"Fahrt
von Dakar nach Touba, dem Mekka der Mouriden-Sekte, einem
von dem Moslemheiligen Cheikh Amadou Bamba Ende des vorigen Jahrhunderts gegründeten
Wallfahrtsort, zu dem jedes Jahr am 24. Oktober Hunderttausende afrikanischer
Moslems pilgern, mit Bussen und Lastwagen, zu Fuß oder zu Pferde, auf
Maultieren und Eseln. Wir überholen einen nicht abreißenden Strom
von Pilgern, senegalesische Wollofs in ihren farbenprächtigen Kostümen,
die in ihrem klassischen Faltenwurf an altrömische Tuniken erinnern,
tiefverschleierte Mauretanier mit leuchtend blauen Turbanen, staubbedeckte
Fulbe-Nomaden mit ihren Herden, kleinwüchsige Ivorer und hochgewachsene
Burkinabes, dazwischen eine Gruppe schwarzer Moslems aus den USA, die am Grab
des Kalifen beten oder ein Gelübde erfüllen wollen. Am Straßenrand
in Lumpen gehüllte Bettler und Krüppel, die von der Wohltätigkeit
der Pilger leben, Wasserträger, Erdnußverkäufer und Devotionalienhändler,
die Muschelketten, Rosenkränze und Lederanhänger feilbieten, in
die Verse aus dem Koran eingenäht sind. Touba bedeutet auf arabisch Glück,
und der Erwerb solcher Talismane und Amulette soll deren Besitzer vor Krankheiten
und Unfällen schützen und ihnen zu Wohlstand, Kinderreichtum und
Liebesglück verhelfen.
Die euphorische Stimmung erinnert mich an die Ekstase der Voodoo-Pilger Haitis
vor den Wasserfällen von Saut d'Eau; es ist die gleiche Mischung aus
Aberglauben und Religion, Fetischismus und Animismus, nur mit dem Unterschied,
daß hier der sittenstrenge Islam an die Stelle des sinnenfrohen Katholizismus
tritt. Vielleicht ist so die Feindseligkeit zu erklären, die mir beim
Besuch der Moschee und des Mausoleums von allen Seiten entgegenschlägt,
eine religiöse Intoleranz, die, ausgehend von den Fundamentalisten im
Iran, inzwischen auch die Moslems im Senegal erreicht hat. Die Mouriten, ursprünglich
eine schwarzafrikanische Gegenbewegung zu den in Mauretanien und Marokko beheimateten
Sekten der Khadriya und Tidjani, sind zur stärksten politischen Kraft
des Landes geworden, ein Staat im Staate, gegen den die Regierung in Dakar
so gut wie machtlos ist. Ihr geistliches Oberhaupt, der in Touba residierende
Kalif, gebietet über ein bedeutendes Wirtschaftsimperium mit einer aus
Arbeitslosen rekrutierten industriellen Reservearmee, den Bay-Fall, die ihre
Arbeitskraft unent-geltlich der Sekte zur Verfügung stellen, von moslemischen
Geschäftsleuten Steuern eintreiben und überall im Senegal den Einfluß
des Christentums zuruckdrängen. Die Mehrheit der Taxi-, Bus- und Lastwagenfahrer
ist in der Mouriden-Gewerkschaft organisiert; das Wahrzeichen der Sekte, die
Silhouette ihres Propheten Cheikh Amadou Bamba, der in seinem weißen
Burnus wie ein Schloßgespenst aussieht, ist auf zahlreiche Hauswände,
Busse und Lastwagen gemalt.
