SZ Nr. 51, S.3  (2.3.2006)

Afrikaner auf dem Weg von Mali ins gelobte Europa: „Ihr habt keine Ahnung, wie viele in der Wüste sterben"
Höllische Fahrten ins Paradies.
Wer in Gao landet, hat viel Geld bezahlt und das Herz voller Hoffnung - doch die Flucht ist ein Wagnis, bei dem die Hitze

Von Michael Bitala
Gao, Ende Februar - Am liebsten würde man immer nur nach oben blicken, hinauf in die Nacht, in den Himmel über der Wüste. Milliarden Sterne. Ein einziges Funkeln und Glitzern. Unfassbar schön. Unendlich weit entfernt. Unerreichbar. In der Wüstenstadt Gao aber, genauer gesagt in der Freiluft-Bar „Euro-Camping", wird man dauernd gestört. Linkerhand quengelt Happiness, das viel zu junge Bar-Mädchen mit der schwarzen Haut, der orangefarbenen Perücke, den rosa Lippen und den großen, runden Augen: „Nimm mich mit nach Deutschland, bitte. heirate mich. du wirst es nicht bereuen.' Rechterhand grölen vier betrunkene Nigerianer, weil sie das Champions-League-Spiel sehen wollen und der Fernseher schon wieder eine Bildstörung hat. Und unter dem Tisch raschelt eine Ratte durch den Müll. „Hey Happy. beweg deinen Hintern, bring uns noch acht Bier", schreien die Nigerianer. „Ich bin nicht Happy", flucht das Mädchen, das ebenfalls aus Nigeria stammt, „ich bin Happiness, gibt es in diesem beschissenen Ort eigentlich nur Sand, Esel und Idioten?" Danach wackelt sie in ihren Stöckelschuhen und ihrem Minirock zur Theke. Die Westafrikaner applaudieren ihr und beginnen, ein ziemlich populäres Lied zu singen: „Wir haben kein Ticket, wir haben keinen Ausweis, aber wir haben Geld, wir kommen überall hin." Nachdem Happiness die Biere serviert hat, versucht sie es noch einmal: „Bitte, nimm mich mit, ich bin doch schon seit zwei Monaten und zehn Tagen in Gao." Dabei habe man ihr versprochen, sie müsse nur ein paar Tage in der Bar arbeiten, bevor sie nach Europa gebracht werde. „Jeden Tag heißt es: nächste Woche, nächste Woche, nächste Woche. Ich will endlich weg aus dieser verdammten Wüstenhölle."

Jeder will ein neues Leben
Europa. Nahezu jeder in Gao will nach Europa. Dafür ist diese Stadt in Mali, am Südrand der Sahara, ja auch berühmt. Zumindest in Afrika. Die Ortschaft mit all ihren Müllbergen, ihren flachen Lehmhäusem und sandigen Pisten ist Ausgangsstation für Tausende Afrikaner, die auf den reichen Kontinent wollen. Von hier aus beginnt ihre Reise durch die Wüste, zunächst durch Nordmali, dann durch Algerien und Marokko bis hin zu den Grenzzäunen der spanischen Enklaven Ceuta und Melilla. Wer nach Gao kommt, hat sein altes Leben hinter sich gelassen, sein neues noch vor sich. Hier durchschreiten die Auswanderer das Tor zur glutheißen Sandhölle und zu dem dahinter gewähnten Paradies.
Dass Gao mit seinen 70 000 Einwohnern das Zentrum der Emigranten und Menschenhändler in Mali ist, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Hatte man doch viele Geländewagen oder Lastwagen erwartet, die voll bepackt in die Wüste aufbrechen. Davon ist zumindest tags- über nichts zu sehen. Die Stadt wirkt ruhig, es fahren kaum Autos, und selbst am Busbahnhof, vor dem gerade mal zwei Fahrzeuge stehen, gibt es kerne Verbindung in den Norden. Spricht man aber mit den Menschen, dann zeigt sich. dass ganz Gao von Ausländern beherrscht wird. Auf dem Markt arbeiten Männer und Frauen aus Angola, Burkina Faso, Kongo, Kamerun oder Gabun, in den Hotels putzen Beniner oder Liberianer, und in den Restaurantküchen stehen Ghanaer oder Guineer.


Serge will zum Fußball
Im „Bon Marchez", einem dusteren, übel riechenden Lokal in der Nähe des Marktes, herrscht schon morgens reger Betrieb. Ein paar Tuareg mit Turbanen und Spiegelbrillen zerteilen mit langem Messer einen gekochten Schafskopf, andere Gäste essen mit der einen Hand Hirsebrei, mit der anderen vertreiben sie dicke grüne Fliegen. Auch hier läuft der Fernseher, auch hier wird europäischer Fußball gezeigt. Der Kellner Serge Kouatchou vergisst deshalb immer wieder seine Arbeit minutenlang starrt er auf den Bildschirm, so dass ihn die Gäste anpöbeln, endlich weiter zu bedienen.
„Ich will auch einmal in einem Fußballstadion in Europa stehen", sagt Kouatchou, „ist das zu viel verlangt?" 24 Jahre ist der kahl geschorene Kameruner erst alt, aber er hat wohl mehr Wüstenerfahrung als die meisten anderen Emigranten in Gao. Vor drei Jahren gab er seinen Job als Elektrotechniker, seine Familie und seine Heimatstadt Douala auf. Seitdem durchquert er die Sahara. Zehnmal hat er das schon gemacht. Fünf Mal voller Hoffnungen nach Norden, fünf Mal als Abschiebehäftling zurück in den Süden. Beim jüngsten Versuch kam er bis kurz vor den Grenzzaun von Ceuta. Er hat tief aufgerissene Fußsohlen, eine Stichnarbe im Oberschenkel und bis auf sein T-Shirt, seine Gummischlappen und seine Jogging-Hose alles verloren. Nun bereitet er sich auf seinen sechsten Versuch vor. „Sobald ich das Geld für den Transport habe, geht's los.''
Dass marokkanische Polizisten an der Grenze zu Melilla auf Afrikaner geschossen haben und die Zäune seit dem Ansturm noch mehr gesichert werden, ist ihm egal. Der Kellner sagt, er wisse, dass es in Ceuta einen Tunnel unter den Zäunen hindurch gebe, da sei sein Freund, der jetzt in Spanien ist, auch durchgekrochen. Mehr Sorgen mache ihm, dass Madrid die Afrikaner wieder abschiebt. „Als ich das gehört habe, war ich schockiert", sagt er, "aber ich muss da hin, und wenn ich es hundert Mal probiere."

Man kann sich stundenlang mit Serge Kouatchou unterhalten, aber das, was er in der Sahara erlebt hat, ist kaum zu erahnen. Natürlich spricht er von der Hitze, dem Durst, der Kälte, den Schmerzen, den Krankheiten, den Schlägen der Polizisten, aber er sagt auch: „Das, was im Fern- sehen aus Melilla und Ceuta gezeigt wurde, ist nur ein Fünftel der Wahrheit. Ihr habt keine Ahnung, wie viele Afrikaner in der Wüste sterben." Sie seien fünf Freunde gewesen, als sie sich 2 002 zum Auswandern entschlossen hätten, „einer ist in Spanien, einer ist in Malis Hauptstadt Bamako, einer ist tot. einer hat durch die Hitze seinen Verstand verloren und irrt irgend- wo umher, und ich bin von Arabern niedergestochen worden." Vor vier Monaten sei das gewesen, in Marokko, daraufhin sei er nach Algerien abgeschoben worden, und die dortige Polizei habe ihn an die Grenze zu Mali gefahren und in der Wüste ausgesetzt, ohne Essen, ohne Wasser. Kurz darauf sei er auch noch an Typhus erkrankt, weil er sich ein Wasserloch mit Kamelen und Ziegen teilen musste. „Ich war fast tot, als mich ein Lastwagenfahrer endlich mit nach Gao genommen hat."
Andere hatten weniger Glück. Jeder Emigrant, der schon mal in der Sahara war, erzählt Horrorgeschichten. Ziemlich regelmäßig, so heißt es, gingen die altersschwachen Lastwagen auf dem Weg durch die Wüste kaputt. Da sich die Fahrer nur an den Sternen orientieren könn- ten, da wohl jeder eine andere Route nehme, würden die liegen gebliebenen Fahrzeuge und die Leichen nur selten gefunden. Oft stürben die Auswanderer auch an Hitzschlag oder sie verdursteten, weil die Autos so voll bepackt sind, dass jeder Passagier nur fünf Liter Wasser mitnehmen darf.

Happiness will heiraten
Wie viele Auswanderer sich jedes Jahr auf den Weg von Gao nach Ceuta oder Melilla machen, weiß niemand, ebenso wenig ist bekannt, wie viele sterben. Die Gegend nördlich der Wüstenstadt ist ohne Kontrolle. Es gibt dort außerhalb der wenigen kleinen Ortschaften weder Polizei noch Beamte noch eine sonstige staatliche Ordnung, dafür aber ungezählte Banden, die die Reisenden überfallen. Die Hitze scheint es, ist das kleinste Problem in der Sahara.
Dennoch probieren es die Emigranten immer wieder. Der Kellner aus Kamerun, weil er ins Fußballstadion möchte und weil ihn sein Freund regelmäßig aus Spanien anruft und sagt, wie toll es in Europa sei, Happiness aus dem „Euro-Camping", weil sie „ein Leben in Würde" führen will, und die drei Nigerianer vom Friseursalon, Ike, Douglas und Lucky, weil man ihren Wunschländern Irland, Belgien oder Deutschland „wirklich Geld verdient" . Schon von weitem hört man ihren Laden, so laut dröhnt die Rapmusik durch die Straßen. Und da sie nicht nur Fragen beantworten, sondern auch Geschäfte machen wollen, bieten sie zwei Haarschnitte an, die sie „besonders gut" können: kurz oder „Kongo", das ist eine Glatze.
Vor sechs Monaten hatten sich Ike, Douglas und Lucky auf den Weg gemacht, sie kommen aus Lagos, dem größten Moloch Afrikas. Ike erzählt, dass sie es leid waren. immer nur schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs zu bekommen. „Wir haben studiert, wir haben Diplome, aber nach der Uni standen wir auf der Straße." Ihre Freunde jedoch, die nach Europa gegangen sind, seien unglaublich reich. "Die kommen auf Heimaturlaub in schicken Anzügen, mit tollen Frauen, und sie fahren die schönsten Autos", sagt Ike, „das wollen wir auch. Wir sehen doch im Fernsehen, wie super das Leben bei euch ist." Selbst als Orangenpflücker in Spanien verdiene man mit 50 Euro am Tag mehr als ein Professor in Lagos pro Monat. „Mein Bruder, wir sind doch nicht blöd und bleiben in Nigeria. " Und dann stellt sein Kumpel Douglas die Frage, auf die man seit Beginn des Treffens wartet: „Hast du nicht eine Schwester, die ich heiraten kann? Sie muss wirklich nicht schön sein."
Auch wenn oft von afrikanischen Flüchtlingen gesprochen wird, die nach Europa drängen - in Gao findet man niemanden, der zu Hause gehungert hat oder politisch verfolgt wurde. Deshalb ist es treffender, sie als Auswanderer zu bezeichnen. Sie sind allesamt zwischen 20 und 40 Jahre alt, überwiegend männlich, gut ausgebildet und hoch motiviert. Auf die Frage, warum sie die Energie und das Geld, das die Reise nach Europa kostet, nicht in ihrer Heimat investieren, antworten sie: Weil es keine Hoffnung gibt. Weil die Regierungen korrupt sind. Weil sie seit Jahrzehnten warten, dass sich in ihren Ländern etwas bewegt. „Wenn ich in Europa bin, kann ich meine Familie jeden Monat mit 500 Euro unterstützen", sagt Douglas, deshalb haben ihm seine Verwandten auch umgerechnet 3000 Euro geliehen, damit er es nach Spanien schafft.
Leider seien sie in Nordnigeria überfallen worden, darum hängen sie nun in Gao fest. Den Friseursalon eröffneten sie kurz nach ihrer Ankunft.
Ein großer Teil der Auswanderer hat ähnlich hohe Summen von den Verwandten bekommen, zwischen 500 und 1000 Euro kostet die Reise an die spanischen Grenzzäune, mit dem Geld der Familie können sie es ein paar Mal versuchen. Es sind Risikoinvestitionen. Entweder der Emigrant kommt durch und macht damit auch die Angehörigen in Afrika wohlhabend, so das Kalkül, oder er stirbt. Zurück in die Heimat aber geht niemand mehr. „Was glaubst du, wie dich die Leute auslachen" , sagt Douglas, „so viel Geld für so einen Versager. Mit dieser Schande kann niemand leben."
So offen die Auswanderer über ihre Motive sprechen - keiner will Details verraten, wie die Reise durch die Sahara organisiert wird. „Das kann ich nicht sagen", sagt der Kellner aus Kamerun, und auch die Friseure aus Nigeria hüllen sich in Schweigen: „Wir wollen keine Schwierigkeiten bekommen." Nach mehreren Gesprächen aber zeigt sich, dass „der Engländer" ziemlich viel weiß. Den, so heißt es, soll man fragen.
Der Engländer. Das ist Abdoulaye Idriss Maiga, ein 28-jähriger Malier mit Wollmütze und Spitzbart, der die meiste Zeit am Busbahnhof herumsteht. Seinen Spitznamen bekam er, weil er nach eigenen Angaben schon „unendlich viele" Emigranten aus den englischsprachigen Ländern Liberia und Ghana über die Grenze nach Algerien gefahren hat, und zwar in seinem Lastwagen. 40 Euro pro Person fordert Maiga für den Transport. „Das ist ein gutes Geschäft, besser als Datteln oder Tiere." Leider sei sein Fahrzeug gerade kaputt.
Zunächst verwundert es, dass der Menschenschmuggler so auskunftsfreudig ist. Er erzählt zum Beispiel, dass es viele Emigranten auf eigene Faust versuchten und Lastwagenfahrer fragten, ob sie einen über die algerische Grenze mitnähmen. Der größte Teil aber hielte sich an die „Organisationen". Davongehe es drei in der Wüstenstadt, eine werde von Tuareg geführt, eine andere von Nigerianern, und eine vom malischen Volk der Songhay, das seit Jahrhunderten in der Gegend von Gao vom Schmuggel durch die Sahara und in die Nachbarländer Niger und Burkina Faso lebt. Die Menschenhändler stimmten ihre Geschäfte ab, sagt Maiga, die Tuareg wüssten den Weg, die Songhay kontrollierten die Behörden in Gao, und die Nigerianer hätten die internationalen Kontakte Die Abfahrt sei immer nur nachts, „irgendwann, keiner weiß das im Voraus." Dass die meisten Emigranten Gao als Ausgangsstation wählten, liege auch daran, dass sie hier einen Reisepass aus Mali kaufen könnten, für 80 Euro, von korrupten Beamten. „Wenn du aus Mali bist, brauchst du kein Visum für Algerien oder Marokko", sagt Maiga, Kongolesen, Nigerianer oder Kameruner hingegen schon.

