklich auf Gewalt und auf die Forderung nach Unabhängigkeit verzichteten, bei einer Garantie für mehr regionale Autonomie und verstärkte wirtschaftliche Aufbauhilfe von Seiten des Staates.
In diesem Kontext fuhr nun die RFI-Journalistin Malibeaux anstatt in den Verhandlungsort Ziguinchor in der Casamance ins Nachbarland Gambia, um sich dort mit einem der verbleibenden radikalen Rebellenführer zu treffen. Alexandre Djiba lebt seit Jahren im Ausland und befehligt aus der Distanz einige militante gewalttätige Separatistengruppierungen. Er nahm nicht an den Friedensverhandlungen teil, sondern rief sogar zu deren Boykott auf, denn der Frieden in der Casamance steht seinen wirtschaftlichen Interessen am Rebellenkampf entgegen.
Malibeaux suchte Djiba in Banjul auf und RFI strahlte dann ein Interview mit diesem Rebellenführer aus. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass das Senden eines Interviews mit einem radikalen, nicht friedensbereiten Rebellenführer, der innerhalb der Separatistenbewegung eine marginale und umstrittene Stellung einnimmt, zumindest nicht dem Verständnis von Frieden und von Demokratie förderlich ist. Es ist ein Zeichen, und dieses Zeichen bedeutet unmissverständlich, dass die RFI-Journalistin den Friedensbestrebungen der senegalesischen Regierung und der verhandlungs-bereiten Separatisten nicht so viel Bedeutung beimisst wie den Äußerungen eines radikalen Rebellenführers. Die diplomatischen Verwicklungen waren vorauszusehen, der Quai d’Orsai äußerte sich empört über die Ausweisung der Journalistin und Wade konterte mit dem Vorwurf der Sabotage der Friedensverhandlungen.
Die Empörung der Franzosen beruht jedoch letztendlich auf einem tiefer liegenden Grund. Der immer noch wichtigste Geldgeber der senegalesischen Regierung ist in letzter Zeit mehrmals frustriert worden, als nämlich Wade den transatlantischen Beziehungen soviel Bedeutung zumaß, wie es aus französischer Sicht nie hätte geschehen dürfen. Der großartig vorbereitete und hervorragend inszenierte Besuch des amerikanischen Präsidenten in Senegal vor einigen Monaten ist der französischen Regierung bis heute ein Dorn im Auge, und in diesem Zusammenhang war die Ausweisung der RFI-Journalistin den diplomatischen Beziehungen nicht gerade förderlich.
Die weltpolitische Öffnung und die internationale Akzeptanz des senegalesischen Präsidenten missfällt der ehemaligen Kolonialmacht aus verständlichen Gründen, aber die jahrhundertlangen diplomatischen und vor allem wirtschaftlichen Beziehungen werden vermutlich keinen Schaden nehmen, zu eng sind die Verflechtungen zwischen Frankreich und Senegal.

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taz 16.02.2003
Schreiben und die eigene Haut verlassen

Die Senegalesin Khadi Fall ist ein politischer Mensch, nicht nur weil sie ein Jahr Ministerin in Senegal war. Sie studierte in Deutschland Germanistik und lebt nun als Professorin in Dakar. Dort schreibt sie Romane und arbeitet über Themen wie Übersetzung und interkulturelle Kommunikation von KATRIN SCHNEIDER

Sie habe angefangen zu schreiben, so erzählt die senegalesische Schriftstellerin und Germanistikprofessorin Khadi Fall während einer Tagung mit afrikanischen Schriftstellerinnen in Bad Boll, weil sie es in ihrer Promotionszeit irgendwann satt hatte, deutsche Bücher zu lesen. Für ihre Doktorarbeit musste sie sich durch die Werke von zehn deutschen Autoren arbeiten, u. a. von Böll, Grass, Frisch und Lenz. Besonders der Stil von Siegfried Lenz habe sie begeistert und ihr Schreiben beeinflusst.

