taz
30.4.2005
Die
Bewegung der Jugend
Von Dakar bis Daressalam floriert die afrikanische HipHop-Szene. Bis nach Europa
dringt von dieser Entwicklung aber kaum etwas vor
Von THOMAS WINKLER
Rap ist wieder zu Hause. Wieder dort angekommen, wo alles begann. Dort, wo der
Legende nach der erste, namenlose Griot seine Geschichten im Rhythmus erzählte,
unterstützt nur von ein paar Trommeln. Dort, wo irgendwann einmal der mit
der schnellsten Zunge eine Auseinandersetzung für sich entschied. In Afrika
hat HipHop, über den Umweg Amerika, wieder eine Heimat gefunden.
Allein in Daressalam, der tansanischen Küstenmetropole in Südostafrika, soll es 2.000 HipHop-Acts geben, in Dakar, der Kapitale des Senegal in Nordwestafrika, angeblich sogar mehr als 8.000. Quer über den Kontinent werden alle verfügbaren HipHop-Moden adaptiert, von Elefantenhosen bis zu den tief in die Stirn gezogenen Strickmützen, und die lokalen HipHop-Varianten zudem um lokale Einflüssen aus Folklore und traditionellen Musiken erweitert. Doch so verschieden die Kulturen, politischen Regime, Religionen und Sprachen der einzelnen Ländern Afrikas, so unterschiedlich sind auch die einzelnen HipHop-Szenen des Kontinents.
Gerappt wird mal in afrikanischen Sprachen und lokalen Dialekten, mal in den jeweiligen Amtssprachen Französisch oder Englisch, in Südafrika sogar im Burenidiom Afrikaans. Fast immer geht es um Themen, die vor Ort virulent sind: Armut und Hunger, Kriminalität und ethnische Konflikte, den Einfluss der Religionen und natürlich die in den meisten Ländern grassierende Korruption. Aber wenn es einen kleinsten gemeinsamen Nenner gibt, dann ist es die Beschäftigung mit der "afrikanischen Seuche" Aids und ihren Voraussetzungen wie Prostitution, sexuelle Gewalt und Beschneidungen. Und die Rapper wissen meist, wovon sie sprechen: So wie die Street Boys in Tansania, die im Reimstakkato über ihr Leben als obdachlose Straßenkinder rappen.
In vielen afrikanischen Ländern bietet Rap der jüngeren Generation erstmals eine eigene Stimme. In Ländern wie dem Senegal mögen 80 Prozent der Bevölkerung noch keine 30 Jahre alt sein, doch Kultur und Alltagsleben werden immer noch von Stammesältesten und Priestern dominiert. Selbst gottgleich verehrte Künstler wie Youssou N'Dour wagen es so gut wie nie, die traditionellen Autoritäten zu kritisieren. Indem Rapper zusehends die traditionellen Mächte und die Regierungen provozieren, hat HipHop mancherorts eine gesellschaftliche Relevanz erreicht, die in Europa unvorstellbar wäre. Im Senegal sollen nicht zuletzt die Rapper entscheidend dazu beigetragen haben, dass im Jahr 2000 der amtierende Präsident Abdou Diouf die ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes verlor.
Weil die Zielgruppe meist jung ist und in ärmlichen Verhältnissen lebt, schlägt sich dieser Einfluss allerdings kaum in Verkaufszahlen nieder. Lang gediente Genres wie Highlife in Ghana, Gospel in Südafrika oder Mbalax im Senegal und in Gambia verkaufen immer noch ein Vielfaches im Vergleich zum HipHop - auch, weil die Radiofrequenzen in vielen Ländern von Regierungen oder Staatskonzernen kontrolliert werden, die kein Interesse an einer allzu kritischen Haltung haben.
Die allgegenwärtigen Musikkassetten, die sich in kleinen Läden bis zur Decke stapelten oder direkt aus dem Kofferraum heraus verkauft wurden, werden in vielen Ländern zusehends durch die CD verdrängt. Die Ansprüche an die Soundqualität werden dadurch allerdings größer, die eh schon sehr teuren Studios unbezahlbar und die Position der Produzenten und Label-Inhaber noch absoluter. Bis also die Konsumenten in Afrika flächendeckend mit CD-Playern ausgerüstet sind, produzieren lokale Rap-Acts weiter Kassetten.
Etablierte Gruppen wie Positive Black Soul, Pee Froiss und Daara J, die Gründungsväter des senegalesischen HipHop, haben es immerhin schon geschafft, in Europa veröffentlicht zu werden und dort auf Tournee zu gehen. Dafür verlieren sie in ihren Heimatländern an Bedeutung, wo immer neue Gruppen auf den Markt drängen.
Hierzulande kommt davon allerdings kaum etwas an. Vor vier Jahren stellte der Journalist Jay Rutledge die Compilation "Africa Raps" (Trikont) 2001 zusammen, die sich seitdem solide 10.000-mal verkauft hat. Doch das ist die Ausnahme: Andere Veröffentlichungen mussten sich meist mit Stückzahlen begnügen, die selten vierstellige Dimensionen erreichten. Vor kurzem hat Rutledge mit OutHere ein eigenes Label gegründet, doch das bedeutet eher ehrenamtliche Arbeit als Verdienstmöglichkeit. Im vergangenen Jahr erschien dort die Compilation "Bongo Flava" mit Rap aus Tansania erschien, sowie CDs des senegalesischen Frauentrios Alif und den X Plastaz aus Tansania. Damit sind hierzulande nun immerhin einige Acts nicht mehr allein über Compilations erhältlich. Denn auch im Internet sind bislang noch keine vertrauenswürdigen Verkaufsplattformen in Sicht, die einen halbwegs umfassenden Überblick bieten würden.
Der Grund dafür ist einfach: Es gibt kaum ein Land auf dem Globus, in dem nicht amerikanischer HipHop gehört wird; ein erstaunliche Erfolgsgeschichte. Aber es gibt auch kaum ein Land, in dem nicht auch in der eigenen Landessprache gerappt wird: Das senkt das Interesse und den Bedarf an Rap-Exporten aus dem Ausland, deren Idiom man nicht versteht. Selbst etablierte Rap-Stars aus Frankreich schaffen es kaum über die Grenze, und deren Produktionen haben immerhin den richtigen Feinschliff. Und das ethnologische und exotische Interesse der ersten Welt an der dritten, auf die sich der Weltmusikmarkt nicht zuletzt gründet, befriedigen traditionell geprägte Klänge weitaus besser.