Die Tuareg wollen Geld
Dann zeigt sich, warum der Mann so offen redet, er will ins Geschäft kommen: „Gestern Abend ist eine Gruppe von Afghanen und Pakistanern angekommen, sie fahren morgen weiter in Richtung Spanien. Gib mir 500 Euro und ich führe dich zu ihnen." Man müsse sich dazu natürlich mit einem Turban und einem Kaftan verkleiden und die ganze Zeit über den Mund halten.
Dieser Hausbesuch wäre zwar verlockend, aber auch Geldverschwendung. Sowohl Auswanderer als auch Bewohner der Stadt bestätigen, dass nicht nur Afrikaner, Afghanen oder Pakistaner durch Gao geschleust werden, sondern auch Inder und Chinesen. Die Anreise nach Mau finde mit Ethiopian Airlines statt, der Trip von Asien über Gao nach Europa koste pro Person zwischen 4000 und 6000 Euro. Dafür werde die Menschenfracht in nur vier, fünf Tagen und mit guten Fahrzeugen durch die Wüste gebracht.
Natürlich würde man auch gerne mit Tuareg sprechen, mit denjenigen also, von denen es heißt, dass nahezu jeder von ihnen vom Menschenhandel profitiert. Sie sind auf dem Markt zu finden, dort sitzen sie in Gruppen zusammen und bieten große, kristalline Salzplatten aus der Sahara an. Aber sie reden nicht mit Fremden. Immer wieder heißt es: "Sie können gerne ein Foto von uns machen", für umgerechnet sechs bis acht Euro, Salz könne man auch kaufen. Auf Fragen aber gehen sie nicht ein. Sie schweigen einfach.
Nach Einbruch der Dunkelheit geht es noch einmal ins „Euro-Camping", auf dem Weg dorthin sind mit Waren und Menschen voll bepackte Lastwagen zu sehen. Sie fahren aus Gao hinaus. Wohin die Reise geht, ob in den Norden, nach Bamako oder in die Nachbarländer, bleibt ihr
Geheimnis."
Wieder ist im Innenhof der Bar der Sternenhimmel über der Wüste zu sehen, wieder quengelt Happiness. Nur diesmal scheint sie noch verzweifelter als beim ersten Besuch. „Ich muss noch drei Monate hier bleiben, noch drei Monate, wie soll ich das aushalten?" Der einzige Trost sei,
dass sie nicht die gefährliche Fahrt durch die Wüste machen müsse. Wenn sie nett zu den Gästen sei, sagt sie, bekomme sie ein Visum für Europa und ein Flugticket - das habe ihr der Chef des „Euro- Camping" versprochen.

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Seleti, an der gambisch-senegalesischen Grenze

Bon jour Monsieur, Sie fahren nach Diouloulou?
Das kostet im 7Place 400, wenn Sie ihn allein wollen 3000, dann fährt er gleich los, Sie brauchen nicht zu warten. Wie Sie wollen, es ist Ihre Entscheidung. Wie heißen Sie? Ich heiße Abdoulaye Saine. Bitte, setzen Sie sich doch hier her. Seit wann sind Sie in Senegal? Sind Sie das erste Mal hier? Woher kommen Sie? Ah, Deutschland mag ich sehr, wie ist es jetzt dort? Einmal hatte ich eine Adresse, Christian, in Schtugaar, ich habe ihm geschrieben, aber habe keine Antwort bekommen, ich habe noch mal geschrieben, wieder nichts, nach dem dritten Brief habe ich es dann gelassen. Ah, Deutschland, da würde ich gerne mal hinkommen. Wie kommt man nach Deutschland? Ja, wenn man einen Freund dort hat. Es interessiert mich sehr, wie es in Deutschland ist. Wissen Sie, hier ist es nicht leicht, mein Vater und meine Mutter sind beide tot, ich muss mich um meine zwei kleinen Schwestern und meine Großmutter kümmern. Die Schule habe ich nach dem Tod des Vaters aufgegeben, ich war nicht schlecht in der Schule, aber dann konnte ich das Schulgeld nicht bezahlen und musste mich um die Geschwister kümmern. Wenn ich das Schulgeld hätte, wenn mir jemand helfen würde, ich würde wieder zur Schule gehen. Können Sie mir nicht Ihre Adresse geben? Ich würde Ihnen schreiben, Sie würden mir schreiben. Sie schreiben mir, wie es in Deutschland ist, das interessiert mich wirklich, und ich schreibe Ihnen, was hier in Seleti passiert. Sie würden mir bestimmt schreiben. Wir wären wie Freunde. Denken Sie nicht, dass ich Geld will, nein, nein, so einer bin ich nicht, der nach Geld fragt. Das ist nicht meine Art zu leben, nach Geld zu fragen, nein, das ist auch nicht gut. Ich mag das nicht. Ich schlage mich so durch. Man muss etwas tun. Wenn ich jemanden in Deutschland hätte, dem ich schreiben könnte, das würde mich freuen. Wenn Sie jemanden brauchen, der Ihnen hier die Umgebung zeigt, ich kenne mich gut aus, Diouloulou, Bignona, Kafountine, die Bolongs, ich kann Ihnen vieles zeigen. Sie bleiben in Diouloulou? Chez Mariam oder Hotel Kent? Ah, bei Abdoulaye, den kenne ich, das ist ein Freund, ein guter Freund. Wissen Sie, die Schule würde ich sofort wieder besuchen, obwohl ich 20 bin; ich spreche auch Englisch. Ich bräuchte nur das Schulgeld und sofort würde ich zur Schule gehen. Das Leben hier ist hart, es gibt keine Arbeit, ich bin meistens hier an der Grenze und versuche den Leuten zu helfen. Sehen Sie, jetzt sind schon vier Passagier zusammen, es fehlen nur noch drei, dann geht es los. Das Gepäck kostet extra, 100 oder 200 bei Ihrem großen Rucksack. Was meinen Sie, möchten Sie mir Ihre Adresse geben? Ich würde bestimmt schreiben. Nein? Warum nicht? Ja, ok.
Und freundlich wie das Gespräch begonnen hatte, ist es zu Ende. A. entfernt sich langsam, ohne Anzeichen von Enttäuschung oder Vorwurf, geht zurück zu seinen Kollegen auf der anderen Straßenseite.
r.lienemann 3/2006

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dpa - Meldung vom 02.03.2006 21:11 Uhr
Afrika trocknet aus: Wassermangel durch Klimawandel

Johannesburg/Washington - Afrika droht bei einem ungebremsten Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase eine trockene Zukunft. Bis zum Ende des Jahrhunderts dürfte ein Viertel des Kontinents laut einer Studie südafrikanischer Forscher von schwerem Wassermangel geplagt werden.
Die vom Wissenschaftsmagazin "Science" (DOI: 10.1126/science.1119929) veröffentlichte Untersuchung geht davon aus, dass viele Flüsse und Seen mangels ausreichender Niederschläge austrocknen werden. Am schlimmsten betroffen wären dicht besiedelte Gebiete im Süden und Westen des Kontinents sowie Regionen am Oberlauf des Nils.
Für die Berechnungen verknüpften die Forscher um Maarten de Wit und Jacek Stankiewicz von der Universität Kapstadt Daten über Afrikas Flüsse und Seen mit verschiedenen Klimawandel-Szenarien. Sie unterteilten den Kontinent dazu in ein Raster von 37 Rechtecken, für die die jährlichen Niederschläge separat untersucht wurden.
Das Südliche Afrika sowie Teile der dem Kontinent vorgelagerten Insel Madagaskar sind nach ihren Berechnungen am meisten von Dürren gefährdet. Wörtlich heißt es in dem "Science"-Artikel: "Regionen in der Nähe von Kapstadt, die mehr als die Hälfte ihres Wassernachschubs verlieren, dürften am meisten zu leiden haben. Was bedeutet: Es wird für diese Dürre-Region keine Erleichterung geben." Auch Afrikas fünftgrößter Fluss - der Orange River - könnte betroffen sein. Zwischen 1862 und 1903 war er bereits fünf Mal völlig ausgetrocknet.
Während Ostafrikas Zukunft von den Forschern in einem rosigeren Licht gesehen wird, sagen sie dem Streifen zwischen Senegal und Sudan größere Probleme durch die globale Erwärmung voraus, die vor allem vom klimaschädlichen Kohlendioxid (CO2) ausgelöst wird. Während sich die Grenzen der Sahara in den Staaten Tschad und Niger nordwärts bewegten,
dürfte sich die Wüste in Mali und Burkina Faso weiter in Richtung Süden ausbreiten. Die Wissenschaftler mahnen dazu, dass Politiker in Ländern mit grenzüberschreitenden Gewässern in Zukunft mehr als bisher den Zugang zum kostbaren Nass regeln müssen.

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DIE ZEIT, 18.5.2006

Freud und die Baba Iawos
In Afrika hat es die Psychoanalyse schwer. Gegen die Macht der Geister und traditionellen Heiler kommt sie kaum an. Von Tobie Nathan

Cham, der Urahne der Afrikaner, soll aus Feuer und Überschwang bestanden haben. Seit der Antike ist von Afrika als Land der »Feuermenschen«, der leidenschaftlichen Menschen die Rede. Es scheint also ein verwegenes Unternehmen, die Psychoanalyse und Afrika einander näher bringen zu wollen. Die Psychoanalyse ist so sehr in der philosophischen Tradition der Aufklärung verwurzelt, derart diskret und wohlerzogen in ihrer Anwendung, so individualistisch und antiklerikal, dass es schwer fällt, sich vorzustellen, wie sie ihren Weg nach Afrika finden sollte, auf den Kontinent der Intensität, der Gemeinschaft, des Spektakulären.

