Zitate
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"Jedesmal, wenn zu mir ein impotenter Mann kommt, begleitet ihn seine Mutter. Sie weiß alles.
Sie zeigt auf das Geschlechtsteil ihres Sohnes und sagt: "Und was ist das? Es wird nicht steif!"Dr. Maurice Dorès im Gespräch mit Hubert Fichte aus: ders., Thanatos und Tropenzulage.
Gespräche in der Psychatrischen Abteilung von Fann, Dakar, von 1974 - 1985,
Zweites Gespräch mit Maurice Dorès, in: Psyche. Annäherung an die Geisteskranken in Afrika, S.70![]()
"Ein Entwicklungshilfespezialist der niederländischen Botschaft in Dakar hat mir von einem Projekt auf der Halbinsel Kaskas berichtet. Man wollte eine handbetriebene Fähre einrichten, mit der sich die Leute selbst ans gegenüberliegende Ufer befördern konnten. Die Senegalesen waren entsetzt: Ob die Niederländer vielleicht glaubten, dass sie noch Sklaven wären!"
Lieve Joris, Mali Blues. Ein afrikanisches Tagebuch. Aus dem Niederländischen. Piper 1998, S.34
"1980 kam Präsident Senghor in die Casamance. Ein alter Mann fragte ihn, wie lange denn die Unabhängigkeit noch dauern werde. Doch Senghor habe keineswegs gelacht, erinnert sich Adama, sondern ein sehr besorgtes Gesicht gemacht"
a.a.O., S.24
"Ein Mann aus Senegal, der fünf Jahre lang in psychoanalytischer Behandlung gewesen war, wurde von seinem Psychoanalytiker zu mir geschickt, weil dieser sich darüber wunderte, dass bei diesem verfeinerten Intellektuellen traditionelle Vorstellungen weiterhin fortbestanden. Der Mann sagte mir: »Die psychoanalytische Behandlung war sehr interessant. Ich habe die Weißen beim Denken beobachten können. Jetzt aber muss etwas Ernsthaftes in Angriff genommen werden - ich muss mich heilen lassen."
Tobie Nathan, Freud und die Baba Iawos. DIE ZEIT, 18.5.2006
"(...) Neben harten, unnachgiebigen Profitkämpfen, sturen Händlerverhandlungen und einem zähen Beharren auf den eigenen Rechten zeigt sich immer wieder "afrikanische" Großzügigkeit und Flexibilität, die nicht in einer Veränderung der Norm, in Abstrichen von den Ansprüchen besteht, sondern in einem Wechsel der Kategorie, in einem oft überraschenden Verzicht auf den "Rechtsstandpunkt", könnte man sagen. Der Händler, der sich unerbittlich weigerte, auch nur einen geringen Preisnachlaß zu gewähren, obwohl ihm damit ein immer noch gutes Geschäft entgeht, kann einen im selben Moment zum Essen einladen und für ein Vielfaches des diskutierten Preisnachlasses bewirten. Und dennoch wird er nach dem Essen, falls man weiter handelt, keinen Franc heruntergehen, wenn der Handelsspielraum, den er sich vorstellte, erschöpft ist. Wenn man die Ware dann doch zu seinem Preis gekauft hat, kann es sein, daß er einem ein kleines Geschenk macht, wie es umgekehrt auch von Käufern oft erwartet wird. Ähnliches geschieht in vielen Bereichen, und darum "gehen" in Afrika viele Dinge einen unerwarteten Gang, gibt es so oft überraschende Hindernisse, aber auch unerwartete Möglichkeiten, wenn man bestimmte Pläne verfolgt. Es ist kein Widerspruch, daß z.B. ein Zöllner, der einen soeben stundenlang durchsucht und kontrolliert hat, anschließend, da die Grenze geschlossen wird, bittet, im Auto mitgenommen zu werden, und einen dann bei seiner Familie großzügig bewirtet, vielleicht gerade nach dem fragt, wonach er an der Grenze noch gesucht hat, nach Devisen, Alkohol oder Rauschgift. "La vie en afrique est très different de la votre!" Vieles läuft in bestimmten Phasen, wechselnden Rollen ab, und man muß dies akzeptieren und mitspielen, um ans Ziel zu gelangen. Wer versucht, diesen Weg abzukürzen, den anderen in seinem Rollenspiel plump zu entlarven, verstrickt sich in einem Labyrinth von Hindernissen. Der konsequenten Beachtung von Normen steht ein oft sprunghaftes Umentscheiden, eine nur scheinbar widersprüchliche, plötzlich veränderte Betrachtungsweise gegenüber. Viele Antagonismen lösen sich in einem unerwarteten "dritten Weg". (...) "
Hans Ritter, Sahel. Land der Nomaden S.115
