Zitate 2
»Das Leben eines Bauern ist nicht nur beschwerlich, langweilig und schlecht bezahlt sondern auch grausam. Fast überall auf der Welt sind Bestrebungen, ihn zu erreichen und seine Produktivität zu steigern, mit einem gewissen Zwang einhergegangen ."
Sprecher der Grünen Revolution, New York Review of Books»Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen hat eigens aus diesem Anlaß eine Münze heraus- gegeben, auf der Shirley Temple Block, die Botschafterin der USA in Ghana, als Ceres, die römische Göttin der Fruchtbarkeit, dargestellt wird."
Offizielle Mitteilung der FAO-Zentrale, 1975Der Gambia glitzert sogar bei trübem Wetter. Er ist einer der großen Ströme Afrikas und an seiner Mündung so breit, daß ein Neuling, der an sein Ufer tritt, zunächst nicht sicher ist, ob das offene Meer links oder rechts von ihm liegt. Das nach ihm benannte Land ist jedoch eines der kleinsten der Welt. Ein so breiter Fluß hat eine so kleine Nation geboren - als würde die Anstrengung, die erforderlich ist, die Menschen an den weit auseinanderliegenden Ufern zusammenzuhalten, jede weitere Ausdehnung verhindern.
Die Fähre, die sich anschickte, diesen breiten Strom zu überqueren, war außerordentlich dreckig. Sie war mit einer Schicht aus Fett und Ruß überzogen, und die schwarzen Rauchwolken, die sie ausstieß, ließen erkennen, mit wieviel handwerklichem Geschick an der Maschine gearbeitet wurde. Das Schiff war schon lange vor der Abfahrtszeit mit Passagieren, Gepäckstücken und Fahrzeugen überfüllt. Nirgends konnte man mehr sitzen und kaum noch irgendwo stehen. Nur die Offiziere hatten ein wenig Platz. Über dem Maschinenraum verlief eine Holzgalerie mit einer darüber gespannte n Segeltuchplane. Das war die Brücke und das Steuerhaus, und hier stand Kapitän Cole, der Schiffskommandant. Die eigentliche Brücke war vom Rest der Galerie durch eine kleine Tür abgetrennt, die mit einer Bindfadenschlaufe befestigt wurde, wie man es normalerweise bei einem Kleingartengatter sieht.
Kapitän John Cole hob sich von seinen Offizierskollegen durch einen schwarzen Filzhut ab, der sich kugelrund wölbte und mit einem Seidenband unter dem Kinn befestigt wurde. Cole interessierte sich nicht für das, was um ihn herum passierte. Er ignorierte auch die nautischen Vorbereitungen, saß statt dessen am Ende der Brücke, zog an seiner Pfeife und bestimmte, wer durch das Türchen treten durfte. Der Kampf um diese Ehre war um so heftiger, als das Stehen überall sonst sehr unbequem war, doch nur wenige Bewerber wurden durchgelassen. Kurz vor der Abfahrt kam ein Mann, auf einen anderen gestützt, den Kai heruntergehumpelt. Der Humpelnde trug einen blauen Overall mit Blutflecken, die von seiner dick verbundenen Kopfwunde stammten. Sein Gesicht war grau, und er konnte nur mit Mühe stehen. Der Kapitän winkte ihn zu sich auf die Brücke, woraufhin er die Stufen hochkletterte, in eine Ecke stolperte, zu Boden sank und für die Dauer der Reise still vor sich hin blutete. Die Schiffssirene ertönte, die Bugklappen wurden langsam hochgezogen, und unter den Kommandos eines Mannes in orangefarbener Weste, des Ersten Offiziers, begann die Fahrt.
Einige Jahre zuvor war eine der Gambia-Fähren mitten auf dem Fluß in einer mächtigen Welle gekentert. Es hatte keine Überlebenden gegeben; bis man am Ufer das Ausbleiben des Schiffes bemerkt hatte, war es schon spurlos verschwunden. Dieses Mal tuckerte das Schiff los, obwohl die Bugklappe noch so weit aufstand, daß Wasser darüberschwappte und über das Autodeck und bis vor die Maschinenraumtür fließen konnte. Kapitän Cole zog seelenruhig weiter an seiner Pfeife und sah nach vorn, und schließlich war auch die Bugklappe hochgefahren, und das überschüssige Wasser floß langsam ab.
Nach einem kurzen Moment verließ der Chefmaschinist, der in Wahrheit der einzige Maschinist an Bord war, seinen Posten und kam auf die Brücke, um sich zu trocknen. Als er durch das Türchen trat, entstand hinter ihm ein Gedrängel, angeführt von einem korpulenten und recht pariserisch wirkenden Wolof, der mit seinen Reisegefährten, auch sie Wolof, ständig französisch sprach, die Amtssprache im Senegal. Es bedurfte einiger Minuten ausführlichen und formvollendeten Debattierens, er auf französisch, die Offiziere auf englisch, ehe er bereit war, sich zurückzuziehen, und die ganze Zeit über stand die Tür weit offen. Sie klemmte den Steuermann ein, so daß er kaum das Ruder bewegen konnte. Der Erste Offizier deutete währenddessen auf Felsen und versicherte allen, die es hören wollten, daß der Fluß zwar breit und tief zu sein schien, das Schiff aber mit äußerster Vorsicht gesteuert werden müsse. Als sich der Steuermann schließlich wieder frei bewegen konnte, reagierte das Schiff sehr langsam auf das Ruder. Ein Blick auf die Kabelverbindung zeigte, daß sie an mehreren Stellen mit brüchigem Draht ausgebessert war. Kapitän Cole ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen, und bis zuletzt schien es, als würde er nicht ein einziges Mal seine Pfeife aus dem Mund nehmen müssen. Dann, kurz vor dem Ziel, drohte eine Katastrophe.