Afrika ist auch heute noch der Kontinent _ im Grunde der einzige _, der sich aus seinem Innersten heraus der Globalisierung widersetzt, Widerstand leistet gegen die Auflösung der Bande des Stammes, des Clans und besonders der Bande zwischen Menschen und Nichtmenschen. Darüber hinaus gab es etwas, das seit Freuds Totem und Tabu (1912) _ dem Versuch, »das Seelenleben der Wilden« zu interpretieren _ die Psychoanalyse an einer Begegnung mit den Afrikanern hinderte, weil ihr ihre Denkmodelle im Weg standen. Und auch wenn Psychoanalytiker wie Géza Roheim Feldforschung betrieben, wenn sie nach Australien oder Mittelamerika gingen, bestand ihr Ansatz darin, eine Hermeneutik kollektiver Gestaltungen zu konstruieren.

Die Psychoanalyse interpretierte die Praktiken eines abstrakten Anderen, ließ aber nirgends Raum für das, was die wirklichen Anderen sagten, die liebten und arbeiteten, sprachen, logen und mogelten. Keinerlei Beachtung schenkte sie jenen aus dem Busch und dem Urwald, die es verstanden, ihren Fetischen Nahrung zu geben, mit Geistern umzugehen und sich gegen bedrohliche Angriffe der Nacht-Wesen zu verteidigen. Es gelang ihr nicht, sich ohne Dünkel einzulassen auf die Gedanken und Praktiken der Baba Iawos (»Meister des Geheimnisses«) der Yoruba aus Benin, der Boram Xam Xam (»Meister des geheimen Wissens«) der Wolof in Senegal oder der Nganga aus dem Kongo.
Zweifellos veränderte sich diese Situation mit dem Auftreten der ersten afrikanischen Psychiater, zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Anbruch der Zeit der Unabhängigkeit. Das ursprüngliche Ansinnen von Totem und Tabu erfuhr eine Umpolung. Es war nicht länger so, dass afrikanische Verhaltensweisen durch psychoanalytische Denkmodelle interpretiert wurden, sondern vielmehr gewann Afrika Modellcharakter für die moderne Psychiatrie. Dort konnte man lernen, wie man seine Irren nicht wegsperrt, wie die Gemeinschaft bei der Krankenpflege einzubeziehen ist, wie die Mitarbeit traditioneller Heiler im Rahmen eines modernen Gesundheitssystems gefördert werden kann _ alles Prinzipien, die Bestandteil der therapeutischen Traditionen Afrikas waren.

Eine der ersten afrikanischen Psychoanalytikerinnen, Solange Faladé, erklärte, sie sei stolz, dass die »schwarze Rasse« die Welt Derartiges lehren könne. Faladé war eine direkte Nachfahrin des Königs Behanzin von Abomey, gehörte seit 1952 zu den Getreuesten um Jacques Lacan und leitete die Freudsche Schule bis zu ihrem Tod im Jahr 2004. »Die Heiler sind unsere Kollegen«, lautete auch der Ansatz von Henri Collomb zu Beginn der sechziger Jahre. Er hatte die Abteilung für Neurologie und Psychiatrie am Krankenhaus von Dakar reformiert und ein Team zusammengestellt, das zehn Jahre lang die psychoanalytische Denkweise mit der afrikanischen Erfahrung konfrontierte. In dieser »psychoanalytischen Schule von Dakar« erschien 1966 Ödipe africain (»Der afrikanische Ödipus«) von Marie-Cécile und Edmond Ortigues, die davon berichteten, wie senegalesische Kinder in einem psychoanalytischen Setting in ihrer eigenen Sprache zu Wort kamen. Im selben Team hat der Anthropologe András Zempléni seine berühmt gewordene Studie über das therapeutische System der Wolof und der Lebou in Senegal veröffentlicht. Aber die bedeutendste Wirkung der »Schule von Dakar« war die psychoanalytische Ausbildung einer ganzen Generation afrikanischer Psychiater, die in ihren Ländern dann eine moderne Psychiatrie begründeten: Moussa Diep und später Momar Gueye in Senegal, René Gualber Ahyi und Thérèse Agossou in Benin und Togo, Mathias Makang Ma Mbog in Kamerun, Baba Koumaré in Mali.

Die soziale Situation in Afrika hat sich kaum gebessert. Es gibt zwar heute in Afrika eine Reihe afrikanischer Psychiater und Psychoanalytiker, doch üben sie, weil eine entsprechende Klientel kaum vorhanden ist, ihren Beruf in ihren Ländern nur in seltenen, umso bemerkenswerteren Fällen aus. Man begegnet ihnen vielmehr in Europa oder in Nordamerika, wo es für sie äußerst schwierig ist, ihre Rolle als Vermittler zwischen den beiden therapeutischen Traditionen wahrzunehmen. In Frankreich bot die ethnopsychiatrische Bewegung Gelegenheit, im Rahmen der psychosozialen Betreuung von Migranten auf eine schwer vorstellbare Begegnung zwischen Afrika und der Psychoanalyse hinzuarbeiten, namentlich im Zentrum Georges Devereux an der Universität Paris VIII. Aber es sieht weiter so aus, als gäbe es eine unüberwindbare Kluft.
Trotz der Entwicklung der wissenschaftlichen Medizin zeigt eine kürzlich in Senegal durchgeführte Studie, dass immer noch 90 Prozent der psychiatrisch Kranken die traditionellen Heiler aufsuchen. Das Wesen ihrer Arbeit - sie ist sozial und kollektiv und beruht auf dem Verhandeln mit nichtmenschlichen unsichtbaren Wesenheiten - ist der Praxis der Psychoanalyse diametral entgegengesetzt. Was das bedeutet, habe ich selbst erlebt: Ein Mann aus Senegal, der fünf Jahre lang in psychoanalytischer Behandlung gewesen war, wurde von seinem Psychoanalytiker zu mir geschickt, weil dieser sich darüber wunderte, dass bei diesem verfeinerten Intellektuellen traditionelle Vorstellungen weiterhin fortbestanden. Der Mann sagte mir: »Die psychoanalytische Behandlung war sehr interessant. Ich habe die Weißen beim Denken beobachten können. Jetzt aber muss etwas Ernsthaftes in Angriff genommen werden - ich muss mich heilen lassen.«

Aus dem Französischen von Bertrand Schütz
Tobie Nathan ist Ethnopsychiater, war als Vertreter der Agentur der französischsprachigen Universitäten bis 2003 in Burundi und wurde zum Berater für Kultur und Kooperation in Tel-Aviv ernannt. Dieser Text erschien zuerst in der französischen Literaturzeitschrift »Magazine Littéraire«

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WELT 16.5.2006
"Unsere Frauen werden nicht unterdrückt"
Der senegalesische Filmregisseur Ousmane Sembène über die Machtstruktur in afrikanischen Dörfern und Günter Grass

DIE WELT: Sie waren nach dem Zweiten Weltkrieg als 21 Jahre alter Soldat der französischen Armee in Baden-Baden stationiert ...
Ousmane Sembène:
... dafür kann ich doch nichts.
WELT: Dort verbrüderten sich französische Soldaten lieber mit Nazis als mit ihren farbigen Kameraden.
Sembène:
Das ist meine Lebenserfahrung. Es ist das Zusammentreffen von Afrika und Europa. WELT: Wie haben Sie auf diesen
Rassismus reagiert? Sembène: Ich habe einfach entdeckt, daß die Europäer so sind. Als die Kolonialherren nach Afrika kamen, haben wir
von den Europäern noch gar nichts gewußt. Mein Vater hat immer den Hut gezogen und ist zur Seite getreten, wenn ein Weißer vorbeigegangen
ist. Das ist erniedrigend für jeden stolzen Menschen. Ich habe nie vor Weißen den Hut gezogen, weil ich mit 20 gemerkt habe, daß sie sind wie
ich. Wenn mein Sohn sich vor Weißen verbeugen würde, würde ich ihn umbringen. Aber die Welt hat sich weitergedreht. Wir sind seit über 40
Jahren unabhängig. Aber wie kommt es, daß Tausende junger Senegalesen zwischen 15 und 30 nach Europa wollen, um hier zu arbeiten? Obwohl man ihnen im Fernsehen zeigt, wie sie verfolgt und auch umgebracht werden, und ganz Europa Zäune bauen will, um sie daran zu hindern
einzuwandern. Das ist, was von der Unabhängigkeit geblieben ist. Wenn man den Jugendlichen nach 50 Jahren keine Perspektive bieten kann,
dann ist das eine Niederlage.
WELT: Sie sind Filmemacher geworden, um mehr Menschen in Afrika zu erreichen. Ist das gelungen?
Sembène:
Es geht in meiner Kunst nicht um Afrika. Es geht um die Schaffung einer neuen Gesellschaft auf der ganzen Welt. Wagner und Mozart haben bei den Europäern eine bestimmte Wirkung. Ebenso wie Günter Grass. Meine Eltern kennen ihn nicht, aber ich kenne ihn. Aber wir Afrikaner haben andere Referenzen. Dennoch glaube ich, daß ich vieles mit Grass gemeinsam habe, auch wenn ich ihn persönlich nicht kenne.
WELT: Sie sollten ihn vielleicht einladen. Er reist immer nach Indien.
Sembène:
Das macht ihn aber nicht ärmer, sondern reicher. Denn man lernt etwas über die anderen.
WELT: Ihre Filme haben oft Frauen als Heldinnen, wie "Black Girl" über die Erfahrungen eines schwarzen Dienstmädchens in Frankreich, oder auch ihr jüngster Film "Moolaadé" über das Ritual der Beschneidungen von Mädchen.
Sembène:
Vielleicht kenne ich Frauen einfach besser als Männer, weil ich fast ausschließlich von Frauen erzogen worden bin. Und je älter ich werde, desto mehr merke ich, daß sie heldenhafter sind als wir Männer, daß sie vieles einfach besser machen. In der christlichen Kultur steht immer der Mann im Mittelpunkt, von der Sixtinischen Kapelle bis zu ganz profanen Straßennamen. In unserer klassischen afrikanischen Kultur gibt es für alles immer zwei Symbole: ein männliches und ein weibliches.
WELT: Sie sagen, die afrikanische Frau sei stärker als die europäische. "Moolaadé" zeigt aber Frauen, die sich mit polygamen Männern abfinden müssen, beschnitten sind und ausgepeitscht werden.
Sembène:
Es ist ein europäisches Vorurteil zu denken, die afrikanische Frau sei unterdrückt. Sie läßt dem Mann lediglich die Illusion seiner Überlegenheit. Wenn die Frauen streiken, passiert gar nichts mehr, denn alles läuft über sie, die Familie, der Haushalt, die Ernährung.
Die Kolonialherren haben damals den gleichen Fehler begangen wie Sie, indem sie dachten, die afrikanische Gesellschaft sei ein Patriarchat.
Als 1942 Frankreich von Pétain regiert wurde, mußten die Kolonien Frankreich ernähren. Die französische Armee ist in die afrikanischen
Dörfer einmarschiert, um sich dort Reis zu holen. Weil die Männer keine Waffen hatten, um gegen die Franzosen zu kämpfen, sind sie
geflohen. Und die Armee hat die Frauen gefangen genommen, weil sie dachte, so kämen die Männer zurück, um ihnen den Reis zu geben. Aber
der Reis gehört den Frauen. Und die haben einfach gar nichts gemacht. Und so haben die Franzosen keinen Reis bekommen.
WELT: Hat sich daran bis heute etwas verändert?
Sembène:
Ich erzähle Ihnen nun eine Geschichte aus dem Jahr 2006. Etwa zehn Kilometer vor Nairobi in Kenia gab es einen Aufstand der Frauen. Sie wurden von ihren Männern geschlagen, sie wurden beschnitten und konnten das nicht mehr ertragen. Alle Frauen haben ihre Männer verlassen. Sie haben ihre Kinder mitgenommen und sich in einem Dorf verbarrikadiert, zu dem Männer keinen Zutritt haben. Sie versorgen sich selbst und verkaufen Schmuck für die Touristen. Wenn eine Frau Kontakt zu einem Mann will, muß sie für diese Zeit das Dorf verlassen. Ansonsten leben sie, wie gewohnt, nur eben ohne Männer. Sie brauchen keine, denn sie haben gemerkt, daß sie ihre eigene wirtschaftliche Grundlage bilden. Die
Männer waren nur zur Zeugung da. Und schon nach wenigen Tagen sind sie um das Dorf geschlichen, weil sie nichts mehr zu essen hatten. Gab es
einen solchen Aufstand jemals in der europäischen Geschichte?
WELT:Sie haben auch eine andere Sicht auf den Islam. Wir ängstigen uns vor einem arabischen Islam fundamentalistischer Prägung, während der in Ihren Filmen eher aufgeklärt wirkt.
Sembène:
Es gibt in Europa eine absolute Unkenntnis über den Islam. Und zwar seit den Kreuzzügen. Zwei meiner Brüder sind Imame und ich lebe nicht im Widerspruch mit ihnen. Die europäische Wahrnehmung des Islam ist eine ganz andere als unsere. Der Islam ist wie alle Religionen: Sie werden von den Menschen interpretiert.
WELT: In Deutschland gibt es Intellektuelle, die Kritikern der Beschneidungspraxis wie Ayan Hirsi Ali vorwerfen, sie würden die Betroffenen kulturell bevormunden.
Sembène:
Ja, ich habe von ihr gehört. Auch was die Beschneidung betrifft, herrscht eine völlige Unkenntnis. Die Riten sind von Ort zu Ort sehr unterschiedlich. Es sind kulturelle Praktiken, nicht religiöse. In Ägypten werden die Frauen ganz aseptisch in den großen Krankenhäusern beschnitten. Das ist die arabisch-moslemische Tradition. In Saudi-Arabien oder in Kuwait praktiziert man überhaupt keine Beschneidung. In Indonesien gibt es mehr Moslems als in irgendeinem anderen Land, aber es gibt keine Beschneidung. In Äthiopien werden die Frauen fast komplett zugenäht. Aber ich kenne Eritreerinnen, die für die Unabhängigkeit von Äthiopien gekämpft haben und sich noch während des Kampfes beschneiden ließen. Im Senegal ist die Beschneidung von Mädchen und Frauen gesetzlich verboten. Die Praxis ist voller Widersprüche. Sie hat nichts mit Religion zu tun. Wer dagegen ankämpft, den kann man nur unterstützen.
Das Interview führte Antje Schmelcher.
16. Mai 2006 WELT

