12.
Welthungerhilfe Internet
Brunnensanierung
Als 1990 die UN-Dekade des Wassers zu Ende ging, war es zwar gelungen, 1.3 Milliarden
Menschen den Zugang zu Trinkwasser zu ermöglichen, doch das Ziel "Wasser für
alle" wurde nicht erreicht. Noch heute sterben rund 25.000 Menschen in den Ländern
des Südens täglich an den Folgen von verschmutztem und verseuchtem Wasser. 80
% aller Krankheiten sind darauf zurückzuführen.
Sanierung von Brunnen
Neben dem Neubau von Brunnen im Senegal findet auch bei vorhandenen Brunnen
eine Sanierung statt. So hatte z.B. im Jahr 1967 eine Dorfgemeinschaft in Eigenregie
die Funktionsfähigkeit eines 47 Meter tiefen Brunnen wieder hergestellt. Mit
der Zeit setzte sich der Brunnenboden mit Sand zu, so daß die Wasserentnahme
unmöglich wurde. Mit der Hilfe von einheimischen Experten und finanzieller Hilfe
der Deutschen Welthungerhilfe konnte der Brunnen wieder ausgegraben werden.
Das Vorhaben war von der Dorfbevölkerung angeregt worden, und die Einheimischen
waren an allen wesentlichen Entscheidungen beteiligt. Dieses Beispiel zeigt,
daß sich dörfliche Gemeinschaften sehr wohl in Eigenregie mit Wasser versorgen
können. Doch ist auch in der Sahelzone festzustellen, daß der Grundwasserspiegel
mit der Zeit sinkt. Dann helfen traditionelle Methoden nicht mehr weiter und
die Menschen sind auf technische und finanzielle Hilfe von außen angewiesen.
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13.Christian Children Found (Internet Angaben)
In
dem direkt an der Sahelzone gelegenen und mehrfach von Dürrekatastrophen heimgesuchten
Staat sind Unterernährung und Analphabetismus weit verbreitet. Nahezu 60% der
Bevölkerung leben von der Landwirtschaft. Die Hilfsprogramme, die CCF in insgesamt
22 Projekten durchführt, dienen daher insbesondere der Nahrungssicherung, ärztlichen
Versorgung, Alphabetisierung und Berufsausbildung, dem Bau von Brunnen und der
Verbesserung der Anbaumethoden. Spezielle Maßnahmen wurden auch zum Erhalt der
Böden eingeleitet, wie z.B. Kompostierungs- und Bepflanzungsprogramme. CCF hat
im vergangenen Jahr 10 000 senegalesische Kinder medizinisch versorgt. 2000
Kinder wurden gegen Wundstarrkrampf (Tetanus) geimpft, 9000 gegen Hepatitis-
und rund 2000 gegen Meningitis. CCF unterstützt im Senegal insgesamt 18 738
Kinder.
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14.Frankfurter
Rundschau 22.7.1993/Bericht über einen Schüleraustausch
Das Gefühl von "Teranga" - Respekte für den Gast
Bereicht über einen Schüleraustausch mit einem College in Afrika/ Angst vor
Ausländern wurde vermindert
GROSS-BIEBERAU. Auf der Heimfahrt vom Flughafen Dakar-Yoff hob und senkte sich
der Kleinbus rhythmisch. Das 15köpfige Empfangskomitee sang fröhlich senegalesische
Lieder, während die fünf deutschen Schüler etwas beklommen dasaßen, eingepfercht
zwischen lachenden Schwarzen und viel Gepäck. Die ersten Eindrücke: der Geruch
und das Klima der ersten Nacht in dem kleinen westafrikanischen Sahelland Senegal,
die Musik, die Autobahn, auf der sie die 20 Kilometer nach Dakar fuhren.
Nur ein Jahr war vergangen, seit wir auf einer Senegalreise einen Lehrer des
kleinen College Adama NDiaye am Rande von Dakar kennengelernt hatten und die
Idee aufgekommen war, kulturellen Kontakt mit unserer ehemaligen Schule, der
Albert-Einstein-Schule in Groß-Bieberau, zu schaffen. Anfangs hatten wir Bedenken.
Konnten wir all die Ideen, die wir hatten - Veranstaltungen an beiden Schulen
zur Kultur des Partnerlandes durchzuführen, Brieffreundschaften zu vermitteln,
vielleicht irgendwann einen Schüleraustausch zu organisieren - in die Tat umsetzen?
Es lagen ja noch keine Erfahrungsberichte vor. Zwar gab es schon einige Studienfahrten
deutscher Schüler zu ihren verschwisterten Schulen in afrikanischen Ländern,
aber von einem Schüleraustausch hatten wir noch nicht gehört. Zwei Wochen, so
stellten wir uns vor, sollten deutsche Jugendliche in den senegalesischen Familien
ihrer Brieffreunde leben und anschließend die senegalesischen Gastgeber die
gleiche Zeit bei ihren deutschen Partnerfamilien.
Etwa 50 Brieffreundschaften konnten wir, zurück in Deutschland, sehr schnell
vermitteln. Auch bei unseren Veranstaltungen mit Themen wie Reisen in Afrika,
afrikanische Musik und Tanz, senegalesisch Kochen, Entstehung von Rassismus
oder zum Umweltgipfel in Rio de Janeiro bestand immer großes Interesse von seiten
der Schüler. In Groß-Bieberau entstand die Senegal-AG, der Club d'Allemand in
Dakar. Im darauffolgenden Sommer luden wir den verantwortlichen Lehrer aus Senegal
ein und verfaßten zusammen mit ihm eine Broschüre, um damit um Spenden zu werben.
Einige der angesprochenen und angeschriebenen Organisationen, Institutionen
und Firmen zeigten Interesse, so daß mit ihrer finanziellen Hilfe die Senegal-AG
bald die Mittel hatte, um fünf volljährigen Schülern, zwei Jungen und drei Mädchen,
zu ermöglichen, in den Osterferien zu ihren Brieffreunden nach Dakar zu fliegen.
Als sie dort ankamen, wurden sie von allen freudig empfangen. Die Schule hatte
ein breites Programm vorbereitet, das gleich am folgenden Tag, nachdem die Schüler
ihre Gastfamilien kennengelernt hatten, mit einem Schulfest begann. Dabei wurde
gesungen, getanzt, Theater, gespielt und senegalesisch gegessen. Es war ein
sehr schöner und gut organisierter offizieller Empfang. Außerdem wurden in den
folgenden Tagen Ausflüge in die nähere Umgebung von Dakar unternommen, etwa
zum Lac Rose, einem von Bakterien und Salzen rosa gefärbten See und zum kleinen
Fischerdorf Kayar. Ein sehr bedrückendes Erlebnis war der Besuch der Goree,
der bekannten Sklaveninsel vor der Küste von Dakar, von der aus während 400
Jahren des Sklavenhandels rund 13 Millionen Menschen als Sklaven nach Amerika
verschifft worden waren. Ein dreitägiger Aufenthalt in einem kleinen Dorf an
der Grenze zu Gambia, 250 Kilometer südlich von Dakar, sollte den Schülern in
der zweiten Woche Einblick in das Leben in einem ländlichen Gebiet Afrikas geben.
Der Schwerpunkt des Austausches aber lag darin, in den Familien das Leben, die
Mentalität und die Denkweise der Senegalesen kennenzulernen. So hatten die Schüler
viel Zeit für lange Gespräche zu Hause und für weite Spaziergänge über die Märkte
zuammen mit ihren Gastfamilien.
Ende Mai kamen nun die fünf senegalesischen Brieffreunde nach Deutschland. Hier
war der Aufenthalt ausschließlich privat organisiert, da von den offiziellen
Stellen Interesse leider nicht in dem Maße bestand wie in Dakar. Ausflüge nach
Heidelberg, Frankfurt, Darmstadt und in den Odenwald standen auf dem Programm.
Auch ein kleines bikulturelles Schulfest mit Essen, Musik und einem Diavortrag
wurde veranstaltet. Aber auch in diesen zwei Wochen lag der Schwerpunkt im Kennenlernen
der Gastfamilien und des Alltagslebens in Deutschland.
