Im Gegenzug dafür, dass Frankreich die Konvertierbarkeit des CFA-Franc garantierte, willigten diese Länder ein, 65 Prozent ihrer Devisenreserven auf ein spezielles Konto des französischen Finanzministeriums einzuzahlen. Überdies gewährte man Frankreich ein währungspolitisches Vetorecht, wenn dieses spezielle Konto überzogen war. In den letzten vierzig Jahren hatten diese Entscheidungen verheerende Auswirkungen.
Der Großteil des Geldes in CFA-Francs stammt aus dem Handel zwischen Frankreich und seinen afrikanischen Verbündeten. Infolgedessen war die Franc-Zone immer von Geldknappheit und hohen Zinssätze geprägt. Auf der anderen Seite hatten Strukturanpassungsprogramme des IWF und der Weltbank die Inflation niedrig gehalten - so als ob weitere Sparzwänge im Namen der Preisstabilität in den unter jahrzehntelang rückläufiger Nachfrage leidenden ärmsten Ländern die angemessene politische Priorität gewesen wären.
Die Folge war eine tödliche Kombination aus Währungskonvertierbarkeit,
explodierenden Zinssätzen, niedriger Inflation und freiem Kapitalverkehr.
Das alles führt nur zu Spekulation und Kapitalflucht. Spekulanten transferieren
enorme Geldsummen aus Frankreich auf hoch verzinste lokale Einlagenkonten, kassieren
vierteljährlich steuerfrei ihre Erträge und spielen dieses risikolose
Spiel immer wieder.
Die Handelsbanken schwimmen im Geld aus diesen kurzfristigen, spekulativen Transaktionen, das sie dann als Kredite zu strengsten Konditionen an die Regierungen vergeben. Die Banken und Spekulanten heimsen damit erneut schöne Gewinne ein, die Regierungen werden von untragbaren Schulden erdrückt, dem einheimischen Produktionssektor mangelt es an mittel- und langfristigen Finanzierungen, und die meisten Menschen leben weiterhin in tiefster Armut.
Die Gründe für die Kapitalflucht liegen im freien Gewinntransfer, der Schuldenrückzahlung und im Hang der Eliten, ihre Vermögensbestände ins Ausland zu verfrachten. Dieser massive Devisenabfluss wird wegen einer 1993 ins Leben gerufenen Kapitalkontrolle ausschließlich nach Frankreich umgeleitet. Die Folge ist, dass einige der ärmsten Länder der Welt Teile des französischen Haushaltsdefizits finanzieren.
Ausverkauf
der Vermögenswerte
Der einzige rationale Grund für die Existenz des CFA-Franc ist ein stillschweigendes
Übereinkommen zwischen Frankreich und den regierenden Eliten in seinen
ehemaligen Kolonien, die Staaten der Franc-Zone auszuplündern. Die Vorteile,
die die gemeinsame Währung für den Handel zwischen den Mitgliedsländern
der Franc-Zone haben könnte, wurden durch die Entscheidung der ehemaligen
französischen Kolonien im subsaharischen Afrika zunichte gemacht, die föderalen
Regierungsstrukturen und den Binnenmarkt der Kolonialzeit aufzugeben und stattdessen
Handelshemmnisse einzuführen.
Und so als ob das alles noch nicht schlimm genug wäre, wurde der Wechselkurs des CFA-Francs, der seit 1948 unverändert geblieben war, im Jahr 1994 um 50 Prozent abgewertet. Wann war die Gelegenheit - aus der Sicht ausländischer Investoren - jemals günstiger, um staatliche Vermögenswerte in großem Stil zu privatisieren? Unter der Schirmherrschaft des IWF und der Weltbank wurden lukrative Sektoren wie Energie, Telekommunikation, Wasserversorgung und Banken zu Schleuderpreisen an westliche Unternehmen verkauft.
Die Bilanz der Partnerschaft zwischen Frankreich und seinen früheren afrikanischen Kolonien ist also höchst einseitig. Frankreich sicherte sich einen riesigen Markt für seine Produkte, eine ununterbrochene Versorgung mit billigen Rohstoffen, die Repatriierung des Löwenanteils der lokalen Ersparnisse, konkurrenzlosen politischen Einfluss, kostenlose strategische Präsenz auf Militärbasen und die Gewissheit, dass es sich auf die diplomatische Unterstützung seiner afrikanischen Verbündeten verlassen konnte. Für die Afrikaner allerdings bedeutete diese Partnerschaft eine Schwächung des Handels, Geldknappheit, hohe Zinssätze, massive Kapitalflucht und Schuldenberge, deren Rückzahlung die nötigen Investitionen in Bildung und Ausbildung, in Gesundheitswesen, Nahrungsproduktion, in Wohnbau und in die Industrie verhinderte.
Die negativen Auswirkungen dieser Ordnung weiteten sich auf den gesamten afrikanischen Kontinent aus. Auf politischer Ebene stellten sich Frankreich und seine Verbündeten gegen die in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren von Persönlichkeiten wie Nasser und Nkrumah aufgebrachte Idee einer Regierung für ganz Afrika. Sie trugen dazu bei, das Projekt zu blockieren und den berüchtigt ineffizienten Club afrikanischer Staatschefs, die Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU), zu schaffen, wodurch die Uhr der afrikanischen Integration um Jahrzehnte zurückgestellt wurde.
Gezielte Verhinderungspolitik
Als die OAU die Wirtschaftsgemeinschaft der Westafrikanischen Staaten (ECOWAS)
beauftragte, die regionale Wirtschafts- und Währungsunion zu fördern,
verhinderten Frankreich und seine Verbündeten dies sofort durch die Schaffung
der Westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion (UEMOA) und der Zentralafrikanischen
Wirtschafts- und Währungsunion (CEMAC). Das hinderte die ECOWAS daran,
die Wirtschaftsleistung ihrer Schwesterorganisationen - der Südafrikanischen
Entwicklungsgemeinschaft (SADC) und des Gemeinsamen Markt für das Östliche
und Südliche Afrika (COMESA) - zu erreichen.
Für die afrikanischen Verbündeten Frankreichs ist es illusorisch und undurchführbar, einer bereits bestehenden künstlichen Währungsunion ein wirtschaftliches Integrationsprogramm aufzupfropfen. Diese künstliche Währungsunion hat das Gefüge der Gesellschaften seit ihrer Unabhängigkeit 1960 durcheinander gebracht. So ist es auch kein Wunder, dass die meisten dieser Staaten heute mit Unruhen, Rebellionen und der Gefahr einer Implosion konfrontiert sind.
Wenn der von Frankreich dominierte Teil Afrikas wirtschaftliches Wachstum erfahren soll, dann muss die Franc-Zone abgeschafft werden. Die Einführung des Euro bot eine Gelegenheit für die ehemaligen Kolonien, sich aus der sie erstickenden französischen Umarmung zu befreien. Diese Chance hat man allerdings verpasst. Stattdessen wurde der CFA-Franc an den Euro gebunden, ohne dass zugleich die Regeln, Institutionen und Funktionsweisen verändert wurden. Für die Bürger der frankophonen Länder Afrikas wird dies mit Sicherheit tragische Konsequenzen haben.
(DER
CFA-Franc
Seit 1948 besteht in vierzehn afrikanischen Ländern eine Währungsunion,
die Communauté Financière Africaine (CFA). Der lange Zeit an den
französischen Franc und heute an den Euro angebundene CFA-Franc hat die
Dekolonisierung unbeschadet überstanden. Für den Senegalesen Sanou
Mbaye, früher Ökonom bei der Afrikanischen Entwicklungsbank und heute
freier Publizist, ist der CFA-Franc ein Mittel imperialer Ausbeutung: "Der
Grund für die Existenz des CFA-Francs ist ein stillschweigendes Übereinkommen
zwischen Frankreich und den regierenden Eliten in seinen ehemaligen Kolonien,
die Staaten der Franc-Zone auszuplündern." )
Copyright: Project Syndicate, Januar 2004. Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier Erscheinungsdatum 13.01.2004
FR
17.3.2004
Der grüne Hinterhof ist kriegsmüde
In der Provinz Casamance kämpfen seit 22 Jahren Separatisten gegen
die Regierung Senegals – doch es ist ruhiger geworden.
VON CHRISTOPH
LINK
Grün und immer wieder grün: Wer aus der heißen und staubigen
Hauptstadt des Senegal, Dakar, mit dem Propellerflugzeug auf der Piste von Ziguinchor
einschwebt, der erfreut sich erst mal am satten Grün der Landschaft. Mangrovenwälder,
Reisfelder, Sümpfe, hohe Bäume des tropischen Regenwaldes - die Provinz
Casamance ist der grüne Hinterhof des Senegal.
Die Häuser der „Hauptstadt" Ziguinchor sind weiß getüncht, aber die Feuchtigkeit lässt sie rasch ergrauen, die Lagunen schimmern blau und die Sandstrände sind weiß - eine Bilder-buchlandschaft, ein Touristenort. Geographisch abgeriegelt durch den Kleinstaat Gambia, der als Enklave entlang dem Gambia-Fluss in den Senegal ragt, war die Casamance schon immer schwer zugänglich. Und der Untergang der Fähre „Joola" im September 2002 mit 1863 Toten war nicht nur eine menschliche Tragödie, es war auch eine Katastrophe für das Verkehrswesen. Die „Joola" war eines der wichtigsten Verkehrsmittel für die 800 000 Einwohner der Casamance, ein Ersatz für das Schiff ist nicht gefunden. Die Abgeschiedenheit der Provinz hat sich noch verstärkt.
Warten
auf die Rückkehr einer Toten
Die Ethnie der Dialo, die in der Casamance lebt, hatte sich stets gegen die
wechselnd einfallenden europäischen Kolonialherren gewehrt. Die Franzosen
kontrollierten ihre Kolonien im heutigen Senegal über örtliche Führer,
nur in die hierarchiefreie Casamance schickten sie im 19. und 20. Jahrhundert
als Statthalter Männer aus dem Norden - muslimische Mandinka. In der animistisch-christlichen
Casamance waren diese Fremden bald genauso verhasst wie die Europäer. Der
letzte große Aufstand der Dialo datiert von 1943 und wurde von den Franzosen
niedergeschlagen. Die „Jeanne d'Arc" der Casamance - die Rebellenführerin
und Priesterin Aline Sitoe Diatta - starb im Gefängnis in Mali. Heute noch,
so heißt es, warten manche auf ihre Rückkehr.
Die historische Rebellion wurde in die Neuzeit übertragen. Der wachsende Zustrom muslimischer Wolof oder Mandinka aus dem Norden des unabhängigen Senegal, die geschäftstüchtig in den Tourismus investierten oder Land aufkauften, ließ die Diola aulbegehren. Der zweite, moderne Krieg begann am 26. Dezember 1982, als eine Demonstration für die Unabhängigkeit der Casamance in Ziguinchor von der Polizei brutal niedergeschlagen und die Führungsschicht der separatistischen „Bewegung der demokratischen Kräfte der Casamance" (MFDC) verhaftet wurde.
Die Behörden verurteilten den katholischen Priester und spirituellen Vater der Separatisten, Augustine Diamacoune, wegen Aufruhrs zu fünf Jahren Haft. Heute lebt der inzwischen 76-Jährige unter Hausarrest im Diözesanhaus von Ziguinchor, er hat zwar der Gewalt abgeschworen und Senegals Präsidenten Abdoulaye Wade getroffen - aber seine Haltung zur Sezession bleibt unklar. Die Regierung in Dakar möge ihm ein einziges Dokument zeigen, wonach die Casamance in den Senegal integriert sei, sagt Diamacoune, das gebe es nicht.
Die Rebellion der Casamance ist ein Kleinkrieg der Überfälle und Hinterhalte; Minen werden gelegt, bevor ein Militärkonvoi eine Straße passiert; Autos werden geraubt und Geschäfte geplündert. Vor einer Verfolgung ziehen sich die Befreiungskämpfer über die grüne Grenze nach Guinea-Bissau zurück, wo ebenfalls Diola leben. Guinea-Bissau ist ein politisch instabiles Land, gezeichnet von Militärputschen, und laut einem UN-Bericht gilt es als Drehscheibe für den Handel mit Kleinwaffen.