Eine Chance auf
Erfolg in Europa haben afrikanische HipHop-Gruppen deshalb nur, wenn bei ihnen,
wie bei den X Plastaz aus Tansania, ein original Maasaikrieger mit traditionellen
Gesängen und Gewändern die Bühnenpräsenz belebt. Die allermeisten
jungen afrikanischen Rapper aber wollen als Rapper wahrgenommen werden und nicht
als Abgesandte einer exotischen Kultur. So wird der Sprechgesang, nachdem er
angekommen ist in seiner alten Heimat, auf seinen zweiten Export in den Rest
der Welt womöglich noch weiter warten müssen.
Bongo Flava: "Swahili Rap from Tansania". X Plastaz: "Maasai
HipHop". Alif: "Dakamarap" (alle: outhere records)
taz Nr. 7653 vom 30.4.2005, Seite 11, 207 Zeilen (TAZ-Bericht), Von THOMAS WINKLER
Le
Soleil 30.6.
Louga
- Scolarisation : 80 % des filles de l’école de Mbayebé
sont mariées
L’école
de Mbayebé risque d’être, rayée de la carte scolaire
à cause des abandons. Le phénomène est plus accentué
chez les filles qui sont ainsi données en mariage.
Le combat pour le maintien des filles à l’école est loin d’être gagné dans le département de Louga. L’école élémentaire de Mbayebé dans la communauté rurale de Gandé en est une illustration. En effet, 80 % des filles de cet établissement sont actuellement mariées, et risquent de déserter les classes avant la fin de leur cursus. Une bataille est alors engagée depuis deux ans par le responsable de l’école dans le but de maintenir les filles à l’école créée seulement en 2003, a averti le responsable Mamadou Lamine Bandian.
Une situation
qui préoccupe plus d’un. En effet sur un effectif total de treize
élèves en classe Cp dont neuf filles, les sept âgées
seulement entre sept et dix ans ont un mari. Sur les trois cas d’abandons
enregistrés les deux trouvent leur origine des mariages précoces.
«Cette situation découle de la tradition et de la sociologie peulh
qui font que les jeunes filles sont mariées à bas âge»,
explique Penda Bâ parent d’élèves. Dans ce village
peulh de Mbayebé situé à un km au Nord du chef-lieu de
la communauté rurale de Gandé et qui polarise quelques 400 habitants,
les mariages précoces constituent toujours une contrainte majeure à
la scolarisation des enfants. C’est pourquoi M. Bandian avec l’appui
de l’Ape et la cellule pédagogique, initie des actions de sensibilisation
envers les parents pour les convaincre de changer de comportement et de mentalité.
<<
C’est une situation qui n’est pas facile parce qu’il y a beaucoup
d’obstacles, malgré les actions déjà entreprises.
Mais nous n’allons pas baisser les bras, car avec des initiatives notamment
des cérémonies de récompenses des meilleurs élèves,
nous essayons d’amener les parents à soutenir et adhérer
aux idéaux de l’école >>, poursuit-il. Parmi les autres
facteurs bloquants, on peut citer la transhumance qui entraîne beaucoup
de cas d’abandons. L’école qui est un abri provisoire souffre
de beaucoup de maux : manque de tables bancs, et d’eau, absence de fournitures
pour les élèves etc. Le responsable de l’école a
pris plusieurs initiatives et cela commence à produire des effets. OUSMANE
MBENGUE
Louga – Schulbesuch: 80 % der Schülerinnen der Mbayebé-Grundschule sind verheiratet
Die Schule in Mbayebé läuft Gefahr, wegen der vielen Abgänger von der Schullandkarte gestrichen zu werden. Das Phänomen ist deutlicher bei den Mädchen, die nämlich früh verheiratet werden.
Der Kampf für den Verbleib
der Mädchen in der Schule ist bei weitem nicht gewonnen im Departement
Louga. Die Grundschule von Mbayebé in der Landgemeinde Gandé ist
dafür ein Beispiel. 80% der Mädchen dieser Anstalt sind zur Zeit verheiratet
und werden wahrscheinlich vor Abschluss ihrer Schullaufbahn die Klassen endgültig
verlassen.
Seit zwei Jahren bemüht sich der Schulleiter Mamadou Lamine Bandian in
diesem Kampf um den Verbleib der Mädchen an der Schule, die erst 2003 gegründet
wurde.
Eine Situation, die viele beunruhigt. Denn bei einer Schülerzahl von 13
Schülern pro Klasse, davon neun Mädchen, haben die sieben älteren
– zwischen sieben und zehn Jahre alt – einen Ehemann. Von drei festgestellten
Schulabgängen haben zwei ihre Ursache in frühen Heiraten. "Diese
Situation rührt aus der Tradition der Peulh-Gesellschaft, in der die Mädchen
schon in jungen Jahren verheiratet werden", erläutert Penda Ba, selbst
Mutter von Schülern.
Im Peulh-Dorf
Mbayebé mit seinen etwa 400 Einwohnern, ein Kilometer nördlich des
Hauptortes der Landgemeinde Gande, stellen die frühen Heiraten immer noch
die wichtigste Beschränkung für den Schulbesuch der Kinder dar. Deshalb
initiiert M. Bandian mit der Unterstützung von APE und der Pädagogengruppe
Sensibilisierungsaktionen für die Eltern, um einen Wandel der Einstellungen
und des Verhaltens zu bewirken. "Die Situation ist nicht einfach, es gibt
noch viele Hindernisse, obwohl die Aktionen schon andauern. Aber wir lassen
die Arme nicht hängen; so versuchen wir mit unseren Initiativen, vor allem
den feierlichen Auszeichnungen der besten Schüler, die Eltern dazu zu bringen,
den Sinn der schulischen Bildung einzusehen und zu unterstützen",
fährt er fort. Unter andern hemmenden Faktoren kann man die Transhumance
hervorheben, die viele Fälle von Schulabbruch nach sich zieht. Die Schule,
die eine provisorische Unterkunft ist, leidet an vielen Übeln: fehlende
Schulbänke, fehlendes Wasser, mangelnde Ausrüstung der Schüler
etc.
Der Schulleiter hat verschiedene Initiativen eingeleitet, und die beginnen Wirkung
zu zeigen.