Als die fünf Senegalesen wieder nach Hause flogen, fiel allen der Abschied noch
schwerer als in Dakar. Alle waren sicher, daß das nicht der letzte Besuch beieinander
war.
Eine tiefe emotionale Freundschaft hatten wir erhofft, aber nicht erwartet.
Unser Ziel war gewesen, den deutschen und senegalesischen Jugendlichen zu vermitteln,
daß überall auf der Erde Menschen leben, mit denen man Freundschaft schließen
und denen man vertrauen kann. Heute, da von fremden Menschen nur in Zahlen und
Zusammenhängen mit Verlustängsten gesprochen wird, hat dieses Projekt verdeutlicht,
daß auch hinter diesen Zahlen Menschen stehen, die man mögen, ja lieben kann.
Den deutschen Teilnehmern wurde bewußt, daß das schematische Schwarz-Weiß-Denken
zu hinterfragen ist und Attribute, die in unseren Medien, vor allem der Werbung,
den Schwarzen zugesprochen werden, nicht zutreffen. Schwarze sind weder wilder
und unzivilisierter noch edler und tugendhafter als wir, sie sind menschlich
genauso wie wir. Nicht zuletzt hat der Austausch sicher auch dazu beigetragen,
daß die eigenen Kultur bewußter wurde, denn Werte, ebenso wie Mißstände sind
aus der Distanz leichter zu erkennen.
Ganz sicher hat dieses Projekt geholfen, Angst vor Ausländern oder sogar Hass
ihnen gegenüber zu vermindern und der Toleranz, dem Respekt und der Achtung
für den Nächsten die Tür zu öffnen. Doch sollte der Austausch nicht nur aus
emotionalem Kontakt bestehen. Es wurden auch politishe Themen, zum Beispeil
der Nord-Süd-Konflikt, etwa im Hinblick auf Kolonialismus oder die Weltmarktproblematik
angesprochen. So beschäftigten sich die beiden männlichen Teilnehmer stark mit
diesem Thema.
Ein für viele Deutsche herausragendes Merkmal der Menschen, die sie empfingen,
war ihre Offenheit gegenüber anderen Menschen, ihre Lebensfreude und ihre Gastfreundschaft,
die im Senegal "Teranga" (Ehre und Respekt gegenüber dem Gast) genannt wird.
"Ich fühle mich, als wäre ich Mitglied der Familie" und "man kann nicht vergessen
werden", sagten zwei Teilnehmerinnen in der Auswertung, die dem Austausch folgte.
Übereinstimmend fiel auf, daß menschliche Kommunikation bei den Senegalesen
eine größere Rolle spielt, "man sitzt oft beieinander und unterhält sich." Viel
störte, daß sie zu selten allein waren und zu stark umsorgt wurden, aber jeder
fühlte sich in seiner Familie aufgehoben. Alle mußten das Bild, daß sie von
Afrika hatten, revidieren. Es "leben hier Menschen, von denen ich noch viel
lernen kann, keine Opfer zum Bemitleiden", sagte eine Teilnehmerin. Weil sie
sich in der Wärme der Gastgeber aufgehoben fühlten, hatten manche vor dem Rücktausch
Bedenken: "Vielleicht werden sie sich über die sowohl klimatische als auch emotionale
Kälte in Deutschland wundern, da sie uns ja "warm" kennen."
Mit der Armut und dem Elend der Bettler in Afrika, meist Behinderte und Alte,
und auch mit dem oft unbedachten Umgang mit der Umwelt und mit Tieren hatten
die Schüler anfangs Schwierigkeiten. Bewußt wurde den fünf Deutschen auch, daß
die Menschen im Senegal Menschen in Deutschland sehr ähnlich sind. "Eigentlich
sind alle Gefühle und Verhaltensweisen wie unsere, sie haben sich nur in einer
anderen Umgebung anders ausgeprägt." Als großer Unterschied fiel den Deutschen
das andere Zeitgefühl der Senegalesen auf - was manchmal zu ungeplanten Verzögerungen
führte, aber meist als entspannnt empfunden wurde.
Als wir in der zweilen Woche unseres Aufenthaltes in dem kleinen Dorf im Süden
Senegals ankamen, waren die Schüler überrascht von dem "auf den ersten Blick
sehr idyllischen Dorfleben". Sie hatten es elender erwartet und die Menschen
unzufriedener. Über deren Zufriedenheit waren sie erstaunt, auch als sie einige
der anfänglichen Romantisierungen zurücknehmen mußten, als sie Probleme wie
Mangelernährung, Analphabetentum und unhygienische Verhältnisse erkannten. In
den drei Tagen "Dorfleben" wünschten sie sich mehr Kontakt zu den Dorfbewohnern.
Die Verständigungsproblerne waren wesentlich größer als in Dakar, da die Dorfbewohner
kein Französisch sprechen. Daß die Sprache in Westafrika Französisch ist, hatte
sie anfangs in Dakar gewundert. Durch diesen Aufenthalt im ländlichen Bereich
Senegals wuchs das Interesse mehr über "die Probleme eines "Dritte-Welt-Landes",
zum Beispiel über "Entwicklungshilfe und deren Sinn und Wirkungen" zu lernen.
Für zu Hause nahmen sich alle vor, "so gastfreundlich wie die Senegalesen zu
sein, auch gegenüber Fremden". Sie wollten auch versuchen, "offener auf andere
Menschen zuzugehen".
Alle wünschten sich, daß das Projekt fortlaufen soll. Dies ist allerdings unsicher,
da sich nach dem Abitur der Austauschteilnehmer noch niemand gefunden hat, der
die Senegal-AG kontinuierlich an der Albert-Einstein-Schule repräsentieren.
möchte.
Vor dem Aufenthalt der Senegalesen machten sich die Schüler vor allem Sorgen
darüber, ob diese von "der Hektik, "der Unpersönlichkeit" und "der emotionalen
Kälte" in Deutschland erschreckt würden und "Heimweh ins gemütliche Senegal"
haben könnten, Dem war aber nicht so. Die Gastgeber gaben sich alle Mühe, einen
ebenso schönen Rückaustausch für ihre senegalesischen Gäste zu organisieren.
Vielleicht war es für die Deutschen schwieriger, fremde Gäste aufzunehmen, als
Gast in einem fremden Land zu sein. Auch wenn es nicht die Fremden waren, die
heute kommen und morgen blieben, wie sie Georg Simmel in seinem Exkurs über
die Fremden beschrieb. Unterstützt und getragen wurde das Projekt von der senegalesischen
Nichtregierungsorganisation ACIVA und der deutschen Partnerorganisation Teranga
e.V.
CHRISTIAN MEYER
Der Autor studiert Ethnologie in Heidelberg
Frankfurter Rundschau 22.7.93
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15. Zentrum für traditionelle afrikanische Medizin, Keur Massar/Senegal
Geographische
Lage:
Das "Hôpital Traditionnel de Keur Massar" liegt ca. 20 km von der Hauptstadt
Dakar entfernt. Verschiedene Außenstellen sowie Apotheken des Projekts sind
über das ganze Land verteilt.
Projektpartner:
Hôpital Traditionnel de Keur Massar
c/o Prof. Dr. Yvette Parès u. Demba Diallo Dakar-Fann / SENEGAL
Die Privatinitiative ist von der französischen Ärztin Prof. Yvette Parès Anfang
der achtziger Jahre gegründet worden. Das Projekt befindet sich, nachdem Prof.
Parès vor einigen Jahren emeritiert wurde, inzwischen unter senegalesischer
Leitung. Es besteht eine sehr intensive und enge Kooperation mit der Aktion
Canchanabury.
Projektbeschreibung:
Ein Modellprojekt, in dem die Patienten nach Methoden und mit Medikamenten der
traditionellen afrikanischen Medizin behandelt werden. Frau Prof. Dr. Parès
praktizierte dort gemeinsam mit sechs einheimischen Guerisseurs (Heilkundigen).