Die senegalesische Armee ist stark präsent in den Dörfern rund um Ziguinchor. Aber gegen die einst auf 4000 Mann geschätzten Partisanen der MDFC im Busch gibt es militärisch kaum eine Chance, sie sind kaum zu verfolgen. Weniger als 1000 Menschen sind in dem Krieg der Casamance ums Leben gekommen, besagen Schätzungen. Verglichen mit Afrikas Großkriegen am Kongo, in Angola oder in Sudan ist der Bürgerkrieg in der Casamance nur ein kleines Drama, doch die Bevölkerung leidet nicht minder darunter. 50000 Menschen seien vertrieben worden, schätzt die Organisation „Refugee International", viele sind nach Gambia und Guinea-Bissau geflohen, allein in Ziguinchor wird die Zahl der Flüchtlinge auf 15000 geschätzt. Zahlreiche Dörfer sind verlassen worden. Amnesty International schätzt die Zahl der spurlos Verschwundenen auf 180 Personen - 100 Entführungen gingen auf das Konto der Regierungsarmee, 80 auf das der Rebellen. „Trotz einer positiven Entwicklung in den vergangenen drei Jahren besteht immer noch Straflosigkeit für die Täter", sagte Salvator Sagne von Amnesty.
Es gibt Anzeichen für ein nahes Ende des Krieges. Senegals Regierung unter Abdoulaye Wade paraphierte im März 2001 einen provisorischen Friedensvertrag mit der MFDC, aber Waffenstillstände wurden schon häufig gebrochen. „Seit einiger Zeit beruhigt sich der Konflikt", sagen westliche Diplomaten in Dakar. Es habe den Anschein, als ob die von Regierungsarmee und Rebellen gleichermaßen bedrängte Bevölkerung von jeglicher Gewalt genug habe und einsehe, dass ein Krieg ihren Interessen wenig nütze. Die letzten Gefechte liegen ein gutes Jahr zurück, sie sollen sich laut BBC in der Nähe von Ziguinchor und dem Touristenort Cap Skirring ereignet haben. Als Reaktion auf den Tod eines Soldaten durch eine Landmine rückte damals die Armee aus: 30 Rebellen und vier Regierungssoldaten sollen dabei getötet worden sein.
Der Weg
zum Frieden
Die „innere Zerrissenheit" der Rebellengruppe MFDC, so der Afrikawissenschaftler
Sven Grimm, mache es für Senegals Regierung nicht leicht zu erkennen, wer
für Friedensverhandlungen überhaupt zuständig sei. Noch fehlt
ein Friedensvertrag. Die MFDC hat mehrere Branchen und Niederlassungen im Exil
in Paris, in Ziguinchor und in Guinea-Bissau. Die Casamance stand noch unter
dem Schock des Fährunglücks, als der MFDC-Generalsekretär Jean-Francois
Biagui auf einer Versammlung in Ziguinchor den bewaffneten Kampf der MFDC für
beendet erklärte. Statt von Unabhängigkeit sprach Biagui nur noch
von „politischer Emanzipation der Casamance". Später erklärte
er, man gebe die Unabhängigkeit nicht auf, müsse jetzt aber eine „Zwischenlösung"
finden.
Doch auch bei dieser Friedensproklamation' war die MFDC nicht allumfassend vertreten, die Hardliner fehlten. Ähnlich wie in Angola mit dem Tode von Jonas Savimbi könnte in der Casamance vielleicht der Zufall dem Frieden behilflich sein. Im Mai vergangenen Jahres starb einer der „Kriegsfalken" der MFDC, der 83 Jahre alte Sidi Badji, der kompromisslos den militärischen Teil der Rebellion geleitet hatte.
Mittlerweile hat die Weltbank eine Art Wiederbelebungsprogramm für die Casamance aufgelegt und die Hilfsorganisation US-Aid hat Hilfe zugesagt. Nachdem das Welternährungsprogramm und Unicef schon Lager in Ziguinchor haben, wird jetzt auch das UN-Entwicklungsprogramm dort hinziehen, um den Friedensprozess zu unterstützen. 200 bewaffnete MFDC-Kämpfer sind bereits aus dem Busch gekommen. Die ersten Flüchtlingsfamilien aus Guinea-Bissau strömen indes zurück in die Casamance, sie erhalten als Startpaket im Grenzdorf Mpack einen Umschlag mit umgerechnet 76 Euro außerdem 500 Kilo Reis für den Anfang. In ihren Dörfern allerdings erwarten sie abgebrannte Häuser, verwüstete Stallungen und vom Urwald zurück eroberte Felder. Und Banditen, frühere Rebellen vielleicht, die nun mit Überfällen und Wegelagerei das Land unsicher machen. FR 17.3.2004
NZZ
23.1.2004
Tod eines Kinos
Moribunde Kinokultur in Senegal
In Bälde wird auch das letzte Erstaufführungskino im Stadtzentrum
Dakars schliessen müssen. Das «Le Paris» ist eine Institution
im gesellschaftlichen Leben der senegalesischen Hauptstadt, und sein bevorstehendes
Verschwinden verdeutlicht einmal mehr die prekäre Lage, in der sich die
Kinokultur einer ganzen Region befindet.
Bis in die 1980er
Jahre war Dakar die unbestrittene Hauptstadt des westafrikanischen Filmschaffens,
mehr als 20 Säle befriedigten die Bedürfnisse einer lokalen Mittelschicht
nach bewegten Bildern. Zwei der bedeutendsten Regisseure des Kontinents stammen
aus der Stadt, die stets als Brückenkopf zwischen Europa und Afrika diente:
Ousmane Sembène (geb. 1933) und Djibril Diop Mambéty (1945-1998)
schufen Filme, die in aller Welt Anerkennung fanden: Sembènes «Mandabi
- Die Postanweisung» (1968) war der erste Film, der in der Hauptverkehrssprache
Wolof gedreht wurde, er gewann in Venedig den Preis der Jury. «Xala»
(1974), die eigene Verfilmung seines gleichnamigen Romans über die sexuelle
und ökonomische Impotenz eines polygamen Geschäftsmanns, wird in jeder
Filmgeschichte als Meilenstein des afrikanischen Kinos ausgewiesen. «Touki
Bouki - Die Reise der Hyäne» (1973) des früh verstorbenen Mambéty
gilt im Gegensatz zum engagierten Kino seines älteren Landsmannes als filmästhetisch
revolutionärer Versuch, die Avantgarde nach Afrika zu transportieren. Sein
letzter Langfilm, «Hyènes» (1992), ist die kongeniale Übertragung
von Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» in das Ödland
vor den Toren Dakars. All das ist Geschichte.
Das Centre culturel français in Dakar initiierte kürzlich eine Veranstaltungsreihe,
um dem senegalesischen Kino auch vor Ort wieder zu mehr Popularität zu
verhelfen. In den Diskussionen kamen die Probleme zur Sprache, die das afrikanische
Kino seit je plagen: unzureichende Produktionsbedingungen, fehlende Vertriebsstrukturen
und ein Publikum, das sich mehr für Holly- und Bollywood begeistert als
für Abbilder der eigenen Realität. Die ökonomische Misere ist
ein weiterer Grund für den Rückgang der Besucherzahlen. Der einheimischen
Bevölkerung, die in den Vororten lebt und neben den Eintrittspreisen -
im «Le Paris» kostete eine Karte immerhin 3000 CFA-Francs, das sind
fast 5 Euro - auch noch die Fahrtkosten in die Innenstadt aufbringen muss, ist
das traditionelle Kinovergnügen zu kostspielig geworden.
In den letzten Jahren wurden in Dakar bereits 70 Prozent der Säle geschlossen.
Nach Schliessung des «Le Paris» mit seinen 750 Plätzen - der
Flachbau soll in diesem Jahr abgerissen werden und einem mehrgeschossigen Geschäftshaus
weichen - wird sich der letzte funktionstüchtige und klimatisierte Kinosaal
in der Innenstadt im französischen Kulturinstitut befinden. Dort können
aber nur gelegentlich Filme gezeigt werden. So haben sich in der Stadt im Wesentlichen
zwei alternative Kulturen entwickelt. Auf der einen Seite boomen die Videoläden:
Wer es sich leisten kann, schafft sich einen Videorecorder oder besser noch
einen DVD-Player an, leiht einen Film aus und lädt sich Freunde ins Haus.
Das ist gesellig und auch sicherer.
Die öffentliche Kinokultur anderseits hat eine prekäre Nische in den
alten Kinosälen der Vorstädte gefunden. Diese stammen zumeist aus
der Mitte des 20. Jahrhunderts und befinden sich in einem erbarmungswürdigen
Zustand, viele sind bereits wegen Baufälligkeit geschlossen worden. Sie
gelten zudem als gefährlich und zeigen vor allem billige Actionreisser,
indische Schmonzetten oder Pornographisches. Ihren Betreibern bleibt oft keine
Wahl: Die Eintrittspreise liegen bei maximal 500 CFA-Francs, und die Verleihgebühren
aktueller Filme sind zu hoch, als dass sich das Risiko lohnen würde, anspruchsvollere
Filme ins Programm zu nehmen.
Dabei reisst der dünne Faden, den die Filmemacher zwischen sich und der
lokalen Bevölkerung gesponnen haben. Die Filme Sembènes, der einst
die Hoffnung artikulierte, dass das Kino die Abendschule des Volkes werden könnte,
werden schon lange nicht mehr im Kino gezeigt. Sie sind nicht einmal offiziell
als Videos erhältlich. Für die Weltpremiere seines letzten Films,
«Faat Kiné» (2001), in dem er einmal mehr den gesellschaftlichen
Wandel afrikanischer Völker am Beispiel einer starken Frau illustriert,
mietete sich Sembène den Saal eines Kongresszentrums mit 1200 Plätzen.
Nach einer ausverkauften Galaveranstaltung jedoch verschwand der Film von den
Leinwänden. Dass fünf Filme dieses afrikanischen Filmpioniers auf
DVD verfügbar sind, ist unter diesen Umständen nur zu begrüssen.
Das derzeitige, nach wie vor bemerkenswerte Filmschaffen senegalesischer Regisseure
spielt sich zunehmend in Europa und Amerika ab - unter weitgehendem Ausschluss
der senegalesischen Öffentlichkeit. Drei Beispiele: «Le prix du pardon»
von Mansour Sora Wade, ein mit bunten Kostümen prachtvoll ausgestatteter
Märchenfilm für Erwachsene, lief gerade zwei Tage im «Le Paris»,
in Deutschland blieb der Film über eine Dreiecksgeschichte, die in einem
zeitlosen Fischerdorf angesiedelt ist, mehrere Wochen in den Programmkinos -
für einen afrikanischen Film bereits ein Publikumserfolg. Moussa Sene Absas
«Madame Brouette», ein kunstvoll verschachtelter Film über
eine Dakarer Strassenhändlerin, deren kleine Tochter den gewalttätigen
Liebhaber der Mutter erschiesst, gewann auf der letztjährigen Berlinale
den Preis für die Musik; als er im «Le Paris» gezeigt wurde,
kamen nicht mehr als 200 Besucher. Das senegalesische Fernsehen zeigt stattdessen
allabendlich vom gleichen Regisseur eine einfach produzierte TV-Serie: «Goor
Goorlu» ist abgefilmtes Strassentheater und hat riesigen Erfolg, da es
den Mutterwitz der kleinen Leute in Szene setzt - und der Spass ist auch auf
Video erhältlich.
Die Carmen-Verfilmung von Joseph Gaï Ramaka, «Karmen Geï»,
schliesslich sorgte in Dakar für einen handfesten Skandal. Der Film zeigt
nicht nur Sex zwischen Frauen, was im muslimischen Senegal schon an sich ein.