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swr 7.7.2006
Senegalesische Fischer profitieren von illegaler Migration   Von Matthias Stelte,
Die Perspektivlosigkeit in vielen Staaten Afrikas treibt immer mehr Menschen in die Flucht nach Europa. Viele versuchen in einem Fischerboot von Senegal aus die Kanarischen Inseln zu erreichen. Die Schlepper sind oftmals Fischer - denn mit den Fahrten ist mehr Geld zu verdienen als mit dem Fischfang. An dieser Entwicklung trägt auch die EU Mitschuld, die seit Jahrzehnten die Gewässer in Westafrika leerfischt. Von Matthias Stelte,

Das große Ziel heißt Europa.
Tausende junger Senegalesen träumen davon, in Europa zu leben, Geld zu verdienen und nach ein paar Jahren wieder zurückzukehren. Ein Haus für die Familie bauen und ein kleines Geschäft aufmachen.
Um diesen Traum zu verwirklichen, riskieren immer mehr Senegalesen ihr Leben. Denn der vermeintlich sicherste Weg nach Europa führt sie 1200 Kilometer über das Meer auf die Kanarischen Inseln. In einer Pirogge, einem Fischerboot aus Holz, wagen sie die mehrtägige Überfahrt. Angekommen auf den Kanaren, hoffen sie den Sprung nach Spanien oder ins übrige europäische Festland zu schaffen.
So ist die illegale Einwanderung eine neue Einnahmequelle für die Fischer geworden. Als Hochseefischer kennen sie sich auf dem Meer aus. Umgerechnet 600 Euro zahlen die Menschen für eine Fahrt ins Ungewisse, ungefähr 50 Personen finden in einer Pirogge Platz. Das bedeutet viel Geld für die Fischer. Normalerweise bleiben ihnen, nach zehn Tagen Fang auf hoher See, 150 Euro, berichtet der Fischer Pape Coly Ndiaye einer Nachrichtenagentur. Dabei sind sich sowohl die Fischer als auch ihre Passagiere bewusst, welchem Risiko sie sich aussetzen. "Es ist unmöglich für uns ein Visum für Europa zu bekommen, also versuchen wir auf dem Seeweg nach Europa zu gelangen. Auch wenn wir so unser Leben riskieren", erzählt Aly Guèye, einer der jungen Menschen, die versuchen, nach Europa zu kommen.
Fischereiabkommen bestehen seit 1981
Zu dieser Entwicklung trug auch die Europäische Union (EU) bei, und zwar direkt vor der westafrikanischen Küste. Für viele Menschen ist die Fischerei die Haupteinnahmequelle im Senegal, Fisch ist ein Grundnahrungsmittel in dem Küstenstaat. Doch die einheimischen Fischer bekamen in den vergangenen Jahren Konkurrenz: aus der EU. Seit 1981 verkauft Senegal einen Teil seiner Fischfangrechte unter anderem an die EU. Und deren hochmoderne Fangflotte fischt vor den Augen der senegalesischen Kleinfischer das Meer leer. Der Fischereiexperte Daniel Pauly erklärte kürzlich auf einer Konferenz des Word Wide Fund WWF, dass in den vergangenen 20 Jahren die Grundfischbestände in den Gewässern Westafrikas um die Hälfte zurückgegangen seien. Dieser Trend sei entlang der gesamten Westküste Afrikas zu beobachten. Als Hauptverantwortliche macht er die Flotten der EU aus, auch Russland und einige asiatische Länder tragen mit ihren kleineren Flotten Mitschuld.
Fischbestände schon um die Hälfte geschrumpft
Bislang ignorierte die EU die Warnungen der Biologen, dass bald auch die einst so fischreichen Gewässer des Atlantiks nur noch wenig hergeben. Dabei verpflichtete sich die EU 2003 offiziell zu einer "nachhaltigen Entwicklung der Aquakultur". Bestands-und Artenschutz sowie Bekämpfung der illegalen Fischerei sind zwei der zentralen Punkte dieser neuen Politik.
Das letzte Abkommen zwischen der EU und Senegal wurde 2002 abgeschlossen und umfasste ein Volumen von 64 Millionen Euro. Senegal erhält jährlich 16 Millionen Euro, im Gegenzug darf die EU mehrere Tonnen Fisch und Krebstiere monatlich abfischen. Es ist unmöglich für die senegalesischen Fischer, mit den mit Schleppnetzen ausgerüsteten Trawlern, die alles aus dem Wasser herausfischen, zu konkurrieren. Derzeit verhandeln Senegal und EU über die Verlängerung des Abkommens. http://www.swr.de/nachrichten/-/id=396/nid=396/did=1376200/1q9thdz/

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taz 4.7.2006

Senegal wirft EU-Fischereiflotten raus
Die EU darf nicht mehr vor der Küste Senegals fischen, weil die Verhandlungen über ein Fischereiabkommen gescheitert sind. Die afrikanischen Fischer machen ihre europäischen Konkurrenten für die Krise ihres Wirtschaftssektors verantwortlich VON DOMINIC JOHNSON

Die EU muss ihre Fischereiflotten aus den Gewässern Senegals abziehen. Das ist die Konsequenz aus dem Scheitern der jüngsten Runde der Verhandlungen über eine Erneuerung des Fischereiabkommens zwischen EU und Senegal. Es gestattete europäischen Fangflotten privilegierten Zugang zu den Fischgründen Senegals und denen der meisten anderen Länder Westafrikas. Wie Senegals Medien gestern berichteten, wurden die Gespräche am Freitag ergebnislos beendet. Als Konsequenz lief das geltende Fischereiabkommen in der Nacht zum vergangenen Samstag ersatzlos aus. Der für Fischerei zuständige EU-Generaldirektor César Deben erklärte in der senegalesischen Hauptstadt Dakar, dies bedeute unmittelbar den Abzug europäischer Fischkutter aus Senegals Gewässern.
In Senegal erwirtschaftet die Fischerei ein Drittel der Exporteinnahmen des Landes. In den letzten Monaten hat es mehrfach Protestaktionen senegalesischer Fischer gegen eine Neuauflage des EU-Abkommen gegeben, da die industrielle europäische Fischerei für die zunehmende Krise der einheimischen Kleinfischerei verantwortlich gemacht wird. Weil der Bevölkerung nur ein leergefischtes Meer bliebe, würde die EU-Fischereiflotte die illegale Emigration aus Westafrika in Richtung Europa fördern - so die Vorwürfe der Fischer. Sie nimmt häufig in Fischerdörfern ihren Ausgang. Senegalesische Fischer haben in jüngster Zeit Auswanderern ihre Boote zur Reise auf die Kanaren zur Verfügung gestellt.
Nach dem bisherigen Fischereiabkommen aus dem Jahr 2002, das eine Laufzeit von vier Jahren hatte und am 30. Juni abgelaufen ist, zahlte die EU Senegal jährlich 16 Millionen Euro für Fischereierlaubnis. Als Reaktion auf senegalesische Proteste hatte die EU für das neue Abkommen ab Juli 2006 angeboten, die Fangmengen um 60 Prozent zu reduzieren. Allerdings wollte die EU dafür auch entsprechend weniger Geld zahlen. Das lehne die senegalesische Seite jedoch ab, sagte EU-Generaldirektor Deben.
Senegals Minister für Seewirtschaft, Djibo Ka, versuchte, den Konflikt herunterzuspielen: "Solche Verhandlungen können Jahre dauern", erklärte er. Für das Abkommen von 2002 seien neun Verhandlungsrunden nötig gewesen. Diesmal habe man erst zwei hinter sich gebracht. "Das ist doch kein Grund zur Aufregung", so Djibo Ka.
"Es ist bedauerlich, dass von 22 afrikanischen Ländern, die mit der EU Fischereiabkommen geschlossen haben, bei Senegal und Mauretanien eine Neuauflage des Abkommens noch aussteht", sagte EU-Generaldirektor Deben. Er warnte, durch das Auslaufen des Abkommens würden senegalesische Arbeiter auf europäischen Fischkuttern arbeitslos. Das drohte den Senegalesen aber schon eh: denn die EU will die bestehenden Quoten zur Beschäftigung von Arbeitern aus dem jeweiligen Land durch eine allgemeine Quote für Bürger sämtlicher ehemaliger europäischer Kolonien in Afrika, der Karibik und im Pazifik ersetzen.
taz Nr. 8012 vom 4.7.2006, Seite 7
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tagesanzeiger 7.7.2006

Kleine Fische an der Angel haben
Seit kurzem sind in der Schweiz Fische aus dem Saloumdelta in Senegal erhältlich. Ein eindrückliches Beispiel für nachhaltiges Fischmanagement.
Von Barbara Reye, Foundiougne

Der Kapitän dreht den Motor auf. Mit lautem Geknatter fegt er mit seiner alten Piroge über das vom Wind aufgepeitschte Wasser in Senegals grösstem Mündungsdelta Saloum. Vorbei an Mangroven, Palmen oder vereinzelten Affenbrotbäumen, aber auch vorbei an nackten, völlig versalzten Böden, wo nichts mehr wächst.
Mit rasantem Tempo steuert das Boot in Richtung des Dorfes Fakayo. Die Menschen, die dort bei Temperaturen um die vierzig Grad Celsius leben, wohnen in kleinen Ziegelbauten mit Wellblechdach oder Hütten aus Lehm und Blättern. Es sind fast alles Fischerfamilien, die versuchen, sich mit ihren Fängen über Wasser zu halten. Ein unermüdlicher Kampf ums Überleben, der ihnen viel abverlangt. «Vier von meinen neun Kindern sind gestorben», berichtet die Fischhändlerin Mariama Sarr, die wie viele in ihrem Dorf Analphabetin ist und mit 14 Jahren verheiratet wurde.

