taz 30.4.2005
Die Bewegung der Jugend
Von Dakar bis Daressalam floriert die afrikanische HipHop-Szene. Bis nach Europa dringt von dieser Entwicklung aber kaum etwas vor
Von THOMAS WINKLER
Rap ist wieder zu Hause. Wieder dort angekommen, wo alles begann. Dort, wo der Legende nach der erste, namenlose Griot seine Geschichten im Rhythmus erzählte, unterstützt nur von ein paar Trommeln. Dort, wo irgendwann einmal der mit der schnellsten Zunge eine Auseinandersetzung für sich entschied. In Afrika hat HipHop, über den Umweg Amerika, wieder eine Heimat gefunden.

Allein in Daressalam, der tansanischen Küstenmetropole in Südostafrika, soll es 2.000 HipHop-Acts geben, in Dakar, der Kapitale des Senegal in Nordwestafrika, angeblich sogar mehr als 8.000. Quer über den Kontinent werden alle verfügbaren HipHop-Moden adaptiert, von Elefantenhosen bis zu den tief in die Stirn gezogenen Strickmützen, und die lokalen HipHop-Varianten zudem um lokale Einflüssen aus Folklore und traditionellen Musiken erweitert. Doch so verschieden die Kulturen, politischen Regime, Religionen und Sprachen der einzelnen Ländern Afrikas, so unterschiedlich sind auch die einzelnen HipHop-Szenen des Kontinents.

Gerappt wird mal in afrikanischen Sprachen und lokalen Dialekten, mal in den jeweiligen Amtssprachen Französisch oder Englisch, in Südafrika sogar im Burenidiom Afrikaans. Fast immer geht es um Themen, die vor Ort virulent sind: Armut und Hunger, Kriminalität und ethnische Konflikte, den Einfluss der Religionen und natürlich die in den meisten Ländern grassierende Korruption. Aber wenn es einen kleinsten gemeinsamen Nenner gibt, dann ist es die Beschäftigung mit der "afrikanischen Seuche" Aids und ihren Voraussetzungen wie Prostitution, sexuelle Gewalt und Beschneidungen. Und die Rapper wissen meist, wovon sie sprechen: So wie die Street Boys in Tansania, die im Reimstakkato über ihr Leben als obdachlose Straßenkinder rappen.

In vielen afrikanischen Ländern bietet Rap der jüngeren Generation erstmals eine eigene Stimme. In Ländern wie dem Senegal mögen 80 Prozent der Bevölkerung noch keine 30 Jahre alt sein, doch Kultur und Alltagsleben werden immer noch von Stammesältesten und Priestern dominiert. Selbst gottgleich verehrte Künstler wie Youssou N'Dour wagen es so gut wie nie, die traditionellen Autoritäten zu kritisieren. Indem Rapper zusehends die traditionellen Mächte und die Regierungen provozieren, hat HipHop mancherorts eine gesellschaftliche Relevanz erreicht, die in Europa unvorstellbar wäre. Im Senegal sollen nicht zuletzt die Rapper entscheidend dazu beigetragen haben, dass im Jahr 2000 der amtierende Präsident Abdou Diouf die ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes verlor.

Weil die Zielgruppe meist jung ist und in ärmlichen Verhältnissen lebt, schlägt sich dieser Einfluss allerdings kaum in Verkaufszahlen nieder. Lang gediente Genres wie Highlife in Ghana, Gospel in Südafrika oder Mbalax im Senegal und in Gambia verkaufen immer noch ein Vielfaches im Vergleich zum HipHop - auch, weil die Radiofrequenzen in vielen Ländern von Regierungen oder Staatskonzernen kontrolliert werden, die kein Interesse an einer allzu kritischen Haltung haben.

Die allgegenwärtigen Musikkassetten, die sich in kleinen Läden bis zur Decke stapelten oder direkt aus dem Kofferraum heraus verkauft wurden, werden in vielen Ländern zusehends durch die CD verdrängt. Die Ansprüche an die Soundqualität werden dadurch allerdings größer, die eh schon sehr teuren Studios unbezahlbar und die Position der Produzenten und Label-Inhaber noch absoluter. Bis also die Konsumenten in Afrika flächendeckend mit CD-Playern ausgerüstet sind, produzieren lokale Rap-Acts weiter Kassetten.

Etablierte Gruppen wie Positive Black Soul, Pee Froiss und Daara J, die Gründungsväter des senegalesischen HipHop, haben es immerhin schon geschafft, in Europa veröffentlicht zu werden und dort auf Tournee zu gehen. Dafür verlieren sie in ihren Heimatländern an Bedeutung, wo immer neue Gruppen auf den Markt drängen.

Hierzulande kommt davon allerdings kaum etwas an. Vor vier Jahren stellte der Journalist Jay Rutledge die Compilation "Africa Raps" (Trikont) 2001 zusammen, die sich seitdem solide 10.000-mal verkauft hat. Doch das ist die Ausnahme: Andere Veröffentlichungen mussten sich meist mit Stückzahlen begnügen, die selten vierstellige Dimensionen erreichten. Vor kurzem hat Rutledge mit OutHere ein eigenes Label gegründet, doch das bedeutet eher ehrenamtliche Arbeit als Verdienstmöglichkeit. Im vergangenen Jahr erschien dort die Compilation "Bongo Flava" mit Rap aus Tansania erschien, sowie CDs des senegalesischen Frauentrios Alif und den X Plastaz aus Tansania. Damit sind hierzulande nun immerhin einige Acts nicht mehr allein über Compilations erhältlich. Denn auch im Internet sind bislang noch keine vertrauenswürdigen Verkaufsplattformen in Sicht, die einen halbwegs umfassenden Überblick bieten würden.

Der Grund dafür ist einfach: Es gibt kaum ein Land auf dem Globus, in dem nicht amerikanischer HipHop gehört wird; ein erstaunliche Erfolgsgeschichte. Aber es gibt auch kaum ein Land, in dem nicht auch in der eigenen Landessprache gerappt wird: Das senkt das Interesse und den Bedarf an Rap-Exporten aus dem Ausland, deren Idiom man nicht versteht. Selbst etablierte Rap-Stars aus Frankreich schaffen es kaum über die Grenze, und deren Produktionen haben immerhin den richtigen Feinschliff. Und das ethnologische und exotische Interesse der ersten Welt an der dritten, auf die sich der Weltmusikmarkt nicht zuletzt gründet, befriedigen traditionell geprägte Klänge weitaus besser.