Als die Anlegestelle näher kam, stellte der Erste Offizier den Maschinentelegraphen auf Halbe Fahrt, nicht bedenkend, daß das Kommando unbeantwortet bleiben würde, da der Chefmaschinist ja noch immer neben ihm auf der Brücke stand. So kam es, daß das Schiff in voller Fahrt gegen den Kai stieß. Kaum hatten die Hafenarbeiter das Bugtau ergriffen, wurde es ihnen schon wieder entrissen, und der Bug drehte in Richtung Ufer ab. Der Chefmaschinist, der mit dem eleganten Städter, der das Türchen blockierte, nicht weiterdiskutieren wollte, sondern es eilig hatte, zu seiner Maschine zu kommen und sie anzuhalten, sprang von der Galerie herunter und begann, sich durch die Passagiere und Autos und Ziegen einen Weg freizukämpfen. Da erwachte Kapitän John Cole zum Leben. Er sprang auf, stieß den Steuermann beiseite, packte das Ruder und gab über den Maschinentelegraphen das Kommando »Volle Kraft zurück«. Da der Maschinist noch unterwegs zum Maschinenraum war, passierte vorerst nichts, also begann der Kapitän, in der Annahme, der Telegraph sei blockiert, den Messinggriff hin und her zu reißen, von »volle Kraft voraus« auf »volle Fahrt zurück«, wie ein Autofahrer, der Probleme mit der Gangschaltung hat. Der Erste Offizier brüllte unterdessen auf die Hafenarbeiter ein, sie sollten die Heckleine, die sie irgendwie schon vertäut hatten, wieder losmachen, oder sie würde reißen. Kurz bevor der Maschinist seine Schalthebel erreichte, straffte sich die Leine, riß sich los und fiel in das Wasser, genau vor die Schrauben, und zwar in dem Moment, als das Schiff mit erstaunlicher Geschwindigkeit vom Ufer zurücksetzte und sich wieder Richtung Kai bewegte. Als es erneut am Kai vorbeischoß, begannen einige Passagiere, die wohl der Ansicht waren, daß dies ihre letzte Chance sei, von Bord zu springen. Kinder, alte Männer, Ziegen mit Stricken um den Hals, mächtige Pakete, dicke Frauen überwanden die Lücke zwischen dem tanzenden Schiff und dem betonierten Kai. Es war reiner Zufall, daß niemand ins Wasser fiel.
Der Erste Offizier brüllte noch immer den Hafenarbeitern Anweisungen zu, die Hafenarbeiter dem Maschinisten und Kapitän John Cole dem Ersten Offizier, während er zugleich den Hebel des Maschinentelegraphen herumriß. Vor und zurück fuhr der Telegraph, vor und zurück fuhr das Schiff, einmal auf Kollisionskurs mit dem Ufer, dann wieder in Richtung des tiefen Wassers und des gegenüberliegenden Ufers.
Am Ende beschloß der Maschinist, die Kommandos zu ignorieren und das Schiff mit Hilfe der Hafenarbeiter, die er durch die offenstehende Tür des Maschinenraums sehen konnte, selbst anzulegen. Währenddessen drängten immer mehr Passagiere zur Reling, und diejenigen, die nicht imstande waren, ihr Leben durch einen Sprung zu riskieren, liefen statt dessen, so weit es ihnen möglich war, von einer Seite zur anderen, wodurch die ohnehin bestehende Instabilität des Schiffes erheblich verstärkt wurde. An Bord schien nur ein einziger Ort zu sein, wo es ruhig war. Auf dem Autodeck unterhalb der Brücke stand ein neuer Polizeitransporter. Die Polizisten im Fahrerhaus, in makellosen Uniformen, nahmen die Panik um sie herum gar nicht wahr. Sie saßen kerzengerade da und starrten durch die blitzblanke Windschutzscheibe, während hinter ihnen die Bugklappe auf die Hafenrampe rasselte und die Passagiere über ihr Fahrzeug hinwegkletterten. Sie saßen einfach da, die Korrektheit in Person, auf dem Lack kein einziger Kratzer, die Uniform vorschriftsmäßig, wie neues Spielzeug auf einem Verkaufsregal. An der Windschutzscheibe klebte eine Plakette »Hergestellt aus gehärtetem Sicherheitsglas«, die an die Welt der Unfallverhütung und Verkehrssicherheit erinnerte und an die vorgeschriebenen Maßnahmen, die bei überhöhter Geschwindigkeit kurz vor dem Anlegen zu ergreifen sind - Dinge, die von der Gesellschaft, die sie befolgen sollten, ebensoweit entfernt waren wie Rettung den Passagieren jener Fähre, die mitten auf dem Fluß unbemerkt gekentert war. Als letzter verließ der graugesichtige Mann mit dem Kopfverband das Schiff. Er humpelte an Land, wie er heraufgehumpelt war, noch immer blutend, und machte sich auf seinen anstrengenden Weg in Richtung Stadt, während die Polizisten langsam an ihm vorbeifuhren, völlig ohne Hast, der Inbegriff von Unparteilichkeit und Mäßigung.Patrick Marnham, Die Weißen kommen! Eine afrikanische Chronik. S.192-197, Diogenes 1990
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Reisesbericht Peter Kohle
Wir wollten uns in einem Supermarkt eindecken, und Annett fühlte sich in die finsterste DDR-Zeit zurück versetzt. Die Regale überwiegend leer und was drin stand, will keiner haben. Dauerartikel wir Bürsten, Bilderrahmen, Schuhcreme und Ähnliches - keine Tiefkühltruhe, keine Fleisch, keine Wurst, kein Käse, kein Gemüse, kein Obst. So sieht das aus, wenn man die Libanesen nicht ran läßt.
In einem Restaurant entwickelte sich folgender Dialog, nachdem wir die Karte studiert hatten:
"Ich nehme einmal Languste mit ..."
"Languste ist aus."
"Dann nehme ich das Filetsteak ..."
"Filetsteak ist auch aus."
"Ach so. Was haben Sie denn, von dem, was auf der Karte steht ?"
"Wir haben Huhn und Fisch"
"Gut. Dann nehmen wir erstmal das Huhn mit French Fries ..."
"Huhn gibt es nur mit Reis, wir haben keine French Fries."
"Also ok. Huhn mit Reis und Fisch dann wohl auch mit Reis."
"Fisch gibt es nur mit Patatoe-Chips."
"Aha. Was ist der Unterschied zwischen French Fries und Potatoe-Chips."
"Da ist kein Unterschied."
"Wäre es möglich, Huhn und Fisch mit Potatoe-Chips zu bekommen."
"Ja, das geht."
"Super! Und dazu trinken wir jeder einen Ananassaft."
"Ananassaft gibt es nur als Dessert, nicht als Getränk. Außerdem haben wir nur Ananas in Scheiben."
"Aber an jeder Ecke stehen doch hundert Stände mit Ananas für Stück zehn Pfennig. Holen Sie doch zwei und machen uns Saft, wenn er schon auf der Karte steht."
"Nein, das geht nicht."
"Gehen denn zwei Tonics ?"
"Nein, wir haben nur ein Tonic und ein Bitter-Lemon."
