Groove unterm Affenbrotbaum

Ohne sie gäbe es Buena Vista Social Club und das seit Jahren anhaltende Kuba-Revival nicht. Dabei stammt das legendäre Orchestra Baobab gar nicht aus der Karibik, sondern aus dem Senegal und hat jetzt nach 20 Jahren wieder ein Album aufgenommen. In der alten Kolonialstadt St. Louis gab die berühmteste Band Westafrikas nun ein Konzert. Der Test für eine Welttournee. Von Detlev Reinert


Unbekannte Bekannte, das sind die Vorstädte von Dakar. Es gibt sie überall auf dieser Welt, die gern die Dritte genannt wird. Immer neue bewohnte Müllhalden, dazwischen viele verlassene und einige bewirtschaftete Schrottplätze, halb fertige Betonbauten, buchstäblich in den Sand gesetzt. Aufbau und Verfall gehen nahtlos ineinander über. Die endlosen Märkte an den Ausfallstraßen bieten nur das Nötigste, das Sortiment ist nahezu identisch. Alles ist in Bewegung, jeder geht am unbefestigten Straßenrand irgendwo hin. Dahinter ist nur Sand, staubtrocken und heiß. Eine sonnenbeschienene Trostlosigkeit.
Doch im Senegal ist der Schein wichtiger, ist die äußere Erscheinung alles. Vor allem die jungen Frauen haben sich mit ihren bunten Gewändern, den Boubous, französischen Schick zu eigen gemacht - unter afrikanischem Einfluss. Sie sind der öffentliche Blickfang, lenken für Sekunden vom allgegenwärtigen Elend ab.
Spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich viele Senegalesen als Handlungsreisende, Lehrer oder Beamte (die ersten französischen Siedlungen entstanden 1659) einen selbstbewussten kosmopolitischen Lebensstil zugelegt, lange bevor andere Westafrikaner in den 60er Jahren sich auf sich selbst besannen und ihre Unabhängigkeit erlangten. Gleichzeitig jedoch wurde Senegal kulturell zu einer Insel. Das war keine Isolation von außen, eher ein traditionell verankerter Chauvinismus im Inneren. Die einheimische Kultur, besonders die Musik, nahm dabei eine zentrale Stellung ein. Daraus resultiert ein energetisches, von der Globalisierung der Musikkonzerne weitgehend abgeschottetes, kulturelles Epizentrum. Wie Mali mit dem afrikanischen Blues eines Ali Farka Toure. Oder Kuba mit dem "Son" des Buena Vista Social Clubs.
Und wegen des riesigen Erfolgs der netten älteren Herren aus Havanna gibt es nun auch das Orchestra Baobab wieder. Eine skurrile Geschichte. Erst über die spanisch gesungene Salsa-Musik des Orchestra Baobab kam der Musikproduzent Nick Gold auf die "Buenavistas". Denn das Orchestra Baobab hatte schon seit 1970 auf mehr als 20 Alben eine visionäre Mixtur aus spanisch gesungener kubanischer Salsa, argentinischem Tango, amerikanischem Blues und Soul-Jazz, Balla aus der Casamance im Süden Senegals und dem urbanen Wolof-Sound aus der Medina Dakars gespielt. Es wurde mit dieser Melange so etwas wie die Beatles Westafrikas: modern, aber immer gefällig und enorm erfolgreich. Sie war die kosmopolitischste Band ihrer Zeit.
Die Wiedervereinigung der Musiker nach 20 Jahren war deshalb eine schwierige Mission. "Wir waren und sind zwar alle Senegalesen", erzählt Sänger und Gründungsmitglied Balla Sidibe, "nur kommen wir alle von woanders her. Aus Mali, Togo, Guinea Bissau, Marokko oder den Kapverdischen Inseln". Das erschwerte die Fahndung nach den alten Bandmitgliedern. Nick Gold, Chef der Plattenfirma "World Cicuit" und Afrikas Superstar Youssou N'Dour, der seine Hilfe anbot, haben lange auf dem gesamten Kontinent nach dem zerstreuten Haufen suchen müssen. "Einen Baobab-Baum kann man nicht zerstören, er wächst immer wieder nach. So ist aus alten Wurzeln nun auch die neue Band entstanden. Es war nur eine Frage der Zeit", wird Issa Cissoko, der kauzige Saxofonist der Band später sagen.
Gitarrist Barthelemy Attisso, introvertiert und gebildet, nebenbei Rechtsanwalt in Togo, der als letzter sein Ja zur Erneuerung gab, erinnert sich: "Das Wiedersehen mit Baobab in Dakar war ein unglaublicher Moment. Es fiel mir nicht leicht, aber Gott ist eben gut. Und im Leben zählt sowieso nur Arbeit." Dass aus diesen unterschiedlichen Charakteren wieder eine Band wurde, ist ein kleines Wunder.
Jetzt sind wir in Dakar, der Hauptstadt, und der Bus sammelt die Band- Mitglieder in den gesichtslosen Vorstädten auf. Die Reise soll in den trockenen Norden gehen, in die 250 Kilometer entfernte Stadt St. Louis, das "Venedig Afrikas" an der Grenze zu Mauretanien, nur getrennt durch den Fluss, der dem Land seinen Namen gab: dem Senegal. Hier wird die Baobab-Band zum erstenmal seit 20 Jahren wieder im Senegal auftreten. Das soll der Start sein für eine ausgedehnte Welttournee nach Nordamerika, Japan und Europa.
Es ist zwar noch früh am Morgen, aber die Hitze wird schnell sengend. Der Bus steht, wir warten. Tenorsaxofonist Issa Cissoko steigt zu. Er war am schwierigsten zu finden. Einige der Musiker hielten über die Jahre Kontakt untereinander, der Einzelgänger Issa aber war verschwunden. Er ist der Typ Musiker, der auch bei 35 Grad im Schatten seine lange Lederjacke nicht auszieht, immer unnahbar, manchmal aggressiv dreinschaut. Er ist ein tief gläubiger Mensch, der während der Fahrt im Koran liest. Als Saxofonist ist er ein Original, eine Art Dexter Gordon Afrikas, den er natürlich nicht zu kennen vorgibt. Sein heimisches Vorbild ist der legendäre Dexter Johnson. "Es gibt Musiker und Musiker. Ich bin ein Künstler", sagt Issa.
Man muss diesem eigenwilligen Mann einfach zuhören, wenn er spielt - und wenn er redet und dabei wild gestikuliert: "Ich habe drei Frauen. Die erste ist mein Saxofon, die zweite Annette und die dritte Senegal." Wegen einer Frau hat er auch wieder mit dem Saxofonspielen anfangen: Er hatte sich verliebt, aber sie wollte nur einen bekannten Musiker in einer Band als Mann. Issa musste sich wieder hochspielen. Einer wie er kennt alles, hat alles gesehen - und das zeigt er auch.
Bereits 1970 war die Band in Dakar ein Renner. Sie spielte bei der Eröffnung des Baobab Clubs, benannt nach dem verehrten Affenbrotbaum, einem heiligen, unantastbaren und majestätischen Gewächs, das langsam wächst und Jahrhunderte alt wird. In vorkolonialer Zeit sollen sich die Griots, die traditionellen Geschichtenerzähler Westafrikas, in einem solchen Baum haben bestatten lassen, weshalb die Senegalesen glauben, dass in ihm musikalische Geister wohnen. Im dem gleichnamigen Club selbst ging es hingegen sehr irdisch zu. In den ersten Reihen saßen damals allabendlich senegalesische Minister, Beamte und hohe Militärs aus den umliegenden Behörden. Es war ihr Club, hier wurde bei Musik Politik gemacht.
Eine gute Zeit. Das Land war seit über zehn Jahren unabhängig, die Wirtschaft wuchs, die Stimmung war optimistisch und "black beautiful", Ministerpräsident Sedar Senghor galt gar als Poet. Das kulturelle Leben explodierte, "Negritude" war die neue Philosophie, Musik ihr wichtigster Träger. Mit frühen Hits wie Ni Diaye, Ndiawolou oder On verra ca, das auch auf dem neuen Comeback-Album Specialist in all styles zu hören ist, war das Orchestra Baobab der musikalischen Entwicklung weit voraus. Zehn Jahre bevor Youssou N'Dour den Sound der traditionellen Wolof richtig populär machte, hatten sie mit Laye Mboup, der 1974 tödlich verunglückte (oder von einem eifersüchtigen Liebhaber erschossen wurde), einen Wolof-Sänger. Aber noch wichtiger in ihrer Musik war die Verschmelzung von Salsa mit den melodischen Rhythmen und flüssigen Harmonien aus der Region Casamance im Süden Senegals. "Im Grunde haben wir die beste Musik der Zeit zusammengebracht. Daran soll unsere neue Platte mit einigen älteren Songs erinnern und uns zunächst wieder bekannt machen. Danach werden wir neue Sachen in unterschiedlichsten Konstellationen aufnehmen. Schon immer hat Baobab Songs auf mehrere Sänger verteilt, die ihn spanisch, kreolisch oder Wolof sangen. Das ist unser Markenzeichen", sagt Baobab-Sänger Rudy Gomis.
Kleiner Stopp, nur ein kurzes Anhalten. Die Sonne steht fast senkrecht, Dakar scheint kein Ende zu nehmen. Ohne dass es jemand zunächst merkt, ist plötzlich Barthelemy Attisso im Bus, gibt jedem mit einem kleinen Lächeln die Hand. Er trägt einen blauen Straßenanzug, eine schwarze Hornbrille und ein Menjou-Bärtchen. Typ kultivierter, freundlicher Herr. Alles hing an ihm. Er wollte lange das Orchestra nicht wieder aufleben lassen. Er ist einer der erfindungsreichsten Gitarristen Afrikas, sein jazzinspirierter Stil ist für afrikanische Verhältnisse ungewöhnlich präzise. Ein genialer Dilettant (das Gitarrenspiel brachte er sich nur bei, um sein Studium finanzieren zu können), der Jimi Hendrix grauenvoll findet, aber die Jazzgitarristen Wes Montgomery, Grant Green und Kenny Burrell verehrt. So kam er schließlich zu Baobab und mit ihm der "Groove" in die Band. Heute ist er in seiner Heimat Togo ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt.