Eine Chance auf Erfolg in Europa haben afrikanische HipHop-Gruppen deshalb nur, wenn bei ihnen, wie bei den X Plastaz aus Tansania, ein original Maasaikrieger mit traditionellen Gesängen und Gewändern die Bühnenpräsenz belebt. Die allermeisten jungen afrikanischen Rapper aber wollen als Rapper wahrgenommen werden und nicht als Abgesandte einer exotischen Kultur. So wird der Sprechgesang, nachdem er angekommen ist in seiner alten Heimat, auf seinen zweiten Export in den Rest der Welt womöglich noch weiter warten müssen.
Bongo Flava: "Swahili Rap from Tansania". X Plastaz: "Maasai HipHop". Alif: "Dakamarap" (alle: outhere records)
taz Nr. 7653 vom 30.4.2005, Seite 11, 207 Zeilen (TAZ-Bericht), Von THOMAS WINKLER

 

Le Soleil 30.6.
Louga - Scolarisation : 80 % des filles de l’école de Mbayebé sont mariées
L’école de Mbayebé risque d’être, rayée de la carte scolaire à cause des abandons. Le phénomène est plus accentué chez les filles qui sont ainsi données en mariage.

Le combat pour le maintien des filles à l’école est loin d’être gagné dans le département de Louga. L’école élémentaire de Mbayebé dans la communauté rurale de Gandé en est une illustration. En effet, 80 % des filles de cet établissement sont actuellement mariées, et risquent de déserter les classes avant la fin de leur cursus. Une bataille est alors engagée depuis deux ans par le responsable de l’école dans le but de maintenir les filles à l’école créée seulement en 2003, a averti le responsable Mamadou Lamine Bandian.

Une situation qui préoccupe plus d’un. En effet sur un effectif total de treize élèves en classe Cp dont neuf filles, les sept âgées seulement entre sept et dix ans ont un mari. Sur les trois cas d’abandons enregistrés les deux trouvent leur origine des mariages précoces. «Cette situation découle de la tradition et de la sociologie peulh qui font que les jeunes filles sont mariées à bas âge», explique Penda Bâ parent d’élèves. Dans ce village peulh de Mbayebé situé à un km au Nord du chef-lieu de la communauté rurale de Gandé et qui polarise quelques 400 habitants, les mariages précoces constituent toujours une contrainte majeure à la scolarisation des enfants. C’est pourquoi M. Bandian avec l’appui de l’Ape et la cellule pédagogique, initie des actions de sensibilisation envers les parents pour les convaincre de changer de comportement et de mentalité.
<< C’est une situation qui n’est pas facile parce qu’il y a beaucoup d’obstacles, malgré les actions déjà entreprises. Mais nous n’allons pas baisser les bras, car avec des initiatives notamment des cérémonies de récompenses des meilleurs élèves, nous essayons d’amener les parents à soutenir et adhérer aux idéaux de l’école >>, poursuit-il. Parmi les autres facteurs bloquants, on peut citer la transhumance qui entraîne beaucoup de cas d’abandons. L’école qui est un abri provisoire souffre de beaucoup de maux : manque de tables bancs, et d’eau, absence de fournitures pour les élèves etc. Le responsable de l’école a pris plusieurs initiatives et cela commence à produire des effets. OUSMANE MBENGUE

Louga – Schulbesuch: 80 % der Schülerinnen der Mbayebé-Grundschule sind verheiratet

Die Schule in Mbayebé läuft Gefahr, wegen der vielen Abgänger von der Schullandkarte gestrichen zu werden. Das Phänomen ist deutlicher bei den Mädchen, die nämlich früh verheiratet werden.

Der Kampf für den Verbleib der Mädchen in der Schule ist bei weitem nicht gewonnen im Departement Louga. Die Grundschule von Mbayebé in der Landgemeinde Gandé ist dafür ein Beispiel. 80% der Mädchen dieser Anstalt sind zur Zeit verheiratet und werden wahrscheinlich vor Abschluss ihrer Schullaufbahn die Klassen endgültig verlassen.
Seit zwei Jahren bemüht sich der Schulleiter Mamadou Lamine Bandian in diesem Kampf um den Verbleib der Mädchen an der Schule, die erst 2003 gegründet wurde.
Eine Situation, die viele beunruhigt. Denn bei einer Schülerzahl von 13 Schülern pro Klasse, davon neun Mädchen, haben die sieben älteren – zwischen sieben und zehn Jahre alt – einen Ehemann. Von drei festgestellten Schulabgängen haben zwei ihre Ursache in frühen Heiraten. "Diese Situation rührt aus der Tradition der Peulh-Gesellschaft, in der die Mädchen schon in jungen Jahren verheiratet werden", erläutert Penda Ba, selbst Mutter von Schülern.

Im Peulh-Dorf Mbayebé mit seinen etwa 400 Einwohnern, ein Kilometer nördlich des Hauptortes der Landgemeinde Gande, stellen die frühen Heiraten immer noch die wichtigste Beschränkung für den Schulbesuch der Kinder dar. Deshalb initiiert M. Bandian mit der Unterstützung von APE und der Pädagogengruppe Sensibilisierungsaktionen für die Eltern, um einen Wandel der Einstellungen und des Verhaltens zu bewirken. "Die Situation ist nicht einfach, es gibt noch viele Hindernisse, obwohl die Aktionen schon andauern. Aber wir lassen die Arme nicht hängen; so versuchen wir mit unseren Initiativen, vor allem den feierlichen Auszeichnungen der besten Schüler, die Eltern dazu zu bringen, den Sinn der schulischen Bildung einzusehen und zu unterstützen", fährt er fort. Unter andern hemmenden Faktoren kann man die Transhumance hervorheben, die viele Fälle von Schulabbruch nach sich zieht. Die Schule, die eine provisorische Unterkunft ist, leidet an vielen Übeln: fehlende Schulbänke, fehlendes Wasser, mangelnde Ausrüstung der Schüler etc.
Der Schulleiter hat verschiedene Initiativen eingeleitet, und die beginnen Wirkung zu zeigen.