Besuch bei einem islamischen Marabou, der vom Volk als Heiliger verehrt wird. Er soll mit dem Geist des verstorbenen Kau'en in Verbindung stehen und über magische Kräfte verfügen. Seine Heiligkeit besteht darin, daß er das Zimmer seines Hauses in über achtzig Jahren noch nie verlassen haben soll; sein Körper braucht sich nicht von der Stelle zu bewegen, da sein Geist Raum und Zeit überbrückt. Vor dem Betreten seiner Gemächer muß ich mir die Schuhe ausziehen; in einem Vorraum, der mit Gebetsteppichen ausgelegt und mit Zeitungsausschnitten tapeziert ist, auf denen prominente Besucher verewigt sind, muß ich niederknien und die vorgeschriebenen Gebete verrichten. Anschließend werde ich durch einen labyrinthischen Gang ins Schlafzimmer des Marabouts geführt, der mich im Bett liegend empfängt. Der Heilige, ein kindlicher Greis mit milchweißer Haut, lebt in einer Art Wäschekammer zwischen gefüllten Badewannen und Wassereimern, feuchten Handtüchern und zum Trocknen aufgespannten Bettlaken. Er begrüßt mich mit einer längeren Ansprache, in der er Frankreich und England als seine Großeltern bezeichnet und das technische Genie der Deutschen würdigt, die das elektrische Licht nach Afrika gebracht hätten. Jedes seiner Worte wird von Arabisch auf Wollof und von dort weiter ins Französische übersetzt. Er kramt in einer Emailschüssel, die, anstatt mit Wasser und Seife, mit Talismanen und Amuletten gefüllt ist, und zieht nach längerem Suchen zwei schwarze Lederanhänger hervor, die mich vor Autounfällen und Flugzeugabstürzen schützen sollen und die er, bevor er sie weiterreicht, mit seinem Atem anhaucht und dabei leicht bespuckt. Anschließend erteilt der Marabou mir seinen Segen. Zum Abschied wedelt er vielsagend mit einem der Geldscheine, die er gebündelt unter seinem Kopfkissen aufbewahrt, als Zeichen dafür, daß er für seine Dienste keinerlei irdischen Lohn erwartet; das Wohlgefallen des Allmächtigen ist ihm genug, wie mir einer seiner Söhne mitteilt, der während unseres Gesprächs als Dolmetscher füngiert. Ich habe den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden und gebe ihm einen Tausend-Franc-Schein, auf dem ein Buckelrind und eine Elenantilope abgebildet sind, zum Kurswert von fünf Mark: dafür, daß ich auf der Weiterreise gegen Flugzeug- und Autounfälle versichert bin, kein allzu hoher Preis."
Hans Christoph Buch, Tropische Früchte. Afro-amerikanische Impressionen. suhrkamp taschenbuch 2231, S.21ff
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(...)
"China hat sogar die entlegensten Dörfer erobert, indem es kleine
Dinge für die arme Welt herstellt. Vor kurzem wollte ich in Senegal Freunden
ein Geschenk mitbringen. Ich beschloß, ihnen eine Lampe zu kaufen, weil
sie kein Licht hatten. Jeden Tag mußten sie nach sechs Uhr abends im
Dunkeln leben.
Ich ging auf den einzigen Markt in der größten Stadt dieser Gegend
und fand dort eine kleine chinesische Lampe mit Batterien. Sie kostete fast
nichts. An diesem Abend feierte das ganze Dorf ein Fest, weil endlich das
Licht in diesen kleinen Erdenflecken Einzug gehalten hatte.
Stifte, Lampen, ein Hemd oder Plastikschuhe für fünfzig Cents, mehr
können sich diese Menschen nicht leisten. Der arme Mensch in Afrika hat
praktisch kein Geld, er hat ein kleines Stück Land, auf dem er ein paar
Tomaten oder Kirschen anbaut. Er bringt sie auf den Markt und verkauft sie
für fünfzig Cents. Und für diese fünfzig Cents kann er
sich ein paar kleine notwendige Dinge kaufen, die in China hergestellt wurden.
Die Franzosen verließen Afrika. Die Briten gingen. Die Chinesen sind
gekommen." (...)
aus: Ryszard Kapuscinski, Der lange Marsch der Geschichte. Lettre International 75
(...)
"Ein Psychodrama gewissermaßen? Ich verstehe, was du sagen willst.
