23. Info PLAN International (Internet)

Bevölkerung: 9 Mio.
Lebenserwartung: 49 Jahre
Säuglingssterblichkeit: 68 pro 1000 Geburten
Pro-Kopf-Einkommen: 570 US$
Analphabetenrate: 67%
Hauptstadt: Dakar
Amtssprache: Französisch
Religion: Islam

Geschichte, Geographie und Situation heute:
Senegal liegt an der Westspitze Afrikas am Atlantik. Senegal ist flach und erstreckt sich über drei geographische Zonen: die Sahelzone, die trockene Sudanzone und, in der Casamance, die feuchtere Guineazone. Es gibt eine Regenzeit von Juli bis September, bzw. Mai bis Oktober im Süden. Die ersten Zeugnisse menschlicher Besiedlung im Senegal reichen bis in die Steinzeit zurück. Im 19. Jahrhundert wurde der Senegal wechselweise von den Briten und den Franzosen beherrscht, bis sich im Gambia die Briten und im Senegal die Franzosen als Kolonialherren durchsetzten. Unter den Franzosen wurde der Anbau von Erdnüssen eingeführt und vorangetrieben. Senegal gewann seine Unabhängigkeit 1960. 1981 wurde Abdou Diouf neues Staatsoberhaupt. Politische Parteien wurden legalisiert, seit 1983 gibt es das Mehrparteien-System. Die Wirtschaft wurde 1994 verstärkt zu einer freien Marktwirtschaft umgebaut, zudem wurde die Landeswährung abgewertet.

Senegal ist Mitglied der verschiedenen westafrikanischen Staatenbünde.
Der Aufstand in der Casamance flammt immer wieder auf, zuletzt durch den oben erwähnten Bürgerkrieg in Guinea-Bissau. 1997 wurde ein Gesetz beschlossen, das den Regionen Senegals begrenzte Autonomie zugesteht. Neuere Entwicklungen lassen jedoch vermuten, daß die Regierung eine militärische Lösung für die Casamance anstrebt.

Herausforderungen für PLAN
Auf dem Land ist die medizinische Versorgung völlig unzureichend. Unsauberes Trinkwasser, schlechte hygienische Bedingungen und Fehlernährung sind Ursachen für viele Krankheiten. Die häufigsten tödlichen Erkrankungen sind Malaria, Masern, Kinderlähmung und Tetanus sowie Atemwegs- und Durchfallerkrankungen. HIV-Infektionen und AIDS nehmen zu. Trotz Schulpflicht werden nur etwas mehr als die Hälfte der Kinder eingeschult. Der große Bevölkerungszuwachs verschlechtert die Situation. Den Eltern fehlen oft die finanziellen Mittel, um den Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Häufig werden die Kinder, vor allem die Mädchen, auch zu Hause und auf dem Feld gebraucht. In den ländlichen Gebieten sind die Häuser aus Lehm und Stroh, seltener aus Zement und Wellblech. Nur sehr wenig Häuser haben Anschluß an Trinkwasser und Elektrizität oder an ein Abwässersystem. Die Wohnverhältnisse sind eng und unhygienisch. Problematisch ist zudem die zunehmende Zerstörung der Umwelt durch Überfischung, Überweidung sowie die Boden- und Wasservergiftung durch den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft.

PLAN-Programmgebiete
PLAN führt seit 1982 Projekte im Senegal durch. Es werden in einem städtischen und vier ländlichen Projektgebieten mittlerweile über 30.000 Patenkinder und ihre Familien betreut.

Dakar
Ein Drittel der Bevölkerung Senegals ballt sich im Großraum Dakar. PLAN arbeitet in einem Zuzugsgebiet, außerhalb des Stadtzentrums. Die Menschen leben teilweise noch von der Landwirtschaft. Die hohe Zuzugsrate hat neue Schwierigkeiten wie die Zunahme von AIDS und den Konsum von Drogen gebracht.

St. Louis und Louga
St. Louis und Louga liegen in der Sahelzone. In diesen ländlichen Regionen ist in erster Linie die voranschreitende 'Verwüstung' ein großes Problem für die Menschen. St. Louis liegt beim Fluss Senegal, dennoch ist Trinkwasser knapp, das Oberflächenwasser ist verdreckt.

Kaolack und Thiès
Die Gebiete liegen in der trockenen Sudanzone des Senegals, wo in erster Linie die Versalzung und die Erosion des Bodens große Probleme darstellen. Die Ernteerträge verringern sich von Jahr zu Jahr, damit auch die Einnahmen der Familien. Auch die Kinder - vor allem die Mädchen - müssen im Haushalt und auf dem Feld mitarbeiten.
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25. IAMANEH (Internet)
Gesundheit & Info

In Abklärung ist zur Zeit ein weiteres Engagement im Senegal. Dabei geht es darum, gemeinsam mit unserer Partnerorganisation Massnahmen zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation von Frauen und Kindern in Guédiawaye, einem Vorort von Dakar, umzusetzen.
Aktivitäten sind in den folgenden Bereichen vorgesehen:
- Begleitung und Betreuung der schwangeren Frauen und mangelernährten Kinder zu Hause durch hierfür ausgebildete Frauen aus dem Quartier
- Informationsveranstaltungen zu reproduktiver Gesundheit, sexuell übertragbaren Krankheiten, Aids und Praktiken der Genitalverstümmelung bei jungen Mädchen
- Begleitung des Wachstums von Kleinkindern durch regelmässiges Wägen in Zusammenarbeit mit dem Institut für soziale Kindermedizin
- Einrichtung einer Versicherungskasse für Frauen und Kinder Die erste Phase wird in einer 2-Jahresperspektive geplant. Dabei sollen Fortschritte regelmässig überprüft werden. Anhand dieser Erfahrungen werden die Projektinhalte den neuen Erkenntnissen angepasst.
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26. IAMANEH (Internet)
Aufbau eines Gemeinde- Gesundheitszentrums