Für ihren ersten Roman, "Mademba", hat sie die Erzählperspektive eines 19-jährigen Jungen gewählt. Mademba vertraut einem Tonband sein bisheriges Leben an, weil er befürchtet, bei einer bevorstehenden Operation seine Stimme zu verlieren oder sogar zu sterben. Durch seine Geschichten erhält der Leser einen Einblick in verschiedene soziale Milieus, es entsteht ein Kaleidoskop der senegalesischen Gesellschaft. Für das Manuskript wurde Khadi Fall 1985 mit dem Preis des Romans in Senegal ausgezeichnet, veröffentlicht wurde der Roman allerdings erst vier Jahre später in Paris. Als der französische Verleger einige Stellen streichen wollte, weil sie - so Khadi Falls Interpretation - nicht den Klischees der französischen Bevölkerung über das Denken und Fühlen von Afrikanern entsprächen, war ihre Antwort eindeutig und kompromisslos: "Entweder Sie drucken den Text vollständig, oder Sie veröffentlichen mich gar nicht."

Geschrieben hat Khadi Fall den Roman auf Französisch und nicht in ihrer Muttersprache Wolof. Das Thema der Mehrsprachigkeit ist für sie zentral. Sie ist überzeugt, dass es durch die Kolonialsprachen zu einer Entwurzelung der Afrikaner gekommen ist. Nicht nur die ökonomischen Missstände sind ihrer Ansicht nach schuld an der Bildungsmisere in Afrika - in Senegal sind rund 80 Prozent der Frauen Analphabetinnen -, auch kulturelle Faktoren spielen eine Rolle. "Die Unterrichtssprache ist immer noch Französisch, auch in den Dörfern; es ist die Sprache der ehemaligen Kolonialherren, und deshalb hat sich die Bevölkerung die Schule nicht angeeignet. Ohne unsere eigenen Sprachen werden wir uns nie entwickeln, denn die Mehrheit unserer Bevölkerung betrachtet die Schule als etwas Fremdes, sie fühlt sich ausgeschlossen. Das ist eines der wichtigsten Probleme, und davon redet man nicht genug."

Khadi Fall weiß, wovon sie spricht. Denn während eines kurzen Ausflugs in die Politik nach dem Regierungswechsel in Senegal im Jahr 2000 machte sie während ihrer einjährigen Amtszeit als Ministerin für Dezentralisierung und Raumordnung viele Reisen aufs Land, um die Dorfbewohner über ihre Möglichkeiten der Partizipation an politischen und ökonomischen Entscheidungen aufzuklären. Sie konnte dabei von Erfahrungen profitieren, die sie zwanzig Jahre früher als damals noch aktives Mitglied der senegalesischen Frauenbewegung sammelte. Noch gut erinnert sie sich daran, wie sie mit einer Gruppe städtischer Intellektueller, die die Beschneidung von Frauen im südlichen Senegal bekämpfen wollte, von den Dorffrauen empfangen wurde: "Sie kamen uns mit Knüppeln bewaffnet entgegen."

Heute versteht sie, warum. "Wir wollten diesen Frauen sagen, was sie tun oder lassen sollen. Das war genau das, was die Franzosen mit uns gemacht haben, dagegen haben sich die Frauen gewehrt. Wir haben daraus gelernt, dass man so sprechen muss, dass die Menschen, die nie eine Schule besucht haben, einen verstehen, und man muss sich kleiden wie sie."