"Dann bringen Sie das ..."
Wir bekamen das Huhn und den Fisch mit klassischen French Fries und einer Salatbeilage aus geraspeltem Kohl sowie einem Tonic und einem Bitter Lemon. Ein Gespräch zwischen Gast und Kellner, wie es genauso gut in Leipzig zur oder vor der Wendezeit hätte stattfinden können. Sogar das Menu paßte.
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Ein Loch in Onitsha
"Mein Fahrer hieß Omenka und gehörte zu den schlauen und durchtriebenen Leuten, die im Schatten des Reichtums des hiesigen Ölgebietes aufgewachsen sind und genau wissen, was Geld bedeutet und wie man es seinen Passagieren am besten aus der Tasche lockt. Am ersten Tag unserer Bekanntschaft gab ich ihm nichts, als wir uns trennten. Er ging, ohne sich auch nur zu verabschieden. Es tat mir sofort leid, weil ich mit anderen Menschen nicht gern kühl und formell verkehre. Beim nächsten Mal gab ich ihm daher 50 Naira (die lokale Währung). Er verabschiedete sich und lächelte sogar ein wenig. Ermutigt gab ich ihm beim nächsten Mal 100 Naira. Er verabschiedete sich, lächelte und gab mir die Hand. Bei der nächsten Trennung gab ich ihm daher 150 Naira. Er verabschiedete sich, lächelte, verneigte sich und drückte meine Hand herzlich mit beiden Händen. Beim nächsten Mal überbot ich noch einmal den Einsatz und zahlte ihm 200 Naira. Er verabschiedete sich, lächelte, umarmte mich, trug mir die besten Grüße an meine Familie auf und erkundigte sich mit sorgenvoller Stimme nach meiner Gesundheit. Ich will diese Geschichte nicht weiter auswalzen, aber am Ende überhäufte ich ihn derart mit Nairas, dass wir uns am Ende gar nicht mehr voneinander trennen konnten. Omenka hatte stets eine vor Rührung zitternde Stimme und versicherte mit unablässig mit Tränen in den Augen seine ewige Hingabe und Treue."
Ryszard Kapuscinski, Afrikanisches Fieber. Erfahrungen aus vierzig Jahren. Eichborn Verlag, Frankfurt 1999, S.296f
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Isch se schwarz
Beulleurs statt Brôt: Wie ein brésilien in Senegal international gans normal Silvester feiert
von Ze do Rock
In Dakar, Senegal, faingt der 31. decembre gans normal an. Vormittags nur ein raubversuch. Martin der tirolais, meine Princesse, die allemande, und ich der bresilien ybersideln grade in ein andres hotel, da kommt einer von links und bitet ein armband an, einer von rechts eine Sonnenbrille und gleichzeitig will ein dritter wissen wo wir herkommen und wie wir heissen. Man nennt Dakar das Paris von Afrique, und wenn schon kein Eifelturm dann zumindest sovil criminalité. Von verkeufern umzingelt werden wir zwar stendig, aber die 3 harn verdechtig wenig anzubiten. Wir sind alarmées und lassen sie nich an unsere taschen.
Varum grade Dakar? Tja, ich vollte verend der Jartausendvende nich friren, sondern hemdsermelig spaziren. Also varen Europe und sonstige nordpolnae kontinente ausgeschlossen. Asiatiques und australiens ham vom feiern keine anung, in Sudamerique var ich als bresilien schon zu oft. In Schwarzafrique gibt es noch ein pair weisse fleken fyr meine laindercollection. So kann ich den l. l. 00 mit meim 110. land, Senegal, feiern.
Alle leute in Dakar, la capitale, parlent francais, sowol die negres wie die blancs. Und francais koennen vir dôch. Leider stellen vir hier fest, das das fest vegen Ramadan nich so richtig mit vollem vapeur celebré vird. 80 % der senegalais sind musulmans. Koennen sie disen Ramadan nich exceptionellement fairschiben? Odaire ein monat lang zum Christenturn conveter? Danach koennen sie ja zuryck zum Islam, venn sie unbedingt meinen. Goût, die einheimischen behaupten trotzdem felsenfest, das es ein fest zou silfesta gibt, veil der Ramadan om 12 our nachts nix zou melden hat. Ja ound vie celebrez ir denn? Mit danser, vas sonst. Ja, so sind sie, die africains. Danser zoum carneval, danser zou ostern, danser zou weinachten ound in der zwischenzeit dansent sie auch ound jammern dann, das sie nich imstande sind, spitzentechnologie zou produire. Dabei moecht ich in der nacht zoum neuen millennium spitzentechnologiefeuerverk erleben. Die africains teilen mienne fascination für die magic nummero 2000 uberhaupt nich, fur sie commt da forn nix anders als ein gevoenliches neues jar.
Normalerveise essen vir cain mittagessen, âbère heute ist nich normalerveise. Vir gen chez Loutcha, vo's eine 30-seitige speise-carte gibt, mit specialités aoûs Brésil, Mexique, USA und 20 andre lainder, sauercroût inclusive. Aoûf dem veg dorthin verden vir vider umzingel. Ploetzlich vollent sie fulèn, aoûs velchem stoffe unsere hosen sind. Vir fairteilen ein pair fousstrittes, schimpfen laoût und sie gèn vidère.
Orn 17 hour commên Isolde, die allemande, und Sami, der zairois, rnit dem schnellbôt aus Garnbie. Aouf dem veg zoum afen verden vir ein drittes male umcingelt, dismâle châffen sie's, dem Martin sein passport zou claoûn. Da vird der tirolais âbère boese und hôlt ien sich zouruc.
Dâs schnèllebôt est zwar schnèlle, âbère venn es 2 stondes zou spait losfairt, comt es halte 2 stondes zou spait Anne. Da nutst alle schnèlligcait nix, venn sie aoûf eine kafkaeske bureaucratie steusst. Alle gépec-stucs verden auf ein 100 qm-areal fairteilt, ountersoucht, ound dann vird der eigentumère musam in dère menchenmenge airmittelt. Im schnitt comt alle 12 minutes ein passager raoûs. Venn unsere freunds zou den letzten passagers géheurènn, verden sie bei disem tempot die millennium-passage in disem gefangenen-depot fairbringen und airst nach 4800 minutes, das heisst am 3. janvier 2000 frei-commên. Draoûssen est es total obscure, und eine moite taxi-chauffeurs prugelent sich om die raire passagers. Vir quitter den afen om 21 heures mit eim schlêchten gévissen. Im hôtel est der plaisir umso greusseur, Isolde und Sami sind schôn gemutlisch installées. Im bot var cain place mère, desvegen sind sie mit dem bus gecommen. Dort var zwar aouch cain place mère, âbère dâ est es nich nour normal sondern die be- dingoung dâs air losfairt.