Ousmane
Bengue (dt R. Lienemann) http://216.40.244.194/article.php3?id_article=456
Fatou
Diome erhält den achtzehnten LiBeraturpreis
Der LiBeraturpreis des Jahres 2005 geht an Fatou Diome aus dem Senegal. Die
Autorin wird für ihr Buch „Der Bauch des Ozeans“ ( Originaltitel:
Le ventre de l´Atlantique ) ausgezeichnet. Das Buch erschien 2004 im Diogenes
Verlag, Zürich und wurde von Brigitte Grosse übersetzt.
Fatou Diome wurde 1968 in dem senegalesischen Fischerdorf Niodior geboren. Seit zehn Jahren lebt sie in Straßburg. Sie studierte Literaturwissenschaften und unterrichtet heute an der Universität Straßburg. Der ausgezeichnete Roman „Der Bauch des Ozeans“ ist ihr erster in die deutsche Sprache übertragener Roman.
Das Buch erzählt von einigen der Schwierigkeiten in der jetzigen Beziehung zwischen Afrika und Europa und stellt die Realität des Emigranten-Alltages in Frankreich den Hoffnungen der „Daheimgebliebenen“ im Senegal gegenüber.
Die Jury begründet ihre Entscheidung für das Buch von Frau Diome damit, dass es der Autorin gelungen sei, mit viel spielerischem Witz ,aber großer Genauigkeit ein so komplexes Thema auf unterhaltsame Weise zu präsentieren. Locker geschrieben, voller Weisheiten und Verweise auf die westafrikanische Erzähltradition, verflechte Fatou Diome disparate Handlungsstränge, in denen das Thema Fußball eine wichtige Rolle spielt. Fluchtpunkt der Erzählung ist eine kleine Insel im Atlantik vor Senegal. Es wird u.A. erzählt, wie dort die Nachrichten über die grandiose Vorstellung Senegals bei der WM 2002 im weit entfernten Korea/Japan rezipiert werden, Spiele, die darin gipfelten, dass die Senegalesischen „Löwen“ die „Hähne“ Frankreichs und damit die ehemaligen Kolonialherren auf dem Spielfeld bezwangen.
Mit der Ehrung von Fatou Diome wird der LiBeraturpreis zum achtzehnten Mal vergeben. Der Preis, der von Leserinnen und Lesern vergeben wird, und auf Schriftstellerinnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika aufmerksam machen möchte, ist mit einem symbolischen Preisgeld von 500 € dotiert. Verbunden mit der Auszeichnung ist eine Einladung zur Frankfurter Buchmesse. Die Preisverleihung wird am 16. Oktober stattfinden. Frankfurt am Main, den 12.Juli 2005, Ingeborg Kaestner (1.Vorsitzende)
Begründung der Jury
Beachtlich fand
die Jury, mit welch spielerischem Witz aber großer Genauigkeit Diome einen
Roman geschrieben hat, der ein komplexes Thema auf unterhaltsame Weise präsentiert.
„Der Bauch des Ozeans“ erzählt von einigen der Schwierigkeiten
in der jetzigen Beziehung zwischen Afrika und Europa und stellt die Realitäten
des Emigranten-Alltages in Frankreich den Hoffnungen der „Daheimgebliebenen“
in Senegal gegenüber. Locker geschrieben, voller Weisheiten und Verweise
auf die westafrikanische Erzähltradition, verflechtet Diome disparate Handlungsstränge
in denen das Thema Fußball mit der Rolle einer im Urlaub nach Hause gekehrten
Emigrantin in einer teilweise von Schamanen und dem Islam geprägten Welt
aufeinander treffen. Wir erleben hautnah die Fallen der Emigration (postkoloniale
Ausbeutung) sowie die des Tourismus, und als Subtext läuft im Hintergrund
dauernd der Fernseher, symbolisch für die Funktion der Medien in der globalisierten
Welt. Konsequenterweise zielt diese Reflektion über die Globalisierung
der Nachrichten auf den Sport (wie treffend im WM-Vorjahr): denn Fluchtpunkt
der Erzählung ist eine kleine Insel im Atlantik vor Senegal, es wird erzählt
wie dort die Nachrichten über die grandiose Vorstellung Senegals bei der
WM 2002 im weit entfernten Korea/Japan rezipiert werden, Spiele die darin gipfelten,
dass die Senegalesischen „Löwen“, die Hähne Frankreichs
und damit die ehemaligen Kolonialherren auf dem Spielfeld bezwangen. Dr.
Jeremy Gaines Frankfurt,
im Juli 2005
http://www.liberaturpreis.org/aktuell/diome.htm
FR
28.9.2005
Sanft
und solidarisch
Die Natrufreunde Internationale ist tatsächlich international geworden
und engagiert sich in Afrika
Frankfurter
Rundschau:
Herbert Brückner,wir sind hier in Westafrika, in Senegal, und wenn
man die Naturfreunde von ihrer Gründungsgeschichte her betrachtet, als
Freizeitorganisation der europäischen Arbeiterbewegung, wundert man sich
doch, hier nun ein großes Naturfreundehaus und Umweltbildungs-zentrum
vorzufinden.Wie kommt es, dass die Naturfreunde seit knapp zwei Jahren in Afrika
aktiv sind und mehr und mehr auch in Osteuropa?
Herbert
Brückner:
Unsere Mütter und Väter hätten sich das nicht träumen lassen,
dass wir je irgendwann inAfrika sind und dass es hier Naturfreunde gibt. Wir
waren ja ursprünglich, obwohl von Anfang an international, auf europäische
Städte begrenzt; wohin die Wandergesellen und die Handwerksburschen die
Naturfreunde-Idee von Wien aus weiter getragen haben.
Zunächst nach München und Zürich und dann in fast alle europäischen
Länder – bedingt durch die Donaumonarchie sogar auch nach Ungarn,
Tschechien und teilweise nach Polen. Die Naturfreunde waren dann während
der Nazi-Zeit verboten und ihre Neu- oder Wiedergründung 1951 war zunächst
nur in den westlichen Ländern Europas möglich und deshalb konzentrierten
sich die Aktivitäten auf die westeuropäischen Länder.
Aber
was war denn dann der Ausgangspunkt für Afrika?