Heute arbeiten fünf Heilkundige mit unterschiedlicher Spezialisierung im Zentrum.
Die Behandlung erfolgt ausschließlich mit Medikamenten auf rein pflanzlicher
Basis, die alle im Projekt selbst hergestellt werden. Auch die hierfür erforderlichen
Pflanzen und Kräuter werden von der Einrichtung selbst angebaut oder gesammelt.
Zwecks Sicherung und Weitergabe ihres Wissens bilden die Guerisseurs Schüler
in den Methoden der traditionellen afrikanischen Medizin aus. Im letzten Jahr
waren mehrere hundert Patienten, davon 181 Kinder, stationär untergebracht.
Das Zentrum behandelte außerdem ca. 3.500 Patienten ambulant. In seinen 14 Außenstellen
betreute das Projekt weitere ca. 10.000 Patienten. Es werden alle Arten von
Krankheiten behandelt, besonders Lepra, Tuberkulose, Durchfall, Diabetes, Hautkrankheiten
usw. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den obdachlosen "Leprakranken" in den
Straßen der Hauptstadt Dakar, die von Mitarbeitern Keur Massars zweimal wöchentlich
vor Ort ambulant versorgt werden. Leprakranke werden kostenlos betreut, andere
Kranke beteiligen sich mit geringen Beiträgen an den Kosten für Behandlung und
Medikamente.
Verschiedene Rehabilitationsmöglichkeiten stehen den Patienten in Keur Massar
zur Verfügung. So arbeiten die Patienten - aber auch geheilte Leprakranke -
in der Schneiderei und im Gartenbau. Auch Bau-arbeiten werden übernommen. Um
die Zahl der Patienten und die erforderliche Medikamentenproduktion bewältigen
zu können, sind in den letzten Jahren umfangreiche Baumaßnahmen nötig gewesen.
Die Versorgung und die Infrastruktur des Zentrums ließen sich so entscheidend
verbessern. Dazu gehörten u.a. der Anschluß an die öffentliche Wasser- und Stromversorgung,
der Neubau der Ambulanz und die Errichtung neuer Produktions- und Lagergebäude.
Patientenhäuser wurden renoviert und eine neue Toilettenanlage gebaut. Die Arbeit
und die Erfolge von Keur Massar finden nicht nur im Senegal immer mehr Anerken-nung.
Im Senegal gibt es zur Zeit vielfältige Anstrengungen, die traditionelle Medizin
stärker in das nationale System der gesundheitlichen Grundversorgung zu integrieren.
Das Parlament hat einen entsprechender Gesetzesentwurf verabschiedet. Die Einbindung
in das nationale System der Krankenversorgung ist damit institutionell abgesichert.
Was dies im einzelnen bedeutet, wird sich bei der Formulierung der Ausführungsbestimmungen
und deren anschließender Umsetzung in die Praxis während der nächsten Jahren
zeigen. Keur Massar spielt in diesem Prozeß eine entscheidende Rolle.
KONKRETE ZUSAMMENARBEIT MIT DEM PROJEKT
Aktuelle Förderung:
- Beteiligung an den Betriebs- und Personalkosten des Zentrums - Ausbau und
Instandhaltung des Zentrums
- regelmäßige Hilfsgutlieferungen (zwei Containerversände pro Jahr)
- Einzelprojekte je nach Antragstellung (z.B. Aufforstungsprogramm etc.) FINANZIERUNG
1998: 214.928,56 DM (incl. Rückstellung für einen Landrover, der erst 1999 gekauft
wird) + zusätzliche Sachleistungen (2 Containerversände): 247.771,89 DM
In Kontakt seit 1981:
Die seit 1981 bestehende Partnerschaft ist im Laufe der Jahre immer intensiver
geworden. Die Aktion Canchanabury hat den gesamten Prozeß des Aufbaus und der
Zielsetzung des Projekts begleitet und den überwiegenden Teil der Finanzierung
sichergestellt. Von Keur Massar sind wir zudem beauftragt, in ihrem Sinne die
Interessen der traditionellen afrikanischen Medizin in Europa zu vertreten.
Unterstützung des Projekts durch andere Organisationen:
- Secours Catholique France / Frankreich - Caritas Innsbruck/ Österreich
- Fondation des Fonctionnaires Suisses / Schweiz - Päpstliches Missionswerk
der Kinder / Aachen
- Europäische Union / Bruxelles (in 1995)
- Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (in 1997)
Anmerkungen zur aktuellen Lage:
Die Aktion Canchanabury bemüht sich neben der finanziellen Unterstützung des
Projektes und der Koordinierung der Zusammenarbeit mit anderen Hilfswerken und
staatlichen Stellen, auch um die Publikation der Forschungs- und Behandlungsergebnisse
von Frau Prof. Dr. Parès und ihres Teams. Durch eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit
in Europa soll versucht werden, die traditionelle afrikanische Medizin, wie
sie in Keur Massar praktiziert wird, aus dem "Gefängnis der Vorurteile" (Zauberei,
Scharlatanerie usw.) zu befreien und ihr den notwendigen Stellenwert als eigenständiges
Medizinsystem zu verschaffen. Darum suchen Keur Massar und die Aktion Canchanabury
den Dialog zwischen westlicher und afrikanischer Medizin. Die vergangenen Jahre
brachten große Fortschritte auf dem Weg zu diesem Ziel. Jetzt ist ein entscheidender
Durchbruch gelungen. Staatliche Stellen im Senegal erkennen die Arbeit von Keur
Massar ausdrücklich an. Auf Einladung des Gesundheitsministeriums wirkten Verantwortliche
von Keur Massar beim "Forum für traditionelle Medizin im Senegal" mit. Diese
Treffen sollen ein Statut der traditionellen Medizin verabschieden, um allgemeingültige
Standards zu gewährleisten. In der Zwischenzeit ist Keur Massar als Hospital
für traditionelle Medizin für eine bestimmte Region zuständig. Zulassungsbedingungen
für Heilkundige und die Genehmigung von Medikamenten stehen im Prozeß der Konsolidierung
der traditionellen Medizin als nächstes auf der Tagesordnung.
Nach einer langjährigen Phase des Aufbaus von Strukturen, in der viele infrastrukturelle
und organisatorische Voraussetzungen geschaffen worden sind, ist eine Standortbestimmung
über die zukünftige Zielrichtung notwendig geworden. In diesem Zusammenhang
soll eine für 1999 geplante Evaluierung die Arbeit der letzten Jahre reflektieren
und Perspektiven für die mittel- bzw. langfristige Zielrichtung erarbeiten.
Im Kontext dieser Überlegungen muß dann auch entschieden werden, ob Keur Massar
seine Aktivitäten im Bereich der Forschung, der Behandlung, der Ausbildung oder
der Produktion der Medika-mente ausdehnen will und kann. Eine mögliche Option
der Ausweitung des Engagements setzt die Expansion der Medikamenten-produktion
in den nächsten Jahren voraus. Wie dies auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten
zu verwirklichen ist, wird mit den Partnern in Keur Massar intensiv diskutiert
und geprüft. Die Kapazitäten von Keur Massar sind derzeit mit der Produktionsstätte
bereits vollständig ausgelastet. Es wird auch überlegt, ob und wie Keur Massar
in Zukunft stärker in Fragen der Verbreitung der Ideen der traditionellen Medizin
tätig werden soll und kann.
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16.
Forum Eine Welt 2/95
Afrikanische Heilkunst wiederentdeckt
Europäische Ärzte lernen von traditioneller Medizin
Von Ralf Köpke
Der Kontrast
könnte nicht größer sein: Noch haben wir die verstaubten und zum Teil arg verdreckten
Straßen der senegalesischen Hauptstadt Dakar vor Augen, da erscheint einem das
nur knapp 20 Kilometer entfernte 'Hôpital Traditionnel de Keur Massar' als Oase
der Sauberkeit. Keur Massar ist eine medizinische Oase, seitdem die französische
Ärztin und Mikrobiologin Prof.Yvette Parès Anfang der 80er Jahre begann, in
diesem Krankenhaus vor allem Leprapatienten nach Methoden und mit Medikamenten
der traditionellen afrikanischen Medizin zu behandeln.