Erst als der Postmann aus London ihm eine nagelneue goldene Gibson-Gitarre brachte, ließ er sich umstimmen. "Es war ernorm schwierig. Tagsüber arbeitete ich als Anwalt, nachts übte ich einen ganzen Monat bis morgens um drei Uhr. Dann war meine Technik wieder da und ich fuhr nach Dakar, um Baobab zu treffen." Ohne ihn geht nichts. Er ist das Zentrum, der Kopf der Band. Zu Issa Cissoko verhält er sich wie Mick Jagger zu Keith Richards: Man geht sich aus alter Freundschaft eher aus dem Weg. Auch auf der Bühne sind sie sichtbar Antipoden. Der eine ganz rechts, der andere ganz links. Aber sie brauchen sich.
Das neue Album Specialist in all styles wurde im November vergangenen Jahres in nur zehn Tagen live in den Livingstone-Studios im Norden Londons aufgenommen, produziert von Nick Gold und Youssou N'Dour. Schon in den ersten Takten des Openers Bul ma min lebt Baobab wieder auf. "Sie hatten immer einen klaren panafrikanischen Sound. Mit meinem Wolof-Klängen und der Mbalax-Musik habe ich eine Grenze hochgezogen, die wieder weg muss. Die jungen Leute verstehen heute, wie wichtig die Musik der 70er Jahre für die heutige ist. Sie sind bereit, wieder zuzuhören", sagt Youssou N'Dour.
Ist Nostalgie das neue Manna der Plattenindustrie? "Ich mache, was mir gefällt", sagt Nick Gold, "das ist alles. Und die Platte, auf die ich am meisten stolz bin, Niafunké von Ali Farka Toure aus Mali, war nun wirklich überhaupt kein kommerzieller Erfolg. Dazu ist sie viel zu schwierig." Die Musik aus Mali ist Nick Golds größte Leidenschaft, dann kommt der Senegal und dann Kuba. Das muss an Musik-Geographie reichen, denn längst hat er noch nicht jeden Musiker in jedem dieser Länder entdeckt. Und das ist sein Ehrgeiz. Assane Mboup, ein junger Wolof-Griot mit einer hohen, wunderbar durchdringenden Stimme ist sein neuester Fund. Schon wird er als neuer Youssou N'Dour gefeiert.
Er bildet im Orchestra Baobab den überraschendsten Kontrast zu den Orginal-Sängern Balla Sidibe, Rudy Gomis und Ndiouga Dieng. Vielleicht ist die Zeit langsam wirklich reif für einen neuen Youssou N'Dour, dessen gerade erschienenes Album Ba Tay wieder so afrikanisch ist wie lange nichts mehr seit seinem Meisterwerk Immigrés von 1988.
Endlos dehnt sich die braune Savanne, kleine afrikanische Dörfer mit zahllosen gutgelaunten Kindern ziehen vorbei. Nach zwei Stunden tauchen die ersten Baobab-Bäume auf. Sie sind beeindruckende Naturwunder mitten im Staub: riesig hoch und breit, mit einem massiven Stamm und dicken Ästen, an denen die grünen Blätter unverhältnismäßig klein wirken. Zum erstenmal seit 20 Jahren hat das Orchestra Baobab wieder einen Fototermin unter einem Baobab. Alle lachen, denn auch die Band ist riesig.
Die Sonne wird schwächer. Wir sind da, nach mehr als sechs Stunden, eigentlich viel zu spät. Der Bus fährt über die "Pont Faidherbe" und den "Fleuve Senegal" in das koloniale Zentrum von St.Louis, der Hauptstadt des westafrikanischen Jazz, wo in den letzten Jahren Stars wie Herbie Hancock, Archie Shepp und Randy Weston aufgetreten sind. St. Louis ist eine kleine Insel im riesigen Fluss, kurz vor seiner Mündung in den Atlantik. Überall ist Wasser. Fast wie in New Orleans oder Phnom Penh oder Hanoi: klassisch französische Kolonialarchitektur. Schöne Restaurants und Bistros, oft geschmückt mit alten Schwarz-weiß-Fotos von Jazz-Musikern in Anzug, Hemd und Schlips, Momentaufnahmen aus einer anderen, fernen Zeit.
Die historische Altstadt wirkt auf eine rätselhafte Art sauber, fast gefegt. Kein Abfall, nirgends, sehr ungewöhnlich für Afrika. Hinter diesem Phänomen stecken Joe Zawinul, ein Jazzpianist aus Wien, heute Weltmusiker, eine lebende Legende, und Thomas Klestil, österreichischer Bundespräsident. Beide sind seit der Kindheit eng miteinander befreundet. Joe Zawinul ist für 17 Länder ehrenamtlicher Musikbotschafter und hatte beschlossen, die Stadt St. Louis aufzuräumen, weil er sie so schön, aber außerdem so schmutzig fand. Er nannte die Aktion "Projekt Donaubrücke", denn das große Bauwerk über den Fluss Senegal wurde ursprünglich von Gustave Eiffel 1898 für Budapest konstruiert, konnte dort aber wegen des Schiffsverkehrs nicht errichtet werden.
Zusammen mit seinem alten Spezi Thomas Klestil arbeitete Zawinul einen Plan aus und investierte 1,5 Millionen Euro. Es hat funktioniert. Ein Teil der Stadt ist schon richtig aufgeräumt. "Jetzt müssen wir es nur noch hinkriegen, dass jedes Haus eine Abfalltonne bekommt. Natürlich lieben mich die Leute dafür. Meine Musik ja sowieso. Was heute als Weltmusik bezeichnet wird, das habe ich als erster gemacht." Dem selbstbewussten Joe Zawinul bleibt noch viel zu tun. Der Rest der Stadt zerbröselt. Von der Meerseite weht der beißende Geruch getrockneter Fische herüber, der Haupteinnahmequelle der Menschen in Guet-N'Dar, gleich hinter der "Pont Moustaph Malick Gaye".
Die Straßen sind wie leergefegt. Es ist Sonntag, aber kein normaler Sonntag. Heute Abend ist das Baobab-Konzert im "Quai des Arts". Der Sound-check war schwierig, die neuen Instrumente, das neue Equipment ist noch ungewohnt. Und dann sind da noch einige neue Sänger, Gitarristen, Bassisten und Percussionisten mit ebenfalls ungewohnten Ansprüchen. Das erzeugt Animositäten. Aber alle legen ganz besonderen Wert darauf, dass sie jetzt "richtig professionell" werden wollen.
Sie möchten also endlich Geld verdienen? "Sicherlich", sagt Nick Gold und sitzt müde im "Hotel de la Poste". Über ihm eiern die Ventilatoren. Er, der zugibt nicht C-Dur von A-Moll unterscheiden zu können, bringt Musiker zusammen, ermuntert sie, versucht, das Beste aus ihnen herauszuholen - und es klappt. Er ist ein virtuoser Vereinfacher, glaubt nur an zwei Arten von Musik: gute und schlechte. Doch das ist die schwerste Aufgabe. "Ich hasse den Begriff Weltmusik. Er wurde ursprünglich nur erfunden, um die CDs im Schallplattenladen besser einsortieren zu können. Es ist ein Wort, das etwas Unbeschreibliches zu beschreiben versucht. Absolut unsinnig, schließlich sind zusammengerechnet 90 Prozent aller Musik Weltmusik."
Schnell wird es dunkel und kühler. Um 22 Uhr soll es losgehen. Zu diesem Zeitpunkt ist aber noch kein Mensch da. Musiker und Management werden nervös. Nur langsam füllt sich der große Saal, die Tanzfläche vor der Bühne bleibt frei, alle setzen sich auf die weißen Plastik-Stühle. Der Mittelstand aus St. Louis hat sich schick gemacht. Die jüngeren vergnügen sich in der Diskothek "Casino" ein paar hundert Meter weiter, wo eine neue, abenteuerliche Mischung aus Mbalax und Rap gespielt wird. Der Eintrittspreis entspricht in etwa dem Preis für eine Flasche Bier der einheimischen Marke "Flag".
Zwei Stunden später - das Bier in der Hof-Bar im "Quai des Arts" wird schon langsam warm - geht es los. Attiso gibt den Rhythmus vor. Issa bläst kraftvoll oder gar nicht, geht öfter mal von der Bühne ins Publikum. Rudy Gomis hält mit seiner schönen Stimme im ersten Teil alles zusammen. Doch es sind die neuen Griot-Sänger, die im Publikum die meiste Aufmerksamkeit erregen. Es fließt alles zauberhaft zusammen, auf der Tanzfläche wird es schnell zu eng. Magische Momente reihen sich aneinander wie früher, so als wäre das Orchestra Baobab nie auseinander gewesen.
Nach knapp zwei Stunden ist alles vorbei. Das grelle Deckenlicht wird angeschaltet. In Sekunden ist die Bühne, in Minuten der Saal leer. Die Stimmung der Band hinter der Bühne ist ausgelassen. "Das Orchestra funktioniert wie ein Organismus, die einzelnen Organe arbeiten zusammen wie in einem Körper", schwärmt selbst Attisso.
Draußen weht ein frischer Wind vom Atlantik her. In den dunklen Straßen von St. Louis ist noch Leben. Senegal hat auf das Orchestra Baobab gewartet, wie Kuba auf Buena Vista Social Club. Und der Rest der Welt? "Wir waren unserer Zeit voraus", sagt Rudy Gomis. "Nun sind wir mit der Musik zurück, die wir am besten spielen können."
Service Senegal
Beste Reisezeit: In der Trockenzeit zwischen November und Mai.
Einreise: Es genügt ein Reisepass, der noch drei Monate gültig ist.
Anreise: Mit Condor von Frankfurt a.M. nach Dakar. Preis inklusive Steuern ab 847 Euro. Auch Air France fliegt über Paris nach Dakar.
Gesundheit: Malariaprophylaxe empfohlen, außerdem Impfungen gegen Hepatitis A und B, Gelbfieber, Typhus. Polio- und Tetanusimpfungen sind ebenfalls sinnvoll. Moskitonetz und Mückenschutz sollte man dabeihaben. In die Reiseapotheke sollten Desinfektionsmittel, Breitband-Antibiotikum, Durchfallmittel. Nur Mineralwasser trinken.
Geld: Senegal ist Mitglied der Westafrikanischen Währungsunion CFA, deren Währung der CFA-Franc ist. Ein Euro entspricht 655,74 CFA-Franc.