Der Ausgangspunkt bis nach Afrika zu gehen war vermutlich das Internet. Weil
immer mehr Organisationen und Gruppen aus vielen Ländern d er Welt, au
s Asien, aus Afrika, aus Südamerika uns angefragt haben,
was macht ihr denn? Können wir bei euch Partner oder Mitglied werden? Bedingt
durch diese Anfragen haben einzelne Naturfreunde-
Organisationen aus Westeuropa – insbesondere die französischen Naturfreunde–
Kontakt mit afrikanischen Ländern aufgenommen, in denen solche Gruppen
bestanden, und daraus hat sich dann innerhalb weniger Jahre eine sehr rasante
Entwicklung ergeben. Hier in Senegal zum Beispiel gibt
es den Landesverband Asan (Association Sénégalaise des Amis de
la Nature, die Red.), der seriös arbeitet und in zwei Jahrzehnten aufgebaut
wurde; überdies 4000 Mitglieder hat, eine organisierte Gruppenarbeit besonders
in Schulen vorweisen kann, eine große Baumschule hat und im
Lande angesehen und bekannt ist. In Kooperation mit unseren Freunden von Asan
ist dann eben die Idee entstanden, das, was wir sanften Tourismus oder ökologischen
Tourismus nennen, auch in Afrika zu praktizieren.
„Zu Gast in Senegal“ heißt das zweiwöchige Programm,
das nun von zahlreichen Ortsgruppen aus Frankreich, Belgien, Österreich,
der Schweiz und Deutschland wahrgenommen wird. Wir wollen damit ein praktisches
Beispiel geben für das, was in unserer Satzung steht: Solidarität
unter den Menschen und Solidarität mit der Mitwelt.
Hat
es Sie als Präsidenten der Naturfreunden Internationale überrascht
– hat es uns zu überraschen –, dass hier in Senegal
seit über 20 Jahren Umweltbewegungen vorhanden sind, die sehr stark an
den Zielen der Naturfreunde orientiert sind?
Ja, es hat uns überrascht,weil wir uns in den Jahrzehnten davor sehr viel
stärker mit uns in Westeuropa beschäftigt haben und nicht
mit ferneren Ländern, in denen die gleiche Problematik herrschte und herrscht.
Wenn wir von grenzenlosen Umweltzerstörungen gesprochen haben, meinten
wir eigentlich die Grenzen in Europa und erst im Lauf der Jahre, bedingt durch
Rio und die Überlegungen zu einer nachhaltigen Entwicklung, ist dann dieser
weltweite Aspekt entstanden. Eigentlich hätte es uns nicht überraschen
dürfen.
Dann allerdings ist es so schnell über uns gekommen, dass wir gerade erst
dabei sind, es als Selbstverständlichkeit zu erkennen, dass Mitglieder
aus Afrika– in den kommenden Jahren neben Senegal wahrscheinlich auch
Togo und Marokko und andere Länder –, auf unseren Kongressen genauso
vertreten sein werden wie weißhäutige Mitglieder aus Frankreich,
Deutschland oder Österreich. Das ist in der Tat noch gewöhnungsbedürftig,
aber es hat nicht nur den Horizont, sondern auch die praktische Arbeit der Naturfreunde
verändert.
Wie
zum Beispiel?
Dieses Aha-Moment, das damit verbunden war, führt jetzt dazu, dass in vielen
Ortsgruppen und Landesverbänden eine direkte Kontaktaufnahme mit diesen
Ländern entsteht.
Etwa durch Schulpartnerschaften, Ortsgruppen-Partnerschaften und Projekte, wie
zum Beispiel die Finanzierung einer dörflichen
Hirse-Mühle. Von diesen Kontakten, via Internet und in der Praxis, lernen
wir auf beiden Seiten.
Das
scheint ja auf eine direkte entwicklungspolitische Zusammenarbeit zu zielen.
Ist denn die Naturfreunde Internationale dafür schon fit?
Nun, wir sind im 110. Jahr und haben die letzte Evaluation unserer Arbeit vor
etwa zehn Jahren gemacht und sind jetzt wieder in einem solchen Prozess der
Überlegung, was sind die Zukunftsaufgaben der Naturfreunde?
Mit Sicherheit werden sich die Schwerpunkte erneut verändern. Es wird sich
zeigen, dass das, was wir herkömmlich Entwicklungspolitik nennen –
„Partnerschaft in der Einen Welt“ wäre vielleicht ein besserer
Begriff –, ein Schwerpunkt der Zukunft sein wird. Wir werden dabei nicht
mit Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit konkurrieren, sondern mit
ihnen und mit Umweltorganisationen zusammenarbeiten.
Umwelt und Entwicklung gehören nämlich zusammen. Bis wir bei den Naturfreunden
entwicklungspolitisch fit sind, wie andere Organisationen, die professionell
arbeiten, werden wir wohl ein Jahrzehnt brauchen– so wie wir ein Jahrzehnt
gebraucht haben um fit zu sein im sanften Tourismus.
Könnten Sie das konkretisieren? Welche Fragestellungen stehen dabei im
Vordergrund?
Gut, die Fragestellungen sind natürlich an den Grundaufgaben der Naturfreunde-Bewegung
orientiert: Wir wollen eine Gesellschaft, in der Gerechtigkeit und Frieden und
der Schutz der Umwelt gewahrt sind. Konkret heißt das zum Beispiel: Die
Mitglieder von Asan kämpfen hier in Senegal mit ihrer selbst aufgebauten
Baumschule gegen die Wüstenbildung an und gegen die um sich greifende Abholzung.
Dabei wollen wir ihnen helfen.
Der Landesverband von Württemberg beispielsweise unterstützt diesen
Kampf mit einer Ökostrom-Kampagne: Für jeden Kunden, der beim Strombezug
auf alternative Energien umsteigt, werden fünf Euro für Baumpflanzungen
in Senegal gespendet.
Das ist Partnerschaft in der Einen Welt. Außerdem will die Naturfreundejugend
Bremen ein Workcamp in Senegal veranstalten
und dabei selbst Bäume pflanzen. Was sich dann noch entwickelt, aus den
einzelnen Schulen- und Städtepartnerschaften heraus, bleibt den Ortsgruppen
überlassen, die seit jeher eigene Schwerpunkte setzen.
Nun
haben wir ja, wenn wir an Europa denken, unsere eigenen Entwicklungsregionen,
in Osteuropa zum Beispiel.
Und auch dort gibt es neue Aktivitäten und Anforderungen an die Naturfreunde.
Welche Aufgaben stehen in den osteuropäischen
Ländern an – über Tschechien, Ungarn und Polen hinaus?