Vor allem als Afrikaner weiß ich, wie schwierig es ist, zwischen Tat
und Wort, Theater und Wirklichkeit zu unterscheiden. Ich mußte selbst
einmal einen Grenzfall behandeln: Beim Besuch des senegalesischen Staatspräsidenten
wurde ein Theaterabend veranstaltet, und Angehörige eines hiesigen Stammes
führten den 'Tanz der Besessenen' auf. Eine Frau vergaß, daß
es nur Theater war, und wurde wirklich besessen. Ein Medizinmann und ich hatten
über eine Stunde zu tun, um sie aus ihrem katatonischen Zustand zurückzuholen.
Aber erzähl du weiter."
aus: Emmanuel Dongala, Der Morgen vor der Hinrichtung, S. 129, Verlag Volk
und Welt, Berlin 1976
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(...)
"Gegen Mittag legte die Sumbaya in Dakar an, und
Christof wurde als erster ausgeschifft, um in ein Krankenhaus gebracht zu
werden. Er war am halben Körper verbrüht.
Als Fintan mit Maou über die Kais ging, erschauerte er bei jedem Möwenschrei.
Ein scharfer, durchdringender Geruch hing in der Luft, der zum Husten reizte.
Das verbarg sich also hinter dem Namen Dakar. Der Geruch von Erdnüssen,
von Öl und der fade,herbe Rauch, der sich überall einschlich: in
den Wind, ins Haar, in die Kleider. Bis in die Sonne.
Fintan atmete ihn ein. Der Geruch drang in ihn ein, setzte sich in seinem
Körper fest. Der Geruch von staubiger Erde, der Geruch von tierblauem
Himmel, von glänzenden Palmen, von weißen Häusern. Der Geruch
von Frauen und zerlumpten Kindern. Der Geruch, der diese Stadt beherrschte.
Fintan war schon immer hier gewesen, Afrika wurde bereits zu einer Erinnerung.
Maou hatte diese Stadt vom ersten Augenblick an gehaßt. "Schau,
Fintan,schau dir diese Leute an! Überall sind Polizisten." Sie zeigte
auf Beamte in gestärkten Anzügen und Tropenhelmen, als wären
sie wirklich Polizisten. Sie trugen Westen und goldene Uhren wie im letzten
Jahrhundert. Man sah auch schlecht rasierte europäische Händler
in kurzen Hosen, mit einer Kippe im Mundwinkel. Und senegalesische Polizisten,
die breitbeinig dastanden und die Schlange der schweißtriefenden Hafenarbeiter
überwachten.
»Und dieser Geruch, diese Erdnüsse, das geht einem an die Kehle,
man kriegt keine Luft.« Sie mußten fort, die Kais verlassen. Maou
nahm Fintan an die Hand, zog ihn in Richtung der Parks, gefolgt von einer
Horde bettelnder Kinder.
Sie warf Fintan einen fragenden Blick zu. Haßte auch er diese Stadt?
Aber es steckte eine solche Kraft in diesem Geruch, in diesem Licht, in diesen
schweißtriefenden Gesichtern, im Geschrei der Kinder, es war wie ein
Rausch, wie ein Festgeläute, es ließ keinen Platz mehr für
Gefühle.
Die Surabaya war eine Zufluchtsstätte, eine Insel. Sie zogen sich in
das Versteck der Kabine zurück, in die graue Schwüle und das Halbdunkel,
mit dem Geräusch des Wassers im Duschraum am Ende des Gangs. Es gab keine
Fenster. Nach all diesen Tagen auf dem Meer ließ Afrika ihr Herz zu
heftig schlagen
Auf den Kais von Dakar gab es nur Ölfässer und diesen Geruch, der
hoch in den Himmel aufstieg, Maou sagte, daß ihr davon schlecht werde.
»Warum riecht das nur so durchdringend?« Die Schiffsladung wurde
gelöscht, man hörte das Quietschen der Ladebäume, die Schreie
der Hafenarbeiter.
Wenn Maou trotzdem an Land ging, suchte sie Schutz unter ihrem blauen Sonnenschirm.
Die Sonne brannte im Gesicht, auf den Häusern, auf den staubigen Straßen.