Ousmane Bengue (dt R. Lienemann)                          http://216.40.244.194/article.php3?id_article=456

Fatou Diome erhält den achtzehnten LiBeraturpreis

Der LiBeraturpreis des Jahres 2005 geht an Fatou Diome aus dem Senegal. Die Autorin wird für ihr Buch „Der Bauch des Ozeans“ ( Originaltitel: Le ventre de l´Atlantique ) ausgezeichnet. Das Buch erschien 2004 im Diogenes Verlag, Zürich und wurde von Brigitte Grosse übersetzt.

Fatou Diome wurde 1968 in dem senegalesischen Fischerdorf Niodior geboren. Seit zehn Jahren lebt sie in Straßburg. Sie studierte Literaturwissenschaften und unterrichtet heute an der Universität Straßburg. Der ausgezeichnete Roman „Der Bauch des Ozeans“ ist ihr erster in die deutsche Sprache übertragener Roman.

Das Buch erzählt von einigen der Schwierigkeiten in der jetzigen Beziehung zwischen Afrika und Europa und stellt die Realität des Emigranten-Alltages in Frankreich den Hoffnungen der „Daheimgebliebenen“ im Senegal gegenüber.

Die Jury begründet ihre Entscheidung für das Buch von Frau Diome damit, dass es der Autorin gelungen sei, mit viel spielerischem Witz ,aber großer Genauigkeit ein so komplexes Thema auf unterhaltsame Weise zu präsentieren. Locker geschrieben, voller Weisheiten und Verweise auf die westafrikanische Erzähltradition, verflechte Fatou Diome disparate Handlungsstränge, in denen das Thema Fußball eine wichtige Rolle spielt. Fluchtpunkt der Erzählung ist eine kleine Insel im Atlantik vor Senegal. Es wird u.A. erzählt, wie dort die Nachrichten über die grandiose Vorstellung Senegals bei der WM 2002 im weit entfernten Korea/Japan rezipiert werden, Spiele, die darin gipfelten, dass die Senegalesischen „Löwen“ die „Hähne“ Frankreichs und damit die ehemaligen Kolonialherren auf dem Spielfeld bezwangen.

Mit der Ehrung von Fatou Diome wird der LiBeraturpreis zum achtzehnten Mal vergeben. Der Preis, der von Leserinnen und Lesern vergeben wird, und auf Schriftstellerinnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika aufmerksam machen möchte, ist mit einem symbolischen Preisgeld von 500 € dotiert. Verbunden mit der Auszeichnung ist eine Einladung zur Frankfurter Buchmesse. Die Preisverleihung wird am 16. Oktober stattfinden. Frankfurt am Main, den 12.Juli 2005, Ingeborg Kaestner (1.Vorsitzende)

Begründung der Jury

Beachtlich fand die Jury, mit welch spielerischem Witz aber großer Genauigkeit Diome einen Roman geschrieben hat, der ein komplexes Thema auf unterhaltsame Weise präsentiert. „Der Bauch des Ozeans“ erzählt von einigen der Schwierigkeiten in der jetzigen Beziehung zwischen Afrika und Europa und stellt die Realitäten des Emigranten-Alltages in Frankreich den Hoffnungen der „Daheimgebliebenen“ in Senegal gegenüber. Locker geschrieben, voller Weisheiten und Verweise auf die westafrikanische Erzähltradition, verflechtet Diome disparate Handlungsstränge in denen das Thema Fußball mit der Rolle einer im Urlaub nach Hause gekehrten Emigrantin in einer teilweise von Schamanen und dem Islam geprägten Welt aufeinander treffen. Wir erleben hautnah die Fallen der Emigration (postkoloniale Ausbeutung) sowie die des Tourismus, und als Subtext läuft im Hintergrund dauernd der Fernseher, symbolisch für die Funktion der Medien in der globalisierten Welt. Konsequenterweise zielt diese Reflektion über die Globalisierung der Nachrichten auf den Sport (wie treffend im WM-Vorjahr): denn Fluchtpunkt der Erzählung ist eine kleine Insel im Atlantik vor Senegal, es wird erzählt wie dort die Nachrichten über die grandiose Vorstellung Senegals bei der WM 2002 im weit entfernten Korea/Japan rezipiert werden, Spiele die darin gipfelten, dass die Senegalesischen „Löwen“, die Hähne Frankreichs und damit die ehemaligen Kolonialherren auf dem Spielfeld bezwangen.                Dr. Jeremy Gaines          Frankfurt, im Juli 2005
http://www.liberaturpreis.org/aktuell/diome.htm

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FR 28.9.2005
Sanft und solidarisch
Die Natrufreunde Internationale ist tatsächlich international geworden und engagiert sich in Afrika

Frankfurter Rundschau:
Herbert Brückner,wir sind hier in Westafrika, in Senegal, und wenn man die Naturfreunde von ihrer Gründungsgeschichte her betrachtet, als Freizeitorganisation der europäischen Arbeiterbewegung, wundert man sich doch, hier nun ein großes Naturfreundehaus und Umweltbildungs-zentrum vorzufinden.Wie kommt es, dass die Naturfreunde seit knapp zwei Jahren in Afrika aktiv sind und mehr und mehr auch in Osteuropa?

Herbert Brückner:
Unsere Mütter und Väter hätten sich das nicht träumen lassen, dass wir je irgendwann inAfrika sind und dass es hier Naturfreunde gibt. Wir waren ja ursprünglich, obwohl von Anfang an international, auf europäische Städte begrenzt; wohin die Wandergesellen und die Handwerksburschen die Naturfreunde-Idee von Wien aus weiter getragen haben.
Zunächst nach München und Zürich und dann in fast alle europäischen Länder – bedingt durch die Donaumonarchie sogar auch nach Ungarn, Tschechien und teilweise nach Polen. Die Naturfreunde waren dann während der Nazi-Zeit verboten und ihre Neu- oder Wiedergründung 1951 war zunächst nur in den westlichen Ländern Europas möglich und deshalb konzentrierten sich die Aktivitäten auf die westeuropäischen Länder.