Fairer Handel
Das Schweizer Projekt fair-fish zahlt ihnen und den Bewohnern aus anderen Dörfern im Saloumdelta rund doppelt so viel für ihre Fische, wie sie bisher von lokalen Fischhändlern erhalten haben. Wenn alles nach Plan läuft, sollen die ersten Filets aus dem Flussdelta bereits ab Oktober sogar in der Migros verkauft werden. Für die abseits jeglicher Zivilisation gelegene Region ist diese gigantische Bestellung eine enorme Herausforderung, aber auch eine Chance. Ein grosser Fisch sozusagen.
Heftig schlagen die Wellen gegen die Piroge. Ousmane Bâ, der gern Adidas-Trainingshose und T-Shirt trägt, scheint dies nicht zu stören. Er ist die Ruhe in Person und schöpft das hineingespritzte Wasser aus dem Boot. Als Waisenkind wurde er damals von einem katholischen Priester aufgenommen. «Das war mein Glück», sagt der Gartenbaufachmann aus Foundiougne im schaukelnden Boot. «Mein Adoptivvater achtete darauf, dass ich die Schule und als Muslim die Moschee besuchte.»
Der 33-jährige Senegalese, der von klein auf schon zum Fischen ging, ist jetzt von fair-fish fest angestellt und für das gesamte Departement Foundiougne verantwortlich. Sein Job ist es, den Fischern in all den Dörfern Eis für den Transport der Fische zu bringen, die Bestellungen zu koordinieren und die Fracht zu kontrollieren. Ein äusserst schwieriges Unterfangen, zumal die Hitze dort gnadenlos ist und vor allem die Infrastruktur fehlt. Dennoch: Ganz nach dem Motto «inschallah», so Gott will, funktioniert es meistens.
Hinter dem Verein fair-fish steckt der Schweizer Sozialpsychologe und Tierschützer Heinzpeter Studer. Zusammen mit dem senegalesischen Ozeanografen Ameth Diop hat er sich das ehrgeizige Ziel gesteckt, die Fischerei im Saloumdelta und an anderen Küstenorten in wenigen Monaten so weit zu bringen, dass drei bis vier Tonnen Fisch pro Woche gefangen werden. Und zwar nach strengen Auflagen. Alles soll «fair» sein. Der Fang der Tiere, der Preis für die Fischer und ihre Frauen sowie der Beitrag zum Klimaschutz, bei dem alle CO2-relevanten Energieverbräuche auf Grund des Transports mit Boot, Lastwagen und Flugzeug durch klimaschonende Projekte in Senegal später kompensiert werden sollen.

Erst betäuben, dann töten
Außerdem dürfen nur bestimmte Fischarten, wie etwa der Nilbuntbarsch oder die Meeräsche, die in ihren Beständen nicht bedroht sind, mit den dort traditionellen Methoden gefangen werden. Wichtig ist auch, dass der Fisch nicht lang im Netz zappelt, sondern schnell getötet wird. Mit einem speziellen Stab aus Stahl bekommen somit alle Tiere einen kräftigen Schlag auf den Kopf und werden dadurch betäubt. In diesem Zustand macht der Fischer dann einen Kiemenschnitt, damit das Tier schmerzfrei ausbluten kann.
Der Fischer Lamine Sarr, der um die 50 Jahre alt ist und früher mal auf einem grossen Schiff unter italienischer Flagge anheuerte, ist von dem Projekt begeistert. Er würde dabei mehr verdienen, immerhin seien sie eine große Familie im Dorf Rofangué, und er allein schon habe zehn Kinder. Lamine Sarr ist stolzer Besitzer einer Piroge. Auf dem Fluss lenkt er das Boot mit einer aus Baustahl zusammengeschweißten Pinne. Als er anhält, wirft einer seiner beiden Söhne vom Bug aus den Anker. Und sein Neffe springt vollständig bekleidet ins seichte, salzhaltige Wasser.
Nun legen die anderen Bootsinsassen das ein paar Hundert Meter lange Kiemennetz «felé felé» per Hand aus. Es umkreist den Schwarm und wird kurz darauf Zug um Zug in die Piroge gehoben. Im Dorf Soum stehen die Fischer dagegen allesamt im flachen Wasser. Jeder hat ein rund ein Meter breites rundes Diala-Netz am Boden des Flusses befestigt und lockt gefrässige Nilbuntbarsche mit Hirsekleie an. Zusammen haben die beiden Dörfer an zwei Tagen rund 180 Kilogramm Fisch für fair-fish gefangen. Dieser soll am nächsten Tag, zusammen mit Fischen von weiteren Dörfern, für verschiedene Einzelbestellungen von Schweizer Restaurants und privaten Kunden von Dakar über Frankfurt nach Zürich geliefert werden.
«Das größte Problem ist das Benzin», sagt Ameth Diop. In Foundiougne hätten sie nur eine Tankstelle, die einzige weit und breit, die aber oft keinen Sprit mehr habe. Neulich habe es für den Transport der Fische etwa in Fakayo keinen einzigen Tropfen mehr gehabt. Was tun? Guter Rat ist dann teuer. Denn im Dorf besteht keine Möglichkeit, den Fisch über mehrere Stunden zu kühlen. Kein Gefrierfach, kein Kühlschrank, nur etwas Schatten hier und dort unter einem Baum. Ein 70-jähriger Mann ist dann wie früher, als es bei ihnen noch keine Motoren gab, mit der gesamten Fracht mehrere Kilometer bis nach Foundiougne zum Sammelplatz gerudert. Eine beachtliche Leistung mitten in der Nacht – drei Stunden hin, drei Stunden zurück.

Starkes Unwetter

Auch das Wetter hält manche Überraschung bereit. Auf Grund eines heftigen Gewitters fällt der Strom aus, und kurz darauf das Wasser. Inschallah! Und es heißt, Geduld, Geduld und nochmals Geduld, bis alles wieder geht. Solche Pannen gehören in der Gegend zum Alltag. Dies weiss auch der Senegal-Kenner Heinzpeter Studer, dem neulich fast die Decke auf den Kopf gefallen ist. «In der Gewitternacht hatte es in meinem Bungalow fürchterlich geknallt, danach lag direkt neben meinem Bett das aufgeweichte Baumaterial.» Mit einem Schrecken sei er davongekommen.
Im Saloumdelta muss man auf vieles gefasst sein und die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Als die fair-fish-Crew in der folgenden Nacht endlich den Fisch von Foundiougne nach Dakar transportieren will, verzögert sich die Fahrt mehrmals. Zuerst hat der Chauffeur verschlafen, dann gibt es auf der anderen Uferseite des Flusses in N’Dakhonga auf einmal kein Licht mehr. Erst nach längerem Suchmanöver mit einer kleinen Kopflampe hat der Kapitän der Piroge die Bootsanlegestelle gefunden. Juchee! Inschallah!
Und die 25 Kühlboxen mitsamt ihrem wertvollen Exportgut, die auf dem Dach des Busses mit Seilen festgezurrt wurden, haben die rund 180 Kilometer lange Strecke bis in die Fischfabrik nach Dakar gut überstanden, auch die unzähligen Schlaglöcher auf der am Anfang ungeteerten Piste. «Es ist immer ein Abenteuer», sagt Heinzpeter Studer. «Und wenn es klappt, macht es richtig Spaß.»

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tz-online, 9.8.2006
Flüchtlingsboot mit 172 Afrikanern auf Kanaren gelandet

Santa Cruz (dpa) - Mit 172 Afrikanern an Bord hat ein Flüchtlingsboot die kanarische Insel Hierro erreicht. Wie die spanischen Behörden mitteilten, war dies die größte Zahl von Zuwanderern, die jemals in einem einzelnen Boot dieser Art die Inselgruppe erreicht haben. Die Flüchtlinge seien vor zwölf Tagen im westafrikanischen Land Senegal zu der Überfahrt in See gestochen. Seit Jahresbeginn gelangten 15 000 illegale Zuwanderer aus Afrika auf die Kanaren, drei Mal so viel wie im gesamten Vorjahr.

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WAZ 5.9.2006
Per Internet nach Europa
Die Zahl der illegalen afrikanischen Einwanderer steigt. Im Netz finden Flüchtlingen genaue Informationen zur Organisation der Reise. Spanien will nun seine Grenzen "dichtmachen".

Madrid. Die Beschreibung des Flüchtlingslebens in Spanien klingt verlockend und ganz nach einem Paradies: "Dort wirst du besser essen als im Senegal, hast eine kostenlose Unterkunft und wirst auch noch gratis telefonieren können." Mit solchen Sprüchen werben afrikanische
Internetseiten unter ihren Landsleuten für eine Auswanderung nach Europa. Besonders Spanien steht in dem Ruf, das toleranteste Land der Welt in Sachen Ausländerpolitik zu sein.
Kein Wunder, dass angesichts solcher Verheißungen vom gelobten Land die Zahl der Flüchtlinge, die auf den Kanarischen Inseln ankommen, immer mehr zunimmt. Knapp 600 illegale Immigranten landen derzeit täglich auf den zu Spanien gehörenden Inseln; insgesamt 22 000 seit Jahresanfang. Dazu kommen weitere 5000 Afrikaner, die seit Januar mit ihren Booten an der südspanischen Festlandküste antrieben. Vieles deutet darauf hin, dass dies erst der Anfang und nicht das Ende einer Wanderungsbewegung Richtung Europa ist.
"Die massiven Bootsfahrten sind eine gute Lösung für die senegalesischen Männer - besonders für die jungen", heißt es etwa auf einer afrikanischen Internetseite. Und es ist auch ganz einfach: "Wenn alle Männer eines Dorfes ihr Geld zusammenlegen, können sie ohne Probleme ein Boot kaufen. Ein Kahn mit einem guten Motor kostet nicht mehr als 4500 Euro - also bei 50 Passagieren nicht mehr als 50 Euro pro Kopf. Für Benzin, Lebensmittel und Schwimmwesten müssen noch einmal 150 Euro pro Nase kalkuliert werden", so die Hinweise auf der Internetseite. Wenn die Fahrt gut organisiert werde, "gibt es kein Risiko bei der Fahrt übers Meer".
Auch wird den Immigranten geraten, ihre Ausweispapiere vor der Abfahrt wegzuwerfen. "Nicht identifizierbar zu sein, ist der Schlüssel zum Erfolg." In der Tat können die spanischen Behörden derzeit nur rund zehn Prozent der illegalen Einwanderer abschieben. Die Mehrheit muss spätestens nach 40 Tagen mangels Herkunftsnachweises auf freien Fuß gesetzt werden. Einmal in der Freiheit, wirbt die Website weiter, könne man sich im grenzenlosen Europa "das Land aussuchen".
Ähnliche Anleitungen für illegale Einwanderer finden sich auch auf anderen Internetseiten, die sogar Fahrtrouten, Orientierung auf dem Meer und die besten Landungspunkte auf den Kanarischen Inseln beschreiben. In vielen afrikanischen Städten und Dörfern gibt es inzwischen Internetcafés, vor denen die jungen Männer Schlange stehen, um die Welt wenigstens per Internet zu entdecken. Diese Gebrauchsanweisungen für die illegale Einreise nach Europa passt zu den Berichten der auf den Kanaren Ankommenden, die meist nicht mit irgendeiner Schleuserbande über das Meer gereist sind, sondern ihre Bootspassage selbst organisiert haben.
Die spanische Regierung unter Ministerpräsident José Luis Zapatero drohte derweil, "dass alle, die illegal nach Spanien kommen, früher oder später das Land wieder verlassen müssen". Eine Ankündigung, die sich nur schwer umsetzen lässt. Außenminister Miguel Angel Moratinos forderte, dass Spanien seine Grenzen weiter "dichtmachen" müsse. Moratinos zeigte aber zugleich Verständnis für die Illegalen, die "getrieben werden von Armut, Ungleichgewichten, Arbeitslosigkeit, Mangel an Zukunftsperspektiven, politischer Instabilität, fehlenden Menschenrechten und Unwürdigkeit der Lebensbedingungen".
05.09.2006 Ralph Schulze


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chrismon 10/2006
Bloß weg hier

Ohne Gebet ist Lamine Gueye tagsüber nicht in Form, sagt er. Ohne Gebet verlässt er nie das Haus. Wenn der Muezzin früh um halb sechs ruft, hat sich Lamine Gueye, 31, sein Gewand übergestreift, Hände, Kopf und Füße gewaschen und die Gebetsmatte zwischen dem Bett der Mutter und der Schlafmatte der Schwester in Richtung Mekka ausgerollt.
Derzeit muss Lamine Gueye besonders gut in Form sein. Er ist Reporter beim Lokalradio Oxyjeunes in Pikine, einer Vorstadt von Dakar mit 1,5 Millionen Einwohnern. Der Sender macht neuerdings Stimmung gegen die Auswanderung übers Meer. Lamine Gueye ist für die Sendereihe zuständig. Er berichtet über Flüchtlinge, fragt Passanten auf der Straße und moderiert Debatten über die „heimliche Auswanderung“. So nennen sie im Senegal den Versuch, mit Holzbooten übers offene Meer auf die Kanarischen Inseln zu schippern. Nicht aus Verzweiflung. Sondern weil sie ehrgeizig sind. Sie wollen den Wohlstand, den sich schon ihre Brüder und Nachbarn in Europa verdienten: Auto, Haus, Geld für eine eigene Familie.