Das von IAMANEH Schweiz in Zusammenarbeit mit der Organisation CEU (cooperativa essere umani) unterstützte Projekt will einen wichtigen Beitrag zur medizinischen Grundversorgung eines besonders benachteiligten Quartiers von Ziguinchor leisten. Ziguinchor liegt in der Casamance im Süden Senegals. Die Stadt zählt rund 150'000 EinwohnerInnen. Das geplante Gesundheitszentrum wird in enger Zusammenarbeit mit der im Quartier ansässigen Bevölkerung aufgebaut. Die Krankenstation bietet dringend nötige Dienste im Rahmen der Basisgesundheitsversorgung an. Das Geburtshaus gibt den Frauen die Möglichkeit, an einem sicheren Ort und unter optimalen Bedingungen zu gebären.
Der Aufbau des Gemeinde-Gesundheitszentrums ist auf das städtische Gesundheitswesen abgestimmt und wird in enger Zusammenarbeit mit den Behörden durchgeführt. Bis Ende 1998 konnten grosse Teile der Lokalitäten fertiggestellt werden, jedoch heftige Regenfälle hatten die Bauarbeiten verzögert. Das Gesundheitszentrum soll im Verlaufe dieses Jahres seinen Betrieb aufnehmen.
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28. Pestizide - Nein Danke!
ENDA-PRONAT fördert ökologischen Baumwollanbau in Senegal

"Die Anwendung von Pestiziden birgt eine große Gefahr für die Gesundheit von Mensch und Tier. Man darf bei der Arbeit auf dem Feld nichts essen, weil man immer irgendwo mit den Chemikalien in Kontakt kommt. Den Kindern muss man ständig einschärfen, nicht in die Felder zu gehen. Und auf die Tiere muß man aufpassen, denn die Schafe werden krank und verenden, wenn sie die pestizidbehandelten Baumwollreste fressen." berichtet Ousmane Dieng, einer der ersten Bauern, die seit 1994 Baumwolle ohne Pestizideinsatz anbauen.
Die Organisation ENDA PRONAT arbeitet in den drei Regionen Senegals, in denen der Pestizideinsatz noch immer am stärksten ist. Zusammen mit den Bauern suchen sie nach alternativen Produktionsmethoden. So zum Beispiel in der Region der "Niayes" in der großflächig Gemüse angebaut wird und wo z.B. Viruserkrankungen bei Tomaten sowie Nematoden und andere Pflanzenschädlinge, den Bauern arg zu schaffen machen. Auch in der Region Fleuve am Senegalfluß, die vom bewässerten Tomaten- und Reisanbau lebt sowie in der Region Tambacounda im Osten des Landes, wo die Bauern häufig neben ihren Nahrungsmitteln zusätzlich Baumwolle für den Verkauf anbauen, ist ENDA PRONAT aktiv.

Gefahren und Probleme beim Einsatz von Pestiziden
Baumwolle ist eine der Kulturen, deren Anbau überall mit sehr hohem Pestizideinsatz erfolgt. Der Einsatz der Gifte gefährdet Produzenten, Konsumenten und natürlich die Umwelt. Aber auch die Baumwollproduktion selbst wird durch den Pestizideinsatz bedroht: Abnehmende Bodenfruchtbarkeit, zunehmende Bodenerosion und Wasserverschmutzung sind eine ökologische Katastrophe und führen zudem noch zu sinkenden Erträgen. Damit die Erträge und Erlöse gleich bleiben, muss die Anbaufläche immer größer werden. Die Folge ist wiederum ein verstärkter Einsatz von Pestiziden. Hinzu kommt, dass die Schädlinge in steigendem Maß Resistenzen gegenüber den Pestiziden entwickeln und somit wirkungslos werden. Mit dem Einsatz von Pestiziden werden ausserdem die natürlichen Feinde der Schädlinge getötet bzw. von den Feldern ferngehalten (so z.B. insektenfressende Vögel). Ein Teufelskreis entsteht, in dem der Verbrauch von Pestiziden und die Verschuldung der Bauern immer weiter zunimmt. Denn die Bauern müssen von den Einnahmen Kredite für Düngemittel und Pestizideinkauf zurückzahlen, egal wie gut oder schlecht ihre Erträge sind. Nahrungssmittel und Medikamente für die Familie und fürs Vieh müssen ebenfalls gekauft werden. Wenn die Ernte nicht besonders gut ausfällt, reicht es gerade um den Kredit zurückzuzahlen, d.h. die Produktion war völlig umsonst.

Biobaumwolle als Alternative
Die Suche nach Alternativen zum pestizidintensiven Baumwollanbau ist für die Bauern der Region Tambacounda immer wichtiger geworden. Zu viele Vergiftungen hat es bereits gegeben, zu zeitintensiv und vor allem zu teuer ist die Aufrüstung mit Pestiziden gegen Schädlinge und Erkrankungen. Dabei können schon einfache Massnahmen wie die Integration anderer Kulturen (z.B. Sesam oder Hibiskus) mit pestizidfrei angebauter Biobaumwolle den sonst auftretenden Schädlingsbefall stark reduzieren. Biobaumwolle bringt zwar niedrigere Erträge, also auch weniger Bargeld, aber es bleibt meist mehr übrig, weil Ausgaben für Pestizide und chemische Düngemittel entfallen und die Baumwollreste gut als Viehfutter geeignet sind. "Bio" bedeutet also auch, ohne Kreditaufnahme produzieren zu können.