Aber was war denn dann der Ausgangspunkt für Afrika?
Der Ausgangspunkt bis nach Afrika zu gehen war vermutlich das Internet. Weil immer mehr Organisationen und Gruppen aus vielen Ländern d er Welt, au s Asien, aus Afrika, aus Südamerika uns angefragt haben,
was macht ihr denn? Können wir bei euch Partner oder Mitglied werden? Bedingt durch diese Anfragen haben einzelne Naturfreunde-
Organisationen aus Westeuropa – insbesondere die französischen Naturfreunde– Kontakt mit afrikanischen Ländern aufgenommen, in denen solche Gruppen bestanden, und daraus hat sich dann innerhalb weniger Jahre eine sehr rasante Entwicklung ergeben. Hier in Senegal zum Beispiel gibt
es den Landesverband Asan (Association Sénégalaise des Amis de la Nature, die Red.), der seriös arbeitet und in zwei Jahrzehnten aufgebaut wurde; überdies 4000 Mitglieder hat, eine organisierte Gruppenarbeit besonders in Schulen vorweisen kann, eine große Baumschule hat und im
Lande angesehen und bekannt ist. In Kooperation mit unseren Freunden von Asan ist dann eben die Idee entstanden, das, was wir sanften Tourismus oder ökologischen Tourismus nennen, auch in Afrika zu praktizieren.
„Zu Gast in Senegal“ heißt das zweiwöchige Programm, das nun von zahlreichen Ortsgruppen aus Frankreich, Belgien, Österreich,
der Schweiz und Deutschland wahrgenommen wird. Wir wollen damit ein praktisches Beispiel geben für das, was in unserer Satzung steht: Solidarität unter den Menschen und Solidarität mit der Mitwelt.

Hat es Sie als Präsidenten der Naturfreunden Internationale überrascht – hat es uns zu überraschen –, dass hier in Senegal
seit über 20 Jahren Umweltbewegungen vorhanden sind, die sehr stark an den Zielen der Naturfreunde orientiert sind?

Ja, es hat uns überrascht,weil wir uns in den Jahrzehnten davor sehr viel stärker mit uns in Westeuropa beschäftigt haben und nicht
mit ferneren Ländern, in denen die gleiche Problematik herrschte und herrscht. Wenn wir von grenzenlosen Umweltzerstörungen gesprochen haben, meinten wir eigentlich die Grenzen in Europa und erst im Lauf der Jahre, bedingt durch Rio und die Überlegungen zu einer nachhaltigen Entwicklung, ist dann dieser weltweite Aspekt entstanden. Eigentlich hätte es uns nicht überraschen dürfen.
Dann allerdings ist es so schnell über uns gekommen, dass wir gerade erst dabei sind, es als Selbstverständlichkeit zu erkennen, dass Mitglieder aus Afrika– in den kommenden Jahren neben Senegal wahrscheinlich auch Togo und Marokko und andere Länder –, auf unseren Kongressen genauso vertreten sein werden wie weißhäutige Mitglieder aus Frankreich, Deutschland oder Österreich. Das ist in der Tat noch gewöhnungsbedürftig, aber es hat nicht nur den Horizont, sondern auch die praktische Arbeit der Naturfreunde verändert.

Wie zum Beispiel?
Dieses Aha-Moment, das damit verbunden war, führt jetzt dazu, dass in vielen Ortsgruppen und Landesverbänden eine direkte Kontaktaufnahme mit diesen Ländern entsteht.
Etwa durch Schulpartnerschaften, Ortsgruppen-Partnerschaften und Projekte, wie zum Beispiel die Finanzierung einer dörflichen
Hirse-Mühle. Von diesen Kontakten, via Internet und in der Praxis, lernen wir auf beiden Seiten.

Das scheint ja auf eine direkte entwicklungspolitische Zusammenarbeit zu zielen. Ist denn die Naturfreunde Internationale dafür schon fit?
Nun, wir sind im 110. Jahr und haben die letzte Evaluation unserer Arbeit vor etwa zehn Jahren gemacht und sind jetzt wieder in einem solchen Prozess der Überlegung, was sind die Zukunftsaufgaben der Naturfreunde?
Mit Sicherheit werden sich die Schwerpunkte erneut verändern. Es wird sich zeigen, dass das, was wir herkömmlich Entwicklungspolitik nennen – „Partnerschaft in der Einen Welt“ wäre vielleicht ein besserer Begriff –, ein Schwerpunkt der Zukunft sein wird. Wir werden dabei nicht mit Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit konkurrieren, sondern mit ihnen und mit Umweltorganisationen zusammenarbeiten.
Umwelt und Entwicklung gehören nämlich zusammen. Bis wir bei den Naturfreunden entwicklungspolitisch fit sind, wie andere Organisationen, die professionell arbeiten, werden wir wohl ein Jahrzehnt brauchen– so wie wir ein Jahrzehnt gebraucht haben um fit zu sein im sanften Tourismus.
Könnten Sie das konkretisieren? Welche Fragestellungen stehen dabei im Vordergrund?
Gut, die Fragestellungen sind natürlich an den Grundaufgaben der Naturfreunde-Bewegung orientiert: Wir wollen eine Gesellschaft, in der Gerechtigkeit und Frieden und der Schutz der Umwelt gewahrt sind. Konkret heißt das zum Beispiel: Die Mitglieder von Asan kämpfen hier in Senegal mit ihrer selbst aufgebauten Baumschule gegen die Wüstenbildung an und gegen die um sich greifende Abholzung. Dabei wollen wir ihnen helfen.
Der Landesverband von Württemberg beispielsweise unterstützt diesen Kampf mit einer Ökostrom-Kampagne: Für jeden Kunden, der beim Strombezug auf alternative Energien umsteigt, werden fünf Euro für Baumpflanzungen in Senegal gespendet.
Das ist Partnerschaft in der Einen Welt. Außerdem will die Naturfreundejugend Bremen ein Workcamp in Senegal veranstalten
und dabei selbst Bäume pflanzen. Was sich dann noch entwickelt, aus den einzelnen Schulen- und Städtepartnerschaften heraus, bleibt den Ortsgruppen überlassen, die seit jeher eigene Schwerpunkte setzen.

Nun haben wir ja, wenn wir an Europa denken, unsere eigenen Entwicklungsregionen, in Osteuropa zum Beispiel.
Und auch dort gibt es neue Aktivitäten und Anforderungen an die Naturfreunde. Welche Aufgaben stehen in den osteuropäischen
Ländern an – über Tschechien, Ungarn und Polen hinaus?

