TGV Express


Senegal/Frankreich 1997, Buch und Regie: Moussa Touré. Mit: Makéna Diop, Al Hambou Traoré, Bernard Giraudeau, 90Min., O: Französisch/Wolof     

Held dieses afrikanischen Road-Movies ist ein klappriger, buntlackierter Reisebus, der zwischen der senegalesischen Hauptstadt Dakar und Conakry in Guinea verkehrt. Sein stolzer Besitzer Rambo hat ihn optimistisch und werbewirksam "TGV Express" getauft - wie den französischen Hochgeschwindigkeitszug. Doch heute ist Rambo in Schwierigkeiten. Seine nächste Fahrt nach Conakry droht zu platzen, weil das Volk der Bassari an der Grenze zu Guinea einen Aufstand plant. Nur eine Handvoll Passagiere wagen dennoch die ungewisse Reise - unter ihnen ein Ex-Minister auf der Flucht, das europäische Ethnologen-Pärchen Roger und Sylvia und ein Zauber-Marabout, der aber auch nicht immer rechtzeitig für genügend Kühlwasser sorgen kann...

Höchst vergnüglich und vital erzählt, wurde Moussa Tourés originelle und vielschichtige Komödie zum Publikumsliebling beim Mannheimer Filmfestival 1998 und zum Geheimtipp der letzten Monate. Ganz nebenbei erhält man Einblick in den afrikanischen Alltag zwischen moderner Technologie und Geisterglauben, zwischen politischer Korruption, traditioneller Stammesstruktur und kolonialem Erbe. Und es wird klar, dass Humor und unverwüstlicher Optimismus auch ein Teil einer Überlebensfrage sind.

 

Die Gute Fee aus der Schweiz
Wohlstandsmüll für Afrika

Lilly Vogel: 81jährig und kein bisschen müde. Mehrmals im Jahr reist die rüstige Bernerin in den Senegal, um mit Gebrauchtem aus der Schweiz die Not der Aermsten zu lindern. Blinden, Kranken, mittellosen älteren Menschen hilft "die gute Fee aus der Schweiz". Wenn "Madame Lilly" in den Lepradörfern auftaucht, schart sich sofort eine grosse Menschenmenge um sie. Doch Lilly hat in 30 Jahren Afrika-Hilfe gelernt, sich durchzusetzen und dafür zu sorgen, dass ihre Schweizer Occasionen auch wirklich den Richtigen zu Gute kommen. Lilly Vogel führt deshalb einen unerbittlichen Kampf gegen Profiteure und korrupte Staatsbeamte, welche die Hilfssendungen aus der Schweiz mit immer neuen Zöllen und Gebühren belasten wollen. Und die rüstige Seniorin Lilly weiss sich durchzusetzen. Kernstück ihres Lebenswerks ist eine Augenklinik, welche sie im Gedenken an ihren erblindeten Vater im Senegal aufgebaut hat. Das benötigte Material lieferte ihr das Hilfswerk HIOB International von Helmuth Wittwer (64). Er ist ihr wichtigster Partner und stieg vor 15 Jahren aus der Wohlstandsgesellschaft aus. Seither managt er HIOB, die Hilfsorganisation Brockenstube. Dazu gehören über 20 Brockenstuben in der ganzen Schweiz, die Gegenstände aller Art verkaufen. Der gesamte Ertrag, den die 150 Mitarbeitenden erwirtschaften, wird für Hilfsprojekte in aller Welt verwendet. Neben einem effizienten Kleiderrecycling hat sich HIOB vor allem auf die Wiederverwertung von medizinischem Material spezialisiert. Tausende von Tonnen schafft HIOB so zu Bedürftigen in aller Welt. Er entlastet damit nicht nur die schweizerischen Müllhalden und Kehrichtverbrennungsanlagen, sondern meist auch das Gewissen der Leute, welche noch gut Brauchbares ohne HIOB wegwerfen würden.

 

Little Senegal
Regie: Rachid Bouchareb. Mit Sotigui Kouyate, Sharon Hope u. a., Frankreich 2001, 98min.
Filmbesprechung
ANNETT BUSCH taz 04.07.2002


Das Meer hat sich verändert
Kleine Zündungen zwischen Senegal und Harlem: Was nachwirkt von der Sklaverei, zeigt "Little Senegal" von Rachid Bouchareb.
"What's your point with the past? Ich kümmere mich lieber darum, daß ich ein Abendessen auf den Tisch bekomme." Ida hat Alloune nicht darum gebeten, den weiten Weg von Senegal über den Ozean nach Little Senegal zurückzulegen, um ihr Geschichten von Ururgroßvätern und -müttern zu erzählen. "I'm not interested in your Djulas or Lulas."

Was also soll der Scheiß mit der Vergangenheit? Für den älteren Herrn Alloune (Sotigui Kouyate) ist sie Alltag. Seit zig Jahren führt er Touristen durch das Sklavenmuseum auf Goree, der ehemaligen Sklaveninsel direkt vor Dakar. Hält verrostete Eisenketten in die Höhe, zeigt auf abgeschrabbelte Wände, erzählt davon, was Menschen Menschen antun. Seine Führung endet an einer Luke, durch die man das knallblaue Meer sehen kann. Die Schiffe, die sich auf den Bildausschnitt zu- und wieder wegbewegen, karren neue Touristen an. Manche von ihnen haben am Ende von Allounes Geschichte Tränen in den Augen. "Von hier gab es kein Zurück mehr. Hier wurden die Sklaven auf die Schiffe verladen und in die USA gekarrt." Alloune geht eines Tages denselben Weg. Er folgt der Spur seines Familienstammbaums, die ihn zur US-amerikanischen Gegenwart nach Harlem führt, wo alle um ihre Existenz kämpfen. Für Rührseligkeit hat niemand Zeit.