Normalement fairlangent die chauffeurs de taxi 10 marc für eine fart ins centre-ville. Yets mousse unser zairois arbeiten. Sami est zwar im Senegal genaoûseaux ein auslaindeur vie in Allemagne, âbère daire chauffeur veiss das nisch und fairlangt fur die fart eine marc. Dann commên vir angérante.
Le dinner est international vie le neue millennium sein soll: 2 allemandes, 1 tirolaiss, 1 zairois und ein brésilien gên in Senegal zoum corean. Das essen est goût, vir verden nisch aoûsgeraoûbt und draoûssen heurt man nix. Om 23 heures vird es doch noch laoût in le centre. Vir begeben uns zour Place de l'Independance und nisch nour vir: die ganse population de Dakar rennt chône hin. Dort vird es noch laoûtair und bountair. Die menchenmasse beveegt sisch fil und pleutslisch, om den crachêrs und den in l'horizontale losgélassenen feuervercs zou entcom. Irgendvie est dâ eine zimlisch bedrôlische atmosphaire. Es chaoût eer aoûs vie in Belgrad vairend dere NATO-visite. Venn dâ eine panique aoûsbricht, bleibt nisch fil ubric.
Alseau dôch file beulleurs statt brôt. Les allemands caufent venigere beulleurs om la monnaie stattdessen nach Afrique zou chic, âbère les africains caufent mit dise geld cain brôt sondern beulleurs.
Ya goût, Dakar est nisch rischtic Afrique, âbère beulleurs sind auch nisch rischtic brôt. Seit une stonde chône cnallt es heftic, âbère nisch cheune, veil privé. Om mitternuit commên dann les statliches feuvercs, und das est doch impressionant, obvôl nisch seaux bombastic vie fairmoutlisch in Paris ôdère New York.
Comic: bis eute hâm vir gedâcht, es gibt cain feuverc âbère fil danse, yets est es le contraire: fil feuverc und cain danse. Caines umârmes, caines ausflippes, cain Champagne. Dagegen hâm les allemands une menge temperament. Om 0:16 heures trift une raquete unseren ami Martin, und zwâr nour cnâp neben (2 cm) l'epicentre von Seine hintertel. Isch chetse dâs es une raquete privée var.
Seau seau. Seaux sit le neue millennium aoûs. Caine magnetbân, caine fligende autos ôdere alles per tastedruc, chône nisch im Goldenen Ouest, geschweige denn in Afrique. Stattdessen fil lairme und le gerouch pénétrant nach chisse-pulver. Venn isch misch dâ seau umschaoû, mousse isch chône sagen, isch se schwarz fur Afrique. Es gibt zwâr une laser-spectacle und musique fom band, âbère rischtic goûte atmosphaire est es nisch. Filaicht felen dôch les getrencs?
Om l heure vollen vir endlisch le nouveau jar begiessen. Mit bière, vail der africain Champagne seau goût est vie die africaine Rolex. Danâch gên les dames schlafen und vir mainner zin doursch la nite-life fon Dakar. Unsere gemeinsame sprache est allemand, obvol vir alle 3 in Allemagne génaoûseaux auslaindeurs sind vie hier.
Les discoteques sint maissig besoucht, drinnen sitsênt meistens dames d'animation. Gedansé vird chône, âere nour fon les dames d'animation. Vir bleiben nisch lânge, veil la bière sauteur est, saux das vir les dames caine bière spendiren coennen. Vaer aoûch anti-africain, hier erneren les fraus les mainners und non le contraire.
Om 6:30 heures est alles fini. Vir nem un taxi und Sami discute mit le chauffeur. Air meint, venn mân 9 stondes fur les 200 kilometres fon Gambie nach Dakar braûcht, veil les routes seau catastrophales und police-fairseuchr sont, dann Cannes le gouvernement nisch goût sein. Le zairois, daire inzwichaine bavarois mit links Cannes, behauptet felsenfest, dâs aoûs disem continent nix vird, venigstens nisch in den nexte 20 yars. Isch bin nisch d'accord. In diser nâcht hab isch zoum ersten mâle un mullvagen in Schwarzafrique géséen. Venn das cain goûtes omen est.
Zuruc im hôtel, nem isch une Aspirine, leg misch hin und die sache mit dem yartausend est gégéssen.Ze do Rock is vor langer zeit in Brasilien geboren, hat nix studiert und zuletzt das buch "Ufo in der Küche" (Gustav Kiepenheuer) veröffentlicht und lebt noch heute, meistens in Mynchen
aus der ZEIT, Januar 2000
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(...) Annie war erst achtzehn, als sie Robert kennenlernte. Es war der Sommer des Jahres 1968, und statt direkt von der Schule nach Oxford zu gehen, wo ihr ein Studienplatz angeboten worden war, zog Annie es vor, ein Jahr auszusetzen. Sie trat einer Organisation namens Voluntary Services Overseas bei und absolvierte einen zweiwöchigen Intensivkurs über das Unterrichten der englischen Sprache und darüber, wie man Malaria vermied und den Annäherungsversuchen der Einheimischen widerstand (sag laut und deutlich »nein« und laß dich nicht beirren).
Derart vorbereitet flog sie nach Senegal und stieg nach kurzem Aufenthalt in der Hauptstadt Dakar in einen offenen, mit Menschen, Hühnern und Ziegen vollgestopften Bus, um zu einer staubigen, fünfhundert Meilen langen Fahrt in den Süden aufzubrechen, wo sie in einer kleinen Stadt die nächsten zwölf Monate verbringen sollte. Als der Abend des zweiten Tages anbrach, erreichten sie die Ufer eines großen Flusses. Die Nacht war heiß und feucht, der Lärm der Insekten erfüllte die Luft, und Annie konnte die Lichter der Stadt auf der anderen Wasserseite schimmern sehen. Doch die Fähre fuhr erst wieder am nächsten Morgen, und der Fahrer und die Passagiere, mit denen sie sich inzwischen angefreundet hatte, fragten sich besorgt, wo Annie die Nacht verbringen sollte. Es gab kein Hotel. Sie selbst würden gewiß mühelos ein Plätzchen für die Nacht finden, aber die junge Engländerin brauchte eine wohnlichere Unterkunft. Sie sagten ihr, daß ein »Tubab« in der Nähe wohne, der sie bestimmt beherbergen könne. Ohne auch nur zu ahnen, was ein Tubab sein könnte, wurde Annie von einem großen Aufgebot, das ihre Taschen trug, über einen gewundenen Dschungelpfad zu einem kleinen Lehmhaus unter Affenbrot- und Papayabäumen geführt.