Ein ganzheitlicher Ansatz
Unterstützt bei der Suche nach alternativen Anbaumethoden wird PRONAT neben der ASW auch von dem britischen "Pesticide Trust", der seine Unterstützung allerdings ausschliesslich im Baumwollanbau anbietet. Die Bevölkerung aber benötigt einen weitergehenden Ansatz. Im vorletzten Jahr zum Beispiel war ihr größtes Problem, Saatgut für den Erdnußanbau zu bekommen. Die Bauern hatten wegen schlechter Ernten im Vorjahr kein eigenes Saatgut aufbewahrt und die Händler wollten Saatgut nur in Kombination mit Düngemitteln und vertragsanbau-ähnlichen Verpflichtungen abgeben. Auch auf diese Schwierigkeiten, die im Umfeld des ökologischen Baumwollanbaus auftreten, gehen ASW bzw. PRONAT ein, um so zum Erfolg der ökologischen Landwirtschaft in der Region Tambacounda beizutragen.
PRONAT nimmt den Baumwollanbau als Ausgangspunkt, um mit der Bevölkerung einen rationaleren Umgang mit vorhandenen Ressourcen zu thematisieren und ein Bewußtsein zu schaffen, für die Ganzheitlichkeit des Ökosystems. Hier spielen Besuche und der Erfahrungsaustausch mit anderen Bauerngruppen, die in der eigenständigen Verwaltung der natürlichen Ressourcen bereits gute Erfahrungen gemacht haben, eine große Rolle. Sie können Informationen weitergegeben über agro-ökologische Techniken von der Bodenvorbereitung über Fruchtwechsel, Einbeziehung anderer Kulturen bis zu Fragen der Vermarktung. Experimentiert wird auch damit, welche Pflanzen sich am besten als Windschutz und zum Einzäunen eignen und wie natürliche Stoffe gegen Schädlinge eingesetzt werden können (wie z.B. die Früchte des heimischen Neembaumes). Zum Programm gehören außerdem eine eigene Erhebung über den (traditionellen) Umgang mit Saatgut, die organisatorische Betreuung der Bauernorganisation, Ausbildung und Seminare.

"Niani Wouly", eine Bauernorganisation entsteht
1994 begann PRONAT mit zwei Landwirten auf experimenteller Basis im biologischen Anbau von Baumwolle zusammenzuarbeiten. Schnell kamen viele weitere Interessierte hinzu, so daß 1995 bereits 70 Bauern beteiligt waren und 15 Tonnen Baumwolle produzierten. Der Erfolg sprach sich herum und in den darauffolgenden Jahren kamen soviele interessierte Bauern dazu, dass sich schließlich die lokale Bauernorganisation "Niani Wouly" im Verwaltungsbezirk Koussanar, Region Tambacounda gründete. Heute werden von 525 Bauern aus 70 Dörfern über 200 Hektar Land bearbeitet.
Über 20% der ProduzentInnen der Ökobaumwolle sind Frauen. Das ist ein beachtlicher Anteil, denn bei der Produktion von "cash crops" (d.h. Verkaufsfrüchte, die nicht für den eigenen Konsum bestimmt sind) sind Frauen sonst kaum vertreten. Der alternative Baumwollanbau ermöglicht ihnen so den Zugang zu eigenen Einnahmen.
Die Ernte von 1998 fiel wegen extremer Trockenheit katastrophal aus, aber 1999 gab es wieder gute Erträge. Die vorhandene Menge an zertifizierter Ökobaumwolle reicht aus, um bei der Vermarktung sogar nach Möglichkeiten des Exports zu suchen. Zunächst soll aber vor allem die lokale Verarbeitung gefördert werden. Die alten Techniken des Spinnens und des Färbens mit Pflanzenfarbe (Indigo) werden kaum mehr praktiziert. Dieses Wissen ließe sich aber wieder beleben, vor allem wenn abzusehen ist, dass Baumwollprodukte einen höheren Preis erzielen als der Verkauf des Rohmaterials.
Die bisherigen Erfolge im Baumwollanbau haben einige Produzenten ermutigt, auch in anderen Bereichen den organischen Anbau auszuprobieren. Mehrere Tonnen Bio-Erdnüsse wurden letztes Jahr bereits von Niani Wouly produziert.
(ASW, Solidarische Welt 168)
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29. Von der Schulbank zum Selbsthilfeprojekt
ASAFODEB - Bildungsprogramme für Frauen in Senegal

"Unser Dorf ist sehr abgelegen und der Weg dorthin in schlechtem Zustand. Das erschwert auch die Versorgung mit Lebensmitteln. Deshalb entstand in unserer Gruppe die Idee, den Brotverkauf selbst in die Hand zu nehmen und eine eigene Verkaufsstelle einzurichten. Diese wurde einem Mitglied der Gruppe anvertraut. Der Brotverkauf lief gut, aber trotzdem kam es regelmäßig zu Verlusten, die sich niemand erklären konnte. Das lag nicht an dem mangelnden Engagement der Brotverkäuferin sondern daran, dass sie mit der Abrechnung erhebliche Schwierigkeiten hatte; sie konnte sich weder die Zahl der erhaltenen Brote noch die Verkaufserlöse notieren.
Mit der Teilnahme an einem Alphabetisierungskurs hat sich alles verbessert. Die Brothändlerin kann jetzt die Formulare für die einfache Buchführung ausfüllen, die Zahl der erhaltenen und verkauften Brote notieren und die Tageseinnahmen kalkulieren, die sie regelmäßig gegen eine Quittung der Schatzmeisterin unserer Gruppe übergibt. Seither gibt es keine Verluste mehr." So berichtet Aminata Faye, Präsidentin der Frauengruppe von Khinine in der Region Thiès in Senegal.