Traditionelle afrikanische Medizin, das hat überhaupt nichts zu tun mit irgendwelchen
Verwünschungen, Tam-tam oder einem obskuren Voudou-Kult, sondern basiert vor
allem auf dem Einsatz von Medikamenten auf rein pflanzlicher Grundlage. Yvette
Parès war es, die als erste europäische Medizinerin afrikanische Heilpflanzen
erfolgreich zur Bekämpfung der Lepra einsetzte. Bis es soweit kam, dauerte es
allerdings Jahre. Parès selbst, die längere Zeit im Bereich der Lepra geforscht
und auch die Therapien in europäischen Krankenhäusern kennengelernt hatte, kamen
zunehmend Zweifel an den westlichen Chemo-Therapien. Mehr durch Zufall kam sie
im Senegal in Kontakt mit einheimischen Guérisseuren, das sind Therapeuten,
die das ärztliche Wissen von Generationen gespeichert haben. Warum, so ihre
Überlegung, sollte man nicht versuchen, mit deren Methoden eine Lepratherapie
zu starten. "Bis mich diese Männer als Frau und Ärztin akzeptiert und mich in
ihr Vertrauen gezogen hatten, war viel Geduld nötig", erinnert sich die Französin.
Heute kann sie über den anfänglichen Starrsinn der Guérisseure nur lächeln.
Nach und nach zeigten sie Yvette Pares die wichtigen antileprösen Pflanzen im
Busch, die Herstellung der entsprechenden Medikamente, Säfte, Pasten sowie die
Behandlungsverfahren. Als Mikrobiologin konnte 'Madame', wie sie überall nur
genannt wird, die Wirksamkeit der Medikamente bakteriologisch untersuchen und
so deren Wirksamkeit erhöhen.
Yvette Parès strebte mit ihrem Projekt eine ganzheitliche Behandlung
der Patienten an. So gibt es auf dem sieben Hektar großen Areal von Keur Massar
u.a. eine Schneiderei, eine Korbmacherei, eine Gärtnerei (wo unter anderem medizinische
Pflanzen und Kräuter für die Herstellung der Medikamente angebaut werden) oder
eine Schreinerei, die zur beruflichen Rehabilitation der geheilten Leprakranken
gedacht sind. Heilerfolge erzielten Parès und ihr Team mit der afrikanischen
Medizin nicht nur bei den Leprakranken. Mittlerweile werden im Zentrum Keur
sowie in 14 weiteren Außenstationen jährlich über 30.000 Patienten mit Tuberkulose,
Durchfall- und Hauterkrankungen oder Diabetes behandelt. "Wir haben jetzt auch
gute Chancen, daß Keur Massar von den staatlichen Gesundheitsbehörden als Krankenhaus
anerkannt wird", sagt Reinhard Micheel, Geschäftsführer der Aktion Canchanabury
aus Bochum, die sich in zahlreichen Ländern Afrikas und Asiens für Leprahilfeprojekte
engagiert, Seit 1983 unterstützen die Bochumer Keur Massar finanziell und mit
regelmäßigen Hilfslieferungen. U.a. konnten so in den letzten Jahren eine eigene
Wasser- und Stromversorgung für das Hôpital Traditionnel sowie die Verbesserung
der gesamten Intrastruktur im Gesundheitszentrum finanziert werden. "Für uns
wäre die staatliche Anerkennung auch deshalb wichtig, da die afrikanische Medizin
so auch wieder mehr Anerkennung findet", hofft Reinhard Micheel.
Damit dieses alte Wissen nicht verlorengeht, bilden Yvette Parès und
die Guérisseure Schüler in den Methoden der traditionellen afrikanischen Medizin
aus. Dieses Wissen nutzt das Team von Keur Massar seit einiger Zeit auch zur
Behandlung von AIDS-Erkrankten, deren Zahl im Senegal dramatisch steigt. "Die
ersten Behandlungserfolge sind durchaus vielversprechend", sagt Förderer Reinhard
Micheel. "warum soll denn die afrikanische Medizin keine Antwort auf diese Krankheit
kennen?"
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3.
Jeune Afrique Nr. 1812, 28.9.- 4.10.95 (Domitille Hazard, Übersetzung:
R. Lienemann)
Beruf:
Mädchen für alles
Das verborgene Leben der Hausangestellten in Dakar
"Ich will Hausmädchen in Dakar werden, weil alle meine Freundinnen schon dort
sind. Und wenn sie hier ins Dorf zurückkommen, zu Tabaski, tragen sie schöne
Kleider und sie bringen für ihre Familien Geschenke mit. Das macht mir Lust
es ihnen nachzumachen." Seynabou, die etwa 10 Jahre ist, wird im nächsten
Jahr ihren Freundinnen folgen. In ihrem wie in allen benachbarten Dörfern im
Herzen des "Erdnussbeckens", im Serer-Gebiet von Sine, sind fast alle Mädchen
zwischen 10 und 20 in die Stadt gezogen, die meisten, um als Hausangestellte
zu arbeiten. "Das ist der Trend", stellt die Großmutter von Seynabou fest. "Alle
wollen das machen. Man kann sie nicht zurückhalten. Für unsere Mädchen ist es
die einzige Möglichkeit etwas zu verdienen, bevor sie heiraten."
In den 50-er Jahren entstanden, hat sich dieses Phänomen der Abwanderung der
jungen Mädchen in die Stadt, das überall bei den Serer und den Casamance-Bewohnern
verbreitet ist, mit der Krise der Landwirtschaft in den 60-er Jahren massiv
beschleunigt. Heute entwickelt es sich noch beständig weiter. Bis zu ihrer Heirat,
und für einige darüber hinaus, kommen die Abgewanderten nur gelegentlich ins
Dorf zurück, um während der Regenzeit - von Juni bis September - auf den Feldern
zu arbeiten oder um die Feste zu Hause zu verbringen (Korite und Tabaski bei
den Moslems, Weihnachten und Ostern bei den Katholiken). "Anfangs war die Zurückhaltung
diesen Abwanderungen gegenüber sehr stark, aber die Unterhaltsprobleme waren
so, dass dies eine Notwendigkeit wurde für die ländliche Bevölkerung", erklärt
Abdou Salam Fall, Soziologe am ORSTOM und Spezialist für städtische Eingliederung
in Dakar. Was die jungen Mädchen suchen, ist eine Beschäftigung (für einige
ist es auch die Gelegenheit, ihre Aussteuer anzulegen) und, wenn sie es können,
ihren Eltern zu helfen, die im Dorf geblieben sind.
Bevorzugte Marktlücke: Hausangestellte - enormes Beschäftigungs-Reservoir
für junge weibliche Arbeitskräfte in ganz Dakar, wo, bis auf wenige Ausnahmen,
alle Familien, selbst die bescheidensten, mindestens eine "mbindaan" beschäftigen.
Aber in dieser Branche herrscht heutzutage eine starke Konkurrenz, weil die
Zahl der auf dem Dakarer Arbeitsmarkt vorhandenen Hausmädchen bei weitem die
Zahl der zur Verfügung stehenden Plätze übersteigt. Zumal, wie mehrere Untersuchungen
zeigen, die Tendenz heute schwindet, dass der Beruf der Hausangestellten vornehmlich
als Domäne von nicht oder kaum alphabetisierten jungen Mädchen vom Lande gelten
kann. Die 10 bis 25-jährigen Hausmädchen sind mit allen Hausarbeiten beschäftigt:
Haushaltung, Putzen und Aufräumen, Waschen, Bügeln, Mahlzeiten bereiten... Sie
arbeiten im Allgemeinen gut zehn Stunden am Tage, sieben Tage die Woche, für
ein mittleres Monatsgehalt, das zwischen 7000 CFA (~ 21 DM) und 15.000 CFA (~45
DM) liegt. Die es am besten getroffen haben und bei den "Ausgewanderten" arbeiten,
erhalten vielleicht zwischen 40.000 CFA (~120 DM) und 70.000 CFA (~210 DM).