Der Tubab, der ihr die Tür öffnete - später sollte sie erfahren, daß »Tubab« weißer Mann bedeutet -, war Robert. Er hatte sich freiwillig zum Friedenskorps gemeldet und wohnte hier seit einem Jahr, unterrichtete Englisch und legte Brunnen an. Er war vierundzwanzig, ein Harvard-Absolvent und der klügste Mensch, den Annie je kennengelernt hatte. An diesem Abend kochte er ihr ein wundervolles Essen, gewürzten Fisch und Reis, dazu gab es kaltes Bier zum Nachspülen, und bei Kerzenschein redeten sie bis um drei Uhr in der Früh.
Robert kam aus Connecticut und wollte Anwalt werden. Es sei angeboren, entschuldigte er sich, und seine Augen funkelten hinter der goldrandigen Brille. Solange man sich erinnern könne, habe es in seiner Familie nur Anwälte gegeben. Es sei der »Fluch der Macleans«. Und wie ein Anwalt nahm er Annie ins Kreuzverhör, fragte sie über ihr Leben aus, drängte sie, es zu beschreiben und auf eine Weise zu analysieren, die es ihr selbst in neuem Licht darstellte. Sie erzählte ihm, daß ihr Vater Diplomat gewesen war und daß sie die ersten zehn Jahre ihres Lebens von einem Land ins andere gereist sei. Sie und ihr jüngerer Bruder waren in Ägypten geboren, lebten in Malaysia, später in Jamaika. Dann starb ihr Vater überraschend an einem schweren Herzanfall.
Annie konnte erst seit kurzem so darüber reden, daß die Unterhaltung nicht stockte und ihr Gegenüber plötzlich auf die Schuhe starrte. Ihre Mutter war nach England zurückgekehrt, hatte bald wieder geheiratet und sie und ihren Bruder in einem Internat untergebracht. Obwohl Annie diesen Teil ihrer Geschichte mit wenigen Worten abtat, erriet sie, daß Robert den tiefen, ungelinderten Schmerz dahinter spürte.
Am nächsten Morgen brachte Robert sie in seinem Jeep zur Fähre und lieferte sie anschließend wohlbehalten im katholischen Kloster ab, in dem sie ein Jahr unter dem nur gelegentlich mißbilligenden Blick der Oberin, einer freundlichen und zum Glück recht kurzsichtigen Frankokanadierin, wohnen und unterrichten sollte.
Im Verlauf der nächsten drei Monate traf Annie sich jeden Mittwoch mit Robert, wenn er in die Stadt kam, um Vorräte einzukaufen. Er sprach fließend Jola - die Sprache der Einheimischen - und gab ihr jede Woche eine Stunde Unterricht. Sie wurden Freunde, aber kein Liebespaar. Statt dessen verlor Annie ihre Jungfräulichkeit an einen schönen Senegalesen namens Xavier, zu dessen Annäherungsversuchen sie laut und ehrlich »ja« sagte.
Dann wurde Robert nach Dakar versetzt, und am Abend vor seiner Abreise fuhr Annie zu einem Abschiedsessen auf die andere Flußseite. Amerika wählte einen neuen Präsidenten, und mit wachsender Niedergeschlagenheit hörten sie aus dem knisternden Radio, daß Nixon einen Staat nach dem anderen gewann. Fast schien es, als wäre ein naher Verwandter von Robert gestorben, und Annie war sehr gerührt, als er ihr mit gequälter Stimme erzählte, was diese Wahl für sein Land und für den Krieg bedeutete, in dem viele seiner Freunde in Asien kämpften. Sie umarmte ihn, drückte ihn an sich und fühlte sich zum erstenmal nicht länger als Mädchen, sondern als Frau. Erst als er fort war und sie andere Freiwillige vom Friedenskorps kennenlernte, begriff sie, was für ein ungewöhnlicher Mann er war. Seine Nachfolger waren zumeist Junkies oder Langweiler oder beides. Einer von ihnen hatte glasige, rot unterlaufene Augen, trug ein Stirnband und behauptete, seit einem Jahr high zu sein.
Sie traf Robert noch einmal im nächsten Juli, als sie über Dakar nach Hause flog. Hier sprachen die Einheimischen Wolof, und auch diese Sprache beherrschte er fließend. Er wohnte so nahe beim Flughafen, daß man nicht weiterreden konnte, wenn ein Flugzeug über das Haus flog. Um aus einer Not eine Tugend zu machen, hatte er sich ein riesiges Verzeichnis aller Flüge von und nach Dakar besorgt und es zwei Nächte lang studiert. Dann kannte er es auswendig. Sooft er danach ein Flugzeug hörte, sagte er den Namen der Fluggesellschaft, den Heimatflughafen, die Reiseroute und den Bestimmungsort auf. Annie lachte, und er schien ein wenig beleidigt. Sie flog in jener Nacht nach Hause, in der der erste Mensch den Mond betrat. (...)Nicholas Evans, Der Pferdeflüsterer, S. 38ff
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(...) Ich hatte eine lange mühsame Wanderung erwartet, doch bereits nach wenigen Minuten bleibt Felicien stehen. Vor einer Lehmhütte sitzt eine Frau mit einem Lendentuch um die Hüften. Ihre Brüste sind verwelkt, leer. "Die Frau des Königs", flüstert Felicien. Sie geht uns in Richtung des Waldes voraus und gibt uns ein Zeichen zu warten.
Kurz darauf stehen wir an einer Lichtung, die von Schilfrohr umsäumt ist. Aus einer Öffnung im Schilf kommt er zum Vorschein, eine schmale Gestalt in rotem Gewand, eine rote Mütze auf dem Kopf, einen Stock aus Rohr in der Hand: der König. Er sieht mehr wie ein Elf aus. Ausdruckslos schaut er uns an. Seine Lippen öffnen sich kaum, wenn er spricht, er lacht nicht, seine Augen verraten keine Emotion. Er steht da, als ob er nicht sich selbst, sondern anderen gehöre.