Alphabetisierung in der Muttersprache
Schreiben und Rechnen hat die Brotverkäuferin bei der Organisation ASAFODEB gelernt. Diese Organisation, deren Namen sich mit "Senegalesische Vereinigung zur Unterstützung von Ausbildung zu basisorientierter Entwicklung" übersetzen läßt, arbeitet seit fünf Jahren in mehreren Regionen des Landes und unterhält sechs Alphabetisierungsprogramme. Etwa 2000 Frauen im Alter von 15 bis 55 werden erreicht. Sie erhalten einen Schnellkurs in Basisalphabetisierung um die Grundlagen von Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlernen. Anders als in den staatlichen Schulen, findet der Unterricht in einheimischen Sprachen wie wolof, serer oder pulaar statt. ASAFODEB experimentiert auch mit dörflichen Grundschulen in denen Erwachsene über den Zeitraum von vier Jahren einen Schulabschluß erlangen können. Darüber hinaus hat ASAFODEB etwa 20 Dorfbibliotheken eingerichtet und unterhält 10 Bibliothekskisten, die von Dorf zu Dorf weitergegeben werden. Zwischen Mitarbeitern der staatlichen Verwaltungsstellen, Vertretern aus den Dörfern und den eigenen Mitarbeitern gibt es gelegentliche Wochenendseminare, die den Erfahrungsaustausch fördern.

Selbstbestimmtes Lernen macht Spaß!
Die Arbeit von ASAFODEB kann sich sehen lassen. Obwohl die Teilnahme an Alphabetisierungskursen für die Frauen eine zusätzliche Belastung neben der Arbeit im Haushalt und auf dem Feld bedeutet, lernen die meisten Frauen gut. Nach dem Abschluß eines Kurses gibt es Prüfungen, die erfassen wie gut jemand lesen kann und in welchem Umfang schriftliche Notizen möglich sind. Daneben werden die vier Grundrechenarten überprüft. Wer Schwierigkeiten hat, der oder dem werden Wiederholungs- und Vertiefungsphasen angeboten.
Die Gründe für den Erfolg der ASAFODEB-Programme liegen in dem partizipativen Ansatz und lebensnahen Lernen. Die TeilnehmerInnen nehmen aktiv an der Ausgestaltung der Programme teil und die eingesetzten Materialien werden durch Tests, Erfahrungen und Diskussionen laufend verbessert. Das Lesen-Schreiben-Rechnen Lernen geht mit einem umfassenden Basis-Bildungsprogramm einher. Gemeinsam lernen die Frauen auch, ihre Probleme zu identifizieren, zu benennen und in einen Problemlösungsprozess einzusteigen. Durch diese Bewußtseinsbildung wird die Bereitschaft gefördert, aktiv an der Umgestaltung der Situation mitzuwirken und Gesundheit, Hygiene, bzw. den allgemeinen Lebensstandard in der Gemeinschaft zu verbessern.
Damit das Lernen auch Spaß macht, wird Lesematerial mit interessanten und praxisnahen Themen ausgewählt. Die dafür benötigten Texte werden von ASAFODEB selbst erarbeitet und in verschiedenen Sprachen verbreitet. Die Alphabetisierungsarbeit in der Muttersprache ist für die SchülerInnen leichter und somit wesentlich effektiver als das Lernen in französisch. Denn die Amtssprache Senegals haben die wenigsten Frauen je gelernt. Ein wichtiger Aspekt ist auch die Ausbildung der Ausbilder: Engagierte DorfbewohnerInnen mit einer guten Minimalbildung können selbst wieder zu Lehrenden bzw. TrainerInnen werden.

Lebenspraktischer Schulunterricht
Wenn erwachsene Frauen die Grundschule nachholen, werden natürlich andere Inhalte vermittelt als dies in den Regelschulen der Fall ist. Alle für das tägliche Leben der Frauen relevanten Themen werden aufgegriffen. Zum Beispiel: Gesundheit & Hygiene. Auf einer bunten Flipchart mit großflächigen Bildern werden hier Themen wie Säuglingsernährung, Kinderkrankheiten etc. dargestellt. Einfache Maßnahmen wie die orale Rehydration, können so verständlich erklärt werden. Hierbei handelt es sich um eine Zucker-Salz Mischung die bei Kleinkindern mit starkem Durchfall das Austrocknen des Körpers verhindern kann. Unter den Lesematerialien die erstellt wurden sind u.a. Broschüren über Wurmbefall oder über die Vorsorge gegen Kinderlähmung.
Dies sind elementare Kenntnisse angesichts der oft ungenügenden Trinkwasserversorgung, dem Mangel an einfachen Latrinen in vielen Dörfern und den damit einher gehenden oft katastrophalen hygienischen Bedingungen. So gehören Durchfall und Wurmerkrankungen fast zum Alltag und auch Tuberkulose ist weit verbreitet. Und in jeder Regenzeit erkranken Kinder und Erwachsene an Malaria. Prophylaxe ist teuer, die Versorgung mit Medikamenten oder Gesundheitsposten ist völlig unzureichend. Fehl- und Mangelernährung sind überall anzutreffen.