öffentliches Ärgernis darstellt. Er zitiert überdies ein Gedicht
von Cheikh Ahmadou Bamba, dem Begründer der Bruderschaft der Muriden. Dessen
Anhänger, die Baye Fall, stürmten am 8. September 2001 den Saal «Les
Ateliers de l'Arche», den der Regisseur des Films zu einem Programmkino
im europäischen Sinne umgestalten wollte. Nicht nur wurde die Aufführung
des Films abgebrochen, der seither nicht mehr öffentlich gezeigt wurde.
Auch das Kino selbst wurde von den Behörden «vorübergehend»
geschlossen - und ist es bis heute.
Das afrikanische Kino hatte es nie leicht; Produktionsmittel und -studios befinden
sich nach wie vor hauptsächlich in Europa. Viele Regisseure leben im Ausland,
und ihre Filme erreichen im Wesentlichen die Kinofreunde des Westens. Vor Ort
boomt allein die Videoszene. In Ghana und Nigeria hat sich daraus bereits ein
florierender Wirtschaftszweig entwickelt, dort werden billige Serien am laufenden
Band abgedreht. So könnte auch die Zukunft eines originär senegalesischen
Filmschaffens aussehen. Die «siebente Kunst», um eine Umschreibung
zu zitieren, die in den Zeitungen Senegals inflationär gebraucht wird,
bliebe dabei auf der Strecke.
Dirk Naguschewski 23.1.2004 Neue Züricher Zeitung
http://www.das-parlament.de/2004/10/thema/020.html
Das Parlament Nr. 10 / 01.03.2004
Laurence Marfaing
Ein Paradies für informelle Händler
Dakar-Agadir - die neue Verbindung über Mauretanien
Seit dem 11. Jahrhundert konstituierte sich das Gebiet, das die heutigen Staaten
Senegal, Mauretanien und Marokko umfasst. Es war ein durch gemeinsame soziokulturelle
und religiöse Bezüge geprägter Raum, der in wirtschaftlicher
Hinsicht bis zum 19. Jahrhundert durch die transsaharischen Handelsbeziehungen
strukturiert wurde. Hier entstanden zum einen Handelsrouten, auf denen Waren
wie Gold, Salz oder auch Sklaven transportiert wurden, zum anderen die den Karawanenhandel
regulierenden Beziehungen zwischen den lokalen Bevölkerungsgruppen und
den Händlern.
Nun haben die marokkanische und die mauretani-sche Regierung die Grenze geöffnet
und mit der senegalesischen Regierung beschlossen, eine durchgehende Straße
von Dakar nach Tanger zu bauen. Diese Strecke, die zuvor überflogen werden
musste, ermöglicht den Händlern, neue Strategien anzuwenden.
Senegal und Mauretanien gehörten zum französi-schen Kolonialreich.
Marokko dagegen war französisches Protektorat. Seit dem 19. Jahrhundert
wurde versucht, in diesem Großraum eine Monopolsituation zu erzeugen:
Die Franzosen stellten die Infrastruktur und bestimmten, wo mit welchen Waren
und Produkten gehandelt wurden. Da die transsaharischen Routen nur schwer kontrollierbar
waren, wurden sie zum Teil von der Kolonialverwaltung umgeleitet oder gesperrt.
Mit der Unabhängigkeit (1960) wurden nationale Grenzen gezogen, dabei diente
der Fluss Senegal als natürliche Grenze. Koloniale sowie postkoloniale
Konflikte bis 1976, die Nichtanerkennung Mauretaniens durch Marokko bis 1970,
schließlich der Konflikt um die ehemals spanische West-Sahara sowie am
Fluss Senegal prägten den gesamten Raum während des 20. Jahrhunderts
und schürten Gewalt und Widerstand. Dabei wurde der historische Zusammenhalt
aufgebrochen.
Die Vision einer direkten befestigten Verbindung zwischen Senegal und Marokko
über Mauretanien ist alt, wurde aber nie durchgehend realisiert. Dennoch
wickelten in der Sahara die einheimischen Händler ihre Geschäfte außerhalb
der Reichweite der Kolonialmächte ab und handelten mit Waren, die nicht
unmittelbar auf das Interesse der Kolonialmächte stießen. Sie suchten
nach Geschäftsnischen, Umgehungs- oder Anpassungsstrategien, um Grenzen
und Handelsgesetze zu umgehen. Die Händler bewegten sich zwischen Legalität
und Illegalität, Solidarität und Gewalt; ihre Logik entsprang Erfahrungen
mit Abhängigkeit, Widerstand und Verarmung während der Kolonialzeit
und nach der Unabhängigkeit.
Seit Beginn des West-Sahara-Konfliktes (1975) um die Unabhängigkeitsforderungen
der Sahrawis war der Grenzübergang Mauretanien-Marokko gesperrt. Weiter
südlich, an der Grenze zwischen Senegal und Mauretanien, ließ der
Bau des Staudammes am Senegal die Konflikte zwischen Nomaden und sesshafter
Bevölkerung - 1989 gar zu rassischen Auseinandersetzungen - eskalieren.
Infolgedessen war der Verkehr auf der Straße fast vollständig unterbrochen.
1990, als sich die Beziehungen zwischen Mauretanien und Marokko normalisierten,
wurde der Grenzübergang zweimal pro Woche geöffnet. Dann bildeten
sich lange Konvois und die Menschen konnten teilweise wieder ihre Geschäfte
aufnehmen. Die Regelung schuf jedoch lange Wartezeiten und bedeutete für
Händler Geld- und Zeitverlust, da diese nur haltbare Waren transportieren
konnten. Obwohl die Landesgrenze im Februar 2002 geöffnet wurde, verlaufen
die neuen Handelsmöglich-keiten weiterhin meist informell.
Der Getreidehandel am Fluss Senegal und in den angrenzenden Regionen, der normalerweise
als for-meller Handel gilt, verläuft nach Aussagen von Beobachtern über
die Grenzen hinweg. Der Fischhandel mittels Kühltransportern ist zwischen
Saint-Louis beziehungsweise Dakar und den senegalesischen Fischern gut organisiert.
Während der Vertrieb formell abgewickelt wird, trifft das nicht unbedingt
für den Transport und Fang der Produkte zu. Für die Händler tun
sich hier Gelegenheiten auf, die nur wenig Kapital beanspruchen. Sie handeln
mit importierten Waren aus Europa, Dubai, Saudi Arabien sowie aus Asien, die
über den Hafen von Nouakchott eingeführt werden. Die Geschäfte
lohnen sich, da die Zollgebühren erheblich niedriger sind als in Dakar
oder in marokkanischen Häfen.
Am Grenzposten Rosso zwischen Senegal und Mau-retanien wird der informelle Handel
hauptsächlich von Frauen betrieben. Ziel ist es, zunächst ein wenig
Kapital zu erwirtschaften. Dann weiten die Frauen den Handel bis Marokko aus,
wohin sie offiziell als Pilgerinnen reisen, um schließlich bis Dubai zu
gelangen, Krönung ihres Erfolgs.
Die Überquerung des Senegal ist nur auf der Dammbrücke oder mit einer
Fähre möglich. Die senegalesischen Händlerinnen, die in der Regel
zu Fuß unterwegs sind, benutzen überwiegend die Fähre, die Händler
mit eigenen Transportmitteln den Damm. Im Zollabfertigungsamt dauert es Stunden,
bis alle bürokratischen Angelegenheiten geregelt sind. Gelegentlich ringen
die Händlerinnen mehrere Tage um adäquate Zollgebühren.
Der wirtschaftliche und soziale Radius der Händlerinnen ist einerseits
in alte Beziehungsgeflechte eingebettet. Denn die Frauen bewegen sich in komplexen
Netzwerken, die ihre Ehemänner oder Familien hergestellt haben und die
über die familiären Bindungen hinausgehen. Andererseits entwickeln
die Händlerinnen eigene wirtschaftliche Strategien und bauen individuelle
Strukturen auf. Diejenigen, die Handel im größeren Stil betreiben
oder einen Großauftrag haben, beteiligen kleinere Händlerinnen daran.
Diese Art der Organisation sorgt für die Zirkulation von Informationen
und erlaubt gegenseitige Hilfe und Ausbildung. Die Aktivitäten der Teilnehmerinnen
stehen zwar in Konkurrenz zueinander, ergänzen sich aber auch. Frauen,
die so viel akkumuliert haben, dass sie ihre Handelskreise über Mauretanien
hinaus erweitern können, integrieren ihre Geschäftspartnerinnen in
ihre Netzwerke, indem sie sie einführen, das heißt an ihren eigenen
Geschäften am Ort beteiligen, um eine Rotation zu ermöglichen. Das
Handelsmilieu ist so kodiert, dass man ohne Fürsprecherinnen daran nicht
teilnehmen kann.
Zollgebühren von Mauretanien nach Senegal sind viermal höher als in
der anderen Richtung. Um dieses Problem zu umgehen, versuchen viele Händlerinnen
mit am Straßenrand angehaltenen Lkw-Fahrern oder in der Wartezone der
Fähre zu verhandeln, um ihre Waren am Zoll vorbei zu transportieren. Diese
werden in den Trennwänden der Lkw's oder zwischen der Ladung versteckt.
Der Fahrer wird bei Polizeikontrollen entsprechend "verhandeln".
Weiter nördlich, an der Grenze zwischen Maureta-nien und Marokko trifft
man ebenfalls viele Händler. Sie gehören oft denselben Sahrawis-Familien
an. Einige Verwandte arbeiten an den Grenzposten, was die Zolltransaktionen
erleichtert. Die Händler transportieren ihre Ware in kleinen Wagen und
entrichten dem Zollbeamten am Übergang circa zwei Prozent des Warenwertes
als Standardpreis. Durch die Öffnung der Straße hat sich die Warenmenge
wesentlich verviel-facht, womit die Verdienstmöglichkeiten auch der Beamten
stiegen.
Von Süden nach Norden werden Stoffe und lokale Waren wie afrikanische Gewänder
oder Matten transportiert. Diese Waren werden in Marokko von den Sahrawis verkauft
oder gegen Kamele, Zigaretten und Waren aus der Ost-Sahara getauscht. Von Norden
nach Süden werden besonders Obst und Gemüse, die im Souss, der reichen
marokkanischen Agrarregion, für den Exportmarkt angebaut werden, gehandelt
sowie djellabahs und babouches, die in Mauretanien und in Senegal sehr beliebt
sind.
Da es keine öffentlichen Transportmittel gibt, bieten Händler oft
ihre Dienste an, um Reisende, besonders kleine Händlerinnen, mitzunehmen.
Mercedes-Busse und Toyota-Geländewagen mit Ladefläche sind besonders
beliebt, vor allem die der Obst- und Gemüsehändler, die leer nach
Dakhla, in das von Marokko besetze West-Sahara-Gebiet, fahren, um tags darauf
mit drei Tonnen Gemüse für den mauretanischen Markt zurückzukommen.
Die Händlerinnen transportieren so ihre Warenbündel. Da die Formalitäten
an der Grenze langwierig sind, nutzen die Händlerinnen die Zeit: Sie kochen
Tee für die Gemeinschaft, besonders für die Zollbeamten, und erleichtern
so ihre Verhandlungen.
Im Raum Senegal-Mauretanien-West-Sahara leben die selben Bevölkerungsgruppen,
gar Verwandte. Einerseits sind es die Tukuleur und Peulh im Bereich Senegalfluss-Mauretanien;
im Raum Mauretanien-West-Sahara sind es die Sahrawis. Die Identität dieser
Menschen beruht eher auf ihren Bevölkerungsgruppen als auf nationaler Zugehörigkeit.