Aber am anderen Ende der Skala arbeiten die kleinen Hausmädchen zwischen 10
und 12 Jahren nur für Unterkunft und Verpflegung oder für einen Lohn von 2000
CFA (~6 DM). Ein zu mageres Gehalt für eine so schwere Arbeit? "Ganz bestimmt!",
bestätigen sie im Chor. Um finanziell mit Unterkunft und Verpflegung klar zu
kommen, sind sie oft gezwungen, zu fünft oder zehnt ein Zimmer von etwa 12 Quadratmetern
zu teilen, ohne Wasser, ohne Elektrizität, ohne Fenster, in einem der benachteiligten
Viertel am Rande von Dakar. Und um an den Arbeitsplatz zu kommen müssen manche
zwei Stunden lang laufen; ihre Entlohnung gestattet es ihnen nicht, die Fahrtkosten
zu bezahlen.
Aber die Probleme liegen im Allgemeinen woanders, nämlich in der Ausübung ihres
Berufes selbst. Einige sind vielleicht wie Mitglieder der Familie, in der sie
arbeiten, andere aber sind Opfer schweren Missbrauchs. Sie werden mit Verachtung
behandelt, bedroht, bezahlt mit Steinwürfen, rausgeworfen unter nichtigen Vorwänden
(Ungeschicklichkeit zum Beispiel) oder falschen Anschuldigungen (Diebstahl vor
allem) besonders am Monatsende, wenn sie ihren Lohn hätten erhalten sollen...
Solche Fälle sind an der Tagesordnung. "Die jüngsten sind besonders diesen Unannehmlichkeiten
ausgeliefert", bemerkt Binta aus der Casamance, die sich seit zehn Jahren in
Dakar niedergelassen hat, "denn wenn du jung bist, weiß der Hausherr, dass du
dich nicht auskennst, dass du nicht zu antworten weißt, dass du wehrlos bist...
Die meisten von uns ziehen es vor, für wenig Lohn und unter schlechten Bedingungen
zu arbeiten, als arbeitslos zu sein. Es immerhin besser als nichts." Außerdem
werden beim Gespräch mit der Dame des Hauses über eine eventuelle Anstellung
keine Verhandlungen geführt. "Forderung" kommt im Vokabular eines Hausmädchens
nicht vor. "Die Hausfrau sagt dir: "So will ich es", und du kannst nicht
diskutieren, du kannst nur "ja" oder "nein" sagen. Aber wenn du dich weigerst,
ist es sicher, dass die Frau ein anderes Mädchen finden wird, das "ja" sagt,
so dass du mit nichts dastehen wirst."
Im Falle eines Streites zwischen der Patronin und dem Hausmädchen ist kein "Einspruch"
möglich: der eingegangene Vertrag, der meistens auf einer mündlichen Abmachung
beruht, hat keinen rechtlichen Wert. Es gibt wohl eine Bestimmung, die den Beruf
der Hausangestellten regelt, aber in Ermangelung einer vollständigen Anpassung
an die senegalesischen Verhältnisse, vor allem, was die Gehälter angeht, wird
sie nur sehr selten angewendet. Eine einflussreiche Person in der Gemeinschaft,
ein "Beschützer", ein Geistlicher oder auch eine religiöse oder andere Vereinigung
kann gebeten werden, eine einvernehmliche Regelung zu finden. Jedoch ähnelt
die Regelung der "Angelegenheit" manchmal einer langen und schmutzigen Almosensammlung.
Beleg hierfür ist die Lokalnachricht, die im letzten Februar in Dakar in aller
Munde war: Fatou Diop, eine junge "mbindaan" von 15 Jahren, war aus dem vierten
Stock des Gebäudes Kébé gefallen, einem Wohnhaus gehobenen Standards auf dem
"Plateau". Vom Arbeitgeber des Diebstahls beschuldigt, sei sie vom Balkon des
Appartements gestürzt, in dem sie arbeitete. Verschiedene Brüche und Traumata,
bedeutende Krankenhaus- und Arztkosten... Wer zahlt? Während sie auf die Entscheidung
dieser Angelegenheit wartete, erfuhr Fatou glücklicherweise eine breite Solidaritätsbekundung.
Gegenseitige
Hilfe und Solidarität sind denn auch entscheidend im Leben der
Hausangestellten. In dem Bereich, in dem sie integriert sind – dörfliche,
ethnische, freundschaftliche oder berufliche Netzwerke – helfen sie den
Neuankömmlingen sich einzufügen, suchen Arbeit für die, die noch
keine haben, unterstützen finanziell oder moralisch diejenigen, die in
Schwierigkeiten sind, z.B. schwanger sind, kein Gehalt bekommen.
Sie gehen auch noch weiter, indem sie mutig schrittweise ihre Zukunft in die
eigenen Hände nehmen: sie versammeln sich in Gesprächskreisen, Gruppen
und Vereinigungen, beteiligen sich an Sparzirkeln, besuchen Alphabetisierungskurse,
vor allem in Französisch (um sich anschließend bei den besser zahlenden
Rückkehrern zu bewerben), oder nehmen an Näh-, Häkel- oder Stickkursen
teil, um mit dem Verkauf ihrer Arbeiten ihr Einkommen aufzubessern. Und sie
demonstrieren auch. Ihre dringlichsten Forderungen finden allmählich Gehör:
Respekt ihnen gegenüber und den eingegangenen Verpflichtungen. Arbeiter
wie andere auch? Falls jemand daran zweifeln sollte: sie nehmen seit letztem
Jahr am Arbeiterumzug teil, der am Tag der Arbeit, am 1. Mai stattfindet. An
der Spitze ihres Zuges konnte man das Schild lesen: "Nit du Masin"
– "Wir sind keine Maschinen".
Sénégal. A Dakar, la vie cachée des employées de
maison.
Profession: bonne à tout faire
DOMITILLE HAZARD -envoyée spéciale-
"Je veux être bonne à Dakar parce que toutes mes amies le
sont déjà. Et quand elles reviennent ici, au village, pour la
Tabaski, elles portent de beaux habits, et elles amènent des cadeaux
à leur famille, cela me donne envie de faire comme elles.» Seynabou,
qui va sur ses 10 ans, suivra l'année prochaine la voie de ses camarades.
Dans son village, comme dans tous ceux avoisinants, au coeur du bassin arachidier,
dans le pays sérère du Sine, presque toutes les filles entre 10
et 20 ans sont parties en ville, la plupart pour travailler comme employées
de maison.
«C'est la mode », constate la grand-mère de Seynabou. «Elles
veulent toutes faire ça. On ne peut pas les retenir. Pour nos filles,
c'est le seul moyen d'avoir quelque chose avant de se marier.»
Ne dans les années cinquante, ce phénomène
de migration urbaine des jeunes filles, fréquent surtout chez les Sereres
et les Casamancaises, s'est accéléré massivement dans les
années soixante-dix, avec la crise de l'agriculture. Aujourd'hui, il
évolue encore à un rythme soutenu. Jusqu'à leur mariage,
et même plus tard pour certaines, les migrantes ne reviennent qu' épisodiquement
au village: pour travailler dans les champs durant l'hivernage (de juin à
septembre), ou pour passer les fêtes (la Korité et la Tabaski chez
les musulmans, Noel et Pâques chez les catholiques). «Au début,
les réticences à ces migrations étaient très fortes,
mais le Problème de subsistance était tel que cela devenait une
nécessité populations rurales». explique Abdou Salam Fall,
sociologue à l'ORSTOM, spécialiste de l'insertion urbaine à
Dakar. Ce que cherchent ces jeunes filles: se prendre en Charge (pour certaines,
c'est l'occasion de constituer leur trousseau de mariage); et quand elles le
peuvent, venir en aide à leurs parents restés au village.