An Projektideen mangelt es nicht
Schnell bilden sich unter den Frauen aus den Kursen kleine Gruppen, die gerne ein "Projekt" realisieren wollen. Auch hier unterstützt ASAFODEB die Initiatorinnen. Denn jedes kleine Projekt, jede Selbsthilfemaßnahmen, braucht auch ein Minimum an Informationen über das benötigte Material, die Zeitplanung, die Kosten. Also folgen auf die Alphabetisierungsprogramme auch Kursinhalte über Management, einfache Buchführung, Kalkulation oder Planung. Spiele, Flipcharts, Diskussionen, Zeichnungen, Studien über Angebot und Bedarf und andere Methoden werden eingesetzt um z.B. ein einkommensschaffendes Projekt unter Beteiligung aller gemeinsam zu besprechen.
Je nach Nachfrage und Interesse der Bevölkerung und nach Ausgangssituation im jeweiligen Ort, werden auch berufsbezogene Ausbildungen angeboten. Das können Kurse zur Nahrungsmittelkonservierung, über die Anlage von Saatbeeten oder Baumschulen, Stoffe-Färben oder kunsthandwerkliche Arbeiten sein.
Und wenn sich im Ort eine Selbsthilfeinitiative gründet, kann diese mit der nötigen Betreuung und Unterstützung rechnen. In entsprechenden Kursen werden die Realisierungschancen einkommensschaffender Projekte geprüft, Finanzierungsmöglichkeiten gesucht oder Spar- und Kreditprogramme betreut.

Spar- und Kreditprogramme
Die Kaufkraft ist extrem niedrig und die meisten Leute haben nie genügend Geld um sich das Notwendigste zu kaufen. Nach dem Einbringen der Hirseernte verkauft daher fast jeder einen Teil der Ernte um Geld für Kleidung, Schule oder zum Begleichen von Schulden zu haben. Wenn der Vorrat nicht ausreicht, müssen die Leute ein halbes Jahr später wieder Nahrung beim Händler kaufen - oft um ein Vielfaches teurer als das was sie beim Verkauf erhalten hatten.
Hier sieht ASAFODEB einen Ansatzpunkt für sinnvolle Kleinprojekte. Die Organisation plant den Aufbau selbstorganisierter Getreidebanken als Überlebenssicherungsprogramme. Mit Hilfe auch von ASW soll nach der Ernte Hirse aufgekauft, sachgerecht gelagert und später mit kleinem Aufschlag wieder verkauft werden. So bekommen die Bauern für ihre Ernte mehr als beim Händler und kaufen wiederum deutlich billiger als bei diesem. Durch Selbstverwaltung lernen sie einfache Buchführung, Vorratshaltung und "Management".
Eine Gruppe von Frauen erhält gemeinsam die Verfügung über einen Kreditfonds, den sie nach ihren eigenen Regeln untereinander in Form von Kleinkrediten aufteilen. Insbesondere der Kleinhandel, eine Domäne der Frauen, kann damit finanziert werden und den Beteiligten zu einem kleinen Einkommen verhelfen. Die Selbstverwaltung der Kreditprogramme ist so organisiert, daß ein kleiner Teil des individuell erzielten Gewinns wieder in den gemeinsamen Fonds geht und der Kreditfonds damit an Bedeutung gewinnt.
Gut 30 Frauen in Thialy haben mit einer einmaligen Einzahlung und mehreren monatlichen Sparraten so den Grundstock für ihren Kreditfonds aufgebaut. Die Summe kommt zwar nur sehr langsam zusammen und nur jeweils ein Teil der Frauen kann einen Kredit erhalten, aber es handelt sich um ein selbstorganisiertes Programm, das die Frauen aus eigener Kraft aufbauen.
ASAFODEB betreut die Gruppen, versucht deren Erfahrungen untereinander auszutauschen und die Programme auf der Basis der verschiedenen Erfahrungen zu verbessern. Kreditprogramme sind extrem hilfreich, denn oft fehlt es den sehr unternehmerischen Frauen lediglich an dem notwendigen Startkapital. Bei der Schilderung dieser sehr positiven Ansätze darf nicht vergessen werden, daß die Lebenssituation im Sahel äußerst prekär ist. Bildungsprogramme und die Betreuung von Selbsthilfeinitiativen sind eine Möglichkeit um auf die zahlreichen Probleme in den ländlichen Regionen zu reagieren.
(ASW, Solidarische Welt 170)

 

 

EMAS Senegal

Programm: Projektrecherche Senegal vom 15.4.2005 – 15.5.2005

-Anreise nach Dakar

-Gespräche mit dem Ministerium für Gesundheit und Soziales

-Informationen einholen über Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitsaufnahme, staatliche Anerkennung der Brunnenbauerschule, etc.

-Materialrecherche und Preisermittlung

-Recherche über Dienstleistungsmöglichkeiten Metallwerkstatt, Transport und Unterkunft der Lehrgangsteilnehmer, sowie der zu erwartenden Kosten

-Standortsuche :
Fahrt nach Djifer und Dianuar ( 100km südl. von Dakar)
( Ausfinden von zukünftigen Brunnenbauern, Geologische Bestandsaufnahme)
Flug nach Zuiginchor ( Provinz Casamance)
Weiterfahrt an die Küste ( Kafountine) , geologische Bestandsaufnahme, Ausfinden von zukünftigen Brunnenbauern
Gespräche mit regionaler NGO, Gebäudesuche für Ausbildung

-Fahrt nach Guinea-Bissau( Grenzgebiet)
-Öffentlichkeitsarbeit, Konzeptvorstellung bei lokaler NGO ( Action AID )Anwerben von zukünftigen Brunnenbauern
-Rückflug nach Dakar
-Heimreise

Kostenschätzung:
Flug : Hamburg-Dakar 770,- Euro
Flug: Dakar-Zuiginchor,Casamance 110,- Euro
Weitere Reisekosten ( lokale Transportmittel) 150,- Euro
Reise-Krankenversicherung 25,- Euro
Telefon, sonstiges 55,- Euro
Unterkunft und Verpflegung 500,- Euro
Geschätzte Kosten ca. 1500,- Euro
Für dieses Projekt werden nur Gelder verwendet, die auf das für eingerichtete Konto KontoNr. 400080888 bei der Raiffeisenbank "Westafrika" eingehen.