Die Eröffnung einer befestigten und frei passierbaren Straße ermöglicht
nun neue Lebensmöglichkeiten für die Bevölkerung. Zudem erlaubt
sie eine Reise in die Vergangenheit. In Rosso am Senegal erkennt man Spuren
des Gummihandels aus dem 19. Jahrhundert zwischen senegalesischen Zwischenhändlern
und Mauren. Aufeinander folgende koloniale Besatzungen gab es in Portendick;
Boujdour (Cap Bojador), verloren in der Steilküste, erzählt Geschichten
von Entführungen, von schiffbrüchigen Seeleuten oder Reisenden; Cap
Juby, bekannt als Zwischenstopp des Aeropostal (Luftpostdienst, 1920 - 1930)
durch die Romane von Saint-Exupéry, ist nun Anlaufstelle für illegale
Migrationskandidaten, die in Fischerbooten in Richtung Fuerteventura aufbrechen.
Schließlich Guelmim, an der Pforte zur Wüste, der erste Handelsplatz
an der Karawanenstraße aus Timbuktu mit einem immer noch florierenden
und besonders für Kamele berühmten Markt.
Politisch gesehen ist das Gebiet, das die Straße Da-kar-Tanger durchquert,
heute noch eine große Herausforderung. Zum einen sind die rassischen Konflikte
in der Region des Flusses zwischen Mauren und Senegalesen immer noch latent.
Dass die politische Situation der Militärregierung in Mauretanien instabil
ist, zeigt der misslungene Putsch im letzten Sommer. Der Grenzübergang
und die ehemalige West-Sahara sind immer noch Militärzone, da der Status
der Sahrawis trotz Waffenstillstandes nicht gelöst ist: Die Forderungen
der POLISARIO an die marokkanischen Besatzer sind nicht erfüllt.
So lassen auf einem Großteil der Strecke die Kontrollen durch Polizei
und Zollbeamte sowie die Gegenwart des Militärs ein gespanntes Klima entstehen.
Daran ändert auch deren oft lockere Umgangsart und die Arrangements mit
den Händlern nichts. Dennoch ist diese Region in vollem Aufschwung und
benötigt nichts anderes als einen auf lange Sicht stabiler und friedlichen
Status, um seine Entwicklung voranzutreiben. Die marokkanischen Investitionen
im saharischen Raum, besonders seit 2000, und die Zunahme des Grenzverkehrs
und des Warenaustauschs an der mauretanisch-marokkanischen Grenze seit 2002
stießen auf eine begeisterte Bevölkerung, die gleichwohl die Lage
besorgt verfolgt.
Laurence Marfaing ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am
ZMO Berlin.
taz
12.8.2004
Afrikas krieg gegen die heuschrecke
Mauretanien befürchtet
hungersnot, Senegal mobilisiert die armee: die heuschreckenplage in Nordwestafrika
breitet sich weiter aus. Der höhepunkt sei noch nicht erreicht, warnen
experten. Schätzungen gehen bis zu 300 millionen Dollar schäden
VON DOMINIC JOHNSON
Die teerstraße,
die aus dem küstengebiet Mauretanien quer durch das Land 1.200 kilometer
nach osten tief in die Sahara führt, ist eigentlich der stolz von präsident
Maoouiya Ould Taya. Er ließ sie pünktlich zu seiner wiederwahl im
vergangenen november fertigstellen. Aber als ein reporter der senegalesischen
zeitung Wal Fadjri die straße neulich entlangfuhr, wurde die reise zum
albtraum: "Statt auf teer rollt man auf einem heuschreckenteppich",
berichtete das blatt erschrocken am dienstag. "Die schwärme scheinen
die straße zum treffpunkt auserkoren zu haben, bewegen sich im tiefflug
und setzen sich auf die fahrbahn." Zahlreiche reisende, deren autokühler
mit den tieren verstopft waren oder deren fahrzeuge ausgerutscht und von der
fahrbahn abgekommen waren, strandeten in der wüste.
Mauretanien ist zentrum der heuschreckeninvasion, die immer größere
teile Nordwestafrikas heimsucht. Rund 80 prozent der ernte des landes sind bereits
von den aus der wüste südlich der Atlasberge eingefallenen wanderheuschrecken
aufgefressen worden. In der hauptstadt Nouakchott vertilgten die tiere vergangene
woche sämtliches grün. Augenzeugen sprachen danach von riesigen bergen
toter heuschrecken am Strand der am Atlantik gelegenen stadt. Die behörden
fürchten, dass 800.000 der drei millionen einwohner Mauretaniens nicht
genug zu essen haben werden.
Im südlichen nachbarland Senegal erklärte präsident Abdoulaye
Wade den heuschrecken am 29. juli förmlich den krieg. Von "invasion",
"infiltrationen" und "kampffronten" ist seitdem in zeitungen
der hauptstadt Dakar die rede. 50 soldaten sind im Senegal im einsatz, um zusammen
mit der feuerwehr die "invasoren" zurückzudrängen. Im stil
der permanenten kampagnen für mehr sauberkeit und gesellschaftlichen einsatz,
wie sie senegals regierende lieben, sind jugendliche angehalten, sich freiwillig
zum abwehrkampf zu melden. Um 4 uhr morgens sollen sie unter anleitung von experten
an die heuschreckenfront, um die eindringlinge im schlaf totzusprühen.
Es ist nicht das erste mal, dass wanderheuschrecken die Sahelzone heimsuchen;
aber besonders gefährlich ist es diesmal, weil sie die aussaat gefährden
und damit die ernährungssicherheit bis ins nächste jahr hinein. Die
zahl der heuschrecken in der region geht mit sicherheit in die billionen. Bis
zu 50 heuschrecken pro quadratmeter zählt ein heuschreckenschwarm; jedes
tier frisst jeden tag das äquivalent seines eigenen körpergewichts.
Die algerische zeitung La Tribune hat ausgerechnet, dass eine tonne heuschrecken
(500.000 tiere) täglich so viel frisst wie zehn elefanten oder 25 dromedare
oder 2.500 menschen. Der zusätzliche ernährungsbedarf eines nur einen
quadratkilometer zählenden schwarms wäre somit so hoch wie der von
einer viertelmillion menschen.
Die dagegen zur verfügung gestellten mittel sind lächerlich gering.
Knapp sieben millionen hektar in ganz Nordwestafrika hat die UN-agrarorganisation
FAO bisher mit der chemischen keule gegen heuschrecken gesichert - das sind
70.000 quadratkilometer, vielleicht ein prozent der bedrohten fläche. Die
FAO-appelle für die nötige finanzierung steigen wöchentlich.
Neun millionen Dollar waren es im februar, 17 millionen im april; 50 millionen
sind es heute, wobei hinter vorgehaltener hand von 80 millionen Dollar die rede
ist und afrikanische experten mit heuschreckenerfahrung eher 300 millionen für
wahrscheinlich halten.
"Es wird alles noch schlimmer werden", zitiert die französische
zeitung Le Figaro den agronomen Michel Lecoq, dessen forschungszentrum eine
mission in das krisengebiet geschickt hat. "Die letzte große heuschreckeninvasion
1987-88 dauerte anderhalb jahre. In den 50er-jahren waren es noch ein bis anderthalb
jahrzehnte. Die jetzige wanderbewegung hat ihren höhepunkt noch längst
nicht erreicht."
taz Nr. 7433 vom 12.8.2004, Seite 9, 136 TAZ-Bericht DOMINIC JOHNSON
FR 7.9.2004
Westafrika macht aus seinem CFA-Franc jede Menge Altpapier
Acht Staaten geben neue Geldscheine aus und wollen damit Ganoven schaden / Experten
rechnen mit Chaos an Bankschaltern
Vom 15. September an werden 600 Millionen Banknoten in der westafrikanischen
CFA-Franc-Zone gegen neue Scheine ausgetauscht. Damit werden mehr als 20 Milliarden
CFA-Francs wertlos, die bei Staatsstreichen und Rebellionen Aufständischen
und Kriminellen in die Hände gefallen sind. VON HANS-HELMUT
KOHL
Paris • 6. September • Anders als bei der Euro-Umstellung vor knapp
drei Jahren ist die Übergangsfrist sehr knapp bemessen. Nach dem 1. Dezember
2004 werden die bisher gültigen Scheine in den acht westafrikanischen Ländern
Benin, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Guinea-Bissau, Mali, Niger, Senegal
und Togo nicht mehr als Zahlungsmittel anerkannt und sind Altpapier. Die Tageszeitung
Le Monde geht davon aus, dass die Operation nicht ohne Turbulenzen in den betroffenen
Staaten ablaufen wird, und zitiert einen Experten, der von "wüsten
Bedingungen" spricht. So hat die Regierung in Abidjan (Elfenbeinküste)
bereits angekündigt, dass bei einem Sturm auf die Bankschalter "alle
Mittel der Verteidigung und Sicherheit" eingesetzt werden sollen.
Bereits Anfang
2003 reagierte die westafrikanische Zentralbank BCEAO mit dem Umtausch der beliebten
10 000-CFA-Franc-Noten auf eine Welle von Fälschungen, die in der Türkei
und in Slowenien produziert und in den Geldkreislauf Westafrikas eingeschleust
worden waren. Im März 2004 lief nun die viel umfassendere Operation mit
dem Druck von rund einer Milliarde Banknoten an, die in gesicherten Containern
aus Frankreich angeliefert wurden.
Im Mittelpunkt der Aktion steht die Elfenbeinküste, die rund 40 Prozent
des CFA-Geldvolumens umsetzt. Hier fanden auch die Umsturzversuche und Einbrüche
in die Bestände der BCEAO-Filialen statt, die den Anstoß für
die gigantische Wechseloperation gaben. Beim Staatsstreich Ende 1999, unter
den Putschisten 2001 und erneut 2002 drangen in Abidjan Bankräuber mit
Fahrzeugen des Präsidentenpalasts in die Bank ein und räumten 15 große
Säcke mit rund drei Milliarden CFA-Francs ab.
Während der kurz darauf beginnenden Rebellion, die bis heute zur faktischen Teilung des Landes in den von den Rebellen besetzten Norden und den von der Regierung kontrollierten Süden führte, war die Beute erheblich größer. Die Rebellen griffen die Bank direkt an und es kamen rund 18 Milliarden CFA-Francs abhanden, was einem Gegenwert von 28 Millionen Euro entspricht.
Doch nicht nur die Aufständischen, auch französische Elitesoldaten bedienten sich in diesen chaotischen Tagen in der Zentralbank, so Le Monde. Vier Mann, darunter zwei auf dem Dach der Bank postierte Scharfschützen, sammelten ein, was die rebellischen Panzerknacker übrig gelassen hatten: Immerhin 38 Millionen CFA-Francs in einem prall gefüllten Sack. Als das Quartett anschließend in Abidjan versuchte, die Scheine einzutauschen, wurde es festgenommen. Die im Rebellengebiet angesiedelte Bank-Filiale wurde schließlich Anfang August dieses Jahres ausgeräumt und ist seitdem ohne Banknoten. Sie wird auch keine neuen Scheine erhalten. Dies soll, so die Überlegung der Verantwortlichen, dazu führen, dass die "Bankräuber" nach Abidjan kommen, um dort den Umtausch vorzunehmen - Experten sind skeptisch.
Die Rebellen sind jedoch nur eine "Zielgruppe" des Wechselgeschäftes. Auch dem im Süden regierenden Präsidenten wird nachgesagt, seit dem Beginn des Bürgerkrieges "schwarze Kassen" angelegt zu haben, die aus den Erlösen von Kaffee- und Kakao-Exporten gespeist wurden und der Beschaffung von Kriegsmaterial gedient haben sollen. Le Monde zitiert einen Bankier, nach dessen Aussage schon in den vergangenen Wochen "Geldwäsche" in größeren Stil "von beiden Seiten" stattgefunden hat, weshalb die Umtauschaktion "nur die kleinen Fische in Schwierigkeiten bringen dürfte".
Info:
1945 wurde die Einführung des CFA-Franc in den ehemaligen französischen
Afrikakolonien beschlossen. In zwei Zonen, West- und Zentralafrika, aufgeteilt,
ist er die Währung für 14 Staaten. Seit der Entkolonialisierung heißt
der CFA "Franc der französischen Finanzgemeinde" in West- und
"Franc der Wirtschafts- und Währungsgemeinde" in Zentralafrika.