Musik aus dem Senegal: Baaba Maal: Nomad Soul (Palm Pictures, 1998).
Baaba Maal: Dijam Leelii (Palm Pictures, 1986).
Ismael Lô: Diawar (Stern's, 1994).
Etoile de Dakar: Vol.1-4 (Stern's, 1977-1983).
Youssou N'Dour: Immigrés (Earthworks, 1988).
Youssou N'Dour: The Guide-Wommat (Sony/Columbia, 1994).
Youssou N'Dour: Ba Tay (Jololi, EFA, 2002).
Orchestra Baobab: Pirate's Choice (Wordcircuit, 1982).
Orchestra Baobab: Specialist in all styles (Worldcircuit, 2002).
Thione Seck: Daaly (Stern's, 1989).
Touré Kunda: Natalia (Celluloid, 1985).
Xalam: Apartheid (Melodie/Encore, 2000).
Auskunft: Botschaft der Republik Senegal, Argelanderstr. 3, 53115 Bonn, Tel. 0228/218008/09, Fax 217815; Honorar-Konsulat Berlin, Tel. 030/8610124.
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Dokument erstellt am 04.10.2002 um 21:41:53 Uhr
Erscheinungsdatum 05.10.2002


Mbalax - Ein Musikstil aus Senegambia

http://www.uni-koeln.de/phil-fak/fs-muwi/haus/mbalax.htm


Universität zu Köln - Musikwissenschaftliches Institut
Wintersemester 1999/2000,
Hausarbeit zum Proseminar: "Popmusik in Afrika"
Dozent: Dr. R. Vogels
Orthografie: neue Rechtschreibung
Referent und Autor: Melchiorre Filippo


Inhalt:
Kurze Geografie und Landeskunde
Wichtigste traditionelle Instrumente
Die Sabar
Die Griots und Griottes
Entwicklungsverlauf8
Geschichte bis 19508
Ab 1950
Um 1975
Die 80er Jahre
Musikalische Charakterisierung
Quellennachweis (Nach Wichtigkeit sortiert)


Kurze Geografie und Landeskunde
Senegambia hat sich als Name für die beiden Länder Senegal und Gambia eingebürgert, wenn beide Länder als ethnische und kulturelle Einheit gemeint sind. Die Fläche Senegals umschließt diejenige Gambias vollkommen bis auf die atlantische Meeresküste und diese Länder befinden sich demzufolge an der westlichen Kontinentgrenze Afrikas etwas südlich seiner geografischen Nordsüdmitte, südlich von Mauretanien. Senegal allein ist für afrikanische Verhält-nisse ein kleines Land, deckt aber noch 2 Klimazonen ab und wurde 1960 mit fast allen anderen ehemaligen französischen Kolonien politisch unabhängig. Damit ist gesagt, dass eine der zahlreichen (offiziellen) Hauptsprachen Französisch ist, während Gambia ein anglikanisches Land ist. Von diesen Kolonialsprachen abgesehen werden in Senegambia nahezu die selben Stammes- oder Volkssprachen gesprochen, die ethnisch größten von ihnen auch über die Medien und das kulturelle Leben öffentlich gepflegt und gefördert (z.B. in Schul-büchern, mit Plakaten in diesen Sprachen anstelle von Französisch, bei Nationalwettbewerben, im Buchdruck usw.). Zu den verbreitetsten Sprachen - es gibt nach Aussage eines meiner beiden einheimischen Informanten 26 verschiedene gleichzeitig in Senegambia - in denen einige der weiter unten beschriebenen Musiker auch singen, zählen : Wolof, Bambara, Diola, Pulaar, Malinké und Soninké. Diese Sprachen sind gleichzeitig auch Stammes- oder Volksnamen derjenigen Menschen, die sie auch vor jeder Kolonialisierung schon immer gesprochen hatten. Alle senegambischen Sprachen sind keine traditionell verschriftlichten Sprachen, so dass ihre Schreibweise regional variiert. Abgesehen von der senegalesischen Hauptstadt Dakar an der Küste und einer Handvoll kleinerer Städte ist das Gebiet Senegambia generell nicht urban sondern ländlich. Senegambia kann sich heute einer sehr langen einheimischen Kulturtradition erfreuen, weil beide Länder in dieser Frage wie kaum ein anderes trotz Kolonialmacht ihre eigene Kultur weitgehend kontinuierlich pflegen und weitergeben konnten und das Land von Diktaturen, Apartheid, politischen Wirren und heute noch schwelenden Bürgerkriegen wie in Nachbarländern (z.B. Sierra Leone) nahezu unberührt blieb.
Die Medienlandschaft entwickelte sich ähnlich wie in Europa. 1939/40 wurde der erste rein militärische Rundfunksender gegründet, 1963 kam das erste Fernsehen, das erste eigenständige Tonstudio entstand 1976, 1991 kam der erste private Fernsehsender auf. Der wichtigste Tonträger ist die Kassette, die in den 80er Jahren die anderen parallelen Medien Schallplatte, Single und später auch die CD verdrängte, weil die Kassette am robustesten, haltbarsten und leider auch am leichtesten zu kopieren ist und die Abspielgeräte immer schon auch für den Batteriebetrieb gebaut wurden. Auf einer heute handelsüblichen Kassette sind nur 6 bis 7 Stücke drauf und damit viel weniger, als auf einem vergleichbaren Album auf LP oder CD. So werden meistens zwei Cassetten für den Export zu einem Album auf CD zusammengefasst.