Hamburg, den 5.4.2005 Martin Wobken Dipl.Chem.In

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Destination Afrique (Nov./Dez. 1996)

LETTRE DU VILLAGE
Mon Mariage avec un Inconnu


Je suis née dans une famille paysanne et mes parents vivaient au village. Ils 's 'adonnaient les plus naturellement aux travaux champêtres pour entretenir la famille restée au village et pour subvenir aux besoins de la petite lycéenne que j 'étais.
Je e fréquentais le grand lycée de la ville, a Makota, prestiges que m 'enviaient les nombreux cousines du quartier restés au village. Je venais a peine d'avoir me seize ans lorsque je fréquentai la classe de quatrième. Mes professeurs me trouvaient studieuse et très intelligente, et me parents ne tarissaient pas d'éloges sur ma gentillesse, mon obéissance et ma conduite. Et bien aujourd'hui, lorsque j 'évalue les épreuves que j'ai subies, je crois comprendre ce qui m'a perdu.

Les pluies s'étaient faites désirées toute l'année durant, les récoltes avaient été des plus mauvaises, les greniers étaient vides. La terre refusait la houe. chèvres moutons avaient succombé par centaines; et même les alevins avaient disparu des rares flaques d'eau qui restaient encore au marigot. Et pourtant, il fallait vivre, il fallait travailler pour survivre.

Mon Père avait emprunté auprès de Bananfa, un usurier, une somme de vingt cinq mille franc pour acheter de l'engrais et sauver ce qui restait encore de sa plantation. Mais malheureusement. sa volonté et tous les efforts qu 'il déploya ne purent rien contre le diktat de la nature. Des jours et des mois s'écoulèrent, la situation ne s'améliorait guère au village; pourtant, entre temps, l'argent travaillait, augmentait, fructifiait. Et au moment où Bananfa exigea de payer, la somme s'élevait à soixante cinq mille francs.

Des nombreuses commissions de médiations furent spontanément créées. L'arbre à palabre ne désemplissait plus de monde, les conseils se succédaient à une cadence irrégulière. Mais aucune initiative, aucun regroupement ne réussirent à rembourser l'argent de Bananfa.

De négociation en négociation, au terme d'un temps qui paraissait infiniment long à l'usurier, le dernier conseil du village, lequel réunissait tous les grands notables de la localité exigea de mon père le choix entre ses terres et sa fille que j'étais, puisqu'il fallait payer.

Je fondis en sanglots, une matinée de vendredi et en plein cours de géographie, à la lecture de la lettre que le surveillant venait de me remettre. Un appel me convoqua au chevet de mon père agonisant au village. La petite fille aînée que j'étais ne pouvait être que profondément décontenancée, inquiète, tremblotante devant une telle nouvelle. Tous mes petits camarades de classes compatirent à mon malheur, essayèrent tant bien que mal de me remonter le moral, se cotisèrent même pour me régler mon transport. Aux premières heures de l'après-midi midi, au moment où le muezzin s 'apprête à chanter, je me trouvais déjà au village.

Mon accueil fut morne et sans couleur. Rien de plus normal. Ma mère m 'attendait à la place du stationnement: je ne saurais dire depuis combien de temps je la trouvai évasive, malheureuse et rêveuse pas comme d 'habitude.Elle ne remarqua mon arrivée que lorsque je tombai dans ses bras, comme du temps de ma tendre enfance, pour chercher protection quand je m'étais attaquée á plus fort que moi. Elle me demanda, d'une petite voix inaudible si je me portais bien; et ce furent les dernières paroles que j 'entendis de la bouche de ma mère.

La concession était sans vie. Mes petits frères et soeurs étaient absents. Mon père était assis sur une natte traditionnelle dans un coin de la case et son frère cadet juste à cote de lui. lls conversaient à voix basse et ne semblèrent remarquer la présence de la nouvelle venue qu 'au moment ou je me saisis de la main de papa. Je voulus m'enquérir de son état de santé. mais il ne fit qu 'esquisser un léger sourire, me caressa les cheveux, avant de me demander d'aller me reposer dans ce qui fut jusqu la encore ma chambre à coucher. Je ne comprenais plus rien,
tellement les évènements échappaient à mon champ de réflexion. Je ne m 'expliquais pas la lettre qui m 'avait sorti de l'école, je ne trouvais pas ma raison d'être au village alors que mon père, tel que je venais de le voir, ne présentait pas de symptômes de maladie ou du moins, si tel avait été le cas, ceux-ci n'auraient même pas nécessité le déplacement de t 'infirmier du village. Et je commençai à trouver ce qui se passait amusant. Je me consolai en pensant à tout l'amour et l'affection que mes parents m 'avaient toujours porté, eux qui supportaient
difficilement que je m 'éloignasse d 'eux pendant une longue période. Je me résolus à profiter du week-end qui commençait pour me reposer et apprendre quelques leçons que je traînais dans mon sac d 'écolier, lorsqu 'une voix dont je ne puis encore aujourd'hui déterminer de qui elle fut, me tira de mes rêveries. Je sortis précipitamment de la chambre et, appris ce pourquoi j'avals quitté la villa.