Ein König darf in Gegenwart von Fremden nicht sitzen, also bleiben wir stehen. Was folgt, ist kaum als Gespräch zu bezeichnen, und so hat es Felicien wahrscheinlich auch beabsichtigt: Ich darf den König sehen, mehr nicht. Er übersetzt meine Fragen mit entschuldigenden Gebärden. Die Antwort muss darin bereits häufig enthalten sein, denn der König nickt nur. Meine Frage nach der traditionellen Rolle eines Königs in diesen verändernden Zeiten schneidet Felicien mit den Worten ab: "ça le depasse. Das geht über seinen Verstand." Einmal höre ich den König "pagaille", Saustall, sagen, und einmal "ah, bon". Es sind Worte, die wie Blitzstrahlen in undurchdringlicher Finsternis auftauchen.
Als ich frage, ob er mit seinem Dasein als König glücklich ist, schüttelt er traurig den Kopf. "Nein, es ist ein schreckliches Los", übersetzt Felicien, "doch wer die Königswürde ablehnt, stirbt nach drei Tagen, und was würde das Dorf ohne König sein? Jeder würde nur tun, was ihm passt."
"Wir dürfen ihn nicht länger ermüden", entscheidet Felicien kurz darauf. Der König gibt seiner Frau ein Zeichen. Dann zieht er sich in die Einsamkeit des Waldes zurück.
Auf dem Rückweg erzählt Felicien, dass ein Mann aus einem Nachbardorf unlängst Hals über Kopf ins Ausland flüchtete, als er hörte, daser König werden müsse. Er befürchtete, dass die Dorfältesten eines Nachts in sein Haus schleichen und ihn mit ihren Rohrstöcken antippen würden, worauf eine Weigerung unmöglich sein würde. (...)Lieve Joris, Ah - c'est l'Afrique. in: Die Sängerin von Sansibar. Reiseberichte aus einer magischen Welt. Piper München 2001, S.46ff
(...)
Auf dem Schiff des Senegalesen hatte man sie schon erwartet
Why? Was war passiert? Sie hatten sich so darauf gefreut, sich langzulegen, doch - Stopp! - sie sollten nicht unter Deck gehen. Eine der Wachen bat sie, auf ihren Freund, den Senegalesen, zu warten. Der würde alles erklären, sie sollten solange oben bleiben.
Kris und Rafi guckten sich fragend an. Sie hockten sich auf das Deck, sodass sie nicht im Weg waren, und warteten stumm auf das kommende Unglück. Sie wurden schüchtern in Augenschein genommen, alle hielten deutlich einen Sicherheitsabstand ein. Einer brachte Kris seinen Koffer zurück; er hielt ihn vorsichtig mit zwei Fingern und stellte ihn Kris vor die Füße wir bei einer Übergabe von Lösegeld. Ein anderer brachte Rafis Umhängetasche und legte sie mit gleicher Geste daneben. Dann brachte jemand die Wasserflasche von Kris.
»Kris? What does this mean?«
»I do not know.«
Sie wurden beobachtet. Alle redeten über sie, ganz klar, es war aber hier nichts zu verstehen. Die Mannschaft schien gespannt zu sein, was sie als Nächstes tun würden - würden sie ihre Sachen an sich nehmen und das Schiff fluchtartig verlassen?
Würden sie es überhaupt wagen, ihr Gepäck zu berühren? Sie würden jetzt keine andere Übernachtungsmöglichkeit mehr finden. Es war dunkel geworden, nur merkte man das nicht so bei der starken Beleuchtung im Hafen. Sie waren offenbar ahnungslos in eine Falle getappt, gerade als es wieder aufwärts ging.
Warteten die hier etwa darauf, dass sie plötzlich vom Wahn gepackt würden und anfingen zu schreien? Sollte das ein Test sein? Sie waren in ein falsches Stück geraten, das hier bei theatralischer Beleuchtung geprobt wurde. »FN«, flüsterte Rafi fast unhörbar.
»FN«, flüsterte Kris.
Endlich kam ihr Senegalese. Er näherte sich übertrieben langsam und machte Kris Zeichen, dass er ihm ein Stück ent-kommen sollte. Kris kam ihm entgegen.
Der Senegalese zuckte mit den Schultern und machte allerhand entschuldigende Gesten; es schien ihm furchtbar peinlich zu sein, verstehen konnte Rafi nichts. Auch nichts von dem, was Kris antwortete.
Der Senegalese entfernte sich, ging dabei leicht gebeugt rückwärts, als er weit genug weg war, drehte er sich plötzlich um und rannte davon.
»He is very sorry«, erklärte Kris. Das hatte sich Rafi schon gedacht.
Sie konnten nicht mehr in den Kabinen übernachten.
Warum nicht? Weil Rafi krank war.
Das war doch lächerlich: VD war nicht ansteckend.
Kris verstand es auch nicht.
Wo sollten sie nun schlafen?
Auf dem Deck. Direkt neben der Halogenlampe. Da waren sie einigermaßen geschützt vor plötzlichen Wolkenbrüchen, be-sonders bequem war es nicht, morgen früh sollten sie das Schiff verlassen. Und nun?
Zähne putzen, meinte Kris. Er gab Rafi ein bisschen aus seiner Wasserflasche, Rafi putzte sich schnell die Zähne und spuckte über Bord. Dann nahm sich Kris die Zahnbürste, hielt sie wie ein Beweisstück in die Höhe, sodass jeder sehen konnte, was er vorhatte: Er putzte sich die Zähne. Mit derselben Zahnbürste wie dieser Kranke! Die Zuschauer verfolgten die Zeremonie mit großem Interesse.
Als Kris nach wenigen Minuten immer noch nicht tot umgefallen war oder sich nicht in Krämpfen auf dem Boden wälzte, verließen die meisten die langweilige Inszenierung und gingen an die Arbeit. Die beiden Aussätzigen richteten inzwischen ein Notlager ein. Rafi fühlte sich momentan nicht im Stande, eine Lagebesprechung zu machen. (...)Von ihrem Notlager aus konnten sie an der Bordwand entlang die Stelle einsehen, an der die Kabine des Senegalesen Iiegen musste, in der sie die Nacht zuvor geschlafen hatten. Es war keine Sinnestäuschung. Die Luke ging auf, und die Matratze, auf der Rafi gelegen hatte, wurde durchgezwängt und ins Wasser geworfen - das war gegen die Vorschriften. Dann folgten Decken und Laken mit einigen Ladungen Putzwasser. Der arme Senegalese musste wie besessen seine Kabine schrubben - er hatte sich sogar von seiner Matratze getrennt. Kris sagte nichts. Rafi auch nichts. (...)
