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Rollis für den Senegal
Eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe Anfang 20jähriger hat 2003 die
Organisation „Rollis für Afrika e.V.“ gegründet. Der Verein
sammelt in Deutschland alte und nicht mehr benötigte Rollstühle ein
und verschifft sie einmal im Jahr in den Senegal. Die beiden Brüder und
Sänger der Gruppe Irie Revoltees unterstützen von Beginn an das Projekt
und Manuel Agostinho hat den älteren von ihnen, Carlos Charlemoine, getroffen.
Die Musik klingt leicht und unbeschwert – aber in ihren deutsch-französischen Texten streiten die Irie Revoltees immer wieder für eine bessere Welt. Carlos Charlemoine, ein sportlicher Typ mit fast kahl rasierten Haaren, ist einer der beiden Sänger. Von Anfang an war er beim Verein „Rollis-für-Afrika“ mit dabei. Vor dreieinhalb Jahren wurde der Verein gegründet, von seinem Bruder Pablo und seinem Freund Stefan…
„…der auch selbst im Rollstuhl sitzt und irgendwie durch sein Reisen auf die Idee kam, dass halt viele Leute in ärmeren Ländern, in Dritte Welt Ländern, die eine Behinderung haben, besonders schwer darunter leiden.“
Mit seinen 26 Jahren ist Carlos Charlemoine der Älteste im Verein, Rollis für Afrika. Das Engagement für Menschen mit Beeinträchtigung ergab sich bei ihm fast schon selbstverständlich. Seine Mutter arbeitet als Erzieherin in einem Behindertenzentrum, wo er auch Zivildienst gemacht hat. Ein Praktikum in Namibia bot ihm die Chance, Afrika kennen zu lernen. 6 Monate arbeitete Carlos Charlemoine in einer Tagesstätte für behinderte Kinder. Der Kontakt zu gehandicapten Menschen war ihm also nie fremd. Ganz anders dagegen im Senegal. Dort tabuisiert die Gesellschaft das Problem.
„Dort ist es z.B. so, wenn eine schwangere Frau neben einem behinderten Mensch vorbei läuft, dann denkt die, dass das Kind im Bauch behindert wird. Und deswegen werden die Behinderten oft von den Familien weggesperrt, weil sonst, im ganzen Viertel und im ganzen Block sind dann alle gegen diese Familie und sagen oiyoiyoi, die steckt uns alle an. Also da ist noch mehr so der Glaube, dass das direkt ansteckend ist für die neugeborenen Kinder und das ist natürlich eine ziemlich prekäre Situation.“
Mit solchen Geschichten hat CC bis jetzt in Süddeutschland für Rollis geworben. Demnächst zieht er nach Berlin und nach dem Motto – wenn schon denn schon – auch gleich mit seiner Freundin zusammen. Beruflich läuft es auch ganz gut. Mit den Irie Revoltees ist der Sommer komplett ausgebucht. Trotzdem nimmt sich der Reggaesänger Zeit für den Verein, unterstützt ihn mit Solokonzerten und geht darüber hinaus an Schulen, um Aufklärungsarbeit für Behinderte zu leisten. Nicht jedes Jahr kann er den Container mit den Rollis begleiten, dafür hilft er aber bei der Organisation.
„Es geht dann echt fast ein dreiviertel Jahr, dass Leute vor Ort, mit denen wir dort zusammenarbeiten, Familien suchen in den Vierteln. Die arbeiten sehr eng mit den Leuten, die in dem Viertel auch so ein bisschen Viertelarbeit leisten, und suchen wirklich die Familien, wo die behinderten Menschen in den Wohnungen sind, weil Du findest sie ja sonst gar nicht, d.h., das ist schon mal ziemlich viel Vorarbeit.“
Mit Partnern im Senegal zusammen zu arbeiten, ist ihm sehr wichtig. Carlos Charlemoine und der Verein möchten nicht als die weißen Retter auftreten, sondern die Situation von Rollstuhlfahrern im Senegal verbessern.