(...) Andere Kulturen haben ganz verschiedene Ethnographien der Kommunikation. Königsfamilien in Afrika hatten oft einen "Hofübersetzer". Europäer waren regelmäßig empört, daß diese Männer keine besonderen sprachlichen Fähigkeiten besaßen, sie waren alles andere als Meister der tausend Zungen. Von den Abendländern wurden sie schlichtweg als Hochstapler denunziert, und in der Kolonialzeit war man immer bestrebt, sie abzuschaffen. Doch dies beruhte auf einem fatalen Mißverständnis. Diese Übersetzer sollten keineswegs die Kommunikation erleichtern, sondern sie vielmehr erschweren und umleiten. Gewöhnliche Sterbliche durften sich in der Regel nicht direkt an die königliche Herrschaft wenden, ebensowenig der König mit Untertanen sprechen. Das Gespräch wurde ausschließlich vom Übersetzer vermittelt, der dabei das gesprochene Wort abwandelte. Eine direkte Ansprache hätte für den König Erniedrigung bedeutet und für den Untertanen sogar den Tod. Oft fand die Kommunikation in Form von Sprichwörtern statt. Wollte jemand etwa die Erlaubnis einholen, Bodenschätze abzubauen, und bot dafür Geld, dann konnte der Bescheid lauten: "Reibe deinen Hintern nie an einem Stachelschwein." Er verließ also den Hof ohne genaue Kenntnis, ob er die Bewilligung nun erhalten habe oder nicht, wer der Hintern und wer das Stachelschwein sei. So entstand ein Feld, reich an Vieldeutigkeiten, verbunden mit der Möglichkeit, später alles anders zu deuten. Was tatsächlich gesagt wurde, war oft irrelevant. Bedeutend war einzig der Kontakt mit der königlichen Hoheit. (...)
Nigel Barley, Die Kultur des Mißverstehens. Von afrikanischen Hoflinguisten, virtuellen Klomauern und der Reinkarnation der Bierflasche. Ein Essay. DIE ZEIT 1998 Nr. 53, Übersetzung: Bertrand Schütz
"Liebe Frau
Mit unserer Expedition geht es schlecht voran; zwei Drittel der Träger hat Reißaus genommen, das übrige Drittel nimmt gerade den letzten Reis. Meine Begleiter sind den hiesigen Frauen, dem Club Med oder dem Sog ihrer Rückflugtickets erlegen. Gestern habe ich meine Sonnenbrille verloren. Trotzdem ist mein Mut ungebrochen, und ich kehre nicht eher zu Dir zurück, bis ich die Quellen des Nigger gefunden habe. Dann werden wir heiraten, wie ich Dir geschworen habe, und den kleinen Kolonialwarenladen mit Masken, Malaria und anderen Andenken aufmachen.
Dein Mungo Park""Friends!
Habe einen Kühlschrank gekauft, ein Haus drumherum bauen lassen, vermiete Zimmer und verkaufe Bier. Neulich hat einer meiner Freunde drangeschrieben "Campement". Weiß nicht, was das bedeutet, aber jetzt kommen mehr Leute zum Biertrinken und Zimmermieten. Im Kühlschrank ist es total cool. No problem, okay? Und das Bier, das übrig bleibt, trink ich mit meinen Freunden locker weg, no problem. Mein Chauffeur heißt Aleskla; er war früher mal Skilehrer auf der Reeperbahnquoi. Schick bitte schnell die Autobatterie und den großen Recorder, okay?, damit wir noch besser downcoolen können. Es ist jetzt hier wie in Jamaica, no problem, man, und wenn mal kein Bier da ist, rollt mein Freund Abacar den Joint, yeah, cool, macht er auch sonst ständig. Come and see, my home is yours, all, like in Germany, coolquoi. Muss jetzt zum Coolschränk, mich downcoolen, yeah, nice; and say all your friends all come cool running to Abdous Cool-Camp
bye
Abdou"An meinen Verleger
"Immer wenn ich das zweite Bier bestelle, geht die Sonne unter. Das geht nun schon die dritte Woche so. Wenn ich frühstücke, kommt die Frau mit den Fischen vorbei, von der ich nie etwas kaufe. Mit dem Roman komme ich gut voran, da ich mich darauf beschränke, das zu erzählen, was jeden Tag hier geschieht. Der Roman führt mit einer Kennzeichnung der Situation des Ich-Erzählers in die Handlung ein und beginnt so: Immer wenn ich das zweite Bier bestelle..."Rainer Lienemann, Fiktive Briefe aus Afrika
"Tagsüber ist der Weiße im Vorteil, da er den Neger besser erkennen kann als der ihn; nachts dagegen ist der Neger besser dran, da er den Weißen, dieser ihn aber kaum noch sehen kann."