Bernhard Lassahn, Auf dem Schwarzen Schiff, Goldmann 2000, S. 138ff
(...) Er hatte Travellerschecks und eine Kreditkarte. Clay und die anderen waren arm. Sie hatten die Bunker illegal besetzt. Aber sie spielten eine bedeutende Rolle bei der Vereinigung aller Afrikaner und erwarteten, daß Vincent sie dafür bezahlte. Clay nannte es Vincents persönlichen Anteil an der Wiedergutmachung weißer Verbrechen: Außerdem photographierst du uns und wirst später in Deutschland viel Geld mit den Bildern verdienen, das liefe auf die übliche Ausbeutung schwarzer Kultur hinaus, da spielen wir nicht mit.
Auch daß Cyntia mit ihm schlief, hatte für ihn eine historische Dimension. Er erklärte: Dreihundert Jahre haben eure Männer unsere Frauen verschleppt, vergewaltigt, geschwängert, jetzt kommst du zu mir, freiwillig, und gibst etwas von dem zurück, was uns geraubt wurde, das ist nichts Persönliches, das ist ein Symbol, verstehst du?
Cyntia schwieg. Sie mochte sein kehliges Lachen, seinen seidig schimmernden Schwanz, die sanfte Härte, mit der er sie nahm. Ansonsten malte er naive Bilder, spielte leidlich die Steeldrum und ließ sie in Ruhe. Nach einer Woche verlangte er, daß sie für ihn zum Brunnen ging, sein Zimmer putzte und seine Wäsche wusch, damit sie ein Gefühl dafür bekam, welche Erniedrigung seine Urgroßmütter, Tanten, Stammesschwestern - stolze, schöne Frau en, denen Heimat, Familie, alle Hoffnung, alles Glück genommen worden waren - durchlitten hatten. Er sagte: Weißes Mädchen, demütige dich einmal in deinem Leben im Gedenken an sie, fühle am eigenen Leib, was die Knechtschaft in Babylon heißt. Vielleicht bekommst du eine Ahnung, warum wir hier sind, warum wir der Welt dieses Zeichen setzen. Cyntia antwortete: Du bist nicht besser als irgendein mieser weißer männlicher Chauvinist in Toronto oder Frankfurt, kümmer dich selbst um deinen Dreck.
Sie ließ ihn stehen und zog in Vincents Zimmer zurück, ohne ihn zu fragen. Als Vincent am späten Nachmittag vom Markt kam, hatte sie ihre Sachen ins Regal geräumt und lag auf seiner Matratze. Vincents Frage: Was machst du hier? beantwortete sie achselzuckend: Clay will mich als Sklavin, da soll er sich eine andere suchen. (...)Christoph Peters, Gold im Feuer. in: Kommen und gehen, manchmal bleiben. 14 Geschichten.
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Frankfurter Verlagsanstalt, 1. Auflage 2001, S. 119f
(...)
Zwischen dem protokollarischen Besuch beim Staatspräsidenten und der Einweihung des Museums bin ich an die Casamance gefahren. Seit langem hatte ich davon geträumt. Wegen des Anklangs an das Wort Romanze und der "Lieder von den Inseln"? Aber als Hintergrund würden mich hier nicht wie auf den vertrauten Stichen schmale Segelschiffe erwarten, sondern das riesige Afrika, nicht die malerischen Pavanen auf Goree, der Gouverneur Marquis de Boufflers und seine Signares, die Mulattinnen in ihren Tüllschleiern über den Krinolinen, auf dem Kopf die spitzen Zauberermützen - und dazu der Mond über dem Kap Vert! Eben hatte ich sie gesehen, aber nur in einer Son et Lumiere-Vorführung... Der Mond von ehedem warf die Schatten der Tütenmützen auf die verschlungenen Muster der Balkone; ein aufgeregt kläffender Hund inmitten der Pavanen verwandelte das nächtliche Ballett der Schauspielerinnen in einen gespenstischen Reigen. Und der Nachtwind erhob sich über Goree ...
Ich war auf wenige in der Ferne unter den Bougainvilleas vorbeischwebende malvenfarbige Tücher aus Musselin oder Madrasseide gefaßt gewesen, auf ein Senegal von einst, das am Ufer seiner verlandenden Flüsse dahindämmerte. Die Casamance ist ein Seenfluß, ein Niagara, rings gesäumt von kurzen Wellen wie am Meeresrand. Im Wald verstecken sich Dörfer ohne erkennbares Alter; ihre Sauberkeit wirkt verwirrend, weil wir Sauberkeit für etwas Modernes halten. Die Ortschaften haben ihre Priesterkönige behalten, die zwar nur noch eine geistliche Macht ausüben, die aber wegen des Wahlverfahrens ihr Ansehen bewahrt haben. Ist der König gestorben, bestimmt der Stamm seinen Nachfolger. "Aber ich bin doch nicht würdig ..." Man prügelt ihn auf den Tod. Überlebt er, ist er König - und hat damit die Pflicht, die Opfer darzubringen, und das Recht, über alle Mädchen zu verfügen, die sein Strohzepter berührt hat.
Der erste war jung und in einen roten Kolonialsoldatenmantel gehüllt, unter dem er dieses Zepter verbarg; umgeben war er von einem Hofstaat aus zerlumpten Gestalten in französischer Kleidung, die in edler Haltung dasaßen wie Senatoren. Nach dem Einleitungspalaver fragte ich ihn, ob seine Macht abnehme.
"Die Missionare können nichts machen gegen die Zauberbäume. Und die hohen Herren kommen mich besuchen: letzte Woche der englische Botschafter, heute Sie."
Eine durchaus königliche Antwort. Über seinem Gefolge von ehrwürdigen Clochards brannte die Sonne Afrikas durch die gewaltigen Bäume.
Im nächsten Dorf war niemand zu sehen: Die Frauen waren beim Fischfang, die Männer bei der Palmweinernte. Auf hohen Stufen spielte ein alter König mit einem Kind. Er nahm unseren Tabak entgegen und sah uns nach, wie wir davongingen durch die langen Höfe ohne ein Staubkörnchen.
Dann gelangten wir in das Gebiet der Königin.