In diesen Ländern haben wir teilweise schon bestehende Organisationen, die professionell arbeiten. Hier geht es mehr darum, die Umweltarbeit und insbesondere den präventiven Umweltschutz zu entwickeln und zu unterstützen. Es ist nämlich so, dass in den neuen Mitgliedsländern der Europäischen Union ein erheblich größerer Teil, fast der doppelte Anteil an Schutzgebieten vorhanden ist als in den alten EU-Ländern. Wenn
nach den Richtlinien der EU künftig nur zehn Prozent der Landesfläche der Mitgliedsstaaten einen Schutzcharakter haben müssen, könnten in diesen Ländern viele bereits jetzt geschützte Gebiete anders genutzt werden. Kurzum, das Potenzial an Schutzgebieten in Osteuropa ist höher als das, was die EU-Gesetze vorschreiben. Diesen Gedanken wollen wir mit unseren Mitgliedsverbänden weiter entwickeln und dazu beitragen, dass auf Schutzgebiete ein Schwerpunkt der Arbeit gelegt wird. Beispielhaft soll das getan werden, wenn wir 2007/2008 die Donau und das Donaudelta zur europäische „Landschaft des Jahres“ ausrufen werden. Wir wollen versuchen, jene Länder in Europa, durch die die Donau fließt – das sind sehr viele, vom Schwarzwald bis hin zum Deltagebiet in Rumänien – gemeinsam in eine nachhaltige Entwicklung für diesen langen und schönen Fluss einzubinden. Die Aufgaben in Osteuropa sind also etwas anders gelagert als hier in Senegal. Aber wenn man beide
Schwerpunkte zusammenfasst – entwicklungspolitische Anliegen einerseits, umweltpolitische Probleme andererseits –, dann wird sich allein dadurch schon die Arbeit der Naturfreunde räumlich und regional stark verändern. Sie wird aber auch inhaltlich eine andere sein, weil sie eben diesen neuen „Eine-Welt“-Charakter bekommt.

Interview: Klaus Betz FR 28.9.2005
Herbert Brückner (67) war von 1971 bis 1989 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft und von 1975 bis 1986
Bremer Senator für Umweltschutz und Gesundheit (SPD). Nach seiner Politikerlaufbahn war der einstige Industriekaufmann, Religionspädagoge
und Diakon als Umweltbeauftragter der Bremischen Evangelischen Kirche tätig. Seit 1996 ist Brückner Präsident der Naturfreunde Internationale mit Sitz in Wien.
Die Naturfreunde Internationale (NFI) ist seit knapp zwei Jahren auch in Entwicklungsländern aktiv.


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NZZ 21.10.2005
Die neuen Verdammten dieser Erde
Ceuta und Melilla - aus afrikanischer Sicht

In seinem Klassiker «Die Verdammten dieser Erde» schilderte Frantz Fanon 1961 die unüberbrückbare Kluft, die Kolonisatoren und Kolonisierte trennt. In diesem Zeichen sieht der senegalesische Schriftsteller und Journalist Boubacar Boris Diop auch die menschenunwürdigen Szenen, die sich in Marokko in den vergangenen Wochen um die spanischen Exklaven von Ceuta und Melilla abspielten.
Am 21. Februar 2005 führte ein Beitrag in der «New York Times» den Titel «Mehr afrikanische Immigranten als zur Zeit der Sklaverei». Der Vergleich ist nicht nur - höflich ausgedrückt - befremdlich, sondern auch gefährlich. Er verstärkt das Gefühl, dass der Westen zur Auffangstation für die Misere der restlichen Welt geworden sei und dass dem ein Ende gesetzt werden müsse.
Dieser Überdruss mag die Brutalität der Vorgänge um Ceuta und Melilla erklären. Weltweit strahlten die Nachrichtensender Bilder von blutverschmierten Handschuhen aus, die im Stacheldraht hängen geblieben waren, von jungen Afrikanern, die benommen durch die Wüste stolperten, und - auch das durfte nicht fehlen - von einigen guten Seelen, die in den Auffangzentren Brot verteilten. Die Tatsache, dass beim verzweifelten Sturm auf die um die Exklaven gezogenen Sicherheitszäune - die bald auf unüberwindbare sechs Meter hochgezogen werden sollen - 16 Tote und Hunderte Verletzte zu beklagen waren, schockierte die Öffentlichkeit weniger als der unglaubliche Beschluss, die Migranten in die Wüste abzuführen und sie dort sterben zu lassen. Der Anblick aneinander geketteter junger Schwarzer weckt in Afrika unweigerlich böse Erinnerungen; freilich sollten sie diesmal nicht mit Gewalt in den Westen verschleppt, sondern vielmehr an der Reise dorthin gehindert werden.


Schutz um jeden Preis
Marokko hat diese inhumane Praxis inzwischen aufgegeben, aber der Schaden lässt sich damit nicht ungeschehen machen. Und nach wie vor schiebt man sich die Migranten von hüben nach drüben unwillig zu, als wären sie Kehricht und nicht menschliche Wesen. Die beiden grossen Ängste des Nordens - Terrorismus und Immigration - haben zu Reflexen geführt, die den Anschein vermitteln, als wäre der Schutz der «Festung Europa» wichtiger geworden als derjenige der Menschenrechte, auf die sich die europäische Tradition so viel zugute hält.
Die jüngsten Bilder von der spanisch-marokkanischen Binnengrenze wie auch die immer wiederkehrenden Berichte von kaum seetüchtigen Booten, die - wenn sie nicht bei der Überfahrt kentern - ihre menschliche Fracht an den Ufern von Lampedusa, Malta oder Zypern deponieren, lassen den Eindruck entstehen, dass das friedliche und wohlhabende Europa einem wahren Ansturm von Schwarzafrikanern ausgesetzt sei. Dabei sollte aber nicht vergessen gehen, dass sich unter den unseligen boat people Vertreter fast aller armen Nationen Asiens und Afrikas finden; und dass bis vor kurzem vor allem Nordafrikaner den Zugang ins verbotene Paradies von Ceuta und Melilla suchten.
In Anbetracht dieses Umstands ist es besonders pikant, dass nun Marokko und Algerien, Libyen und Mauretanien damit betraut werden sollen, die afrikanischen Migranten von Europa fernzuhalten. Dem libyschen Staatschef Ghadhafi sieht man aufgrund entsprechenden Wohlverhaltens plötzlich die Repression nach, die er im eigenen Land praktiziert; und Marokko lässt sich mit 40 Millionen Euro dafür entschädigen, dass es die wenig ehrenhafte Rolle des Rausschmeissers übernimmt. Auf längere Sicht könnte aus dieser künstlich geschaffenen Gegnerschaft zwischen Maghrebinern und Schwarzafrikanern, überlagert noch vom entlang ähnlicher ethnischer Grenzen verlaufenden Konflikt in Darfur, ein gefährliches innerafrikanisches Spannungsfeld resultieren.
Abgesehen von diesem Risiko fragt sich auch, ob die sich abzeichnenden Panikreaktionen überhaupt gerechtfertigt sind. Die Statistiken über die Versuche illegaler Grenzübertritte weisen nämlich nicht auf eine drohende Invasion Europas via Sahara und Mittelmeer hin, sondern verzeichnen vielmehr sinkende Zahlen: In Spanien registrierte man heuer 12 000 Versuche gegenüber 55 000 im Vorjahr, in Italien 3000 gegenüber 6350.