Mon oncle était debout et me faisait face. Et moi, je demeurai comme une statuette devant lui. Au terme d'un temps que je trouvai infiniment long, auprès plusieurs tentatives ponctuées d 'hésitations, je puis l'entendre dire quelque chose comme ceci "Magdalena, ma fille un proverbe nous apprend que lorsque la rivière serpentait, c'est parce qu 'il n 'y eut pas de conseiller. Les temps deviennent de plus en plus durs, et pour tout le monde, la jeunesse d'aujourd'hui ne connaît pas les mêmes chances que la nôtre. La crise de mariage est une réalité très inquiétante. Hommes et femmes, chacun se comporte comme il peut, à condition d'éviter le mariage. Nos valeurs les plus sacrées ont disparu. La culture du mal a obtenu son droit de cité chez nous et est à l'origine de nombreuses déviations: délinquance juvénile, prostitution, grossesse précoces ... Mais heureusement pour nous, le Bon DIEU a toujours aimé et protégé notre famille et nous ne cessons de lui rendre grâce. De la même manière qu il nous a aidé à t'envoyer à l 'école, jusqu' à ce niveau d 'étude et à faire de toi une fille intelligente, obéissante, dévouée, il nous a envoyé un de ses vaillants fils, un homme bien, respectable, qui saura te rendre heureuse et dont tu deviendras la femme. A partir d'aujourd'hui, tu
quitteras les mains de ton père et de ta mère, tu fonderas ton propre foyer. Il observa une pause et continua quelques instants après. Tu n 'auras pas besoin de beaucoup de bagages. Ton mari te procureras le nécessaire.

Je commençai à prendre conscience des propos de mon oncle lorsque dans la même nuit, toute de pagne couverte, je fus conduite sur une calèche, malgré toute la marée de larmes que j'avais versée, à une dizaine de kilomètres de mon village...

Par Paul BASSOGOG
Destination Afrique - Novembre - Décembre 1996, S. 14f
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TAZ Nr. 6254 (25.09.2000, Veronika Kabis-Alamba)

Versteckspiel in aller Öffentlichkeit

Jules T. lebt seit vielen Jahren ohne gültige Papiere in Deutschland. Er engagiert sich in der Jugendarbeit und als Fußballtrainer. Weil er den Rassismus bürokratischer Vorschriften spürte, hat er sich gekränkt über die Spielregeln der deutschen Gesellschaft hinweggesetzt. Ein Porträt von VERONIKA KABIS-ALAMBA

"Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustand kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber der Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird." Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche

Illegal - ein böses Wort für einen Menschen. Ihm haftet der Ruch des Outlaws, des verschlagenen Eindringlings an. Kein Mensch ist illegal. Er mag keine gültigen Papiere haben, also ein "sans papiers" sein, ein Mensch, der Teil hat am Leben der anderen und doch wie ein Phantom ist: weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Ein wenig gewundert hatten sich Jules T.s engste Freunde schon, dass er nach so vielen Jahren noch immer keine Aufenthaltsgenehmigung als Student bekommen haben sollte; an die Uni ging er schon lange nicht mehr, und die Ausländerbehörde nahm es doch sonst so genau. Aber was Jules ihnen vor wenigen Wochen eröffnete, hatte keiner erwartet: Seit vierzehn Jahren lebt er ohne gültige Papiere in Frankfurt.

Ich kenne Jules schon lange und muss nun, da er mir aus seinem Leben erzählt, feststellen, wie wenig ich von ihm weiß. Mit vierzehn beginnt er, Deutsch zu lernen. Der begabte Junge besucht eine Eliteschule in der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Noch vor dem Abitur hat er 1977 erstmals Gelegenheit, als Preisträger des pädagogischen Austauschdienstes einige Monate nach Deutschland zu reisen. Spätestens da steht für ihn fest, dass er Germanistik studieren wird. Er ist begeistert von den deutschen Klassikern, Goethe und sein "Werther" haben es ihm besonders angetan. Doch für geistige Höhenflüge an der Uni von Dakar bleibt wenig Zeit. Ende der Siebzigerjahre herrscht in Senegal die UPS-Einheitspartei, vier Jahre lang geht Jules in den Untergrund, wird Mitglied einer maoistischen Organisation.

Der junge Intellektuelle kämpft auf seine Art, inszeniert Bauerntheater in Dörfern, Städten, an der Universität. In der Organisation mit ihrer rigiden Struktur eckt er jedoch zunehmend an; er will nicht zu allem ja sagen, lehnt Gewalt ab und weigert sich, Menschen um seiner Ideale willen in den Tod zu schicken. So ergreift er denn die Gelegenheit, nach der Diplomprüfung mit einem Stipendium in der Tasche wieder nach Deutschland zu gehen. Er setzt sich mit den Internationalismus-Diskussionen der Achtzigerjahre auseinander, beschäftigt sich mit dem Nord-Süd-Verhältnis, arbeitet an seiner Magisterarbeit zur Senegal-Berichterstattung in deutschen Medien.

Jules ist ein eigenwilliger Mensch, kritisch gegen sich und seine Umgebung. Bei einem Besuch in Dakar kommt es schließlich zum Bruch mit seinem Professor, sein Stipendium wird gestrichen. Er kehrt dennoch nach Deutschland zurück. Als er seine Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen will, fordert die Ausländerbehörde ihn auf, einen Gesundheitstest zu machen. Ein umstrittenes, aber für afrikanische Studenten inzwischen übliches Verfahren. Jules ist empört über dieses Ansinnen. Und er setzt nie wieder einen Fuß in die Ausländerbehörde.

Vierzehn Jahre sind seither vergangen. Wie konnte er alles aufs Spiel setzen wegen ein wenig gekränkten Stolzes? Jeden anderen hätte ich für verrückt erklärt. Jules nehme ich seine Geschichte ab. Der empfindsame, hochintelligente Senegalese hat sich dieses eine Mal über die strengen Spielregeln der deutschen Gesellschaft hinweggesetzt - weil er gekränkt war, weil er den Rassismus in den Vorschriften gespürt hat, weil er mit ihnen nichts anfangen konnte. Er ist keiner, der vorsätzlich Gesetze bricht; er hat sie hinterfragt und befunden, dass sie ungerecht sind. Ganz einfach. Und seither lebt er ohne das Ausländergesetz. Es war eine Entscheidung mit Folgen. An eine akademische Karriere war nicht mehr zu denken, der Alltag musste so gestaltet werden, dass keiner etwas merkte. Möglichst keine Behördenkontakte, keine Begegnungen mit der Polizei, keine Reisen mehr innerhalb Europas. Nach und nach hat Jules dann eine Betätigung gefunden, die ihm, wie er sagt, ein mindestens gleichwertiger Ersatz für die Unilaufbahn ist.