In ihrem Palast aus Lehm und Stroh, am Ende eines Ganges mit Holzpfeilern, zog sie sich noch rasch eine bauschige Toga aus pistaziengrünem Tüll über (ich hatte noch nie eine sich bauschende Toga gesehen), aus der dann ein heiteres, beseeltes Gesicht zum Vorschein kam. Sie war umgeben von Vertrauten, von ihrer Familie, den Kindern des Dorfes und den Männern, die mich herbegleitet hatten. Sie hielt ihre Unterarme in priesterlicher Haltung erhoben, als bringe sie eine Opfergabe dar. Es wurde gedolmetscht:
"Sagen Sie General de Gaulle, daß ich an ihn denke, Herr Minister."
"Es wird ihn freuen, Königin Sebeth."
Warum nicht? Der englische Botschafter (oder ein Gouverneur von Gambia?) hatte ihr eine Flasche Whisky mit den Worten überreicht:
"Ihre Allergnädigste Majestät verehrt Euer Majestät den besten Branntwein der Welt."
Ich sagte zu dem senegalesischen Präfekten, den das überraschte, aber auch befriedigte, daß sie bei diesen wunderlichen Zeremonien mehr Würde beweise als der Botschafter und ich. Unterdessen hatte sie mich bei der Hand genommen.
"Sie führt Sie zum Fetisch", flüsterte der Dolmetscher.
Ich war auf Skulpturen gefaßt. Doch der Fetisch der Königin war ein riesiger platanenartiger Baum; um ihn herum hatte man einen Platz freigeschlagen. Man konnte sich vorstellen, daß der Baum den Wald überragte. Aus einem knotigen Gewirr strebten Bahnen von Luftwurzeln' so gerade empor wie Bleche und sammelten sich zu einem mächtigen Stamm, der sich in dreißig Meter Höhe zu herrscherlicher Pracht entfaltete. Eine Nische zwischen den Füßen des Baumes, die über fünf Meter aufstiegen, bildete eine dreieckige Kapelle. Sie war vom Platz durch eine Schranke getrennt, die nur die Königin passieren durfte, vor allem aber durch einen Streifen Erdreich, der so sorgfältig saubergehalten war wie der Boden in den Hütten;der übrige Platz war bedeckt mit dem glitzernden Schnee der herabrieselnden Kapokflocken. In dieser traumhaften Reinheit gerann das Blut der Opfertiere an dem Baum.
Vor mir sah ich nicht einen Fürsten der Bäume, obwohl er das auch war, sondern eine Säulenmajestät, die Herrin über eine Welt, in die sie die Menschen auf übernatürliche Weise hineinzog. Plötzlich fiel mir die Königin um den Hals und küßte midi.
"Beschützt die Kraft des Baumes die Toten?" fragte ich.
Wir waren auf dem Weg zurück in den Palast, hinter ihr die Katze, eine ägyptische Katze, die so groß war wie ein Luchs, aber fahlrot und schwarz wie unsere Hexenkatzen. Die Kinder waren verstummt; ihr Schweigen schien aus der unwirklichen Sauberkeit des Dorfes aufzusteigen. Die Königin gab keine Antwort.
"Von den Toten darf niemand sprechen", sagte sie schließlich mit einer keine Widerrede zulassenden Stimme, in der das Geheimnis all der Königinnen lag, die sich hier seit so vielen Jahrhunderten ablösten - vielleicht erklärte sich die Stimme aus dem mörderischen Ritual, das diese alte Frau überlebt hatte? Mir ging ein Zitat nicht aus dem Sinn: "Und für ihre Hinrichtung wurde Brunhilde mit ihren weißen Haaren an den Schweif des Rosses gebunden ..."
Als wir sie verließen, stand die Merowingerkönigin auf der Freitreppe ihres Lehmpalastes und breitete ihre Unterarme zu einer segnenden Geste. Von dem großen Baum fiel feierlich der glitzernde Kapokschnee und heftete sich an ihre grüne Toga, von der ihre Halsketten in die Stille klirrten.
Bald werden die Dörfer verwaist sein. Der Baum, von den Wirbelstürmen reingefegt, wird weiter seine herrscherlichen Äste über den Wald strecken und die Zeit vergessen haben, da er zu den Menschen sprach. (...)André Malraux, Gäste im Vorübergehen Ullstein 1978 S. 14 - 18
(...) Nach der Brücke ging sie in nördlicher Richtung, vorbei am Gericht, vorbei am Rathaus, an dessen verschnörkeltem gotischen Bau sie emporblickte - die nördliche Fassade bestand aus billigem Stein, nicht aus Marmor, da sich niemals jemand hätte träumen lassen, dass die Stadt sich nördlich über den Wall-Street-Bezirk hinaus ausbreiten würde. Danach über Chinatown und SoHo zum Washington Square Park.
Der, selbst zu dieser frühen Stunde, ein einziger Zoo war. Ein mittelalterlicher Jahrmarkt. Jongleure, Einradfahrer, Skateboardakrobaten, jugendliche, die auf Gitarren eindroschen, die so billig waren, dass sie lediglich als Rhythmusinstrumente zu gebrauchen waren. Ohne den Senegalesen zu beachten, der geklaute Rolex-Uhren verkaufte, setzte sie sich auf eine Bank. Achtete nicht auf einen pummeligen weißen Teenager, der >Hasch, Hasch, spür's, spür's, zieh's dir rein, spür's< vor sich hin summte. Frauen in Designer-Joggingoutfits schoben ihre geräumigen Kinderwagen mit künftigen Anwälten an Dealern und besoffenen Kriegsveteranen vorbei.
Rune blieb eine Stunde lang sitzen. (...)Jeffrey Deaver, Manhattan Beat. Aus dem Amerikanischen von Gerold Hans. Rotbuch Verlag 2002, S. 245
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(...) "Wo sollen wir die Sachen des Herrn Beobachters der Lüfte und Winde hinstellen?", fragte der dazugekommene Senegalese Sow.
Die Matrosen hatten es geschafft, das Gepäck vom Strand herzutragen.
"Hier, hier, hier hinein, es ist egal", sagte ich mit großem Nachdruck, um den Schrecken zu überspielen, den mir die plötzliche Stimme eingejagt hatte. Der Kapitän ließ seinen Ärger über die Situation an der Schiffsbesatzung aus:
"Bitte, Sow, die Jungs sollen mir diesen Mist wegschaffen."
Während die Männer sich beeilten, die Koffer abzusetzen und aufzuräumen, schlug der Kapitän vor, zum Leuchtturm zu gehen.
"Vielleicht finden wir dort Ihren Vorgänger", sagte er, als uns die Matrosen nicht mehr hören konnten. (...)Albert Sanchez Pinol, Im Rausch der Stille. S. Fischer Verlag 2002, S.9f