Beide Regionen haben jeweils eigene Banknoten. 1994 wurde der CFA um 50 Prozent
abgewertet. 100 CFA-Francs sind heute 0,16 Euro wert. FR
07.09.2004
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Süddeutsche
Zeitung 17.9.2004
Im Lärm der achten Plage
Sie belagern Menschen und zermalmen ihre Ernten. Westafrika kämpft
gegen die Heuschreckenkatastrophe. Von Karin Steinberger
Annie Monard sagt, wenn sie fliegen, klinge es wie das Rascheln von Seide. Und wenn sie fressen, klinge das Fallen der Blätter wie millionenfaches Schmatzen. Also macht man sich auf den Weg zu dem Ort, an dem man es hören kann, das Rascheln der Seide, das Schmatzen der Blätter, das Geräusch der achten biblischen Plage. Zu dem Ort, an dem man ihn hören kann, den Lärm der Heuschrecken.
Annie Monard sagt,
man dürfe sich von ihnen nicht täuschen lassen. Sie hätten zwei
Gesichter. Solange sie alleine sind, so genannte solitary locusts, seien sie
nette, nützliche Insekten, bräunlich, ruhig, unauffällig, scheu.
So überlebt diese Art die mageren Jahre, sie fressen wenig, fliegen kaum,
treffen nur zusammen, um sich fortzupflanzen. Eine Gattung auf Standby. Aber
wenn der Regen kommt, wenn sie zu gregarious locusts werden, dann rotten sie
sich zusammen, formen Schwärme, die mehrere hundert Quadratkilometer Fläche
haben können, Milliarden Insekten. Also macht man sich auf den Weg zu dem
Ort, an dem man sie sehen kann, die Zweigesichtigen, die Unzählbaren, die
Fratzen der achten biblischen Plage.
Annie Monard sagt, wenn aus den solitary locusts die gregarious locusts werden,
habe man neue Wesen vor sich. Monster. Bis 1921 dachte man, dass es zwei verschiedene
Arten sind, weil alles an ihnen anders ist, sie fressen ganze Landstriche kahl,
fliegen hunderte von Kilometern weit, ihre Leiber werden erst rosa, dann gelb,
sie legen Eier ohne Zahl. Plötzlich machen sie alles gemeinsam, alles zur
gleichen Zeit, am gleichen Ort. Fressen, fliegen, paaren. Also macht man sich
auf den Weg zu dem Ort, an dem man sie spüren kann. Die Invasion der Wanderheuschrecken.
Auf ihre Vorhut trifft man bereits in Rom. Doch im Büro von Annie Monard
macht die Heimsuchung noch einen jämmerlichen Eindruck. Heuschrecken hängen
an den Wänden und stehen, in Kunststoff eingelassen, in Regalen herum.
Nadeln durchbohren ihre gelben Leiber, ihre schutzhelmartigen Köpfe lassen
ihre Körper nach vorne kippen. Wie Betrunkene hängen sie an Pinnwänden
herum. Manche haben ihre staksigen Beine verloren, ihre Farbe ist ausgeblichen,
ihre Fühler sind schlaff. Zerzauste Insektenkadaver
So sieht sie also aus, die Wanderheuschrecke, Schistocerca gregaria, seit Jahrtausenden
unterwegs, um den Menschen zu strafen, eine der zerstörerischsten Kreaturen
auf Erden, schon im Alten Testament geschildert. In Rom riecht die Plage dezent
nach ranziger Butter.
Für Annie Monard ist der Totengeruch Genugtuung. Sie stößt kleine
Freudenschreie aus, wenn sie eine E-mail bekommt, in der Gelder zugesagt werden
für den Kampf gegen die Plage. Sie ist die Heuschreckenspezialistin in
der „Locust and Other Migratory Pest Group“ der Organisation für
Ernährung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen (FAO). In Rom ist die
Katastrophe säuberlich abgeheftet, eingeordnet, eingeschachtelt und auf
großen Landkarten aufgepappt. Rote Punkte, grüne Punkte, blaue Punkte.
Jeder Punkt ein Millionenschaden.
An Bildschirmen werten sie Satellitenbilder aus, um zu sehen, wo die Vegetation
gerade grün ist. Denn wo es grün ist, sind die Heuschrecken. In dieser
Beziehung sind die Tiere berechenbar. Zu neunt kämpfen sie bei der FAO
gegen ein Millionenheer, das sich alle zwölf Wochen verzwanzigfacht. Seit
Monaten versuchen sie, die Welt für das Thema zu interessieren, Gelder
zu sammeln. Seit Monaten warnen sie, dass dies die größte Heuschreckenplage
seit 15 Jahren werde könnte. Nur wenige hören zu.
Es ist eine angekündigte Katastrophe. Schon im Sommer letzten Jahres kam der Regen. Marokko, Mauretanien, so viel Wasser in einer Gegend, in der in den Jahren davor das Vieh auf den Weiden verdorrte. Als der Regen kam, wussten sie bei der FAO in Rom, dass etwas Großes passieren würde. Neun Millionen Dollar forderte die FAO damals von Spendern und Geldgebern für den Kampf gegen die Wanderheuschrecken. „Wenn wir das Geld damals bekommen hätten, wäre die Plage vielleicht gestoppt worden“, sagt Annie Monard. Aber die Welt hatte andere Sorgen. Jetzt spricht FAO-Direktor Jacques Diouf von 100 Millionen Dollar, die man bräuchte, um der Plage Herr zu werden. Der Lebensunterhalt von einem Zehntel der Weltbevölkerung ist in Gefahr.
Während die
Menschheit schläft, hat sich die andere Seite vorangearbeitet. In Mauretanien
sollen bereits 80 Prozent der Ernte zerstört sein, in Mali ein Drittel,
in Gambia wurde der nationale Notstand ausgerufen, im Senegal die Armee mobilisiert.
Die Heuschrecken haben sich von der westafrikanischen Küste bis nach Nigeria
und in den Tschad ausgebreitet. Sie haben in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott
den Rasen des Fußballstadions weggefressen und in der senegalesischen
Hauptstadt Dakar stundenlang den Himmel verdunkelt. Bald könnten sie die
Krisenregion Darfur erreichen und von dort über das Rote Meer nach Saudi
Arabien übersetzen, dann Pakistan, Indien. Manchmal rufen bei der FAO Menschen
aus Indien an, weil sie das Schlimmste befürchten. „Wenn, dann kommen
sie erst nächstes Jahr zu euch“, beruhigt man sie.Also macht man
sich auf den Weg zu dem Ort, an dem sie schon angekommen sind, weil frisches
Gras den sandigen Boden der Sahelzone bedeckt. Es ist grün, furchtbar grün
im Senegal, Westafrika, Land im Ausnahmezustand.
Ganz im Norden hockt Fode Sarr, Reserveoffizier und Direktor des Amtes für
landwirtschaftliche Bodenplanung im Bezirk St Louis. Für Fode Sarr ist
das mit den Heuschrecken vor allem eine militärische Herausforderung. Und
bei militärischen Herausforderungen ist der Sieg eine Frage der Strategie.
Also holt er einen Taschenrechner aus der Schublade, tippt die Fläche ein,
auf die ihm der Gegner gestern Eier gelegt hat, dann die Anzahl der Tiere pro
Quadratmeter. Heraus kommt eine Zahl, die er nicht aussprechen kann, also hält
er den Rechner hoch: 2.250.000.000. Die Hälfte davon Weibchen, jedes von
ihnen wird bis zu 80 Eier legen.
Nicht weit von seinem Büro entfernt ist der Boden gelb. Kein Gras, kein Laut, kein Ende. Nur Millionen von Männchen, die auf den Rücken der Weibchen hocken. Quadratkilometer voller doppelter Heuschreckenhäufchen, die mit leisem Flügelschlag zur Seite hupfen, wenn man durch sie hindurchgeht. Zwölf Stunden lang werden sie aufeinander hocken, bis die Weibchen ihre Leiber in den Boden bohren, manche noch mit dem Männchen hintendrauf. Es sind alte Schwärme, sterbende Schwärme, sie essen nicht viel, haben nur noch eine Bestimmung: Fortpflanzung.
Allah
mag wissen, warum
Höchstens drei Mal legt jedes Weibchen Eier. Drei Mal schiebt sie ihren
Hinterleib so tief in den Boden, bis sie Feuchtigkeit spürt. Ist der Boden
zu hart, wird sie ihren bis zu 15 Zentimetern ausgefahrenen Leib nie zurückbekommen
und sterben. Fode Sarr kann sie riechen, die Leichenfelder, übersät
mit zerrissenen Weibchen. Aber ihre Eier, die werden gedeihen, tief drinnen,
in der Erde des Senegal. Dann schraubt Fode Sarr einen Plastikbehälter
auf, holt mit einem langen Lineal staubiges, orangenes Zeug heraus. Es sind
Hinterleiber. Eine Linealspitze voll mit Hunderten von Eiern. Er sagt: „Deswegen
sind sie so gefährlich, deswegen zerstören sie hier alles, weil sie
sich in diesem Affentempo fortpflanzen.“
Dann lacht er.
Es gurgelt aus ihm heraus, weil es so absurd ist, so wahnwitzig. Gerade mal
ein Flugzeug mit einem Motor aus dem Zweiten Weltkrieg haben sie bis jetzt im
Land. Ein Flugzeug, mit dem sie den Feind bekämpfen können. „Die
entscheidende Schlacht haben wir verloren“, sagt Fode Sarr. Jetzt sind
sie überall, und ihre Eier sind überall. Obwohl er doch genau wüsste,
was zu tun ist. Aber er hat nichts, keine Insektizide, kein Benzin, keine Fahrzeuge,
keine Ausrüstung, nicht einmal genug Essen bekommen die Teams, die seit
Wochen draußen sind und wenigstens versuchen, die Schwärme zu zählen.
„Ein einziges Flugzeug. Das ist wie ein Löffel Wasser im Meer“,
sagt Fode Sarr.
Und dann ist da Mauretanien. Arm, groß, unüberschaubar. Mehr als
1,6 Millionen Hektar sind dort befallen, schätzt man. Aus Mauretanien trägt
der Nordwind den Feind in den Senegal. Jeden Tag, jede Stunde. Im August seien
205 Schwärme von dort gekommen, allein am 10. August 16, manche bis zu
15 Kilometer lang. Wie kann Fode Sarr seinen Krieg gewinnen, wenn aus dem Norden
ständig Nachschub kommt? Von Invasion redet er und von der Globalisierung
des Krieges. Denn diese Kreaturen sind für ihn Fremde, auch wenn sie hier
schlüpfen. „Wenn ich nach Europa komme, werde ich auch nicht Europäer
sein.“ Podor heißt Fode Sarrs tägliche Niederlage. Ein kleines
Nest an der Grenze zu Mauretanien. Über Podor fliegen die meisten Schwärme
ins Land. Allah mag wissen, warum. Fode Sarr sagt: „Mauretaniens Schwäche
ist unsere Schwäche. Diesen Krieg können wir nur gemeinsam gewinnen.“
Saftige
Leiber
Es ist Krieg im Senegal. Und Fode Sarr sagt, die Strategien seien immer die
selben. Erst müsse man Informationen über den Feind sammeln, dann
zuschlagen. Man muss mit Karten arbeiten, mit Navigationsgeräten. Der einzige
Unterschied sei die Waffe. „Wir haben hier Gift.“ Doch wo ist das
Gift, wo sind die Navigationsgeräte, die Fahrzeuge? Nicht einmal eine Karte
hat Fode Sarr im Büro. Und draußen pflanzt sich der Feind fort, während
der Direktor des Amtes für landwirtschaftliche Bodenplanung im Bezirk St
Louis auf ein Lineal mit staubigen Eiern starrt.