Monsieur und Madame Botrou mußten den Zug nach Saint-Louis nehmen. Dakar
war erfüllt vom Lärm der Lastwagen und Autos, der Kinderstimmen,
der Radios. Der Himmel war voller Geschrei. Und der Geruch hörte nie
auf, einer unsichtbaren Wolke gleich. Die Bettlaken, die Kleider und sogar
die Handflächen hatten ihn angenommen. Ein gelber Himmel, ein Himmel,
der über der großen Stadt zugezogen war, und eine drückende
Hitze an diesem Spätnachmittag. Und plötzlich, wie ein Springbrunnen,
dünn und schrill, die Stimme des Muezzin, der über den Wellblechdächern
zum Gebet aufrief."
aus: J.M.G.
Le Clézio, Onitsha S. 36-38
S.14:
"Es war nicht nur sein außergewöhnlich gutes Aussehen,
das mich dazu trieb. Es war seine so pure männliche Kraft. Eine wilde
Aggressivität, die ich in dieser reinen Form bei keinem europäischem
Mann je erlebt hatte. Es war sein Wille, der stärker war als mein eigener.
Und ich hatte Angst, weil ich wusste, ich würde ihm nicht entkommen."
S.24f: "...ich schrie ihn in Amadous Beisein unvermittelt an: "Scher
dich doch zum Teufel, du arrogantes Arschloch. Was glaubst du eigentlich,
wer du bist? Bilde dir bloß nicht ein, du könntest bei mir noch
mal landen. Ich habe die Nase gestrichen voll von dir!"
S.34 "Die Sprache der Wolof war mir gänzlich fremd, und da keine
der Einheimischen Französisch zu beherrschen schien, verliefen die Kommunikationsversuche
binnen Sekunden im Sand."
S.39: "Er wollte mich leiden sehen, und dazu war ihm jedes Mittel recht.
Er kannte keine Schranken, übertrat jegliche Grenze von Achtung und Respekt.
Er stand nicht zu mir, bekannte sich nur zu unserem Verhältnis, wenn
wir allein waren oder in Gegenwart anderer Männer. Meine Empörung
war grenzenlos. Mein ganzes Inneres heulte auf angesichts des Schmerzes, den
ich dabei empfand."
S.60: "Er drängt mir mit rhythmischen, fordernden Bewegungen entgegen,
und mein Weinen verwandelt sich in ein lustvolles Stöhnen, als er meinen
Po umfasst und mit suchenden Küssen gierig meine Lippen bedeckt, meinen
Hals und schließlich meine Brüste. Immer wieder und wieder schiebt
er mir seine harte Waffe zwischen die Beine, die so prachtvoll ist, dass sie
mich bis ins Mark durchdringt. (...)
Schon ragt mir sein Penis von neuem entgegegen, und ich weiß, das ist
erst der Anfang einer langen hungrigen Nacht. ..."
S.77: "Jacques hilft mir, ein Auto zu organisieren, das mich nach Parcelles
zurückbringt. Bei der bloßen Vorstellung, mich auf den exotischen
Schauplatz zurückzubegeben, brennt schmerzhaftes Verlangen nach Macoumbes
männlicher Kraft in mir, und während ich an ihn denke, pocht mir
heiß das Blut in den Lenden."
S.91: Das nächtliche Ritual des Liebemachens ist zur wahren Sucht geworden,
und Macoumbé ist ebenso unersättlich wie ich selbst. Er gerät
nur dann in völlige Ekstase, wwenn er sich schon mehrfach in mir ergossen
hat."
S.134 "Doch ich bin 14 Jahre älter als Macoumbé, und die
Vermutung liegt nahe, dass er, während er mich beschimpft, letztendlich
seine Mutter meint."
S.140: "Ich erwarte ein Kind von Macoumbé, dem Mann, der in der
Lage ist, mir den Verstand zu rauben. Er verzaubert mich und er quält
mich zugleich. Ich liebe und hasse ihn im selben Augenblick."
aus: Mara Kubek, Macoumbé.Afrikanische Nächte
(...)