In diesen Ländern haben wir teilweise schon bestehende Organisationen,
die professionell arbeiten. Hier geht es mehr darum, die Umweltarbeit und insbesondere
den präventiven Umweltschutz zu entwickeln und zu unterstützen. Es
ist nämlich so, dass in den neuen Mitgliedsländern der Europäischen
Union ein erheblich größerer Teil, fast der doppelte Anteil an Schutzgebieten
vorhanden ist als in den alten EU-Ländern. Wenn
nach den Richtlinien der EU künftig nur zehn Prozent der Landesfläche
der Mitgliedsstaaten einen Schutzcharakter haben müssen, könnten in
diesen Ländern viele bereits jetzt geschützte Gebiete anders genutzt
werden. Kurzum, das Potenzial an Schutzgebieten in Osteuropa ist höher
als das, was die EU-Gesetze vorschreiben. Diesen Gedanken wollen wir mit unseren
Mitgliedsverbänden weiter entwickeln und dazu beitragen, dass auf Schutzgebiete
ein Schwerpunkt der Arbeit gelegt wird. Beispielhaft soll das getan werden,
wenn wir 2007/2008 die Donau und das Donaudelta zur europäische „Landschaft
des Jahres“ ausrufen werden. Wir wollen versuchen, jene Länder in
Europa, durch die die Donau fließt – das sind sehr viele, vom Schwarzwald
bis hin zum Deltagebiet in Rumänien – gemeinsam in eine nachhaltige
Entwicklung für diesen langen und schönen Fluss einzubinden. Die Aufgaben
in Osteuropa sind also etwas anders gelagert als hier in Senegal. Aber wenn
man beide
Schwerpunkte zusammenfasst – entwicklungspolitische Anliegen einerseits,
umweltpolitische Probleme andererseits –, dann wird sich allein dadurch
schon die Arbeit der Naturfreunde räumlich und regional stark verändern.
Sie wird aber auch inhaltlich eine andere sein, weil sie eben diesen neuen „Eine-Welt“-Charakter
bekommt.
Interview:
Klaus Betz FR 28.9.2005
Herbert Brückner (67) war von 1971 bis 1989 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft
und von 1975 bis 1986
Bremer Senator für Umweltschutz und Gesundheit (SPD). Nach seiner Politikerlaufbahn
war der einstige Industriekaufmann, Religionspädagoge
und Diakon als Umweltbeauftragter der Bremischen Evangelischen Kirche tätig.
Seit 1996 ist Brückner Präsident der Naturfreunde Internationale mit
Sitz in Wien.
Die Naturfreunde Internationale (NFI) ist seit knapp zwei Jahren auch in Entwicklungsländern
aktiv.
zurück
NZZ
21.10.2005
Die neuen
Verdammten dieser Erde
Ceuta und Melilla - aus afrikanischer Sicht
In seinem Klassiker «Die Verdammten dieser Erde» schilderte Frantz
Fanon 1961 die unüberbrückbare Kluft, die Kolonisatoren und Kolonisierte
trennt. In diesem Zeichen sieht der senegalesische Schriftsteller und Journalist
Boubacar Boris Diop auch die menschenunwürdigen Szenen, die sich in Marokko
in den vergangenen Wochen um die spanischen Exklaven von Ceuta und Melilla abspielten.
Am 21. Februar 2005 führte ein Beitrag in der «New York Times»
den Titel «Mehr afrikanische Immigranten als zur Zeit der Sklaverei».
Der Vergleich ist nicht nur - höflich ausgedrückt - befremdlich, sondern
auch gefährlich. Er verstärkt das Gefühl, dass der Westen zur
Auffangstation für die Misere der restlichen Welt geworden sei und dass
dem ein Ende gesetzt werden müsse.
Dieser Überdruss mag die Brutalität der Vorgänge um Ceuta und
Melilla erklären. Weltweit strahlten die Nachrichtensender Bilder von blutverschmierten
Handschuhen aus, die im Stacheldraht hängen geblieben waren, von jungen
Afrikanern, die benommen durch die Wüste stolperten, und - auch das durfte
nicht fehlen - von einigen guten Seelen, die in den Auffangzentren Brot verteilten.
Die Tatsache, dass beim verzweifelten Sturm auf die um die Exklaven gezogenen
Sicherheitszäune - die bald auf unüberwindbare sechs Meter hochgezogen
werden sollen - 16 Tote und Hunderte Verletzte zu beklagen waren, schockierte
die Öffentlichkeit weniger als der unglaubliche Beschluss, die Migranten
in die Wüste abzuführen und sie dort sterben zu lassen. Der Anblick
aneinander geketteter junger Schwarzer weckt in Afrika unweigerlich böse
Erinnerungen; freilich sollten sie diesmal nicht mit Gewalt in den Westen verschleppt,
sondern vielmehr an der Reise dorthin gehindert werden.
Schutz um jeden Preis
Marokko hat diese inhumane Praxis inzwischen aufgegeben, aber der Schaden lässt
sich damit nicht ungeschehen machen. Und nach wie vor schiebt man sich die Migranten
von hüben nach drüben unwillig zu, als wären sie Kehricht und
nicht menschliche Wesen. Die beiden grossen Ängste des Nordens - Terrorismus
und Immigration - haben zu Reflexen geführt, die den Anschein vermitteln,
als wäre der Schutz der «Festung Europa» wichtiger geworden
als derjenige der Menschenrechte, auf die sich die europäische Tradition
so viel zugute hält.
Die jüngsten Bilder von der spanisch-marokkanischen Binnengrenze wie auch
die immer wiederkehrenden Berichte von kaum seetüchtigen Booten, die -
wenn sie nicht bei der Überfahrt kentern - ihre menschliche Fracht an den
Ufern von Lampedusa, Malta oder Zypern deponieren, lassen den Eindruck entstehen,
dass das friedliche und wohlhabende Europa einem wahren Ansturm von Schwarzafrikanern
ausgesetzt sei. Dabei sollte aber nicht vergessen gehen, dass sich unter den
unseligen boat people Vertreter fast aller armen Nationen Asiens und Afrikas
finden; und dass bis vor kurzem vor allem Nordafrikaner den Zugang ins verbotene
Paradies von Ceuta und Melilla suchten.
In Anbetracht dieses Umstands ist es besonders pikant, dass nun Marokko und
Algerien, Libyen und Mauretanien damit betraut werden sollen, die afrikanischen
Migranten von Europa fernzuhalten. Dem libyschen Staatschef Ghadhafi sieht man
aufgrund entsprechenden Wohlverhaltens plötzlich die Repression nach, die
er im eigenen Land praktiziert; und Marokko lässt sich mit 40 Millionen
Euro dafür entschädigen, dass es die wenig ehrenhafte Rolle des Rausschmeissers
übernimmt. Auf längere Sicht könnte aus dieser künstlich
geschaffenen Gegnerschaft zwischen Maghrebinern und Schwarzafrikanern, überlagert
noch vom entlang ähnlicher ethnischer Grenzen verlaufenden Konflikt in
Darfur, ein gefährliches innerafrikanisches Spannungsfeld resultieren.