„…wenn diese Menschen sich dann in den Rollstuhl setzen oder die Krücken bekommen und dann anfangen zu lachen und sich dann fortbewegen können, also da kommen mir fast die Tränen, muss ich ganz ehrlich sagen. Da ist jedes Mal, jeder einzelne Mensch ist da Motivation genug.“
FR in der Schule, 12.Juli 2010
"Alles in Frieden“
Zivildienst im Senegal: Ein junger Deutscher berichtet von seinen Erfahrungen
Von Paul David Drey, 20 Jahre
Der Morgen beginnt mit einem
Ritual: Ich stehe um sieben Uhr auf und gehe zunächst auf die Dachterrasse,
um meinen Hühnern Futter zu geben. Mein Hahn James kräht um diese
Uhrzeit. Henne Gertrude brütet ihre Eier. Ich dusche und gehe aus dem Haus.
Der Wächter Jean füllt Leitungswasser in Kanister. Diese verkauft
er an die Arbeiter in der Umgebung. Auch Maguette, eine Nachbarin, kauft Wasser.
Jeden Morgen baut sie unter einem Baum ihren Tisch auf. Für die Taxifahrer
gegenüber macht sie Frühstück.
Ich wohne in Thiès, zwei Stunden Autofahrt von der Hauptstadt Dakar entfernt.
Die meisten Senegalesen sind muslimisch, es gibt aber auch große katholische
Gemeinden, Grundschulen und Gymnasien. Ich arbeite für den „Förderverein
Freundschaft mit Thiès" aus Solingen und wohne in einem großen,
weißen Betonbau an der Haupteinfahrtstraße der Stadt. Ein Kulturzentrum,
in dem ich meistens allein bin. Ich bin der einzige Weiße in dieser Gegend.
Jährlich kommen ein bis zwei Jugendliche aus Deutschland, arbeiten in landwirtschaftlichen
Projekten, in Kindergärten oder im Krankenhaus. Ich habe einen Erste-Hilfe-Kurs
beim Croix Rouge Senegalaise gemacht. Die Landessprache Wolof habe ich mir selbst
beigebracht.
Mit meiner grünen Chirurgiebluse, in eine Plastiktüte gepackt, fahre
ich zum Krankenhaus. Ich nehme ein „Car", einen klapprigen Mehrpersonenbus.
Man hat das Gefühl, er fällt jeden Moment auseinander.
Die Reifen sind prall aufgepumpt, um Benzin zu sparen. Jedes Schlagloch rüttelt
mich wach. Aus den halbkaputten Lautsprechern dröhnt muridischer Gebetsgesang
(Muriden: Sufi-Brüderschaft, vor allem im Senegal verbreitet). Drei Jungs
stehen auf dem Holzbrett am hinteren Ende des Busses. Sie springen immer wieder
auf, um Fahrgäste zu werben. Einer hebt ein kleines Mädchen, das mit
seiner Mutter unterwegs ist, in den Bus.
Mit einem Handzeichen zeige ich, dass ich aussteigen will. Mit einer Münze
klopft einer der Jungs gegen das Blech des Busses. Der Bus hält. Die bettelnden
Kinder vor dem Krankenhaus
Kennen mich mittlerweile und wissen, dass ich nichts gebe. Ich werde als Weißer
oft nach Geld gefragt. Wie jeden Morgen grüße ich am Eingang den
Rollstuhlfahrer Lamine mit Handschlag.
Auf dem Krankenhausgelände winke ich dem Gärtner zu. Ich habe schon
einmal mit ihm Tee getrunken. „Bist du in Frieden?", fragt er mich.
„Ja bin ich! Wie ist der Morgen?", frage ich ihn. Ein Arbeiter bewässert
den Rasen, andere kürzen mit Macheten die Bäume und Sträucher
auf dem Krankenhausgelände.
Wie jeden Morgen warten viele Leute vor dem einstöckigen Gebäude der
Chirurgie. Es gibt nicht für jeden einen Sitzplatz. Viele sitzen auf dem
Boden. Die Kranken werden von Familienangehörigen begleitet. Diese kochen,
waschen die Bettwäsche und bezahlen die Behandlungen und Medikamente. Denn
kaum ein Senegalese ist krankenversichert.