"Auch dieses Mal kann ich den Äquator nicht finden, obwohl es manchmal so aussieht, als sei ich nahe dran. Dafür treffe ich zahlreiche Schwarze, die Amadou, Cheikh oder Ibou oder Stanislas heißen und mir meistens etwas verkaufen wollen. Ich kaufe aber nichts von Fremden. Als Führer zum Äquator taugen sie auch nicht viel."
"Der Neger verhält sich dem Fremden gegenüber, falls er ihm nichts verkaufen will, sehr einheitlich und ordentlich. Er stellt seine Fragen immer in der gleichen sinnvollen Reihenfolge: Wie heißt du? Woher kommst du? Wie lange bist du in Afrika? Bist du zum ersten Mal in Afrika? Gefällt es dir? Gibst du mir deine Adresse? Wenn du sagst, du kommst aus Deutschland, war der Neger oft auch schon in Deutschland und kennt Frankfurt, Hamburg oder Darmstadt, manchmal auch Trier, das du selbst noch gar nicht kennst. Oft kann er auch einige Sätze Deutsch; wenn du darauf eingehst und dich erfreut zeigst, möchte dir der Neger gerne etwas verkaufen."
"Der Weiße an sich ist in Afrika nackt."
"Der Neger rechnet nicht gerne und höchst ungenau. Wenn er dir einen Preis sagt, kann es sein, dass er dir kurz darauf einen anderen, meist höheren Preis sagt. Er habe sich geirrt, ist seine Erklärung. Wenn er einen Taschenrechner benutzt, irrt er sich nicht so oft. Zahlen sind nicht so sehr seine Stärke, aber die Geduld. Obwohl du schon dreimal "nein" gesagt hast, bietet er dir geduldig weiter seine Waren an. Außerdem hält er es erstaunlich lange in Afrika aus."
„Der Neger an und für sich ist nicht das Problem. Er hat durchaus seine Qualitäten, und vor allem kann man nicht sagen, daß er gänzlich dumm und unnütz sei.“
„Heidegger sagt ja über den Neger:
Der Neger ist nicht im Eigentlichen behaust, nicht im Sein, sondern behaust das Sein als Dasein. So bleibt er im Zeitlichen der Zeit sorgenvoll um sein Dasein besorgt und behaust das Haus der Not. Da er darum aber nicht weiß, ein im Bewußtsein sorgenloses Dasein lebt, bleibt ihm ein Lachen im Halse.“
Rainer Lienemann, Der kleine Ethnologe,Teil I
»Der Fetisch« der Weißen
"Das Fest ist vorüber, das Tonbandgerät auf den Wagen geladen, wir haben uns verabschiedet von den Häuptlingen, von den Priestern. (...) Die Aufnahmen sind wahrscheinlich gelungen, die Apparate aufgeladen, Mansur hat den Wagen in Bewegung gesetzt. Wir sind kaum ein paar Schritte gefahren, da hält uns der alte Priester noch einmal an. Ob wir einen ganz besonderen »Fetisch« sehen wollten? Dann möchten wir noch einmal aussteigen. Wir werden auf einem verschlungenen Pfad zu einer Behausung geführt, ein Tor wird geöffnet, es geht durch einige Räume zu einer verschlossenen Tür. Wir möchten leise eintreten, heißt es, denn der »Fetisch« sei mächtig. Die Tür wird geöffnet, ein Tisch steht in der Mitte eines düsteren Raumes, Stühle darum herum, und auf dem Tisch ein paar Flaschen Bier.
»Der Fetisch für Sie«, sagt der Priester und lacht.
Wir lachen auch, setzen uns mit ihm hin und gießen das Bier nach dem Trankopfer an die Ahnen in unsere durstigen Kehlen."Janheinz Jahn, Durch afrikanische Türen, S 251f
Büchergilde Gutenberg Frankfurt 1960
Wenn der Penisschrumpfer kommt
Der Penisschrumpfer kam mit dem Buschtaxi aus einem der Dörfer im Osten nach Ziguinchor. Den ganzen Tag hatte er mit den Bauern, Händlern und Marktfrauen auf der Ladefläche des Peugeot 504 auf den Holzbänken gesessen, hatte mit ihnen unter dem Blechdach in der Hitze ausgeharrt, als sie die endlosen Strecken durch die Hüttendörfer der Djola, die Reisfelder, Mangroven- und Palmwälder hinter sich brachten, war mit ihnen abgestiegen, wenn die Soldaten an den Straßensperren die Ausweise verlangten und die Bündel kontrollierten. Er hatte kaum ein Wort gesprochen und war bis zum Gare Routiére von Ziguinchor gefahren. Niemand kümmerte sich dort um ihn, schließlich kommen jeden Tag hunderte aus dem Umland mit Bussen und Taxis in die Hauptstadt der Provinz Cassamance.