Khadi Fall ist ein politischer Mensch; das wird auch in ihrem zweiten Roman, "Der Duft der Regenzeit", sichtbar, der 1993 erschien. In diesem Roman wird aus der Sicht der 55-jährigen Anwältin Tembi Mkwanazi die Geschichte einer Flucht aus dem südafrikanischen Apartheid-System erzählt. Die Ich-Erzählerin erinnert sich, wie sie als 22-Jährige ihr Heimatland verließ und über Ghana und Guinea schließlich nach Senegal kam. Es werden in dem Buch wichtige afrikanische Themen behandelt wie die Macht und Gewalt in Diktaturen und die Schwierigkeit des Ehelebens in einem Kontext, in dem Polygamie weit verbreitet ist. "Besonders in Afrika hat die Literatur eine Aufgabe zu erfüllen. Sie kann es sich nicht erlauben, nicht engagiert zu sein", davon ist Khadi Fall überzeugt.

In Zukunft will sie nur noch in Wolof schreiben, damit sie in ihrem eigenen Land verstanden wird. Die Frage ihrer Mutter, die kein Französisch spricht und die Bücher ihrer Tochter nicht lesen kann, hat sie aufgerüttelt: Für wen schreibst du eigentlich? Die Antwort ist eindeutig: in erster Linie für Afrikaner.

Trotz der ernsten Themen, die sie in ihren Büchern anspricht, amüsiert sich Khadi Fall beim Schreiben. "Es ist ein Vergnügen für mich, solche Montagen zu machen, die kleine Geschichte in der großen zu erzählen und - wie es einer unserer besten Märchenerzähler ausgedrückt hat - meine eigene Haut zu verlassen, um etwas zu erzählen, und dann zurückzukommen." Obwohl die heute 54-jährige Mutter von vier Kindern bereits 1983 in Straßburg in Germanistik promovierte, kam sie erstmals 1992 für eine längere Zeit nach Deutschland. Als Stipendiatin der Alexander-von-Humboldt-Stiftung hatte sie zwei Jahre lang Zeit, um in Hannover ihre Habilitationsarbeit zu schreiben. Sie erzählt, dass sie 16 Stunden am Tag gearbeitet und erst kurz vor ihrer Abreise den Maschsee und die Herrenhäuser Gärten entdeckt habe. Der Gegenstand ihrer Habilitationsschrift ist ein Klassiker der afrikanischen Literatur: "Gottes Holzstücke" von ihrem Landsmann Sembène Ousmane.

Bei der Lektüre dieses Romans war ihr aufgefallen, dass hinter der Oberfläche des Französischen Spuren der Muttersprache Wolof durchscheinen. Diesen "Urtext" hat sie rekonstruiert und mit der deutschen Übersetzung verglichen.

Khadi Fall, die seit vielen Jahren als Germanistikprofessorin an der Universität in Dakar lehrt, nutzt dieses Beispiel als Unterrichtsmaterial in ihren Kursen, die sie derzeit im Rahmen einer Georg-Forster-Professur für Interkulturelle Literaturwissenschaft an der Universität Hannover zu den Themen "Literarische Übersetzung und interkulturelle Kommunikation" anbietet.

Von ihren eigenen Romanen gibt es bislang noch keine deutschen Übersetzungen, nur das erste Kapitel aus "Der Duft der Regenzeit" wurde in der Zeitschrift Welfengarten in deutscher Fassung veröffentlicht. Anlässlich des 65. Geburtstags ihres akademischen Lehrers, Prof. Leo Kreutzer, hat Khadi Fall zum ersten Mal einen Text auf Deutsch geschrieben. Darin schildert sie die Begegnung zwischen Massamba, dem Sohn eines afrikanischen Kochs, und Johannes, einem deutschen Jungen aus Niedersachsen, in einem Touristenort an der senegalesischen Küste. In die Geschichte sind Erfahrungen eingeflossen, die sie in Deutschland gemacht hat, zum Beispiel die lautstarke Empörung ihres damals sechsjährigen Sohns, als sich ein Paar auf dem Frankfurter Flughafen in aller Öffentlichkeit küsste.

taz Nr. 6982 vom 17.2.2003, Seite 14, 229 Zeilen (Portrait), KATRIN SCHNEIDER
weitere Informationen: http://www.taz.de


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