Wichtigste traditionelle Instrumente
Im traditionellen wie auch im modernen Mbalax werden die folgenden Instrumente verwendet. Sie sind aus der senegambischen Musik nicht wegzudenken und Inbegriff jener Musikkultur:
Trommeln[1]
Tama = Talkingdrum, sanduhrförmiger Korpus mit Doppelfellbespannung, mit welcher die Tonhöhe während des Spiels stimmbar ist, weil die Tama in die Achsel geklemmt wird.
Sabar = Congaähnliche einfellige Trommel mit Pflöcken zur Fellspannung
Col bzw. Thiole (sprachgebunden, spr.: tscholl) = ohne Unterloch
Djembe = kelchförmige, einfellige Trommel mit Faden- oder Seilbespannung
Bëñbëñ (spr.: böng-böng)= die größte von allen Trommeln, doppelfellig, und
Calebasse, ein halber getrockneter hohler Kürbis
Die Tama zu spielen ist so schwer, dass das nur Senegambianer professionell können. Deswegen und auch aus zwei weiteren Gründen ist sie ein reines Soloinstrument. Erstens wird sie wie oben beschrieben unter den Arm in die Achselhöhle geklemmt, damit durch den Armdruck die Tonhöhe während des Spielens verändert werden kann. Deshalb ist es physiognomisch unmöglich, dass der Tamaspieler noch ein zweites Schlaginstrument bedienen kann, denn nur ein Arm kann frei bewegt werden. Zweitens ist die Tama durch ihre kontinuierliche Umstimmbarkeit in Kombination mit den verschiedenen Schlagtechniken (mit flacher Hand und einem Stöckchen) in der Lage, den Klang und die Phonetik senegambischer Sprachen ziemlich nachvollziehbar und geradezu aussprechbar verständlich nachzuahmen, so dass sich einzelne Wörter und Sätze mit diesem Instrument chiffrieren lassen. So tritt der Tamaspieler stets in Kommunikation zwischen dem gesungenen Text auf phonetischer Ebene und der Melodie und dem Rhythmus anderer Instrumente auf rein musikalischer Ebene.
Generell sprechen die Senegambianer und auch ganz allgemein alle AfrikanerInnen davon, dass die Trommeln "sprechen", was wie bei der Tama weit über die bloße Rhythmik hinaus geht. Im 17ten bis 18ten Jh. wurde aus diesem Grunde den Sklaven auch das Musizieren verboten, weil mit den Trommeln Nachrichten übermittelt werden konnten.


Saiteninstrumente
Xalam = selten ein- bis 3saitiges und bis zu 6saitiges "Benjo" oder "Laute", geschlossener fellbespannter Korpus in Ukulelengröße.
Kora = das wichtigste Melodieinstrument: 21saitige Stegharfe mit Fellbespannung über dem Korpus und 3 Oktaven Tonumfang. Es gibt 4 traditionelle Stimmungen (Skalierungen), die Saiten sind aus Nylon (Angelschnur) und sorgen für einen glitzernen, spitzen Klang, der Korpus selber ist auch eine Calebasse
außerdem :
Balafon, ein transportables Xylofon mit leeren Kürbissen als Resonatoren. Das Balafon kombiniert melodisches und perkussives Musizieren und ist ähnlich wie die Trommeln in der Lage, Sprachverläufe, "Kurzmitteilungen" oder Appelle an die Umgebung abzugeben
Die Saiteninstrumente und das Balafon sind typische Solo- oder ; wir würden sagen Kammermusikinstrumente zur Rezitations- oder Gesangsbegleitung, weil sie akustisch nicht in der Lage sind, sich gegen ein Trommelorchester durchzusetzen. Der Koraist Soriba Kouyaté ist der erste Musiker, der die Kora mit einem Tonabnehmer elektrisch verstärkt, um Studioaufnahmen zu machen, die dem weltweiten technischen Standard entsprechen und auch, um auf Jamsessions (z.B. Jazz) in einer Band mitspielen zu können. Seine Idee ist es auch gewesen, die traditionellen Bünde der Saiten am Instrumentenhals durch Stimmwirbel zu ersetzen, um seine Saiten nicht nur schneller, sondern auch für jedes nationale und internationale Tonsystem umstimmen zu können. Auf seiner Debutsolo-CD musiziert er mit einheimischen Musikern wie auch mit Jazzmusikern Europas (z.B. Paolo Fresu, Tp), spielt in modernen Arrangements senegambische Traditionals wie auch Jazzstandards (Autumn Leaves) oder Popmusik von Phil Collins (Another day in paradise). Er stellt sozusagen die Schnittstelle zwischen seiner eigenen Musikkultur, dem Jazz und der internationalen Popmusik dar. Er spielt zwar kein Mbalax, muss aber der Vollständigkeit wegen in diese Arbeit integriert werden, weil er ansonsten alle biographischen Eigenschaften eines senegambischen Musikers auf sich vereinigt: er ist ein Griot, der in Dakar geboren und aufgewachsen und deshalb ganz zwangs-läufig mit seiner Musikkultur vertraut ist. Wie sehr er sich der Griottradition verpflichtet sieht, ist hinten auf seiner CD anhand der Titelliste nachzulesen, wo mit Ausnahme von 3 Stücken alle anderen senegambische Traditionals sind.


Die Sabar
Die Sabar ist nicht nur der oben erwähnte Trommelname, sondern auch umgangssprachliche Sammelbezeichnung für die ganze Gruppe von Trommeln, die im Mbalax verwendet werden, vergleichbar unseren Instrumentengruppennamen wie "Streicher", "Bläser" usw. Als ich nämlich meinen ersten senegalesischen Gesprächspartner Laye Ndongo danach fragte, woran denn der Mbalax identifizierbar sei, antwortete er spontan: an der Sabar! Die Sabar ist als Trommelsammelbezeichnung also ein eindeutig erkennbares Merkmal der Stilistik Mbalax.
Die dritte Bedeutung ist: Trommeltanzveranstaltung. Eine Sabar ist in Senegambia - und nur dort - eine öffentliche und oft auch private Gelegenheit, ein Trommelorchester zu engagieren, das die gefragten Rhythmen zum Tanzen spielt, meistens mit dem Abend beginnend. Das Engagement erledigen dann gesellschaftlich bedingt hauptsächlich die Frauen. Die Frauen dürfen aus ebensolchen Gründen keine Trommeln schlagen. Unabhängig von ihrem Sozialstatus ist das Musizieren den Männern vorbehalten. Frauen dürfen aber öffentlich tanzen und sich damit geradezu zur Schau stellen. Meistens gehören die Tänzerinnen einer Altersklasse an, doch andersaltrige sind deshalb nicht von der Veranstaltung ausgeschlossen. Das Tanzen geschieht für europäische Vorstellungen sehr freizügig in modischer Kleidung (selten traditioneller) und die Rhythmen und Stücke werden mit dem Trommelmeister des Ensembles vorher abgesprochen. Jede Frau und jedes Mädchen tanzt nach Mbalaxrhythmen, bis sie oder es eine Pause braucht oder rücksichtsvoll den anderen Platz macht. Während in den Städten eine Sabar nach Lust und Laune veranstaltet werden kann und selbstverständlich bei jeder festlichen Gelegenheit zur Unterhaltung herangezogen wird, findet eine Sabar auf dem Land stets nur zu solchen Feierlichkeiten statt.