Créneau privilégié: celui des emplois
domestiques, grand pourvoyeur de travail pour une main- d'oeuvre féminine
jeune, surtout à Dakar où, à de rares exceptions près,
toutes les familles, même les plus modestes, emploient au moins une mbindaan.
Mais cette branche connaît aujourd'hui une forte concurrence car le nombre
de bonnes présentes sur le marche dakarois excède largement le
nombre de places disponibles. D'autant que, même si pendant longtemps
les emplois de maison représentaient le domaine réservé
des jeunes filles d'origine rurale, pas ou peu alphabétisées,
ces tendances, selon plusieurs études, tendent aujourd'hui à s'estomper.
Conjoncture oblige.
Agées de 10 à à25 ans, les bonnes sont chargées
de tous les travaux domestiques: ménage, lessive, repassage, préparation
des repas... Elles travaillent en général une dizaine d'heures
par jour, sept jours sur sept, pour un salaire mensuel moyen qui oscille entre
7 000 F CFA (70 FF) et 15 000 F CFA (150 FF). Les plus chanceuses, celles employées
par les «expatries», perçoivent 40 000 F CFA à 70
000 F CFA. Mais à l'autre bout de l' échelle, les petites bonnes
âgées de 10 12 ans sont, elles, soit simplement nourries et logées,
soit payées 2 000 F CFA.
Maigres salaires pour une tâche aussi lourde? «C'est sûr»,
affirment-elles toutes en choeur. Pour s'en sortir financièrement, entre
le logement et la nourriture, elles sont souvent obligées de partager
à cinq ou dix une chambre d'une douzaine de m2, sans eau, ni électricité
ni fenêtre, dans un quartier déshérité de la périphérie
de Dakar. Et pour se rendre sur leur lieu de travail,
beaucoup doivent marcher pendant deux heures, leur rémunération
ne leur permettant pas de se payer les frais de transport.
Mais leurs difficultés se situent en règle générale
ailleurs, dans l'exercice même de leur profession. Car si certaines font
vraiment partie de la famille dans laquelle elles travaillent, d'autres sont
victimes de graves abus. Traitées avec dédain, surmenées,
payées au lance-pierres, renvoyées pour des prétextes futiles
(casse par exemple) ou de fausses accusations (vol, notamment), juste à
la fin du mois lorsqu'elles auraient dû recevoir leur salaire... De
tels cas sont monnaie courante. «Les plus jeunes sont particulièrement
à la merci des embêtements, remarque Binta, Casamancaise installée
à Dakar depuis dix ans, parce que quand tu es jeune, les patrons savent
que tu ne connais pas, donc que tu ne réponds pas, que tu es sans défense...
»
«
La plupart d'entre nous préfèrent travailler pour de petits salaires
et dans de mauvaises conditions que de chômer. C'est toujours mieux que
rien.» D'ailleurs, lors de la discussion pour une éventuelle embauche
entre la maîtresse de maison et la «postulante», aucune négociation
n'est engage. L'exigence est bannie du vocabulaire de la bonne. «La patronne
te dit: "c'est c'a que je veux", et toi, tu ne peux pas discuter,
tu peux seulement dire oui ou non. Mais si tu refuses, c'est sur que la dame
va trouver une autre fille qui acceptera, alors que toi, tu resteras sans rien.»
En cas de litige entre la bonne et sa patronne, aucun recours, pour ainsi dire,
n'est possible: le contrat passe, reposant la plupart du temps sur un engagement
verbal, n'a aucune valeur légale. II existe bien une réglementation
qui régit la profession d'employée de maison, mais faute d'être
totalement adaptée au contexte sénégalais - notamment en
ce qui concerne les salaires -, elle n'est que très rarement appliquée.
Une personne d'influence dans la communauté, un « protecteur »,
une religieuse ou encore une association, pourra être sollicite pour tenter
de trouver un arrangement à l'amiable. Cependant, le règlement
de «l'affaire» s'apparente parfois à une quête longue
et sordide. Témoin, ce fait divers qui a défrayé la chronique
en février dernier à Dakar: Fatou Diop, une jeune mbindaan de
15 ans est tombée du quatrième étage d'un immeuble de standing
situe sur le Plateau, l'immeuble Kébé. Accusée de vol par
son employeur, elle aurait bascule du balcon de l'appartement où elle
travaillait. Fractures et traumatismes divers, frais hospitaliers et médicaux
importants... Qui paie ? En attendant que l'affaire soit tranchée, Fatou
a heureusement bénéficié d'un vaste élan de solidarité.
L'entraide et la solidarité sont, en effet, primordiales
dans la vie des employées de maison. Par les réseaux auxquels
elles sont intégrées – réseaux villageois, ethnique,
amical, professionnel... -, elles aident les nouvelles venues à s'insérer,
cherchent du travail à celles qui n'en ont pas, épaulent financièrement
et moralement celles en difficulté (face à une grossesse, l'absence
de revenu...)
Elles vont même plus loin en prenant progressivement, ouvertement, leur
avenir en main: elles se rassemblent autour de causeries, de groupements et
d'associations, elles participent à d'importantes tontines, suivent des
cours d'alphabétisation, notamment en français (pour ensuite postuler
chez les expatries, les meilleurs payeurs), ou des formations de couture, broderie
et
crochet (les ouvrages réalises pouvant être vendus, et ainsi accroître
leur revenu), et même elles manifestent. Leurs revendications prioritaires
se font peu à peu entendre: le respect de leur personne et le respect
des engagements réciproques. Des travailleurs comme les autres ? Au cas
où certains en douteraient, elles participent depuis l'année dernière
au défilé des travailleurs le jour de la fête du Travail,
le 1er mai. En tête de leur cortège, on pouvait lire sur un panneau:
«Nit du Masin» («Nous ne somme pas des machines»).
JEUNE AFRIQUE N° 1812 - DU 28 SFPTEMBRE AU 4 OCTOBRE
Islamismus
- Ursprung oder Ende der kulturellen Identität?
Beobachtungen in einem afrikanischen Land Von
Boubacar Boris Diop
Die Idee einer grenzüberschreitenden Einheit der muslimischen Religionsgemeinschaft
begleitete von Anfang an die Ausbreitung des Islam - die ihren Erfolg dann aber
wiederum einer gewissen Toleranz und Adaptionsfähigkeit gegenüber
anderen Glaubensbekenntnissen verdankte. Aus diesem fruchtbaren Synkretismus
bildete sich in Senegal eine spezifische, gesellschaftlich wie politisch bedeutsame
Form des religiösen Lebens heraus; heute scheint sie durch Versuche zu
einer islamistischen Reorientierung in ihrer Eigenart gefährdet.
Der Triumph der islamischen Revolution in Iran weckte schon Anfang der achtziger
Jahre erste Befürchtungen hinsichtlich einer ähnlichen Entwicklung
nicht nur in den arabischen, sondern auch in den islamisierten schwarzafrikanischen
Ländern. Und tatsächlich versammelte 1985 eine Studie unter dem Titel
«L'Islam au Senegal: demain des mollahs?» die zahlreichen Indizien,
dass die «integristische Gefahr» auch auf dieses Land übergegriffen
hatte. Die Geschichte Senegals ist einerseits geprägt von einer besonderen
Offenheit gegenüber äusseren Einflüssen; anderseits von der althergebrachten
und intensiven Durchdringung des Politischen mit dem Religiösen. Der Islam
ist in der dortigen Kultur tief verwurzelt und wird in einer aussergewöhnlich
komplexen Form gelebt.
Bereits in der Zeitspanne zwischen dem 10. und 11. Jahrhundert und schon vor
der Gründung des Wolof-Reiches - zu dieser Ethnie zählt noch heute
die Mehrzahl der Bewohner Senegals - etablierte sich die islamische Kultur im
Tal des Flusses, der dem Land seinen Namen gab. Die letzte, auf 1993 datierende
Volkszählung verzeichnet 93 Prozent Muslime neben 5 Prozent Christen und
2 Prozent Anhängern traditioneller afrikanischer Religionen. Aber diesem
Zustand ging eine lange Periode der oft instabilen Koexistenz des Islam mit
einheimischen Glaubensformen und den Machtansprüchen der lokalen Feudalherren
voraus; erst nach mehreren Glaubenskriegen und nicht zuletzt dank politischen
Allianzen gewann die muslimische Religion ihren massiv prägenden Einfluss.