Warum?
Man kommt anderseits auch nicht um die Frage herum, warum junge Afrikaner - nicht selten gerade die mit höherer Bildung - ihr Leben für die schiere Möglichkeit, nach Europa zu gelangen, aufs Spiel setzen; warum sie sich mit Steinen und Fäusten gegen schwer bewaffnete Soldaten stellen oder sich einem überfrachteten Kahn anvertrauen, um dann mit aller Wahrscheinlichkeit in einem inferioren Job und elenden Lebensverhältnissen zu landen. Das Schauspiel dieser erbärmlichen Exil-Kandidaten, wie Schlachtvieh bereit, ihr Schicksal auf sich zu nehmen, hat am meisten geschmerzt. Als Afrikaner empfand man bei ihrem Anblick Scham und - es sei zugegeben - eine dumpfe Wut. Wenn man schon bereit ist, sein Leben zu opfern, um die Heimat zu verlassen: warum dann nicht besser diesen Opfermut in den Dienst der Heimat stellen, sein Leben dort investieren, zumindest im Interesse der künftigen Generationen? Das zu verstehen, fällt schwer.
Es sind denn auch nicht allein die Verlockungen Europas, welche die tödliche Entschlossenheit der jungen Migranten erklären; eher verhält es sich so, dass sie in eine Falle geraten sind. Wenn einer von ihnen am Fuss des Stacheldrahtzauns von Ceuta oder Melilla steht, hat er seine gesamten Ersparnisse in den Händen von Schleppern oder bestechlichen Grenzbeamten zurückgelassen. Er hat in überladenen Camions oder auch zu Fuss oft Tausende von Kilometern auf unwirtlichen Strecken zurückgelegt, hat am Zielort Monate oder gar Jahre unter Schicksalsgenossen verbracht, die in improvisierten Camps von der Hand in den Mund leben und vom Sprung nach Europa träumen. Mit jedem Tag wächst die Überzeugung, dass man es schaffen wird, weil man es schaffen muss: Wer kann einem Verzweifelten vorwerfen, dass er die Illusion hegt, nur ein paar Stacheldrähte trennten ihn und die Seinigen daheim von einem neuen Leben?
Neben der Unmöglichkeit, geschlagen und mit leeren Händen den Weg nach Hause anzutreten, spielt auch der Gruppendruck eine Rolle. Viele der jungen Männer hört man sagen: «Ich wusste nicht, was auf mich zukam - es war unerträglich, aber wann immer ich aufgeben wollte, haben mich die anderen zum Weitermachen gedrängt.» Statt die Migranten von der Warte der Privilegierten herab zu verurteilen, müsste man der Kraft dieser verzweifelten Hoffnung Rechnung tragen.

Afrika schweigt
Während sich das Augenmerk der Weltöffentlichkeit auf Ceuta und Melilla richtete, hat kein afrikanisches Staatsoberhaupt gegen die Behandlung protestiert, die seinen Landsleuten zuteil wurde; auch die Afrikanische Union hielt eine Stellungnahme für unnötig. Es ist anzunehmen, dass die Emigration von gewissen Regierungen sogar begrüsst wird: Man hat selbst weniger Mäuler zu stopfen, und die von den Migranten überwiesenen Gelder sind eine willkommene Infusion in die ausgeblutete Wirtschaft des Landes. Zudem haben die afrikanischen Politiker wohl nicht zuletzt geschwiegen, um ihre europäischen Amtsbrüder nicht zu verstimmen.
Mit solchem Zynismus auf höchster Ebene hat man in Afrika leben gelernt; bedauerlicher ist die Passivität der Zivilgesellschaft. Immerhin hat die Malierin Aminata Traoré, eine Führungsfigur in der globalisierungskritischen Bewegung Afrikas, am 14. Oktober zu einer «Marche de Dignité» aufgerufen, die sie und zehn Gesinnungsgenossinnen über Paris, Mailand und Madrid nach Brüssel führen soll. Aber dies ist ein Einzelfall; insgesamt scheint auch Afrika nicht geneigt, sich der zwischen die Grenzen Geratenen anzunehmen. Politiker wie Intellektuelle schlagen mehrheitlich einen Bogen um das Thema Ceuta und Melilla.
Doch Wegsehen nützt am Ende nichts, und auch mit strengeren administrativen Massnahmen wird der Migration kein endgültiger Riegel zu schieben sein. Einzig mit einer gezielten und langfristigen Politik, die auf die Beseitigung der Missstände in den Herkunftsländern setzt, wäre der Migrationsdruck abzubauen - und damit nicht zuletzt die Möglichkeit, dass Frustration und Verzweiflung in Schwarzafrika einen neuen Gefahrenherd auch für die europäische Gemeinschaft entstehen lassen.
Boubacar Boris Diop Aus dem Französischen von as
NZZ 21.10.2005