Die Griots und Griottes
Jedwedes Musikmachen war und ist größtenteils heute noch der Bevölkerungsgruppe der "Griots (Aussprache französisch) / Griottes" vorbehalten, traditionelle und endogam lebende Musiker- und Künstlerfamilien und mit dem Begriff "musische Kaste" beschreibbar, von denen die musizierenden Frauen aufgrund des Verhaltenskodexes nur singen dürfen. Die Zugehörigkeit zu den Griots wird vererbt und wirft heute immer noch gesellschaftliche Probleme auf, weil beispielsweise Griots gemäß der Tradition nur untereinander heiraten und eine Familie gründen dürfen und die Gesellschaft es verlangt, dass sie auch alle innerhalb ihrer seit Jahrhunderten ausgeübten traditionellen Berufswahl bleiben. So kommt es, dass Angehörige der Griots mit Schwierigkeiten und Hindernissen seitens der Eltern und später den sie zu akzeptieren habenden anderen Menschen rechnen müssen, wenn sie sich Berufen oder Beziehungen außerhalb der Griots verschreiben wollen. Heute geht immer noch die Wahrscheinlichkeit gegen 100%, dass ein Musiker aus Senegambia auch ein Griot ist, Politiker oder Ökonomen aber nicht.
Das Wort Griot ist etymologisch nicht eindeutig belegbar und verschiedene mögliche Ursachen können zu seiner Entstehung geführt haben. Griots hatten schon in präkolonialer Zeit (zurückreichend bis ins 13te Jh.) typische handwerkliche Aufgaben und wichtige gesellschaftliche Funktionen, und zu den Handwerken gehörte auch die Musik. Die Griots sind als Bevölkerungsgruppierung vergleichbar unseren ehemaligen Gesellschaftsständen des 19. Jh., wo es Adlige, Bürger, Arbeiter und Bauern gab, die ebenso alle ihre Privilegien und Funktionen hatten. Die Griots waren ursprünglich beim senegalesischen Adel (den so genannten Edlen) als Dienende im Haushalt, Musiker, Ratgeber oder Dolmetscher eingesetzt worden und kamen diesen Aufgaben auch dann nach, als die Herrscher an Einfluss und Macht bis zur Preisgabe dieser Werte verloren. Sie taten das indem sie sich den jeweiligen Mächtigen und Wohlhabenden der Gesellschaft ihrer Zeit anschlossen und sich von diesen entlohnen ließen.
"Die Griots [werden] noch heute von den Reichen und Mächtigen unterstützt und ihre Bedeutung, vor allem für die analphabetische Landbevölkerung, ist so groß wie ehedem. Griots werden zu allen wichtigen gesellschaftlichen Ereignissen einer Gemeinschaft eingeladen. Bei Namensgebungszeremonien für Neugeborene, bei Hochzeiten und der Amtseinführung von Chiefs und anderen Offiziellen sind sie unabdingbar. Die Griots sollen die ersten sein, die ein Baby in den Arm nehmen und die letzten, die einen Leichnam berühren." (Zitiert nach ¡ S.59)
In vorkolonialer Zeit war es üblich, dass die Griots von ihren Dienstherren großzügig und reich für die Erfüllung ihrer Aufgaben beschenkt und belohnt wurden. Ehre und Ansehen eines Griots bewegten sich nur innerhalb ihrer zugeschriebenen Funktion und es war ihnen unmöglich, ihren Status aufzugeben oder zu verlassen. Da es heute keine Könige und Herrscher und keine Höfe und dergleichen mehr gibt, sich die traditionellen kulturellen Vorstellungen und Überlieferungen - also alles das, was ein Griot zu tun und zu lassen und wie er/sie sich zu verhalten und zu entwickeln hat - aber hartnäckig halten, kann sich das Musikleben nur zögerlich unvoreingenommen davon entwickeln. Griots haben eben nicht Popmusik zu spielen und berühmt zu werden, sondern kulturelles Erbe zu erhalten und den Leuten das vorzuspielen, was sie immer schon kannten. Diese autochthone Sichtweise teilen sowohl die Nicht­griots als auch die Griots selbst, so dass es den NachwuchskünstlerInnen - einmal mit diesen Werten aufgewachsen und auf sie geprägt - schwer gemacht wird, ein kommerzielles Bewusstsein für ihre Musik zu entwickeln, keine Traditionals zu spielen und selbst Songs oder Musik zu komponieren. "Wie in vorkolonialer Zeit sind diese Griots der Ansicht, die Edlen wären es ihnen schuldig, ihnen einen Teil ihres Vermögens zu überlassen."[2] Dieses Zitat entspricht nicht der Regel, zeigt aber, dass eine buchstäbliche Belohnung für Musik im Denken solcher Griots immer noch zur Selbstverständlichkeit zählt, wohingegen heute einfach marktmäßige Publikumsinteressen zählen, die Musik nicht nach ihrem Kulturwert beurteilen, sondern wie überall in der Welt nach Gefallen und Geschmack. Immerhin hat sich der senegambische Publikumsgeschmack im Laufe von Jahrzehnten zugunsten eines enorm gestiegenen einheimischen Kulturbewusstseins verlagert, denn wer sich heute nicht-senegambischer, besser gesagt nichtafrikanischer Musik hinwendet, setzt sich oft der Gefahr aus, als kultureller Verräter und Antinationalist unausgesprochen diskriminiert zu werden.[3] In den 70er Jahren war das noch genau umgekehrt, weil die angesagte Musik, die jeder hörte, nur zum geringsten Teil einheimische Einflüsse hatte und Bands wie Xalam, die als die Erfinder des Mbalax angesehen werden können, mit genau dieser Stilistik erst im Ausland (Europa) Erfolg haben mussten, um im Heimatland anerkannt zu werden. So kam es nicht zufällig, dass einige der heute berühmtesten senegambischen Musiker sich entweder gleich im Ausland zu einer Gruppe formierten (z.B. Touré Kunda) oder irgendwann lieber gleich auswanderten (wie Milang Cissokho oder Abdou Mboup).
Um die musikalischen Griotfrauen steht es im Sinne einer Karriere doppelt schlechter, weil sie obendrein auch noch den Geschlechterkampf gegen alle Vorurteile für sich gewinnen müssen und ihnen seit Alters her (s.o.) nur das Singen zugestanden und gestattet wurde. Relativiert wird diese Tatsache jedoch dadurch, dass das in jeder anderen Musikkultur (mit Ausnahme der klassischen Konzertmusik) und speziell in der Popmusik im Prinzip ebenso der Fall ist und auch hier die Frauen außer Gesang vielleicht höchstens noch Gitarre (z.B. Suzanne Vega, Alanis Morrisette, Tracy Chapman…) oder Klavier spielen (z.B. Tory Amos, Sophie B. Hawkins). Die überalterte Rollenverteilung und die Erwartung der Gesellschaft an das Verhalten einer "guten Frau" sind zu groß als dass eine musizierende Frau außer Landes bekannt werden kann.