"Oder meine kleine westafrikanische Odyssee. Guinea-Bissau
hatte ich damals zum Objekt meiner Reisebegierde erwählt, weil dort dänische
Freunde als Ärzte arbeiteten. Ruckartig brach die Tour indes im Senegal
ab: Der Weiterflug war gecancelt. weil der Präsident der früheren
portugiesischen Kolonie, hieß es, die beiden einzigen größeren
Maschinen für sich selber brauche. Einstweilen. Da saß ich früh
um vier in Dakar statt bei Bente und Kjeld und wußte nicht weiter. Genauer
gesagt nicht einmal, wo ich war (das passiert mir nicht nur bei Fernreisen
oft, teils aus Zeitnot, manchmal aber auch, um mir das Geheimnis, die Überraschungen
zu erhalten, daß ich Landkarten und Literatur zum ersten Mal an Ort
und Stelle in die Hand nehme). "Kein Problem", lächelte freundlich
der Herr am Schalter. "Sie steigen auf dem Markt in einen Wagen und sind
schon in zwei Stunden dort." Bald fand ich mich in einem der zahllosen,
mit laufendem Motor wartenden, der Verschrottung nahen Sammeltaxis. Eingeklemml
zwischen vier wildfremden Männern auf der durchgesessenen Rückbank
und einer riesigen Frau, die auf einer Colanuss herumschmatzte und unter deren
betttuchartigem Gewand der gesamte Beifahrerseitz verschwand, kriegte ich
plötzlich Panik: Was machst du hier eigentlich, wo bist du überhaupt,
wo liegt die Grenze und wo die Hauptstadt, und wie weit ist das? Und tatsächlich
wurden aus den zwei Stunden viereinhalb Tage: Mit dem Auto bis Ziguinchor
in der Casamance. Dort hatte Monsieur Diouf, der einzige Transportunternehmer
im Dorf, leider kein Benzin, "aber morgen, seien Sie also unbedingt pünktlich
vor Morgengrauen bei ihm." Vor Morgengrauen war noch immer kein Sprit
da. Erst am übernächsten Tag. Nach einem Ritt ohne Federung über
vogelwilde Schlaglöcher setzte Monsieur Diouf seine Kunden am Gambia-Fluss
ab. Ich rieb meine Beulen. Warten am Ufer, in praller Sonne. Gegen Abend tuckerte
die Fähre herbei. Bis sie endlich mit alle den Bauern und ihrer Habe
beladen war! Das Schiff sank immer tiefer, langsam und ächzend pflügte
es seine Spur durch Mangroven bis zu einem kleinen Steg. Wo dann der Bus Richtung
Bissau prompt weg war.
Dead End. An einsamer Kereuzung hockte ich auf meiner Tasche. Drei, vier Lehmhütten
standen ohne ersichtlichen Grund am Weg, aber kein Dorf weit und breit, geschweige
denn ein guesthouse. Was nun? Soll ich die Nacht etwa alleine draußen
verbringen? Ich überlegte, welche wildenTiere es in der Gegend so gäbe.
Schlangen und riesige Spinnen auf alle Fälle. Du zitterst ja. Ibisse
schrien vor dem brennenden afrikanischen Himmel. Wahrscheinlich vergewaltigen
dich die beiden Typen da drüben. Männer in cremefarbenen Uniformen,
junge kräftige Kerle. Auch sie hockten auf einer Art Seesack. Da verschwand
der ältere in einer der Hütten, kam nach ein paar Minuten wieder
heraus und auf mich zu ...
"Wir haben ein Zimmer für Sie." – "Für mich?"