Wer den Krieg gewonnen hat? Er lacht: „Na, die Heuschrecken.“
Also macht man sich auf den Weg zu dem Ort, an dem sie mittlerweile an der Flughöhe
eines Schwarmes erkennen können, wo er landen wird. „Sie sind wie
Flugzeuge, wenn es ein Flug nach New York wird, sind sie weit oben, bei einem
Inlandflug weiter unten“, scherzen die Menschen in Podor. Sie haben sich
daran gewöhnt, in der Einflugschneise zu leben.
Die Fahrt nach Podor ist eine Schlacht. Die ganze Straße ist voller Nachwuchs. Kilometerlang bewegt sich der Asphalt, schiebt sich langsam in die eine oder andere Richtung. Noch fliegen sie nicht, sondern drängen in großen Gruppen vorwärts, alle in eine Richtung, als würde irgendwo ein Anführer den Weg wissen. Schwarz sind die gerade geschlüpften Larven, grün die im zweiten Stadium, gefleckt die im dritten und vierten Stadium und gelb die im fünften. In der Luft die Elterngeneration, deren saftige Körper gegen die Windschutzscheibe knallen. Die Autos hinterlassen schmierige Leichenfelder auf schwarzem Belag. Es ist eines der wenigen Glücksgefühle, das die Heuschreckenjäger haben in diesem Krieg.
Und die Dörfer sind wie belagert. Ein fliegender Schwarm kommt, frisst und zieht am nächsten Morgen weiter, wenn ihn die Sonne aufgetankt hat. Der Wind bringt ihn, und er treibt ihn wieder fort. Aber die Kinderbanden bleiben, stromern tage- und wochenlang an den Hütten der Bauern vorbei, rasen im Kreis um ihre Kochtöpfe und Betten, machen ihre Strohhütten zu lebendigen Gebilden, ihre Zäune zu summenden Monstern. Die Beinchen der Larven kitzeln, wenn sie über Menschenfüße krabbeln, ihre Körper verfangen sich in Kinderhosen. Sie sind allgegenwärtig, mit jedem Schritt zertritt man ein paar. Sie nennen sie hier die „Babys“.
In den Weiten der Savanne trifft man auf Menschen vom Volk der Peulh. Viehhirten seit Generationen. Ihre Kleider flattern im Wind, wenn sie erzählen, dass letzten Freitag so viele da waren, dass sie in einen hineingeflogen sind, wenn man den Mund aufgemacht hat. Ihr Vieh, sagen sie, habe Durchfall, seit es Pflanzen voller Heuschrecken fressen muss. Dann bitten sie die Männer in ihren Jeeps um Säcke voller Gift. Es ist das einzige, was die Plage aufhält. Aber die Männer im Jeep haben nichts. Weiter vorne am Fluss zünden die Bauern Feuer an, machen Lärm, um die Heuschrecken zu vertreiben, graben Löcher, in die die Larven fallen und dann mit Sand verschüttet werden sollen. Doch die Larven marschieren an den Löchern vorbei. Die Bauern sitzen in ihren Feldern voller abgefieselter Stümpfe. „Sie fressen den Reis, während er wächst“, sagen sie, dann beten sie, weil nur noch Gott helfen kann.
Ein Schwarm hat 40 bis 80 Millionen Tiere pro Quadratkilometer. Und ein Quadratkilometer ist nur ein kleiner Teil des Ganzen. Aber jeder dieser Teile frisst pro Tag so viel wie zehn Elefanten oder 25 Kamele oder 2500 Menschen. Und was noch schlimmer ist, diesmal kamen die Heuschrecken schon am Anfang der Regenzeit, nicht wie bei der letzten großen Plage 1988 am Ende. Eine Ernte wird es dieses Jahr nicht mehr geben. „Wir können nicht mal kochen, sie sind im ganzen Haus. Es sind zu viele“, sagt ein Bauer. „Jetzt könnt nur noch ihr Weißen helfen, und Gott.“ Von biologisch verträglichen Methoden wollen die Menschen hier nichts wissen. Sie wollen das Getier töten. Was nützt ein Pilz, der die Tiere von innen zerstört, aber sie noch zehn Tage leben und fressen lässt?
Die Bauern wollen den schnellen Tod, und den bringt ihnen Claude Morand. Er ist der Pilot des einzigen Flugzeugs zur Heuschreckenbekämpfung im Senegal, ein Franzose. Er steht an der Bar in Richard Toll. Es ist Mittag, es ist heiß. Zu heiß für den Franzosen, die Heuschrecken, das Gift. Seine Trush S2R steht auf einem winzigen Flugfeld, Morand nennt sie „kleiner gelber Vogel“. Die Regierung hat ihn und das Flugzeug zwangsverpflichtet, beschlagnahmt für den Kampf gegen die Heuschrecken. Im Senegal ist Ausnahmezustand, da ist so was möglich. „Das ist wie im Krieg“, sagt Morand. Der Senegal braucht ihn. Es ist nicht einfach, Gift so zu sprühen, dass es auch wirkt. „Ich bin der einzige. Ich und mein kleines Flugzeug.“
Wenn Claude Morand
über die Felder geflogen ist, fallen die Heuschrecken von den Bäumen
wie Regentropfen. Im Schatten kämpfen sie mit dem Tod, manchmal stundenlang.
„Wenn ich fliege, sind 95 Prozent tot“, sagt Claude Morand. Jetzt
haben Libyen und Algerien Hilfe geschickt, Autos, Flugzeuge, Gift. Es ist ihr
gemeinsames Problem. Was hier nicht besiegt wird, kommt später wieder zu
ihnen in den Norden zurück. Bald wird Claude Morand nicht mehr alleine
sein, er war ohnehin stocksauer – man kapert keine Franzosen.
Dann sagt er den Namen Tessekre. Also macht man sich auf den Weg zu dem Ort,
von dem die Leute sagen, dass man dort die Strafe Gottes fühlen kann. Es
ist eine lange Fahrt durch die mit einem grünen Schleier überzogene
Savanne.
Mitten in Tessekre
steht Lamine Sane. Er hat getan was er konnte. Wenn man ihm den Befehl gegeben
hätte, hätte er auch jede Heuschrecke einzeln erschossen. Für
jede von ihnen einen Schuss. Millionen und abermillionen Schüsse. Er ist
ein guter Soldat. Vielleicht hätte er den Krieg gewonnen. Wer weiß
das schon.
Ein Rascheln wie Seide
Er steht da, in dieser Welt, in der sich Zäune und Häuser bewegen,
in der der Boden rauscht wie der Wind, weil sich Millionen gelber Leiber aneinander
reiben und fressen, jeden Tag so viel, wie sie selber wiegen. Zurück bleiben
kahle Landschaften, die von oben aussehen wie Brandflecken. Lamine Sane greift
hinein in Büsche voller Heuschrecken und hat eine furchtbare Wut. Weil
die Bauern in ihrer Panik das wenige Giftpulver, das er ihnen geben konnte,
auf kleinstem Raum verschwendet haben, weil drei seiner vier Giftzerstäuber
kaputt sind, weil er ein Gewehr hat und einen Willen wie ein Stier– und
so machtlos ist.
Acht Mann hat Lamine Sane. Acht Mann gegen ein ganzes Land voller feindlicher Truppen. Die Aussichtslosigkeit bemisst sich in Quadratkilometern. Gestern hat er sich von einem Bauern im Dorf ein Pferd geliehen und ist durchgeritten, durch das Getier, stundenlang. Danach war er ein geschlagener Mann. „Wir haben getan, was wir konnten“, sagt er, vor seiner Brust schaukelt die Gasmaske. Mit dem Fuß schlägt er an die Fässer voller Gift. Er sprüht, so viel er kann in dieser Welt aus Heuschrecken. Selbst im Krankenhaus. Vor ein paar Tagen musste es geräumt werden, weil die Wände voller Heuschrecken waren, die Betten, die Stühle. Er hat alles mit Gift eingenebelt. Aber es kommen neue, aus allen Richtungen, aus allen Löcher. Unendlicher Nachschub.
„Alles Böse,
was über diese Tiere gesagt wird, ist wahr“, sagt Lamine Sane. Und
als sich am Himmel eine schwarze Wolke aufbaut, die neuen Regen bringt, neue
Nahrung, und sich vor der schwarzen Wand ganz klein und gelb und machtlos das
Flugzeug von Claude Morand davon macht, glaubt Lamine Sane kurz, dass sie ihm
sein ganzes Land wegfressen werden. Den ganzen Senegal. An seine Füßen
lärmen die Babys der Heuschrecken und es klingt ein bisschen wie das Rascheln
von Seide und millionenfaches Schmatzen.
Süddeutsche Zeitung vom 17.9.2004 http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/428/39389
FR 19.10.2004
Ohne Papier(e)
In Dakar (er)scheint die "Sonne" nur noch mit Mühe
'
von HANS-HELMUT KOHL
Ein Zeitungshaus ohne Zeitungspapier ist wie ein Fisch ohne Fahrrad - nein, viel schlimmer. Da die Grundsubstanz, die Trägermaterie fehlt, erweisen sich alle intellektuellen Anstrengungen der Redaktion als vergebliche Liebesmühe, weil das Blatt nicht erscheint. Just dieses unerquickliche Schicksal erleiden in diesen Tagen die Zeitungen in Senegal im Westen Afrikas. Die "Ohne-Papiere", wie sich unter Anspielung auf die "Sans-Papiers" (die Illegalen ohne Ausweise) schon selbst nennen, können sich dabei immerhin noch im Internet selbst auf die Schippe nehmen. Modou Mamoune Faye, ein Kollege der Zeitung Le soleil aus Dakar, hat dies getan. Wir dokumentieren seinen Text. Die Sonne macht übrigens Lust auf einen Besuch, steht auf ihrer Homepage doch auch die Tagestemperatur: Dakar 29 Grad Celsius - 87 Fahrenheit.
"Im Universum der Print-Presse ist das Papier so ähnlich wie das Geld - das Schmiermittel des Krieges. Wenn man davon nicht mehr genug hat, ist es das schiere Elend. Und eine der ärgerlichsten Folgen ist das Nichterscheinen. Den Verlegern raubt es den Schlaf.
Papier, bitte ! Schreckliche Zeiten für die Zeitungen aus Dakar. Seit Wochen greift ein Papiermangel um sich. Ein solch schlimmer Mangel, dass einzelne Zeitungen (und nicht die schlechtesten!) gezwungen sind, für einige Tage ihr Erscheinen einzustellen. Andere greifen auf Papierreste zurück, um gedruckt zu werden. Das Ergebnis: Ein gelbliches Produkt von schlechter Qualität und Lesbarkeit. In den Redaktionen Dakars heißt es nur noch: "Rette sich wer kann", und die Stimmung ist kämpferisch. Auf dem Schlaf der Zeitungschefs lasten gewiss gewaltige Papierrollen, und es ist wahr: Man wird um den Schlaf gebracht. Die Versorgung mit Zeitungspapier wird zum Abzählreim, der sich Jahr für Jahr wiederholt.
Es gibt nur wenige Blätter, die es schaffen, sich einen Vorrat von 30 Tagen anzulegen. Der Preis für die Rolle klettert steil nach oben - zum Segen der Spekulanten. Als ausgewachsene "Papierfresser" sehen sich die Zeitungen Senegals einem Corneillschen Dilemma gegenüber und durchleben beinahe ein Shakespearsches Drama. Sie, die täglich erscheinen müssen, sind vom Verschwinden bedroht, wenn die Autoritäten nicht energische Maßnahmen in allerkürzester Frist ergreifen.
Hilfe vom Staat
In den 90er Jahren hatten sich die Pressechefs (staatliche und private)
in einer zentralen Einkaufsgemeinschaft zusammengeschlossen, um das schlafraubende
Papierversorgungsproblem ein für alle Mal zu lösen. Der Staat in Person
des Kommunikationsministers leistete erleichternde Hilfe. Man sammelte Bestellungen,
um große Mengen Papierrollen im Ausland zu kaufen, was die Kosten für
jede Zeitung senkte. In dieser Epoche war die mediale Landschaft noch nicht
so ausgewuchert und man zählte gerade drei Tageszeitungen: Le soleil (staatlich),
Wal Fadjri und Sud (privat), und ein paar Wochenzeitungen wie Le Cafard Libéré
und Le Témoin.