Geschichte bis 1950
Mbalax wird seit jeher in einigen senegambischen Landessprachen gesungen bzw. gesprochen. Musikgeschichtlich entwickelte er sich unmittelbar aus dem traditionellen Vortrag von Lob, Tadel, Spott und Preisung bei unterschiedlichsten Anlässen der Griots während ihrer Dienerschaft bei den Edlen und anderen Arbeitsverhältnissen. Ein hoher Anteil an Religiosität war im Mbalax immer enthalten und auch heute lernen die Kinder meistens bei religiösen Festen oder schlichtweg beim Gottesdienst das Singen. Ferner zählten zu den Gelegenheiten, bei denen Mbalaxmusik vorgetragen wurde Erntefeste, Geburten und Tode, Beschneidungszeremonien, Siegesfeiern oder Nachfolgeantritte für Herrscher. Für ihre Lob- und Preisgesänge wurden sie von ihren Herrschern in der Regel großzügig ausstaffiert. Keinesfalls handelten die Texte von den heute allgegenwärtigen Themen wie Beziehungen, Frauen, Liebe, Trennung usw., weil ein historischer Griot sich nicht als ein selbstständiger Künstler verstand, der unabhängig von seinen Königen und Mächtigen sich selbst vertrat und eigene Erlebnisse schilderte, sondern er verstand sich als unautonomes Sprachrohr derselben.[4]Das ist besonders wichtig zu bemerken, weil genau diese Rolle die längste Vergangenheit und Tradition hat und bei den heutigen Griots und Nachfahren der früheren so tief verwurzelt ist, dass auch sie zum Großteil Preisungen, Lob und Huldigungen in moderner Form singen und mehr für andere sprechen als für sich selbst.[5]
Die Ursprungsvortragsart war gar nicht mal gesungen, sondern Sprechgesang, Rezitation (=Tassou) mit ausschließlicher Trommelbegleitung ohne irgendwelche Melodieinstrumente. In anderen Regionen Senegambias konnte Mbalax in kleinem Kreis auch von dem Xalam (s.o.) begleitet werden. Bemerkenswert ist, dass sich diese Ursprungsform bis heute sogar parallel zu allen Weiterentwicklungen als eine aktive Aufführungs- und Vortragspraxis erhalten hat und Künstler wie Samba Diabaré Samb den Ursprungsmbalax noch genauso pflegen und aufrecht erhalten wie er immer schon gewesen ist (also mit einer einzigen Trommel und einem Xalam). Die einzige Neuheit dabei ist höchstens, dass auch die alte Generation der senegambischen Griots durchaus dazu übergeht, zumindest eigene Texte zu traditionellen Rhythmen zu dichten, weil der Stoff der "Standards" nicht unerschöpflich ist und es schließlich ja auch heute immer wieder Anlässe gibt, ein Lob oder eine Huldigung in einem Lied auszudrücken. Die Vortragsart wird auch unter "Musikalische Charakterisierung" detaillierter erklärt, denn abgesehen von fehlender Elektrizität, von modernen Instrumenten und heutigen Medien war der historische Mbalax formell eine Musik wie die jetzige senegambische, die nur in kleineren Gruppen von etwa 4 bis 9 aktiv Beteiligten aufgeführt wurde (darunter die RezitantInnen, NebenrezitantInnen und der Rest Trommler) und in ihrer Länge flexibel war. Heute singen die Stars und Künstler ebenso in ihren Muttersprachen und bedienen sich bei internationaler Bekanntheit gelegentlich des Englischen und Französischen.
In "Wolof" singt Youssou N'Dour, in Pulaar singt Baaba Maal, in Bambara singt Alioune Mbaye Nderund in Diola die Band Touré Kunda (übersetzt = Familie Touré [=Elefant]), die auch in Malinké und Soninké singt. Die Tatsache, dass sie nicht ausschließlich in diesen Weltsprachen singen oder ihre Alben doppelt - nämlich einmal international- und einmal nationalsprachig - produzieren, ist zum einen Nationalstolz, zum anderen ein gesundes Selbstbewusstsein gegenüber der Weltöffentlichkeit. Nicht zu unterschätzen ist auch das europäische Ausland, das von Afrikanern auch afrikanische Sprachen erwartet. Selbstverständlich geht es dabei auch um Verständlichkeit im eigenen Land und der Tatsache, dass jede Sprache ihre Vor- und Nachteile hat, der Zuhörerschaft etwas richtig rüberzubringen. Deshalb werden offensichtlich nur diejenigen Texte in Englisch oder Französisch gesungen, die von ihnen für international bedeutsam gehalten werden.


Ab 1950
Mbalax ist ein Musikstil, der in seiner aktuellen Popmusikform frühestens auf die Zeit Anfang der 70er Jahre in Senegambia zurückgeht und heute aktiv und erkennbar gepflegt wird. Er ist eine reine einheimische Musikerscheinung, die sich erst Ende der 80er Jahre außerafrikanischen Musiktrends anschloss. Zu diesen Trends gehören alle Arten elektrifizierter Instrumente im Gegensatz zur rein akustischen Besetzung, Texte in Englisch oder Französisch, Hinzunahme nichtafrikanischer Instrumente wie Keyboards oder eines konventionellen Drumsets und für Albenaufnahmem auch Streicher oder Bläser sowie eine wesentlich stärkere Einbeziehung einer auch für das Auge wirksame Bühnenshow. Selbstverständlich haben die ersten Bands, die in der Mbalaxgeschichte einzureihen sind, ebenfalls elektrische Instrumente gespielt, aber diese dienten nur der Verstärkung und nicht der akustischen Visitenkarte der Band. Da in letzter Konsequenz für die Entstehung des aktuellen Mbalax eine historische Hauptband verantwortlich zeichnet, lässt sich ein Bandstammbaum entwerfen, dessen Äste bis zu den gegenwärtigen Stars reichen. Außerdem gibt es dann noch 4 wichtige eigenständige Künstlerzweige, dazu aber gleich.
Die historische Hauptband heißt Star Band de Dakar und wurde 1958/59 von dem Fotografen Ibra Kassé ins Leben gerufen, der den berühmten Nachtclub "Miami" in Dakar gegründet hatte und eine Hausband brauchte[6], die er sich aus primär ausländischen Musikern anderer Bands zusammensuchte und abwarb, weil einheimische, welche populäre und überregional beeinflusste Tanzmusik spielen konnten, Mangelware waren. Zu ihnen zählten Mady Konate und Dexter Johnson aus Nigeria (Sax) und Bob Armstrong (Tp) aus Liberia. So war denn auch die Musik seiner Projektband alles andere als Mbalax, nämlich "Varietés" (wir sagen bei uns heute Coverversionen) lateinamerikanischer und besonders kubanischer Chachachas, Rumbas, Merengues und Gumbias. Erst der 1964 hinzukommende Laba Sossé (Voc) vermochte es, diese Musik zu senegalisieren, trennte sich aber bereits im Jahr darauf zusammen mit Dexter Johnson wieder von ihr, um eine eigene Band namens "Super Star Band" zu gründen.
Bereits 1963 ging aus Mitgliedern der Star Band de Dakar, unter ihnen sang auch Bu-Baca Diop[7] , die Gruppe Number One de Dakar hervor, die sich im Laufe ihres Bestehens aus (heute) nicht nachvollziehbaren Gründen später mehrfach umbenannte. Sie hat es 1991 immer noch oder wieder gegeben[8] und steht hier nur aus Vollständigkeit, weil für die Star Band de Dakar eine hohe Fluktuation total symptomatisch war. Dies sehe ich darin begründet, dass alle ehemaligen Musiker sie als Sprungbrett nutzten, nachdem sie genug Bühnenpraxis gesammelt oder eine musikalische Reife erlangt hatten, um ihrem Wunsch nach einem persönlichen Stil nachzukommen. Dieser konnte innerhalb jener Band nicht befriedigt werden, weil sie nach wie vor eine Tanz- und Unterhaltungsband zu sein hatte, um einem größtmöglichen breitbandigen Publikum zu gefallen - und dabei wäre eine stilistische Entwicklung nur hinderlich gewesen. Immerhin hielt diese Band, in der zuletzt kein einziges Gründungsmitglied mehr spielte und ohne diese auch keinerlei Identifikation mit ihnen zum Bandnamen mehr aufrecht erhalten werden konnte, noch bis 1975, wo das letzte Album heraus kam.