Er bedeutete mir, ihm zu folgen und brachte mich, umschwirrt von kichernden
Kindern, in einen dunklen Raum. Die flackernde Petroleumlampe ließ zwei
Pritschen erkennen. Erleichtert dankte ich den Soldaten: "Und wo schlafen
Sie?" – "Auf der Straße, hier vorm Haus ..." So
kam es, dass ich eine Nacht mit gleich zwei wildfremden Offizieren der Armee
von Guinea-Bissau verbrachte: die beiden auf dem einen Bett – ich stocksteif,
hellwach und in voller Montur auf dem anderen. Am nächsten Morgen fuhr
ich mit meinen beiden Freunden, die wie Body Guards auf der Ladefläche
eines Jeeps links und rechts neben mir standen, über die große
Flughafen-Paradestraße in der kleinen Hauptstadt Bissau ein. Nichts
von alledem hätte ich beim ordnungsgemäßen Verlauf des Linienfluges
Dakar – Bissau erlebt. Hätte das kleine Hotel mit dem lebendigen
Innenhof in Ziguinchor nicht kennengelernt, wo mich an einem der langen, einsamen
Wartenachmittage plötzlich einer in rheinischem Sinnsang ansprach: Der
Herr Ingenieur hatte in Bonn studiert und zeigte mir nun sein altes Kolonialstädtchen,
in dem es sogar ein Wiener Café mit Blätterteig-Schillerlocken
gab, wunderschöne Parks, und schockierende Gegensätze zwischen französischen
Luxuswaren und bitterer Armut in Blechhütten. Auch die fetten Wiesen
der Casamacne wären mir entgangen und das breite Band des ruhig dahinströmenden
Gambia-Flusses." (...)
aus:
"Die Anekdotentheorie. Reisen als Angsttraining" in: Christiane
Grefe, Reisen, S.79-82
( ...) "Nach diesem Abenteuer kehrte ich nicht nach Praya zurük,
sondern fuhr an der Küste entlang, bis ich nach vier Tagen den Rio Salum,
einen freien Fluss zwischen der französischen Insel Goree und den englischen
Besitzungen am Gambia aufwärts fuhr. Seit Jahr und Tag war hier kein
Sklavenschiff gewesen. Ich musste daher auch mein kleines Lotsenboot vierzig
Meilen weit in das Inland durch ganze Wälder von Luftwurzelbäumen
hindurch hineinsteuern, bis ich zu dem Handelsplatz des Königs gelangte.
Nach Verhandlungen, welche drei Tage in Ansopruch nahmen, hatte ich gerade
den Kauf mit seiner Majestät, dem König ohne Beinkleider, abgeschlossen,
als ein "Zutreiber" mir die traurige Nachricht brachte, dass die
Aguila von Booten eines Kriegsschiffes umringt sei. Dem war so, aber mein
Steuermann hatte sich geweigert,das Schiff auf neutralem Gebiet untersuchen
zu lassen und die Seeleute waren wieder abgefahren. Trotzdem wurde ich eine
Woche später, nachdem ich gerade meine Geschäfte beendet hatte,
von den eigenen Leuten des verräterischen Königs überfallen
und dem Leutenant einer französischen Korvette – la Bayonnaise
– ausgeliefert, während mein kleiner Adler ihr als gesetzliche
Beute in die Hände fiel.
Ich habe niemals untersuchen können, inwieweit das Vorgehen de französischen
Offiziere, was die Beschlagnahme betrifft, gesetzlich war oder nicht, da zwischen
Frankreich und Spanien kein Vertrag zur Ausrottung der Sklaverei bestand.
Es wird den Leser daher auch nicht wundern, dass die Mannschaft wütend
wurde, als sie merkten, dass sie gefangen waren. Die Wut wurde nicht geringer,
als wir alle zusammen in einem Kerker in Goree eingesperrt wurden, welcher
was Dunkelheit und schlechte Luft betrifft, der "schwarzen Hölle"
von Colcutta nicht nachstand (der berüchtigte Kerker).
In diesem brennendheißen Klima wurden wir drei Tage lang bei sehr karge
Kost in dem schmutzigen Loch gefangengehalten, ohne dass wir mit unseren Freunden
oder Bekannten uns in Verbindung hätten setzen dürfen. Dann erst
passte es den örtlichen Behörden uns unter der Hut einer Abteilung
Marinesoldaten an Bord unseres eigenen Schiffes nach St. Louis am Senegal
zu transportieren.
Saint Louis ist der Sitz des Gouverneurs und des kolonialen Gerichtes. Wieder
wurden wir hier in ein Militärgefängnis gesperrt, bis ein paar Kaufleute,
die mich noch vom Rio Pongo kannten, sich ins Mittel legten und bewirkten,
dass wir im Militärhospital untergebracht wurden." (...)
aus:
Theodore Canot, Abenteuer afrikanischer Sklavenhändler, S.296ff
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(...)