Abgesehen von diesem Risiko fragt sich auch, ob die sich abzeichnenden Panikreaktionen
überhaupt gerechtfertigt sind. Die Statistiken über die Versuche illegaler
Grenzübertritte weisen nämlich nicht auf eine drohende Invasion Europas
via Sahara und Mittelmeer hin, sondern verzeichnen vielmehr sinkende Zahlen:
In Spanien registrierte man heuer 12 000 Versuche gegenüber 55 000 im Vorjahr,
in Italien 3000 gegenüber 6350.
Warum?
Man kommt anderseits auch nicht um die Frage herum, warum junge Afrikaner -
nicht selten gerade die mit höherer Bildung - ihr Leben für die schiere
Möglichkeit, nach Europa zu gelangen, aufs Spiel setzen; warum sie sich
mit Steinen und Fäusten gegen schwer bewaffnete Soldaten stellen oder sich
einem überfrachteten Kahn anvertrauen, um dann mit aller Wahrscheinlichkeit
in einem inferioren Job und elenden Lebensverhältnissen zu landen. Das
Schauspiel dieser erbärmlichen Exil-Kandidaten, wie Schlachtvieh bereit,
ihr Schicksal auf sich zu nehmen, hat am meisten geschmerzt. Als Afrikaner empfand
man bei ihrem Anblick Scham und - es sei zugegeben - eine dumpfe Wut. Wenn man
schon bereit ist, sein Leben zu opfern, um die Heimat zu verlassen: warum dann
nicht besser diesen Opfermut in den Dienst der Heimat stellen, sein Leben dort
investieren, zumindest im Interesse der künftigen Generationen? Das zu
verstehen, fällt schwer.
Es sind denn auch nicht allein die Verlockungen Europas, welche die tödliche
Entschlossenheit der jungen Migranten erklären; eher verhält es sich
so, dass sie in eine Falle geraten sind. Wenn einer von ihnen am Fuss des Stacheldrahtzauns
von Ceuta oder Melilla steht, hat er seine gesamten Ersparnisse in den Händen
von Schleppern oder bestechlichen Grenzbeamten zurückgelassen. Er hat in
überladenen Camions oder auch zu Fuss oft Tausende von Kilometern auf unwirtlichen
Strecken zurückgelegt, hat am Zielort Monate oder gar Jahre unter Schicksalsgenossen
verbracht, die in improvisierten Camps von der Hand in den Mund leben und vom
Sprung nach Europa träumen. Mit jedem Tag wächst die Überzeugung,
dass man es schaffen wird, weil man es schaffen muss: Wer kann einem Verzweifelten
vorwerfen, dass er die Illusion hegt, nur ein paar Stacheldrähte trennten
ihn und die Seinigen daheim von einem neuen Leben?
Neben der Unmöglichkeit, geschlagen und mit leeren Händen den Weg
nach Hause anzutreten, spielt auch der Gruppendruck eine Rolle. Viele der jungen
Männer hört man sagen: «Ich wusste nicht, was auf mich zukam
- es war unerträglich, aber wann immer ich aufgeben wollte, haben mich
die anderen zum Weitermachen gedrängt.» Statt die Migranten von der
Warte der Privilegierten herab zu verurteilen, müsste man der Kraft dieser
verzweifelten Hoffnung Rechnung tragen.
Afrika schweigt
Während sich das Augenmerk der Weltöffentlichkeit auf Ceuta und Melilla
richtete, hat kein afrikanisches Staatsoberhaupt gegen die Behandlung protestiert,
die seinen Landsleuten zuteil wurde; auch die Afrikanische Union hielt eine
Stellungnahme für unnötig. Es ist anzunehmen, dass die Emigration
von gewissen Regierungen sogar begrüsst wird: Man hat selbst weniger Mäuler
zu stopfen, und die von den Migranten überwiesenen Gelder sind eine willkommene
Infusion in die ausgeblutete Wirtschaft des Landes. Zudem haben die afrikanischen
Politiker wohl nicht zuletzt geschwiegen, um ihre europäischen Amtsbrüder
nicht zu verstimmen.
Mit solchem Zynismus auf höchster Ebene hat man in Afrika leben gelernt;
bedauerlicher ist die Passivität der Zivilgesellschaft. Immerhin hat die
Malierin Aminata Traoré, eine Führungsfigur in der globalisierungskritischen
Bewegung Afrikas, am 14. Oktober zu einer «Marche de Dignité»
aufgerufen, die sie und zehn Gesinnungsgenossinnen über Paris, Mailand
und Madrid nach Brüssel führen soll. Aber dies ist ein Einzelfall;
insgesamt scheint auch Afrika nicht geneigt, sich der zwischen die Grenzen Geratenen
anzunehmen. Politiker wie Intellektuelle schlagen mehrheitlich einen Bogen um
das Thema Ceuta und Melilla.
Doch Wegsehen nützt am Ende nichts, und auch mit strengeren administrativen
Massnahmen wird der Migration kein endgültiger Riegel zu schieben sein.
Einzig mit einer gezielten und langfristigen Politik, die auf die Beseitigung
der Missstände in den Herkunftsländern setzt, wäre der Migrationsdruck
abzubauen - und damit nicht zuletzt die Möglichkeit, dass Frustration und
Verzweiflung in Schwarzafrika einen neuen Gefahrenherd auch für die europäische
Gemeinschaft entstehen lassen.
Boubacar Boris Diop Aus dem Französischen von as
NZZ 21.10.2005
DIE
ZEIT 23.06.2005
Was Wahnsinn in Afrika ist
Die Geschichte der Psychiatrie in Afrika sowie Fragen nach Konzeptionen von
»Wahnsinn« und »Geisteskrankheit« und dem Umgang mit
psychisch Kranken in afrikanischen Gesellschaften bewegen erst seit kurzem die
einschlägigen Wissenschaften. Vieles von den gegenwärtigen Diskussionen
hat Hubert Fichte bereits vorweggenommen. Dies zeigt ein aufwändig gestalteter,
mit grandiosen Fotografien von Leonore Mau ausgestatteter Band, der anlässlich
des 70. Geburtstags des 1986 verstorbenen Schriftstellers erschienen ist. Fichte
und Mau reisten in den siebziger und achtziger Jahren mehrfach nach Westafrika,
besuchten Kliniken, psychiatrische Dörfer und pharmakologische Institute
in Senegal und Togo und führten unter anderem lange – im Band wiedergegebene
– Gespräche mit einheimischen Ärzten. Zusammen mit den Reiseaufzeichnungen
entsteht so ein faszinierendes Bild der Psychiatrie in Afrika, die geprägt
ist von der Verbindung lokaler Heilkunde mit neueren westeuropäischen Ansätzen.