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DIE ZEIT 23.06.2005
Was Wahnsinn in Afrika ist
Die Geschichte der Psychiatrie in Afrika sowie Fragen nach Konzeptionen von »Wahnsinn« und »Geisteskrankheit« und dem Umgang mit psychisch Kranken in afrikanischen Gesellschaften bewegen erst seit kurzem die einschlägigen Wissenschaften. Vieles von den gegenwärtigen Diskussionen hat Hubert Fichte bereits vorweggenommen. Dies zeigt ein aufwändig gestalteter, mit grandiosen Fotografien von Leonore Mau ausgestatteter Band, der anlässlich des 70. Geburtstags des 1986 verstorbenen Schriftstellers erschienen ist. Fichte und Mau reisten in den siebziger und achtziger Jahren mehrfach nach Westafrika, besuchten Kliniken, psychiatrische Dörfer und pharmakologische Institute in Senegal und Togo und führten unter anderem lange – im Band wiedergegebene – Gespräche mit einheimischen Ärzten. Zusammen mit den Reiseaufzeichnungen entsteht so ein faszinierendes Bild der Psychiatrie in Afrika, die geprägt ist von der Verbindung lokaler Heilkunde mit neueren westeuropäischen Ansätzen. Nicht zuletzt betont Fichte die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen von »Geisteskrankheit« in Afrika und verweist etwa auf die Interessen von Pharmakonzernen. Besonders exotisch erscheint afrikanische Psychiatrie in diesem Buch jedenfalls nicht. Andreas Eckert
Leonore Mau, Hubert Fichte: Psyche. Annährung an die Geisteskranken in Afrika; S. Fischer, 2005; 334 S., 150 €

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DIE ZEIT 13.10.2005
Beihilfe zum Elend
Auch die Agrarpolitik der EU trägt Schuld an der Not Afrikas   Von Petra Pinzler

Eine populäre These dieser Tage lautet: Europa ist schuld daran, dass Afrikaner an spanischen Zäunen sterben. Die Europäer morden gleich mehrfach. Sie schießen nicht nur auf Flüchtlinge, wenn die in ihre Wohlstandsfestung drängen. Schlimmer noch, sie treiben sie überhaupt erst ins Elend und damit auf die gefährliche Wanderschaft. Und weiter heißt es: Europas Handelspolitik zerstört die Existenz der Menschen, schließlich verscherbelt die EU Nahrung zu Dumpingpreisen auf afrikanischen Märkten, vernichtet so die Existenz der Bauern, treibt ganze Landstriche in den Ruin und zwingt die Menschen zur Flucht. Am Ende lässt Europas restriktive Einwanderungspolitik den armen Menschen keine andere Wahl, als die Stacheldrähte von Melilla und Ceuta zu stürmen – und vielleicht dort zu sterben.

Die Gegenthese, ebenso platt und nicht minder plakativ, verortet die Schuld allein in Afrika. Danach treiben unfähige Regierungen, korrupte Politiker, faule Eliten, marodierende Mörderbanden, Seuchen und Naturkatastrophen die jungen und starken Menschen ins Ausland. Schlepperbanden öffnen ihnen verbotene Wege, zurück bleiben schwache, ausgemergelte Gesellschaften, oft gepeinigt von alten Despoten, unfähig zu Reformen. Afrika, lautet diese These, begeht Selbstmord.

Falsch sind beide Behauptungen – und doch steckt in ihnen ein richtiger Kern. Afrikas Elend und das Schicksal der Flüchtlinge haben viele Gründe und viele Schuldige, sowohl in Europa als auch in Afrika. Genau das macht die Situation so kompliziert – und fast unlösbar. In vielen Ländern Afrikas (nicht in allen!) herrschen tatsächlich korrupte Eliten, toben Bürgerkriege zwischen verfeindeten Clans und Söldnertruppen. Viele Landstriche können die wachsende Bevölkerung nicht mehr ernähren. Kein Wunder also, dass Familien ihre Söhne in der Hoffnung auf ein bisschen Geld für die Zurückgebliebenen in die Tomatenfelder Spaniens schicken. Wo Gesellschaften versagen, wandern die Starken aus.
Das spricht Europa nicht frei. Denn mit unserer Wirtschaftspolitik verschlimmern wir die elende Situation. Gerade in diesen Tagen zeigt sich das in den Brüsseler Sitzungssälen der EU beispielhaft. Wie die Union dort auf Druck der Welthandelsorganisation ihre Zuckerberge abbauen und die überkommene Marktordnung reformieren will und dabei die Sorgen der Afrikaner einfach überhört, ist gespenstisch. Da plant die EU Entschädigung für ihre Bauern, wenn die künftig weniger Zucker billiger produzieren müssen. Die Afrikaner aber sollen den Verfall der Garantiepreise, an die auch sie sich gewöhnt haben, fast ohne Hilfe bewältigen. So sieht es derzeit zumindest das EU-Parlament vor, und viele EU-Regierungen wollen die Reform im November so beschließen. Dass dann das Elend in manchen Ländern Afrikas quasi über Nacht explodieren wird, findet in Brüssel bislang kaum Gehör. Und wer protestiert?

Das ist nur ein Beispiel, es gibt davon leider viele. Europa fischt die Meere Senegals und Guineas leer und überweist den Regierungen dafür ein Handgeld. Wir in Europa verbauen mit allerlei Tricks anderen den Zugang zu unseren Märkten, gerade hat die Weltbank das wieder belegt. Wir überschwemmen Afrikas Märkte mit subventionierten Billiglebensmitteln, der streitbare Aktivist Jean Ziegler beschreibt drastisch, wie in Dakar europäisches Obst zu einem Drittel des afrikanischen Preises verkauft wird. Doch unsere Ignoranz beschränkt sich bei weitem nicht aufs Ökonomische: Wenn Afrikaner unter ihren Diktatoren leiden, schaut Europa immer noch gern weg. Zugleich schotten wir uns ab und lassen den Menschen keine Chance, ihrem Elend legal durch Auswanderung zu entgehen. Die Europäer hatten in vergangenen Jahrhunderten größere Möglichkeiten und machten sich auf den Weg nach Amerika.

Sicher, Europa kann nicht alle Beladenen dieser Erde aufnehmen. Sicher wird es auch keine schnelle Lösung für die Probleme unseres benachbarten Kontinents geben – immerhin erkennt die Afrika-Strategie, die EU-Kommissar Louis Michel dieser Tage vorstellt, das an und präsentiert eine Reihe sinnvoller regionaler Projekte. Doch das reicht nicht. Eine faire Zuckermarktreform im November, ein bisschen besserer Wille bei der Agrarpolitik, echte Zugeständnisse bei der Welthandelsrunde in Hongkong und eine gemeinsame europäische Einwanderungspolitik, die sich um mehr als nur Abschiebelager im In- und Ausland kümmert, müssen hinzukommen. Der Vorwurf der Beihilfe zum Elend lässt sich sonst nicht entkräften.