"Place de l'Independence, 11 Uhr abends. Wir bewegen
uns langsam, die Abendbrise hat kaum Abkühlung gebracht. Die halbe Stadt
scheint sich in der verwahrlosten Anlage verabredet zu haben, um sich von
irgendetwas zu erholen. Oder um nicht heimgehen zu müssen. Männer
haben ihre Frauen, Eltern ihre Kinder und Großeltern ihre Enkel mitgebracht.
Der Springbrunnen ist schon seit Jahren nicht mehr in Betrieb und so dient
sein schmutziges Becken den Halbwüchsigen als willkommener Spielplatz.
Lärmend treiben sie Coca-Coladosen vor sich her, jagen sie einander ab
und fallen darüber her. Ein wenig abseits, wo noch ein paar Grasbüschel
aus der spröden Erde wachsen, spielen die ganz Kleinen. Sie hüpfen,
lachen und singen, sie fassen sich an den Händen und spielen Ringelreihen.
Sie haben noch keine Sorgen, für sie zählt nur der Augenblick. Aus
großen Kulleraugen blicken sie in eine Welt, die am Ende des Spielplatzes
aufhört. Wir bleiben ein Weile stehen und schauen ihnen zu. Der Missionar
scheint den selben Gedanken nachzuhängen wie ich.
Ambulante Händler jonglieren auf ihren Häuptern eine merkwürdige
Fracht: aus rohen Eiern aufgeschichtete Pyramiden mit einer Flasche Maggi
obendrauf! Keiner weiß, wer das seltsame Menü erfunden hat, aber
es ist gefragt und scheint erschwinglich zu sein.
Von Dächern und Hauswänden wirbt das giftige Licht brüchiger
Neonröhren für französische Automobile, doch die Autos hier
werden alt und die Arrivierten fahren BMW und Rolls Royce. Die vielen, die
es nicht geschafft haben, liegen in den Seitengassen auf Wellpappe oder Zeitungspapier
und richten sich's für die Nacht. Hier und da flackert ein Öllämpchen
oder leuchtet die rote Glut einer Zigarette. Sie palavern mit den Nachbarn,
sie dösen vor sich hin, starren in den Sternenhimmel und warten. Auf
morgen? Auf bessere Zeiten? Sie sind bescheiden geworden, und so warten sie
wohl nur auf den Schlaf.
Ein Glück, daß es hier keinen Winter gibt.
Nach 1950 hatten die Franzosen in ihr westafrikanisches Territorium noch viel
Geld gesteckt. Das hätten sie sich sparen können, denn 10 Jahre
später wurden sie davongejagt. Viele von ihnen hat man wieder zurückgeholt,
damit es nicht gar so rasch bergab geht mit der jungen Republik. Man braucht
sie, aber man mag sie nicht, wobei das eine vermutlich das andere bedingt.
Afrika ist noch zu jung, um schon seinen Frieden mit der Vergangenheit zu
machen.
Vor dem Außenministerium, einem alten Kolonialbau, stehen zwei baumlange
Wachtposten mit entsicherten Maschinenpistolen und geben freundlich Auskunft.
Hinter dem Bau, der dringend der Erneuerung bedarf, türmen sich Berge
von Sand, aber es gibt jetzt keinen Zement im Senegal. Da sind noch Straßen
in Dakar, die von Platanen gesäumt sind. Stirbt ein Baum, weil er zu
alt geworden oder verdurstet ist, bleibt er liegen, wohin ihn der Zufall geworfen
hat. Es ist mühsam, über die Baumleichen zu klettern und die Gruben
zu meiden, die die mächtigen Wurzeln hinterlassen haben."
aus: Harald
Lohmann,
Die Sklaveninsel Gorée. in: Zu Ehren der Malariamücke und
andere Geschichten zum Nachdenken. Mit dem Frachtschiff zwischen Senegal und
Kongo. Orac Verlag Wien, 1985, S.31f