Um 1975
Die entscheidenden und wirklich wichtigen Verzweigungen dieses Bandstammbaums Star Band de Dakar aber bestreiten ihre ebenso ehemaligen Mitglieder Thione (spr.: Tschohn) Seck und Youssou N'Dour. Sie sind es, die bis heute von allen ehemaligen Bandmitgliedern solistisch größte Erfolge feiern und lebende Denkmäler der Entstehungsgeschichte des aktuellen Mbalax sind. Sie sind aber nach Recherchen von Cornelia Panzacchi (=¿) nicht die direkten Vorläufer desselben, sondern die Band Xalam, die 1969 aus einer Fangemeinde von Schülern gegründet wurde.[9]Das ist plausibel, weil Xalam eine konsistente und fluktuationsfreie Band war, die von vornherein ihre eigene Musik machte und von einem koryphäischen Arbeitgeber gänzlich unabhängig war.
Xalam kamen als erste auf die Idee, "Anstatt die üblichen kubanischen und amerikanischen Schlager zu interpretieren [Stücke zu spielen], die sie auf der Grundlage traditioneller senegalesischer Musik selbst komponiert und arrangiert hatten." [10]Sie sind einer der zuvor erwähnten 4 Stammbaumzweige. 1975 entstand im Senegal die Gruppe Touré Kunda (übersetzt = Familie Touré [=Elefant]), deren Mitglieder nebst anderen heute die 3 Brüder Ismaila, Sixtu und Ousmane Kunda sind. Sie sind von vornherein eine Exilband gewesen, weil die Geschwister, die diese Band auch gegründet hatten, sich damals als Studenten in Paris aufhielten, wohin sie auch 1982 endgültig übersiedelten. Auch sie spielten Eigenkompositionen und organisierten in den Aufbau- und Folgejahren zunehmend alles bandspezifische selbst bis hin zur Albenproduktion und sind die ersten senegalesischen Musiker, die mit ihrer Musik reich wurden. Das lag keineswegs an der Musik allein, denn sie hatten in Paris besonders günstige Voraussetzungen sich künstlerisch zu entfalten: kein Nachtclubbesitzer (Ibra Kassé), der sie steuerte, keine Konkurrenzbands, gegen die sie anspielen musten, ein weltoffenes und vielschichtiges Auditorium, welches von ihnen als exotische Nichtfranzosen auch exotische nichtfranzösische Musik erwartete und nicht zu verachten auch die ausbleibenden gesellschaftlichen Zwänge des Heimatlandes, sich künstlerisch irgendwie integrieren und anpassen zu müssen. Darum enthält ihre Musik Mbalax, ist aber nicht ausschließlich solcher, weil sie es sich schon immer leisten konnten, stilistisch herumzuexperimentieren, vielsprachig zu singen und sogar Raggae mit einzubeziehen.
Der dritte von der Miamiband unabhängige Musikzweig ist die Ende 1975 von dem Sänger Omar Pene gegründete Band Super Diamono, zu deren Mitgliedern sich von 1979 bis 1985 der Gitarrist und Mundharmonikaspieler Ismael Lo gesellte, bis dieser sich dann doch als Solist wieder aus jener Band zurückzog. Diese Band war auch die erste von Youssou N'Dour (mit 13/14 Jah­ren!), in welcher er spielte, bis er 17 war[11], weil er dann zur Star Band de Dakar überwechselte. Super Diamono ist eine echte senegalesische Mbalaxband, die eigene Musik in Heimatsprachen singt und bis heute aktiv ist, allerdings nicht international. Aus ihr löste sich also Ismael Lo, der aufgrund seiner Mu­sikalisierung mit Gitarre, Gesang und Mundharmonika der -Bob Dylan des Senegal- genannt wurde, und startete eine bis heute erfolgreiche Solokarriere. Ein Gast-star, mit dem er einen Song aufnahm, ist Marianne Faithful auf sei­ner CD Jammu Africa.
Die zu Ismael Lo vergleichbare Karriere von Thione Seckverlief über eine auch wichtige und legendäre Zwischenband, dem Orchestre Baobab, das er 1970 mit ins Leben rief, nachdem er gute 10 Jahre Berufserfahrung in der Star Band de Dakar gesammelt hatte. Auch aus dieser Besetzung löste er sich, gründete erneut und diesmal ganz seine eigene Band Raam Daan, mit der er 1991 zum senegalesischen Orchester des Jahres erklärt wurde[12]. Heute wirkt er namentlich also auch als Solist, der Mbalax macht und tendenziell ruhige und balladenartige Songs schreibt, in denen das Kultur- und Musik-Erbe der Griots stark mitschwingt, was an seinem Gesangsstil und seinen Texten zu hören ist.
"Das Orchestre Baobab wurde 1970 ursprünglich mit der Absicht gegründet, zur Eröffnung eines gleichnamigen Klubs zu spielen.[…] Die ganzen 70er Jahre hindurch machte ihre lockere, gemütliche Musik sie zu einer Spitzenband des Landes, die oftmals im Wettstreit mit der Star Band stand" [13]
Das lag beispielsweise daran, dass sie es verstanden, traditionelle Wolof- und Mandinkamelodien in Kombination afrokubanischer Son-Rhythmen zu einer Synthese zu führen, die in ihren erfolgreichsten Jahren total angesagt und ge-fragt waren.


Die 80er Jahre
Der vierte von der Star Band de Dakar unabhängige musikalische Mba­laxzweig wächst ab 1985 auf dem Namen Baaba Maal (*1953).In diesem Jahr nämlich stand die endgültige Besetzung seiner 11köpfigen Band "Dande Le-ñol" (= die Stimme des Volkes) fest. Er gilt als der Sprecher seiner senegalesi-schen Volksgruppe Tukulóór, da er in der Sprache Pulaar singt und es damit wie andere Stars auch außerhalb seiner Landesgrenzen zu internationalem Er­folg gebracht hat. Sprecher ist er gewiss auch deshalb, weil er jede Menge Ge­sellschaftskritik in seine Texte mit einbezieht und problematische Dauerbren­ner seines Landes und der Politik thematisiert. Das kommt nicht von ungefähr, da er kein Griot ist, sich folglich nicht mit ihnen zu identifizieren braucht und deshalb auch nicht deren Überlieferungen und Traditionen verpflichtet ist:
"Dem kulturellen Brauch zufolge hatte Baaba, der nicht in eine Griot-Familie geboren wurde, keinerlei Recht, Musiker zu werden. Aber ein Aufgeklärter Lehrer an seiner Grundschule gab den Schülern die Chance, Musik zu erlernen. […] Mit ausgezeichneten Leistungen in der Schule errang Baaba ein Stipendium für die Kunsthochschule in Dakar." [14]
Ungeachtet seiner Abstammung ist er Patriot, aber kein Nationalist. Dies zeigt sich im Aufgreifen anderssprachiger Sprichwörter, Redensarten und Textin-halten fern seiner Heimat, wobei er gleichzeitig zu Auftritten in Europa und Amerika auch immer noch und wieder die senegalesischen Provinzen bereist. Er und Ismael Lo bilden das Top-Dreigestirn senegalesischer Superstars zu-sammen mit Youssou N'Dour.
Youssou N'Dour ist die absolute Nummer 1 als Exportstar aus Senegal, der buchstäblich von Kindesbein an in der Musikwelt auf- und in sie hineinwuchs. Er ist auch nach Meinung meiner Informanten der repräsentativste Vertreter der Stilistik Mbalax und eine lebende Legende wie sein Kollege Thione Seck, weil er die gesamte Entstehungsgeschichte des Mbalax aktiv und auf der Bühne seit seinem Engagement in der Star Band de Dakar miterlebt hat. Er ist nur mütterlicherseits ein Griot und hat es sowohl aus senegalesischer als auch aus europäischer Sicht am weitesten von allen seinen Landsleuten gebracht, weil er mit anderen Weltstars wie Sting, Peter Gabriel, Neneth Cherry oder Stevie Wonder auf Tournee ging: "Bei der 1988er Welttournee >Human Rights Now< war er der Vertreter Afrikas und trat in Nord- und Südamerika, Asien, Afrika, Europa und Australien auf." Er wurde, 1991 zum besten männlichen Sänger Senegals gewählt und im selben Jahr zum UNICEF-Botschafter ernannt. Seine Musikalische Laufbahn begann - wenn ihr Beginn nicht bereits im Elternhaus durch die Mutter eingefädelt wurde - etwa mit 14 Jahren für 2 Jahre in der Band Super Diamono und führte ihn um 1976 in die so oft erwähnte Star Band de Dakar, von der er sich dann am Ende der 70er Jahre wie viele vor ihm trennte, um auf die Abwerbung von Badou Ndia-ye in dessen eigene Band Étoile de Dakareinzugehen. Aus dieser Band for-mierte sich dann noch eine unbedeutend gebliebene Tochterband namens Étoile 2000 (die ihn zu der Namensergänzung "Super" im Bandnamen zu "Su-per Étoile de Dakar" veranlasste), aber als sein vorallem kommerzieller Erfolg seiner Musik erst richtig ins Rollen kam - was Mitte der 80er Jahre geschah - war er als Leadsänger und Frontmann seiner Band längst zu ihrem Synonym geworden. Musikalisch bestreitet er den Mainstream aus Senegal, nicht zu eu-ropäisch, nicht zu senegalesisch und das alles noch sehr traditionsbewusst mit unrevolutionären Texten. Er ist musikalisch pflegeleicht und hat sich persön-lich um eine Menge Neuerungen und Taten verdient gemacht. So ist er viel-leicht der einzige Musiker und Künstler, der seinen Kollegen ein regelmäßi-ges Gehalt zahlt (üblich ist das [nicht nur in Senegal] allenfalls pro Auftritt), gründete seine eigene Werbeagentur SAPROM, seinen eigenen Nachtclub Thiossane und sein eigenes Tonstudio Xippie. Der afrikanischen Tradition ge-mäß sind alle seine Musiker vollwertige Bandmitglieder, in denen es nicht die deutliche Grenzziehung zwischen "Sideman" oder "Gastmusiker" für Konzer-te gibt. Er selber hat sich ja vom Sideman zum Bandleader, vom Lokalmatador zum Popstar entwickelt und sich vorgenommen, so bekannt zu werden wie Elton John.