Lamine Gueye: 15 Uhr 40 im Studio von Radio Oxyjeunes für Pikine und Dakar auf 103,4. Heute geht es wieder um die heimliche Auswanderung. Bei mir im Studio: Mbaye Sène, der acht Jahre in Europa gelebt hat. Mbaye Sène, wie ist es für einen Senegalesen, der in Italien oder Spanien ankommt?
Der Heimkehrer: Um die Wahrheit zu sagen: Mein erstes Gefühl in Europa war Enttäuschung.
Lamine Gueye: Warum?
Der Heimkehrer: Im Senegal denkst du, Europa ist das Eldorado, das Paradies auf Erden. Aber als ich 1997 in Venedig ankam, dachte ich, ich würde dort niemals meinen Platz finden.
Lamine Gueye: Wie sind Sie dahin gekommen?
Der Heimkehrer: Ein Bruder und Cousins waren schon da.
Lamine Gueye: Wie lange dauerte es, Arbeit zu finden?
Der Heimkehrer: Neun Monate. Ich kam im Winter an, bei minus drei Grad. Arbeit zu finden, hängt von vielem ab. Am Anfang ist es schon wegen der Sprache schwierig. Du kannst dich mit keinem unterhalten. Ich hatte keine Papiere.
Lamine Gueye: Nun besitzen Sie ein Haus. War es das wert?
Der Heimkehrer: Ich war immer drauf und dran, zum Flughafen zu laufen und zurückzufliegen. Zuhause sind die Geschwister, meine Familie. Ich habe Tag und Nacht an den Senegal gedacht.

Bis Radioreporter Lamine Gueye 25 Jahre alt war, wollte er selbst auswandern, legal mit einem Studentenvisum. Aber dafür reichten die Noten nicht. Weil er nicht weiß, wie er jemals das Geld für eine Hochzeit und eine eigene Familie zusammenbekommen soll, wohnt er noch bei seiner Mutter, seinen Schwestern und Nichten hinter der sandbraunen Mauer schräg gegenüber der Moschee. Zu zehnt auf 40 Quadratmetern. Im hellblau getünchten Haus schauen sich die Nichten schon am Vormittag französische TV-Soaps an, fasziniert vom Liebeskummer blonder Frauen in modern eingerichteten Pariser Wohnungen.
Eine andere Schwester lernte im Frühjahr einen weißen Franzosen kennen und heiratete ihn. Es ging schnell, dann war sie weg – in Europa. Der Bruder war schon vor zehn Jahren zum Landwirtschaftsstudium nach Belgien gezogen, mit einem senegalesischen Stipendium, aber auch er blieb, in Belgien.
Bei Lamine Gueyes Nachbarn parkt ein silbergrauer Mercedes-Benz: „Der Sohn, zu Besuch aus Deutschland.“ Über die Sandpisten im Lehmhüttenmeer läuft der Radioreporter zur geteerten Hauptstraße. An der Ecke, dort, wo seine frühere Schule steht, -verkauft eine zahnlose Frau Hölzer zum Zähnereinigen, jemand preist afrikanische Heilkräuter an, die einzig bezahlbare Medizin.
Bevor Lamine Gueye fürs Radio arbeitete, organisierte er Ferienturniere für seine fußballverrückten Landsleute. Mit Spielern aus Pikine, die auch für die nationale Liga spielen. In diesem Jahr trat die Mannschaft aus dem Stadtteil Thiaroye nicht an. Zu viele Spieler waren mit Holzbooten unterwegs Richtung Kanaren.

Lamine Gueye: Radio Oxyjeunes auf 103,4. Bei uns ist der Leiter des Jugendheims in Thiaroye-sur-Mer, einem stark betroffenen Stadtteil. Schon immer gab es bei uns Auswanderung, aber nie so viel wie heute. Was treibt die Jugend fort?
Der Jugendheimleiter: Die totale Perspektivlosigkeit. Das muss mal gesagt werden. Vor der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 hat Abdoulaye Wade gefragt: „Wer hat keine Arbeit?“ Die Jugend rief: „Ich, ich, ich habe keinen Job!“ Seit Abdoulaye Wade Präsident ist, hat sich nichts geändert. Auswanderung gab es immer, aber seit 2006 ist sie unkontrollierbar geworden. Das ist die Schuld der Regierung, das muss mal gesagt werden.
Lamine Gueye: Nehmen die Senegalesen den Weg übers Meer, weil sie keine Visa bekommen?
Der Jugendheimleiter: Genau. In die USA kommt man leichter. 2000 war ich legal in den USA. Versuchen Sie mal, so nach Europa zu kommen: wahnsinnig schwer! Stellen Sie sich vor, jemand bezahlt viel Geld fürs Visum, reicht alle Dokumente bei der Botschaft ein: Man verweigert ihm trotzdem das Visum! Er ist frustriert! Das müsste viel besser organisiert sein.

Das Radio bekommt sein Geld von westlichen Entwicklungshilfeorganisationen. Ein kanadischer Sponsor finanzierte zudem ein Gebäude für die Stadtverwaltung – unter der Bedingung, dass hier auch der Lokalsender unterkommt. So muss der Bürgermeister zähneknirschend zuhören, wie das Radio darüber berichtet, dass die Stadt die Bauarbeiter an der Bahnlinie nicht auszahlt. Warum der Müll auf den Straßen liegen bleibt. Warum Aids eine gefährliche Krankheit ist. „Ich warte nicht, bis der Gesundheitsminister den Leuten sagt: Nehmt Kondome, um euch gegen Aids zu schützen. Ich sage es lieber selbst“, sagt einer der Gründer von Oxyjeunes. 1999, im ersten Jahr des Senders, hatte es sechs Gründer gegeben. Dann tauchte einer bei einer Fortbildungsreise in Italien unter. „Geldprobleme“, heißt es.
Lamine Gueye ist seit Juni 2005 dabei. Ein Redakteur hatte ihn gefragt, ob er nicht mitmachen wolle. Das Radio sei eine gute Schule zur persönlichen Bildung, sagt Lamine Gueye. Im März 2006 bat ihn der Programmdirektor, eine Sendereihe über die heimliche Auswanderung zu leiten. Warum Lamine Gueye? „Er hat das intellektuelle Niveau und den Kontakt zu den Leuten“, sagt der Direktor. „Er kennt ihre Probleme.“

Lamine Gueye: Im Sender ist Mbaye Sène, der acht Jahre in Europa gelebt hat. Was sagen Sie Jugendlichen, die, koste es, was es wolle, nach Europa aufbrechen: Wie ist das Leben dort?
Der Heimkehrer: Im Senegal bleiben ist schwer. Aber es ist noch schwerer, den Leuten zu sagen, sie sollen nicht emigrieren. Sie fragen: Warum soll ich bleiben? – Aber in Europa ist eine Krise. Die Arbeitsbedingungen sind schwierig. Bis in die Neunziger war es schon schwer, Arbeit zu finden. Und seit Osteuropa seine Grenzen geöffnet hat, ist es für uns Afrikaner noch schlimmer geworden.
Lamine Gueye: Meinen Sie damit: Manche schaffen es bis Europa, aber sie finden keine Arbeit?
Der Heimkehrer: Wie die Europäer sagen: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Was ich sagen will: Wer nach Europa will, sollte sich ein Visum besorgen. Und nicht den Weg über das Meer nehmen.

Die Tür zum Sender steht offen. Durch den acht Meter langen Flur weht ein kühler Luftzug. Am Ende des Ganges wartet ein Mann mit dünnem Kinnbart auf einer Holzbank. Im Ohr steckt ein drahtloses Headset für sein Mobiltelefon. „Sekane Fall“, stellt er sich mit gurgelnder Bassstimme vor, „ich sollte in den Sender kommen.“ – „Waren Sie auf dem Boot, das es nicht auf die Kanaren geschafft hat?“, fragt Lamine Gueye. Der andere nickt.
Lamine Gueye führt den Mann durch eine Holztür ins klimatisierte Aufnahmestudio. Abgedunkelte Fenster, stoffbespannte Holztrennwände, ein runder Tisch mit Mikrofonen. Aus den Kopfhörern tönt der Näselgesang der Sängerin Kine Lam: Mbalakh, afrikanischer Pop. Durch eine verschmierte Scheibe gibt die Tontechnikerin das Handzeichen. Das Interview beginnt.
Sekane Fall erzählt von seinen Brüdern. Einer floh über Marokko auf die Kanaren und fährt jetzt in Spanien Lkw. Einer setzte von Tunesien nach Italien über und ist Fabrikarbeiter. Seine Schwester bekam ein Visum für Spanien und arbeitet legal als Friseurin. Und Sekane Fall erzählt von den eigenen Fluchtversuchen. Wie Marokkaner für ihn und andere Senegalesen ein Boot zimmerten. Es war undicht, die Flucht scheiterte, umgerechnet 1000 Euro waren futsch. Im Februar 2006 hörte er, dass in Spanien brasilianische Plantagenarbeiter streikten. Er dachte: „Die Spanier brauchen uns.“ Den Marokkanern traute er nicht mehr. Mit 81 Leuten stach er im Norden des Senegal in See. Fünf Tage sollte die Fahrt dauern, nach einer Woche ging der Sprit aus, 300 Kilometer vor den Kanaren. Sekane Fall legte sich ins Boot, schloss mit dem Leben ab. Am elften Tag rettete die marokkanische Küstenwache die Flüchtlinge und wies sie nach Mauretanien aus.
Nachmittags verabredet sich Lamine Gueye mit Sekane Fall im Armenviertel Thiaroye. Er sucht Stoff für weitere Sendungen, und die Geschichte von Sekane Fall könnte da ergiebig sein. Zusammen hören sie sich im Kofferradio die heutige Debatte an.
Lamine Gueye: Frage an den Vorsitzenden der Stadtentwicklungsinitiative SOS-Vorstadt, Ousmane Boye: Wer hält die Jugend zurück?
Der Stadtentwickler: Wo ist der Staat verantwortlich, wo die Bevölkerung? Es gab Eltern, die ihr Haus verkaufen wollten, damit ihre Kinder nach Europa aufbrechen. Die Rechnung geht nicht auf! Die Jugendlichen verlassen Thiaroye mit Pirogen. Eine Piroge kann niemanden in den Norden bringen, unmöglich!

Der Jugendheimleiter: Natürlich geht es!
Der Stadtentwickler: Nein!
Der Jugendheimleiter: Viele sind schon da. Sie sind auf Pirogen los und haben von Europa aus ihre Familien angerufen!
Der Stadtentwickler: Sie sind gar nicht in Spanien. Sie sind auf den Kanaren!
Lamine Gueye: Das ist Spanien, mein Lieber, das ist Spanien!
Der Stadtentwickler: Aber wie viele haben es nicht geschafft? Die Jungen müssen wissen: Ihr riskiert euer Leben. Und wer in Europa ankommt, scheitert. Ein winziger Teil schafft es. Die meisten leben unter Bedingungen, die sie sich nicht vorgestellt haben.
Der Jugendheimleiter: Mal ehrlich: Ist es wirklich besser, 500 000 CFA-Francs (rund 762 Euro) im Senegal zu investieren als in die Flucht? Mit dem, was ich in den USA verdiente, habe ich hier ein Geschäft gegründet. Das Geschäft hier wirft lächerlich wenig ab im Vergleich zu dem, was ich in den USA bekam. Mit dem Gewinn kann ich nicht mal meine Familie versorgen.