Wie eine Holzschnittfigur wandelt Sotigui Kouyate durch den Film, prädestiniert für die Rolle des dickköpfigen, weisen Alten. Auch sein Sohn Dani Kouyate ließ ihn in seinem Film "Keita: L'Héritage du griot" (1994) Störenfried in einer Mittelstandsfamilie in Burkina Faso sein. Die in ihrem Kleidungsstil und Alltagsgepflogenheiten europäisch orientierten Besserverdienenden hielten den Alten mit seiner Hängematte, seiner Kora und den Dreadlocks für ähnlich bekloppt wie die junge, zusammengewürfelte, sich mit diversen Jobs über Wasser haltende Familie in New York. Geboren in Bamako, Mali, ist Sotigui Kouyate in Westafrika eine Legende. In den 60ern soll er das erste Ballett in Burkina Faso geründet und als Fußballspieler zweimal für seine Nationalmannschaft gespielt haben. Später haben ihn Leute wie Bernardo Bertolucci, Margarete von Trotta oder Amos Gitai engagiert. Ende der 80er holte ihn Peter Brook zum ersten Mal für eine Rolle im "Mahabharata" nach Paris, zur Zeit spielt Sotigui Kouyate regelmäßig Shakespeare in Brooks Ensemble.

Geschichten mit eigenwilligen Außenseitern leben natürlich von der gegenseitigen Annäherung. In "Keita" lernt der Griot vom verwöhnten Fratz des Hauses, wie man Spaghetti isst, und dieser findet die Mythengeschichten Afrikas schließlich spannender als den Schulunterricht. In "Little Senegal" wird Ida, die schroffe, schöne Lady, die einen Straßenecken-Zeitungsladen betreibt, zu schätzen lernen, einen verantwortungsvollen Herrn an ihrer Seite zu haben. Rachid Bouchareb spart sich eine Dramaturgie, die auf Versöhnung oder Erkenntnis hinausläuft. Zwischendurch inszeniert er kleine Zündungen, Momente, die von Zärtlichkeit handeln. Der Rest ist Alltag, Arbeit, Taxi fahren, Zeitungen und Handtaschen verkaufen, Streit, im Waschsalon rumhängen. Intimität findet statt und verflüchtigt sich wieder. Im Fernsehen flimmern die Nachrichten. Amadou Diallo wurde mit 41 Schüssen niedergestreckt, an einem anderen Tag hält jemand eine verrostete Eisenkette in die Kamera, mit der ein Lkw-Fahrer einen dunkelhäutigen Amerikaner an seinen Lkw gehängt und über die Straße gezogen hat. Das Wort Sklaverei taucht wieder auf, als Hassans Freundin, Eileen, die den ganzen Film über kaum ein Wort gesagt hat, ihn anschnauzt, sie habe keinen Bock mehr, seine Sklavin zu sein. "Meinst du, ich bin von Afrika weg, um mit dir hinter einem Vorhang zu ficken, mir von dir ein Kind nach dem anderen andrehen zu lassen?"

Was der Scheiß mit der Vergangenheit also soll? Daß Menschen verrückt genug sind, zu tun, was sie für richtig halten. Einem Traum zu folgen, Familienbanden auszudehnen, Wegstrecken zurückzulegen. Alloune kehrt zurück nach Dakar. Aber das Meer hat sich verändert, das Blau ist nicht mehr abstrakt. Auch der Stil, wie Touristen durch das Sklavencastle geführt werden, hat sich verändert. Ein wesentlich jüngerer Herr erzählt im flotten Tonfall: Und in diesem Raum wurden die Frauen gefangen gehalten. Er hält demonstrativ eine verrostete Eisenkette hoch, macht eine Kunstpause. Die Touristen sind ein bisschen betroffen, und Alloune träumt von Ida und dem Zeitungskiosk an der Straßenecke.

Von ANNETT BUSCH

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Weite Felder und tiefe Flüsse
Wem die Stunde schlägt: Düstere Tonlagen und existenzielle Horizonte in den Wettbewerbsbeiträgen

Wie in The Hours, stirbt auch im einzigen afrikanischen Wettbewerbsbeitrag, Frau Brouette, gleich zu Anfang jemand eines unnatürlichen Todes. Während eines Streits fallen drei Schüsse. In Rückblenden wird dann, dem Erzählmuster der films noirs folgend, die Antwort auf die Frage gegeben, wie es dazu kam, dass der Polizist Naago (Aboubacar Sadikh Ba) im Staub vor der Hütte seiner Freundin Mati (Rokhaya Niang) verblutete.
In dem liebevollen Portrait des Senegalesen Moussa Sene Absas entpuppt sich die Protagonisten indes nicht als femme fatale. Selbst geschieden, hat die allein erziehende Mutter Mali sich mit einer Freundin verbündet, der sie Unterschlupf vor deren prügelndem Ehemann gewährte. Gemeinsam haben die Frauen durch Schmuggel das Startkapital für die Eröffnung eines Imbisses besorgt. Auch auf sich alleine gestellt, könnte Mali, da lässt Absa keinen Zweifel, fraglos alle Widrigkeiten des Schicksals meistern - wenn nur die Männer in ihrem Leben sich nicht allesamt als Nichtsnutze erweisen würden. Absas Kritik an der islamisch eingefärbten patriarchalischen Gesellschaftsordnung des Senegal nimmt gelegentlich Züge eines Lehrstücks an. Aufgelockert wird das Geschehen aber von den Kommentaren singender Straßenmusikanten. Und die Liebeserklärung zweier kindlicher Nebenfiguren erfolgt im Stil des Musicals: als Gesangseinlage.

weitere Infos: http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20030290.pdf
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