Seit Jahren arbeitet er mit Kindern, ist Fußballtrainer und Jugendbetreuer in einem multikulturellen Jugendzentrum in Frankfurt. Besonders die jugendlichen Flüchtlinge liegen ihm am Herzen. Jeden Tag ist er da, der Laden würde ohne ihn zusammenbrechen. Die ganze Arbeit macht er gegen eine geringe Aufwandsentschädigung - in Deutschland ist er zum Hungerkünstler geworden. Seit einiger Zeit unterrichtet er auch Deutsch, ist äußerst beliebt bei seinen SchülerInnen. Da reizt ihn wieder die intellektuelle Herausforderung, das Unterrichten ist wie ein back to the roots.

Er ist ein Meister der deutschen Sprache, mit der Sprache der Philosophen geht er um wie mit einem geliebten Spielzeug. Kein Schüler fällt bei ihm durch die Maschen; wenn einer nicht lesen und schreiben kann, wird er eben zunächst alphabetisiert. Dass er mit seinen Schülern notfalls auch Türkisch und Spanisch sprechen kann, daran haben sie sich gewöhnt, neuerdings lernt er Chinesisch.

Was es für ihn bedeuten würde, nach Senegal zurückzukehren, möchte ich von ihm wissen. Er hat diese Option ausgeblendet, merke ich schnell. Es fällt ihm schwer, überhaupt darüber nachzudenken. Auf seiner letzten Reise vor vielen Jahren hat er die Medina, das Elendsviertel von Dakar, besucht. Die Not und Perspektivlosigkeit der Bewohner habe er nicht ertragen können. Aber in Deutschland arbeite er doch auch mit Menschen, die ganz unten stünden, wende ich ein. Das sei schon richtig, antwortet er, aber hier könne soziale Arbeit greifen, in Senegal habe Jugendarbeit keine wirkliche Chance. Außerdem fühle er sich den "afrikanischen Verhältnissen" von Korruption und Scheindemokratie einfach nicht mehr gewachsen.

"Und was machst du, wenn du krank bist?", frage ich ihn, denn natürlich hat Jules schon lange keinen Krankenschutz mehr. "Ich werde nicht krank", antwortet er mit einer wegwerfenden Geste, als könne kein Virus ihm etwas anhaben. Überhaupt bemüht er sich nach seinem "Coming-out", seinen Freunden gegenüber gelassen zu wirken. Fast so, als gehe ihn das alles nichts an. Die Freunde ihrerseits sind aus dem Häuschen, überlegen sich tausend Möglichkeiten, wie sie ihm helfen können. Die Ausreise organisieren, die Wiedereinreise beantragen - aber wie? Als Student hat er keine Chance mehr, die Green Card gibt es nur für IT-Spezialisten, heiraten - aber wen? Zurzeit hat er keine feste Freundin. Je ausgefallener die Ideen werden, desto mehr igelt sich Jules ein. Irgendwie hat er sich eingerichtet, bislang ging es doch auch gut.

Dennoch hat sich etwas geändert. Es ist keine Einbildung, dass da mehr Polizeipräsenz in der Öffentlichkeit ist. Die neuen "verdachtsunabhängigen Kontrollen" könnten ihm zum Verhängnis werden; je dunkler die Hautfarbe, desto größer das Risiko, von Uniformträgern gefilzt zu werden. Seit er gehört hat, dass der Bundesgrenzschutz zunehmend in Zügen nach illegalen Zuwanderern sucht, fährt er nicht mehr Bahn. Seit er einmal um Haaresbreite in der Straßenbahn kontrolliert worden wäre, geht er zu Fuß. Seine Bewegungsfreiheit nimmt von Tag zu Tag ab, das Netz zieht sich langsam zu. Und die Angst beginnt an ihm zu nagen. "Was sollen die Jugendlichen ohne mich machen? Sie brauchen mich doch." Man möchte ihn schütteln ob so viel Gutmenschentums. Kann dieser Mann nicht auch an sich denken?

Einmal hat er mit dem Gedanken gespielt, an den Innenminister zu schreiben. Er hält an seinem Glauben fest, dass die Deutschen über "intellektuellen Anstand" verfügen. Wenn er die Karten offen auf den Tisch legte, darauf hinweise, dass er niemandem zur Last falle, im Gegenteil eine wichtige soziale Arbeit leiste - vielleicht könnte eine humanitäre Lösung gefunden werden. Er hat die Idee wieder verworfen. Zu viele Menschen in seiner Umgebung sind in den letzten Jahren abgeschoben worden, nie hat es menschliche Entscheidungen gegeben. Das Ausländerrecht ist kein Gnadenrecht, hat neulich jemand gesagt.

Jules macht niemandem Vorwürfe, eigentlich hat er sich ja selbst in diese missliche Lage manövriert. Aber er weiß, dass er einen gefährlichen Spagat zwischen Versteckspiel und einem Leben in aller Öffentlichkeit übt. Grüne Uniformen meidet er wie der Teufel das Weihwasser, zugleich erscheinen sein Name und sein Bild öfter in der örtlichen Presse - wegen seiner Erfolge als Fußballtrainer, seines Engagements in der Jugendarbeit.

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