Petra Pinzler

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Amnesty International Jahresbericht 2005
Berichtszeitraum 1. Januar bis 31. Dezember 2004

SENEGAL

Amtliche Bezeichnung: Republik Senegal
Staatsoberhaupt: Abdoulaye Wade
Regierungschef: Macky Sall (löste im April Idrissa Seck ab)
Todesstrafe: für alle Straftaten abgeschafft
Statut des Internationalen Strafgerichtshofs: ratifiziert
UN-Frauenrechtskonvention und Zusatzprotokoll: ratifiziert


In der Region Casamance war ein deutlicher Rückgang bewaffneter Auseinandersetzungen zu verzeichnen. Im Dezember wurde ein Abkommen zur definitiven Beilegung des Konflikts unterzeichnet, was zur Folge hatte, dass Flüchtlinge und intern Vertriebene begannen, in ihre Heimatorte zurückzukehren. Außerdem wurden Anstrengungen unternommen, die zerstörte Infrastruktur der Region wiederaufzubauen. Gruppen der Zivilgesellschaft protestierten öffentlich gegen die Festnahme von Journalisten und politischen Widersachern der Regierung. Im Dezember wurde im Senegal die Todesstrafe abgeschafft.
Hintergrundinformationen
Staatschef Abdoulaye Wade sperrte sich gegen Bemühungen von Ministerpräsident Idrissa Seck, die Regierung auf eine breitere politische Basis zu stellen, und ernannte im April Macky Sall zu dessen Nachfolger. Der neuen Regierung gehörte mit Djibo Leity Kâ der Vorsitzende der oppositionellen Union für Erneuerung und Demokratie (Union pour le renouveau démocratique – URD) an.
Wiederaufbau in Casamance
In der Region Casamance war ein deutlicher Rückgang bewaffneter Zusammenstöße zwischen den Sicherheitskräften und Mitgliedern der Bewegung der Demokratischen Kräfte von Casamance (Mouvement des forces démocratiques de Casamance – MFDC) zu verzeichnen, einer bewaffneten Oppositionsgruppe, die für die Unabhängigkeit der Region eintritt. Im September verpflichtete sich zudem der bewaffnete Flügel der MFDC öffentlich, keine weiteren Anschläge auf Zivilisten mehr zu verüben. Durch diese Entwicklungen ermutigt, begannen Flüchtlinge und intern Vertriebene, in ihre Heimatorte zurückzukehren. Außerdem wurden beträchtliche Anstrengungen darauf verwandt, Landminen zu entfernen, zerstörte Häuser wiederaufzubauen und die am Boden liegende Wirtschaft wiederzubeleben.
Verhandlungen über die Umsetzung des 2001 zwischen Regierung und MFDC geschlossenen Friedensabkommens verliefen gleichwohl eher zäh, Berichten zufolge aufgrund von Flügelkämpfen innerhalb der MFDC. Zwischen Pater Augustin Diamacoune Senghor, dem langjährigen Anführer der Organisation, und MFDC-Generalsekretär Jean-Marie Biagui entspann sich ein zunehmend erbittertes Ringen um die Macht. Im September bestätigte eine außerordentliche Generalversammlung der MFDC Jean-Marie Biagui im Amt, der sich wenig später dafür aussprach, die MFDC unter dem Namen Bewegung für Föderalismus und Verfassungsdemokratie (Mouvement pour le fédéralisme et la démocratie constitutionnelle – MFDC) als politische Partei zu etablieren. Im Dezember unterzeichneten die senegalesischen Behörden und Pater Diamacoune in Ziguanchor, der größten Stadt von Casamance, in einem offiziellen Akt ein Abkommen zur definitiven Beilegung des Konflikts.
Bedrohung des Rechts auf freie Meinungsäußerung
Wie schon in den Vorjahren wurden Journalisten und politische Widersacher der Regierung in dem offenkundigen Versuch drangsaliert und eingeschüchtert, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken.
Im Januar nahm die Kriminalpolizei Mamadou Lamine Diop, den Sprecher der Reformpartei (Partie de la réforme), für mehrere Stunden zu Verhörzwecken in Gewahrsam, nachdem er in einem Radiointerview Kritik an Staatspräsident Wade geäußert hatte.
Madiambal Diagne von der Tageszeitung Le Quotidien wurde im Juli unter der Anklage verhaftet, »der Geheimhaltung unterliegende Dokumente und Korrespondenz, falsche Informationen sowie gravierende politische Probleme provozierende Nachrichten veröffentlicht zu haben«. Die Festnahme des Journalisten löste bei Menschenrechtsorganisationen massive Proteste aus. Sie warfen den Behörden vor, der Presse einen Maulkorb anlegen zu wollen. Auch der überwiegende Teil der in Privatbesitz befindlichen Tageszeitungen Senegals schloss sich den Protesten an. Madiambal Diagne wurde nach zwei Wochen Haft vorläufig wieder auf freien Fuß gesetzt, weitere rechtliche Schritte schienen gegen ihn bis Ende des Berichtsjahres nicht eingeleitet worden zu sein.
Straflosigkeit in Casamance
Die Behörden ergriffen keinerlei Maßnahmen, um die in Casamance von den Sicherheitskräften verübten schweren Menschenrechtsverletzungen aufzuklären oder die Täter vor Gericht zu stellen. Mit ihrer Untätigkeit zementierten sie die seit Jahren vorherrschende Straflosigkeit in der Region. Im Juni verkündete die Regierung zudem eine Generalamnestie für MFDC-Mitglieder und schuf damit weitere Barrieren, die die strafrechtliche Verfolgung der für eklatante Menschenrechtsverstöße Verantwortlichen behinderten.
Abschaffung der Todesstrafe
Im Juli stimmte der Ministerrat einem von Präsident Wade vorgelegten Gesetzentwurf zur Abschaffung der Todesstrafe ohne Gegenstimmen zu. Das Parlament verabschiedete den Entwurf im Dezember ebenfalls mit großer Mehrheit.
In der Folge kündigte der Justizminister an, dass er die Umwandlung von vier anhängigen Todesurteilen beantragen werde. Drei davon waren vom Strafgericht in Dakar wegen Raubüberfalls mit Todesfolge verhängt worden.

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