Gemäss einer These des Soziologen Abdoulaye Bara Diop suchte die breite
Bevölkerung in der neuen Religion zunächst Schutz vor der Fronherrschaft
der einheimischen Aristokratie; im 19. Jahrhundert dann wurde der Islam ein
identitätsstiftendes Moment im Widerstand gegen die Kolonisation.
Mächtige Brüderschaften
Diese spezifische Entwicklung brachte es mit sich, dass der senegalesische Islam
in confréries, in Brüderschaften, organisiert ist. Diese Form der
religiösen Gemeinschaft existiert auch anderweitig, aber nirgends sonst
in Schwarzafrika hat sie eine vergleichbare politische und soziale Signifikanz.
Insgesamt existiert etwa ein halbes Dutzend solcher Brüderschaften, wobei
aber zwei davon - die Mouriden und die Tidianiden - den Grossteil der Gläubigen
hinter sich versammeln. Den Geistlichen, den Marabouts, steht jeweils ein oberster
Kalif vor, der im Volk höchste Verehrung geniesst; die starke gesellschaftliche
Präsenz der Brüderschaften weisen die jährlich organisierten
Festlichkeiten aus, zu denen jeweils Hunderttausende von Gläubigen strömen.
Der Gemeinschaft der Mouriden gehören etwa 30 Prozent der senegalesischen
Muslime an. Diese Gruppierung fällt durch ihre dynamische Präsenz
im wirtschaftlichen Bereich und durch diszipliniertes Auftreten besonders ins
Auge; so ist sie etwa stark präsent im sogenannten informellen Sektor -
jenem für die wirtschaftlich wenig strukturierten Länder des Südens
typischen Bereich der Ökonomie, dem beispielsweise Strassen- und Markthandel
oder Dienstleistungen in kleinstem Rahmen zugerechnet werden. Der wichtigste
Markt des Landes, derjenige von Sandaga, ist fest in den Händen der Mouriden;
sie stellen auch das Gros der senegalesischen Emigranten und haben sich mittlerweile
in New York, in Italien und in zahlreichen europäischen und afrikanischen
Ländern etabliert.
In Senegal selbst wie auch in der afroamerikanischen Diaspora hat sich die mouridische
Denkungsart in jüngster Zeit als besonders attraktive Variante der Identitätsfindung
erwiesen. Die Aura Ahmadou Bambas, des Gründers der Brüderschaft,
der sich im Widerstand gegen die Kolonialherrschaft profiliert hatte, zieht
heute vor allem eine grosse Zahl von Jugendlichen an, die einen gleichzeitig
mystisch angehauchten, aber auch sicheren und vielversprechenden nationalen
Bezugsrahmen suchen: In Senegal haben sich Tausende von ihnen im mächtigen
mouridischen Studentenverband zusammengeschlossen.
Die Mouriden sind als soziale Gemeinschaft straff organisiert; zuoberst in ihrem
Kanon steht das strikte Bekenntnis zur Arbeit und zum absoluten Gehorsam vor
den geistigen Führern, den Marabouts. Eine Untergruppe der Brüderschaft,
die Baye Fall, pflegt diese Tugenden allerdings in einer besonderen und dem
wirtschaftsorientierten Image der Mouriden beinah entgegengesetzten Manier:
Ihre Mitglieder legen eine Art Armutsgelübde ab und leisten fast ausschliesslich
Aufbauarbeit in ländlichen oder städtischen Grossprojekten, wobei
ihr hauptsächlicher Lohn im Segen des Marabouts besteht. Die Baye Fall
haben praktisch mit blossen Händen Touba, die heilige Stadt der Mouriden,
erbaut; und wenn man einer am diesjährigen Habitat-Gipfeltreffen in Istanbul
abgegebenen Erklärung glauben darf, ist dieser Ort «die einzige Drittweltstadt
ohne Bidonville».
Die andere grosse Brüderschaft, vom Algerier Si Cheikh Ahmed Tidiani um
1765 herum gegründet, ist wesentlich stärker nach der arabischen Welt
hin orientiert; eine Einstellung, die sich allerdings nie merklich auf das senegalesische
Bewusstsein der «négritude» ausgewirkt hat. Diese Bruderschaft,
der 47,4 Prozent der Gläubigen zugehören, besteht aus diversen Untergruppen
und findet ihre Anhänger vorab auf dem Land, aber auch im städtischen
Milieu; sie hat vor allem in der Mittelschicht starken Einfluss gewonnen. Obwohl
die Tidianiden kaum je in direkten Konflikt mit den kolonialen Machthabern kamen
- wohl weil sie auf der strikten Trennung zwischen religiösen und weltlichen
Sphären bestehen -, spielten sie im politischen Leben des Landes eine aktivere
Rolle als die Mouriden: So ist auch die einzige senegalesische Partei, die sich
explizit auf Struktur und Interessen einer Brüderschaft beruft, in den
fünfziger Jahren von einem Führer der Tidianiden gegründet worden.
Diversität und Anpassungsfähigkeit
Die Bruderschaften sind Keimzellen eines intensiven religiösen Lebens,
das einem aussenstehenden Beobachter manchmal befremdlich scheinen muss; die
Marabouts vereinen mit der religiösen Autorität ein beträchtliches
Mass an sozialer und wirtschaftlicher Macht, indem sie von Anhängern auf
allen sozialen Ebenen bei jeder wichtigeren Entscheidung als beratende Instanz
beigezogen werden. Auf den ersten Blick wirkt das Gleichgewicht zwischen den
verschiedenen durch solche Führergestalten markierten spirituellen Zentren
sehr fragil und entsprechend spannungsgeladen. Tatsächlich aber ist die
Vielzahl solcher Gruppierungen aus soziologischen eher denn religiösen
Differenzen heraus zu erklären, und bis anhin sind kaum je ernstzunehmende
Konflikte daraus entstanden. Trotz seinen vielfältigen Ausprägungen
hatte der senegalesische Islam vielmehr über lange Zeit eine integrative
Wirkung, die sogar über ethnische Grenzen hinaus wirkte. Zudem stehen die
obersten Kalifen der einzelnen Brüderschaften keineswegs in Opposition
zu den politischen Machthabern - die ihnen diese Loyalität wiederum durch
generöses Eingehen auf ihre kleinsten Wünsche vergelten. Denn wo die
Gläubigen gehalten sind, sich der Autorität ihres Marabouts so bedingungslos
anheimzugeben «wie ein Toter den Händen des Leichenwäschers»,
weiss jeder Politiker, dass seine Karriere letztlich vom Machtwort der religiösen
Führer abhängt.
Als eine organisch gewachsene und wohlorganisierte Glaubensgemeinschaft ist
die Brüderschaft ein Reservoir beträchtlicher politischer Energien;
keinem Marabout käme es demzufolge in den Sinn, durch eine von der lokalen
Tradition abweichende Neuinterpretation des Korans seine eigene Autorität
zu untergraben. Die für Senegal spezifische Form des sunnitischen, von
der mystischen Tradition der Sufis gestreiften Islam wusste sich mit den alten
einheimischen Kulturen so gut wie mit neueren politischen Mächten durchaus
vorteilhaft zu arrangieren; so durfte man annehmen, dass sich die hiesigen Marabouts
als solide Schutzwehr gegen die Versuchungen des islamischen Fundamentalismus
stellen würden.