Nicht zuletzt betont Fichte die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen
von »Geisteskrankheit« in Afrika und verweist etwa auf die Interessen
von Pharmakonzernen. Besonders exotisch erscheint afrikanische Psychiatrie in
diesem Buch jedenfalls nicht. Andreas Eckert
Leonore Mau, Hubert Fichte: Psyche. Annährung an die Geisteskranken in
Afrika; S. Fischer, 2005; 334 S., 150 €
DIE
ZEIT 13.10.2005
Beihilfe zum Elend
Auch die Agrarpolitik der EU trägt Schuld an der Not Afrikas Von
Petra Pinzler
Eine populäre These dieser Tage lautet: Europa ist schuld daran, dass Afrikaner
an spanischen Zäunen sterben. Die Europäer morden gleich mehrfach.
Sie schießen nicht nur auf Flüchtlinge, wenn die in ihre Wohlstandsfestung
drängen. Schlimmer noch, sie treiben sie überhaupt erst ins Elend
und damit auf die gefährliche Wanderschaft. Und weiter heißt es:
Europas Handelspolitik zerstört die Existenz der Menschen, schließlich
verscherbelt die EU Nahrung zu Dumpingpreisen auf afrikanischen Märkten,
vernichtet so die Existenz der Bauern, treibt ganze Landstriche in den Ruin
und zwingt die Menschen zur Flucht. Am Ende lässt Europas restriktive Einwanderungspolitik
den armen Menschen keine andere Wahl, als die Stacheldrähte von Melilla
und Ceuta zu stürmen – und vielleicht dort zu sterben.
Die Gegenthese,
ebenso platt und nicht minder plakativ, verortet die Schuld allein in Afrika.
Danach treiben unfähige Regierungen, korrupte Politiker, faule Eliten,
marodierende Mörderbanden, Seuchen und Naturkatastrophen die jungen und
starken Menschen ins Ausland. Schlepperbanden öffnen ihnen verbotene Wege,
zurück bleiben schwache, ausgemergelte Gesellschaften, oft gepeinigt von
alten Despoten, unfähig zu Reformen. Afrika, lautet diese These, begeht
Selbstmord.
Falsch sind beide Behauptungen – und doch steckt in ihnen ein richtiger
Kern. Afrikas Elend und das Schicksal der Flüchtlinge haben viele Gründe
und viele Schuldige, sowohl in Europa als auch in Afrika. Genau das macht die
Situation so kompliziert – und fast unlösbar. In vielen Ländern
Afrikas (nicht in allen!) herrschen tatsächlich korrupte Eliten, toben
Bürgerkriege zwischen verfeindeten Clans und Söldnertruppen. Viele
Landstriche können die wachsende Bevölkerung nicht mehr ernähren.
Kein Wunder also, dass Familien ihre Söhne in der Hoffnung auf ein bisschen
Geld für die Zurückgebliebenen in die Tomatenfelder Spaniens schicken.
Wo Gesellschaften versagen, wandern die Starken aus.
Das spricht Europa nicht frei. Denn mit unserer Wirtschaftspolitik verschlimmern
wir die elende Situation. Gerade in diesen Tagen zeigt sich das in den Brüsseler
Sitzungssälen der EU beispielhaft. Wie die Union dort auf Druck der Welthandelsorganisation
ihre Zuckerberge abbauen und die überkommene Marktordnung reformieren will
und dabei die Sorgen der Afrikaner einfach überhört, ist gespenstisch.
Da plant die EU Entschädigung für ihre Bauern, wenn die künftig
weniger Zucker billiger produzieren müssen. Die Afrikaner aber sollen den
Verfall der Garantiepreise, an die auch sie sich gewöhnt haben, fast ohne
Hilfe bewältigen. So sieht es derzeit zumindest das EU-Parlament vor, und
viele EU-Regierungen wollen die Reform im November so beschließen. Dass
dann das Elend in manchen Ländern Afrikas quasi über Nacht explodieren
wird, findet in Brüssel bislang kaum Gehör. Und wer protestiert?
Das ist nur ein Beispiel, es gibt davon leider viele. Europa fischt die Meere
Senegals und Guineas leer und überweist den Regierungen dafür ein
Handgeld. Wir in Europa verbauen mit allerlei Tricks anderen den Zugang zu unseren
Märkten, gerade hat die Weltbank das wieder belegt. Wir überschwemmen
Afrikas Märkte mit subventionierten Billiglebensmitteln, der streitbare
Aktivist Jean Ziegler beschreibt drastisch, wie in Dakar europäisches Obst
zu einem Drittel des afrikanischen Preises verkauft wird. Doch unsere Ignoranz
beschränkt sich bei weitem nicht aufs Ökonomische: Wenn Afrikaner
unter ihren Diktatoren leiden, schaut Europa immer noch gern weg. Zugleich schotten
wir uns ab und lassen den Menschen keine Chance, ihrem Elend legal durch Auswanderung
zu entgehen. Die Europäer hatten in vergangenen Jahrhunderten größere
Möglichkeiten und machten sich auf den Weg nach Amerika.
Sicher, Europa kann nicht alle Beladenen dieser Erde aufnehmen. Sicher wird
es auch keine schnelle Lösung für die Probleme unseres benachbarten
Kontinents geben – immerhin erkennt die Afrika-Strategie, die EU-Kommissar
Louis Michel dieser Tage vorstellt, das an und präsentiert eine Reihe sinnvoller
regionaler Projekte. Doch das reicht nicht. Eine faire Zuckermarktreform im
November, ein bisschen besserer Wille bei der Agrarpolitik, echte Zugeständnisse
bei der Welthandelsrunde in Hongkong und eine gemeinsame europäische Einwanderungspolitik,
die sich um mehr als nur Abschiebelager im In- und Ausland kümmert, müssen
hinzukommen. Der Vorwurf der Beihilfe zum Elend lässt sich sonst nicht
entkräften.