Als ich im Krankenhaus
ankomme, hat der Oberarzt Dr. Ndao schon mit der Visite begonnen. Rund 20 weiß
gekleidete Krankenschwestern, Pfleger, Praktikanten und nur ein Arzt. Dr. Ndao
gibt mir die Hand. „Hast du gut geschlafen?" „Ja", erwidere
ich. „Aber du bist zu spät aufgestanden!", sagt er. Ich entschuldige
mich. Heute kümmern wir uns um 40 Verletzte. Männer, Frauen und Kinder.
Die Visite dauert 45 Minuten. Anfangs halte ich mich zurück und reiche
nur Kompressen an. Heute sind viele Praktikanten in der Chirurgie. Einer Schülerin
wird bei Anblick und Geruch der ersten Wunde schlecht. Sie setzt sich hin.
Heute müssen viele Leute verarztet werden. Den ersten Verband wechsle ich
an Ndiagas linkem Fuß. Ndiaga ist zehn Jahre alt. Vor zwei Jahren wurde
er von einem Auto angefahren. Sein Fuß ist geschwollen und die Wunde heilt
nur sehr langsam. Alle zwei Tage kommt er mit Kompressen, Gummihandschuhen und
Puder zum Verband wechseln.
Die Mullbinde wäscht seine Mutter. Sein Vater arbeitet in der Wäscherei
des Krankenhauses. Ndiaga geht nicht zur Schule und kann kein Französisch.
Er läuft mit Krücken und spielt im Sand. Deshalb ist sein Verband
immer sehr dreckig. Ich habe auch schon Maden von seiner blutigen Wunde gespült.
Ndiaga ist „mein Patient", das hat sich in den letzten Wochen so
entwickelt. Wenn sein Verband gewechselt werden muss, rufen mich die Krankenschwestern.
Ich nehme den gelb gefärbten Verband ab. Das stinkt sehr. Ich atme durch
den Mund.
Ich säubere die Wunde mit Salzlösung, trockne sie, pudere sie ein
und mache einen neuen Verband. Ndiaga hilft mir dabei. Oft ärgere ich mich,
wenn seine Wunde nicht richtig gesäubert wurde. Eigentlich müsste
er jeden Tag kommen. Das wäre noch teurer. Manchmal fragt er mich, ob ich
ihm Gebäck kaufe oder 100 Franc für ihn habe. Ich gebe ihm nichts,
weil er mich sonst jedes Mal fragen würde und die anderen Kinder dann auch
etwas haben möchten. Den nächsten Verband wechsele ich bei Ibra. Auch
begrüße ich ihn mit Handschlag oder Faust an Faust. Die Ärzte
mussten sein Bein unterhalb der Kniescheibe amputieren. Ich nehme den Gips ab
und entferne den Verband. Ibras Lächeln verschwindet. Er bekommt Schweißtropfen
auf der Stirn. „Bitte tu mir nicht weh!", sagt er. Ich halte sein
Bein, an dem der Fuß fehlt, und säubere den Stumpf. Das tut Ibra
weh. Er schreit. Mit Kompressen decke ich die Wunde ab und lege sein Bein in
die Gipsschale. Ich habe nicht viel Zeit, um nachzudenken. Wir gehen in das
nächste Zimmer. In Zimmer 18 liegen sechs Männer. Ein alter Mann winkt
mich zu sich. Auch ihm fehlt ein Bein. Seinen Verband habe ich noch nicht gewechselt.
Er hebt seinen Beinstummel hoch. „Hast du ein Bein, das du mir geben kannst?"
Seine Bettnachbarn schmunzeln und sagen, er sei ein wenig verwirrt. „Es
tut mir leid, aber ich habe kein Bein für Sie."
ZUM AUTOR
Seit August 2009 macht Paul David Drey Zivildienstersatz im Senegal. Er lebt
in der 370 000-Einwohner-Stadt Thiès.