Dennoch gab es immer wieder Versuche, die Autorität der Brüderschaften
zu untergraben; und schon seit den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts verfolgen
auch islamistische Gruppierungen derartige Ziele. Diese «arabisierende
Bewegung» will den Gläubigen eine Rückkehr zu den Quellen der
Religion vorschreiben. Politische Stosskraft gewann sie Anfang der fünfziger
Jahre; ihre Träger waren zunächst junge Senegalesen, die ihr Studium
an der Al-Azar-Universität in Kairo, einer der Hochburgen der arabischen
islamischen Tradition, absolviert hatten. 1953 wurde in Senegal die erste islamistische
Organisation gegründet, aus der später die «Jamaatu Ibadu'Rahmaan»
entstand. Diese gilt heute neben der «Organisation de l'Action Islamique»
und «Al Fallah» als eine der radikal fundamentalistisch orientierten
Gruppierungen im Lande.
Gleich zu Beginn wendeten sich deren Anhänger vehement gegen die Marabouts,
denen sie Häresie und Kollusion mit der Kolonialmacht vorwarfen: eine Anklage,
die zwar etlichen Staub aufwirbelte, insgesamt aber ohne Folgen blieb. Zudem
wussten die selbstberufenen Verteidiger des «wahren» Glaubens sehr
wohl, dass sie einen potenten Gegner angriffen; sie änderten dementsprechend
ihre Taktik und pflegten in den Jahren der Unabhängigkeit einen schonenden
Umgang mit den übermächtigen Führern der Bruderschaften. Indessen
ruhte die arabisierende Bewegung auch zu dieser Zeit nicht. Senegalesen, die
ihr Studium in Iran, im Irak, in Saudiarabien oder Libyen absolviert hatten,
suchten die dort empfangenen Lehren in ihrer Heimat zu verbreiten - diesmal
allerdings nicht in direkter Konfrontation mit den einheimischen religiösen
Autoritäten, sondern vielmehr, indem sie sich an die laizistische Bevölkerung
wandten. In den achtziger Jahren, die vom Nachhall der iranischen Revolution
geprägt und von der Aura Ghadhafis überglänzt waren, nahm der
senegalesische Islam eine stark militante Färbung an. Ein geplanter Besuch
des Papstes musste wegen der offenkundig feindseligen Haltung der Bevölkerung
abgesagt werden. Von den Rändern der grossen Bruderschaften splitterten
Gruppen ab, welche nach einem neuen Glaubensverständnis verlangten; unterstützt
von den arabischen Ländern, entstanden neue religiöse Gruppierungen,
und eine islamische Presse begann sich zu profilieren.
Basisarbeit
Der Übergang zur freien Marktwirtschaft in Senegal hat die Bindung zwischen
der Staatsmacht und anderen Interessengruppen - so auch den religiösen
Formationen - beträchtlich reduziert. Die einigermassen erfolgreiche Demokratisierung
des Landes führte auf breiter Ebene zu einer erhöhten politischen
Sensibilität und grösserer innerer Unabhängigkeit der Bevölkerung;
auch das Heranwachsen einer neuen Generation und der starke Trend zum städtischen
Leben trugen dazu bei, die traditionell enge Beziehung zwischen den Marabouts
und ihren Anhängern zu lockern.
Unter diesen Voraussetzungen scheinen die Islamisten nun in jüngster Zeit
weniger auf eine aggressive Präsenz auf der Staatsbühne denn auf langfristige
Aktionen im Volk zu setzen. Sie verteilen kostenlose Broschüren über
die richtige Glaubenspraxis, senden Volontäre aus, die Heimunterricht in
der islamischen Lehre erteilen - und ohne dass man von einem effektiven Rückgang
des Bruderschaftswesens sprechen könnte, hat sich in der Bevölkerung
der Wunsch nach einer genaueren Kenntnis der islamischen Glaubensvorschriften
inzwischen weit verbreitet.
Bei der religiösen «Erneuerung» kommt auch der rapiden Expansion
der audiovisuellen Medien eine Schlüsselfunktion zu. Gewisse Privatradios
widmen die besten Sendezeiten spezifisch religiösen Themen; dabei schliessen
sie die ursprünglich durch die Bruderschaften geschaffenen Kollektive gleichsam
kurz, indem sie mit ihrer interaktiven Programmgestaltung den Hörern ein
neues Beziehungsnetz offerieren. Der Erfolg dieser Sendungen ist enorm, und
einige ihrer Kanzelredner sind mittlerweile zu nationalen Zelebritäten
geworden. Diese indirekte Eroberungsstrategie trägt Früchte: ein Nettogewinn
an Frömmigkeit in der breiten Bevölkerung ist zu verzeichnen, man
sieht junge Frauen im Tschador, und die neuen Gruppierungen an der Peripherie
der traditionellen Bruderschaften haben regen Zulauf von immer jüngeren
Mitgliedern.
Aber wenn auch einige Marabouts wegen eines wenig beispielhaften Lebensstils
oder einer allzu konservativen Haltung ihre Aura verloren haben, konnten die
Vorsteher der grossen Bruderschaften vorläufig ihre einflussreiche Stellung
wahren. Die radikalen Islamisten haben offenbar die vitale Kraft des tief in
Bewusstsein und Kultur des Landes verwurzelten Bruderschaftswesens unterschätzt;
und überdies trägt in der senegalesischen Mentalität normalerweise
der Geist der Versöhnlichkeit den Sieg über extremistische Geisteshaltungen
davon. Mit Léopold Sedar Senghor hatte während mehrerer Dekaden
ein Christ das oberste Staatsamt Senegals inne; die Ehefrau des jetzigen Präsidenten
ist Katholikin, aber diese Tatsache halten auch seine politischen Gegner nicht
für kritikwürdig. In der Stadt Ziguinchor werden Muslime und Christen
auf demselben Friedhof beigesetzt.
Sollte sich aber die Tendenz zu einer religiösen Reorientierung hin zum
«ursprünglichen Islam» verstärken, so wäre in letzter
Konsequenz ein Ende jenes fruchtbaren kulturellen Synkretismus zu befürchten,
den die organisch im Land gewachsene Struktur der Brüderschaften gesichert
hatte. Die fundamentalistisch orientierten Bewegungen sind begleitet von einer
Wertschätzung für die arabische Kultur, die man als exzessiv empfinden
kann; und zahlreiche Indizien im Alltagsleben deuten auf eine Konfusion hin,
die den islamischen Glauben mit dem «Arabischen» schlechthin gleichsetzt.
Tatsächlich scheint die Zeit nicht mehr fern, wo all das, was die Besonderheit
des senegalesischen Islam ausmachte, als heidnische Entstellung der wahren Glaubensform
denunziert und verworfen werden könnte. Damit stellt sich die peinigende
Frage, ob die Bevölkerung Senegals der Selbstentfremdung durch die europäische
Kolonialherrschaft nur entgangen ist, um für eine andere Form der Gehirnwäsche
den Kopf hinzuhalten.
Kasten:
Peitschenhiebe für somalische Kulturschaffende
Über 30 somalische Sänger, Musiker und Schauspieler sind im Norden
der Hauptstadt Mogadiscio von einem islamischen Gericht zu 20 Peitschenhieben
verurteilt worden, nachdem sie während einer Aufführung zusammen mit
ihrem Publikum verhaftet worden waren. Milizionäre des Gerichts liessen
das Publikum nach einer halben Stunde zwar wieder frei, doch die Kulturschaffenden
- unter ihnen der bekannte Schauspieler Abdullahi Amir Rooble und die Mitglieder
der Banadir Star Band - mussten die Nacht im Gefängnis verbringen, bevor
sie am Tag darauf zu der Auspeitschung verurteilt wurden. Zwar hatten die Veranstalter
eine Bewilligung erhalten, doch das Gericht warf den Künstlern vor, sie
hätten es unterlassen, ihre Darbietungen zuvor einer islamischen Zensur
zu unterbreiten. Der Zwischenfall zeigt, dass im Einflussgebiet des Faktionsführers
Ali Mahdi Mohammed eine Art politisierter Islam an Einfluss gewinnt. Die Islamisten
sehen in allem und jedem, der nicht den Segen der islamischen Autoritäten
hat, das Werk Satans und sind äusserst rasch bereit, das islamische Recht,
wie sie es definieren, in ihre eigenen Hände zu nehmen.
Neue Zürcher Zeitung 13.1.1996