Der Penisschrumpfer war vom Stamm der Peul, ein unauffälliger Mann, nicht mehr ganz jung, das Haar kurz geschoren. Er trug ein zerschlissenes Leinenhemd, eine verbeulte Hose und über die Schulter einen Stoffbeutel. In einer der Buden, in denen es Limonade und Weißbrot mit gebratenem Hähnchenfleisch zu kaufen gibt, erkundigte er sich nach dem Weg ins Quartier Kandialang, eines der Wohnviertel, in dem die Arbeiter und Handwerker der Stadt leben. Dann machte sich der Penisschrumpfer zu Fuß auf den Weg ins Quartier Kandialang. Dort lebte sein Cousin Dierry, der Maurer.
Dierry hatte dem Penisschrumpfer in einem Brief von Mamadou Sow dem Boutiquier erzählt, der im Marktviertel Boucotte einen Laden für Damenwäsche, Kinderkleidung und Seifenprodukte unterhielt. Mamadou hatte Geld, das wußten alle. Viel Geld, das er nie ausgab, weil er unverheiratet und kinderlos geblieben war. Nur zum Medizinmann ging er hin und wieder, ließ sich ein Orakel legen oder ein Pulver mischen, obwohl er ansonsten als redlicher Moslem galt. Mamadou war das ideale Opfer - reich, allein und abergläubisch. Der Penisschrumpfer würde ihm buchstäblich die Männlichkeit rauben und sie ihm nur für viel Geld wieder zurückgeben.
Eine gute halbe Stunde hatte der Penisschrumpfer zu laufen, bevor er das Haus seines Cousins erreichte. Er hielt sich an die geteerten Hauptstraßen. Das hatten ihm Bekannte im Dorf geraten, die erzählten, daß die Rebellen in den Nebenstraßen der Wohnviertel von Ziguinchor Tretminen unter dem Sand versteckten. Die Taxifahrer wagten sich schon nicht mehr in die Viertel. Doch das hatte den Penisschrumpfer nicht davon abgehalten, nach Ziguinchor zu fahren. (...)
aus: Andrian Kreye, Geschichten vom Ende der Welt. 2006, Knaur Taschenbuch 77771, S.48f
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"Die Stadt ist voll und hektisch. Viel Gerufe und Gehupe im fröhlichen Morgenlicht, ein Markt voller Fische und Farben, und dann auf einmal ein neuer Freund. Strahlend kommt er auf mich zu in seiner gepflegten europäischen Kleidung und ruft: "Ha! Bernard!", schüttelt mir die Hand, klopft mir auf die Schulter und kann einfach nicht glauben, dass ich nicht Bernard bin. Nicht? Aber du wohnst doch im Hotel N'Gor? Ja schon. Aber dann haben wir gestern miteinander gesprochen? Nein. Doch er hat mich bereits beim Arm gefasst und führt mich über den Markt. Ja, er ist Student. Natürlich, Senghor ist ein großer Mann, aber trotzdem werden die Studenten streiken, wenn Pompidou kommt. Der Präsident ist viel zu dick befreundet mit den Franzosen. Währenddessen jagt er mit befehlenden Gebärden alle möglichen Jungen weg, die mir etwas verkaufen wollen, deutet auf ein pseudo-antikes Instrument mit kleinen Brettern, die alle einen anderen Ton von sich geben, eine Art Gamelan, sagt, dem hätten die Europäer das Klavier abgeguckt; sein tänzelnder Schritt und der umwerfende Augenaufschlag bleiben im Einklang mit dem Rest des sonnigen Geschehens, und dann kommen wir zu einem Café, wo er findet, ich müsse Kaffee trinken, und ausrechnet, wir seien bis jetzt für ungefähr fünf Gulden spazierengegangen. Altholländischer kolonialer Handelsgeist vermag den Betrag auf zwei CFA-Franc zu reduzieren, mit denen er grollend abzieht, auf der Suche nach dem nächsten Bernard."
aus: Cees Nooteboom, Mondland Mali, in: In der langsamsten Uhr der Welt. Reisen in Afrika.
suhrkamp taschenbuch 3996, S.160f
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