Thiaroye liegt am Meer. Eselskarren, Telefonläden, ein Verschlag, davor ein Krankenwagen, gestiftet von einer Gemeinde in Italien. – „Man bekommt zu essen, hat einen Ort zum Schlafen“, sagt Sekane Fall. „Aber: Ich habe keine Arbeit, ich kann nichts Eigenes aufbauen, nicht heiraten.“ Das Zimmer im Haus seiner Mutter ist zwölf Quadratmeter groß. Bett, Sessel, Anrichte mit Fernseher, ein Computer mit Internetanschluss. An der Wand hängt ein Zeugnis der „Kreditanstalt für Wiederaufbau“: Sekane Fall hat in einem Entwicklungsprojekt gearbeitet. Nach einem halben Jahr zahlten die afrikanischen Partner das Gehalt nicht mehr aus. Damals beschloss Sekane Fall, das Land zu verlassen.
Sekane Fall sagt, er kenne über hundert Leute, die aus Thiaroye abgehauen seien, von denen er nie wieder etwas gehört habe. Wenn man sich auf seinem Balkon vorbeugt, sieht man ein weiß getünchtes Haus, davor ein silbergrauer Seat. „Aus dem Haus ist auch einer ertrunken“, sagt Sekane. – Woher der Seat kommt? „Der Bruder ist zu Besuch aus Europa. Der hat es geschafft.“

Sekane Fall geht mit Lamine Gueye an den Strand. Ein Mann springt ihnen entgegen. „He, weißt du noch?“, ruft er. Es ist Mbaye, er war mit im Boot Richtung Kanaren. Mbaye kauft Fische von den Fischern und verkauft sie auf dem Markt. Aber seit die EU-Fangflotte die Küstengewässer leergefischt hat, lohnt sich das Geschäft nicht mehr. „Mit der nächsten Piroge bin ich weg. Lieber auf dem Boot sterben, als so leben.“ – Ob er vergessen habe, wie es war, als der Sprit ausging und die Leute verrückt spielten, schrieen, ins Wasser sprangen, Salzwasser tranken? – Mbaye zeigt auf sein T-Shirt, auf dem das Bild eines senegalesischen Religionsführers prangt, gestorben 1922. „Ich habe gesagt: Hadj Malick Sy, wenn du ein Mann Gottes bist, komme ich wieder an Land.“ Er kam an Land. „Nächstes Mal ist Hadj Malick Sy mit an Bord.“ – „Die Hoffnung ist winzig klein“, sagt Lamine Gueye. Er hält Zeigefinger und Daumen einen Zentimeter auseinander: „Das reicht, um das Leben aufs Spiel zu setzen.“ – „He, du vom Radio: Sag den Leuten in Europa, dass es möglich sein muss, ein Visum zu bekommen“, sagt Mbaye. Er will hin, um jeden Preis.
Lamine Gueye: Spanien fordert die senegalesische Regierung auf, die Menschen auf den Pirogen abzufangen. Ousmane Boye, Vorsitzender der Initiative SOS-Vorstadt: Finden Sie das richtig?
Der Stadtentwickler: Ja. Hier geht es nicht um europäische Immigrationsprobleme, sondern um das Überleben eines Teils der afrikanischen Bevölkerung. Die Jugend ist der Schlüssel für die Entwicklung Afrikas. Wie viele seiner Söhne hat Afrika schon verloren? Was ist bei uns schiefgelaufen, dass es so weit kommen konnte?

Am späten Nachmittag ist Lamine Gueye wieder daheim. Sekane Fall hat versichert, dass er keine Piroge Richtung Kanaren mehr besteigt. Er empfinde Genugtuung über den Gesinnungswandel, sagt Lamine Gueye und fügt an: „Wir müssen über das Problem reden. Das Radio ist, was früher im afrikanischen Dorf der Baum war, unter dem sich die Leute zum Reden versammelten.“ Für ihn ist der Arbeitstag vorbei. Der Muezzin ruft zum Gebet. Lamine Gueye betritt daheim das blau gestrichene Haupthaus, wo seine Nichten fernsehen: CNN-Nachrichten aus dem Irak. Er wäscht Hände und Füße und streicht mit der nassen Hand über den Kopf. Dann breitet er seine Gebetsmatte aus.

BURKHARD WEITZ, Fotos FRANK SCHULTZE

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DIE ZEIT, 16.11.2006 Nr. 47

Njanja und Ndoumb wollen weg
Wie ein alter Professor im Senegal fast seine beiden Nichten an Europa verloren hätte

Dakar
Dies ist die Geschichte von Tahirou Thioye, seinen Nichten und dem Flüchtlingsdrama in Senegal. Monsieur Thioye lebt mit seiner Frau und zwei erwachsenen Kindern in Yoff, einem Vorort der Hauptstadt Dakar. Aus besseren Zeiten hat er einen betagten Peugeot. Aber dieser lässt sich kaum noch lenken, das Gestänge ist zu sehr ausgeschlagen. Macht nichts, Monsieur Thioye ist Rentner. Er beobachtet das Leben vor allem in Yoff.
Yoff war, bevor Dakar es schluckte, ein Fischerdorf. Und noch heute liegen hier Pirogen, kleine Fischerboote mit Außenbordern. Seit einiger Zeit sieht Thioye, dass nur noch wenige zum Fischfang ausfahren. Er sieht aber etwas anderes, wie sie nämlich mit Menschen so voll beladen werden, dass das Wasser über die Seitenplanken schwappt. Menschen, die Afrika verlassen und nach Europa ziehen wollen.
Monsieur Thioye fährt mit seinem Peugeot bis fast auf den Strand, das schafft der alte Wagen noch. Er hält am südlichen Ende des Orts, dem alten Yoff. Erbärmliche Hütten stehen hier und eine halb verfallene Moschee. Auf dem Strand liegen die Fischerboote. Trotz der Atlantikbrise stinkt es zum Himmel. Überall verfaulen Fischreste. Es brennen auch einige Holzkohlefeuer, auf denen Fisch gegrillt wird.»Aber«, sagt Thioye, »die Fischer landen nur noch selten frischen Fang an, es bringt ihnen mehr, Migranten auf die Kanaren zu fahren.«

Fast alle neuen Häuser wurden vom Geld der Ausgewanderten gebaut
Zwischen den Einheimischen lagern Menschen aus allen Ländern Westafrikas. Woher sie kommen, kann auch Thioye nicht auf den ersten Blick sagen. Die Fischer aber haben es leicht, die Migranten ausfindig zu machen. Denn in diesem alten Teil von Yoff kennt noch jeder einen jeden, die Dorfgemeinschaft ist intakt. Es fällt den Schleppern nicht schwer, Fremde auszumachen.
Monsieur Thioye wandert den Strand in nördliche Richtung hinauf. Nach einigen hundert Metern ändert sich das Bild abrupt. Ein ganz anderes Yoff. Hier ist es viel sauberer. Überall stehen Tonnen für den Müll. Die Frauen an den Holzkohlegrills servieren das Essen auf Tellern. Hier zieht kein Fischer sein Boot auf den Strand. Aber man kann cabanas und Sonnenbetten mieten. Überall treiben junge Männer Sport, entweder Fußball oder Ringkampf. Es sind Hunderte, obwohl es ein Wochentag ist. Viele joggen trotz der Gluthitze.
Sie sind junge Senegalesen, sagt Monsieur Thioye. Aber auch sie wollen ihre Heimat verlassen. Er ist pensionierter Professor für Spanisch und Französisch. Von seinen Schülern weiß er, wie gering die Chancen der Jungen sind, im eigenen Land je eine Arbeit zu finden. »So weit ist es nun gekommen«, seufzt der alte Lehrer, »entweder werden sie erfolgreiche Sportler, oder sie gehen fort.«
Dass es sich lohnt, fortzugehen, wird gerade in diesem nördlichen Teil von Yoff für jeden sichtbar. Nahezu alle neuen Häuser, erzählt Thioye, wurden mit dem Geld von Emigranten gebaut. Deshalb sei auch jeder junge Mann überzeugt, er werde in Europa Arbeit finden und selber in die Lage kommen, sich hier eine Wohnung fürs Alter zu bauen.
Die Moschee im reichen Teil von Yoff ist neu und riesig, sie leuchtet in strahlendem Weiß und kräftigem Grün. Thioye ist ein gläubiger Muslim. Er hält alle Gebetszeiten ein. Er ist ebenso stolz auf die prächtige Moschee wie auf die vielen neuen Privathäuser. Ihre Ausstattung muss großzügig, vielleicht sogar luxuriös sein. Ein Baugeschäft an der Hauptstraße zeugt davon. Es handelt mit italienischem Marmor.
Überall sind Restaurants und Supermärkte geöffnet, die überwiegend Importware aus Europa anbieten. Cybershops reihen sich an Internet-Cafés. An jeder zweiten Ecke steht eine Zweigstelle der Western Union oder der MoneyGram-Bank. Dort holen die Zurückgebliebenen das Geld ab, das ihnen ihre ausgewanderten Söhnen schicken. Monsieur Thioye weiß von der Bedeutung dieses Transfers: Die Überweisungen belaufen sich auf etwa zwölf Prozent des senegalesischen Bruttosozialprodukts, nahezu gleich viel wie die Entwicklungshilfe.
Anderntags fährt Monsieur Thioye nach Kaolack, das gut zweihundert Kilometer entfernt im Inland liegt. Er fährt mit Bussen und Sammeltaxis. Das kommt ihn fast billiger als ein Telefonat. Als Rentner hat er ohnehin viel Zeit. Er ist einer der Ältesten der Familie, und es ist seine Pflicht, sich um die Jüngeren zu kümmern.
Besonders viel Sorgen machen ihm zwei Nichten in Kaolack. Er will nachsehen, ob alles wieder im Lot ist. Dank seiner zentralen Lage ist Kaolack zum Durchgangsort für die Klandestinen aus dem ganzen westlichen Afrika geworden. Das weiß Thioye aus berufenem Munde. Seine Schwester besitzt ein gut gehendes Restaurant nahe dem Busbahnhof. Es wurde schon immer von Durchreisenden frequentiert. In jüngster Zeit, seit Marokko keine Migranten mehr durchlässt, hat die Zahl der Gäste aus den Ländern südlich der Sahara in Kaolack enorm zugenommen.
Und auch dies weiß Thioye: Es sind nicht die ganz Armen, die hier durchreisen. Sie könnten sich die Reise zu einem der Fischerorte und die Passage über den Atlantik gar nicht leisten. Es sind jene, deren Familien es zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht haben. Ganze Clans legen zusammen. Die Frauen verkaufen ihr Gold, die Männer geben Bares. Nach Europa geschickt werden die Söhne, wenn sie gerade erwachsen sind. Seit den Sturmläufen auf die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla vor einem Jahr, in deren Folge Marokko seine Grenzen dichtgemacht hat, nehmen die jungen Männer aus Ghana und Guinea, aus Niger und Nigeria den Weg über Kaolack.
Das Fieber hat in diesem einen Jahr auch die Senegalesen selber erfasst. Das erstaunt Monsieur Thioye. Seit der Unabhängigkeit Senegals von Frankreich im Jahre 1960 hat es noch nie einen größeren Exodus gegeben. Während in anderen Staaten Westafrikas blutige Bürgerkriege tobten, blieb es in seinem Land ruhig. Und es herrscht zwar Armut, nicht aber nacktes Massenelend wie anderswo. Tourismus und der Export von Erdnüssen brachten manchen sogar Wohlstand. Trotzdem zieht es die jungen Leute in Scharen fort. In den vergangenen Monaten landeten täglich Hunderte auf den Kanaren, ein Großteil Senegalesen.
Das ist alles im Fernsehen zu beobachten, wo sogar die Pirogen beim Ablegen gezeigt werden. Thioye ist also schon Einiges gewöhnt. Aber etwas hat ihn schrecklich schockiert, er hatte es nicht für möglich gehalten: Unter den Illegalen befanden sich unlängst auch zwei seiner Schutzbefohlenen, seine Nichten Jnajna und Ndoumb, 26 und 23 Jahre alt.
Sie wohnen im Hause ihrer Mutter, seiner Schwester, der fülligen Restaurantbesitzerin Ken. Das Haus in Kaolack ist so etwas wie der Hauptwohnsitz der weit gefächerten Familie. Im Stall halten sie sechs Ziegen. Auf dem Hof stehen drei Kühe. Jnajna und Ndoumb wären, wie die jungen Männer hier denken, gute Partien. Sie sind aber noch unverheiratet und kinderlos.
In dem Haus herrschen Anstand und Respekt. Alle Frauen begrüßen Onkel Tahirou mit einem Knicks. Dabei senken sie brav den Blick. Indes wenden sie ihn schnell wieder dem Fernseher zu, wo unablässig Musikvideos laufen. Die Clips zeigen ihnen ein glückliches Leben in Amerika und Europa, einen immer währenden Tanz im Paradies.
Onkel Thioye drängt seine Nichten Jnajna und Ndoumb, zu erzählen, wie und weshalb sie geflüchtet sind. Die beiden zögern erst, feuern sich dann aber gegenseitig an. Sie haben im Restaurant ihrer Mutter gearbeitet, haben von dem Geld, das die Mutter ihnen zahlte, eine Menge beiseite gelegt. Eines Tages haben sie sich einfach auf und davon gemacht, ohne ihrer Mutter auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen. Jungs werden, wie gesagt, geschickt. Mädchen aber würde es nie erlaubt werden zu gehen. Ein Freund holte sie noch vor dem Morgengrauen ab. Sie stiegen in den nächsten Bus in die Casamance. In einem der zahlreichen Fischerorte dieser Provinz – sie können sich an den Namen nicht erinnern – stiegen sie aus, schlugen sich zu Fuß zum Strand durch. Sie waren nicht ein einziges Mal von Polizisten angehalten worden.
Ihr Onkel erinnert daran, dass in der Casamance bis vor kurzem eine Unabhängigkeitsbewegung gekämpft hat, »aber nur eine kleine«. Das stimmt. Aber sie ist von der Armee in das östlich angrenzende Mali abgedrängt worden. Sie bindet die Sicherheitskräfte längst nicht mehr. Sie wären frei, den großen Emigrantenstrom durch Senegal aufzuhalten. Sie müssten nur Knotenpunkte wie Kaolack kontrollieren und die Küstenorte »durchkämmen«. Dabei müssten sie nicht einmal so rabiat vorgehen wie die Armee, von der dieser Ausdruck stammt und die den östlichen Senegal von der Unabhängigkeitsbewegung säuberte, indem sie den Busch »durchkämmte«.

