Von Heike Kühn
Ousmane Sembene war vierzehn, als er 1937 aus der Schule flog, weil er einen Französischlehrer geohrfeigt hatte. Für einen Jungen aus einer senegalesischen Fischerfamilie hätte der Ausschluß vom Bildungssystem das Ende aller Ambitionen bedeuten können. Stattdessen wurde Sembene, nach den Jahren des Zweiten Weltkriegs, in denen er in der französischen Armee diente, nach der Arbeit als Docker, Maurer und Mechaniker, nach Reisen durch Europa einer der erfolgreichsten Schriftsteller Afrikas. 40jährig beschloß der Mann mit dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, noch einmal dazuzulernen. Die einfachen Leute, die Sembene in seinen Romanen zu Wort kommen ließ, konnten mit seinen französischen Texten nichts anfangen. Sembene ließ sich Anfang der sechziger Jahre in der Moskauer Filmhochschule Maxim Gorki zum Regisseur ausbilden - und zählt seitdem zu den wichtigsten Filmemachern Afrikas. Wenn in seinen Filmen die Landessprache Wolof vom Französisch einer arroganten schwarzen Elite verdrängt wird, ist der Sprach-Wechsel für jeden Zuschauer als Macht-Wechsel verständlich. Das Evangelische Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit (EZEF) hat sich im Rahmen einer Werkschau 1995 um Sembene verdient gemacht. Mit Xala und Guelwaar werden jetzt zwei herausragende Filme zugänglich, die bislang den Besuchern von Filmfestivals und -museen vorbehalten waren: Das Risiko, Produktionen aus Schwarzafrika als Home-Videos anzubieten, hat zuvor kaum ein Verleih auf sich genommen.
Xala von 1975 ist vordergründig die Geschichte eines Fluchs. El Hadji Abdou Kader ist ein Kriegsgewinnler, ein Geschäftsmann, der die französischen Kolonialherren nicht nur bekämpft, sondern nach der Unabhängigkeitserklärung des Senegals als Mitglied des Parlaments auch beerbt hat. El Hadji gibt sich aufgeklärt. Im Gegensatz zu seiner patriotischen Tochter beharrt er auf französisch geführten Unterhaltungen. Als Moslem, der bereits zwei Frauen und etliche Kinder hat, beruft sich der Alte auf das Gebot der Vielehe. Seine dritte Frau ist jünger als seine Tochter, die Hochzeit mit Reis aus internationalen Hilfeleistungen bezahlt, die El Hadji im Selbstbedienungsladen des neuen Parlaments unterschlagen hat. Der Xala, der Fluch der Impotenz, der ihn in der Hochzeitsnacht beschämt, könnte privater Natur, könnte den Frauen entschlüpft sein. Aber in der Tradition Brechtscher Parabeln, die Sembene um die Ironie einer vom Fluch der Vergangenheit heimgesuchten afrikanischen Moderne bereichert, meint das Versagen auch politische Impotenz.
Guelwaar (1992) zeigt ein geplündertes Land, dem religiöser Fanatismus, angeheizt von machtpolitischen Interessen, noch größere Wunden schlägt. Der christliche Gewerkschaftspolitiker Guelwaar prangert die innenpolitisch forcierte Abhängigkeit des neokolonialistischen Senegals von europäischen Hilfslieferungen an. Ein Blickwechsel des Präsidenten mit seinem "Sicherheitsberater" - und der Rebell stirbt einen Foltertod. Am Tag der Beerdigung fehlt seine Leiche. Anstelle eines verstorbenen Bauern ist Guelwaar auf einem moslemischen Friedhof beigesetzt worden. Die christliche Gemeinde rückt auf das Dorf vor und fordert die Herausgabe des Toten. Die Moslems glauben an Vorwände und planen die Ermordung der "Grabschänder". Der Konflikt, der von einem einsamen Vertreter der Vernunft nur mit Hilfe eines Militäraufgebots gelöst werden kann, gibt die visionäre Kraft dieses Films zu erkennen. Noch beeindruckender ist seine Skepsis. Der christliche Märtyrer war zu Lebzeiten ein machistischer Despot, nicht anders als der Moslem, in dessen Ruhestatt er liegt.
Xala, Guelwaar: Kaufkassetten, je 62 DM, zu beziehen beim Peter Hammer Verlag, Postfach 2000963, 42209 Wuppertal. Dort sind auch die beiden Romanvorlagen von Ousmane Sembene erschienen. TAZ