Musikalische Charakterisierung Mbalax lebt heute noch aus der Tradition heraus von Preisungen und Huldi­gungen als Vortragsstil, so dass es keine Melodien im europäischen Sinne gibt, sondern melodisierten gerufenen Sprechgesang, außer bei Balladen. Vom er­sten Höreindruck ist er eine der westeuropäischen Popmusik sehr ähnliche Stilart, weil uns vertraute typische elektrische Bandinstrumente eingesetzt werden (Gitarre, Bass, Drumset, Keyboards, Effektgeräte). Doch selbst die kom­merziellsten Musiker ersparen sich üppige Instrumentationen (mehrere Gitarren, multiple Synthesizerflächen), fette Sounds (z.B. Verzerrungen) oder eine extreme westliche Musikadaption, aus der dann vielleicht Hardrock- oder Houseeinflüsse hervorgehen und eine für unsere Verhältnisse typische Vier-mannband kann es wegen der Perkussion nicht geben. Da Mbalax aber in ers-ter Linie eine Livemusik ist, also eine solche, die hauptsächlich für die Bühnen-performance gemacht ist, kommen für Aufnahmen nur selten Streicher- und Bläsersätze zum Tragen. Das Besondere an ihr sind die traditionellen Rhyth-men und Instrumente (s.o.) und die daraus resultierenden Arrangements. Hohe Tempi überwiegen, der Bass ist nicht durchlaufend sondern phrasenakzentu­iert, melodische Begleitinstrumente kommen hauptsächlich als Füllstimmen vor, getragen wird das Stück von den sehr flotten Trommeln und Perkussionen. Auch ist Mbalax traditionell begründet nicht funktionsharmonisch, son­dern modal oder patterntonal und die Form meist A (in beliebiger Wdh. und Variation) oder AB, so dass auch heute im modernen Mbalax keine uns geläufigen Songanlagen vorkommen. Sehr charakteristisch ist eine fließende binäre / ternäre Phrasierung, die teilweise auch gleichzeitig in einem Stück existiert. Diese Phrasierung wird in vielen Stücken als formale Cäsur benutzt, um sie zu gliedern. Dabei wird etwa nach 2/3 der Zeit vom binären ins ternäre Feeling gewechselt. Es gibt nur quadratische Taktarten als 4/4, 12/8 (Vierereinheit) oder 2/4 und 6/8takt (Zweiereinheit), nicht aber 9/8, 3/4 oder krumme Taktarten. Mbalax ist eine synkopische Musik, deren Gesang nie auf der 1 anfängt, son-dern immer erst kurz dahinter oder danach; auch typische (zur 1 drängende) Auftakte sind ihr fremd.
Dies sind die immer wieder (natürlich auch in Variationen) vorkommenden typischen Mbalaxrhythmen, um sich wenigstens einigermaßen eine konkrete Vorstellung dieser Stilistik zu machen. Die Noten mit 2 Tonhöhen kommen hauptsächlich in den Trommeln und auch im Bass vor, die anderen können in allen anderen Instrumenten, nie aber im Gesang vorkommen. Die Phrasen-striche markieren eine mögliche rhythmische Einheit, die Taktstiche markie-ren nur die empfundene 1, wo nur die wenigsten Rhythmen auch beginnen. Sie wurden mir teilweise von Pape Malik Diouf vorgetrommelt, teilweise stellte ich sie aus den abgehörten Aufnahmen als "Grundgerüst" zusammen.


Quellennachweis (Nach Wichtigkeit sortiert)
" Panzacchi, Cornelia: Mbalax Mi -Musikszene Senegal, Wuppertal, Hammer 1996
" Ewens, Grame: Die Klänge Afrikas - Zeitgenössische Musik von Kairo bis Kapstadt, München, Marino 1995
" Burton, Kim: World Music -The Rough Guide, London 1994, Penguin Books
" Cook, Marty: Begleittext zur CD: Soriba Kouyaté: Kanakassi (1999), Act 9272-2
" Duran, Lucy: Key to Youssou'NDour -Roots of the Senegalese Star, in: Popular Music 8, 1989
Begleittext zur CD: Orchestre Baobab: Bamba (1993 bzw. 1980/81)), Stern's Africa, STCD 3003
Texte ohne Autornennungen aus den Beiheften und Hüllen folgender CDs:
" Bu-Baca Diop: Stand, Stern's Africa, STCD 1059
" Ismael Lo: Jammu Africa (1997), Sancara 534233-2
" Thione Seck: Daaly, Stern's Africa, STCD 1070
Ferner erhielt ich wichtige Informationen von zwei Senegalesen als "Inter-viewpartnern", die ich, soweit das der Datenschutz zulässt, entsprechend hier im Sinne einer Quellenangabe nenne, weil sie maßgeblich zu meinem Ver-ständnis des Mbalax beigetragen haben:
" Laye Ndongo, erster und jetzt nur noch gelegentlicher DJ im Kölner Club "Café Tuba" (Moselstraße), wo ich ihn gezielt ansprach
" Papa Malik Diouf, Lehrer und Workshopgeber für Afropercussion. Er macht sich auf seiner Visitenkarte nebst seiner Privatadresse folgendermaßen für die Öffentlichkeit erreichbar: Probenraum Vogelsanger Str.193, 50825 Köln Ehrenfeld, ( 0221/5465544
[1] die Trommeln haben im Französichen alle den Artikel "Le"= Maskulinum bzw. Neutrum
[2] Seite 36 Mitte
[3] In der DDR gab es diese Diskriminierung beispielsweise auch, wenn MusikerInnen auch nur versuch-ten, statt auf Deutsch auf Englisch zu singen, um ein übrregionales bzw. internationales Publikum zu erreichen. Sie ist im Gegensatz zu Senegambia allerdings staatlich während des kalten Krieges ausgeübt worden, während in Senegambia der Druck aus der Gesellschaft kommt.
[4] geografisch völlig getrennt und unabhängig zum Senegal gab es auch in der europäischen Musikkultur von der Antike bis ins Spätmittelalter ebenfalls kein Autorenbewusstsein, da es entweder nur Volksmu-sik oder Kirchenmusik gab, innerhalb derer sich die Komponisten auch als Diener und Sprachrohre Got-tes verstanden
[5] Vgl. das Album "Daali" von Thione Seck , auf dem schon 2 seiner Songs als Preisung seiner Eltern zu verstehen sind. Sie heißen "Momy" und "Papa". Oder Youssou N'Dourmit dem Song "No Mele Africa" des Albums "Ze Urommat" von 1994, in dem er die Unabhängigwerdung aller französichen Kolonien 1960 huldigt.
[6] Gründungsimpuls war auch das nahende Datum der senegalesischen Unabhängigkeit von Frankreich und der dazu gehörige Festakt am 3.8.1960, zu welchem Ibra Kassé die Musik beisteuern sollte
[7] Seine Musik wird heute auf seinem Soloalbum als ein moderne Mbalaxsound mit traditionellen westafrikanischen Rhythmen und Bläsersektion beschrieben (˜)
[8] S. 220
[9] Ihrer Gründung ging diejenige einer Namensgleichen anderen Band voraus, die Jazz und Soul spielte
[10] S. 55
[11] S.74
[12] S.223
[13] S.71
[14]S.76f.


UNESCO-Musikpreis für Youssou N'Dour

Aachen (dpa) - Der senegalesische Sänger Youssou N'Dour wird mit dem UNESCO-Musikpreis ausgezeichnet. Das teilte die Stadt Aachen mit. N'Dour gilt als musikalischer Impulsgeber für Afrika und als Bindeglied zur westlichen Musik.
Es hat mit Stars wie Peter Gabriel und Sting zusammengearbeitet. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen und der Internationale Musikrat verleihen den Preis für Verdienste um die Musik, für soziales Engagement und Völkerverständigung. Der Festakt findet am 28. Oktober in Aachen statt. N'Dour sei einer der berühmtesten afrikanischen Musiker. «Er wählt eine Klangsprache, die nicht nur im Senegal verstanden wird», sagte Jury-Mitglied Isabel Pfeiffer-Poensgen. Durch die Verbindung von traditioneller Musik mit Rock- und Popelementen habe sich der 44-Jährige weltweit einen Namen gemacht. Zuletzt hatten 2002 die portugiesische Pianistin Maria Joao Pires und das Zentrum für traditionelle Musik in Oman den Musikpreis erhalten.
Mit der Auszeichnung an N'Dour würdige die Jury auch das persönliche Engagement des Musikers, der als Komponist, Bandleader und Produzent arbeitet. Eine von ihm gegründeten Stiftung fördert soziale Projekte. Daneben unterstütze er mit seinem Geld Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur des Landes.
Der UNESCO-Musikpreis gilt als eine der bedeutendsten Auszeichnungen auf dem Gebiet der Musik. Sie besteht aus einer Urkunde, einer Medaille und einem Geldpreis in Höhe von 2 500 Euro. Zu den bisherigen Preisträgern zählen unter anderem Leonard Bernstein, Yehudi Menuhin, Herbert von Karajan und Mercedes Sosa.

dpa - Meldung vom 24.06.2004 14:15 Uhr


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