Die vielen Toten bedauern sie nicht. Gott hat es so gewollt
Wie sah es in der Casamance aus, wie in dem Strandort, von dem die Pirogen ablegten? Jnajna schaudert es immer noch. Sie sagt gar nichts. »Es war einfach unbeschreiblich«, antwortet ihre Schwester Ndoumb. 15 Tage lang harrten sie im Dreck aus. Tags versteckten sie sich im Busch, nicht wissend, dass die Polizei sich gar nicht für sie interessierte. Nachts warteten die Mädchen am Strand auf einen Schlepper. Die Kapitäne kommen nicht selber, um das Geld für die Überfahrten zu kassieren. Sie schicken »Vermittler«. Und sie stellen es auch sonst sehr geschickt an. Vor der Abfahrt nehmen sie ihren Passagieren die Handys ab. Die spanische Küstenwache und die von ihr mit modernstem Gerät ausgerüstete marokkanische könnten die für den Radar kaum erkennbaren Fischerboote sonst leicht orten. Bei der Ankunft mischen sich die Kapitäne dann unter die Flüchtlinge, suchen selber um Asyl nach. Die Einnahmen für die Überfahrt – auf einen Schlag können es über 50000 Euro sein – haben ihre »Vermittler« längst bei den Familien in Senegal deponiert.
Nach den gut zwei Wochen am unbekannten Strand in der Casamance war es für die Nichten so weit. Ein »Vermittler« kassierte von jeder 400000 senegalesische Francs. Das sind umgerechnet 615 Euro. Auf dem Fischerboot fanden 130 Menschen Platz, außer ihnen noch zwei Frauen, diese allerdings in Begleitung ihrer Männer. Der Kapitän und seine Helfer versorgten sie unterwegs mit Reis, Wasser und Biskuits. »Das Schlimmste war, dass wir uns nie waschen konnten«, sagt Ndoumb. Sechs Tage und sechs Nächte schipperten sie nach Norden. Dann fiel einer der beiden Motoren aus. Der Kapitän versuchte, Südmarokko zu erreichen, um die Maschine reparieren zu lassen. Doch die marokkanische Küstenwache zwang ihn zurück aufs offene Meer. Glücklicherweise schaffte er den Rückweg mit nur einer Maschine.
Wieder in der Casamance, händigte der Kapitän die Mobiltelefone aus. Und er erstattete den halben Fahrpreis zurück. Das fanden die jungen Frauen »fair«. So kamen sie wieder nach Hause zu ihrer Mutter Ken. Diese hatte vor Angst gezittert. Ihre beiden großen Mädchen waren verschwunden und hatten wochenlang nicht angerufen. Als sie aber heimkehrten, schloss die Mutter sie überglücklich in die Arme.
Lange bleiben wollen die beiden jedoch auch nach diesem beinahe missglückten Abenteuer nicht in Kaolack. »Wir haben immer noch genügend Geld«, sagt Jnajna. »Bei nächster Gelegenheit machen wir uns wieder auf und davon«, ergänzt Ndoumb. Der Gedanke scheint sie glücklich zu machen. Nur wollen sie diesmal der Mutter Bescheid sagen.
Hatten sie denn gar keine Angst? »Nein, nie«, sagt die eine, »nie«, bestätigt die andere. Haben sie von den vielen Toten gehört? »Ja, von den Toten haben wir gehört, die sehen wir doch jeden Tag im Fernsehen«, sagen sie. Die Toten bedauern sie nicht. Schicksal. Gott habe es so gewollt. Das ist alles, was sie zu diesem Drama sagen. Gefährlicher als die von Marokko, das glauben sie indes genau zu wissen, sei die Passage von Senegal nicht. Die Kapitäne hielten sich stets in Küstennähe auf. Erst in letzter Minute, auf der Höhe der Kanaren, würden sie nach Westen abdrehen. Die jungen Kapitäne, wirft ihr Onkel ein, seien allerdings oft nicht erfahren genug, um dieses letzte Stück sicher zu bewältigen. Und die kundigen alten befänden sich längst in Europa.
Wie kamen die beiden Frauen überhaupt auf den Gedanken, das Land zu verlassen? »Wir wollten unserer Familie helfen«, antworten sie wie aus einem Munde. Ihr Onkel erklärt, wer seiner Familie helfe, der könne sich Gottes Segen sicher sein. So stünde es im Koran geschrieben.
Und dass sie eigentlich nur Gutes tun wollten, macht ihn dann wieder stolz auf seine Nichten.
Von Michael Schwelien
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Des micro-projets pour lutter contre l’émigration au Sénégal
L’accent sera mis sur les projets de voirie
vendredi 1er décembre 2006, par Panapress

La Commission européenne va mettre en oeuvre d’ici à juin 2007, au Sénégal, un programme de financement de projets de création d’emplois, d’un montant global de 18 milliards de FCFA, pour lutter contre le phénomène de l’émigration clandestine des jeunes, a annoncé jeudi à Dakar, le nouvel ambassadeur de l’institution européenne au Sénégal, Gilles Hervio.
Les financements de la Commission européenne visent essentiellement des projets de voirie urbaine à Dakar et à Ziguinchor, au sud du Sénégal.
"Notre ambition est de détourner la main d’œuvre candidate à l’exode, sur les chantiers publics dans la capitale et dans la principale ville de la région du sud", a déclaré Gilles Hervio, le représentant européen.
Il a indiqué qu’une partie de ces fonds spéciaux sera également accordée aux projets de création d’emplois développés en août dernier par le gouvernement de l’Espagne dans la ville de Saint-Louis, 280 Kilomètres au nord de Dakar, qui constitue une importante plaque tournante de l’exode des clandestins vers les côtes européennes.
Décourager l’émigration clandestine
A long terme, la Commission européenne envisage de porter au profit du Sénégal, le taux d’aide budgétaire du 10ème Fonds européen de développement (FED), de la période 2008-2012, à 50% contre 20% en 2004, afin d’accroître davantage le développement de micro-projets pour décourager l’émigration clandestine, a rappelé M. Hervio, conformément à l’engagement adopté, le 23 novembre dernier, par l’institution européenne au sommet de Tripoli sur le phénomène.
Le Commissaire européen, Louis Michel, avait notamment plaidé pour l’élaboration de mécanismes de financement de micro-projets comme solution aux vagues d’émigration des jeunes africains, lors de sa visite à Dakar, le 26 octobre dernier.

http://www.afrik.com/article10789.html

Kleinprojekte in Senegal als Kampfmittel gegen die Emigration
Ein Schwerpunkt wird auf Straßenbauprojekte gelegt
Freitag, 1.12. 2006 Panapress

Die Europäische Kommission wird bis Juni 2007 ein Finanzierungsprogramm für Arbeitsbeschaffungsprojekte in Höhe von insgesamt 18 Milliarden FCFA auf den Weg bringen, um gegen die illegale Auswanderung junger Senegalesen anzugehen. Dies teilte am Donnerstag in Dakar Gilles Hervio, der neue Botschafter der Europäischen Institutionen in Senegal, mit.
Die Finanzierungen der Europäischen Kommission sehen im Wesentlichen städtische Straßenbauprojekte vor in Dakar und in Ziguinchor, im Süden Senegals.
"Unser Ziel ist es, das für die Auswanderung anfällige Handwerk zum Straßenbau in der Hauptstadt und in den großen Städten der südlichen Region hinzuführen", erklärete Gilles Hervio, der europäische Bevollmächtigte.
Er kündigte an, dass ein Teil dieses speziellen Fonds auch den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zugute kommen wird, die im vergangenen August von der spanischen Regierung in Saint-Louis entwickelt wurden. Saint-Louis, 280km nördlich von Dakar, ist eine bedeutende Drehscheibe der illegalen Auswanderung zu den Küsten Europas.

Der illegalen Auswanderung den Boden entziehen

Auf lange Sicht sieht die Europäische Kommission vor, den Budgetsatz des 10. Europäischen Entwicklungsfonds (FED) der Periode 2008 – 2012 auf 50% zugunsten Senegals anzuheben, gegenüber 20% im Budgetplan des Jahres 2004. Ziel sei, so Gilles Hervio, eine weitere Steigerung der Entwicklung der Kleinprojekte, um der illegalen Emigration den Bodenzu entziehen, entsprechend der Engagementsverpflichtung der Europäischen Institutionen vom 23. November auf dem Gipfel in Tripolis zu diesem Thema.
Der europäische Kommissar Louis Michel hatte anlässlich seines Besuches in Dakar am 26. Oktober vor allem für die Ausarbeitung von Mechanismen zur Finanzierung von Kleinprojekten plädiert als Lösung gegen die Emigrationswellen unter jungen Afrikanern.

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openPR (13.12.2006)

Gründung des Senegalesisch-Deutschen Wirtschaftsverbands (SeDeWi) e.V.

Im Anschluss an den offiziellen Besuch des senegalesischen Präsidenten, Abdoulaye Wade, Anfang September in Deutschland, wurde in Berlin ein Wirtschaftverband gegründet, dem deutsche und senegalesische Wirtschaftsakteure angehören, die sich zum Ziel gesetzt haben, mit ihren Projekten zu einer nachhaltigen Entwicklung Senegals beizutragen.

Die Gründungsversammlung wurde am 25.11.06 in der Botschaft der Republik Senegal in Berlin unter dem Vorsitz von Abdoul Aziz Ndiaye, Gesandter des Botschafters, S.E. Cheikh Sylla und des für Wirtschaft zuständigen ersten Botschaftssekretärs Mohamed Diop abgehalten. Die senegalesischen und deutschen Mitglieder des politisch und religiös unabhängigen Vereins „SeDeWi“ sind Unternehmer oder leitende Angestellte aus den Bereichen der Wirtschaft und Wissenschaft.

Ibrahima Badiane, Unternehmer und Initiator des Projekts, wurde zum Vorsitzenden des Senegalesisch-Deutschen Wirtschaftsverbands (SeDeWi) e.V. gewählt. Der Verband stellt sein Netzwerk und sein Know-how zur Verfügung, um die wirtschaftlichen Aktivitäten zwischen Senegal und Deutschland zu stärken.
Als wichtigste erste Aktivitäten des Vereins wurden benannt:

• Stärkung der Wahrnehmung Senegals als Reiseziel für deutsche Urlauber durch verschiedene Promotion-Aktivitäten in Deutschland
• Aktivitäten zum Umweltschutz
• Durchführung von landwirtschaftlichen Projekten
• Stärkung des senegalesischen Energiesektors, vor allem durch den Einsatz erneuerbarer Energien
• Schaffung von Arbeitsplätzen, um gegen die illegale Einwanderung vorzugehen
• Einrichtung eines Informationsnetzwerkes und eines Internetauftritts

Der Verein bietet eine logistische und finanzielle Unterstützung für vielfache Wirtschaftsaktivitäten und trägt durch seine binationale Kenntnis (Senegal und Deutschland) dazu bei, Wirtschaftskontakte herzustellen und somit die Gründung von senegalesischen Filialen deutscher Unternehmen voran zu bringen.

Der senegalesisch-deutsche Wirtschaftsverband vervielfacht seinen Handlungsspielraum und stärkt die Projektentwicklung zwischen senegalesischen und deutschen Wirtschaftsakteuren durch kompetente Netzwerkarbeit. Der Verein möchte somit zu einer verstärkten Zusammenarbeit beider Nationen beitragen und die freundschaftlichen Verbindungen zwischen Senegal und Deutschland weiter verstärken.

Kontakt :
SeDeWi e.V.
Senegalesisch-Deutscher Wirtschaftsverband
Darmstädter Str. 117
D-64319 Pfungstadt-Eschollbrücken
Tél: 0049-171-2800654
Fax: 0049-6157-930578

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