Petra Pinzler
Amnesty
International Jahresbericht 2005
Berichtszeitraum 1. Januar bis 31. Dezember 2004
SENEGAL
Amtliche Bezeichnung:
Republik Senegal
Staatsoberhaupt: Abdoulaye Wade
Regierungschef: Macky Sall (löste im April Idrissa Seck ab)
Todesstrafe: für alle Straftaten abgeschafft
Statut des Internationalen Strafgerichtshofs: ratifiziert
UN-Frauenrechtskonvention und Zusatzprotokoll: ratifiziert
In der Region Casamance war ein deutlicher Rückgang bewaffneter Auseinandersetzungen
zu verzeichnen. Im Dezember wurde ein Abkommen zur definitiven Beilegung des
Konflikts unterzeichnet, was zur Folge hatte, dass Flüchtlinge und intern
Vertriebene begannen, in ihre Heimatorte zurückzukehren. Außerdem
wurden Anstrengungen unternommen, die zerstörte Infrastruktur der Region
wiederaufzubauen. Gruppen der Zivilgesellschaft protestierten öffentlich
gegen die Festnahme von Journalisten und politischen Widersachern der Regierung.
Im Dezember wurde im Senegal die Todesstrafe abgeschafft.
Hintergrundinformationen
Staatschef Abdoulaye Wade sperrte sich gegen Bemühungen von Ministerpräsident
Idrissa Seck, die Regierung auf eine breitere politische Basis zu stellen, und
ernannte im April Macky Sall zu dessen Nachfolger. Der neuen Regierung gehörte
mit Djibo Leity Kâ der Vorsitzende der oppositionellen Union für
Erneuerung und Demokratie (Union pour le renouveau démocratique –
URD) an.
Wiederaufbau in Casamance
In der Region Casamance war ein deutlicher Rückgang bewaffneter Zusammenstöße
zwischen den Sicherheitskräften und Mitgliedern der Bewegung der Demokratischen
Kräfte von Casamance (Mouvement des forces démocratiques de Casamance
– MFDC) zu verzeichnen, einer bewaffneten Oppositionsgruppe, die für
die Unabhängigkeit der Region eintritt. Im September verpflichtete sich
zudem der bewaffnete Flügel der MFDC öffentlich, keine weiteren Anschläge
auf Zivilisten mehr zu verüben. Durch diese Entwicklungen ermutigt, begannen
Flüchtlinge und intern Vertriebene, in ihre Heimatorte zurückzukehren.
Außerdem wurden beträchtliche Anstrengungen darauf verwandt, Landminen
zu entfernen, zerstörte Häuser wiederaufzubauen und die am Boden liegende
Wirtschaft wiederzubeleben.
Verhandlungen über die Umsetzung des 2001 zwischen Regierung und MFDC geschlossenen
Friedensabkommens verliefen gleichwohl eher zäh, Berichten zufolge aufgrund
von Flügelkämpfen innerhalb der MFDC. Zwischen Pater Augustin Diamacoune
Senghor, dem langjährigen Anführer der Organisation, und MFDC-Generalsekretär
Jean-Marie Biagui entspann sich ein zunehmend erbittertes Ringen um die Macht.
Im September bestätigte eine außerordentliche Generalversammlung
der MFDC Jean-Marie Biagui im Amt, der sich wenig später dafür aussprach,
die MFDC unter dem Namen Bewegung für Föderalismus und Verfassungsdemokratie
(Mouvement pour le fédéralisme et la démocratie constitutionnelle
– MFDC) als politische Partei zu etablieren. Im Dezember unterzeichneten
die senegalesischen Behörden und Pater Diamacoune in Ziguanchor, der größten
Stadt von Casamance, in einem offiziellen Akt ein Abkommen zur definitiven Beilegung
des Konflikts.
Bedrohung des Rechts auf freie Meinungsäußerung
Wie schon in den Vorjahren wurden Journalisten und politische Widersacher der
Regierung in dem offenkundigen Versuch drangsaliert und eingeschüchtert,
das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken.
Im Januar nahm die Kriminalpolizei Mamadou Lamine Diop, den Sprecher der Reformpartei
(Partie de la réforme), für mehrere Stunden zu Verhörzwecken
in Gewahrsam, nachdem er in einem Radiointerview Kritik an Staatspräsident
Wade geäußert hatte.
Madiambal Diagne von der Tageszeitung Le Quotidien wurde im Juli unter der Anklage
verhaftet, »der Geheimhaltung unterliegende Dokumente und Korrespondenz,
falsche Informationen sowie gravierende politische Probleme provozierende Nachrichten
veröffentlicht zu haben«. Die Festnahme des Journalisten löste
bei Menschenrechtsorganisationen massive Proteste aus. Sie warfen den Behörden
vor, der Presse einen Maulkorb anlegen zu wollen. Auch der überwiegende
Teil der in Privatbesitz befindlichen Tageszeitungen Senegals schloss sich den
Protesten an. Madiambal Diagne wurde nach zwei Wochen Haft vorläufig wieder
auf freien Fuß gesetzt, weitere rechtliche Schritte schienen gegen ihn
bis Ende des Berichtsjahres nicht eingeleitet worden zu sein.
Straflosigkeit in Casamance
Die Behörden ergriffen keinerlei Maßnahmen, um die in Casamance von
den Sicherheitskräften verübten schweren Menschenrechtsverletzungen
aufzuklären oder die Täter vor Gericht zu stellen. Mit ihrer Untätigkeit
zementierten sie die seit Jahren vorherrschende Straflosigkeit in der Region.
Im Juni verkündete die Regierung zudem eine Generalamnestie für MFDC-Mitglieder
und schuf damit weitere Barrieren, die die strafrechtliche Verfolgung der für
eklatante Menschenrechtsverstöße Verantwortlichen behinderten.
Abschaffung der Todesstrafe
Im Juli stimmte der Ministerrat einem von Präsident Wade vorgelegten Gesetzentwurf
zur Abschaffung der Todesstrafe ohne Gegenstimmen zu. Das Parlament verabschiedete
den Entwurf im Dezember ebenfalls mit großer Mehrheit.
In der Folge kündigte der Justizminister an, dass er die Umwandlung von
vier anhängigen Todesurteilen beantragen werde. Drei davon waren vom Strafgericht
in Dakar wegen Raubüberfalls mit Todesfolge verhängt worden.