Euphorie kam auf, und alle glaubten, die Papierversorgung sei für alle Zeiten sichergestellt. Aber nun zeigen die alten Dämonen des Mangels wieder ihre Nasenspitzen, und das zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die Zahl der Blätter verfünffacht hat! Das Angebot ist deutlich höher als die Nachfrage, um einen Begriff zu verwenden, der den Ökonomen wertvoll ist. Und wie immer in vergleichbaren Fällen, macht sich der Spekulationseffekt bemerkbar. Auf was warten die Autoritäten um zu handeln? Darauf, dass alle Zeitungen nach und nach aus der senegalesischen Medienlandschaft verschwinden? Das wäre sicher ein schwerer Rückschlag für unsere kostbare Demokratie. Angesichts des "medialen Melodrams", das sich vor unseren Augen abspielt, stoßen wir einen Hilferuf aus: Mitleid für alle die Zeitungen, die zu "Ohne-Papiere" wurden. Hoffen wir, dass das Ohr einer einfühlsamen Seele unseren Appell erhört. Und wenn wir ein Seminar zu dieser Frage veranstalten würden?" von HANS-HELMUT KOHL FR 19.10.2004
Projektmitarbeiterin: Ruth Frackmann, M.A.; 2003-2004 (24 Monate) Finanzierung: DFG
Die lokale
Aneignung globaler Produkte – der Brühwürfel in Senegal
Wie kein anderes industriell verarbeitetes Nahrungsprodukt hat der 1908 von
Julius Maggi in der Schweiz auf den Markt gebrachte Brühwürfel die
afrikanischen Küchen erobert. Und wie kein anderes industrielles Nahrungsprodukt
ist der Brühwürfel in seiner gelb-rot leuchtenden Verpackung im öffentlichen
Raum westafrikanischer Städte omnipresent.
Eingeführt wurde der Brühwürfel in Westafrika neben weiteren industriell hergestellten Nahrungsprodukten wie Tomatenkonzentrat, Dosensardinen sowie gesüßter Kondensmilch während der Kolonialzeit. Die Fertigung vor Ort - zunächst ausschließlich globale Brühwürfelmarken - begann Mitte der 1970er Jahre; lokale Unternehmen folgten mit der Einführung eigener Brühwürfelmarken. Heute zählen Brühwürfel für die Konsumenten der Region zu den täglichen „Grundnahrungsmitteln“. In senegalesischen Haushalten werden Brühwürfel mitunter in der dritten Generation verwendet.
Konsum ist ein relativ neues Thema ethnologischer Forschung. Wirtschaftsethnologische Studien beschäftigten sich bis in die 1970er Jahre vorwiegend mit Fragen der Produktion und des Handels. Auch Studien der materiellen Kultur interessierten sich kaum für Fragen des Konsums. Die jüngere ethnologische Konsumforschung thematisiert Konsum als eine in Raum und Zeit lokalisierte Praxis und fragt nach der Verflechtung lokaler und globaler Einflussfaktoren: wie werden zunächst fremde Konsumgüter in einem neuen kulturellen Umfeld lokal (re-) kontextualisiert? Ziel des Forschungsvorhabens ist es, über die konkrete Erforschung der Aneignung des Brühwürfels in Senegal hinaus, einen Beitrag zu dieser Forschungsdebatte zu leisten.
Der Brühwürfel, ein kaum beachtetes, triviales Alltagsprodukt, ist für die Untersuchung lokaler Aneignungsprozesse ein besonders gut geeignetes Fallbeispiel. Zunächst sind Nahrungsgewohnheiten stärker als andere Konsumpraktiken im kulturellen Kontext verankert und verändern sich tendenziell langsamer. Als Zutat zu der "Sauce", ein Kernbestandteil täglicher Familienmahlzeiten, muss der Brühwürfel ferner während des Kochens auch materiell in tradierte oder auch neue Rezepte integriert werden. Und schließlich zählen Brühwürfel für westafrikanische Konsumenten in Europa und den USA, die nun aus Abidjan, Douala und Dakar als afrikanisierte Versionen importiert und in spezialisierten westafrikanischen Lebensmittelläden angeboten werden, zum selbstverständlichen Bestandteil heimischer Kochzutaten.
Das Forschungsprojekt untersucht die praktische und symbolische Aneignung des Brühwürfels im Senegal seit seiner Einführung in der Kolonialzeit bis in die Gegenwart. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Annahme, dass sich die lokale Aneignung globaler Produkte in einem fortlaufenden Wechselspiel zwischen Produzenten, Markt und Konsumenten entwickelt. Drei zentrale Elemente des Aneignungsprozesses sollen empirisch untersucht werden: (1) die haushaltsinternen Aneignungsweisen des Brühwürfels durch die Konsumenten; (2) die Produkteinführungs-, Anpassungs- und Lokalisierungsstrategien der Produzenten; und (3) der Einfluss intermediärer Akteure bei der Lokalisierung und Aneignung des Brühwürfels. Die Untersuchung ist vergleichend angelegt und bezieht verschiedene Konsumentengruppen sowie lokale und globale Brühwürfelproduzenten mit ein.
Spiegel
45/2004
AUTOREN
Hindernis vor dem Paradies
Fatou Diomes Familienroman „Der Bauch des Ozeans" war in Frankreich
ein Bestseller – jetzt erscheint das Debütwerk der Senegalesin auf
Deutsch.
Am liebsten trägt die junge schwarze Frau mit dem verschmitzten Lächeln
Lila, diese „sanfte Mischung aus dem Rot der afrikanischen Hitze und dem
kalten europäischen Blau". Die Schönheit der Farbe strahlt eine
symbolische Botschaft aus. Fatou Diome lebt im ewigen Exil - daheim? In der
Fremde? „Afrika und Europa fragen sich verwundert, welcher Teil von mir,
diesem hybriden Wesen, ihnen gehört."
Zehn Jahre ist es jetzt her, dass sie den Schatten der Kokospalmen hinter sich
ließ. Geboren 1968 in dem senegalesischen Fischerdorf Niodior auf einer
verlorenen Insel im Atlantik, wohnt, schreibt und studiert sie seit 1994 in
Straßburg. Dort trägt sie Afrika im Gesicht. Im Senegal dagegen ist
sie die Französin: „Ich stehe zwischen den Welten, eine Fremde überall."
Das klingt wehmütig und pathetisch, aber Fatou Diome ist in Wahrheit von
heiterem Gemüt. Ihr Witz und ihr spöttischer Humor dienen ihr als
Schutzschild gegen die raue Wirklichkeit, der sie normalerweise nie hätte
entkommen können. Voltaires „Candide" ist ihre Lieblingserzählung:
Nur mit Gelächter und der Hellsicht der Ironie lassen sich die Schicksalsschläge
in der besten aller Welten ertragen.
Fatou Diome hat sich freigekämpft - von der Armut, vom Analphabetismus,
von der Ergebenheit in ein Leben, das in Afrika nur aus Zufall und aus unendlicher
Hoffnung bestand. In Europa gestrandet, marschierte sie durch den langen Tunnel
der Leistung: „Zufälle gibt's dort nicht, jeder Schritt hat ein Ziel,
und die Hoffnung ist nur so groß wie dein Kampfgeist."
In ihrem ersten Roman, den sie jetzt in Deutschland vorstellt, schildert sie
anhand der eigenen Familiengeschichte, wie Lebensträume und Realität
immer wieder zusammenprallen*. Das Buch wurde in Frankreich mit 200000 verkauften
Exemplaren ein überraschender Bestseller. Presse und Fernsehen bejubelten
die neu entdeckte exotische Autorin. Doch im Kopf ist sie ein kleines Mädchen
geblieben, das gehen lernt und seine Schritte zählt, „die kümmerlichen
Meter auf dem Weg zur Verwirklichung meines Traums".
Bereits am Anfang der unglaublichen Karriere stand eine „Entgleisung",
wie Fatou Diome sagt: Sie wurde unehelich geboren, in der muslimischen Traditionsgesellschaft
ein unauslöschlicher Makel, und wuchs bei den Grüßeltern auf.
Mit neun Jahren schlich sie sich in die Dorfschule, obwohl sie nicht eingeschrieben
war; der Lehrer, der sie anfangs davonjagte, kapitulierte am Ende vor ihrer
Hartnäckigkeit.
Vier Jahre später verließ sie das Dorf, um in der Stadt weiterlernen
zu können – ohne Hilfe der Familie, allein auf sich gestellt, Straßenkind,
Putzmädchen und Studentin zugleich. Der ausgelieferten Halbwüchsigen
brauchte man die Bosheit der Welt nicht lange zu erklären. Ihr pädophiler
Gastvater stellte ihr nach, so dass sie „mehr auf dem Markt schlief als
in einem Bett". Als Bettlerin und Schülerin tastete sie sich vorwärts,
ohne zu wissen, in welche Richtung, völlig frei und niemandem rechenschaftspflichtig,
bis zum verspäteten Abitur.
Dann studierte sie französische Literatur in der Hauptstadt Dakar, wo sie
weiter putzen ging. 1991 lernte sie einen jungen französischen Entwicklungshelfer
kennen, den sie drei Jahre später heiratete. Zwei Wochen nach der Hochzeit
folgte sie ihrem Mann nach Straßburg, wo seine Familie lebte. Kaum angekommen,
verdunkelte ihre Haut das Idyll. Die Schwiegermutter, „die lieber ein
Schneewittchen wollte", arbeitete zielstrebig auf die Scheidung hin: „Kein
Schwarz in unserer Familie!"
Zwei Jahre später war die Romanze aus, Fatou Diome musste wieder als Putzfrau
arbeiten, um Miete und Studium zu finanzieren. Inzwischen besitzt sie die französische
Staatsangehörigkeit und promoviert über das literarische und filmische
Werk des Senegalesen Ousmane Sembene. Ihr zweiter Roman („über eine
verrückte junge Frau") ist fast fertig.
Erst im Jahr 2000 konnte sie sich einen Besuch in der Heimat leisten –
und musste feststellen, dass „ich für die Meinen die Andere geworden
war". Wer aus Frankreich zurückkommt, stößt auf hohe Erwartungen
der Zurückgebliebenen. In deren Vorstellungswelt flimmert die alte Kolonialmacht
wie eine paradiesische Fata Morgana. Wer es nach Frankreich geschafft hat, muss
einfach Erfolg haben, sagenhafte Reichtümer scheffeln und eines Tages die
Verwandtschaft damit beglücken. Die Einsamkeit in der Fremde, den täglichen
Überlebenskampf, die ständige Anspannung, den ganz gewöhnlichen
Rassismus verstehen sie nicht.
Fatou Diomes jüngerer Halbbruder fieberte lange danach, von der entschwundenen
Schwester nach Frankreich geholt zu werden, um dort als Fußballer reich
und berühmt zu werden. Spielen nicht alle senegalesischen Fußballstars
in französischen Clubs? Sie hat es ihm ausgeredet. Er hielt sie deswegen
für eine erbärmliche Egoistin - bis sie ihm mit ihrem Ersparten in
Niodior einen Krämerladen einrichtete.
Inzwischen glaubt sie, dass er vor den Versuchungen Europas gefeit ist. Deshalb
will sie ihm demnächst einen Besuch gestatten. Am besten im grauen, nassen
Straßburger Winter, lacht sie: „Damit er schnell wieder zurückflieht."
ROMAIN
LEICK
* Fatou Diome: „Der Bauch des Ozeans". Aus dem Französischen von Brigitte Große. Diogenes Verlag, Zürich; 288 Seiten, 18.90 Euro
Das Parlament Nr. 10 / 01.03.2004
Der
Rückzug des Staates aus Politik und Ökonomie
Entwicklungshilfe als Rente schafft neue Formen des Klientelismus in Afrika
Thomas Bierschenk
Seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist Entwicklungshilfe zu einer massiven gesellschaftlichen
Realität in Afrika geworden. Die Volkswirtschaften und die Staatstätigkeit
der afrikanischen Least Developed Countries (LLDCs) hängen in starkem Maße
von Transferzahlungen aus Entwicklungshilfe ab. Alllein die offizielle Hilfe
(ODA) der Geberländer macht im Durchschnitt etwa die Hälfte der Bruttoinvestitionen
dieser Empfängerländer aus. In vielen afrikanischen Ländern bilden
diese Transferzahlungen einen "grauen" Teil der Staatseinnahmen, der
an Bedeutung die Einnahmen aus Steuern teilweise übertrifft.
In der Tendenz führt das zu einem Muster, bei dem die internen Staatseinnahmen
im besten Fall ausreichen, laufende Kosten besonders für die Gehälter
der Staatsangestellten zu bestreiten, während alle investiven Ausgaben
von außen finanziert werden. Im politökonomischen Sinne sind die
Auswirkungen der Entwicklungshilfe in den Empfängerländern denen von
"Renten" vergleichbar. Wir können die ärmsten Länder
Afrikas somit auch als "Rentierstaaten" bezeichnen.
Anders als in den klassischen Rentierstaaten des Nahen Ostens, wo die "Rente"
an landeseigene Ressourcen (Erdöl) gebunden ist, gibt es für die Entwicklungshilferente
eine Vielzahl von möglichen Quellen, die von den Staaten nur schwach kontrolliert
werden. Die Entwicklungshilferente muss immer neu mobilisiert werden. Die Mobilisierung
ist eine wichtige Funktion afrikanischer Politiker, die in dieser Hinsicht die
Rolle von "Entwicklungsmaklern" spielen.
In den vergangenen 25 Jahren ist es in vielen Ländern Afrikas zu Prozessen
der Liberalisierung und Demokratisierung gekommen. Ursache war der ökonomische
Bankrott vieler Regime. Die internen Faktoren wurden durch äußere
entscheidend verstärkt: Vor allem verloren durch das Ende des Kalten Krieges
die Staaten ihre geopolitische Positionsrente. Dies beseitigte eine letzte Barriere
gegenüber dem Druck der internationalen Gebergemeinschaft nach internen
Strukturanpassungen, die sich auch durch die Reduzierung der Zahl der Staatsangestellten
und die weitgehende Privatisierung des staatlich kontrollierten Wirtschaftssektors
vollziehen sollten. Parallel wurden in vielen Ländern die diktatorischen
Einparteinregimes abgeschafft und demokratische Spielregeln eingeführt.
Dieser ökonomische und politische Rückzug des Staates aus der Gesellschaft
hat Handlungsspielräume für eine Vielzahl von Organisationen, Vereinigungen
und Aktivitäten der "Zivilgesellschaft" wiedereröffnet:
Für Produktionsgenossenschaften, Bauernorganisationen, Emigrantenvereinigungen,
religiöse Vereinigungen, ethnische und kulturelle Organisationen, Frauen-
und Jugendclubs oder Sparringe. Viele dieser Vereinigungen haben auf lokaler
Ebene eine entwicklungspolitische Zielsetzung. Sie versuchen, Projekte zur Verbesserung
der Infrastruktur zu initiieren, streben eine Verbesserung sozialer Dienstleistungen
an, vor allem bei der Erziehung und Gesundheit, oder sie organisieren produktive
Tätigkeiten für marginale Gruppen.
Diese lokale Dynamik trifft auf jüngere Veränderungen im Bereich der
Entwicklungshilfe, die durch Bemühungen zur Entstaatlichung und Dezentralisierung
der Hilfe gekennzeichnet sind. Die Tendenz geht zur "partizipativen Entwicklung",
zur Arbeit "an der Basis", zu "Mikroprojekten": Entwicklungshilfe
wird "entstaatlicht". Neben den großen multilateralen und nationalen
Trägern spielen NGOs - wozu nicht nur private Vereine zählen, sondern
auch Kirchen - eine zunehmende Rolle; hinzu kommen im Rahmen der dezentralen
Entwicklungshilfe neue Träger wie Kommunen oder Bundesländer, die
im Rahmen von Städtepartnerschaften eigene Entwicklungshilfe betreiben.
Im Rahmen der dezentralen Entwicklungshilfe ent-stehen neue Formen internationaler
Beziehungen zwischen Organisationen und Institutionen der Zivilgesellschaft.
Dies hat dazu geführt, dass auch auf lokaler Ebene "Entwicklungsmakeln"
zum Phänomen wird.
Lokale Entwicklungsmakler sind Mittelsmänner, die dazu beitragen, externe
Ressourcen der Entwicklungshilfe in eine Lokalität zu leiten, in der sie
selber eine politische Rolle spielen. Versteht man ein Entwicklungshilfeprojekt
als idealtypische Form der Hilfe, dann stellen die Entwicklungsmakler die lokalen
Träger eines solchen Projektes dar, die an der Schnittstelle von Entwicklungsagenturen
und Zielgruppen agieren. Gegenüber den externen Geldgebern sind sie es,
die als legitime Vertreter der Zielgruppen gelten. Wie auf der nationalen Ebene
hängt die Position dieser Makler wesentlich vom Zugang zu den Gebern und
ihrer Verhandlungskompetenz ab.
Die lokalen Entwicklungsmakler, die wir unter-sucht haben, sind in der Regel
relativ jung, waren in ihrem bisherigen Leben recht mobil, mit Aufenthalten
in verschiedenen Teilen ihres Landes, in Afrika, zum Teil auch in Europa. Sie
haben eine moderne Schul- oder Hochschulausbildung genossen. Von großer
Bedeutung scheinen vorhergehende Vereinserfahrungen zu sein bis zu politischen
Parteien oder Gruppen. Hier erwerben die künftigen Makler Kompetenzen:
Die Kenntnis unterschiedlicher gesellschaftlicher Spielregeln, die Erfahrung,
dass man mit der Manipulation von Regeln Politik machen kann, die Fähigkeit,
Gruppen zu mobilisieren.
In den lokalen politischen Arenen stellt heute die Fähigkeit zur Mobilisierung
externer Ressourcen eine bedeutende Machtquelle dar und verändert bestehende
Formationen von Patronage und Klientelismus. Die historische und ethnologische
Forschung hat gezeigt, in welchem Maße Inhaber lokaler Machtpositionen
schon vor und während der Kolonialzeit Mittelsmannfunktionen spielten.
Diese Intermediäre sind die Nutznießer verschiedener Positionsrenten,
aber in der Regel vom Zugang zur Entwicklungsrente ausgeschlossen. Dies ist
nicht zuletzt eine Folge ihrer mangelhaften Kompetenz bei der Beherrschung des
jeweilig aktuellen Entwicklungsjargons. Dies schließt nicht aus, dass
traditionelle lokale Führungspersönlichkeiten und Entwicklungsmakler
in vielfältigen Allianzen verbunden sind. Es ließe sich ein "historischer
Kompromiss" zwischen beiden Typen von Mittelsmännern formulieren,
in dem erstere die Beziehungen zwischen Staat und Lokalität, letztere die
zwischen Lokalität und Entwicklungshilfegebern zu kontrollieren versuchen.
Grundsätzlich lassen sich drei Positionen der Ent-wicklungsmakler in der
lokalen politischen Arena unterscheiden. Erstens: Der Makler steht außerhalb
der Arena. Beispiele sind Emigranten und regionale beziehungsweise nationale
politische Führer, aber auch Missionare und Forscher. Oder der Makler gehört
zur Arena, ist aber marginal. Beispiele hierfür sind die jungen Schul-
und Hochschulabbrecher (jeunes déscolarisés), die derzeit in Afrika
in ihre Heimatdörfer zurückkehren und zu kleinen Unternehmern in Sachen
"Entwicklung" werden. Schließlich kann die Maklerrolle von lokalen
"big men" als Bestandteil einer Strategie der Machtabsicherung ausgeübt
werden.
So lassen sich vorläufig mindestens vier verschiedene Typen lokaler Entwicklungsmakler
und entsprechender organisatorischer Formen unterscheiden.
Religiöse Gruppen: Die Zugehörigkeit zu einer Kirche oder "Sekte"
ermöglicht die Mobilisierung von Kontakten außerhalb. Islamische
Bruderschaften, katholische und protestantische Kirche sowie Sekten, synkretistische
Bewegungen und Freikirchen können in dem Sinn als Netzwerke aufgefasst
werden.
Emigrantenvereinigungen: Hierbei handelt es sich um Vereinigungen von Staatsangestellten,
Akademikern, Kaufleuten und anderen gehobenen Schichten mit gemeinsamer Abstammung
aus einer Region. Diese home town associations oder associations des ressortissants
finden sich seit der Kolonialzeit in größeren afrikanischen Städten
und im Ausland. Es erlaubt den Emigranten, Verbindungen zur Heimat aufrechtzuerhalten
und eine politische Rolle zu spielen.
Ethnische und kulturelle Bewegungen: Diese Bewegungen, die oft von Staatsangestellten
oder Intellektuellen animiert werden, haben in der Regel ein doppeltes Ziel:
Eine größere Teilhabe der von ihnen repräsentierten Bevölkerungsgruppen
an den Leistungen des Zentralstaates und der Entwicklungsrente, andererseits
verbesserter Zugang zu Positionen im Staatsapparat für ihre Repräsentanten.
In beiden Fällen spielt das Argument einer "ethnisch ungerechten"
Verteilung der Entwicklungsrente in der Regel eine große Rolle. Im gegenwärtigen
Kontext der Demokratisierung spielen diese Bewegungen eine besondere Rolle.
Bauernführer: Mit diesem in Mode gekommenen Begriff werden lokale Vertreter
ländlicher Zielgruppen bezeichnet, zu denen die Entwicklungshilfeorganisationen
privilegierte Beziehungen unterhalten. Die Bauernführer haben oft Positionen
in lokalen Organisatio-nen wie Kooperativen inne. Nicht selten handelt es sich
um Emigranten und Schulabbrecher, die zurückgekehrt sind und sich wieder
in das landwirtschaftliche Produktionssystem integriert haben. Die Dezentralisierung
der Entwicklungshilfe verschafft bäuerlichen Intellektuellen wachsende
Bedeutung.
Die Ergebnisse unserer bisherigen Forschungen le-gen folgende Typologie nahe:
Es gibt Länder, in denen die Entwicklungsrente auf lokaler Ebene von Bedeutung
ist, etwa in Mali und Burkina Faso, besonders aber im Senegal, der viermal mehr
Entwicklungshilfe pro Kopf der Bevölkerung enthält als der Durchschnitt
aller frankophonen Länder, die stärker von Entwicklungshilfe abhängen
als die anglophonen. Eine zweite Gruppe ist durch eine niedrige Bedeutung der
lokalen Entwicklungsrente gekennzeichnet, weil diese Länder weniger von
internationalen Transferzahlungen abhängen. Unsere Hypothese ist, dass
es sich dabei vor allem um Länder des anglophonen Afrika handelt. In einer
weiteren Gruppe ist die Bedeutung der lokalen wie der nationalen Entwicklungsrente
gering, da diese Länder über relativ große interne Ressourcen
verfügen. Hierzu zählen die Elfenbeinküste und der Gabon. In
einer weiteren Gruppe ist die Bedeutung der lokalen Entwicklungsrente deshalb
niedrig, weil der Zugang zu den lokalen Arenen versperrt ist, weil er etwa vom
Zentralstaat kontrolliert wird, wie dies bei Benins bis Mitte der 80er war,
oder weil diese Kontrolle durch "traditionelle Notabeln" ausgeübt
wird, wie bis vor kurzem Zeit im Niger.
Thomas Bierschenk ist Professor für Ethnologie und Afrikastudien an
der Universität Mainz.
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